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Zeit: Das 16. Jahrhundert, gleich Renaissance und frühe Neuzeit. Örtlichkeiten: Beginn in Burgund, Venedig als wichtiger Aufenthalt, Endpunkt Harran, in der heutigen Türkei. Person: Ein Arzt und Alchemist auf seiner Lebensfahrt, in der es ihm um Erkenntnis und Selbstentwicklung geht. Ein Sucher nach dem Stein der Weisen, dem Lebenselixier. Gnosis und Sufismus. In einer weiteren Rolle: Guillaume Postel, französischer Sprachforscher, Kabbalist und Verkünder der Wiederherstellung aller Dinge, der aber nur als Abwesender seinen Auftritt hat.
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2023
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SCHULD
FLUCHT
DIJON
NACH SÜDEN
KETZEREI
GUTMANN
CATHÉRINE
BESCHWÖRUNG
VENEDIG/IM HOSPITAL
POSTELS SOPHIA
ELENA
EIN NEUES LEBEN
IM PALAZZO
FÜLLE UND ABSTURZ
WIEDER DIE STRAßE
HARRAN
EPILOG
Bis heute kann ich mir diese Schuld nicht vergeben. Kann sie nicht vergessen. Sie hat sich allem eingeschrieben, was ich später getan oder erlebt habe. Warum war ich feige, habe mich umgedreht, hastig zurückgezogen, erfüllt von der Angst, jemand könnte mich erkennen, könnte auf mich zeigen? Habe mein Gesicht hinter einem Ärmel verborgen, vorgeblich, um meine durch den Rauch gereizten Augen zu reiben - durch den rußenden, stinkenden Rauch gereizt, den Rauch, der voller Qualen war, voller Schmerz, Unverständnis und hilflosem Flehen nach mir, dem Vater, dem Ehemann, der doch alles richten konnte, immer alles gerichtet hatte...
Der nichts richten konnte, der sich davon machte, auf die Rettung seiner eigenen Haut bedacht, der so weit lief, wie ihn seine Beine nur tragen konnten, weit weg, bis er keinen Atem mehr hatte, fort von den Schreien und dem Entsetzen der geliebten Menschen... Armseliger Vater, nicht fähig, sich selbst zu opfern, um die Unschuldigen zu retten... Armseliger Mann, nicht vorausschauend genug, um diesen Alptraum zu vermeiden... Warum war ich nicht geblieben, hatte ich nicht versucht, was zu versuchen möglich gewesen wäre und so mein Schicksal mit dem ihren verbunden... Es gibt keine Ausrede, keinen Einwand der Vernunft – wie: dass es am Ende zu spät war und nicht mehr zu verhindern gewesen, dass wir dann alle zusammen umgekommen wären - der mich von der Schuld freispricht, nicht an ihrer Seite dieselben Qualen wie sie durchlitten zu haben. Qualen, die nur durch mich über sie gekommen waren - durch mein verhängnisvolles Zögern.
Mein feiges Überleben war die eigentliche Schuld. Doch die Schuld davor war mein Nicht-Wahrhaben-Wollen der Situation, mein Zurückschrecken vor den Konsequenzen, die ich daraus hätte ziehen müssen. Jetzt war ich Flüchtling, nur mit dem entkommen, was ich an mir trug - wäre ich aufmerksamer gewesen, geistesgegenwärtiger, wären wir alle gerettet gewesen; zwar ebenso wie jetzt auf der Flucht, aber mit mehr als nur dem Allernotwendigsten.
Es hatte sich ja angekündigt - Vorzeichen waren gegeben worden, Warnungen, ich hätte mir Gedanken über die Sicherheit meiner Familie machen sollen, stattdessen habe ich alle Vorankündigungen des Drohenden ignoriert - aus Unachtsamkeit, aus starrsinnigem Verschließen der Augen davor, aus Furcht vor dem Schritt ins Unbekannte, was jedes Weggehen bedeutet.
Ein anonymer Zettel war an meine Haustür angebracht worden, mit Anschuldigungen der absurdesten Art - ich habe ihn nicht auf mich bezogen. Was hatten denn meine Studien und Experimente mit Kindestötung, Leichenfledderei, Sexualmagie und Beschwörung des Prinzen der Nacht zu tun? Genau so stand es auf dem Zettel geschrieben - ungeheure Anschuldigungen, lächerliche Anschuldigungen, wer konnte so etwas ernsthaft für wahr halten?
Die Autoritäten jedenfalls, oder die Nachbarn, oder irgendjemand aus der weiteren Umgebung, der den Stein dann ins Rollen gebracht haben musste.
Ich habe nichts auf die Ahnung meiner verängstigten jungen Frau gegeben, die sich feindselig gemustert fand, wenn sie, noch seltener als sonst, das Haus verließ und zum Markt ging...
Ich dachte, sie ist jung und überempfindlich, voller eingebildeter Sorgen, um mich, sich, das Kind... Fantasierte Alpträume, durch ein behütetes Leben mehr genährt denn verhindert... Ich habe sie nicht ernst genommen.
Suzanne war doch selbst fast noch ein Kind, als sie das Kind empfangen, geboren und genährt hatte... Mit welch verschämten und gleichzeitig stolzem Lächeln (ich habe es doch gut gemacht, nicht wahr...?) hatte sie mir das Neugeborene gezeigt, mit Hilfe der Amme und der alten Therese glücklich zur Welt gebracht, während ich, als Arzt, und obwohl ich wusste, die Zeit ist nahe, bei meinen Studien im Turm geblieben war, wie jede Nacht bei Talglicht dem Geheimnis der Welt nachforschend.
Ich wollte dieses Geheimnis für mich lösen, wollte es aufdecken, wollte dem Existierendem nahe sein, es umarmen...
Mehr als ich sie umarmen wollte. Es war mir mehr wert als meine zärtliche junge Mädchen-Frau, wichtiger als der kleine unbeholfene Junge, der mich mit großen Augen anschaute, wenn ich bei ihnen auftauchte, aus dem Sog der Gedanken gerissen.
Ich war Arzt, jawohl, aber selten suchte mich jemand deswegen auf, da bekannt war, wie unerfahren und auch unwillig ich darin war, Medizin zu praktizieren. Wozu auch, mein Vater hatte mir genug hinterlassen, um eine gute Weile mit meinem eigensinnigen Leben weiterzumachen und mich auf das zu konzentrieren, dem mein intensives Interesse galt: Allem, was in die Tiefe der wahren Wirklichkeit drang, jenseits des äußeren Scheins und der wirren Zufälligkeiten, wie ich sie überall schmerzhaft erlebte und empfand.
Ich wollte ein philosophisch ausgerichtetes Leben führen, wie ich es in den Schriften Ficinos, Plotins und des Hermes Trismegistos vorgezeichnet fand, wollte Wissender und Forschender sein auf dem Gebiet, welches man die Magia naturalis nannte, die Philosophia perennis. Wollte wissen, wie die Welten geordnet waren, wie das Oben und das Unten zusammenhingen und sich beeinflussten. Wollte mich in die hermetische Kunst einarbeiten
Namen waren aufgetaucht, Geheimnisse und Schlüssel dafür andeutend, ich warf mich in das Studium der Texte, die wie aus unerklärlichen Zufällen zu mir fanden: ein Manuskript als Beipackung zu einem medizinischen Almanach, ein vergessenes Buch, unter einem irreführenden Titel verborgen in einem Buchgewölbe und dort beim Stöbern von mir gefunden, eine Flugschrift, die mir jemand anonym zuschickte. Nacht für Nacht leuchtete das Fenster meiner Turmstube bis in die frühe Morgenstunde, manchmal mussten auch das Flackerlicht und das Rauchgekringel aus meinem kleinen Alchemistenofen draußen sichtbar gewesen sein - so verbreiteten sich Gerüchte um ein heimliches Tun, das ich vor den anderen verbergen wollte.
Ich wollte nichts verbergen, nur fragte niemand danach, niemand interessierte sich für diese Dinge, nicht so, wie ich mich dafür interessierte, warum sollte ich mich der verständnislosen Nachbarschaft mit meinen intimen philosophischen Entdeckungen und spekulativen Gedanken aufdrängen?
Fremde, in den Augen der Nachbarn merkwürdig oder sogar verdächtig, wurden beobachtet, wie sie in meinem Haus verschwanden – es waren Händler, die mir seltene Exemplare alter Schriften zum Verkauf anboten, da sich in ihrer Zunft herumgesprochen hatte, dass es sich lohne, mir ausgesuchte Raritäten vorzuführen. Niemand erkundigte sich nach diesen Fremden, so dass ich ihn hätte aufklären können, jeder hatte so seine eigenen Gedanken und nährte die Gerüchte. Und ich, ich kümmerte mich nicht darum, welchen Eindruck mein Tun auf die Gemeinschaft um mich machte, ich tat ja nichts in meinen Augen Verbotenes oder gar Schädliches.
Ich vertiefte mich in die Schriften, fing an, Experimente nachzustellen, die dort beschriebenen wurden (allerdings nicht klar genug, um daraus irgendeinen der verkündeten Erfolge zu haben), verträumte mich in das Gefühl, dem Geheimnis der Welt näher zu kommen. Was war daran falsch oder etwa böse? Von mir aus gesehen nichts - es wurde nur von anderen so gesehen und ich tat nichts, aus Leichtsinn, Eigensinn, aus Naivität, um diesen Eindruck zu korrigieren.
Niemals hatte ich mich bis dahin an Dämonenbeschwörungen versucht, an die Herstellung von Amuletten und Fetischen, an irgendeinen Zauber, der in die Natur der Dinge und Geschehnisse eingreifen sollte – hatte ich doch das Verdikt des Augustinus verinnerlicht, der jedes wahre Wunder einzig Gott zuschrieb und andere so genannte Wunder - scheinbare Wirkungen außerhalb des Naturverlaufes - entweder als zu entlarvende Scharlatanerie oder als aus einem Pakt mit Dämonen entstanden verurteilte. Ich hatte das Buch dazu, den Picatrix, noch aus meiner Studentenzeit, aber mich interessierte nur die Theorie, nicht die ein wenig unheimliche Praxis. Damit wollte ich nichts zu tun haben.
Aber ich wollte die Natur der Dinge herausfinden, wollte wissen, wie die Welt zu begreifen ist, wenn sie denn begreifbar wäre. Und ich war überzeugt, dass sie zu begreifen wäre, weil wir in unserem Denken und unserem Ahnungsvermögen ein Organ für eben den Sinn und das Gefüge des Existierenden besitzen, aus diesem Sinn und Gefüge hervorgegangen. Die Welt war, im Ursprung, Nous, und in uns lebte dieser Nous, als Selbsterkenntnis und als Fähigkeit der Welterkenntnis. Die Welt macht Sinn. Die Welt ist Sinn. Und wir haben den Sinn dafür und die Sinne. Das war meine Grundüberzeugung damals.
Aber wie genau alles mit allem zusammenhing, war das Spannende, war das Erregende. Ich weiß, für manchen antiken Weisen war diese Neugier - dieses Begehren, zu wissen und ins Licht zu gelangen, ins Licht der Erkenntnis und in die Wirklichkeit des Lichts - eine der sich wiederholenden Ursachen für den Fall in die Schöpfung. Das übermäßige Begehren Sophias nach dem Ursprung von allem war in den Augen der Gnostiker Begierde, wie andere Begierden auch, ursächlich für Unfreiheit und Bindung ans Entstandene. Aber das Entstandene war gerade das, was mich interessierte.
**
Ich war weggegangen, um wieder Unterricht zu nehmen. Von einem reisenden Händler, der mir ein Exemplar von Johannes Reuchlins „Artis cabbalisticae scriptores“ angeboten hatte, war mir der Name eines Mannes genannt worden, ein Tuchweber in Genf, der sich im Selbststudium Hebräisch beigebracht hatte und bereit war, anderen seine Kenntnisse weiterzugeben. Ich konnte mich in meiner Stadt nicht an irgendeinen Juden wenden und ihn bitten, mich in seine Sprache und Schrift einzuweihen, kannte ich doch keinen näher, und es schien mir außerdem gefährlich, mich offen mit einem von ihnen einzulassen; auch bezweifelte ich, dass mir jemand seine Geheimnisse anvertrauen würde. Und nach Paris, an das neu gegründete königliche „College Trilingue“, wo ein Gelehrter namens Guillaume Postel Hebräisch und andere orientalische Sprachen unterrichten sollte, konnte ich wohl auch nicht gehen, da mir die Voraussetzungen und das Geld dafür fehlten. Aber ich wollte lernen. Wollte mehr wissen als das Wenige, was ich während meines Studiums im Süden von dieser Sprache aufgeschnappt hatte. Was ich in den übersetzten Auszügen aus dem Sefer ha-Sohar und ähnlichen Büchern gefunden hatte, weckte in mir den Wunsch, das Original lesen und studieren zu können.
Sie wollte nicht, dass ich gehe. Ich wollte mich nicht davon abbringen lassen. Für sie und das kleine Kind war gesorgt, Therese war da, der alte Gärtner im Weingut, ich wollte ja nicht lange wegbleiben, mich nur vertrauter machen mit den Ziffern und Buchstaben und dem Zauberklang der Laute; wollte besser verstehen, was ich vor mir hatte, wenn mir eine Schrift der Hebräer unter die Augen kam.
Sie hatte Angst. Hatte dunkle, alpdrückende Träume von Feuer oder von aufschäumenden Wassermassen, die sie mitrissen und zerschmetterten. Einmal wachte sie kurz vor Morgengrauen auf, Entsetzen in den Augen, und erzählte, wie sie im Traum voller Freude durch die Luft geflogen sei, über einer herrlichen Landschaft, ausgebreitet unter ihr im klarsten Sonnenlicht, als plötzlich ein Falke nach ihr stieß - sie war jetzt ein kleiner Vogel, der vor dem bedrohlichen Schatten flüchtete, doch vergebens – der Räuber griff im Sturzflug nach ihr und sie erwachte von dem Schmerz, der sich in sie krallte.
Ich tröstete sie, so gut ich konnte, wollte aber ihre ängstliche Vorahnung nicht ernst nehmen und ihrer Bitte nachgeben, sie nicht allein zu lassen. Mein Plan stand fest, die Abreise war bedacht, Vorbereitungen gemacht. Es sollte unbemerkt geschehen, ohne großes Aufsehen. Ich war in Geheimnissen unterwegs; zwar war daran nichts illegales oder ketzerisches, aber es hätte so ausgelegt werden können, und davor wollte ich mich schützen.
Wie hätte ich ahnen sollen, dass gerade mein stilles Verschwinden als noch stärkeres Abschotten von den Nachbarn angesehen, dass ihre scheue Art als Arroganz missverstanden werden würde, und unser zurückgezogenes Leben uns zu Außenseitern gemacht hatte – und uns so als Zielscheibe zerstörender Energien aufstellten, die in jener fiebrigen Unruhe gärten, welche durch die sich nochmals abzeichnende kümmerliche diesjährige Ernte und der Angst vor Teuerung und Hunger entstanden war. Vor zwei Jahren schon war die Ernte ausgefallen, das folgende Jahr hatte nur wenig Erholung gebracht und alles deutete auf eine Wiederholung des Desasters in diesem Jahr hin. Noch hatte es keine Hungerunruhen gegeben, aber Sorge und schwelende Wut, depressive Verzweiflung und eruptiver Ausbruch schwangen ineinander, sich gegenseitig verstärkend… Und diese Mischung brauchte nur ein Ziel und einen Funken und sie explodierte und traf.
Der Funke war ein Unwetter, ein Gewittersturm, der mit Hagelschloßen von ungewöhnlicher Größe über die Weinfelder und Teile der Stadt hin zog und Verluste und Schaden anrichtete, und in dessen Zentrum meine Turmstube zu stehen schien - wenigstens wurde davon erzählt, dass ein gelbfahles Leuchten von dem Turm ausging, mit einem gewaltigen Donnerschlag ein glühender Ball von dort in den schwarzen Wolkenstrudel aufstiebte und eine Wasserflut auf die erschreckten Zeugen herabstürzen ließ, die vor dem Hagelansturm in die Häuser und die schützenden Laubengänge geflüchtet waren.
Ein weiterer unglücklicher Zufall war die Anwesenheit des königlichen Hexenkommissars in der Stadt, der am Tag zuvor angekommen und eigentlich nur auf der Durchreise war, auf dem Weg zu einer Gerichtssache in Dijon. Das Gerücht verbreitete sich, ein Zauberer habe all den Schaden angerichtet, jeder wusste plötzlich, wer dieser Hexenmeister war, und zuerst einige wenige und dann immer mehr schlossen sich zusammen und zogen vor unser Haus, schrien nach Rache und fingen an, die Tür zu zertrümmern.
Mich fanden sie nicht, aber meine wie gelähmte Frau, das vor Entsetzen wimmernde kleine Kind eng an den Körper gepresst, unfähig irgendetwas zur Beruhigung des wütenden Mobs und zu ihrer Verteidigung zu sagen. Therese wurde merkwürdigerweise nicht angegriffen, sie zeterte und schimpfte, aber niemand achtete auf sie, die Menge durchstreifte die Zimmer, zerstörte, was dort war, verwüstete mein Labor und zerriss die Bücher, zog dann mit Suzanne ab, diese mit Schlägen vor sich hertreibend, um sie dem Hexenkommissar zu übergeben.
Therese erzählte mir dies alles, mit zitternder Stimme, als wir uns heimlich im Haus am Weingarten sahen, bei unserem letzten Zusammentreffen.
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Ich war früher als gedacht zurückgekehrt, da ich in Genf den Tuchmacher nicht mehr angetroffen hatte; er war vor den religiösen Auseinandersetzungen in der Stadt nach Basel ausgewichen, wohin ich ihm im Augenblick nicht folgen wollte, da ich dann doch Bedenken hatte, zu lange von zu Hause fortzubleiben. Genf brodelte über vor Gerüchten, Fremde, vor allem Altgläubige wie ich, wurden misstrauisch beäugt, die neuen reformatorischen Bräuche mussten strikt befolgt werden, jeder stand unter der Beobachtung seines Nächsten. Calvin verlangte von ihnen alles oder nichts - und dieses alternative Nichts war ihre eigene Existenz, die sie durch Verweigerung aufs Spiel setzten. Widerstrebende Rechtgläubige wurden verfolgt, Besitzer von Zauberschriften (oder was man dafür hielt) als Hexer und Magier mitsamt ihren Büchern verbrannt, politische Gegner exekutiert. Keine gute Zeit, um mit jüdischen Geheimlehren in Verbindung gebracht zu werden.
Ich blieb nur so lange, bis ich herausgefunden hatte, dass ich hier nicht mehr auf meinen Unterricht hoffen durfte und machte mich wieder auf den Rückweg. Und so kam ich gerade rechtzeitig an, um Zeuge der Schreckensszene zu werden, entsetzt-gebannt das Geschehen aus dem Hintergrund verfolgend, unerklärlicherweise in meiner Reisekleidung unerkannt. Zuerst begriff ich nicht, was vor sich ging, trat zu der aufgeregten Menge hinzu, die sich an der Richtstätte, an der mich mein Weg vorbeiführte, drängelte, aber aus Bemerkungen, die gewechselt wurden, war mir auf einmal schrecklich klar, dass es sich bei der verurteilten Hexe um meine Frau handelte.
Ich blieb wie betäubt stehen, ging nicht nach vorn, um das Geschehen zu unterbrechen, mischte mich nicht ein, sah einfach zu, wie sie mit dem Kind im Arm vorgeführt wurde, wie sie auf den Reisighaufen stieg und der Scharfrichter sich an ihr zu schaffen machte. Ein Urteil wurde verkündigt, ein Verhörprotokoll vorgelesen, eine Trommel geschlagen, dann das Urteil vollstreckt. Und die ganze Zeit rührte ich mich nicht vom Fleck, stand regungslos da und starrte auf die Flammen, die der Gehilfe mit seiner Fackel entfachte und blieb so, bis der süße Duft von gebratenem Fleisch mich erreichte, zusammen mit dem beißenden Qualm, und aus dem Bann erlöste.
Es würgte mich in der Kehle, ich trat einen Schritt zurück und sah mich in der verharrenden Menschenmenge um. Ihre faszinierten Gesichter schienen mir plötzlich grässlich verzerrte Grimassen zu sein, Augen blickten stier, halboffene Münder stöhnten erregt, Zungen züngelten und leckten die Lippen, Nasenflügel witterten, ein emotionaler Sturm bewegte synchron ihre Glieder, schüttelte sie, gebannt durch das Geschehen. Mir kamen sie wie Kannibalen vor, die sich auf ein Festmahl freuten, bereit, den halbgaren, halbverbrannten Körper zu zerfleischen und gierig Stücke davon abzubeißen und abzureißen. Entsetzen und Ekel würgten mich erneut, so dass ich davonstürzte. Das Danach ist mir nicht mehr in Erinnerung.
Mein erster wirklicher Gedanke nach kopfloser Flucht in die Weite war, mir irgendwo einen versteckten Schlafplatz für die Nacht zu suchen, als Schutz vor wilden Tieren und dem Unheimlichen, das die Dunkelheit außerhalb der bergenden Mauern eines Hauses für mich bereithalten mochte – mich fröstelte bei dem Gedanken an Wiedergänger oder andere unfreundliche Wesen, die sich dort draußen umtreiben sollten – dem Draußen, dem ich jetzt ausgeliefert war.
So kauerte ich mich in den Schutz eines Haselnussgehölzes, zusammengekrümmt niedergelegt unter einer Abwehrsperre aus grünenden Ruten, hoffend, das Elementar des Strauches möge mich beschützen, wie ich es bei Paracelsus gelesen hatte (alles, was ich über diese Dinge wusste, hatte ich aus Büchern…).
Aber ich konnte nicht schlafen, die unbequeme Lage und das Entsetzen, das sich wie ein innerer Sturm erhob, mich überfiel, wann immer ich die Augen schloss, spannten meinen Körper schmerzhaft an, verkrampften ihn, verwehrten mir das lösende Entkommen in den Schlaf. Es dämmerte schon, Taufeuchte ließ mich frieren, als ich dann doch noch einnickte, um, wie es mir schien, kurz danach wieder aufzuschrecken. Der Morgen war schon fortgeschritten, ich erhob mich steif, meine Blase drängte zur Entleerung, ich war hungrig. Und mein ganzes Elend überkam mich erneut.
Was sollte ich tun? Wohin sollte ich gehen? Zurück konnte, durfte ich nicht – nicht, wenn ich am Leben bleiben wollte. Wollte ich überhaupt? Nicht wirklich – aber ich fürchtete mich vor der Erniedrigung, den Schmerzen der peinlichen Befragung, dem Ungeheuerlichen des Verbrennens bei lebendigem Leibe. Was dann? Mir fiel nichts weiter ein, als dass ich zuerst nach Dijon gehen musste, um mir, bevor mich Gerichtsbüttel aufspüren konnten, meine Gutschrift aus der diesjährigen Weinlieferung auszahlen zu lassen, die erst vor zwei Wochen von dort wie immer nach Lyon verfrachtet worden war, durch einen alten Handelsfreund meines Vaters. Was weiter dann geschehen sollte, wusste ich nicht.
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Während meiner Wanderung dorthin - oft nur wie traumverloren Schritt um Schritt vor mich hinsetzend, ohne Auge für die Gegend oder irgendetwas auf meinem Weg, andrerseits bereit, bei irgendeiner Bewegung auf der Straße vor mir sofort ins Gebüsch zu flüchten, um einer Begegnung auszuweichen - quälten mich nicht nur die nicht wegzuschließende Erinnerung an das Geschehen, auch das Bedauern über mein Verhalten ihr gegenüber lastete auf mir. Und noch etwas anderes ließ meine Gedanken nicht los: das, was im Urteil über ihr Geständnis gesagt worden war. Sie hätte sofort, auf gütliche, nicht einmal peinliche Befragung gestanden, von einem Dämon verführt worden zu sein und mit ihm Umgang gehabt zu haben.
Warum? Was war daran an diesem Geständnis? Jahre später noch schämte ich mich dieser Gedanken, nachdem ich tiefer darüber nachgedacht und auch durch Therese näheres erfahren hatte, aber unmittelbar unter dem Eindruck der Anklage, die gegen sie erhoben und wegen der sie verurteilt worden war, konnte sich mein Grübeln nicht von diesen zweifelnden Fragen lösen. Es beschäftigte mich unterschwellig die ganze Zeit.
Ein Geständnis war vorgelesen worden, protokolliert vom Amtsschreiber, gemacht in Anwesenheit des königlichen Hexenkommissars und anderen Amtspersonen und damit gültig.
Sie hatte gesagt, dass sie draußen vor der Stadt einen schwarzgekleideten Mann getroffen hätte, er hieße Grünfeder, der sie dazu gebracht habe, Gott abzuschwören, da der wahre Herr und Schöpfer der Welt der Demiurg Abraxas sei, sein Meister, und als Besiegelung ihres Einverständnisses wäre er ihr von hinten aufgeritten, mitten zwischen den Rebstöcken, sein Glied sei aber besonders groß und dabei eiskalt gewesen, und danach habe er ihr mit seinem Daumennagel das unsichtbare Taufmal auf der Stirn abgekratzt, sie habe davon geblutet, des Weiteren hätte er ihr zwei Gefäße gegeben, eines mit Pulver zum Schaden, eines mit Pulver zur Aufhebung des Schadens.
Sie sei aber noch nicht dazu gekommen, das Schadenspulver zu benutzen; auch wäre sie nie beim Sabbat gewesen, da die Zeit dazu noch nicht gekommen wäre. Sie würde bereuen, sich mit dem Mann, der ein Dämon war, wie sie jetzt glaubte, eingelassen zu haben, ihre schwache weibliche Natur hätte sie dazu verführt, ihr Ehemann hätte nichts damit zu tun, er wüsste nichts davon. Wie mir später Therese erzählte, hatte der Hexenkommissar daraufhin den Fall sofort als den seinen beansprucht und ohne weitere Absprache mit dem Bischof, der für Häretiker zuständig war, oder dem städtischen Gericht, vor dem eine ordentliche Anklage hätte erhoben werden müssen, die Sache durch das freiwillige Geständnis für ausreichend bewiesen erklärt und den Schuldspruch gefällt, der schon am nächsten Tag vollzogen wurde.
Was ich nicht verstehen konnte, war ihre eifrige Bereitschaft zum Geständnis, ohne wirklichen Zwang dazu, ohne peinliche Befragung, sie überraschte alle damit, da niemand derartiges von ihr erwartet hatte; warum sagte sie so etwas? Und sogar nach diesem Schuldbekenntnis wäre vor einem normalen Gericht noch nicht alles verloren gewesen, es wäre in einer richtigen Verhandlung doch sicherlich ihre Unschuld bewiesen worden?
Der Stadtschreiber, ein alter Freund meines Vaters, hätte ihr bestimmt gut zugeredet und sie nochmals befragen, nochmals schwören lassen wollen, dass das, was sie gesagt hatte, auch wirklich so gewesen wäre... und dann hätte sich doch alles geklärt, hätte sich die Anklage und das Geständnis als hysterische Aktion und Reaktion im Lichte der Vernunft in Nichts aufgelöst, weil da nichts gewesen war... oder? Warum hatte sie das alles erzählt? War es vielleicht doch so gewesen? Diese Frage quälte mich ebenso wie mich die Erinnerung an ihr schreckliches Ende auf dem Holzstoß quälte: Was war real an dem, was sie gestanden hatte?
Im Nachhinein schäme ich mich, an ihr so gezweifelt, mich ernsthaft gefragt zu haben, ob sie nicht doch im Geheimen ein Hexenverhältnis gehabt haben könnte – meine sanfte, schüchterne, zarte Suzanne, in sich gekehrt, fantasiebegabt, doch auch ängstlich, voller Furcht vor den Alpträumen des Lebens, schutzbedürftig, sich bereitwillig der Autorität des Vaters, des Ehemannes, des Richters unterwerfend – alles das, aber doch keine bösartige, sich verstellende Hexe.
Und doch: wie kam sie zu dieser Aussage, dass er sie von hinten genommen hatte? Sie war behütet gewesen, bis sie zu mir kam, selbstverständlich Jungfrau, körperlich und ihrem Wesen nach; sie kannte nur mich als Mann, durch mich kam sie mit solchen Dingen nicht in Berührung, wusste auch ich doch zu wenig darüber, hielt ich mich ebenso in meiner Fantasie frei davon – ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein solcher Gedanke in ihr gelebt hatte. Ich hätte nicht gewagt, ihr dieses Spiel vorzuschlagen, aus Scham, und aus Sorge, sie zu beschämen.
Was ich über die Variationen der Begattung wusste, hatte ich in Montpellier im Badehaus gelernt, die Frauen dort waren sehr erfahren und lehrten mich, wie man eine Frau bedienen und recht unterhalten konnte, aber nicht alles davon habe ich bei ihr auch angewendet. Wollte sie nicht damit belästigen, wollte sie nicht als Dirne behandeln.
Hat sie sich im Geheimen danach gesehnt, so behandelt zu werden? Genommen zu werden, im Teufelsritt gestoßen zu werden? Was ich vermied, was ich für Sünde hielt, weil es die Kirche so sagte. Und dieses geheime Fantasieren, brach es dann aus ihr heraus, in der Bedrängung, Sünde gestehen zu sollen, indem sie Sündiges erfand, Vorgestelltes für wirklich geschehen erzählte? Oder war alles wirklich so gewesen?
Wird man den vertrautesten Menschen jemals ganz und völlig verstehen, ihn durch und durch kennen? Oder gibt es immer Provinzen in ihm, in die man niemals Einsicht genommen hat oder nehmen wird? Dieses eindeutig geschilderte Detail verstörte mich, beschäftigte meine Gedanken, beschädigte mein Gedenken an sie. Was sollte ich davon halten?
Therese berichtete mir, Suzanne hätte ihr in der Nacht vor ihrer Hinrichtung, als sie Gelegenheit hatte, ein letztes Mal mit ihr zu sprechen, gesagt, es sei alles wie ein böser Traum gewesen, von dem Augenblick an, als die Menge in das Haus eingedrungen sei. Sie hätte dann auf Fragen geantwortet, die sie kaum gehört habe und als ob sie nicht diejenige sei, die da spricht, hätte nicht gewusst, warum ihr Mund diese Antworten geben würde. Sie hätte große Angst gehabt – vor der Menge, dem Gericht, dem Hexenjäger, dem Gefängnis, das auf sie wartete, dem unerträglichen Schmerz, der ihr durch die peinigende Befragung drohte. Sie hätte nur weglaufen wollen und es nicht können. Sie hätte ein Ende machen wollen. Es abkürzen. Sie wäre wie betäubt gewesen und hätte deswegen alles gesagt, was sie glaubte, dass der Hexenjäger es hören wolle. Aber woher kam ihre Geschichte?
Ich konnte nicht unbemerkt in die Stadt schlüpfen, musste das Risiko eingehen, von der Wache angehalten zu werden, aber da ich ihnen wohl vertraut vorkam, blickten die Männer kaum auf, als ich mich dem Tor näherte, registrierten mich aber sicherlich. Ging dann auf direkten Weg zu meinem Vertragshändler, hoffte, von nicht allzu vielen Menschen gesehen zu werden, die mich kannten.
Monsieur Joviet war in seiner Stube, die Magd führte mich zu ihm, fragend sah er mich an, während er seinen massigen Körper aus seinem Sitz hochwuchtete, um mich höflich zu begrüßen. Ohne Halt und Vorsicht schwallten meine Worte aus mir heraus, sturzbachgleich, mein ganzes Elend vor ihm ausbreitend.
Er war einen Schritt zurückgewichen, trat dann aber auf mich zu, drückte mich väterlich an seine breite Brust, beruhigte mich, sagte, ich sollte im Hause bleiben, befahl der Magd, mir ein Frühstück zu bringen und verbot ihr gleichzeitig, irgendjemanden von meinem Besuch zu erzählen, sagte dann, er wollte sich in der Sache kundig machen und ließ mich aufgelöst und irgendwie erleichtert zurück. Aber schon bald bereute ich meine Beichte, wusste nicht, wie ich ihn einschätzen sollte: kam er allein zurück, kam er mit der Wache? Er war der Geschäftspartner meines Vaters gewesen, ich hatte den Handel mitsamt der eingespielten Verbindung geerbt, aber ein eigentlicher Freund war er nicht, ich kannte ihn zu wenig, ebenso wie er mich.
Als er wieder in die Stube trat, war sein Gesicht ernst, er verschloss rasch hinter sich die Tür, während er zurückspähte, als ob er einen Verfolger fürchtete, der ihm in seinem eigenen Haus nachspionierte – seine Besorgnis zeigte sich offensichtlich.
„Ich muss dich verstecken, jemand könnte dich gesehen und erkannt haben, als du zu mir kamst. Bis morgen früh zumindest, dann musst du gehen, hier in der Stadt bist du nicht sicher.“
„Ich weiß, ich bin auch nur hergekommen, um mir mein Geld zu holen, ohne Mittel bin ich auf der Straße verloren.“
Abwägend musterte mich sein Blick, Freundlichkeit sah ich nicht mehr in ihm. Dann zeigte er ein vorgespieltes Lächeln:
