Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Hörprobe anhören Zeit: 4 Std. 58 Min. Sprecher: Laura Maire
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E-Book-Beschreibung Alea Aquarius. Die Farben des Meeres - Tanya Stewner

Das Meer braucht Alea! Endlich weiß Alea, warum sie sich immer so fremd gefühlt hat: Sie ist ein Meermädchen. Doch was ist vor elf Jahren mit ihrer leiblichen Mutter geschehen, und warum wirkt die Unterwasserwelt wie ausgestorben? Alea kann doch unmöglich der einzige Meermensch auf der Welt sein. Nach und nach und mit Hilfe der Alpha Cru findet Alea mehr über ihre Herkunft heraus. Und sie erfährt, dass auch Lennox ein halber Meermensch ist. Ob sie sich deshalb so zueinander hingezogen fühlen? Der zweite Band der Meermädchen-Saga Alea Aquarius von Tanja Stewner.

Meinungen über das E-Book Alea Aquarius. Die Farben des Meeres - Tanya Stewner

E-Book-Leseprobe Alea Aquarius. Die Farben des Meeres - Tanya Stewner

 

 

 

 

Für Chris und Sonja

 

 

 

 

Mit klopfendem Herzen begann sie, rückwärts zu schwimmen. Sie durfte keinesfalls entdeckt werden, aber im offenen Meer konnte sie sich nirgendwo verstecken!

Da drehte auch schon einer der Taucher den Kopf zu ihr herum. Er stutzte. Gleich darauf winkte er einem anderen zu, wies in ihre Richtung, und die beiden setzten sich in Bewegung.

Erschrocken schnappte sie nach Luft. Durch ihre Lungen zuckte ein lähmender Schmerz. Sie musste sofort weg von hier! Doch als sie mit dem Fuß schlug, stellte sie fest, dass ihre Beine sich ganz taub anfühlten. Sie konnte sie kaum noch spüren, geschweige denn davonschwimmen.

Panik ergriff sie. Die Taucher kamen immer näher!

Doch im nächsten Moment war jemand hinter ihr. Er war gekommen, um sie zu beschützen.

Alea blickte auf den wilden, wogenden Regenbogen, der sich rings um sie herum bis zum Horizont erstreckte. Vor ihr lag ein leuchtendes Wunder, voll von verschlungenen Farben und Formen, die ihr von Abenteuern, Stürmen und Geheimnissen erzählen wollten. Es war alles im Wasser gespeichert, Abertausende von Geschichten und Gefühlen, die sich hinter jedem Farbklecks und in jeder Form verbargen. Doch für die meisten Menschen war dies einfach bloß der graublaue Ärmelkanal. Nur Alea konnte die Farben des Meeres sehen. Denn sie war ein Meermädchen.

Zumindest nahm sie das an. All das, was in den vergangenen Wochen geschehen war, schien eindeutig in diese Richtung zu weisen. Sie war anders. Sie war magisch.

Sie war … eine Tagträumerin! Alea biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte viel zu lange auf das bunt funkelnde Meer gestarrt und die anderen Bandenmitglieder der Alpha Cru all die Arbeiten erledigen lassen, die auf einem Segelschiff wie der Crucis jeden Tag anfielen. Alea schaute sich nach ihrer Crew um.

Tess Taurus hängte gerade am Bug Wäsche auf eine Leine. Die langen Dreadlocks fielen ihr ins Gesicht, und ihre schwarze Haut glänzte in der Sonne, während sie mit ihrer lässig-kratzigen Stimme ein Lied vor sich hin sang.

Benjamin Libra saß hinter dem großen Steuerrad im Deckshäuschen und lenkte das Schiff. Ben war der Älteste und wusste mehr über das Segeln als alle anderen. Deswegen war er auch der Skipper des Bootes, und alle hörten auf sein Kommando. Gerade hockte er auf einem alten Schemel und bediente das Steuerrad mit dem Fuß, während er Kartoffeln fürs Mittagessen aus einer Schüssel nahm. Zwischen seinen Zähnen blinkte ein Schneidemesser.

Als Alea sich gerade nach Samuel Draco, Bens kleinem Bruder, umsehen wollte, sprang er auch schon neben sie auf die Planken. Sammy war soeben am Mast hochgeklettert, um ein verheddertes Seil zu lösen, und landete nun leichtfüßig vor Aleas Füßen. »Ahoi!«, rief er grinsend und präsentierte dabei seine riesige Zahnlücke.

»Ahoi!«, erwiderte Alea.

»Backst du heute eigentlich Kekse?«, fragte Sammy sie. »Ich weiß schon gar nicht mehr, wie Kekse schmecken.«

Alea lachte. »Ich habe doch gestern erst welche gebacken! Wo sind die denn alle?«

Sammy grinste breit. »Hier drin«, schnurrte er und rieb sich genüsslich den Bauch. »Ich brauche Nachschub, sonst wird das nichts mit der Wampe. Du musst mein Projekt unterstützen!«

»Projekt Wampe?«, rief Tess vom Bug herüber. »So dünn, wie du bist, wird das sowieso nichts«, kommentierte sie in gewohnt barschem Tonfall.

Sammy lächelte jedoch und strich sich die roten Haare aus dem Lausbubengesicht. »Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich total verliebt in dich bin?«, rief er zu Tess hinüber.

Tess warf eine Wäscheklammer nach ihm und schimpfte auf Französisch. Sie sprach sehr gut Deutsch, aber wenn sie fluchte oder sich aufregte, tat sie das in ihrer Muttersprache.

»Und in dich bin ich auch verliebt, Schneewittchen«, sagte Sammy und zwinkerte Alea zu.

Alea grinste. Sammy nannte sie gern Schneewittchen, denn sie hatte lange schwarze Haare und blasse Haut. Ihre Haare hatte sie so lang wachsen lassen, damit sie die hässlichen Knubbel hinter ihren Ohren darunter verstecken konnte. Und ihre Haut war blass, weil sie die Sonne nicht so gut vertrug. Aber vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass ihre Haut einen grünlich silbernen Schimmer annahm, sobald Alea komplett im Meerwasser untertauchte und sich verwandelte …

»Na, dann backe ich am besten gleich mal neue Kekse«, sagte sie nun zu Sammy und wollte nach unten gehen.

Da rief Ben aus dem Deckshäuschen: »Es kommt Wind auf. Wir hissen die Segel!« Er schob die Kartoffeln beiseite und stand auf.

»Wunderbärchen!«, rief Sammy und klatschte tatkräftig in die Hände.

Tess legte die Wäsche weg. »Aye, aye, Käpten!«

»Vorsegel!«, wies Ben seine Crew an und gab ihnen durch die Scheibe Zeichen. Mittlerweile verstand Alea Bens Kommandos und Handzeichen genau und machte sich sofort mit Tess und Sammy an die Arbeit. Sie waren ein eingespieltes Team, und gemeinsam funktionierten sie wie ein Uhrwerk.

Ben kam zu ihnen, und mit vereinten Kräften zogen sie an dem Fallseil, bis sich das große Vorsegel der Crucis hoch über ihre Köpfe erhob. Gleich darauf hissten sie auch das Hauptsegel, und Alea schaute lächelnd zu, wie es sich majestätisch im Wind blähte. Sie liebte es, Mitglied der Alpha Cru zu sein. Sie liebte ihr Leben an Bord. Sie liebte das Meer. Und sie liebte ihre Freiheit. Sie waren unterwegs auf hoher See, auf ihrem eigenen Schiff – niemand konnte ihnen sagen, was sie tun oder lassen sollten.

»Hast du was herauslesen können?«, riss Ben Alea aus ihren Gedanken. »Aus den Farben des Meeres?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher.« Alea seufzte. Nachdem sie vor zwei Wochen bei einem Sturm ins Meer gefallen war und unter Wasser Kiemen und Schwimmhäute bekommen hatte, war sie mit einem Mal in der Lage gewesen, das Farbspektakel der See zu sehen. Schnell war ihr klar geworden, dass die Farben und Formen nicht einfach nur schön waren, sondern dass sich darin Geschichten, Gefühle … ja, Informationen versteckten. Leider war Alea aber noch nicht besonders gut darin, aus den verwobenen Farbteppichen des Meeres einzelne Dinge herauszulesen.

»Dort hinten war ein türkisfarbenes … Knäuel im Wasser«, erklärte sie Ben nun. »Ich glaube, so was entsteht immer dann, wenn ein Schiff an einer Stelle entlangfährt, wo kurz vorher ein anderes vorbeigefahren ist.« Sie seufzte abermals. Das war wirklich keine Glanzleistung.

»Ist doch schon mal was«, lobte Ben und fuhr sich durch seine verwuschelte Rockstar-Frisur.

Alea lächelte schräg. »Nein, ich muss noch viel üben.« Sie hob die Schultern. »Ich geh jetzt mal Kekse backen. Sammy will unbedingt moppelig werden, und Freunde sollen sich doch gegenseitig bei ihren Träumen unterstützen.«

Ben lachte und ging ins Deckshäuschen zurück. Alea öffnete die Bordtür und stieg ein paar Treppenstufen hinab in den Salon. Im Bauch der Crucis war es urgemütlich. Hier gab es eine kleine Kochnische, ein Sesseleckchen mit einem alten Laptop und zwei breite Sofas. Auf einem der Sofas lagen eine Bettdecke und ein Kissen, denn hier schlief Lennox Scorpio, das fünfte Mitglied der Alpha Cru.

Lennox saß gerade auf der Bettcouch und flickte ein kaputtes Tau. »Hi«, sagte er und lächelte.

»Hi«, antwortete Alea und öffnete einen Schrank in der Kochnische, um eine Schüssel, Mehl und Zucker herauszuholen.

»Wenn der Wind weiterhin so schwach weht, brauchen wir noch mindestens eine Woche bis Schottland«, sagte Lennox.

»Gerade eben ist Südostwind aufgekommen. Wir haben die Segel gesetzt.« Alea schaute kurz zu ihm. Lennox hatte sich auf dem Sofa aufgerichtet. Sein dunkles Haar fiel ihm tief in die Stirn, und seine azurblauen Augen erforschten Aleas Gesicht.

»Aha«, sagte er, lehnte sich zurück und warf einen Blick aus einem der Bullaugen. »Vielleicht finden wir am Loch Ness die Antworten, die wir suchen«, murmelte er und griff nach etwas. Es war die Schneekugel, die sie vor einer Woche im Bauch eines Wals gefunden hatten und in der ein Satz geschrieben stand, der die Alpha Cru sofort nach Schottland hatte aufbrechen lassen. Da bisher meistens Windstille geherrscht hatte, waren sie leider nicht so gut vorangekommen.

Die Worte in der Kugel waren wie eine verzauberte Nachricht aus einer anderen Welt:

Ihr, die ihr dies lesen könnt, kommt nach Loch Ness.

Nur Alea und Lennox hatten diese Botschaft lesen können. Für Tess, Ben und Sammy war sie unsichtbar.

»Womöglich finden wir heraus, was du bist«, fügte Lennox nach einer Pause hinzu. »Oder … was wir sind.«

»Mhm«, erwiderte Alea knapp und holte Butter und Eier aus dem Kühlschrank.

In diesem Moment kam Tess durch die Bordtür herein. Verwundert sagte sie etwas, das wie »Ke fet wu?« klang. Dann bemerkte sie, dass sie Französisch gesprochen hatte, und fragte: »Was macht ihr?« Sie blickte von Lennox zu Alea. »Störe ich?«

»Nein!«, entgegnete Alea ein wenig zu heftig.

Lennox atmete geräuschvoll durch, legte die Kugel zur Seite und widmete sich wieder dem kaputten Tau.

»Ich telefoniere jetzt mit meinen Eltern«, informierte Tess sie, während sie in der Mädchenkajüte verschwand.

Alea knetete nun den Keksteig, formte kleine Anker daraus und legte sie aufs Backblech. Das Schweigen zwischen ihr und Lennox war unangenehm und voller Fragen, aber sie machte unbeirrt weiter. Schließlich schob sie das Backblech in den Ofen, stellte die Temperatur ein, klappte die Ofentür zu und wusch sich die Hände.

»Alea …« Lennox stand plötzlich neben ihr. »Was ist los?«

»Was? Nichts, ich –«

»Seit Tagen bist du so komisch und kurz angebunden.« Lennox versuchte, ihren Blick zu fangen, aber Alea schaute eisern auf ihre Hände, während sie mit fahrigen Bewegungen die Handschuhe über ihre schrumpeligen Fingerknubbel zog.

»Bist du sauer auf mich?«, fragte Lennox.

»Nein.« Seine Nähe ließ ihr Herz schneller schlagen. »Es ist nichts.«

Lennox zögerte, dann sagte er: »Ich dachte, wir sind … Freunde. Aber offenbar habe ich mich da geirrt.«

»Ich …«, begann Alea, sprach aber nicht weiter.

Lennox wartete. Doch als Alea nichts mehr sagte, drehte er sich um und verließ den Salon.

Alea blieb mit dröhnendem Puls zurück. Ihr Herz tat regelrecht weh.

Sie ging zu ihrer Kajüte und horchte an der Tür. Es war alles still. Tess war wohl schon fertig mit ihrem Telefonat. Alea betrat den kleinen Raum und schloss die Tür hinter sich. Tess lag auf der oberen Matratze ihres gemeinsamen Stockbetts und spielte missmutig mit ihrem Handy herum. »Was ist?«, fragte Alea.

Tess zuckte die Achseln.

»Deine Eltern?«

»Ja.« Tess kniff die Lippen zusammen. »Ich habe meiner Mutter gerade erzählt, dass mein Vater und ich heute Morgen in unserem Lieblingscafé gefrühstückt hätten. Meine Mutter hat gefragt: Euer Lieblingscafé? Ich dachte, das wäre den ganzen Sommer über geschlossen? Hast du doch letztes Mal erzählt! So ein Shit …« Tess rieb sich kopfschüttelnd die Augen und murmelte irgendetwas auf Französisch. Dann sagte sie: »Ich konnte mich gerade noch mal rausreden. Aber so langsam ist mein … wie heißt das … mein Lügennetz so groß geworden, dass ich den Überblick verliere.«

Tess’ Eltern wollten sich scheiden lassen und redeten nicht mehr miteinander. So konnte Tess ihrer Mutter erzählen, sie würde bei ihrem Vater leben – und ihrem Vater sagte sie, sie wäre bei ihrer Mutter. Dabei segelte sie mit einem Schiff über die Meere! Ebenso sehr wie Alea liebte Tess ihr Leben und die Freiheit auf der Crucis und wollte auf keinen Fall, dass ihr Geheimnis herauskam. Aber das Lügen wurde offenbar immer schwieriger.

»Oh Mann«, sagte Alea und versuchte, sich auf Tess’ Problem zu konzentrieren, obwohl sie eigentlich hereingekommen war, um mit ihr über Lennox zu reden. »Die ganze Sache wächst dir langsam über den Kopf, oder?«

»Kann man so sagen.« Tess verzog den Mund. »Außerdem ist es einfach Mist, meine Eltern so anzulügen. Weißt du, sie sind eigentlich echt in Ordnung. Alle beide.«

Alea hätte Tess gern geholfen. Mittlerweile waren sie gute Freundinnen geworden, und das nicht nur, weil sie die einzigen beiden Mädchen an Bord waren und sich eine Kajüte teilten.

Tess legte den Kopf schief. »Und was ist mit dir? Du siehst ziemlich mitgenommen aus.«

Alea senkte den Kopf und spürte, dass ihr Herz noch immer qualvoll pochte. »Es ist wegen Lennox.«

Tess seufzte. »Was ist bloß mit euch?«, fragte sie und setzte sich im Bett auf. »Als er an Bord gekommen ist, warst du ständig in seiner Nähe! Du hast sogar gesagt, ihr würdet irgendwie zusammengehören. So als hättet ihr schon zusammengehört, bevor du ihn überhaupt gekannt hast. Das hast du gesagt!«

»Ja, das habe ich gesagt. Und daran hat sich auch nichts geändert«, antwortete Alea. »Anscheinend sind Lennox und ich beide … anders.«

»Allerdings sieht Lennox keine Farben im Meer. Und er bekommt im Wasser auch keine Kiemen und Schwimmhäute«, warf Tess ein.

»Das stimmt«, bestätigte Alea. Lennox hatte zwar die Schneekugelnachricht lesen können – aber die anderen Dinge, die Alea magisch machten, schien er nicht mit ihr zu teilen. Er besaß allerdings eine Fähigkeit, die nicht weniger magisch war als Aleas. Von dieser wussten Tess, Ben und Sammy jedoch noch nichts.

Tess fixierte sie. »Bist du in Lennox verliebt?«

»Nein!« Alea senkte den Blick. Dann fügte sie fast flüsternd hinzu: »Ich will nicht in ihn verliebt sein.«

Tess machte ein eigenartiges Geräusch, und Alea schaute auf. »Also bist du in ihn verliebt«, hielt Tess fest.

»Ich …«, stammelte Alea und bemühte sich vergebens, ihre Stimme fest klingen zu lassen. »Unsere Herkunft verbindet uns! Meine leibliche Mutter hat meiner Pflegemutter gesagt, dass ich unter keinen Umständen mit kaltem Wasser in Kontakt kommen dürfte, weil es mir schlimmen Schaden zufügen könnte. In Wahrheit habe ich überhaupt kein Problem mit Wasser – aber das, was sie gesagt hat, trifft auf Lennox zu! Das ist doch merkwürdig!« Angespannt knibbelte sie an ihrem Ärmel herum. »Lennox und ich sind irgendwie miteinander verbunden. Wenn ich bei ihm bin, fühle ich mich richtig.« Alea blickte Tess Hilfe suchend an, doch die Miene ihrer Freundin war undurchdringlich. »Das hat aber bestimmt nichts mit Verliebtsein zu tun, sondern mit unserer sonderbaren Verbindung«, schob Alea unsicher nach.

Tess schwieg.

»Lennox ist sicher auch nicht in mich verliebt«, sprach Alea hastig weiter. »Er hat nur diesen Instinkt. Er will mich beschützen, und er spürt, dass er auf mich aufpassen soll. Deswegen will er so oft bei mir sein. Aber er hat nie gesagt, dass er … mich mag.« Sie musste tief Luft holen. »Ich will keine Last für ihn sein. Ich will nicht, dass er sich zu irgendwas verpflichtet fühlt. Er sucht oft meine Nähe. Aber ich glaube, das macht er nur, weil … weil er muss. Weil er dieses Beschützerprogramm hat, das anspringt, sobald es um mich geht.«

Tess starrte ins Leere.

Alea nahm ihren Mut zusammen. »Oder glaubst du, er könnte vielleicht doch in mich …«

Tess schien tief in Gedanken versunken zu sein. Aber schließlich blickte sie Alea wieder an. »Nein«, entgegnete sie. »Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass er in dich verliebt ist.«

Aleas Brustkorb zog sich zusammen.

»Ich glaube auch, dass er sich vor allem für dich interessiert, weil ihr irgendwas gemeinsam habt«, fügte Tess hinzu.

»Ja, und mehr ist da nicht«, sagte Alea erstickt. Als sie ihren fragenden Tonfall am Ende dieses Satzes bemerkte, schüttelte sie den Kopf. »Nein, mehr ist da auf keinen Fall«, wiederholte sie mit so viel Überzeugung, wie sie aufbringen konnte.

Tess glitt vom Bett, stand einen Augenblick lang unschlüssig vor ihr und nahm Alea dann in den Arm. Obwohl sie absolut kein Knuddeltyp war, hielt sie Alea lange fest. Alea legte den Kopf auf ihre Schulter und bemühte sich, nicht zu weinen. Sie hatte ja bereits geahnt, dass Lennox nur an ihr als guter Freundin und Verbündete interessiert war. Sie konnte ihm dabei helfen, seinen eigenen Wurzeln auf die Spur zu kommen – mehr nicht.

Als Tess und Alea sich voneinander lösten, wischte Alea sich eine Träne aus dem Augenwinkel und verwünschte das heftige Klopfen ihres Herzens.

Eine Zeit lang stand Alea am Bug der Crucis und starrte aufs Wasser, doch dieses Mal versuchte sie nicht, Botschaften aus den Meeresfarben herauszulesen. Dieses Mal hatte sie genug mit sich selbst zu tun.

Tess saß ein Stück entfernt auf einer Kiste und nähte. Anscheinend flickte sie ein Loch in einem von Sammys T-Shirts. Zwischendurch schaute sie immer wieder in Aleas Richtung.

Lennox spielte in der Sitzecke am Heck traurige Lieder auf seiner Gitarre, die zu Alea herüberwehten und sie fast wieder zum Weinen brachten.

»Was ist das denn für eine miese Stimmung hier?«, fragte Sammy, der neben Alea auftauchte. »Habt ihr euch gezofft?«

»Nein«, entgegnete Alea. »Eigentlich nicht.«

Sammy schob sich einen frisch gebackenen Keks in den Mund. »Also, so geht das nicht!«, schmatzte er. »In der Bandenverordnung steht, dass man nie länger als ganz kurz schlechte Laune haben darf.«

»Was für eine Bandenverordnung?«

Sammy schob die Frage mit einem Grinsen zur Seite. »Wir müssen jetzt sofort was Tolles machen, das alle aufheitert …« Er kratzte sich am Kinn. »Ich hab’s!«

»Jetzt bin ich aber mal gespannt«, sagte Alea. Es war gar keine schlechte Idee, auf andere Gedanken gebracht zu werden.

»Wir tauchen zusammen!«, rief Sammy.

Alea sah ihn überrascht an. Bisher war sie immer allein im Wasser gewesen, da sie die Meereswelt erst einmal für sich selbst hatte erkunden wollen. Bei ihren letzten Ausflügen hatte sie sich allerdings öfter und öfter gewünscht, ihre Erlebnisse mit jemandem teilen zu können.

Sammy blickte sie erwartungsvoll an. »Ich will dich schon seit Tagen fragen, ob ich mal mitkommen darf, aber Ben hat es mir verboten. Er fand, wir sollten darauf warten, dass du es von selbst vorschlägst. Aber jetzt ist es von immenser Wichtigkeit für die Laune der gesamten Crew, dass wir das machen!«

Alea lachte. »Okay.«

»Yes!« Sammy streckte die geballte Faust in die Höhe. »Endlich!«

»Tess?«, rief Alea und winkte ihr zu.

Tess kam herüber. »Was ist los?«

»Ein Abenteuer wartet auf uns«, verkündete Sammy mit großer Stimme. »Wir erkunden zusammen die verborgenen Geheimnisse der Tiefsee!«

»Aha.« Tess schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. »Schön.«

Alea grinste Tess aufmunternd an. »Ich zeig dir meinen Unterwassersalto.«

Damit rang sie ihr ein Lächeln ab. »Ich würde dich schon gern mal unter Wasser begleiten«, gab Tess zu. »Aber im Vergleich zu dir und den anderen bin ich bestimmt eine … wie heißt das … lahme Ente.«

»Ich mag Enten!«, rief Alea.

Das erweichte Tess. »Bon.« Sie packte das Nähzeug weg. »Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich neugierig. Vor allem auf die magischen Sachen.«

»Ich auch!«, stimmte Sammy zu.

»Oh. Mir ist schon seit Tagen nichts Magisches mehr im Wasser begegnet«, sagte Alea. Als sie Sammys enttäuschtes Gesicht sah, fügte sie hinzu: »Aber vielleicht haben wir ja heute Glück.«

»Klar haben wir Glück!« Sammy nickte, als wollte er sich selbst beipflichten. »Wir sind Glückspiraten!«

»Wir sind komische Vögel«, verbesserte Tess.

Automatisch riefen Sammy und Alea: »Und zwar gerne!«

Ben trat zu ihnen. »Was ist hier los?«

Sammy sprang auf eine Kiste und breitete die Arme aus. »Die Alpha Cru macht sich auf, ein grandioses Abenteuer zu erleben!«, gab er bekannt. »Welche unglaublichen Ereignisse warten wohl in den Tiefen des Meeres auf sie? Welche magischen Kreaturen werden den Mut und die Entschlossenheit der unerschrockenen, weltberühmten Bandenmitglieder auf die Probe stellen?«

Alea klinkte sich ein: »Erleben Sie eine weitere Folge der Glorreichen Glückspiraten!«

Ben, Sammy und Alea prusteten los, und Tess lächelte schief. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, fragte Ben: »Also im Ernst? Wir gehen alle zusammen schwimmen?«

»Falls wir genügend Tauchgeräte haben …«, sagte Alea.

Ben zählte auf. »Wir haben drei. Eins von Sammy, eins von mir und eins von Onkel Oskar.« Onkel Oskar hatte bis vor einem halben Jahr mit seinen beiden Neffen auf der Crucis gelebt. Seit Ben volljährig war, waren die Jungs jedoch allein unterwegs, und ihr Onkel schrieb irgendwo in einem tibetischen Kloster ein Buch. »Drei Geräte reichen«, fuhr Ben fort. »Du brauchst keins, Alea, und Lennox kann ja sowieso nicht mitkommen.«

»Weil er nicht schwimmen kann«, murmelte Alea.

»Selbst wenn er schwimmen könnte«, wandte Ben ein, »würde er wegen seiner Kaltwasserallergie tierische Schmerzen bekommen. Der Rotfarn ist doch aufgebraucht, oder?«

Alea nickte. Rotfarn war ein Kraut, das sie am Meeresboden entdeckt hatte. Es half gegen die fürchterlichen Schmerzen, die Lennox von kaltem Wasser bekam, egal, ob er es trank oder darin schwamm. Das Kraut wirkte sogar vorbeugend, aber wie lange er sich nach einer Tasse Rotfarntee im Meerwasser aufhalten konnte, hatten sie noch nicht ausprobiert. Denn Alea hatte in den vergangenen Tagen auf ihren Ausflügen keine Rotfarnfelder mehr entdeckt. »Es ist nichts mehr da. Lennox kann so oder so nicht mit«, sagte sie nun. »Wart ihr schon mal im Ärmelkanal tauchen?«

»Ja, schon«, erwiderte Ben. »Ist aber, ehrlich gesagt, nicht gerade eines meiner liebsten Tauchgebiete.«

Alea wusste, was er meinte. »Ja, das Meer ist hier echt dreckig.«

»Extrem verschmutzt, ja. Aber egal«, sagte Ben. »Wir tauchen mit einer Meerjungfrau!«

Alea lächelte. »Also los, zieht euch um!«

Zwanzig Minuten später waren sie beinahe startklar. Die Segel hatten sie mittlerweile wieder eingeholt, denn der Südostwind war so schnell abgeflaut, wie er aufgekommen war. Alea fühlte sich richtig kribbelig. Gleich würde sie die anderen zum ersten Mal in ihre Welt mitnehmen! Ben, Sammy und Tess hatten schwarze Neoprenanzüge und Taucherflossen an und trugen Tauchmasken. Tess war noch nicht oft getaucht und hatte eine verschlossene Miene – ihr Pokerface – aufgesetzt, wie immer, wenn sie unsicher war.

Während Ben Anweisungen gab und die letzten Vorbereitungen traf, wanderte Aleas Blick zum Deckshäuschen. Lennox stand hinter dem Ruder und starrte gedankenversunken in die Ferne. Er wirkte traurig, fast verloren.

»Danke, dass du die Stellung hältst, solange wir im Wasser sind, Scorpio!«, rief Ben Lennox zu.

Lennox nickte wortlos.

Dann ging es los. Tess, Ben und Sammy ließen sich in ihrer Montur rückwärts ins Wasser fallen, und Alea sprang mit einem flinken Kopfsprung in ihrer Jeans und ihrem T-Shirt hinterher.

Sobald das kühle Meerwasser ihren Körper vollständig umschlungen hatte, überkam sie ein prickelndes Gefühl und sie fühlte sich wie elektrisiert. Dann verwandelte sie sich: Aus den hässlichen Hautknubbeln zwischen ihren Fingern und Zehen wuchsen binnen Sekunden starke, sehnige Schwimmhäute. Die Knubbel hinter den Ohren wurden zu Kiemen, mit denen sie unter Wasser atmen konnte. Gleichzeitig nahm ihre Haut einen silbrig grünen Schimmer an, und ihre Augen stellten auf »Katzenmodus« – dadurch konnte Alea auch in den dunkelsten Tiefen des Meeres wie am helllichten Tag sehen.

Ben, Sammy und Tess starrten Alea durch ihre Masken gebannt an. Sie hatten noch nie miterlebt, wie sie zum Meermädchen wurde, und in ihren Gesichtern spiegelte sich Verblüffung und Faszination.

»Kommt mit!«, rief Alea mit ihrer Unterwasserstimme, die ein wenig gedämpft klang und doch gut zu hören war. Mit einem kraftvollen Fußkick stieß sie sich ab und schwamm voraus. Die anderen drei folgten ihr. Ben und Sammy lebten schon seit vielen Jahren auf See und waren hervorragende Schwimmer. Tess tat sich hingegen ein wenig schwer und blieb zurück.

Als Alea sich nach ihr umwandte, sah sie, dass dunkle Farben um Tess herumwaberten – übergroße braunschwarzrote Tropfen. Alea kannte dieses Farbgebilde bereits. Sie hatte es schon einmal in Tess’ Wasserflasche gesehen, nach einem Telefonat, das Tess mit ihrer Mutter geführt hatte. Es bedeutete, dass Tess gelogen hatte. Auch die dicken beigefarbenen Wölkchen, die sich rund um Tess mit den dunklen Farbblasen vermischten, kannte Alea. Tess hatte ein schlechtes Gewissen – was kein Wunder war, denn sie hatte ja selbst gesagt, sie fühlte sich wegen der Lügerei schlimmer denn je.

Alea schwamm zu Tess und griff ihr unter die Arme. Sie hatte eine Idee, wie sie ihre Freundin aufheitern könnte. »Wie wäre es mit ein bisschen Action?«, fragte sie, schoss wie eine Rakete los und zog Tess hinter sich her.

Tess schien zuerst ein wenig erschrocken, aber das änderte sich rasch, und ihre Augen blitzten auf. Alea lachte und schwamm schneller. Vor Kurzem war sie selbst von einem Wal auf diese Weise durchs Wasser gezogen worden. Deshalb wusste sie, wie viel Spaß das machte. Goldgelbe Bläschen stoben auf einmal wie Konfetti um Tess herum, und Alea wusste sofort, dass es ihr gut ging.

Alea beschrieb eine große Kurve und kam mit Tess zu Ben und Sammy zurück. Sammy sah sie gespannt an. Alea griff ihm nun ebenfalls unter die Arme und schwamm los. In einem Mordstempo preschten sie davon, und Sammy hätte gewiss vor Freude gequietscht, wenn er nicht das Mundstück getragen hätte. Aber auch um ihn wirbelten goldgelbe Bläschen herum, daher wusste Alea, dass er einen Riesenspaß hatte.

Schließlich zog sie auch Ben durchs Wasser. Das Strahlen in seinen Augen ließ nun auch um Alea selbst immer mehr Bläschen entstehen, die wie Bens in hellem Goldgelb glitzerten.

Alea lachte. Was konnte sie den anderen als Nächstes zeigen? Es gab unter Wasser so viel zu entdecken! Da machte Sammy eine seltsame Bewegung mit beiden Händen. Es sah aus, als wollte er eine Sonne aufgehen lassen. Ben schien zu verstehen, was Sammy meinte. Er gestikulierte ebenfalls herum und schwang einen unsichtbaren Taktstock.

Alea schaute ihnen grübelnd zu. Dann verstand sie. Ben schwang gar keinen Taktstock, sondern einen Zauberstab! Sie wollten etwas Magisches sehen! Das war hier im Ärmelkanal aber wirklich schwierig. Alea hatte in den vergangenen Tagen mehrere Sandbänke abgesucht – in der Hoffnung, dort auf Kobolde zu stoßen. Aber leider war sie keinem Kobold mehr begegnet, seit eine ganze Horde von den kleinen knallfarbigen Kreaturen ihnen vor einer Woche geholfen hatte, die Schiffsschraube der Crucis von Plastikmüll zu befreien.

Vielleicht konnte sie versuchen, ein ganz besonderes Wesen zu rufen, das ihr bei der Suche nach Kobolden helfen würde. Durch die Kiemen holte Alea tief Luft. »Finde-Finja! Ich brauche dich!« Sie hatte inzwischen gelernt, dass sich der Schall einer Stimme unter Wasser sehr viel schneller verbreitete als in der Luft und dass selbst weit entfernte Wesen ihren Ruf noch hören konnten. Allerdings hatte sie schon in den letzten Tagen immer wieder nach einer Finde-Finja gerufen, und keine war erschienen.

»Ich bin gekommen«, klingelte auf einmal eine säuselnde Stimme hinter ihr. Tess’ Augen weiteten sich, und Alea fuhr herum. Hinter ihr schwamm tatsächlich eine bildschöne cremeblaue Finde-Finja. Finjas sahen aus wie eine Mischung aus Korallen und kleinen Bäumchen, und sie hatten Tausende von Augen auf den unzähligen Zweigen, die wie die Arme eines Kraken durchs Wasser wedelten.

Ben betrachtete die Finja mit fasziniertem Blick, und Sammy zappelte vor Begeisterung.

Alea wandte sich an das Korallenkrakenbäumchen. »Ich suche Kobolde«, sagte sie. »Ich muss sie fragen, was sie über Meermenschen wissen.« Die Finjas selbst beantworteten leider keine Fragen. Aber Kobolde schienen sich bestens in der magischen Meerwelt auszukennen und auch gern zu plaudern. Beim letzten Aufeinandertreffen mit ihnen hatte Alea allerdings keine Möglichkeit gehabt, etwas über ihre eigene Herkunft herauszufinden – das wollte sie nun unbedingt nachholen. Sie wusste im Grunde rein gar nichts über Meermenschen, außer, dass es sie gegeben hatte. Doch warum waren sie verschwunden? Was war geschehen? Ihr Kopf war voller Fragen, auf die sie so schnell wie möglich Antworten bekommen wollte – am liebsten nicht erst am Loch Ness. Gespannt blickte Alea das Korallenkrakenbäumchen an.

»In meinem Gebiet leben außer mir keine Magischen«, klingelte die Finja.

Alea nickte enttäuscht. Tess blickte sie fragend an, und Alea wurde bewusst, dass sie mit der Finja in Wassersprache gesprochen hatte wie früher schon mit den Kobolden. Wassersprache war für Tess und die anderen unverständlich. Wieso Alea diese Sprache so problemlos sprechen konnte, wusste sie selbst nicht. Sie kam einfach so aus ihr heraus, sobald sie auf magische Wesen traf.

»Was für Magische gibt es denn außer Kobolden und Finjas?«, fragte Alea die Finja, obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass sie keine Antwort bekommen würde.

Ihre Vermutung bestätigte sich prompt. »Stell mir keine Fragen«, entgegnete die Finja und brachte es fertig, gleichzeitig säuselnd und sauer zu klingen. »Ich bin eine Finde-Finja. Ich finde.«

»Natürlich, entschuldige«, murmelte Alea. Einen Versuch war es trotzdem wert gewesen. Die Finja würde jeden Moment das Gespräch beenden, deshalb konzentrierte Alea sich schnell auf eine andere wichtige Sache. »Finde bitte Rotfarn für mich.«

Die Finja schwieg und wedelte mit ihren Ärmchen durchs Wasser. Alea wusste: Falls es in diesem Gebiet Rotfarn gab, war das der Moment, in dem die Finja den schnellsten Weg zum Ziel ausfindig machte. Danach würde sie wie der Blitz lossausen.

Alea bedeutete Tess, Ben und Sammy, dass sie sich an ihr festhalten sollten. Ben und Sammy griffen nach ihren Armen, Tess nach dem Bund ihrer Jeans.

»Folge mir«, klingelte die Finja da auch schon. Sie zog ihre Arme über sich zusammen und begann, sie zu drehen wie das Rotorblatt eines Hubschraubers. Gleich darauf setzte sie sich in Bewegung und brauste los.

»Festhalten!«, rief Alea und folgte der Finja. Es war zwar gar nicht leicht, drei Leute mitzuziehen, von denen zwei ihre Arme festhielten, aber da es bei Aleas Art, zu schwimmen, vor allem auf die Beine und Füße ankam, schaffte sie es.

Tiefer und tiefer drangen sie vor. Ein paarmal mussten sie schrankgroßen Ölklumpen ausweichen, die im Wasser herumtrieben, aber Alea kannte diese Klumpen inzwischen gut und konnte leicht darum herumschwimmen. Schließlich erreichten sie den Meeresboden. Da sah sie auch schon den Rotfarn! Ein weitläufiges Feld der roten Sträucher erstreckte sich über mehrere Täler.

»Ich habe gefunden, was du gesucht hast«, klingelte die Finja und brachte sie zum Rand des Rotfarnfeldes. »Ich finde.«

»Ja, super. Danke!«, rief Alea, aber da hatte sich die Finja schon abgewandt und düste davon.

Ben, Sammy und Tess ließen Alea los. Ben war sofort bei den Pflanzen und begutachtete sie, während Sammy noch der Finja hinterherstarrte. Um Tess herum hatte sich jedoch ein orangefarbener Strudel gebildet. Alea wusste, was das bedeutete: Tess hatte Angst.

Schnell schwamm Alea zu ihr. »Wir sind zwar am Meeresgrund, aber ich kann dich jederzeit wieder hochbringen«, versicherte sie. »Gar kein Problem.«

Das schien Tess ein klein wenig zu beruhigen. Sie nickte, und die orangefarbenen Wasserwirbel wurden blasser.

Alea nahm ihre Hand. »Komm, wir reißen ein paar Büschel Rotfarn für Lennox ab.«

Tess ließ sich ziehen. Sie schwammen ein Stück am Rand des Feldes entlang, und Ben und Sammy gesellten sich zu ihnen.

Der Meeresboden neben dem Beet sah traurig aus. Größtenteils bestand er aus dickem Schlick, in dem jede Menge Müll steckte – alte Flaschen, Tüten, Rasierer, Zahnbürsten, Besteck und andere halb zerfressene Dinge des täglichen Menschenlebens.

Während sie nun zu viert über den Rand der Felder schwammen, fragte Alea sich abermals, wer diese riesigen Beete wohl angepflanzt hatte. Waren es Meermenschen gewesen? Kobolde? Oder andere magische Wesen, die Alea noch gar nicht kannte? Wer auch immer es gewesen war – er hatte aus irgendeinem Grund sehr viel Rotfarn gebraucht. Denn andere Beete waren Alea bisher auf all ihren Erkundungstouren nicht begegnet.

Auf einmal bewegte sich etwas ruckartig neben dem Beet.

Alea zuckte zusammen.

Da war etwas im Schlick!

Tess wies erschrocken auf dieselbe Stelle, doch Sammy zeigte auf eine andere. Dort bewegte sich ebenfalls etwas!

Entsetzt stellte Alea fest, dass es sich überall um sie herum im Meeresboden regte!

Konnten es Kobolde sein? Nein. Kobolde liebten seichte Sandbänke und nicht die tiefsten Tiefen.

Das hier war etwas anderes. Der Meeresboden ruckte und zuckte, als verbärge sich dort eine ganze Armee.

Aleas Herz begann, wie verrückt zu schlagen.

Und dann erhoben sie sich.

Alea stockte der Atem. Aus dem Schlick des Meeresbodens erhoben sich Hunderte von Fischen – dicke Fische mit breiten Mäulern und spitzen Stacheln. Wie wabernde Blasen schwebten sie langsam vom Boden in die Höhe.

Ben wurde kreidebleich. Aufgeregt machte er warnende Zeichen mit der Hand. Alea verstand: Diese Fische waren gefährlich! Ben kannte sie offenbar. Er schien sagen zu wollen, dass sie giftig waren!

Sammy hatte die Augen weit aufgerissen und wich immer weiter zurück. Ein orangefarbener Strudel wirbelte um ihn herum, ebenso wie um Ben und Tess.

Der Anblick der unzähligen aufsteigenden Fische war aber auch wirklich unheimlich. Irrte Alea sich, oder änderten sie sogar ihre Farbe? Ja, sie passten sich dem jeweiligen Hintergrund an! Gerade war ein Fisch noch matschfarben wie der Meeresboden, im nächsten Augenblick war er schon so grün wie die Plastikflasche, an der er vorüberschwebte. Waren das … Chamäleon-Fische?

Alea bemerkte, dass auch um sie selbst ein orangefarbener Strudel kreiste. Die Fische schienen sie allesamt direkt anzusehen. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie schärfte mit wild klopfendem Herzen den Blick. Ja, die Fische schauten alle zu ihr!

Doch was war das? Um ihre Körper herum schimmerten zarte rosafarbene Ringel im Wasser. Alea wusste von vergangenen Ausflügen, was das bedeutete. »Sie sind harmlos!«, hörte sie sich selbst rufen. »Sie werden uns nichts tun!«

Sammys Blick irrte unsicher von Ben zu Alea. Ben schüttelte den Kopf.

Aber Alea war sich ganz sicher. »Sie –«, begann sie, brach jedoch ab. Denn plötzlich nahm sie noch etwas anderes um die Fische herum wahr: Von ihren kompakten Körpern leuchteten auf einmal weiße Strahlen in alle Richtungen.

Alea dachte angestrengt nach. Eine solche Farbform war ihr noch nie begegnet. Im nächsten Augenblick bildete sich mit aller Klarheit ein Gedanke in ihrem Kopf: Offenbaren. Verwirrt zog sie die Brauen zusammen. Was sollte das heißen?

Da veränderte sich etwas. Alea konnte nicht genau sagen, was es war, doch irgendetwas … verschob sich. Es war, als zöge jemand einen Schleier fort, der ohne ihr Wissen vor ihren Augen gehangen hatte.

Und was sie dann sah, ließ ihr die Glieder erstarren.

Hier, direkt neben dem Rotfarnbeet, lag eine Ruine!

Alea konnte es kaum glauben, aber vor ihr stand ein altes, halb verfallenes Gebäude. Die Fische mussten es getarnt haben. Und nun hatten sie es ihr offenbart!

Mit offenem Mund drehte sie sich zu den anderen um. Konnten sie die Ruine auch sehen? Nein! Tess, Sammy und Ben stierten noch immer auf die Fische, aber zu der Ruine blickte keiner von ihnen.

»Bitte, zeigt sie den anderen auch!«, bat Alea die Fische. »Sie sind meine Freunde.«

Sammy legte verwirrt den Kopf schief, als wollte er fragen: Was sollen sie uns zeigen?

Gleich darauf zuckte er zusammen. Durch Ben und Tess ging ebenfalls ein Ruck. Mit großen Augen starrten sie nun auf die Ruine.

»Danke!«, rief Alea den Fischen zu.

Diese bauten sich wie Wächter um die Ruine herum auf. Ein rosa-grüner Kranz umgab sie.

Alea verstand diesmal sofort. »Wir dürfen hineingehen!«, rief sie und winkte den anderen.

Ben und Sammy tauschten verblüffte Blicke. Tess wirkte eingeschüchtert, aber da war auch ein neugieriges Funkeln in ihrem Blick.

Ben zeigte den Daumen nach oben.

Tess schien mit sich zu ringen, dann nickte sie.

Sammy wedelte aufgeregt mit den Händen herum.

Alea schwamm voran, und die anderen waren gleich hinter ihr. Sie tauchten durch einen runden Eingangsbogen und kamen in eine Art Küche. Aufgeregt sah Alea sich um. Das hier war ein Wohnhaus! An der Wand waren verschiedene Messer und eigenartige Werkzeuge befestigt, daneben mehrere Schüsseln und Gefäße. Etwas weiter waren große Körbe angebracht, die rundherum verschlossen waren – bestimmt, damit im Wasser nichts von ihrem Inhalt verloren gehen konnte. Auf der anderen Seite des Raums befanden sich ein paar Schränke. Alea schwamm hinüber und öffnete einen. Aus dem Inneren quoll ihr Rotfarn entgegen. »Das sind Vorratsschränke«, murmelte sie.

Sammy öffnete einen weiteren Schrank, in dem sich einige Knollen befanden, die an Zwiebeln erinnerten.

Alea schwamm in den angrenzenden Raum. Hier waren an der Decke mehrere netzartige Hüllen angebracht. Sie sahen gemütlich aus. Waren das Betten?

Tess schloss zu Alea auf. Sie wirkte zittrig, und Alea sah sie fragend an. Tess nickte tapfer. Ihre Farben signalisierten ein Gemisch aus Angst und Mut, und Alea bewunderte sie dafür, dass sie trotz allem mit hereingekommen war.

Alea selbst spürte keinerlei Furcht mehr. Im Gegenteil. Sie fühlte sich wohl in diesem Wasserhaus, und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie es wäre, hier auf dem Meeresgrund zu wohnen. Gleichzeitig war da jedoch auch der Wunsch in ihr, lieber unterwegs zu sein, als immer am selben Ort zu bleiben.

Fasziniert schwamm sie weiter. Tess folgte ihr. Im nächsten Raum befanden sich zahllose Schubfächer in der Wand. Alea öffnete eines, und ihr schwamm ein längliches Holzstück entgegen, an dessen Ende wedelndes Seegras angebracht war. Alea fing es auf und drehte es verwundert in der Hand. Ein Gesicht blickte sie an. Es war auf das Holz aufgemalt und leicht verwittert. »Eine Puppe!«, stieß sie hervor. Es war eindeutig – das Seegras waren die Haare. Eine Kinderpuppe.

Tess nahm sie ihr erstaunt ab und drehte sie hin und her, während Alea von einer Welle der Traurigkeit erfasst wurde. Hier hatte eine Familie mit Kindern gelebt! Alea starrte das Puppengesicht an und wusste nun auch sicher, dass dies die Behausung von Meermenschen gewesen sein musste. Das Gesicht wirkte sehr menschlich, aber hinter den Ohren konnte man Kiemen erkennen.

Ben und Sammy kamen zu ihnen. Ben hatte eine Art Sense mit Fangkorb dabei und zeigte sie ihnen. Bestimmt hatte man damit den Rotfarn geerntet.

Sammy zog Alea mit sich, und sie erkundeten weitere Ecken und Winkel der verschiedenen Zimmer. Die Küche fand Alea am interessantesten. Hier konnte man deutlich sehen, dass die Meermenschen einen ganz »normalen« Haushalt geführt haben mussten. Es gab sogar richtige Töpfe, über die ein feinmaschiges Netz gesponnen war. In diesen Töpfen war allerdings bestimmt nichts erhitzt worden, denn Feuer gab es unter Wasser ja nicht – dachte Alea. Aber kurz darauf wurde sie eines Besseren belehrt. Als sie durch weitere Schränke stöberte, stieß sie auf einen sonderbaren Gegenstand. Er war klein, hellbraun und rundlich. Beinahe sah er aus wie eine eingedrückte Marzipankartoffel. Alea drehte und wendete ihn in ihrer Hand und fragte sich, wofür er wohl gut gewesen war. Als sie mit dem Daumen über die Unterseite fuhr, öffnete sich das kleine Ding plötzlich! Aus seinem Inneren quoll grünes Feuer hervor. Alea schnappte erschrocken nach Luft und ließ es los. Das Feuer erlosch.

Sammy fing die Marzipankartoffel auf und rieb ebenfalls mit dem Daumen darüber. Aber nichts geschah. Als Alea es daraufhin noch einmal versuchte, floss das grüne Feuer sofort wieder heraus. Es floss tatsächlich, und wenn es nicht so verrückt geklungen hätte, dann hätte Alea gesagt, dass es sich hier um flüssiges Feuer handelte.

Sie nahm einen der Töpfe und hielt die Feuerkartoffel darunter. Das Feuer vergrößerte sich sofort und saugte sich an dem Topf fest. Es passte sich der Form des Topfes an und schien ihn zu erhitzen. Schon wenige Augenblicke später musste Alea ihn loslassen, weil er zu heiß geworden war.

Fasziniert starrte sie das Ding an. Dann steckte sie es in ihre Hosentasche.

Als sie das Haus schließlich wieder verließen, waren die Fische noch immer da und bewachten die Ruine. Doch sie hatten ihren Kreis erweitert, und auf einmal erkannte Alea hinter dem Dach eine weitere Hausecke. War da etwa noch ein zweites Haus? Sie schwamm weiter nach oben, um besser sehen zu können. Und was sich da vor ihr ausbreitete, verschlug ihr den Atem.

Die anderen blickten fragend zu ihr hoch.

»Kommt rauf!«, rief Alea erstickt, denn sie hatte einen dicken Kloß im Hals. Von hier oben konnte sie alles sehen.

Das ganze Dorf.

Am Meeresboden stand nicht nur ein einzelnes Haus. Hier lag ein ganzes Ruinendorf! Mehrere Dutzend Häuser verteilten sich über ein großes Tal. Hier hatte eine Dorfgemeinschaft von Meermenschen gelebt. Alea spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Es waren viele gewesen. Und sie hatten Kinder gehabt.

Die anderen schlossen zu ihr auf. Eine Weile verharrten sie alle in stillem Staunen.