Alea Aquarius 4 - Tanya Stewner - E-Book
Beschreibung

Das große Meermädchen-Abenteuer geht weiter! Auf der Flucht vor Doktor Orion segelt die Alpha Cru nach Norwegen, wo eine Bohrinsel leckgeschlagen ist. Können Alea und die Magischen eine Ölkatastrophe verhindern? Wird sie die Walwanderin treffen und mit den Meerkindern einen Weg finden, die magische Unterwasserwelt vom Virus zu befreien? Der vierte Band der Meermädchen-Saga von Bestseller-Autorin Tanya Stewner.

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EPUB

Seitenzahl:417


Über dieses Buch

Das Meer brannte. Die Flammen verbreiteten sich rasend schnell auf der Wasseroberfläche. Es war ein tosendes Inferno, das sich bis zum Horizont erstreckte – ein alles zerstörender Feuersturm.

 

Alea ist Doktor Orion fürs Erste entkommen. Doch sein Arm reicht weit, und eine Flucht vor ihm scheint unmöglich. Die Alpha Cru muss sich offen gegen Orion stellen und für die Rettung der Ozeane kämpfen! Aber das schaffen Alea und ihre Freunde nicht allein. Sie müssen dringend die Walwanderin und andere Meerkinder finden. Dann geschieht jedoch etwas Schreckliches: Eine Ölbohrinsel vor Norwegen schlägt leck. Die Alpha Cru ändert sofort den Kurs, um den bedrohten Meeresbewohnern zu helfen. Doch einmal mehr wird Alea klar: Um das Meer zu retten, braucht sie Verbündete – viele Verbündete.

 

Der vierte Band der großen Meermädchen-Saga von Bestsellerautorin Tanya Stewner

 

 

 

 

Für meine Herzensfreundin

Manuela TIKA Marmulla

 

 

 

 

Es war schwer, die Augen aufzuhalten. Heftig atmend lag sie auf dem Rücken und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Sie konnte kaum den Kopf wenden, aber dann sah sie, dass er neben ihr zusammenbrach. Bewegungslos blieb er liegen.

»Nein!«, hauchte sie, denn schreien konnte sie nicht mehr. Auf keinen Fall durfte sie ohnmächtig werden! Sie musste Hilfe holen!

Doch die Welt um sie herum wurde dunkler und dunkler. Ihre Augen schlossen sich, und sie konnte nichts dagegen tun.

Weit entfernt, wie aus einem Traum, hörte sie eine Stimme. Jemand rüttelte an ihr.

Sie spürte, wie ihr Mund geöffnet und etwas hineingeträufelt wurde. Es war süß und schmeckte wie halb aufgetauter Schnee.

Sie wollte etwas sagen, aber sie brachte keinen Ton hervor. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Alea stand am Bug des alten Segelschiffs und sah auf den sanft wogenden Nordatlantik hinaus. Die leuchtenden, verschlungenen Farben des Meeres strömten ruhig dahin wie Pinselstriche eines Gemäldes, das es gar nicht eilig hatte zu trocknen. In ihnen verbargen sich unendlich viele Geschichten, aber diese wollten heute nicht erzählt werden und flossen gemächlich und unaufgeregt dahin.

Nur die Augen der Walwanderer konnten die schillernden Verläufe im Wasser erkennen. Und Alea war genau das – eine Walwanderin.

Wehmütig strich sie sich eine Strähne ihres langen dunklen Haars hinters Ohr, wo ihre Kiemenknubbel saßen. Sosehr sie es liebte, ein Meermädchen zu sein, so traurig machte es sie auch. Denn die Meermenschen waren fort, ausgestorben, und Alea war nicht viel mehr als ein Überbleibsel einer untergegangenen Welt.

Mit der Hand schirmte sie ihre Augen ab und schaute hinauf zu den gewölbten Segeln der Crucis. Erst am Tag zuvor hatte Alea ein Loch im Vorsegel geflickt, und dieses Loch war bei Weitem nicht das erste gewesen. Doch obwohl seine beiden Segel regelrechte Flickenteppiche waren, hatte das Schiff etwas Erhabenes an sich, das trotz der abblätternden grünen Farbe und der vielen Dellen und Macken wie eine Aura um es herum lag. Die Crucis war etwas Besonderes und ihre Besatzung ebenso.

Die Alpha Cru bestand aus fünf Mitgliedern. Da war Benjamin Libra, der Skipper und einzige Volljährige an Bord. Samuel Draco, sein kleiner Bruder. Tess Taurus, die französische Ausreißerin. Lennox Scorpio, der zur einen Hälfte Landgänger und zur anderen Hälfte Meermensch war. Und schließlich sie selbst, Alea Aquarius, die fast ihr ganzes Leben bei den Landgängern verbracht und jahrelang geglaubt hatte, sie sei gegen kaltes Wasser allergisch. Bis sie schließlich herausgefunden hatte, dass sie in Wahrheit Schwimmhäute und Kiemen bekam, sobald sie vollständig im Meer untertauchte.

»Ahoi!«, hörte Alea eine Stimme neben sich. Es war Sammy, der sich zu ihr gesellte. »Du stehst echt oft hier am Bug, Schneewittchen.« Er nannte sie häufig so, denn sie hatte dunkle Haare, blasse Haut und märchenhaft wirkende grüne Augen.

»Ich schaue gern aufs Meer. Ist so schön bunt«, versuchte sie leichthin zu antworten, aber Sammys Miene war ernst.

Im nächsten Moment nahm er ihren Arm, legte ihn um seine Schultern und schmiegte sich an sie. »Bitte einmal knuddeln!«, sagte er und vergrub sein Gesicht in ihrer Jacke.

Alea zog den Jungen an sich und drückte ihn ganz fest. »Mach dir keine Sorgen.« Vorsichtig streichelte sie ihm über den wilden roten Haarschopf. »Es wird alles gut werden.«

Sammy machte sich von ihr los. »Woher weißt du das?« Mit dem Ärmel fuhr er sich über die Nase und wirkte verletzlicher als sonst. »Doktor Orion ist hinter uns her! Wie soll da alles gut werden?«

Alea senkte den Blick. Sammy hatte natürlich recht. Die Gefahr, in der sie alle schwebten, seit sie aus Island geflohen waren, konnte nicht kleingeredet werden. Sie wussten nun: Doktor Orion selbst war für den tödlichen Virus verantwortlich, durch den die Meermenschen ausgerottet worden waren. Er hatte sein eigenes Volk aus dem Weg geräumt, um ihm einen aussichtslosen Kampf gegen die Landgänger zu ersparen. Das hatte er zumindest behauptet. Alea glaubte allerdings, dass es ihm wohl eher darum gegangen war, seine finsteren Geschäfte voranzutreiben und mit seinem weitverzweigten Verbrechernetz ungestört Müll im Meer abladen zu können. Und jetzt war Doktor Orion hinter ihnen her. Sie wussten zu viel über ihn. Mit seinen dunkelsten Geheimnissen im Gepäck war die Alpha Cru ihm entwischt und aus der Villa Konungur geflohen. Ohne Hilfe hätten sie das wahrscheinlich nicht geschafft. Nixen und Kobolde hatten ihnen im Meer den Weg zur Crucis freigekämpft, doch ohne Aleas Vater Keblarr und seinen Freund Ramin wären sie noch nicht einmal bis zum Strand gekommen.

Seit vier Tagen segelten sie nun unbehelligt gen Osten, nur unterbrochen von einem kurzen Zwischenstopp auf den Färöer-Inseln. Doktor Orion würde sie aber nicht einfach so davonkommen lassen, dessen war sich Alea sicher. Sie kannte nicht nur seine geheimsten Gedanken, sondern war für ihn auch aus einem anderen Grund äußerst gefährlich: Sie war die Elvarion, die die Zeitenwende einläuten könnte. Orion kannte diese Prophezeiung, die besagte, dass Alea eine ganz besondere Rolle im Lauf der Dinge spielen sollte. Sie würde für die Ozeane kämpfen, und der Legende nach hatte sie die Chance, die Weltmeere zu retten. Als Elvarion – eine geborene Anführerin, von der es in jeder Meergeneration nur vier oder fünf gab – war sie dafür geradezu perfekt geeignet.

Alea musste schlucken. Die Größe ihres Schicksals schüchterte sie immer noch ein. Gerade diese Größe war es jedoch, die sich für Orion als fatal herausstellen konnte. Denn wenn die Prophezeiung sich bewahrheitete, würde Alea dem Doktor einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

Sammy drängte sich noch näher an Alea heran. »Ich bin zwar ein Abenteurer, aber das ist alles ganz schön heftig«, murmelte er. Dabei sah er aus wie ein Kind, das festgestellt hatte, dass in seinem Schrank tatsächlich ein Monster hauste.

»Es tut mir leid.« Alea war klar, dass die Ereignisse einen Neunjährigen extrem überfordern mussten. »Aber ich brauche dich, Sammy. Du hältst uns alle davon ab, uns wegen Orion total verrückt zu machen.«

»Ich? Wie meinst du das?«

»Du hast zwar selbst Angst, aber trotzdem singst du fröhliche Lieder und erzählst uns bei jeder Gelegenheit Witze.«

Sammy kratzte sich am Kopf. »Ich dachte, damit gehe ich allen nur auf die Nerven. Tess hat das jedenfalls gesagt.«

»Ach, das darfst du nicht so ernst nehmen. Tess motzt zwar ständig an dir rum, aber das heißt nicht, dass sie dich nicht furchtbar gernhätte.«

»Ja, bestimmt ist sie genauso verliebt in mich wie ich in sie!« Sammy grinste und präsentierte dabei seine riesige Zahnlücke. »Ich bin in alle verliebt! In dich, Schneewittchen, in den coolen Scorpio und in Ben schon mein ganzes Leben lang.«

Alea lachte. »Siehst du, genau das meine ich! Wenn ich mit dir rede, fühle ich mich … leichter. Und das ist im Moment für uns alle gut. Sonst frisst die Angst vor Orion uns noch auf.«

Sammys Grinsen wurde schmaler. »Wir sitzen ganz schön in der Tinte, oder?«

»Das dürfen wir uns aber nicht die ganze Zeit sagen!« Kopfschüttelnd blickte Alea ihn an. »Ich zähle auf dich, Samuel Draco. Ich brauche deine ganz besonderen Sammy-Schwingungen, um das alles schaffen zu können. Wir alle tun das! Ohne dich wären wir nichts als ein Haufen düsterer Grübelköpfe auf der Flucht. Aber du schaffst es immer wieder, uns alles kurz vergessen zu lassen.« Sammy war kein bisschen weniger wichtig als die anderen Mitglieder, obwohl er der Jüngste der Cru war.

Er starrte ins Leere. Dann straffte er die Schultern. »Ich bin Samuel Draco, Bestdrache und Angstbezwinger. Ich werde euch alle retten!«

Erleichtert lächelte Alea. »Ich bin so froh, dass ich dich habe«, sagte sie und zog ihn noch einmal an sich. »Bestsammy.«

Sammy machte eine Handbewegung, als wollte er Ballast abwerfen. »Besinnen wir uns also auf die guten Dinge«, schlug er vor. »Wenn man immer nur daran denkt, was schiefgehen könnte, hat der Kopf schon Schiffbruch, bevor überhaupt Sturm aufkommt.«

Alea musste abermals lachen.

»Das Wetter ist ausgesprochen gut für Ende Juli in diesen nördlichen Breitengraden«, stellte Sammy fest und setzte sein fachkundigstes Seemannsgesicht auf. »Neunzehn Grad, Windstärke drei, leichte Brise. Wir machen vier Knoten in der Stunde und kommen Norwegen ganz gemütlich näher.«

Norwegen. Alea rieselte ein kleiner Schauer über den Rücken. Wenn weiterhin alles reibungslos verlief, würden sie in drei Tagen die norwegische Westküste erreichen. Sie hatten Kurs darauf gesetzt, weil Alea vor Kurzem eine Wandererbotschaft erhalten hatte – eine Art Videonachricht, die übers Wasser gekommen war. Walwanderer waren nämlich nicht nur in der Lage, die Farben des Meeres zu sehen, sondern sie konnten mithilfe dieser Botschaften auch über viele Hundert Kilometer miteinander kommunizieren. Die Wanderernachricht stammte von einer Frau, deren Gesicht Alea tief berührt hatte. Bei ihrem Anblick war sofort ein Gefühl von Zuhause in ihr aufgekommen. Deswegen wollte sie diese Frau, die in Norwegen lebte, unbedingt finden. Leider hatte Alea tagelang nichts mehr von ihr gehört. Dennoch segelten sie weiter. Alea hatte zwar keine Ahnung, wie sie die Frau finden sollte – Norwegen war, wenn man keinen konkreten Anhaltspunkt hatte, ziemlich groß –, aber sie mussten es einfach versuchen.

»Meinst du, wir gehen in die Geschichte ein?«, fragte Sammy sie nun. »Wird vielleicht alles, was uns passiert, eines Tages in Büchern stehen?«

»Keine Ahnung.« Alea zuckte die Achseln. »Woher sollten die Menschen erfahren, was hier los ist? Wir haben ja keinen Berichterstatter an Bord«, scherzte sie.

Sammys Augen leuchteten auf. »Den Job kann ich doch übernehmen! Warte, ich hole Bens Handy!«

»Wieso?«

Sammy war schon losgelaufen und schnappte sich das Handy seines großen Bruders, das wie so oft in dessen Jacke steckte, die auf einer Kiste an Deck lag. Sammy kam zu ihr zurück, und Alea sah, dass er eine Sprachmemo-Aufnahme startete. »Die Alpha Cru segelt auf der legendären Crucis …«, sagte er und klang wie ein Hörbuchsprecher. »Das Schiff ist nach dem Sternbild Kreuz des Südens benannt, und der hellste Stern im Kreuz des Südens ist der Acrux. Dieser heißt auf Lateinisch-Griechisch Alpha Cru. Die Bande nach dem Stern zu benennen, war die geniale Idee des jüngsten Mannschaftsmitglieds, Samuel Draco –«

»Das sind ziemlich viele Details«, unterbrach ihn Alea.

»Stimmt.« Überlegend kniff Sammy die Augen zusammen. »Am wichtigsten ist, was passiert ist.«

»Ja, erzähl doch einfach, was in den letzten Tagen war.«

Sammy begann von vorn. »Nachdem die Alpha Cru aus den Fängen des skrupellosen Doktor Orion entkommen konnte, segelte sie unerkannt davon. Ja, unerkannt, denn das glorreiche Schiff ist getarnt! Überall am Rumpf kleben magische Skorpionfische. Diese haben sich dort festgesaugt, um den heldenhaften Mitgliedern der Alpha Cru zu helfen, unentdeckt und für die Augen des Doktor Orion unsichtbar bis nach Norwegen zu gelangen.«

Tess Taurus, die gerade mit einem Arm voll frisch gewaschener Wäsche an Deck kam, um diese an der Leine am Bug aufzuhängen, verdrehte die Augen, als sie Sammy hörte. »Was erzählst du schon wieder für einen Quatsch«, murrte sie mit ihrem französischen Akzent. »Wir sind keine Helden.«

»Sind wir wohl!«, widersprach Sammy. »Wenn wir keine Helden sind, wer denn dann?«

Während Tess die Wäsche auf einer Kiste ablegte, verdrehte sie noch einmal die Augen.

»Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich dich total bezaubernd finde?«, rief Sammy mit zuckersüßer Stimme.

Tess fuhr so schnell zu ihm herum, dass ihre langen Dreadlocks nur so flogen. Sie holte Luft, als wollte sie zu einer Schimpftirade ansetzen. Sammy schenkte ihr jedoch sein unwiderstehlichstes Lausbubenstrahlen. Tess stemmte die Arme in die Seiten, aber dann schnaufte sie lediglich und wandte sich wieder der Wäsche zu.

Sammy grinste. »Es stimmt: Sie liebt mich auch.« Dann besann er sich wieder auf die Berichterstattung. »Sieben Tage ist das Schiff jetzt schon auf diese magische Weise getarnt, und die Cru ist überaus froh, dass die Skorpionfische nicht einfach davonschwimmen. Und das tun sie wahrscheinlich nur deshalb nicht, weil das mysteriöseste Bandenmitglied, Lennox Scorpio, sie jeden Tag aufs Neue beschwört …«

Alea schmunzelte. Lennox beschwor die Fische nicht. Er rief ihnen nur jeden Morgen von der Reling aus einen Spruch zu, der sie an die Crucis zu binden schien: Bleibt und tarnt – verschleiert das, was kein Auge sehen darf.

Lennox konnte die Skorpionfische herbeiholen, weil er zur Hälfte Oblivion war. Die Oblivionen gehörten, genau wie die Walwanderer, zu den Stämmen der Meermenschen. Ausgestattet waren sie mit der Gabe, Landgänger etwas vergessen lassen zu können. Glücklicherweise wurden sie aber meist von diesen übersehen, sodass es oft gar nicht notwendig war, die Erinnerung der Landgänger zu löschen. Dass Oblivionen darüber hinaus noch magische Tarnfische rufen konnten, hatte die Alpha Cru vorher auch nicht gewusst. Es lebte kaum noch jemand, der Lennox und Alea erzählen konnte, welche speziellen Begabungen die Stämme besessen hatten. Deshalb mussten sie vieles ganz allein herausfinden.

»Die Cru geht davon aus, dass sie von Doktor Orion verfolgt wird, auch wenn sie seit Tagen ohne Zwischenfälle segeln konnte«, sprach Sammy weiter. »Orion ist ein äußerst gewiefter Ganove mit einem riesigen Netz aus Ganoven-Untergebenen. Bestimmt wird er sich etwas einfallen lassen, um die Cru aufzuspüren, und dann –«

»Jetzt halt endlich die Klappe!«, platzte es aus Tess heraus. Mit einer zornigen Bewegung warf sie ein T-Shirt, das sie eben erst aufgehängt hatte, auf den Boden. »Was soll denn dieser Reporterblödsinn?«, fuhr sie Sammy an und bemühte sich sichtlich, genervt zu wirken anstatt ängstlich. Alea kannte sie mittlerweile aber zu gut. Hinter Tess’ Pokerface verbarg sich eine überaus empfindsame Seele, und sie hatte, so wie alle anderen, schreckliche Angst vor Orion.

Sammy schien das auch zu wissen. Er kannte Tess immerhin schon ein paar Wochen länger als Alea. »Ich hör besser mal auf, über Orion zu reden«, sagte er und steckte das Handy weg. Dann klatschte er in die Hände. »Wie wäre es mit Musik machen?«

Alea lächelte. Das war der Sammy, den sie brauchte. »Wunderbärchen!«, rief sie.

»Moment mal!« Sammy reckte die Nase vor. »Wunderbärchen ist mein Wort!«

»Ich finde es aber super.«

»Ist es ja auch. Aber … ich hab Urheberrecht darauf. Für die Verwendung musst du mir etwas geben. Zum Beispiel Kekse.«

»Ach so.« Alea grinste. »Jedes Mal, wenn ich das Wort benutze, kriegst du dafür einen Keks?«

»Oder fünf. Oder sechs.«

»Das finde ich sehr teuer.«

»Ich brauche Kekse aber! Wenn ich keine bekomme, sterbe ich, bis ich tot bin.«

»Ich hatte eh vor, heute zu backen.« Alea war die Keksbäckerin an Bord und fühlte sich persönlich dafür verantwortlich, dass Sammy immer genug Süßes bekam. Aber sie konnte natürlich nur dann backen, wenn sie die nötigen Zutaten an Bord hatten. Auf einem Schiff war das allerdings manchmal schwierig, denn man konnte nicht regelmäßig einkaufen gehen. Vor allem dann nicht, wenn man kein Geld hatte, und das kam leider öfter vor. Gegen Ebbe in der Kasse hatte die Alpha Cru aber eine ganz eigene Strategie: Musik machen. Sie waren eine richtig gute Straßenband! In Island hatten sie mit einem einzigen Auftritt so viel eingenommen, dass sie dort jede Menge Vorräte hatten kaufen können.

»Okidoki, sobald du die Kekse fertig hast, sagst du bitte ganz oft Wunderbärchen und gibst mir die Bezahlung für das Wort immer sofort!«, erklärte Sammy. »Damit unterstützt du ja auch mein Projekt. Projekt Wampe!«

Tess schüttelte den Kopf. »Noch mehr Blödsinn.«

Alea lachte. Gleichgültig, wie viel Sammy aß, er blieb trotzdem ein dünner Hering.

»Aber Musik ist keine schlechte Idee«, gab Tess zu, natürlich in schnodderigem Tonfall, damit Sammy nicht allzu sehr triumphierte.

Das tat er aber selbstverständlich trotzdem. »Jippie!«, jubelte er und stürmte los, um seine Cajón zu holen – eine Trommel, auf die man sich beim Spielen setzte und die aussah wie eine Lautsprecherbox.

Tess und Alea tauschten einen Blick. »Der geht mir so was von auf den Senkel«, behauptete Tess.

»Gar nicht«, antwortete Alea lächelnd.

Da lächelte Tess auch. »Ich hole mein Akkordeon. Und ich bringe dir deine Gläser mit.« Damit meinte sie die einundzwanzig Weingläser, die Alea immer mit Wasser befüllte, um darauf spielen zu können.

Alea blickte Tess nach, die nun unter Deck verschwand. Eines der Dinge, die sie an Tess besonders schätzte, war ihre Hilfsbereitschaft. Sie übernahm die allermeisten Aufgaben an Bord. Sie reparierte, putzte, kochte und flickte unermüdlich, und man musste sie nie lange um etwas bitten. Ben nannte sie sein wertvollstes Cru-Mitglied. Wahrscheinlich schimpfte und meckerte Tess auch nur deshalb so viel, damit niemandem auffiel, was für ein gutes Herz sie hatte.

Langsam schlenderte Alea nun zum Deckshäuschen hinüber. Durch die großen Scheiben sah sie Benjamin Libra und Lennox Scorpio, die gerade die Köpfe über einer Seekarte zusammensteckten. Alea ging ganz langsam, um den Augenblick auszukosten, in dem sie Lennox unbemerkt betrachten konnte. Er trug ein schwarzes T-Shirt, das seine muskulösen Arme besonders gut zur Geltung brachte. Die dunklen Haare hingen ihm tief in die Stirn und verliehen ihm diesen ganz speziellen verwegenen Ausdruck …

Da hob er den Blick und sah sie mit seinen azurblauen Augen an. Sein schöner Mund lächelte. Alea lächelte zurück.

Stöhnend warf Ben den Kuli, mit dem er gerade noch Gradzahlen eingetragen hatte, auf die Seekarte. »Wenn ich störe, sagt mir Bescheid«, beschwerte er sich, grinste aber dabei.

Alea lachte ein wenig zu laut. »Nein, schon gut.« Etwas linkisch stand sie vor der Tür zum Deckshäuschen. »Seid ihr schwer beschäftigt, oder können wir proben? Sammy und Tess holen schon ihre Instrumente.«

Lennox stand auf. »Gute Idee. Den Kurs für morgen können wir auch später noch berechnen«, sagte er und ging an Alea vorbei. Dabei strich seine Hand an ihrer entlang, und in ihr zuckte ein Blitz auf, der ihr mitten ins Herz knallte. »Ich hole meine Gitarre.« Schon war er fort.

Alea stand mit heißen Wangen da. Sie war innerhalb von Sekunden knallrot geworden.

Ben fächerte ihr mit einem Blatt Papier Luft zu. »Einfach weiteratmen. Immer schön ein und aus …«

Alea schob seine Hand weg. »Ich bin okay!« Gequält lächelte sie. Sie war eine absolute Lachnummer – so offensichtlich bis über beide Ohren verknallt, dass es einfach nur peinlich war.

Ben schenkte ihr ein beruhigendes Großer-Bruder-Lächeln. »Ich lache dich nicht aus. Ich bin eigentlich eher neidisch auf euch zwei. Verliebt sein ist … schön.« Etwas hastig wandte er sich ab, stellte den Autopiloten an und verließ das Deckshäuschen, um seinen Bass zu holen.

Fünf Minuten später waren die Jungs schon wieder an Deck und machten es sich mit ihren Instrumenten in der Sitzecke am Heck bequem. Kurz darauf brachte Tess Aleas Gläser auf einem Tablett nach oben und stellte sie auf dem Tisch ab.

»Du bist ein Schatz«, bedankte sich Alea. Dann erschrak sie. Durfte sie so etwas überhaupt zu Tess sagen? Schnell setzte sie sich und fing an, ihre Gläser zu stimmen.

Kurz darauf waren sie bereit. Ben zählte an, und sie rockten los. Alea spielte erst ab der zweiten Strophe mit, und so konnte sie zunächst zuhören und die anderen beobachten. Sammy war ein verdammt guter Drummer. Er drosch mit einer enormen Spielfreude und mit untrüglichem Rhythmusgefühl auf seine Cajón ein. Zur Unterstützung stampfte er mit seinen nackten Füßen auf den Boden, sodass die alten Balken der Crucis ächzten.

Ben war eigentlich Gitarrist, aber als Lennox an Bord gekommen war und sich als Naturtalent entpuppt hatte, war Ben auf den Bass umgeschwenkt. Den spielte er ebenfalls sehr gut, doch bei ihren Straßenauftritten war es wohl vor allem Bens Aussehen, das Aufmerksamkeit auf sich zog. Ben war groß, sportlich, immer braun gebrannt und hatte eine Frisur, die eines Rockstars würdig war.

Für Lennox war seine Gitarre über viele Jahre sein bester Freund gewesen, und es verging kein Tag, an dem er nicht spielte. Seine Riffs und Soli waren einfach fantastisch, und Alea platzte immer beinahe vor Stolz, wenn er vor einer Menschenmenge seine Flitzefinger über den Gitarrenhals jagen ließ.

Jetzt begann Tess zu singen. Tess, der geborene Superstar. So zumindest empfand es Alea. Wenn Tess sang, bekam sie jedes Mal eine Gänsehaut. Diese ausdrucksstarke, kratzige Rockröhre ging einem durch Mark und Bein. Im Alltag versuchte Tess sich meist hinter einer Maske aus Unantastbarkeit zu verstecken, aber in die Musik legte sie all ihr Gefühl und wirkte vielleicht gerade dadurch stärker denn je. Außerdem spielte Tess ziemlich gut Akkordeon, und der Klang dieses Instruments machte den Sound der Alpha Cru ungewöhnlich. Vielleicht waren es aber auch Aleas Gläser, die mit ihrer zart verträumten, beinahe mystischen Klangfarbe etwas in ihre Musik einbrachten, was man in dieser Art wohl noch nicht oft gehört hatte.

Nun kam ihr Einsatz. Alea spuckte sich auf die Fingerspitzen und ließ sie geübt über die Gläserränder gleiten. Sie fügte sich perfekt in die Band ein. Nicht zum ersten Mal überkam sie dabei das Gefühl, dass die Mitglieder der Alpha Cru auf irgendeine Weise über sich selbst hinauswuchsen, wenn sie gemeinsam spielten. Sie waren dann nicht mehr nur fünf einzelne Herzschläge, sondern einer – ein einziger starker Herzschlag, in dem die ganze Macht der Musik zu liegen schien.

Viel zu rasch war das Lied zu Ende. »Sofort das nächste!«, bat Alea, die noch lange nicht genug hatte. In den Gesichtern der anderen erkannte sie, dass es ihnen genauso ging.

Sammy schob den alten Strohhut zurück, den er meist beim Musizieren trug. »Oder wir schreiben zusammen einen Song!«

Darüber hatten sie tatsächlich schon öfter gesprochen, es aber noch nie probiert. Tess war eine geübte Songwriterin, die anderen besaßen hingegen noch nicht so viel Erfahrung damit. Nur Alea hatte schon einmal zusammen mit Tess ein Lied geschrieben, Zu dir, und obwohl sie mit dem musikalischen Ergebnis sehr zufrieden war, hatte die ganze Sache ein riesiges Missverständnis zwischen ihr und Tess heraufbeschworen.

»Wir sollten das langsam echt mal machen«, fand Ben.

»Wird sicher nicht so leicht«, wandte Lennox ein.

Tess widersprach ihm. »Du kannst das bestimmt, Scorpio.«

Lennox stutzte, ging aber nicht auf Tess’ Kommentar ein. »Komponieren ist ’ne Kunst«, sagte er zu Ben.

Tess schnitt eine Grimasse. In den vergangenen Tagen hatte sie sich sehr darum bemüht, nett zu Lennox zu sein. Wegen des Missverständnisses war er ziemlich sauer auf sie, und Tess versuchte die Wogen zu glätten. Lennox ließ sie allerdings meist ungerührt abblitzen.

Alea sah, dass es Tess verletzt hatte, von Lennox wieder einmal wie Luft behandelt zu werden. »Ich finde auch, dass wir es versuchen sollten«, sagte sie deshalb zu ihr.

Zaghaft lächelte Tess. »Bon.« Sie setzte sich aufrecht hin. »Worum soll es in unserem Lied gehen?«

»Um uns!«, war Sammys umgehende Antwort. »Darum, dass wir die weltweit beste Straßenband sind!« Er sprang auf. »Weltbestband!«

»Gar keine üble Idee«, stimmte Ben zu. »Es wäre nicht schlecht, sich zur Abwechslung mal wieder auf die schönen Sachen zu konzentrieren.« Damit spielte er wohl auf Doktor Orion an. Aber daran wollte Alea jetzt nicht denken.

»Ja!«, rief sie. »Schreiben wir darüber, wie es ist, in dieser Band zu sein!«

»Es ist magisch!«, flüsterte Sammy geheimnisvoll und nickte, als wollte er sich selbst beipflichten. »Das Wort Magie muss unbedingt im Text vorkommen. Und an irgendeiner Stelle will ich Eyo-Ba-Ba-Eyo singen.«

»Eyo-Ba-Ba-Eyo?«, staunte Alea.

»Das klingt doch hammer, oder?« Sammy strahlte, und Alea wuschelte ihm durch die Haare.

»Warum nicht.« Tess zuckte mit den Schultern. »Machen wir’s.«

Und so machten sie es. Sammy gab einen Rhythmus vor, und Tess spielte drauflos. Ben stieg ein und schließlich auch Lennox und Alea. Dann tüftelten sie herum, diskutierten, verbesserten, feilten, schrieben einen Text. Und schließlich war ihr erster eigener Song fertig, und sie spielten das Lied zusammen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Sie hätten es bestimmt auch noch ein paar weitere Male gespielt, wenn nicht plötzlich zwei Möwen auf dem Deck gelandet wären.

Als Tess die Vögel sah, zuckte sie zusammen und duckte sich. Sie hatte fürchterliche Angst vor Möwen, denn als Kind war sie einmal von einer angegriffen worden, die ihr fast das linke Auge ausgehackt hatte.

Alea und die anderen sprangen sofort auf und begannen mit dem Möwenvertreibungsprogramm. Sie wedelten mit den Armen und schrien herum, bis die beiden Tiere davonflogen. Am Himmel kreisten jedoch noch mehr.

Bens Miene verdunkelte sich. »Da stimmt was nicht«, murmelte er. »Wieso sind so weit draußen auf dem Meer so viele Vögel unterwegs?«

»Die dahinten sind ziemlich aufgeregt.« Sammy wies zum Horizont. Dort flogen tatsächlich unzählige Vögel wild durcheinander.

Lennox’ Augen verengten sich. »Das sieht aus, als würden sie vor etwas fliehen«, sagte er alarmiert und lief zum Deckshäuschen. Mit zwei flinken Sprüngen war er auf dem Dach und von dort aus mit einem Satz am Hauptmast. In Windeseile kletterte er daran hoch.

»Alter …«, stieß Sammy beeindruckt hervor.

Oben hielt Lennox nach dem Ausschau, was die Vögel aufgescheucht haben könnte. »Verdammt!«, fluchte er. »Hubschrauber!« Er flog geradezu vom Mast herunter und landete geschmeidig wie eine Katze auf den Planken.

Alea hatte aber keine Zeit, ihn dafür anzuhimmeln. »Orions Hubschrauber?«, keuchte sie. Kurz nach ihrer Flucht hatten Doktor Orion und seine Leute das Meer schon einmal aus der Luft nach ihnen abgesucht.

Im nächsten Augenblick hörten sie schon das Geräusch der Rotorblätter. Ben rannte nach Steuerbord zur Reling. Von dort schien es zu kommen. Und dann sahen sie sie. Zwei Helikopter näherten sich. Sie flogen dicht über dem Wasser.

»Mein Gott …« In Bens Gesicht spiegelte sich blanke Angst. »Es sind wirklich Orions Leute!«

»Woher weißt du das?«, rief Tess.

Ben schrie fast. »Die haben ein Netz zwischen sich!«

Alea gefror das Blut in den Adern. Jetzt sah sie es auch. Die beiden Hubschrauber hatten zwischen sich ein riesengroßes Netz gespannt, das sie über die Wasseroberfläche zogen. Als wollten sie etwas fangen. Etwas Unsichtbares.

»Die wollen die Crucis damit erwischen!«, gellte Tess.

Ben fuhr zu ihnen herum. »Wendemanöver! Motor an!« Sie mussten so schnell wie möglich hart nach Backbord drehen, denn die Hubschrauber kamen direkt auf sie zu. »Alle hören auf mein Kommando!«, donnerte er mit der ganzen Autorität eines Kapitäns. »Draco, Motor! Taurus und Aquarius, Vorsegel! Scorpio, Verteidigung!«

Sie verloren keine Sekunde. Ben rannte zum Deckshäuschen, Sammy zum Motor, Alea und Tess zum Segel, und Lennox sprang mit erhobenen Fäusten auf die Reling am Bug, als wollte er sagen: Kommt nur her!

Sobald Ben hinter dem Steuerrad stand, brüllte er: »Klar zur Wende!«

Tess und Alea hatten bereits die Schot von der Klampe gelöst und hielten das Seil des Vorsegels. »Ist klar!«

Der Motor fing an zu rattern. »Motor läuft!«, schrie Sammy.

Ben riss das Steuer herum. Das Schiff schwankte und fuhr hoch am Wind. Jetzt musste die Crucis beweisen, dass sie etwas aushalten konnte.

Mit aller Kraft hielten Tess und Alea das Seil, bis das Segel umschlug und das Schiff sich in die neue Richtung drehte. Gleich darauf schlug auch das Hauptsegel um.

Alea sah die Hubschrauber herankommen, das Netz wie ein weit geöffnetes Maul zwischen sich. Nur noch wenige Augenblicke, dann würden sie hier sein.

Ben lenkte mit aller Kraft, und die Crucis wendete vollständig nach Backbord.

Die Helikopter flogen unaufhaltsam näher. Und dann waren sie da. Mit ohrenbetäubendem Lärm dröhnten sie über sie hinweg – hinter ihnen vorbei. Denn das Netz verfehlte das Heck der Crucis um Haaresbreite.

Alea riss den Kopf herum und sah hinauf. Im rechten Hubschrauber erkannte sie Orion. Doktor Aquilius Orion. Konzentriert suchten seine Augen das Meer ab, und doch hatte er keine Ahnung, dass sie sich direkt unter ihm befanden.

Das nette Gesicht des Doktors mit der harmlosen Brille ließ Wut in Alea hochkochen. »Wir sind hier!«, brüllte sie gegen den Hubschrauberlärm an. »Ha, du siehst uns nicht!«, schrie sie voll Zorn dem Mann zu, der sie belogen, betrogen und verraten hatte. Dem Mann, der schuld am Untergang einer ganzen Zivilisation war. Dem Mann, der ihre Mutter getötet hatte. »Du kriegst uns nicht!«, schrillte sie und war wie von Sinnen. »Du kriegst uns nicht!«

Da war Lennox bei ihr und hielt sie fest. Sobald er sie umarmte, brach Alea zusammen und begann haltlos zu weinen.

Die Hubschrauber entfernten sich, wurden immer leiser, bis schließlich nur noch das Rauschen der Wellen und das Kreischen der aufgebrachten Möwen zu hören war.

Alea weinte in Lennox’ Armen. Mit einem Mal brach die ganze zurückgehaltene Angst der vergangenen Tage aus ihr heraus und entlud sich in schnellen, zuckenden Schluchzern.

Sammy liefen ebenfalls Tränen übers Gesicht.

Tess wirkte wie erstarrt.

Ben ließ sich schwer auf einer Kiste nieder. »Das war … so was von knapp.«

»Aber wir haben es geschafft«, entgegnete Lennox mit fester Stimme. »Wir sind entkommen.« Er klang stark. Ungebrochen.

Alea schloss die Augen und nahm sich ein Stück von Lennox’ Mut. Zitternd atmete sie durch und wischte ihre Tränen fort.

»Orion hat uns zum dritten Mal nicht erwischt«, fügte Lennox grimmig hinzu. »Und er wird uns niemals kriegen. So wahr ich Lennox Scorpio heiße!«

»So wahr wir die Alpha Cru sind!«, sagte Alea und richtete sich auf. Sie hatte genug geweint. Entschlossen streckte sie die Hand nach vorn.

Lennox legte seine darüber. Tess, Ben und Sammy kamen zu ihnen, einer nach dem anderen. Dann streckten auch sie ihre Hände vor.

Im Wind des Nordmeers erklang ihr Bandenruf laut und herausfordernd, so als wollten sie damit nicht nur Doktor Orion, sondern auch ihre eigene Angst bezwingen. »Alpha Cru!«

Alea eilte durch die Bordtür nach unten, nahm die steile Treppe mit einem Satz, lief an der Küchennische und dem kleinen Bad vorbei und steuerte auf das Bücherregal im Salon des Schiffs zu.

»Was suchst du?«, hörte sie Lennox fragen, der ihr gefolgt war.

»Das antike Buch über Sternbilder. Das, mit dem wir unsere Bandennamen bestimmt haben«, erwiderte sie, während sie mit dem Finger an den Buchrücken entlangglitt.

»Hier ist es!«, sagte Ben, der auch nach unten gekommen war und nun mit einer gezielten Bewegung ein dickes Buch aus dem Regal zog.

Tess und Sammy betraten ebenfalls den Salon. »Was ist denn mit dem Buch?«, wollte Sammy wissen.

»Orion ist doch auch ein Sternbild, so wie Aquarius, Scorpio und so weiter«, erklärte Alea, während sie zu blättern begann. »Ich frage mich, ob die mythologische Bedeutung des Orion genauso harmlos ist wie sein Aussehen.«

»Warum?«, hakte Tess nach und ließ sich neben Sammy auf einem der beiden Sofas nieder. Sie sah noch immer mitgenommen aus. Nur um Haaresbreite waren sie Orion entwischt.

»Wir dürfen nichts übersehen«, gab Alea murmelnd zur Antwort.

Ben nahm ihr das Buch sanft aus der Hand. »Du verstehst doch kein Latein.«

Tatsächlich war das ganze Buch in Latein verfasst. Zum Glück war das eine der acht Sprachen, die Ben beherrschte. Rasch hatte er die richtige Seite gefunden und fing an zu übersetzen: »Der griechische Halbgott Orion brüstete sich damit, der beste und gefährlichste Jäger der Welt zu sein …«

»Jäger?«, wiederholte Tess erschrocken.

»Orion ist das Sternbild des Jägers?«, japste Alea.

»Ja.« Ben wirkte ernst, aber da war auch ein erstauntes Funkeln in seinen Augen. »Hier steht, wie Orion starb.«

»Wie starb er denn?«, fragten Alea und Sammy wie aus einem Munde.

»Er wurde durch den Stich eines Skorpions getötet.«

Alle starrten Ben ungläubig an.

Ein Lächeln huschte über Lennox’ Gesicht. »Der Überlieferung nach erledigt der Skorpion Orion?«

»Ja.« Ben übersetzte einen weiteren Satz aus dem Buch. »Zeus versetzte Orion und den Skorpion daraufhin als Sternbilder an den Himmel, wo sie seitdem auf ewig gegeneinander kämpfen.«

»Wie gemein«, sagte Sammy. »Da dachte der Skorpion, er hätte Orion beseitigt, und dann war’s das doch noch nicht.«

»Der Skorpion ist das Sternbild des Kriegers«, warf Ben ein. »Er kann gar nicht aufhören zu kämpfen.«

Tess schnaufte geräuschvoll. »Vielleicht hat das alles aber auch gar nichts zu bedeuten.« Sie sah aus, als hoffte sie nichts mehr als das. »Es könnte doch auch Zufall sein, dass die Bedeutungen irgendwie auf all das passen, was uns passiert.«

»Nee, das ist Schicksal!«, hielt Sammy dagegen. »In Aleas Bandenname steckt ja sogar die ganze Prophezeiung drin! Aquarius, der Wassermann, hat die Sintflut überlebt und wird zum Stammvater der neuen Menschen. Wie Alea! Sie hat den Virus überlebt, an dem fast alle anderen gestorben sind, und sie träumt davon, die Meerwelt wiederaufleben zu lassen!«

»Ja, ja, weiß ich doch«, wehrte Tess ab.

»Selbst dein eigener Bandenname hat mit Orion zu tun, Tess«, sagte Ben.

Alea horchte auf. »Taurus, der Stier?«

Tess verschränkte die Arme. »Die Mythologie zu meinem Namen ist doch langweilig – Zeus sandte einen Stier, der die schöne Europa auf seinem Rücken bis ins Mittelmeer brachte«, leierte sie die Bedeutung herunter.

»Ja, aber das Sternbild Stier liegt nördlich des Orion«, erklärte Ben. »Ihm wird nachgesagt, dass es aussieht, als würde der Stier mit gesenkten Hörnern auf den Orion losgehen.«

»Was? Nein!«, rief Tess. Dann sackte sie plötzlich zusammen. »Ich bin doch nur ich«, presste sie hervor. »Ich gehe bestimmt nicht auf einen Gangsterboss los …«

»Eines Tages vielleicht schon«, entgegnete Sammy.

»Aber das ist doch Irrsinn!« Tess schüttelte den Kopf. »Das alles! Ich meine … Ich bin wegen der Scheidung meiner Eltern von zu Hause ausgerissen und wollte … mal raus aus dem ganzen Mist, dem Stress und der Hetze. Ein bisschen frei sein, mehr nicht! Und jetzt werden wir von Verbrechern gejagt, und … wie sagt man … wir lesen in Sternbilder irgendwas hinein. Das ist verrückt!«

»Wir haben alle Angst«, versuchte Alea sie zu beruhigen.

»Ja, ich habe Angst!«, rief Tess. »Und ihr habt mir doch geraten, es immer zu sagen, wenn ich Angst habe!« Das stimmte, aber bisher hatte Tess das nur selten gemacht. Eine kleine Pause entstand. »Kann ich überhaupt jemals nach Hause zurück?«, fragte Tess, und nun schwankte ihre Stimme. »Meine Eltern haben mir inzwischen zwar erlaubt, bis zum Schulstart im September auf der Crucis zu bleiben. Aber was, wenn Orion meine Adresse recherchiert hat und dort auf mich wartet?«

Alea lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Aufgewühlt sprach Tess weiter: »Ich kenne Orions Geheimnisse doch auch! Er würde mich nicht einfach unbehelligt mein ganz normales Leben weiterleben lassen, oder?«

Alea hatte auch schon darüber nachgedacht. Es stimmte. Weder Tess noch sie selbst konnten nach Hause zurückkehren. Orion würde sie dort sofort schnappen.

»Das heißt, ich kann nie wieder zu meinen Eltern zurück.« Eine einzelne Träne glänzte in Tess’ Augenwinkel. »Ich muss jetzt für immer vor Orion davonlaufen.«

Alea hätte Tess am liebsten in den Arm genommen, tat es aber nicht, denn das war noch schlimmer, als sie »Schatz« zu nennen. Tess war aber sowieso kein Knuddeltyp. Als Sammy sich nun an sie kuschelte, schob sie ihn weg.

»Wir werden nicht unser ganzes Leben lang vor Orion weglaufen«, erklärte Lennox. »Das ist nicht der Plan.«

»Was ist denn der Plan?«, fragte Tess tränenerstickt.

Lennox antwortete ruhig, aber bestimmt: »Wir kämpfen gegen ihn. Wir besiegen Orion.«

Tess nickte müde, als hätte sie von Scorpio, dem Krieger, nichts anderes erwartet. Doch sie selbst war wohl keine Kriegerin. »Ich brauche Musik«, sagte sie und blickte sich um, als suchte sie ihren MP3-Player. Alea hatte schon öfter beobachtet, dass Tess ihre Lieblingssongs wie Rettungsringe benutzte. Im mächtigsten Sturm war es die Musik, die verhindern konnte, dass sie unterging.

Ben schaltete kurzerhand das alte Radio ein, das in der Ecke des Salons stand. Es lief ein trauriges Lied, das Tess sehr mochte und das jeder kannte. Leise begann Tess mitzusingen. Schließlich sangen sie alle mit, und Alea hatte das Gefühl, dass auch ihre eigene Angst dadurch ein bisschen kleiner wurde.

Der Song war vorüber, nun kamen die Nachrichten. Ben wollte schon ausschalten, als der Sprecher sagte: »Auf dem Nordmeer wurden heute Dutzende von Hubschraubern mit seltsamen Netzen gesichtet, die das gesamte Gebiet um die Färöer-Inseln abzusuchen scheinen. Noch ist unbekannt, was es damit auf sich hat …«

Als die nächste Meldung kam, schaltete Ben das Radio aus. »Nicht nur zwei, sondern Dutzende von Hubschraubern!«

»Orion nimmt in Kauf, dass die Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam wird«, stellte Lennox besorgt fest. »So dringend will er uns kriegen.«

»Ohne unsere Tarnung hätte er uns längst erwischt«, bemerkte Tess und wischte sich über die roten Augen.

»Ich frage mich, ob Cassaras uns finden kann«, sprach Alea einen Gedanken aus, den sie seit Tagen für sich behalten hatte. Sie hatte niemanden unnötig beunruhigen wollen, aber sie kam, was diesen Mann anging, allein einfach nicht weiter.

»Cassaras?« Lennox spuckte das Wort aus, als wäre es schmutzig. »Der Verräter.«

Alea widersprach nicht, denn diese Bezeichnung stimmte wohl. Cassaras, der Mischlingssohn der Nixenkönigin Haruko, hatte seine Mutter verraten, als diese ihm ihren silbernen Umhang nicht hatte vererben wollen. Der Umhang besaß große Macht. Wer ihn anlegte, konnte damit einen Blick in die Zukunft werfen und die wahrscheinlichsten Versionen der kommenden Ereignisse erfahren. Haruko hatte mithilfe des Umhangs Alea in der Zukunft gesehen und erkannt, dass es genau diese Elvarion war, die die Ozeane retten könnte. Doch sie sah auch, dass Alea Hilfe brauchen würde. Die Chancen auf Sieg oder Niederlage schwankten. Deshalb entschloss Haruko sich, Alea den Umhang zukommen zu lassen, damit er ihr von Nutzen sein konnte. Die Nixenkönigin hatte ihn schon vor vielen Jahren zur Crucis gebracht, sodass Alea ihn dort eines Tages finden würde. Harukos Sohn Cassaras wollte den Umhang jedoch für sich selbst und hatte seiner Mutter einen Silberknopf stehlen können, bevor sie zur Crucis aufbrach, den Umhang dort zurückließ und für immer verschwand. Der Knopf – oder vielmehr der Rilling – zeigte wie ein Kompass immer dorthin, wo die Crucis sich gerade befand. Damit war Cassaras in der Lage, das Schiff jederzeit auszumachen und außerdem kleine Schnipsel aus der Zukunft zu sehen. Den Umhang fand er dennoch nie. Sammys und Bens Mutter hatte ihn zwischenzeitlich mit an Land genommen und sich an Karneval damit verkleidet. Einem Landgänger offenbarte sich die Zukunft aber nicht, wenn er den Umhang anlegte, und so war niemandem je aufgefallen, welche Macht in ihm lag. Und Onkel Oskar war vor einem halben Jahr mit dem Umhang nach Tibet gereist und hatte ihn dort verkauft, als sein Geld einmal knapp gewesen war. Inzwischen suchte Oskar jedoch nach dem magischen Gewand und setzte alles daran, es zurückzubekommen.

Alea seufzte. Wenn sie das alles früher erfahren hätte, hätte sie sich vielleicht nicht noch einmal so entschieden wie in der Villa Konungur. Dort hatte Cassaras ihnen geholfen zu fliehen, doch nur im Gegenzug für das Versprechen, dass Alea ihm den Umhang ohne Widerstand geben würde, sobald dieser auftauchte …

Lennox sagte gerade: »Cassaras hat sich zuerst gegen die Nixen gestellt – sein eigenes Volk! – und sich dann Doktor Orion angeschlossen. Und als er uns bei der Flucht geholfen hat, ist er damit Orion in den Rücken gefallen. Er ist ein doppelter Verräter!«

»Cassaras hat doch diesen Rilling«, erinnerte Alea Lennox gedankenvoll. »Und er hat gesagt, dass er die Crucis jederzeit damit finden kann. Die Frage ist nur, ob das auch funktioniert, wenn das Schiff getarnt ist.«

»Falls er uns auch unter Tarnung finden könnte, hätte er uns doch längst an Orion verpfiffen«, gab Ben zu bedenken.

»Bist du dir da so sicher?«, fragte Alea. »Cassaras will doch vor allem den Umhang. Wenn Orion uns schnappt, bevor ich den Umhang bekommen habe, hat Cassaras gar nichts davon.«

Cassaras’ Dreizackpfeil, den er bei ihrer Flucht in die hölzerne Sitzbank ihres Beibootes geschossen hatte, befand sich direkt vor ihnen auf dem Couchtisch. Wie ein Mahnmal lag er seit Tagen hier und erinnerte Alea daran, dass sie einen Deal mit Cassaras geschlossen hatte.

Der Legende nach würde der Umhang von selbst zu der Elvarion finden, sobald die Zeit reif war. Sie sollte sich nicht auf die Suche nach ihm machen. Ob Onkel Oskar den Umhang finden würde und er auf diesem Weg zu ihr kam?

Alea hatte Oskar noch nie persönlich getroffen, aber sie war froh, dass ein Erwachsener auf ihrer Seite war. Am besten wäre es natürlich gewesen, wenn sie einen erwachsenen Meermenschen als Verbündeten gehabt hätten, der sich mit Nixenlegenden, Prophezeiungen und Umhängen auskannte. Alea spürte einen Stich im Herzen, als sie sich fragte, ob ihr Vater ihr wohl hätte helfen können. Wo war er jetzt? Die Kolonie der schwermütigen Überlebenden war aufgegeben worden. Aber wohin war Keblarr gegangen, nachdem er mit Ramin aus Orions Fängen geflohen war? Zu seinen Freunden in diese isländische Stadt, deren Namen Alea nicht aussprechen konnte? Würde sie überhaupt jemals erfahren, was aus ihm geworden war?

Alea presste die Lippen aufeinander. Obwohl sie sich anfangs nicht besonders gut mit ihrem Vater verstanden hatte, glaubte sie, dass es anders wäre, wenn sie sich wiederbegegnen würden. Er hatte sich verändert. Sie hatte es in der Villa Konungur in seinen Augen gesehen. Nach elf Jahren Dämmerschlaf war er aufgewacht.

Alea fasste sich ans Herz, denn es tat weh. Sie vermisste Keblarr. Auf merkwürdige Weise vermisste sie aber auch ihre Mutter, die vor elf Jahren an dem Virus gestorben war und an die sie sich nicht erinnerte, gleichgültig wie sehr sie es auch versuchte.

Wie zum Schutz zog sie die Schultern hoch. Wenn man von einem gemeingefährlichen Mann gejagt wurde, war es wahrscheinlich normal, sich nach seinen Eltern zu sehnen. Sie wären die besten Verbündeten gewesen, die man sich nur hätte vorstellen können.

Plötzlich sehnte Alea sich mehr denn je nach ihrer Pflegemutter Marianne. Sie wäre sicher keine Unterstützung im Kampf gegen einen Verbrecher gewesen. Aber sie hätte Alea so fest an sich gedrückt, dass sie für einen Augenblick alle Sorgen hätte vergessen können …

Tess riss Alea aus ihren Gedanken. »Meint ihr, meine Eltern sind in Gefahr?«, fragte sie. »Wäre es möglich, dass Orion sie …« Der Satz blieb unvollendet.

Ben setzte sich neben Tess aufs Sofa. Er sagte nichts, saß einfach nur bei ihr.

»Ich versuche noch mal, Marianne anzurufen«, erklärte Alea unvermittelt und ging in die Mädchenkajüte. Hier teilte sie sich mit Tess ein Stockbett. Tess schlief oben, Alea unten. Die Kajüte war sehr klein, und eigentlich passte außer dem Bett nicht viel anderes hinein. Dennoch brachte Alea es fertig, hier ständig Chaos zu verbreiten. Und Tess versuchte vergeblich, Ordnung zu halten.

Nach ihrem Handy musste Alea jedoch nicht lange suchen. Es lag auf ihrem Bett. Darunter hatte sie ein sauberes Handtuch platziert. Das hatte sie deshalb getan, weil an ihrem Handy ein Skorpionfisch klebte. Und der nässte ein wenig.

Es war Lennox’ Idee gewesen. Als Alea nach ihrer Flucht ihre Pflegemutter hatte anrufen wollen, hatte er sie gewarnt, dass Orion vielleicht ihr Handy abhörte. Sie hatte aber trotzdem anrufen wollen, da sie sich große Sorgen um Marianne machte. Diese hatte vor ein paar Wochen einen Herzinfarkt gehabt und erholte sich nur sehr schlecht. Lennox hatte einen Skorpionfisch gerufen und an Bord gebracht – ein grummelmäuliges magisches Wesen, das sie mit schwarzen Augen anglupschte und das sich offenbar problemlos außerhalb des Wassers aufhalten konnte. Alea hatte sich höflich vorgestellt, aber der Fisch hatte natürlich nicht reagiert. Das taten Skorpionfische nie. Sie waren von allen Magischen, die Alea bisher getroffen hatte, die schweigsamsten. Als Lennox den Fisch aber bat, sich an Aleas Handy zu heften, um ihre Telefonate vor Abhörung zu tarnen, war das stachelige Ding seiner Bitte sofort nachgekommen. Mit einem Schmatzgeräusch hatte es sich an der Rückseite ihres Handys festgesaugt und war seitdem dort haften geblieben. Alea hatte sich in den vergangenen Tagen mehrfach bei dem magischen Tier erkundigt, ob es nicht irgendwann mal etwas fressen müsse, doch der Fisch hatte auch darauf nicht geantwortet.

Nun nahm sie das Handy vorsichtig hoch und wählte Mariannes Nummer. Seit Tagen hatte ihre Pflegemutter nicht abgenommen, und wenn Alea daran dachte, was passiert sein konnte, wurde ihr ganz schlecht.

Nicht gleich das Schlimmste denken, ermahnte sie sich. Sonst hat der Kopf Schiffbruch, bevor überhaupt Sturm aufkommt.

Sie lauschte dem Handyklingeln. Marianne nahm nicht ab. Wieder nicht.

Krampfhaft versuchte Alea ihre Angst zurückzuhalten. Vielleicht hatte Marianne ihr Handy nur verlegt? Doch was, wenn sie auch weiterhin nicht mit ihr sprechen konnte? Ihre Vereinbarung hatte ja gelautet, dass Alea zum Ende der Sommerferien nach Hause kommen und dann zu einer neuen Pflegefamilie ziehen sollte. Aber schon gestern war in Hamburg die Schule wieder losgegangen …

Alea legte das Handy wieder aufs Bett. »Danke«, sagte sie zu dem Fisch, obwohl er bisher noch keine Verbindung hatte tarnen müssen. Aber es war sehr nett, dass er überhaupt bereit war, das außerhalb des Wassers zu tun. Sie wussten nicht genau, wie mächtig Orion wirklich war oder wie weit sein Einfluss reichte. Sie mussten jedoch überaus achtsam sein und immer den Fall der Fälle mitbedenken.

Da hatte Alea plötzlich eine Idee. Einen Moment lang stand sie mit großen Augen da, dann stürmte sie zurück in den Salon. Lennox und Ben, die auf dem Sofa saßen, hoben die Köpfe. »Kannst du uns Selbstverteidigung beibringen, Lennox?«, platzte Alea heraus. »Ich meine … für den Fall der Fälle?«

»Selbstverteidigung?« Verwundert hob Lennox die Brauen. Dann stand er auf. »Ja, das ergibt Sinn …« Er drehte sich um und eilte nach oben. »Kommt mit!«

Ben und Alea folgten ihm. Oben rief Lennox nach Sammy und Tess, die gleich zu ihnen kamen. »Alea hat eine gute Idee.« Auffordernd schaute Lennox sie an.

»Ähm, ja«, bestätigte Alea. »Ich dachte, es wäre gut, wenn Lennox uns zeigen könnte, wie man einen Angreifer abwehrt.«

Sammy lachte. »Schneewittchen will Kung-Fu lernen!«

»Wegen Orion?«, fragte Tess mit gerunzelter Stirn. »Falls er die Crucis doch entdeckt?«

»Ja, es könnte doch sein, dass wir Orion oder seinen Leuten irgendwann wiederbegegnen …«, antwortete Alea und sah in den Gesichtern der anderen ihr eigenes Horrorgefühl gespiegelt. Doch gerade deswegen mussten sie sich vorbereiten!

Tess verschränkte die Arme. »Also, ich will niemanden schlagen.«

»Ich eigentlich auch nicht«, sagte Sammy. »Aber wenn uns noch mal solche Finsterlinge wie in der Villa Konungur begegnen sollten, würde ich schon gern verhindern können, dass die mich umhauen.«

»In Ordnung.« Lennox überlegte kurz. Alea wusste, dass er nie eine bestimmte Kampfsportart gelernt hatte. Er kämpfte ganz instinktiv. »Ich zeige euch ein paar Verteidigungstechniken«, sagte er, und dann erklärte er ihnen, wie sie einen Schlag abwehren konnten.

»Das muss ich gleich mal ausprobieren.« Ben wandte sich an Sammy. »Greif mich mal an!«

Sammy stürzte sich auf Ben, der ihn genauso abwehrte, wie Lennox es ihnen gezeigt hatte. Zwar war Ben sehr behutsam mit seinem kleinen Bruder, aber wenige Sekunden später lag Sammy auf dem Rücken.

»Jetzt ich!« Sammy sprang auf und wappnete sich für Bens Angriff.

Während die Brüder kämpften, blickte Tess Alea unsicher an. »Sollen wir beide es auch mal versuchen?«

Bevor Alea antworten konnte, erwiderte Lennox in bestimmtem Ton: »Alea kann mit mir üben.«

Tess wich zurück. Ein paar Zentimeter nur, aber es war, als hätte Lennox sie mit seinen Worten fortgedrängt.

Ben hatte es wohl gesehen. Er stupste Tess an. »Wirf mich mal um!«, forderte er sie auf, und Tess übte nun mit den Brüdern.

Alea wandte sich Lennox zu. Der ging in Position. Alea wartete aber nicht lange auf seinen Angriff. Stattdessen machte sie eine Drehung und trat ihm mit dem vollen Schwung der Bewegung gegen den Oberschenkel.

Lennox taumelte rückwärts.

»Das gibt’s ja gar nicht!«, schrie Sammy. »Habt ihr das gesehen? Schneewittchen ist eine Kampfmaschine!«

Verdattert hielt Lennox sich an der Reling fest. Mit einem solchen Tritt hatte er wohl nicht gerechnet.

»Ich dachte, dass ich dich nicht schonen muss …«, versuchte Alea zu erklären. »Hab ich dir wehgetan?«

»Nein.« Lennox kam wieder näher. »Du musst mich auch nicht schonen. Ich hatte nur nicht mit einem Angriff gerechnet. Aber okay. Mach noch mal!«

Alea spannte die Glieder und griff ihn erneut an. Diesmal allerdings nicht mit dem Fuß, sondern mit einem festen Handkantenschlag gegen seinen rechten Arm.

Lennox’ Augen blitzten überrascht auf.

Sammy, Tess und Ben applaudierten.

»Kung-Fu-Schneewittchen!«, jubelte Sammy.

Verlegen lächelte Alea. »Dann greif du mich jetzt an«, schlug sie Lennox vor. »Mal sehen, ob ich dich abwehren kann.«

Lennox straffte sich, dann versuchte er sie umzuwerfen. Zuerst verlagerte sie ihr Gewicht genau so, wie er es erklärt hatte, aber dann ging sie doch zu Boden.

»Das war schon gut, aber …« Lennox erläuterte ihr, was sie noch besser machen konnte, und sie versuchten es gleich noch einmal.

Während die anderen wieder zu dritt trainierten, kämpften Alea und Lennox miteinander. Dabei stellte Alea fest, dass es nicht nur sehr vernünftig war, Selbstverteidigung zu lernen. Sie genoss auch den Körperkontakt mit Lennox. Auf einem kleinen Schiff wie der Crucis hatte ein verliebtes Paar nicht viele Möglichkeiten, ungestört zu sein, und bei diesen Übungen kam sie Lennox näher als in der gesamten vergangenen Woche. Als sie versuchte, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen, waren ihre Gesichter sich auf einmal ganz nah, und Alea merkte, wie gern sie ihn geküsst hätte. In Island hatten sie das bereits ein paarmal getan. Aber auf dem Schiff schien es ihr oft unangebracht. Vor allem, da es keinen Ort gab, an dem Tess nicht jederzeit auftauchen konnte, und Alea wollte sie nicht unnötig verletzen. Und das könnte sie mit solch einem Kuss doch, oder nicht? Alea wusste nicht, wie es ihrer Freundin damit ging, dass das Mädchen, in das sie verliebt war, einen anderen liebte. Brach es Tess jedes Mal das Herz, wenn sie und Lennox miteinander lachten? Oder wenn sie sah, wie intensiv sie miteinander kämpften …

Alea erwischte Lennox gerade mit einem gehörigen Tritt am Knie, und er schrie auf.

»Oh Mist! Das tut mir leid, ich –« Bevor Alea weitersprechen konnte, legte Lennox sanft seine Hand in ihren Nacken, zog ihren Kopf zu sich heran und küsste sie. »Ich bin so was von stolz auf dich, Kriegerin«, flüsterte er und küsste sie gleich noch einmal.

Alea begann zu grinsen, und sie spürte, dass Lennox auch grinste. In diesem Moment konnte sie nicht daran denken, wer es womöglich sah. Sie wollte nur, dass dieser Kuss niemals endete.

Alea stand am Bug, wie so oft. Es war früher Morgen, und die Sonne lachte blau gerahmt über dem Meer, das heute aussah wie ein vor Freude explodierter Regenbogen. Wehmütig seufzte Alea. Seit ihrem Ausflug zu den Ruinen der alten Unterwasserstadt Faramont vor über einer Woche war sie nicht mehr schwimmen gewesen. Wenn sie den Wellen zusah, tat ihr Körper vor Sehnsucht richtig weh. Doch das Risiko eines Tauchgangs durfte sie nicht eingehen. Nicht nur, dass sie die getarnte Crucis