Aleho-Ankunft - Sonja Girisch - E-Book

Aleho-Ankunft E-Book

Sonja Girisch

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Beschreibung

Planet Erde im Jahr 2117: Die Vestasi, Außerirdische aus einer fernen Galaxie, haben die Atmosphäre der Erde zerstört. Seitdem leben die Menschen in großen Siedlungen mit eigener Regierung. Jayna Caz ist zwanzig Jahre alt, als ein Raumschiff der Vestasi in ihre Siedlung stürzt und vier junge Männer aussteigen. Nach anfänglicher Feindschaft keimt eine Freundschaft zwischen den Menschen und den Vestasi auf, die jedoch nicht jedem gefällt. Denn im Hintergrund lauert ein gefährlicher Feind, der vor nichts zurückschreckt. Ihn zu enttarnen und zu verhindern, dass er sein hinterhältiges Ziel erreicht, steht an oberster Stelle. Verrat und Tod, aber auch Freundschaft begegnen den jungen Leuten und sie erfahren bald, dass alles noch viel größer ist, als sie anfangs angenommen haben. Der Auftakt der Chroniken von Vesta, deren Geschichten noch lange nicht zu Ende sind.

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Seitenzahl: 640

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: S-Alpha 3

Kapitel 2: Der Anhänger

Kapitel 3: Beziehungskrise

Kapitel 4: Der Absturz

Kapitel 5: Die Lebenden und die Toten

Kapitel 6: Genesung

Kapitel 7: Entkommen

Kapitel 8: Geschnappt

Kapitel 9: Spuren der Vergangenheit

Kapitel 10: Beobachtet

Kapitel 11: Schlägerei

Kapitel 12: Bestrafung

Kapitel 13: Wenn die Erde bebt

Kapitel 14: Erkenntnis

Kapitel 15: Eine ihres Volkes

Kapitel 16: Belauscht

Kapitel 17: Veränderungen

Kapitel 18: Unklarheiten

Kapitel 19: Der Plan

Kapitel 20: Auf dem Weg ins Verderben

Kapitel 21: Das Dach

Kapitel 22: In Gefahr

Kapitel 23: Ankunft

Kapitel 24: Auf fremdem Gebiet

Kapitel 25: Der Preis des Lebens

Kapitel 1: S-Alpha 3

Jayna

Planet Erde im Jahr 2117.

Die Welt ist durch einen fürchterlichen Krieg, der nun mittlerweile fast fünfzig Jahre zurückliegt, fast vollständig zerstört. Es war ein Krieg, wie ihn die Menschheit noch nie zuvor sah. Dieser Krieg forderte fünf Milliarden Leben.

Über die Hälfte der Menschheit wurde ausgerottet und nur ein kleiner Teil konnte sich in schützenden Orten, den sogenannten Siedlungen, retten. Niemand hätte es je gewagt, sich ein solches Szenario vorzustellen.

Es begann 2065, als erdfremde Wesen unseren Planeten angriffen. Sie hatten eine Waffentechnologie, wie wir sie uns nur hätten vorstellen können.

Riesige Raumschiffe von der Größe einer richtigen Kleinstadt schwebten überall herum und bombardierten unsere Erde.

Dabei mussten zu viele Menschen ihr Leben lassen. Für einen Krieg, den die Menschen diesmal nicht zu verantworten hatten. Bis dahin war noch völlig unklar gewesen, dass es auf einem anderen Planeten namens Vesta Leben gibt und noch dazu so hoch entwickeltes.

Der Angriff wütete nur kurze Zeit, da es niemanden gab, der sich ihnen in den Weg stellen konnte.

Wir waren machtlos.

Die gesamte Menschheit.

Am Ende des Krieges, als alles schon in Flammen stand und schon beinahe alle Menschen tot waren, landeten die vielen Schiffe auf unserer verbrannten Erde und stellten fremde Geräte auf. Sie bestanden aus einem massiven Metall, das es auf der Erde nicht gibt. Niemand von uns traute sich, herauszufinden, um was es sich dabei gehandelt hatte. Die Menschen hatten viel zu große Angst, dass es sie töten könnte.

Und so war es auch.

Die Schiffe waren damals schon längst weg und die überlebenden Menschen versuchten, eine Zuflucht zu finden. Innerhalb von wenigen Tagen wurde es schwer, zu atmen. Genau in diesem Augenblick wurde den Menschen klar, dass diese Geräte unsere Erdatmosphäre und damit den für uns lebenswichtigen Sauerstoff auflösten.

Die Menschen, die schlau genug waren, um vorzusorgen, retteten sich unter die Erde, wo sie genügend Sauerstoff gelagert hatten. Die anderen hatten Pech und erstickten oder verbrannten qualvoll.

Die Sonne, die damit ungehindert auf den Boden traf, verbrannte alles, was ihr in die Quere kam. Die Temperaturen stiegen um mehrere Grad Celsius und die Ozeane verdampften.

Während dieser Zeit errichteten die Menschen die Siedlungen, die eine Art Schutzhülle besaßen, welche die Menschen vor der Sonneneinstrahlung beschützte.

Zuerst waren sie nur wenige Quadratkilometer groß, doch dann wuchsen sie bis auf die 60-fache Größe an. Die Landesgrenzen verschwanden nach und nach, es gab keine Staaten mehr.

Kein Europa, keine Vereinigten Staaten, kein Afrika.

Die Siedlungen wurden zu eigenen Regierungen mit eigenen Gesetzen. Die Kommunikation zwischen ihnen brach bis auf Ausnahmen fast völlig ab und jeder lebte jetzt mehr oder weniger für sich selbst in seiner eigenen Siedlung. Und davon gab es wiederum verschiedene Arten.

Es gibt die Forschungssiedlungen, die nur allein zur Erforschung dienen. Die berühmteste Forschungssiedlung ist die R–Kappa 4 im Norden, dem früheren Sibirien.

Es gibt Siedlungen, die nur zum Wohnen gedacht sind.

Die größte, die L–Gamma 6, steht weit im Süden. Und es gibt die Mischung aus beiden. Sie dienen sowohl zum Leben als auch zum Erforschen.

Diese Siedlungen gleichen einer Art Militärstützpunkt als einem Wohnort. Und in genau dieser Siedlungsart lebe ich selbst heute.

Um genauer zu sein in S-Alpha 3, im früheren US-Bundesstaat Illinois. Das Leben hier ist ziemlich eintönig, weil es nicht so ist wie früher, bevor dieser Krieg begann.

Jetzt, fünfzig Jahre später im Jahr 2117, ist es eher ein Überlebenskampf. Ich kenne das Leben von vor fünfzig Jahren aus Geschichten von alten Leuten. Als es noch Länder gab, Bündnisse und allem voran Leben.

Wir leben in der ständigen Gefahr, dass unser Stromnetz zusammenbricht und der Schutzwall, welcher unsere Siedlung umgibt, aufgelöst wird und wir der gnadenlosen Strahlung der Sonne ausgesetzt sind.

Es sind meiner Meinung nach schon zu viele Menschen dafür gestorben. Wir haben es geschafft, die menschliche Population auf zwei Milliarden konstant zu halten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einst fast sieben Milliarden Menschen gegeben haben soll. Nicht, wenn ich mir unseren heutigen Planeten ansehe.

Die Vestasi sind grausame Wesen, die uns ohne Grund angegriffen haben. Sie haben uns einfach vernichtet, vielen das genommen, was ihnen am meisten lieb war. Ihr eigenes Leben.

Dank ihnen gibt es keine Menschheit mehr. Keine Familien.

Ich weiß, wovon ich rede. Meine Eltern sind vor sechzehn Jahren bei einem Angriff der Vestasi getötet worden. Seitdem lebe ich hier und werde vom besten Freund meines Vaters großgezogen, der wie ein Onkel für mich ist.

Wobei das auf die jetzige Zeit nicht mehr zutrifft. Ich gehöre zu der Gruppe, welche George gerade persönlich ausbildet und schult.

Und ich bin stolz darauf.

Diese Siedlung ist eigentlich schon immer mein Zuhause gewesen und ich lasse es mir von keinem Vestasi nehmen.

Es ist schon genug, dass ich als Waise aufwachsen muss. Ich habe heute keine Erinnerungen mehr an meine Eltern, wie sie ausgesehen oder wie ihre Stimmen geklungen haben. Ich habe nicht einmal ein Bild von ihnen.

Nichts.

George hat mir versichert, dass es irgendwo welche gibt und wenn er diese findet, würde er sie mir sofort geben. Bis heute habe ich dieses Thema nicht mehr angesprochen, weil ich schon immer gewusst habe, dass er lügt.

Er hat es oft schwer mit mir gehabt, weil er sich nicht für die Aufgabe gewachsen gesehen hat, ein damals vier Jahre altes Mädchen großzuziehen.

Trotz Problemen hat er es dann irgendwie doch geschafft – wenn er nicht gerade die Siedlung leiten muss; George ist der Anführer von S-Alpha 3. Bisher hat er seine Aufgabe ganz gut gemeistert und uns schon das ein oder andere Mal vor innerpolitischen Krisen, vor Söldnern oder gar Vestasi gerettet, von denen sich einige auf dem Mars niedergelassen haben, um uns zu beobachten.

Diese kommen öfter auf einen Tiefflug vorbei, um uns entweder anzugreifen oder ihr Meisterwerk an Zerstörung anzusehen.

Ich habe noch nie einen von ihnen gesehen. Aber alle anderen stellen sie sich als grüne, glibberige Wesen vor mit diesen großen, schwarzen Augen.

Das typische Alienbild.

Nur die Alten erinnern sich an sie, doch ihre Erzählungen sind wirr. Viele berichten von unterschiedlichen Dingen.

George hat mir aber einst verraten, dass sie anmutige Wesen seien, uns nicht gerade unähnlich. Sie gehen wie wir, sie atmen wie wir. Und doch gibt es noch viele andere Dinge, die sie von uns unterscheiden. Sie sind diejenigen, die uns angegriffen und vernichtet haben.

Ich werde mit vielen weiteren Menschen darin ausgebildet, für eine neue Begegnung mit den Vestasi gewappnet zu sein. Sie haben nicht das Recht, auch nur einen Fuß auf unsere Erde zu setzen. Es ist schon genug, dass sie vollständig zerstört ist und das allerletzte, was wir noch brauchen können, ist auch nur ein Vestasi zu viel auf unserem Planeten.

Wir sind Überlebende dieses Krieges, Kinder oder Enkel von Überlebenden. Wir lassen nicht zu, dass uns auch noch das einzige genommen wird, was uns bleibt. Unsere Freiheit.

Wir werden geschult, uns selbst und unsere übrigen Mitmenschen zu schützen. Und wir sind bereit, unser eigenes Leben dafür zu opfern. Solange es einer guten Sache dient, bin ich bereit, alles dafür zu tun.

Die Menschen werden nie wieder zulassen, dass einer von Vesta sich unserer Siedlungen nähert. Überall gibt es durchaus Personen, die immer noch etwas Gutes in ihnen vermuten, doch am Ende sind sie es, die enttäuscht werden.

Wirklich viele hier wissen, dass es sich bei den Außerirdischen um den Feind handelt. Ich bin einer der vielen.

Meine Freunde und ich haben nie etwas anderes gelernt, als sie zu verabscheuen. Es wird der Tag kommen, an dem wir uns für die Vernichtung unserer Heimat rächen werden. So preisen es die Anführer der Siedlungen seit jeher an.

Eines Tages – irgendwann, vielleicht schon bald – wird die größte Flotte der Erde in den Himmel emporsteigen und zuerst den Mars – ihre Militärbasis – mit allem bombardieren, was die Menschheit aufbringen kann und anschließend ihren Planeten in einer weit entfernten Galaxie, die uns Menschen bis zum Krieg noch nicht bekannt gewesen ist, vernichten.

Und ich werde dabei sein und mit ansehen, wie der Planet zugrunde geht. Wie damals meiner vor fünfzig Jahren.

Alle Tode werden gerächt, alles Leid wird doppelt zurückgezahlt. Wenn dann noch einer dieses Denken für unrecht hält, ist er ein Verräter seiner eigenen Spezies.

Wir Menschen sind keine Wesen mehr, die einfach zusehen und alles über sich ergehen lassen. Nein, wir haben in den vergangenen Jahrzehnten Hartnäckigkeit gelernt.

Wir sind stark, gerecht und entschlossen. Und doch soll ich in den nächsten Jahren eines Besseren belehrt werden ...

Es ist der Morgen des 14. April 2117, ein Morgen wie immer. Die Sonne geht auf, verbrennt, was übrig ist. Ich hingegen befinde mich unter der sicheren Kuppel meiner Heimatsiedlung S-Alpha 3.

Seit sechzehn Jahren verbringe ich hier meine Zeit und liebe jede Sekunde davon. Ich hasse aber den Alarm, der jeden Morgen um 06:15 Uhr losgeht und erst aufhört, wenn wirklich alle aus dem Bett und angezogen sind. Jedes einzelne Mal schrecke ich zusammen und brauche ein paar Minuten, bis sich mein rasendes Herz beruhigt hat.

Jeden Tag ist es derselbe Ablauf.

Aufstehen, Anziehen, Morgentraining mit George, Frühstück in der großen Mensa, mehr Training.

Immer wieder.

Wobei das Morgentraining immer aus Theorieunterricht besteht, den George gibt. Er erklärt zum Glück alles sehr genau, weshalb es zwar lange dauert, bis er zum eigentlichen Punkt kommt, wir aber trotzdem alles verstehen, was er uns sagen möchte.

Zwar bin ich schon zwanzig Jahre alt, seit heute um genau zu sein, und brauche keine Schulzeit mehr, aber was wir hier bei unseren Anführern lernen, ist wertvoller als jedes Wissen, dass ich über unser eigenes Militär kenne.

Zu wissen, wie einst unser Klima funktioniert hat, wie es gewesen ist, bevor alles vernichtet worden ist, ist wichtig und kann eventuell später eingesetzt werden, wenn wir unseren Planeten irgendwann wiederaufbauen. Ich möchte es auf alle Fälle verwenden dürfen.

Für mich ist es sehr interessant, zu erfahren, wie die Menschen vor unserer Zeit gelebt haben und sich lange nicht im Klaren gewesen sind, dass es auch auf einem anderen Planeten eine hochentwickelte Spezies gibt, die uns ähnlich ist. Sobald die Menschen dieser Zeit die Spezies damals entdeckt haben, sind sie schon prompt angegriffen und massakriert worden. Der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit.

Wie auch die Personen im Anführerstab sagen, ist es die Pflicht unserer Generation, das wieder in Ordnung zu bringen. Ich freue mich schon sehr auf den Tag, an dem wir selbst zu Vesta aufbrechen. Es ist wie ein ungebändigter Durst in jedem Menschen, den Tod unserer Vorfahren zu rächen. Wie ein inneres Verlangen, das nicht nachgeben will, ehe wir es erfüllt haben. Und wir werden es vollenden. So ist es zumindest geplant.

„Jayna? Bist du wach?“, flüstert Kylie gegen die Tür, während sie behutsam ihre Fingerknöchel gegen sie tippt.

Ich stehe mit einem Seufzen auf und betätige das Touch-Display, das die Tür öffnet und schließt. Ein leises Piepen ertönt und die Tür öffnet sich wie eine einzelne Aufzugstür.

Mit einem strahlenden Lächeln betritt Kylie mein Zimmer und lässt mich an ihrer tollen Laune teilhaben. Heute hat sie ihre blonden Haare zu einem Zopf geflochten, damit ihr die langen Strähnen nicht bei der Arbeit ins Gesicht hängen.

Ich blicke Kylie neugierig mit hochgezogenen Brauen an und verschränke die Arme vor meiner Brust.

„Natürlich bin ich das“, erwidere ich.

Kylie hält für einen Moment inne, bevor sie auf mich zukommt, als wollte sie mir etwas zeigen. Schnell drückt sie mir einen Kuss auf die Wange, wie wir es oft machen. Sie nimmt meine Hand und hat gerade vor, mich aus meinem Zimmer zu zerren. Doch ich halte meine Füße fest an ihrer Stelle und rühre mich nicht vom Fleck.

„Was hast du vor?“, frage ich sie, auch etwas skeptisch.

Kylie ist der Typ Spontan, worauf ich ganz und gar nicht stehe. Sie hat diesen einen Tick, immerzu etwas Unüberlegtes zu tun. Und mich dann hineinzuziehen.

„Naja, George fängt gleich mit seinem Unterricht an, also will ich mit dir da hin. Oder hast du vor, ihn heute ausfallen zu lassen? Weil heute … ich weiß nicht, dein besonderer Tag ist?“

Ihre Stimme hat etwas Ratendes, aber gleichzeitig Fröhliches an sich. Der Unterton, der immer mitschwingt, wenn sie mich zu irgendetwas Dummen überreden möchte. Heute aber nicht. Ich habe es bereits letztes Jahr geschafft, mit ihr den ganzen Tag zu verschwinden und alles zu schwänzen, was es an Unterricht gibt.

Am Abend habe ich den ganzen Ärger von George abbekommen, weil er ausgerechnet an dem Tag ein wichtiges Thema angesprochen hat. Doch am Ende hat er nur seufzen können, weil es schließlich nicht zum ersten Mal vorgekommen ist, dass Kylie und ich geschwänzt und etwas angestellt haben.

Manchmal glaube ich, dass er uns den Unfall mit der Krankenschwester immer noch nicht verziehen hat …

Sie hat mir bis heute noch nicht verziehen.

„Heute lasse ich gar nichts ausfallen, Kylie. Es ist ein Tag, wie jeder andere und fertig. Du kommst heute auch mit.“

Kylie blickt mich mit ihren grünblauen Augen flehend, jedoch gespielt, an. Sie schiebt ihre Unterlippe vor und lässt sie zittern.

„Bitte, ich habe heute wirklich keine Lust darauf! Es ist immer so langweilig und stell dir einmal vor, dass die Kinder vor über einhundert Jahren tatsächlich noch den ganzen Tag in Schulen mussten!“

Ich verdrehe die Augen und ignoriere Kylies Flehen nach außen hin. Innerlich bin ich jedoch kurz davor, nachzugeben. Aber nein, ich bleibe standhaft.

Kylie kommt mit und anhand meines Verhaltens wird sie merken, dass ich keinen Spaß mache oder sie mich doch überreden kann. Es kann ihr nicht schaden, auch etwas von diesem Wissen aufzuschnappen.

Ohne ein weiteres Wort gehe ich aus meinem Zimmer und höre zufrieden, wie Kylie mir mit stampfenden Schritten folgt. Eben wie ein kleines, bockiges Kind. Ich verschließe die Tür hinter ihr und gebe den Weg nach draußen vor, Kylie schlurft mir hinterher. Sie versucht tatsächlich mit allen Mitteln, mich in den Wahnsinn zu treiben, damit ich sie fortschicke.

„Weißt du, dass du grausam bist?“, will sie nach wenigen Sekunden des Schweigens von mir wissen.

Einen Augenblick lang lasse ich sie zappeln und antworte dann: „Ja, ich weiß. Wenn ich die scheinbar einzige Person deines riesigen Bekanntenkreises bin, die Wert darauf legt, dass du wenigstens etwas Bildung in deiner Birne hast, ja, dann bin ich der grausamste Mensch der Welt. Drew wird es mir danken.“

In meinem Inneren spüre ich, dass ich ihr jetzt die Argumente genommen habe. Triumphierend setze ich den Weg nach draußen vor das Hauptgebäude fort. Kylie denkt nicht einmal daran, sich von mir wegzuschleichen, weil sie weiß, dass ich recht habe.

Draußen sind bereits einige der Auszubildenden versammelt, um George zu lauschen. Doch dieser ist noch nicht zu sehen. Er hat anscheinend noch einige Dinge mit dem Anführerstab zu klären.

Es ist fast jeden Tag so, dass es irgendwo irgendwelche Probleme gibt, die ihm einmal wieder zu schaffen machen. Manchmal sieht George wirklich erschöpft aus, selbst, wenn es erst frühester Morgen ist. Hin und wieder lässt er den Unterricht ausfallen, weil er es einfach nicht mehr körperlich schafft, die Kraft dafür aufzuwenden.

Solche Tage liebt Kylie über alles. Zugegeben, mir sind sie manchmal auch ganz willkommen.

Bisher haben wir dank George vieles über die Plattentektonik, über Hot Spots, Jahreszeiten und über die Biosphäre gelernt. Ich habe mir nicht viel Gedanken dazu gemacht, worum es heute geht, da ich kaum Zeit gehabt habe.

Und da mehr und mehr Minuten verstreichen, in denen George einfach nicht auftauchen will, bin ich immer mehr der Meinung, er schafft es heute nicht.

Neben mir platzt Kylie fast vor Freude, weil ihr anscheinend klar wird, dass es heute vielleicht klappen könnte. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten, beißt sich nervös auf die Unterlippe und wippt aufgeregt auf und ab.

Es ist schon nach sieben Uhr am Morgen, der Unterricht beginnt um zehn vor. George hat uns eine Mindestwartezeit von zwanzig Minuten aufgetragen, die wir immer einhalten müssen. Jetzt sind es nur noch sieben Minuten, die wir noch abwarten müssen, ehe wir gehen können.

Ich würde es schon irgendwie bedauern, wenn heute der Unterricht ausfiele.

Sekunden vergehen, Minuten schleichen sich unaufhaltsam davon. Der Zeiger der Uhr bewegt sich weiter. Kylie macht pro Minute einen Schritt auf den Ausgang zu und ihr Lächeln wird immer größer. Parallel dazu schwindet meine Freude auf den heutigen Vormittag.

Es wäre besser, unseren Planeten näher kennenzulernen. Immerhin ist es an uns, ihn eines Tages wiederaufzubauen. Und da wäre es besser, zu wissen, wie er vorher gewesen ist. Außerdem wird mir unwohl bei der Vorstellung, was ich sonst für Aufgaben zu erfüllen hätte. Es gibt noch ein paar Akten, die ich durcharbeiten muss. Sehnsüchtig warten diese schon auf meinem Schreibtisch.

„Also, die zwanzig Minuten sind um, ich gehe jetzt rein und esse mein Frühstück“, sagt Kylie erleichtert und dreht sich zur Tür.

Sie bemerkt zu spät, dass George unmittelbar hinter ihr steht und sie von daher direkt in ihn hineinrennt. Sie wird zwei, drei Schritte zurückgeworfen und ihr goldiger, fröhlicher Blick wird zu einem überraschten. Ihre grünblauen Augen blicken George verwundert an, als könnte sie nicht verstehen, wie er hierherkommt.

Ich kann mir, obwohl sie mir ihren Rücken zugewandt hat, ihren entsetzten Ausdruck vorstellen und auch den, wenn ihr klargeworden ist, dass sie ihr Frühstück verschieben muss. Sie dreht sich enttäuscht zu mir und ich kann mir nur schwer ein Lachen verkneifen.

Ich halte die Luft an, um nicht laut loszulachen. Auch den anderen ergeht es genauso. Verhaltenes Lachen breitet sich unter uns aus.

„Schön, dass ihr hier gewartet habt. Ich weiß, es hat gedauert, aber wir hatten so einige Probleme mit dem Radarsystem. Andrew hat sich bereiterklärt, das Problem zu beheben.“

George hat eine ruhige Stimme, die sich niemals durch etwas aus der Entspannung bringen lässt. Anmutig und weise. Er leitet diese Siedlung mit Bedacht und hat uns bisher noch nie wirklich in Gefahr gebracht. Schon oft ist die ein oder andere Siedlung vernichtet worden, weil der Anführer einen Fehler begangen hat, den George niemals gemacht hätte.

Dafür, dass er einst der beste Freund meines Vaters gewesen sein soll, sieht er relativ gealtert aus mit seinen silbernschwarzen Haaren und seinen Sorgenfalten auf der Stirn. Die Arbeit, eine Siedlung stetig vierundzwanzig Stunden am Tag in absoluter Sicherheit zu wissen, verlangt sehr viel von der menschlichen Körperkraft ab.

Seine Stimme klingt viel zu rau für einen Mann Ende Vierzig. Zwar weiß ich nicht, wie sich mein Vater anhören würde, aber bestimmt nicht so wie George. Er wäre heute etwa genauso alt wie er. Ich weiß es nicht genau.

Sechzehn Jahre sind einfach zu viel, um sich noch so kleine Dinge wie Geburtstage zu merken. Und als vierjähriges Kind kann ich mir das sowieso nicht einprägen.

George schreitet durch die Menge an jungen Leuten hindurch, die ohne Weiteres einen Korridor für ihn bilden, der ihn zu einer Sitzbank führt.

Unser Anführer setzt sich mit einem leisen Seufzer hin und verschränkt seine Finger ineinander, als würde er beten. Still und entspannt mustert er uns alle und wir alle mustern ihn.

Es vergeht nicht viel Zeit, bis er endlich anfängt zu reden. Ich werde in eine Zeit von vor vielen Jahren zurückgeworfen, als er mir Geschichten aus einer früheren Zeit vorgetragen hat, weil ich mal wieder nicht habe einschlafen können. Eine angenehme Gänsehaut überzieht meine Arme.

„Also gut, fangen wir mal an. Ich wollte euch heute von etwas sehr Wichtigem erzählen, was ihr allesamt unbedingt wissen müsst. Ich weiß, dass ihr fast nichts über die Atmosphäre wisst und das ist nicht in Ordnung. In der Hinsicht hat sich Don dieses Versäumnis einzugestehen.“ Bedauernd schüttelt er den Kopf, als wäre es sein eigener Fehler. „Die Atmosphäre ist eine Art unsichtbare Schutzhülle gewesen, die unseren Planeten umgeben hat, uns Sauerstoff zum Atmen gespendet und die gefährliche Strahlung der Sonne abgefangen hat. Das wisst ihr glaube ich noch aus dem letzten Jahr.“

Er macht eine Pause, um alle anzusehen, um sich zu vergewissern, dass ihm alle zuhören. Und dessen kann er sich absolut sicher sein. Lediglich Kylie scheint eher an ihren Haarspitzen interessiert zu sein.

Unauffällig pieke ich sie mit meinem Ellbogen, sodass sie in genau dem Moment, als George sie betrachtet, hochsieht.

„Die Atmosphäre war ein komplexes Gasgemisch, bestehend aus Stickstoff, Sauerstoff und ein wenig Argon. Außerdem enthielt sie Spuren von weiteren Edelgasen, Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid. Aber so ähnlich habt ihr es ja schon mit Don besprochen.“

Nun setzen sich einige vor George auf den Boden und hören ihm gebannt zu, während er erzählt. Stunde um Stunde vergeht unbemerkt.

Im weiteren Verlauf stellt er uns alles Weitere vor, was in seinen Augen wichtig für uns ist. Wie immer ist auch ein kleiner Spaß zwischendurch vorhanden und wir lachen miteinander. So steif wie bei Don läuft es hier nicht ab.

Doch gar nichts hält ewig. Irgendwann ist es vorbei und wir werden von George in die Mensa zum Frühstück geschickt.

Kylie ist – entgegen meiner Erwartung – sehr zufrieden mit dem heutigen Unterricht gewesen und beschwert sich kein bisschen über diese Zeitverschwendung, wie sie die Stunden am Vormittag mit George nennt.

Ich bin froh, dass sie wenigstens heute ihre Abneigung zurückhält und stattdessen Interesse zeigt. Auf dem Weg zum Frühstück redet sie die ganze Zeit darüber.

Vielleicht ist es auch eine Art Geschenk von ihr.

In der Mensa ist es randvoll, einzelne Kleingruppen kommen von ihrem Unterricht zurück, während unsere Gruppe von George schon an ihren Tischen sitzt und das heutige Frühstück einnimmt. Hin und wieder bekomme ich plötzlich eine kleine Panikattacke, als ich all die Leute hier sehe. Ich habe es noch nie gemocht, mich in einem Raum mit vielen Personen aufzuhalten. Und zu wissen, dass wir hier eingeschlossen sind, macht es nicht besser.

Kylie und ich warten mehr oder weniger geduldig auf unsere Freunde, die alle jeweils in andere Gruppen mit anderen Betreuern eingeteilt sind. Drew hat heute jedoch das Problem mit dem Radar beheben müssen, weshalb er den Unterricht verpasst hat.

„Hey Blondie“, trällert Drew Kylie ins Ohr und setzt sich mit seinem überfüllten Tablett zu uns.

Er hat das allergleiche Lächeln wie seine kleine Schwester, nur trägt er es etwas seltener als Kylie. Er ist ein durchgehender Optimist und immer am Wissenszuwachs interessiert, in dieser Hinsicht ist er mir ähnlicher und nicht Kylie. Irgendwie sind wir drei auch fast schon Geschwister.

Andrew ist mehr so der Typ Verrückter Computerspezialist. Das unterscheidet ihn stark von Kylie und mir. Er kennt sich in wirklich allem aus, was mit Technik zu tun hat, weshalb er bei den Führungsmitgliedern der Siedlung hoch angesehen ist, vor allem bei George und Don. Auf ihn ist immer Verlass.

„Hast du das Radar in Ordnung bringen können?“, frage ich ihn.

Er lächelt mich an und trinkt einen großen Schluck Orangensaft, hergestellt aus Orangen von unserer eigenen Plantage.

„Logo. War ein winziges, klitzekleines Überlastungsproblem. Ich musste Clea tatsächlich mal erklären, dass man den Computern auch einmal eine Pause geben muss. Klar, dass dann etwas spinnen muss! Leider war das eben das Radar und ein Alarm ging los, der angezeigt hat, ein Raumschiff von Vesta sei unterwegs zu uns. Das ist so eine Sache mit dem Server …“

Und ab da höre ich schon längst nicht mehr zu. Ich versuche es, aber in dem Moment wechselt er in die Fachsprache, der ich nicht folgen kann. Er kann reden so viel er will, ich verstehe am Ende trotzdem nichts.

Hauptsache ist, dass das Radar wieder in Ordnung ist. Jeder in unserer Siedlung weiß mittlerweile, dass er der Beste ist und es nervt mich, dass er es uns dennoch manchmal unter die Nase reiben muss. Dabei setzt er immer dieses verschmitzte Grinsen auf, das sowohl bei ihm als auch bei Kylie ein Zeichen dafür ist, dass sie uns auf den Arm nehmen.

„Oh oh.“

Das klingt nicht gut.

Ich blicke zu Kylie, die ihre Augen zu Schlitzen formt und an mir vorbeisieht.

Ich drehe mich um und folge ihrem Blick.

„Ego-Alarm auf zwölf Uhr. Kannst du diesen Blödmann nicht endlich in den Wind schießen, Jayna? Er verarscht mich immer“, fleht sie mich an.

Ich werfe ihr einen mahnenden Blick zu und schüttele meinen Kopf. Evan ist kein Blödmann … vielleicht ein bisschen. Wir haben in letzter Zeit einige Probleme gehabt, die mir ernsthafte Sorgen bereiten. Immer öfter streiten wir miteinander, weil jeder andere Vorstellungen von unserer Beziehung hat.

„Hey, Teufelchen“, flüstert er mir ins Ohr und küsst meine Schläfe, während er sich zu uns setzt. Dabei lässt er meine rechte Hand nicht los, sondern hält sie zart in seiner.

„Unterricht aus? Ich habe mich gefragt, wo du bleibst.“

Kylie zieht eine angewiderte Grimasse, die zum Glück nur ich bemerke. Sie kann ihn einfach nicht ausstehen.

Anstatt sich mit dem abzufinden, verfolgt sie mich tagtäglich damit, wie sehr sie Evan doch hasst. Die beiden verabscheuen sich schon seit ihrer frühen Kindheit, noch bevor ich überhaupt in diese Siedlung gekommen bin mit meinen vier Jahren. Ich weiß gar nicht, wie oft die beiden schon bei der Oberschwester haben antanzen müssen, weil sie sich gegenseitig verletzt haben.

„Ich und die Jungs waren noch kurz woanders“, kommt Evan auf meine Frage zurück.

„Die Jungs und ich“, korrigiert ihn Drew kaum hörbar und trinkt sofort einen Schluck Kaffee danach, während Kylie in sich hineingrinst und zu Boden blickt.

Doch Evan hat es gehört und schlägt überraschend mit seiner flachen Hand auf den Metalltisch. Das Besteck klirrt und ich zucke leicht zusammen, bevor ich leise vor mich hin fluche.

Das ist mal wieder typisch.

Kylie und Drew starren ihn hingegen entsetzt an.

„Halt deine Klappe, Computerfreak! Hast du nichts Besseres zu tun, als mich hier zu verbessern?“ Evan blickt ihn vernichtend an.

Der Hass zwischen Familie Adams und Lloyd ist unendlich.

Wenn Blicke töten könnten, wäre Andrew einen grausamen Tod gestorben. Evan hat es nicht so mit dem Nettsein gegenüber den Adams-Geschwistern, was einer der wenigen Dinge ist, die mich manchmal etwas stören.

„Ehrlich gesagt, ja. Kylie und ich“, betont er und sieht Evan herausfordernd an, „müssen noch etwas erledigen.“

Er steht auf und Kylie folgt ihm. Dabei ziehen sie die ein oder andere Aufmerksamkeit von den herumsitzenden Auszubildenden auf sich, denen Evans Krach nicht entgangen ist. Aber auch das ist fast alltäglich für die Siedler.

Als die beiden Geschwister den Raum verlassen haben, drehe ich mich zu Evan und werfe ihm einen feurigen Blick zu. Er scheint nicht zu verstehen, was ich damit meine und drückt dies auch aus.

„Könnt ihr euch denn nicht einmal im Griff haben? Ihr seid meine Freunde, Evan.“

Jedes Mal, wenn ich ihm einen Rat geben will, spreche ich wohl mit Luft, denn an seinem Gesichtsausdruck kann ich erkennen, dass er überhaupt kein Verständnis für andere hat. Ich rede mir ein, dass es einfach nur eine simple Phase ist, doch wenn ich zurückblicke, denke ich schon seit Monaten so.

Traurig blicke ich Evan an, flehend, dass er meine Gedanken erhört. Doch er starrt mich an und lächelt verschmitzt, weil für ihn alles in Ordnung ist. In seinen Augen sehe ich tiefe Liebe. Er scheint wohl auf sein Essen zu achten.

Vielleicht sollten wir einmal wirklich darüber reden, was uns in dieser Beziehung wichtig ist. Ich fühle mich zwischen den Fronten. Auf der einen Seite sind meine Freunde, auf der anderen Evan. Es ist nicht immer einfach.

Es hat vor einigen Wochen begonnen, da haben Andrew und Evan einen fürchterlichen Streit gehabt. In genau diesem Augenblick habe ich es dann gemerkt. Ich habe Kylie, Andrew, Cristina, Zoe und was am wichtigsten sein sollte: Evan.

Je länger ich an sie gedacht habe, desto bewusster ist mir dann auch geworden, dass sie sich niemals verstehen würden.

„Hörst du mir zu? Jayna?“

Ich schrecke zusammen und sehe mich um, drehe mich zu Evan, der mich fragend ansieht. Er hat die linke Braue hochgezogen, so wie er es immer macht, wenn er etwas nicht versteht. Ich habe das sofort in unseren ersten gemeinsamen Wochen gelernt. Mittlerweile nenne ich sie die Fragebraue. Ihm habe ich jedoch nie etwas davon erzählt.

„Was ist?“

Evans Blick scheint sich zu verfinstern, als ob ich etwas gesagt hätte, dass seine Ehre beschmutzt hat. Und wenn ich darüber nachdenke, habe ich das auch. Ich habe ihm nicht zugehört.

Ihm! Dem bekannten, gutaussehenden Evan Lloyd!

„Ich habe dich gefragt, ob wir Nachmittag trainieren wollen. Danach habe ich dich gefragt, ob du vielleicht nicht schon etwas vorhast. Und dann habe ich –“

Ich hebe eine Hand, um ihm zu zeigen, dass er still sein soll. Ich habe ihm jetzt sehr genau zugehört. Und alles, was ich höre, ist das Wort Ich. Bevor ich mit ihm streite, wage ich ein beschwichtigendes Lächeln und erhebe mich vom Tisch.

„Ich muss mal an die Luft, ja? Hab noch Arbeit zu erledigen.“

Jetzt brauche ich definitiv etwas Zeit für mich. Wahrscheinlich steuere ich auf den nächsten Koller zu.

„Also ist das ein Nein?!“, ruft er mir noch schnell zu, bevor ich aus der Mensa in den Flur verschwinde.

„Das ist ein Nein“, bestätige ich für ihn noch hörbar.

Obwohl ich mit meinen Gedanken vollkommen woanders bin, zaubert mir Evans Reaktion ein Lächeln auf die Lippen. Ich will jetzt nicht, dass ich, über und über in Erinnerungen und Überlegungen versunken, angesprochen werde, also suche ich den einzigen Ort auf, an dem ich ungestört für mich sein kann: das Dach.

Kapitel 2: Der Anhänger

Jayna

Es ist frisch, als ich die schwere Tür öffne. Eisiger Wind, der sich in unserem eigenen Klima selbst erzeugt, erfasst meine dunklen Haare und weht sie in mein Gesicht. Schon oft habe ich sie für ihre Länge verflucht. Und nie habe ich es übers Herz gebracht, sie abzuschneiden.

George hat einmal gesagt, dass sie einen leichten Rotstich haben, wenn die Sonne darauf fällt, genau wie es bei meiner Mutter gewesen ist.

Schemenhaft kann ich mich sogar an sie erinnern.

Und genau das ist der Grund, warum ich es einfach nicht tun kann. Wenn ich diese Verbindung zu meiner Mutter aufgebe, habe ich das Gefühl, auch sie damit aufzugeben, was aber das Letzte ist, was ich will.

Ich schlendere über den betonierten Boden des Daches und suche die Bank, die ich vor Jahren einmal entdeckt habe. Niemand sonst scheint zu wissen, dass sie hier steht, denn in all den Jahren, in denen ich mich hier schon zurückziehe, bin ich niemals einer Menschenseele begegnet.

Wie ein verborgener Weg, der nur für mich bestimmt ist. Ich bin dankbar dafür, dass es diesen Ort gibt, ich habe hier schon so viele Tränen vergossen, dass ich damit locker die Wasserversorgung für eine Woche ersetzen könnte.

Mein Leben ist manchmal sehr traurig, fällt mir auf.

Bereit, tiefer in Gedanken zu versinken, setze ich mich auf das Holzgestell und lehne mich gegen die kahle Mauer des Treppenhauses.

Es ist vielleicht erst Vormittag, aber mich überkommt eine Müdigkeit von mehreren Tagen. Ich sehne den Schlaf herbei, der mich jedoch nicht erreichen will.

Es ist, als hätte ich noch etwas zu tun, bevor ich mir meinen Schlaf verdienen kann. Ich muss irgendeine bestimmte Aufgabe erfüllen, die mir endlich meine Ruhe verspricht und ich endlich damit aufhören kann, mir Gedanken darum zu machen, was mich die ganze Zeit über plagt.

Meine Eltern können es inzwischen nicht mehr sein. Über sie habe ich schon so oft nachgedacht. Heute ist es etwas anderes, diese Nachdenklichkeit bezieht von etwas anderem seine Energie. Ich bin hier, um dem auf den Grund zu gehen.

Meine Gedanken suchen nach allen nur möglichen Gründen, durchforsten mein Gehirn wie auf der Suche nach einer Datei, die irgendwo in einem Computer versteckt ist. Meine Lider schließen sich entspannt, ich atme regelmäßig beruhigt ein und wieder aus.

Ich höre auf das Summen des Kraftfeldes, das unsere Siedlung umgibt. Es ist leise, aber eindeutig zu hören, wenn es um mich herum still ist. Es bohrt sich in mein Gehör und hinterlässt ein lautes, deutliches Echo.

Ich stelle es mir in meinem geistigen Auge vor: Die hellorange Kuppel, die uns vor allen möglichen Gefahren des Weltalls schützt. Die kleinen Sechsecke, die auf ihr eingescannt sind. Die großen Buchstaben und Zahlen, die in weißer Farbe auf dem höchsten Punkt der Kuppel stehen, um jedem zu zeigen, wer genau wir sind.

Ich schweife davon ab und kehre zu meinen eigentlichen Beweggründen zurück, warum ich hier oben bin. In mir staut sich ein seltsames Gefühl. Als wäre alles, was ich tue, sinnlos. Dieses Leben in der Siedlung, meine Arbeit. Alles.

Ich werde das Gefühl nicht los, als würde irgendwo anders etwas auf mich warten. Ich will dringend wissen, was mich zu dieser Nachdenklichkeit verleitet, die ich bei Evan verspürt habe und die mich dazu bringt, anzufangen, ihm aus dem Weg zu gehen.

Seitdem ich angefangen habe, mein Leben hier infrage zu stellen, komme ich irgendwie nicht mehr an ihn heran. Dabei ist nicht er es, der sich verschließt. Sondern eher ich.

Jetzt habe ich meinen Gedanken einen gewissen Anhaltspunkt gegeben, mit dem sie arbeiten können.

Evan ist mein Freund. Das steht definitiv außer Frage. Und er liebt mich. Mehr als sich selbst auf jeden Fall. Ich liebe ihn.

Das –

Ich weiß nicht genau, warum ich mich weigere, dieser Aussage zuzustimmen. Mir fällt es schwer, zuzugeben, dass ich ihn auch liebe. Sogar mir selbst gegenüber. Ich mag ihn. Das stimmt. Ich mag ihn sogar sehr. Das stimmt auch.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich weiter gehen kann. Ich habe Angst davor. Irgendetwas fehlt bei uns. Ich schaffe es nicht mehr, zu ihm vorzudringen, ihn wirklich anzusprechen. Ich spreche im Grunde genommen nur mit seiner leeren Hülle. Vielleicht, weil ich nicht alles gebe. Doch mehr ist bei mir einfach nicht möglich, so sehr ich es auch möchte.

Mir ist bewusst, dass die unterschiedlichen Vorstellungen von uns als Paar unsere Beziehung beeinträchtigen.

Für mich ist es das wichtigste auf der Welt, ihn zu haben. Ihn als meinen Freund. Denn damit habe ich wenigstens etwas Familie. Er tut so viel und ich begegne ihm im Gegenzug mit Schweigen. Das funktioniert so nicht.

Ich glaube, ich erleide wieder einmal eine kleine Panikattacke. So etwas kommt bei vielen in unserer Siedlung vor, wenn sie sich einmal bewusstwerden, dass sie hier eingeschlossen sind. Das letzte Mal habe ich sogar angefangen zu weinen und mit Medikamenten beruhigt werden müssen. Ich glaube, das ist vielleicht drei Jahre her. Dieser Zusammenbruch ist bisher der schlimmste gewesen, den ich erlebt habe.

Vielleicht bin ich aber auch nur etwas sentimental, weil heute ein weiterer Geburtstag verstreicht, den ich nicht mit meinen Eltern verbringen kann.

Dabei mag ich Geburtstage nicht sonderlich.

Nicht wirklich.

Allmählich halte ich diese Kälte nicht mehr aus und ich beginne zu frieren. Fröstelnd reibe ich meine Hände über die Arme.

Ich schüttele den Kopf und stehe auf. Die Bank hat schon zu lange die Ehre gehabt, meinen Hintern ertragen zu dürfen und ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit nicht wieder hierherkommen muss. Hier oben habe ich die nötige Freiheit, die mich wieder beruhigt.

Ein letzter, flüchtiger Blick auf die einsame Bank und ich verschwinde im Treppenhaus, das ebenso grau und nackt ist wie die Wände und der Boden draußen. Und ich muss unweigerlich zugeben, dass ich innerlich genauso aufgebaut bin wie das Dach.

Grau und kahl. Leer, keine Wärme. Angreifbar für die Kälte, die Einsamkeit. Verletzlich wie ein Kleinkind.

Schutzlos genauso wie die Welt außerhalb unserer Siedlung, die der Sonne ausgeliefert ist.

Ja, ich habe definitiv einen Koller.

Die Schießhalle ist leer, als ich am Nachmittag dort eintreffe. Sie ist ein separater Sektor unseres Hauptgebäudes und um diese Zeit kommt sowieso kaum jemand vorbei, um seine Schießfertigkeit zu verbessern. Ich nutze die Gelegenheit und nehme mir die Schusswaffe, die ich auch immer zum Schießtraining nehme und stelle mich vor die digitalen Zielscheiben. Ich bediene das Display, das neben mir wie aus dem Nichts erscheint und tippe die Entfernung meiner Zielscheibe ein und wie groß die Mitte im Durchmesser sein soll. Ich wähle meine gewohnten Einstellungen.

Mit der Distanz, mit der ich immer übe. Es ist keine besonders große, da die Dimensionen innerhalb der Siedlung eben sehr gering sind. Bisher habe ich noch nie von meiner Schusswaffe Gebrauch machen müssen.

Ich stelle mich zur Zielfläche und hebe den Arm mit der Schusswaffe in der Hand. Ich lege meinen Zeigefinger leicht um den Abzug und visiere mein Ziel an. Mein Puls senkt sich ein wenig und genau zwischen zwei Herzschlägen drücke ich ab.

Es ertönt ein lauter Knall, der die Luft zerreißt und erst nach einigen Sekunden wieder verstummt, als wäre er nie dagewesen. Routiniert blicke ich auf das Display neben mir und ich sehe, dass ich die Mitte um knappe zwölf Zentimeter verfehlt habe.

Überraschung breitet sich in mir aus und ich blicke verwundert auf die Waffe, die noch immer in meiner Hand liegt. Ich kann nicht verstehen, warum es zu diesem Rückschlag gekommen ist, dabei habe ich mich in den letzten Wochen gebessert. Das ist mein schlechtestes Ergebnis in sechs Wochen.

Enttäuscht schnaube ich und überzeuge mich noch einmal vom Display, ob ich tatsächlich danebengeschossen habe. Und immer wieder, egal wie oft ich auch hinsehe, es ist und bleibt mein bis dahin schlechtestes Ergebnis.

„So schlecht warst du lange nicht mehr“, stellt eine Stimme hinter mir fest.

Ich drehe mich erschrocken um und sehe George in der Tür stehen. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und mir anscheinend schon eine Weile zugesehen. Seine Haare sehen jetzt besonders silbern aus, obwohl ich George erst heute Vormittag mit etwas restlicher Farbe gesehen habe. Er muss die Zwischenzeit mit harter Arbeit überbrückt haben, denn er sieht neben seiner Haarfarbe auch etwas blass um die Nase aus.

Als hätte er auf den passenden Augenblick gewartet, stößt er sich von dem Türrahmen ab und wandert die Rampe hinunter zu mir. Etwa einen Meter Abstand lässt er zwischen uns und mustert die Zielscheibe. Dann blickt er auf das Display und anschließend zu mir.

Ihm scheinen ebenfalls die Worte zu fehlen. Wobei er einen wesentlich gelasseneren Eindruck macht als ich. Auf seinem Gesicht erkenne ich den Anflug eines Lächelns, das er jedoch unterdrücken will. Mir persönlich ist nicht nach Lächeln zumute.

„Weißt du, im Alter lässt die Sehstärke nach“, merkt er an, als ich die Waffe wieder verstauen möchte.

Ich habe wirklich keine Lust auf seine dummen Sprüche und drehe mich gereizt zu ihm um. Ich werfe ihm einen zynischen Blick zu und teile ihm dabei mit, dass ich kein Interesse daran habe.

„Hast du keine Siedlung zu leiten?“, frage ich ihn schnippisch.

Normalerweise würde ich jetzt lachen, doch im Moment will ich einfach nur, dass er geht und dabei seine Bemerkungen für sich behält.

George hebt beschwichtigend seine Hände und kommt langsam auf mich zu. Ich weiche nicht zurück, doch will ich auch gleichzeitig nicht, dass er mir näherkommt.

Ich atme tief ein und kratze mir frustriert den Haaransatz. „Was willst du?“

George bleibt abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Seine müden Augen mustern mich aufmerksam. Er hat in den Jahren gelernt, mich zu durchschauen. Ihm kann ich nichts vormachen. Er weiß, wenn es mir schlechtgeht und wenn ich glücklich bin. Jetzt erkennt er, dass ich nicht unbedingt auf Smalltalk Lust habe. Missmutig kräuselt er die Nase, als würde sie jucken.

Gelangweilt lächele ich und werfe die Waffe zurück in mein Fach. Dann stelle ich mich unmittelbar vor George hin und beäuge seinen Gesichtsausdruck genau. Er starrt mich an, als würde er versuchen herauszufinden, ob ich Freund oder Feind bin.

„Tut mir leid“, entschuldige ich mich leise bei ihm und reibe mir erschöpft über die Augen.

Er hätte eigentlich eine Erklärung verdient, doch ich fühle mich nicht in der Verfassung dazu und belasse es dabei.

George öffnet seine Arme und legt sie um meinen Rücken, zieht mich an sich. Er streichelt mir über meinen Hinterkopf und legt sein Kinn darauf. Immer wieder wiederholt er seinen Bewegungsablauf und versucht damit, mich zu beruhigen. Ich kralle meine Finger in seine sturmgraue Jacke und vergrabe mein Gesicht darin.

„Quarantäne-Koller?“, fragt er nur.

Seufzend nicke ich. „Glaube schon.“

„Hm, den hatte Felix erst letzte Woche.“

Ernsthaft an seinem Zustand interessiert, frage ich: „Wie geht es ihm jetzt?“

Abwägend neigt George seinen Kopf. „Wieder besser. Zoe kümmert sich ein wenig um ihn.“

Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich mich beruhigt habe, doch ich fühle mich so geborgen in Georges Armen. Minutenlang geht es so weiter und George sagt kein Wort, sondern hält mich einfach nur fest und tröstet mich wortlos. Ich lasse meine Gedanken nicht zu Evan schweifen.

Alles, woran ich gerade denke, ist die Geborgenheit, die mir George vermittelt. Ja, ich fühle mich endlich geborgen und das liegt einzig und allein an ihm.

„Ich kannte einmal eine Frau, die dir ähnlich war“, sagt er nach einer langen, stillen Weile und sieht auf mich herab.

Wortlos frage ich George danach, was er damit gemeint hat und er löst die Arme von meinem Rücken. Kälte überkommt mich an den Stellen, an denen seine schützenden Hände geruht und mir Schutz gespendet haben.

„Sie wollte immer alles richtig machen, war sehr ehrgeizig.“ Er sieht, dass ich protestieren will und hebt einlenkend seine Hand. „Ihr bester Freund unterstützte sie dabei jahrelang, doch als es zu einem entscheidenden Punkt kam, ließ er sie fallen. Eigentlich sollte sie mehr Verantwortung übertragen bekommen, jedoch fühlte sie sich dem nach dem heftigen Streit mit ihrem Freund nicht mehr gewachsen. In den Wochen danach zog sie sich immer mehr zurück und ließ keinen mehr an sich heran. Als –“

„Worauf willst du hinaus?“, unterbreche ich ihn.

George kratzt sich das stoppelige Kinn und fährt fort: „Ich habe einfach Angst, dass das Gleiche mit dir und Lloyd gerade geschieht. Lass dich nicht von ihm verunsichern und trau dich, wenn du irgendwas anzumerken hast. Jeder kennt Evan. Er kann einschüchternd sein.“

Georges Worte sprechen die Wahrheit aus, doch er verheimlicht mir dennoch etwas. Bevor ich ihn danach fragen kann, hält er mir ein kleines Päckchen vor die Nase und lächelt, als gäbe es gar kein morgen mehr.

„Was ist das?“, frage ich skeptisch.

Er ist einer der vielen Menschen, die wissen, dass ich meinen Geburtstag nicht so gerne feiere. Und trotzdem hält George mir ein Geschenk vor das Gesicht, das verpackt ist wie ein Geschenk, bei George die gleiche Freude erzeugt wie ein Geschenk und folglich ein Geschenk sein muss.

„Mach es auf. Ich weiß, du willst es eigentlich nicht an die große Glocke hängen, aber ich habe mir gedacht, zu deinem zwanzigsten Geburtstag, was nebenbei eine recht schöne Zahl ist, schenke ich dir etwas ganz Besonderes.“

Oh je.

Ich mustere die goldene Verpackung in meinen Händen, dann George und anschließend wieder das Geschenk. Es scheint förmlich meinen Namen zu rufen, also mache ich kein Drama daraus und nehme es George aus der Hand.

Ich habe wirklich keine große Lust darauf, irgendein langweiliges Ding zu finden, das ich sowieso nicht gebrauchen kann. Aber George würde es mir nicht schenken, wenn es für mich unbrauchbar wäre. Trotzdem hätte er mir kein Geschenk machen sollen.

Meine Hände zittern dennoch, als ich den Schachteldeckel hebe und sogleich meinen Augen nicht trauen kann. Mein Mund bleibt vor Staunen offen stehen und ich lasse das Geschenkpapier auf den Boden fallen.

„Gefällt es dir?“

Ich lächele George an und nehme den goldenen Anhänger von der Kette aus der Schachtel. Ich halte sie hoch und bewundere das Symbol, das hier als Anhänger dient. Es ist ein Schriftzeichen, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Fast wie ein kleines, am Ende übertrieben geschwungenes N.

„Sie ist von deiner Mutter. Sie hat diese Kette geliebt. Jetzt will ich sie dir schenken. Sie hätte es bestimmt so gewollt.“

Ich kann nicht aufhören, zu grinsen und falle George um den Hals, der mit einem Stöhnen die stürmische Umarmung erwidert. Leise hauche ich ihm einen Dank in sein Ohr und hänge mir sogleich die Kette um. Ich weiß jetzt schon, dass ich sie nie mehr wieder abnehmen werde.

Auch, wenn ich gerade etwas aufgemunterter bin, habe ich noch immer eine Frage, die ich George stellen möchte und schiebe sie auch gar nicht mehr länger auf.

„Wie hast du wieder erkannt, dass ich einen Koller habe?“

George zögert, doch dann entschließt er sich dazu, es mir zu sagen, vielleicht als zweites Geburtstagsgeschenk. „Der gleiche Ausdruck in den Augen, genau wie damals vor drei Jahren.“

George greift nach meinen Händen und hält sie locker fest. Ich erwidere seinen besorgten Blick, mit dem er mich intensiv betrachtet.

„Versprich mir,“, fordert er sanft, „dass du niemals, wirklich niemals, auch nur eine Sekunde glaubst, du wärst allein, denn das bist du nicht.“

Kapitel 3: Beziehungskrise

Jayna

Der nächste Morgen beginnt wie jeder andere. Nur mit dem Unterschied, dass ich gestern etwas Neues von George erfahren habe. Er hat mir mehr über den Charakter der jungen Frau erzählt.

Er hat sich immer auf sie verlassen können, sie ist stark und unabhängig gewesen, weshalb sie auch mehr Verantwortung hat übernehmen sollen, bis das mit ihrem Freund passiert ist.

Ich habe bemerkt, dass er eine Bindung zu ihr hat.

Meine Hand berührt abwesend den goldenen Anhänger und ich muss schmunzeln bei dem Gedanken daran, wie ihn meine Mutter vor mir getragen hat. Er muss ihr wirklich viel bedeutet haben, wenn sie ihn bis zu ihrem Tod gehabt hat und ihn jetzt an mich sozusagen weiterreicht.

Ich fühle mich allein dadurch, dass ich die kalten Glieder der Kette auf meinem Hals spüre, etwas enger mit ihr verbunden, was mir in den vergangenen sechzehn Jahren gefehlt hat. Ich spüre die Wärme meiner Mutter an meinem Hals, wenn ich mich auf die Kette konzentriere. Ich höre ihr sanftes Lachen, wenn ich renne und der Anhänger gegen mein Schlüsselbein fällt und einen leisen Ton von sich gibt. Ich fühle sie ganz nah bei mir, als würde sie noch da sein und keine Sekunde von meinem Leben verpasst haben.

Das Gleiche trifft auch auf meinen Dad zu. George hat mir versprochen, mir etwas von ihm zu meinem dreißigsten Geburtstag zu schenken, sofern er da noch leben sollte. Was mich etwas verunsichert hat, als er es erzählt hat. Ich hoffe, er gibt mir noch viele weitere Jahre hilfreiche Ratschläge. Sei es als Anführer oder als Vormund. Er spielt seit Jahren den Onkel für mich und ich bin so stolz auf ihn, dass er all die Jahre mit mir durchgehalten hat und kaum ein graues Haar seiner ach so vielen von mir stammt. Er hat mir schon oft gesagt, wie stolz er auf mich sei und dass ich einfach so weitermachen solle.

Und dennoch ist mir nicht entgangen, dass er seine Ansicht über mich mit jedem Jahr ändert. Er entwickelt sich mit mir. Wenn ich älter werde, verändert er seine Erziehung mir gegenüber und passt sie meinem Alter an.

Er ist einer von wenigen, die mit der Zeit gehen. Andere sitzen in einem Jahr fest, andere eilen vor.

George ist sehr geduldig mit mir und ich mit ihm. Wir haben uns gefunden und können nicht mehr aus dem Takt gebracht werden. Dazu müsste schon etwas immens Schlimmes passieren. Ich kann mir bei Weitem nicht vorstellen, dass es ein Szenario im Universum gibt, dass so mächtig ist, dass George und ich den Draht zueinander verlieren.

Wir verstehen uns blind.

Selbst wenn ich auf der Venus wäre und er auf dem Uranus, wir könnten unsere emotionale Verbindung niemals unterbrechen. Ich kann nicht einfach mit einer imaginären Zange daher laufen und sie durchtrennen. Es ist, als ob unsere Bindung nur für uns geschaffen wäre und gegen alle Gesetze des Universums verstößt, was sie so unzerstörbar macht. Geschaffen von meinem Vater.

„Ich klopfe jetzt nicht ein viertes Mal an, Jayna. Mach auf oder ich trete diese verdammte Tür ein!“, scherzt Kylie vom Flur aus.

Ich schüttele lächelnd den Kopf und stelle mich zu meiner Tür. Dort verschränke ich die Arme und grinse die Tür hämisch an, als ob Kylie mich durch sie hindurchsehen könnte.

„Hör auf zu grinsen und mach auf!“

Augenrollend tippe ich auf das Display und Kylie stürmt herein. Sie sieht sehr ausgeschlafen aus, da heute Donnerstag ist, für uns ein freier Vormittag, und sie schlafen kann, solange sie will. Ihr Gesicht hat viel Farbe gewonnen, wirkt nicht blass und strapaziert. Ihre Haare sind gekämmt und zu einem strengen Zopf gebunden, der ihr locker über ihre Schulter fällt. Ihre Kleidung ist sauber und faltenfrei.

Seufzend lässt sie sich auf mein Bett fallen und sieht mich an.

Ich komme zu ihr und hocke mich neben sie. Kylie folgt mir mit den Augen, dann will sie eine Frage stellen, öffnet ihren Mund, schließt ihn aber dann wieder, weil sie ihr anscheinend dämlich vorkommt, wenn sie sie laut ausspricht.

„Na los, frag schon.“

Kylie nickt entschlossen und grinst: „Wie war der Abend gestern mit Evan? Hat er dich ganz romantisch zum Essen eingeladen in die Mensa?“

Als sie es laut ausspricht, fällt ihr tatsächlich auf, dass es nicht so romantisch klingt, wie sie es sich vielleicht vorgestellt hat.

„Nein, hat er nicht. Wir haben uns nach dem Frühstück gar nicht mehr gesehen.“

„Ich kann mir schon vorstellen, wessen bescheuerte Idee das war, deinen Tag getrennt zu verbringen“, sagt sie und macht Anstalten, dass sie damit Evan meint.

Ich schüttele den Kopf und sie macht einen überraschten Gesichtsausdruck. „Echt?! Du wolltest den Tag nicht mit ihm verbringen?! Mannomann, das sieht dir gar nicht ähnlich. Geht´s dir auch wirklich gut? Fehlt dir etwas? Hast du Fieber?“

Ich stehe auf und halte ihre Arme fest, damit sie aufhört, wie eine Verrückte damit herumzuwedeln. Ich lächele sie an und sie hört auf, wirre Fragen in den Raum zu schreien. Ich fessele ihren Blick an meinen und sie tappt direkt in die gut gemeinte Falle.

„Hör auf. Kylie, es ist normal, dass Paare ab und zu ihre Zeit getrennt verbringen. Evan und ich sind normal. Oder sehe ich für dich aus wie eine Vestasi, die ihrem Erdenfreund verbietet, auf alle Fälle normal zu sein?“

Ich kann ihre zustimmende Antwort bereits schon hören und warte nicht länger ab, sie wirklich zu vernehmen. Ich lasse ihre Handgelenke fallen und sie schüttelt ihren Kopf, als hätte sie gerade unter Hypnose gestanden und ich geschnippt hätte, damit sie aufwacht.

Ihr Blick findet sich wieder.

Bevor ich überhaupt reagieren kann, hat sie ihre aufgedrehte Art schon wiedergefunden. Sie grinst über beide Ohren, was mich normalerweise jedes Mal ganz freudig stimmt, doch heute klappt es irgendwie nicht damit. Etwas bedrückt sie.

Ich nehme meine Bettdecke und öffne das Fenster, werfe die Bettdecke über die Kante und lege sie zum Lüften für einige Minuten dort hin.

Kurz blicke ich zu Kylie, die auf einmal ganz still ist. Das flaue Gefühl in mir bestätigt sich, als ich den betretenen Ausdruck in ihren Augen sehe.

„Was hast du angestellt?“

Meine beste Freundin sieht zu mir auf. „Es könnte sein, dass Evan vielleicht mit dir reden wird. Mir ist da die Hand nämlich ausgerutscht.“

„Du …“, stammele ich und starre sie an. „Du hast Evan eine reingehauen? Warum?!“

Kylie zuckt reumütig mit der Schulter und legt die Hand über ihre Augen. „Naja, er hat Drew beleidigt und da dachte ich, wenn er schon nicht bei dir ist momentan, kann ich doch mal mit ihm reden.“

„Okay, aber mit ihm zu reden ist etwas vollkommen anderes, als auf ihn loszugehen!“

Kylie legt den Finger auf die Lippen und verteidigt sich: „Ja schon, aber dann hat er furchtbare Dinge über Drew gesagt. Ich wollte doch nur, dass er die Klappe hält, sonst nichts.“

Ohne Umschweife deute ich auf die Tür. „Du gehst. Und zwar zu Evan und du entschuldigst dich.“

Bockig stemmt Kylie sich hoch und trottet aus dem Zimmer. Ich weiß, dass es ihr nicht sonderlich gefallen wird, aber selbst bei Evan gehört es sich.

Ich seufze und denke nochmal über das nach, was soeben passiert ist. Es ist so typisch für Kylie, dass sie Evan hin und wieder angeht.

Tief atme ich durch und beschließe, in die Mensa zu gehen und dort erst einmal zu frühstücken. Es wird sich alles regeln. Kylie und Evan werden sich zwar nie verstehen, aber es würde alles nur noch schlimmer machen.

Die Mensa ist wenig gefüllt, die meisten werden wahrscheinlich noch im Bett liegen. Es muss schließlich auch ausgenutzt werden, dass der Unterricht für heute ausfällt.

Kaum jemand ist hier, den ich kenne.

Immer wieder entdecke ich neue Gesichter unter all den Leuten, die hier ein– und ausgehen. Hin und wieder sind es Kinder mit ihren Eltern, die vorbeikommen, weil sie in ihrem Haus in der Nähe des Gebäudes nichts zur Versorgung haben. Hier bekommen sie alle kostenlos etwas zu essen.

Auch jetzt sehe ich einige Kinder. Aber keine, die ich schon zuvor angetroffen habe.

Kleine Äuglein starren mich an, während ich meinen Weg zu dem üblichen Tisch antrete. Sie verfolgen mich, als wäre ich äußerlich auffällig oder ein vollkommen fremdes Wesen für sie.

Ich sehe mich im Saal um und mir fällt auf, dass ich bisher die einzige weibliche Person bin, die weder ein Elternteil, noch irgendeine andere Verwandte ist.

Hier sind nur Männer aus unserer Siedlung. Ich erkenne Felix, einen Freund von Evan. Anscheinend hat er sich gut von seinem Zusammenbruch erholt. Er nimmt mich nicht zur Kenntnis, weil er mich nicht leiden kann.

Ich finde meinen Tisch und bin sehr erfreut, Drew dort sitzen zu sehen. Er hält gerade seinen Metallbecher mit Kakao in den Händen, als er mich entdeckt und ein strahlendes Lächeln sein Mund umspielt.

Es ist süß, wie er lächelt. Jedes Mal, wenn er das tut, erinnert es mich an ein Kinderlachen. Seine Sommersprossen lassen es nur noch mehr danach aussehen. An seinen Augen bilden sich viele kleine Fältchen, wenn er seine Mundwinkel nach oben zucken lässt.

Er sieht wirklich nicht schlecht aus, das wissen auch die anderen Mädchen in der Siedlung, die sich immer mal wieder nach ihm umschauen. Er hingegen bemerkt das überhaupt nicht, da er sich nur für seine Computer interessiert.

„Morgen, Sonnenschein. Ich hoffe, du hast gut geschlafen“, begrüßt er mich.

Er schafft es sofort, mir ein Lächeln zu entlocken und ich setze mich direkt neben ihn hin. Andrew verströmt einen wohligen Duft nach Kakao und Minze. Wie jeden Morgen beim Frühstück.

Völlig unerwartet legt er mir seine linke Hand auf meinen Rücken und ich zucke zusammen, als ich die warmen Finger auf meinem T-Shirt spüre. Ich fühle mich wohl bei ihm. Er ist seit Jahren mein bester Freund und wir haben schon die verrücktesten Dinge miteinander angestellt.

Doch um ihn vor Evan zu schützen, muss ich die Geste ablehnen. Den Fehler mache ich nämlich nicht nochmal

„Drew, Hand weg.“

Er zieht sie augenblicklich zurück und lacht mit mir auf, denn wir müssen beide an dasselbe denken.

Als wir zwölf Jahre alt gewesen sind, haben wir uns einmal geküsst und deswegen ist es mir unangenehm, wenn Drew und ich uns so nahekommen.

Denn dieser Kuss ist mehr als nur peinlich gewesen.

„Hast du Kylie irgendwo gesehen?“, fragt er stattdessen.

„Nein, sie war nur vor zehn Minuten in meinem Zimmer, dann ist sie weg.“

Drew kräuselt seine Lippen und trinkt einen Schluck aus dem Becher. Dann stellt er ihn ab und ich beobachte, wie er sich mit der Serviette über den Mund streicht. Er überlegt währenddessen, wo sich seine Schwester aufhalten könnte, da bin ich mir sicher. Drew hat schon wieder dieses Funkeln, bei dem die grünen Sprenkel in seinen schokoladenbraunen Augen wie Edelsteine funkeln, wenn er an Kylie denkt.

„Egal, seit ihrem Streit mit Evan habe ich sie zwar nicht mehr gesehen, aber sie wird schon keinen Mist bauen.“ Sein Blick fällt dabei auf meinen Hals.

Schon wieder bleibt mein Herz fast stehen, als er die Augen nicht davon abwendet. Doch dann nimmt er den Anhänger in die Hand und mustert ihn. Erleichtert atme ich auf.

„Ein hübsches Ding. Geburtstagsgeschenk?“

Ich nicke und spreche Georges Namen aus. Andrew sieht sich den Anhänger genauer an und scheint darüber nachzudenken, was das Zeichen bedeuten könnte. Ich habe schon George danach gefragt, doch er hüllt sich in Schweigen und Ahnungslosigkeit. Ich sehe ihm aber deutlich an, dass er etwas über den Anhänger meiner Mutter weiß.

Doch anstatt danach zu fragen, lasse ich unseren Mentor lieber in Ruhe.

„Hm. Das Zeichen ist merkwürdig“, äußert Andrew und kräuselt die Stirn.

„Weißt du, was das heißt?“

Drew nickt und sieht mich immer noch nicht an, sondern den Anhänger. Als würde er von einem magischen Bann angezogen, der von der Kette ausgeht. Sie ist auch wirklich wunderschön.

„Ich glaube, das Zeichen steht für Dari.“

Dari habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört. Ich frage mich, woher Drew das weiß, aber angesichts der Tatsache, dass er sehr viel über scheinbar alles weiß, unterlasse ich meine Frage.

Ich würde mich nur wieder selbst bloßstellen.

„Klingt für mich nicht nach einem Wort in unserer Sprache“, scherze ich. Es gibt so viele Sprachen auf der Erde. Es kann irgendeine sein, von der ich noch nie gehört habe.

„Ist es auch nicht. Dari ist Vestasisch und heißt ... ich habe absolut nicht die geringste Ahnung, was das heißt“, sagt er überrascht von sich selbst, etwas nicht zu wissen.

Meine Mutter hat eine Kette mit einem Anhänger besessen, der ein vestasisches Wort in sich trägt. Dari, was auch immer das heißen mag.

Wie kommt sie an so eine Kette?

Dankbar dafür, welchen kleinen Dienst mir Andrew erwiesen hat, umarme ihn ganz fest. Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber mir scheint einfach eine Umarmung mit meinem besten Freund angemessen zu sein.

„Wofür war das denn?“, fragt er lachend.

„Einfach so. Darf ich dich nicht umarmen?“ Ich neige den Kopf neckend zur Seite.

Andrew richtet sich seine Brille zurecht und lächelt mich, wie gewohnt, an. „Selbstverständlich darfst du. Das letzte Mal jedoch war das, bevor du mit Lloyd zusammen warst. Wie wird der Muskelprotz wohl reagieren, wenn er davon erfährt?“

„Du bist ein Teddybär und Evan ist … ein Stahlkonstrukt. Lass es dir schmecken, ich geh jetzt mal Evan suchen.“

Andrew folgt meiner Anweisung und schiebt den Toast in sich rein. Während ich meinen Weg aus der Mensa fortsetze, beobachten mich schon wieder die zahlreichen Kinderaugen.

Es dauert bis zum Nachmittag, Evan zu finden. Mir scheint, dass wir immer aneinander vorbeilaufen, ohne uns zu bemerken. Mittlerweile habe ich das ganze Gebäude abgesucht und mit ganz meine ich das auch.

Jeden Winkel habe ich unter die Lupe genommen, ausgenommen die Toiletten. Es kann nur die Möglichkeit sein, dass wir immer am falschen Ort zur falschen Zeit sind. Ich habe das Mittagessen ausfallen lassen, nur um Evan zu finden und sogar Felix gefragt, wo er sein könnte.

Dieser hat selbst keine Ahnung gehabt.

Ich habe auf der Krankenstation nachgesehen, vielleicht hat Kylie ihn doch irgendwie zugerichtet. Aber nicht einmal da ist er gewesen.

Also habe ich mich entschlossen, nebenbei auch etwas von der Arbeit zu erledigen, die ich mir für diese Woche eingeplant habe.

Ein paar Berichte zur laufenden Forschung im Labor an George weiterzureichen, meine Fremdsprachenkenntnisse mit Clea zu verbessern, mit Kylie zu trainieren, damit ich mit dem Wurfmesser irgendwann genauso gut bin wie sie.

Jedoch ist Kylie ein absolutes und unschlagbares Naturtalent, was das angeht.

Jetzt bin ich auf dem Weg in mein Zimmer, um meinen Pieper zu holen, vielleicht habe ich damit eine Chance, Evan zu erreichen. Ich biege um die Ecke, in den Flur, in dem sich mein Zimmer befindet und siehe da: Evan steht direkt vor meiner Tür. Er scheint mich nicht zu bemerken, spielt stattdessen mit einer Schraube, die er irgendwo aufgegriffen haben muss.

„Evan“, mache ich ihn auf mich aufmerksam.