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Aleppo, Mai 2016 Nach einem Bombenangriff verschwinden in der Altstadt von Aleppo vier Jungen. Unter ihnen ist Tarik, der Cousin von Esma, einer deutsch-syrischen Krankenschwester, die den Absprung in ein sicheres Leben eher absichtlich verpasst hat und die in der belagerten Stadt ausharrt. Zusammen mit zwei Syrern, die nur die Hoffnungslosigkeit verbindet, setzt sich Esma auf Tariks Spur. Jeder der drei Gefährten hat seine eigenen Motive ... Kann Esma Tarik aus den Händen der IS-Terroristen befreien, die die Jungen für perfide Attentate einsetzen? Ein Thriller aus dem syrischen Bürgerkrieg, der unter die Haut geht …
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2022
Roya Willis
Aleppo Crisis
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Impressum neobooks
„Wann kann ich zu meinem Abu?“ fragte Tarik und rutschte vorsichtshalber auf der Matte zurück, bis er die Wand im Rücken spürte. Er kannte den Mann vor ihm ja kaum, hatte ihn erst ein Mal kurz zu Gesicht bekommen. Und die Umstände waren nicht schön gewesen.
„Allah und wir sind jetzt dein Papa, deine Mama, deine Familie. Das weißt du doch.“
„Aber mein Abu ...“, begehrte er auf und duckte sich sofort wieder. Der Mann, der sich vor ihn hingehockt hatte, trug eine Militärjacke, sein schwarzes Haar war lockig und er roch nach Tabak. Vor dem Licht des Fensters wirkte er wie ein dunkler Malak, ein Engel. War der Malak hier, um ihn zu beschützen? Tarik fragte sich, warum so ein Engel nicht auf seine Mama aufgepasst hatte. Aber jetzt war es ohnehin zu spät.
„Dein Vater kämpft gegen den Hund Baschar. Das ist ehrenvoll. Und du kannst ihm helfen. Aber du bist noch nicht an der Reihe.“
Der Malak erhob sich. Er war so eindrucksvoll mit den gleichmäßigen Zügen und der stolzen Gestalt, dass Tarik ihn trotz des Unbehagens immer wieder ansehen musste. Er seufzte. Wieder musste er warten. Dabei hatte man ihm versprochen, dass er seinen Abu bald wiedersehen würde. Allah konnte doch nicht zulassen, dass man ihn verarscht. Oder war sein Vater in einem Kampf …. Inshallah … Tarik atmete tief ein, um den ziehenden Schmerz in der Brust zu vertreiben.
Nun sprach der Malak mit Saif und beachtete Tarik nicht mehr. Sie waren jetzt vier Jungen in diesem Haus, dessen Haustür stets abgeschlossen wurde. Damit kein Feind an sie heran kam, sagten die Männer. Ein schöner Teppich lag auf dem gefliesten Boden. Sie hatten Essen, Coca Cola, Obst, den Koran, eine Playstation, doch es gab nicht immer Strom. Tarik richtete den Blick auf das kleine Fenster. Draußen brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Sie befanden sich im Viertel einer Stadt, ohne Hochhäuser, nur wenigen breiten Straßen, irgendwo am Rand von irgendwelchen gelblichbraunen Bergen. Hier war nichts los, es war, als wären alle Menschen tot.
„Saif, komm, deine Stunde ist da“, sagte der Malak. Tarik war nicht ganz sicher, ob er Saif bedauerte oder beneidete. War es gut, hier raus zu kommen und endlich etwas zu tun? Oder war es gefährlich?
Ein zweiter Mann betrat das Zimmer. Saif war blass geworden, doch als er Ali erkannte, ging er mit festen Schritten auf ihn zu.
„Wir zählen auf dich, Saif. Du wirst siegen, Allah wird dafür sorgen.“ Die Stimme des Malak war streng und schmeichelnd zugleich.
„Allahu akbar!“ riefen die beiden Männer, und alle Jungen stimmten mit ein: „Allahu akbar!“
In Tariks Kehle war es eng, er musste krächzen, worauf ihn der Blick des Malak traf, dunkel wie die Nacht. Tarik versuchte, gelassen auszusehen. Ali hatte es ihm beigebracht. Dieser lächelte beruhigend und strich sich über den langen Bart, worauf Tarik sich ein wenig entspannte. Ali mit der Halbglatze war verdammt streng. Aber er erzählte ihnen auch spannende Geschichten und ließ sie abends ein bisschen Haschisch rauchen. Als wären sie erwachsene Männer.
„Was ist mit der Scheibe deines Autos passiert?“, fragte der Malak. Ali zuckte nur die Schultern. „Die war schon so, als ich ihn bekam.“
Das stimmte nicht! Warum log Ali? Tarik sah dem Malak nach, der nun mit Saif hinaus ging. Schnell sprang er von der Matte auf und lief zum Fenster. Die verschorften Kratzer auf seinem Rücken juckten wieder unerträglich. Er sah, wie der Malak im ummauerten Innenhof Saif eine dunkle Weste anlegte. Ali stand rauchend dabei und gab offenbar Kommentare dazu ab, wie man die Schnallen enger ziehen konnte. Tarik wollte so viel wie möglich sehen, doch die Männer zogen Saif die Weste wieder von den Schultern und alle verschwanden aus seiner Sicht. Kurz darauf fuhr ein Auto fort und hinterließ einen kleinen Sandsturm.
Tarik lehnte sich an die Wand und starrte zur Tür. Er wusste, dass Mustafa vor zwei Tagen auch solch eine dicke Weste erhalten hatte. Mustafa war nicht zurückgekommen.
Aleppo, Anfang Mai 2016
Heute Morgen war es mir in der kleinen Wohnung zu eng geworden. Ich musste hinaus, Luft bekommen, Menschen sehen. Keine Grübelei mehr, keine Angststarre. Noch gab es Leben hier. Und daran wollte ich teilhaben, mich festsaugen am Anblick von rauchenden Männern und Kindern, die zwischen den Ruinen spielten, als gäbe es keinen Krieg. Ich setzte mich auf ein Trümmerteil, richtete den Hijab und den langen Sommermantel und stützte die Füße auf einer vom Dach gefallenen Sat-Schüssel ab. Der Wind wirbelte den Staub auf.
Die Bäckerei war mal wieder geöffnet und die meist männlichen Kunden standen Schlange, die ganze Straße hinunter. Wortfetzen, Gespräche umgaben mich wie eine Dämmschicht vor der Angst.
Tarik rannte vorbei, einen leeren Kanister in der Hand. Seine Beine steckten in dreckigen Shorts.
„Salam aleikum! Tarik!“
Er blieb stehen. Mein Herz wurde warm beim Anblick des hageren Jungen, seiner dunkelbraunen Augen. Die Wangen waren verschmiert, als hätte er geweint. Er nickte nur kurz und lief weiter. Seltsam, sonst hatte er immer Zeit für ein paar Worte.
So wirklich einsam, wie ich manchmal dachte, war ich nicht. Tarik war mein Cousin, er war Familie. Obwohl seine Eltern sich von meiner syrischen Mutter losgesagt hatten, als diese vor 35 Jahren nach Europa zog, um einen deutschen Mann zu heiraten. Ich hatte nur selten Kontakt zu meinem Onkel Mazen, doch Tarik schrieb mir seit zwei Jahren auf Facebook, wenn er irgendwo ein Smartphone ergattern konnte. Wenigstens einer, der mir treu blieb. Seitdem die meisten Hilfs-Organisationen die umkämpften Viertel aufgegeben hatten, dachte ich, dass es vielleicht ein Fehler gewesen war, Medical Control einfach so zu verlassen und mich allein durchzuschlagen. Meine Lage glich der einer Schiffbrüchigen. Ob einsame Insel mitten im Pazifik oder das Viertel Al Jdaideh mitten in Aleppo, es kam auf das Gleiche heraus. Aber ich konnte es nicht mehr ändern. Und wollte es auch gar nicht.
Die Sonne umgab mich, ich saß im blendenden Licht. Einfach so. Ganz ruhig. Keine Furcht, keine Erinnerungen. Die Zeit blieb stehen, ließ mich in einem schmalen friedlichen Korridor zurück. Hier war ich sicher, wenn auch nur für Minuten. Ich spürte, wie kostbar mein verletzliches Leben war. Es war ein schönes Gefühl. Ich lebte mit allen Sinnen. So wie ich in Deutschland nie gelebt hatte, so pur und prall. Was würde mir wohl fehlen, wenn ich zurückkehrte?
Die Luft schmeckte noch wie geräuchert von den Feuern, die man gestern in Ölfässern auf der Straße entzündet hatte, um den Kampfjets die Sicht zu nehmen. Jeden Tag krochen die Rauchsäulen weiter nach Osten. Jeden Tag rückten Assads Truppen nach, was die Lage in Al Jdaideh nicht unbedingt sicherer machte. In vielleicht einem Monat würde Assads Armee den Ring um die Rebellenviertel schließen können. Sie drangen von Ramousel vor, hielten den Flughafen, sie waren fast rund um die südöstlichen Viertel und die Altstadt verteilt, um den Tell, auf dem die alte Zitadelle stand, bis hin zu den Vierteln Midan und Shik Khider, einsame Rebelleninseln innerhalb der Stadt.
Tarik kam bereits zurück, mit schweren Schritten. Dabei war der Kanister so leer wie zuvor.
„Tarik, komm her.“
Er schlurfte auf mich zu und sah mich an. Ein verschlossener Ausdruck lag auf seinen Zügen.
„Zu spät gekommen?“
„Ja, Esma. Mist! Der Tankwagen wird nicht wieder kommen. Es war das letzte Mal.“
Das war mir neu, doch diese enttäuschende Nachricht fiel nicht mehr ins Gewicht.
„Komm mit.“ Ich stand auf und fuhr Tarik durch das verfilzte Haar, ein wenig grau durch die Staubschicht. Alles in Aleppo war grau, es gab kaum noch Farben. Nur den tückischen blauen Himmel und gefleckte Kampfjets.
Gemeinsam gingen wir an dem Gebäude mit der zerschossenen Fassade entlang, auf ein Treppenhaus zu, und stiegen in den ersten Stock hinauf. Ich schloss die Holztür auf und bat meinen Gast hinein. Er streifte lässig die Turnschuhe von den Füßen, ich zog den Mantel aus, schlüpfte in meine Birkenstock. Ein Stück Deutschland.
„Hast du schon gegessen?“
„Ja.“
Tarik saß auf der farbenfrohen, mit Seidenstoff bezogenen Matratze. Ich setzte mich neben ihn und zog den Hijab vom Kopf. Luft fuhr unter meine langen Haare.
„Wie geht es deiner Mama?“, fragte ich.
„Sie ist gestorben. Gestern Mittag.“ Er sah mich nicht an.
Eine eiskalte Welle schlug über mir zusammen, ich hielt die Luft an. Meine medizinische Hilfe war vergebens gewesen. Was würde meine Mutter zu dieser Nachricht sagen? Tante Delia war nur die Schwägerin, die Frau ihres Bruders – und doch war Blut dicker als Wasser. „Ach Tarik, das tut mir so leid. Warum hast du mir nichts davon gesagt?“
Er senkte den Kopf. „Ich konnte nicht mal meinem Abu Bescheid sagen. Niemand weiß, wo er kämpft. Es ging alles so schnell. Tante Jasina hat sich um alles gekümmert.“
Tarik fuhr fort: „Heute in der Frühe haben wir sie beerdigt, im Norden, wo wir hin konnten. Im Maysaloun Park war noch Platz.“
Dort, wo ich früher zwischen den Blumenbeeten und Spielgeräten spazieren gegangen war, häuften sich jetzt schmale Erdhaufen auf. Ich verdrängte das Bild.
„Stellt ihr ein Trauerzelt auf?“
„Nein, Tante Jasina hat kein Geld.“
Tarik klang wie ein erwachsener Mann. Er tat so, als fiele der Tod seiner Mutter nicht mehr ins Gewicht. Der Alltag forderte ihn. Vielleicht tröstete der Alltag auch. Doch dann machte Tarik sich schwer, gab seine starke Haltung auf. Ich spürte ihn an meiner Seite beben. Er war nun eine Halbwaise, vorausgesetzt, Onkel Mazen lebte noch. Tariks zwei kleine Schwestern waren auf das Land gebracht worden.
„Warum hast du ihr nicht geholfen?“ Seine leisen Worte taten mir weh.
„Ich habe geholfen, du erinnerst dich? Wir mussten sie ins Krankenhaus bringen.“
Er schüttelte den Kopf. „Da ist es sicher noch schlimmer geworden. Warum bist du nicht weiter bei ihr geblieben?“
„Tarik! Sie war am ...“
Am Verbluten. Die Stimme versagte, ich fühlte mich schuldig, weil ich mich nicht intensiver um Tante Delia gekümmert, sondern einem übermüdeten Arzt vertraut hatte. Ich legte den Arm um die schmalen Schultern. Tarik schnaufte leise und wandte sich ab. Ohne weitere Worte zog ich ein Taschentuch aus der Jeans und reichte es ihm. Er trocknete die Tränen, die an den langen Wimpern fest hingen. Vier oder fünf Minuten vergingen in unbehaglichem Schweigen.
„Bleibst du für immer hier, Cousine Esma?“
Wenn ich ging, würde ich meine Familie und alle Bewohner des Viertels im Stich lassen. Dieser Gedanke war immer unerträglicher geworden in den sechs Monaten, die ich hier als Krankenschwester in wechselnden Krankenhäusern gearbeitet hatte. Bis es kaum noch Krankenhäuser gab. Jetzt war es ohnehin zu spät. Ich hatte keinen Plan B, nicht mal einen Plan A.
„Nun, für immer, das geht wohl nicht. Aber ich bleibe noch eine ganze Weile. Je nachdem, wie es … wie es hier ausgeht, du weißt…“
Er nickte und seufzte. Die relative Ruhe in den letzten zwei Tagen war nicht nur eine wackelige Waffenruhe, es war die Ruhe vor dem Sturm.
„Bald ist es vorbei, Tarik. Keine Flugzeuge mehr, keine Bomben.“
„Meinst du? Und was wird aus uns? Was wird aus Vater?“
Wenn ich das nur wüsste. „Seit Jahrtausenden hat Aleppo seine Bewohner beschützt. So wird es auch weiter bleiben.“
„Esma, jetzt sprichst du wie eine von diesen Leuten, die Ruinen ausgraben“, maulte er und stand auf. Ich verkniff mir trotz allem ein Grinsen.
„Warte, ich schütte drei Liter in deinen Kanister. Ich hatte noch Glück mit dem Tankwagen. Und was machen wir danach, ohne Wasser?“
Tarik zuckte mit den Schultern. „Die Nachbarn graben immer ein Loch im Hof und stoßen meistens auf Wasser. Dann machen sie es sauber mit diesen Tabletten aus der Apotheke. Oder sie lassen es durch ein Stück Stoff laufen.“
„Und das geht?“
„Doch, das geht. Ich muss das auch machen. Tante Jasina braucht das Wasser.“ Ernst lag in seinen Zügen, als ich meinen Kanister unter der gemauerten Spüle hervorzog und seinen 5-Liter-Kanister mit dem Mickymaus-Aufkleber zur Hälfte füllte.
„Ich besuche euch gegen Abend. In Ordnung?“
Er zuckte nur wieder mit den Schultern. Ich winkte ihm hinterher, doch er sah es nicht. Mein Herz war schwer.
Als Tariks Schritte verklungen waren, vibrierte das Handy. Schnell holte ich es aus der Hosentasche und lächelte. Das Gesicht meines Vaters erschien auf dem Display. Nach drei Tagen wieder durchgängig Internet – elhamdulilah.
„Esma, wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?“
„Danke, es geht mir gut. Ist ein bisschen heiß hier.“
Im Hintergrund des Kamerabildes sah ich die Terrasse, die auf den blühenden Garten hinausging. Flieder, Pfingstrosen, früher Lavendel. Ich konnte den Blick gar nicht von dieser Pracht abwenden. Vater saß mit dem Kölner Anzeiger im Gartenstuhl und als ich die steile Falte zwischen den Augenbrauen erkannte, wurde die Idylle unwichtig.
„Esma, ich bin es leid, immer wieder die gleiche Frage zu stellen.“
Müde gab ich zurück: „Und ich möchte nicht immer die gleiche Antwort geben, Papa. Ich bleibe hier, es tut mir leid.“
„Es ist Wahnsinn, was du da machst. Wir könnten Medical Control noch einmal ansprechen, sie könnten dich mitnehmen, wenn sie das Land ganz verlassen. Ich habe dir noch einmal Geld geschickt. Du weißt schon, wie.“
„Danke, das ist sehr lieb von dir. Aber ich habe hier meine Kontakte, das klappt schon irgendwann. Wann ich es will.“
Doch er schüttelte den Kopf. „Deine Gelassenheit möchte ich haben. Ich verstehe auch deine Mutter nicht. Sie scheint stolz auf dich zu sein.“
„Papa, sie weiß, dass ich hier zurecht komme.“
„Das alles hast du von ihr“, murmelte er.
Ich grinste. Ja, den Trotz, den Dickkopf hatte ich von meiner syrischen Mama. Es war jedoch kein Wunder, dass ich mich in diese Lage gebracht hatte. Von meinem deutschen Vater hatte ich nämlich den Hang zur Einmischung geerbt. Wackersdorf, Startbahn West, das waren seine Abenteuer gewesen.
„Ich bin unsichtbar, untergetaucht, ganz einfach. Ich passe auf mich auf, wallah!“
Seine Züge entspannten sich, dann lächelte er. „Untergetaucht also. Hm, ich weiß noch, wie Mama dir mal den Hijab gebunden hat, da warst du 10 oder 11.“
Das war knapp 20 Jahre her und er erinnerte sich noch. „Und es ist, als wäre Mama bei mir“, sagte ich nachdenklich. „Aber ich habe eine schlechte Nachricht, trotz allem.“ Das Gesicht meines Vaters war angespannt. Ich holte tief Luft. „Tante Delia ist gestorben. Sie hatte viel Blut verloren durch ein Schrapnell und sie war sowieso schon kränklich. Ich habe es gerade von Tarik erfahren. Ich habe die Erstversorgung gemacht, offenbar nicht schnell genug.“
Mein Vater nickte langsam, seine Miene war bedrückt. „Gut. Ich sage es deiner Mutter. Wir hatten nicht viel mit ihr zu tun, aber …“ „Ja, es ist Familie“, setzte ich fort. Er seufzte.
Ein fein kreischendes Geräusch drang von draußen herein. Als wenn Papier durchgerissen wird, noch leise, aber unheilvoll. Ich bemühte mich, wieder in die Kamera zu lächeln.
„Papa, ich muss Schluss machen.“
„Jetzt schon?“
„Ja, ich kriege Besuch.“ Cool umschrieben, Esma! „ Grüß Mama von mir! Sie soll nicht zu traurig sein.“
„Natürlich. Mach es gut, Kind.“ Das Bild meines Vaters verschwand, hastig steckte ich das Handy in die Tasche der Jeans. Mein Herz klopfte. Das Flugzeug wurde immer lauter.
Ich eilte ans Fenster. Ein Kampfjet zog über den Himmel, beschrieb einen Kreis, kam scheinbar direkt auf mein Gebäude zu. Ich wich an die Wand zurück, die Angst umklammerte mich. Es war zu spät für den Keller. Bald war das russische Kampfflugzeug über dem Haus - ich hielt mir die Ohren zu, damit ich das Pfeifen der Bomben nicht hören musste. Jetzt gleich, jetzt! In der Brust wurde es eng - und dann bebte die Erde durch einen dumpf knallenden Einschlag.
Instinktiv warf ich mich auf den Boden, barg den Kopf in den Armen. Das auf Kippe stehende Fenster schlug zu und fiel dann langsam wieder auf. Abwettern, ausharren, nur nicht denken! Nur lauschen und riechen. Da – noch ein Einschlag. Brachen die Wände? Stürzte das Dach ein? Roch es nach Gas? Eine Minute verging in einem lauten Rauschen und Knacken, was mir eine Gänsehaut bescherte: Irgendwo in der Nähe sank ein Haus in sich zusammen.
Ich löste die Arme vom Kopf und erhob mich schwerfällig. Die Wände standen noch, vor dem Fenster waberten Staubfahnen vorbei. Ich wartete eine Weile ab, ob noch weitere Flugzeuge zu hören waren. Drei Minuten, vier Minuten. Vorschnelle Hoffnung war tödlich.
Da packte mich ein schockierender Gedanke: Tarik! Mit zitternden Händen riss ich das Fenster weit auf, als könnte ich ihn jetzt noch sehen. Der Staub war zu dicht. Der Junge war in die Richtung gegangen, aus der nun die Rufe von Männern zu hören waren, gedämpft wie durch Watte. In der Ferne heulte eine Feuerwehrsirene. Schnell in die Schuhe, die Haare unter ein einfaches Kopftuch, ab in den Mantel, dann holte ich einige Rollen Verbandszeug aus einem Schrank – es waren die letzten. Während ich die Rollen in die Manteltasche stopfte, lief ich auf die Straße hinaus.
Die Schlange der Bäckereikunden hatte sich längst aufgelöst. Gut 200 Meter Luftlinie entfernt stieg eine Rauchsäule über den Häusern auf. Ich zuckte zusammen, als Einschläge weiter im Nordwesten die Erde beben ließen. Doch ich konzentrierte mich auf meinen Auftrag: Tarik finden! Es war das dritte Mal innerhalb von zwei Wochen, dass Raketen, Mörsergranaten oder Brandbomben so gefährlich nah bei mir heruntergekommen waren. Meine Wohnung lag im noch umkämpften Gebiet, Assads Armee war allerdings seit einigen Tagen präsenter als je zuvor. Die Grenzen waren fließend. Vielleicht nur einen Block weiter warteten die Rebellen darauf, wieder Raum zu gewinnen. Egal, es war gleichgültig. Ich hatte überlebt. Tarik auch? Ich hoffte, dass der Weg zum Haus seiner Tante noch begehbar war.
Ich ging an der beschädigten maronitischen Kirche in der Farhat Street vorbei, erinnerte mich an das Glockenspiel des Ave Maria. Es waren zarte, sanfte Töne gewesen, ein tröstlicher Gegensatz zum Quietschen der Panzer. Die Gassen, die Torbögen und die niedrigen Häuser mit ihren langen Balkonen und kleinen Geschäften waren zum Großteil noch erhalten. Nach wenigen Metern bog ich ab auf die Sheik al Kayyali Straße, immer hoffend, dass die Heckenschützen nicht gerade in einem der höheren Häusern saßen. Einige Menschen wagten sich hinaus und hielten Ausschau. Winzige Staubteilchen rieselten mir auf Kopf und Schultern. Das Atmen fiel mir schwer, doch ich hastete weiter, folgte der Straße in nördliche Richtung. Der riesige Schuttberg, der nach einer Bombenexplosion in einem unterirdischen Gang übrig geblieben war, wies mir den Weg. Welch ein Jammer, dieses Viertel, das früher gefüllt war mit Touristen, die zu den Kirchen und Moscheen schlenderten, in kleinen Handwerksläden über Messing- und Zinnarbeiten strichen, den Duft in den Seifensiedereien genossen und in den Teestuben Pfefferminztee aus kleinen Gläsern schlürften.
In einiger Entfernung hatten Assads Soldaten einen neuen Checkpoint eingerichtet. Verdammt, ich musste einen Umweg nehmen. Ich zog das Kopftuch tiefer in die Stirn, ging weiter und sah mich unauffällig entlang der Fassaden nach einem Schlupfloch um. Ein kleines Schuhgeschäft, die Wand mit Schmähungen auf Assad beschmiert. Natürlich geschlossen. Ein Nagelstudio, geschlossen. Eine Wäscherei, die Scheiben zertrümmert. Nach 20 Metern stieß ich auf eine schmale Gasse, nahezu blockiert durch eine alte Barrikade aus Reifen und mit Sand gefüllten Fässern. Dieser Weg könnte mich weiterbringen. Ich stieg über die Reifen, quetschte mich an den Fässern vorbei und betrat den düsteren Schlauch. Hier hinein würden sich die Soldaten vorerst nicht wagen. Mein Schuh stieß an eine alte Granatenhülse, die klirrend gegen eine zweite rollte. Etwas weiter war ein Durchlass in eine Hauswand geschlagen worden. Hinein in das Gebäude, wirre Drähte streckten die Fänge nach mir aus. Ich durchquerte die Wohnung, so wie sich Rebellen durch das Viertel bewegten, wenn die Straßen zu unsicher sind. Aus den Augenwinkeln nahm ich Küchenschränke und einen offenen, verstaubten Kühlschrank wahr. Dann ein Hinterhof, den ich überquerte – und ich war auf der richtigen Straße angekommen. Wenige Schritte entfernt war ein dreistöckiges Haus in sich zusammengestürzt. Vor lauter Anspannung war mir schwindelig, so dass ich mich an die Wand lehnte und die Umgebung musterte. Es war nicht Tariks Haus. Wo war er?
*
Tarik wischte sich ein paar Steinsplitter vom Kopf und setzte sich auf die Mauer in einem Innenhof. Er musste abwarten, sein klopfendes Herz beruhigen, bis sicher war, dass der Jet nicht zurückkehren würde. Auf dem Heimweg hatte er ein Paar Flipflops gefunden, auf einem der Haufen, wo die Helfer gefundene Schuhe deponierten. In Turnschuhen schwitzten seine Füße oft. Er zog sie aus und streifte sich die neuen Schlappen über. Ja, sie passten. Er stand auf, ging ein paar Schritte umher. Es tat gut, nicht an die Angst zu denken.
Als er sich gerade zu seinen Turnschuhen bücken wollte, hielt ihn jemand am Arm fest.
„Junge, hast du deinen Vater gesehen?“ Ein etwas dicklicher Mann sah ihm eindringlich ins Gesicht.
„N ...nein“, stotterte Tarik. Wer war das? Immer wieder hatte seine Mutter ihm eingeschärft, nichts über seinen Abu zu verraten. Wegen der Spitzel. Er wusste nicht genau, was ein Spitzel war, aber es hatte sich nicht gut angehört. Wahrscheinlich welche von Assads Leuten.
„Also hat er es dir noch nicht sagen können. Hör zu, äh … jetzt habe ich doch glatt deinen Namen vergessen ...“ murmelte der Mann und kraulte seinen buschigen Bart.
„Tarik.“
„Genau, Tarik. Ich bin Ali.“ Der Mann legte kurz eine Hand auf die Brust und fuhr fort: „Dein Vater macht sich Sorgen. Er will, dass du mit mir kommst. Diese verdammten Bomben. Ich soll dich in Sicherheit bringen.“
Der Mann zog ihn mit sich, aber nur ein paar Schritte. Etwas in Tarik weigerte sich, weiterzugehen.
„Aber Tante Jasina! Ich will ihr das Wasser bringen! Ich kann doch nicht einfach ...“
Da spürte er einen neuen Einschlag unter seinen Füßen. Ali blickte besorgt zum Himmel, dann sah er Tarik wieder an.
„Das Haus deiner Tante ist kaputt, von den Bomben des ersten Flugzeugs. Gut, dass ich dich gefunden habe. Komm jetzt endlich, bevor noch mehr fallen.“
Eine eiserne Klammer zerdrückte sein Herz. Tante Jasina … „Ist sie tot? Meine Tante?“ rief Tarik und riss sich vom Griff des Mannes los. Mit einer Hand umklammerte er den Kanister. Dieses weiße sperrige Ding war doch die einzige Verbindung, die er noch zu Jasina hatte.
„Alle im Haus sind tot, so habe ich es gehört. Ich habe dich doch dort gesucht. Lass den Kanister stehen. Du musst mir vertrauen.“
Aber Tarik konnte keinen Fuß vor den anderen setzen. Wenn er das Wasser im Stich ließ, ließ er seine Tante im Stich.
„Willst du deinem Vater nicht gehorchen, du Rotzbengel?“ Der Mann hielt ihn wieder fest, doch mit der freien Hand zerteilte er verärgert die Luft.
„Das Wasser muss mit!“
Der Mann stöhnte auf. „Also gut, wenn du unbedingt willst. Beeilung jetzt!“
„Ich komme, ich komm ja schon“, sagte Tarik schwach. So leise war seine Stimme, als hätte ihn plötzlich alle Kraft verlassen. In seinem Inneren war es leer und taub. Er konnte gar nichts fühlen. Seine Mutter tot, Tante Jasina tot und sein Vater verschwunden.
*
Ein halbes Dutzend Männer gruben mit bloßen Händen im Schutt, mit einer trotzigen Verzweiflung, die meine Betroffenheit wieder anfachte. Andere schoben ein Autowrack weg, um Platz zu schaffen. Die Sirene der Weißhelme wurde immer lauter. Überall Rauch, allerdings gab es in diesem steinernen Inferno nicht lange Nahrung für das Feuer.
„Tarik!“ Mein Ruf verhallte im unwirklichen Chaos. „Tarik!“ Ich stieß mich von der Wand ab, machte mich wieder auf den Weg.
Das Haus von Tariks Tante Jasina lag nur 50 Meter von dem Trümmerhaufen entfernt. Ich kletterte über eingestürzte Mauern und ältere Schutthaufen. Männer mit dreckigen Händen und starrem Blick, die Zigarette im Mundwinkel, schoben mich zur Seite. Da – sie hoben einen kleinen, schlaffen Körper aus einem Loch heraus. Das tote Kind wurde einem Mann übergeben, um es zu einem Platz zu schaffen, wo man es ablegen konnte. Automatisch folgte ich dem Mann, der eine gelbe Warnweste trug. Warum trug er sie? Es war so bizarr.
Da kam Tariks Tante mir entgegen, sie redete auf den Mann mit dem toten Kind ein, wollte es sehen. Er beugte sich ein wenig vor, ließ sie in das Gesicht sehen. Nein, das konnte nicht Tarik sein, der Körper war zu klein. Die Frau in der dunklen Abaya schüttelte den Kopf und ging weiter.
„Jasina, warte!“ Ich hielt die Frau mit dem schmerzverzerrten Ausdruck am Arm fest. „Du suchst Tarik?“
„Ja, er kam nicht zurück vom Wasserwagen.“ Der Blick aus ihren großen braunen Augen ging mir durch und durch.
„Er war bei mir, Jasina, aber dann ging er und die Bomben fielen.“ Unvermittelt kam mir der Gedanke, dass ich das Trinkwasser vergebens geteilt hatte.
„Allah! Was wird aus ihm? Allahu akbar! Was wird aus uns allen?“ Jasina riss sich los und ging weiter die Straße entlang, Rufe ausstoßend, die Arme zum Himmel gereckt, bevor sie die Hände immer wieder auf ihr Haupt schlug. Ich schüttelte den Kopf. Ich sollte laute Verzweiflung gewöhnt sein, doch manchmal ging mir das Jammern und Wehklagen zu Allah auf die Nerven. Ich folgte Jasina nicht, ich musste helfen und unwillkürlich ertastete ich die weichen Rollen Mullverband. Das war es, was mich von diesen Frauen unterschied. Ich konnte helfen. Ich konnte meine Gefühle in Hilfe umwandeln. Viele dieser Frauen konnten das nicht, sie waren es nicht gewohnt. Das patriarchische Kleid war oft zu eng, um es abzustreifen. Doch ich musste zugeben, dass ich auch keine Um, keine Mutter war, die um ihre Kinder bangt.
Ich folgte dem Mann in der Warnweste zu einem Gebäude, dessen schmiedeeisernes Tor weit offen stand. Im Inneren einer Halle lagen zwei notdürftig zugedeckte Leichen. Mit einer bedrückenden Behutsamkeit legte der Mann das Kind nieder, dann lief er zurück. Ich trat näher und versuchte, meine vor Wochen verschwundene berufliche Professionalität wieder aufzurufen, als ich die Leichen betrachtete. Tarik lag jedenfalls nicht hier. In einer dämmrigen Ecke saßen drei Kinder auf einer Treppenstufe, über und über mit Staub und blutenden Schrammen bedeckt, als würden sie aus grauem Zuckerguss bestehen, garniert mit blutroten Früchten. Die Lebenden waren wichtiger als die Toten.
„Habt keine Angst“, sagte ich und kniete mich zu einem etwa dreijährigen Mädchen. Bis auf eine hässliche Fleischwunde am Arm war es unverletzt. Ich holte ein Taschentuch aus der Manteltasche, dazu die Mullbinden. Ratlos sah ich mich um, es gab kein Wasser, um die Wunde zu säubern. Das Licht reichte auch nicht aus, daher hob ich das Mädchen auf den Arm und ging in einen angrenzenden Innenhof. Hier ließ eine Glaskonstruktion Licht hinein. Nicht, dass das Glas noch vorhanden gewesen wäre, lediglich die zu kunstvollen Arabesken verschlungene Metallkonstruktion war noch über den Hof gespannt. In der Mitte war ein Beet angelegt, eine kleine Palme trotzte den Umständen.
Ich setzte das Mädchen auf die Umfassungsmauer. Da fiel mir ein Schuh ins Auge. Ein Turnschuh! Mit einem Aufschrei ging ich zu meinem Fund, nahm ihn auf und betrachtete ihn. Es war einer von Tariks blauen Sportschuhen, die er eben noch in der Wohnung ausgezogen hatte. Im Inneren war mit Kugelschreiber sein Name gekritzelt. Warum war der Schuh hier? Dann musste Tarik doch auch hier gewesen sein. Die Druckwelle der Bombe konnte diesen Schuh doch nicht von seinem Körper gerissen und ihn bis hierher geschleudert haben. Das Innere war unversehrt, kein Blut, keine Knochen- oder Fleischreste. Von außen war der Stoff natürlich staubig.
Das Mädchen seufzte. Ich ließ den Schuh fallen und wandte mich ihr zu. Vorsichtig schob ich den Ärmel des dreckigen Kleides weiter zurück.
„Da hast du aber schöne Schleifen auf deinem Kleid. Ist das dein Lieblingskleid?“
Das Mädchen strich mit einem leisen Anflug von Stolz über eine der rosa Schleifen und nickte. „Es wird bestimmt bald wieder schön sauber sein und dann kannst du es wieder anziehen.“
Das Kind lächelte, aber das kleine Gesicht wurde starr, als hätte ich es an die Bomben erinnert.
„Zeig her.“ Ich pustete Staub von der Haut weg und strich mit dem Taschentuch darüber. Es tat mir gut, einen lebendigen Körper zu berühren in dieser Zeit des Todes. Wahrscheinlich half das Mädchen mehr mir selbst als ich ihm.
„Hier. Sonst wird das nichts.“ Eine Männerstimme schreckte mich aus den Gedanken auf, das Mädchen zuckte zusammen. Im Gegenlicht sah ich nur eine Gestalt, die mir eine Plastikflasche anreichte. „Ist sauber, keine Sorge.“
Der Mann kniete sich neben das Mädchen und lächelte es an. Verwundert sah ich ihm ins Gesicht. Er trug einen kurzen gepflegten Bart, seine Züge waren angenehm, nicht so dunkel und hart wie bei anderen seiner Landsleute.
„Danke sehr, das ist wirklich nett.“ Ich roch kurz am Flaschenhals. Dann goss ich ein wenig Wasser über die Wunde, worauf das Mädchen zu weinen begann. Behutsam säuberte und versorgte ich den Arm. „So, jetzt hast du den schönsten Verband von allen hier. Pass auf, dass alles sauber bleibt, ja?“
Doch das Mädchen beachtete mich nicht, sondern blickte den Mann misstrauisch an.
„Bist du Dilara?“, fragte er.
Die Kleine nickte.
„Deine Mutter wartet dort drüben. Lauf schnell.“
Mit großen Augen stand das Mädchen auf, dann lief es zurück in die Halle, wo ihre Mutter es in die Arme schloss. Natürlich unter lautem Jammern und Klagen. Ich freute mich trotzdem.
„Du kannst noch lächeln?“, fragte der Mann, der in meinem Alter zu sein schien. Überrascht blickte ich ihm in die braunen Augen. „Ja, natürlich. Sonst würde ich die Hoffnung verlieren.“Er stieß langsam seinen Atem aus und sah zu Boden.
„Du kannst es nicht mehr?“, fragte ich.
„Es gibt nichts, worüber ich lächeln könnte.“
„Und dass die Kleine gerettet wurde? Ist das nichts? Ihre Freude, die Mutter zu sehen?“
Da musterte mich der Mann von Kopf bis Fuß.
„Du kommst nicht aus Syrien, oder?“
Misstrauen stieg in mir auf. Wenn dieser Kerl nun von einem der zahlreichen Geheimdienste war? Die Spitzel steckten überall. Nirgendwo war man vor ihnen sicher. Aber hier im Rebellenviertel?
„Keine Sorge, ich bin kein Agent. Dein Akzent ist ungewöhnlich und du sprichst einiges falsch aus, deshalb dachte ich …. Du brauchst mir auch nicht zu antworten.“
Er bot mir eine Zigarette an. Ich nahm sie und betrachtete sein Gesicht, als er mir das Feuerzeug vor die Nase hielt. Ich sah Resignation, Müdigkeit, wie bei so vielen Einwohnern von Aleppo. Er setzte sich auf die Mauer. Nein, ich durfte ihm nicht trauen.
„Warum bist du hier?“, fragte er.
„Warst du vorhin schon hier?“, fragte ich, ohne eine Antwort zu geben. „So vor zehn Minuten?“
„Ja, ich habe die beiden Jungen und das Mädchen in die Ecke gesetzt. Damit sie nicht verloren gehen.“
Der Tabak belebte mich und ich beschloss, ihn zu befragen. „Hast du vorhin während des Angriffs einen elfjährigen Jungen gesehen? Schwarzes T-Shirt und kurze Hose? Dieser Turnschuh ist von ihm.“ Ich wies auf den Schuh.
„Wenn du den Schuh draußen gefunden hast, dann ….“ Vielsagend blickte er mich an.
„Nein“, entgegnete ich schnell. „Das ist ja das Seltsame. Ich habe ihn hier im Hof gefunden. Da ist kein Blut dran.“
„Vielleicht wurde er so versorgt wie gerade das Mädchen und ist dann heim gegangen.“
„Ja, das hoffe ich.“ Mit aller Kraft klammerte ich mich an diesen Gedanken, der ja folgerichtig war. Sicher würde Tarik bald auftauchen. Seine Tante hat ihn wohl einfach nur verpasst.
„Ich wohne nur ein paar Blöcke weiter. Außerhalb, verstehst du?“ Er wies mit dem Kopf in Richtung Westen. Aleppo war geteilt, der Fluss und die Bahngleise waren die Grenze. „Mein Name ist Sabri al Mohammed.“ Er legte zum Gruß die Hand auf sein Herz.
„Esma.“
„Nur Esma?“
„Ja. Und ich wohne leider nicht so wirklich drüben.“ Nun, mehr würde ich nicht von mir preisgeben. Er kniff die Augen ein wenig zusammen und sah mich an, als würde er mich zum ersten Mal richtig wahrnehmen. Es wurde Zeit, ihn loszuwerden. Nicht, dass er doch ein äußerst mutiger Geheimdienstler war, der sich mitten in den Bombenhagel stürzte.
„Ich muss jetzt los, den Jungen suchen.“
„Viel Erfolg“, sagte er und blieb sitzen, als ich den Hof und das Gebäude verließ. Auf der Straße sah ich mich noch einmal um. Sabri saß immer noch auf der Mauer, mit hängenden Schultern.
*
Als Esma gegangen war, ließ Sabri die Anspannung aus sich heraus. Tief inhalierte er den Rauch der Zigarette und senkte den Kopf.
Seinen Eltern ging es gut – Elhamdulila! Ihr Haus in Ashrafieh war bislang unversehrt und seine eigene kleine Wohnung ebenfalls, obwohl er heute ziemlich gebangt hatte. Doch was war mit seinem Bruder Firas? Warum bei Allah war Sabri aufgebrochen, um ihn zu suchen? Er war nicht Firas Leibwächter, nicht sein Aufpasser. Er war überhaupt nichts mehr. Diese Frau, Esma, hatte mehr Mumm in den Knochen als er selbst. Er fühlte sich schwach und hilflos, dazu so rastlos und beunruhigt. Nicht wie ein Mann. Er hatte keine Angst vor den Bomben. Allah hatte sein Schicksal geschrieben, inshallah. Aber warum war es so schwer, wie unnützer Ballast durch das Leben zu schleichen, auf leisen Sohlen, immer mit der Angst im Nacken, dass seine Religion und seine ehemalige Stellung, so kümmerlich sie auch gewesen war, nicht mehr ausreichen würden, um ihn vor dem Elend zu bewahren. Alles war nur Firas Starrsinn und Undankbarkeit zu verdanken. Und trotzdem suchte er ihn. Warum tat Firas ihnen das an? Mutter weinte oft um ihn.
Mühsam stand Sabri auf, sein Körper fühlte sich an, als hätte er höchstpersönlich alle Barrikaden der Stadt gebaut. In der Halle sah er die beiden Jungen, die er vorhin in Sicherheit gebracht hatte. Sie standen bei einem Mann, der sie an die Hand nahm und mit ihnen davonging. Sie gingen ein wenig widerstrebend mit, diese Lausebengel. Sicher hatte Dilaras Mutter sie erkannt und den Eltern oder Verwandten Bescheid gegeben. In den Vierteln kannte jeder jeden. Jedenfalls früher, vor dem Krieg, als es hier noch bunt, laut, duftend und schön gewesen war. Als noch zum Frühstück die Lieder von Fairuz aus den offenen Fenstern erklangen. Als das Geschrei der Händler durch die Gasse hallte und die Auspuffgase ihrer kleinen Suzukis und Toyotas die Luft verpestete, von denen sie ihre Kisten abluden.
Inzwischen kannte man nicht mal seinen nächsten Nachbarn. Alles war verdreht, verkehrt, falsch. Viele waren tot oder geflohen. Und denen, die geblieben waren, konnte man vielleicht nicht mehr trauen. Nicht mal der eigenen Familie. Firas, du Scheißkerl, dachte Sabri. Er hatte ihn seit sechs Wochen nicht mehr gesehen. Ob er überhaupt noch in Aleppo war? Warum irrte Sabri nach jedem Angriff durch das Viertel? Es war nutzlos und machte ihn nur noch unglücklicher. Und doch trieb ihn etwas an, etwas, das ihn gleichzeitig fertig machte …
Sabri verließ das Gebäude und steckte sich auf der Straße die nächste Zigarette an. Der Feuerwehrwagen der Weißhelme stand nicht weit entfernt, doch anscheinend sparten sie das Wasser für dringendere Fälle auf. Das Gebäude war nicht mehr zu retten und die Rauchwolke war kleiner und schwächer geworden.
„Salam aleikum. Bruder, kannst du mir helfen?“
Ein Mann mittleren Alters kam hinter ihm her und hielt ihn am Hemdsärmel fest. Sein besorgter Blick unterschied sich in nichts von den Blicken der anderen Menschen.
„Aleikum salam“, antwortete Sabri.
„Bruder, hast du zwei Jungen gesehen? Sie sollen nach dem Angriff hier in der Straße gewesen sein.“
„Ja, da waren zwei Jungen, ich habe sie selbst in das Gebäude gebracht. Aber jetzt sind sie weg. Hast du die beiden nicht getroffen?“
„Nein.“ Der Mann sah sich hastig um, als würde er jeden Moment das Erscheinen der Gesuchten erwarten. Dann knetete er die Hände, wischte die Handflächen an der alten Jeans ab. „Es sind Nachbarskinder. Eine Bekannte, die ihr Mädchen geholt hat, sagte, dass sie hier seien. Sie haben keine Eltern mehr.“
„Ungefähr um die zehn oder zwölf Jahre alt, nicht?“
„Ja. Dann sind sie wohl allein heimgegangen. Shukran, habibi.“ Der Mann wollte sich entfernen, doch etwas in Sabri wehrte sich gegen eine so einfache Antwort. Es war das Misstrauen eines Kriminalbeamten, das er nicht einfach mit dem Dienstausweis hatte abgeben können. Er dachte an das Unbehagen der Jungen, dem Mann zu folgen.
„Jedenfalls waren sie vorhin mit einem Mann zusammen. Er ging mit ihnen nach Norden.“
„Ach ja? Aber das ist doch die falsche Richtung. Die kennen sich hier doch aus. So etwas!“ Der Fremde schüttelte den Kopf. „Na gut, dann suche ich dort weiter. Shukran.“
„Möge Allah dir Erfolg bescheren.“
„Inshallah“, hörte Sabri noch, als der Mann davon eilte. Warum mussten sich die Lausebengel bei Angriffen auch in den Straßen herumtreiben, dachte Sabri. Genau wie der Junge, den diese Frau gesucht hatte. Esma. Sie war anders als die Frauen, die noch hier waren. Welches Schicksal hatte sie hierher verschlagen? Woher kam sie wirklich? Vielleicht eine Studentin, die eine Universität im Ausland besuchte? Nein, Arabisch war nicht ihre Muttersprache. Das war ihm sofort aufgefallen. Und doch war sie hier, trug traditionelle Kleidung und versorgte Verwundete. Ein Rätsel, das ihm die Zeit vertreiben würde.
Er gab sich einen Ruck und bog in eine Gasse ein, die zu einem bestimmten Haus führte. Dort wartete ein Tunnel auf ihn. Von Firas erhielt Sabri manchmal Hinweise, wie er sich durch das Viertel bewegen konnte. Und Sabri nutzte diese Schlupflöcher – so lange, bis Firas ihn eines Tages erneut verraten würde! Diese Hassliebe war es, die Sabri das Mark aus den Knochen saugte.
„Wo ist mein Abu? Ich will zu ihm!“ rief Tarik verzweifelt. Er wusste zwar gar nicht mehr richtig, wie sein Vater aussah, aber er konnte noch den Tabakgeruch des Bartes riechen und seine warme Stimme hören, die ihm früher immer die Geschichte von Leila und dem Wolf erzählt hatte. Er sehnte sich plötzlich mit aller Gewalt nach ihm. So hatte er das noch nie gespürt, es verschlug ihm den Atem.
„Ja, natürlich. Wir haben einen Treffpunkt, aber ich weiß nicht genau, wann und ob er kommt. Vorwärts jetzt!“
Tarik ließ sich von Ali weiter durch die Straßen ziehen. Sie wichen den Passanten aus, schlüpften durch Wände in Wohnhäuser und kleine Lager hinein. Dann kamen sie an einer breiten Straße heraus, die Tarik nicht kannte. Er musterte die zerstörte Kuppel einer Moschee. Alles um sie herum war zerfallen, als hätte Godzilla mit seinem Schwanz die Häuser vom Boden gewischt. Alles erschien grau und verschwommen. Bis er merkte, dass sich in seinen Augen der Staub mit den Tränen vermischt hatte.
„Wir müssen weit laufen, die meisten Checkpoints umgehen. Schaffst du das?“
Alis Gesicht war angespannt, er blieb im Schutz einer Hauswand stehen und zog Tarik eng an sich. Alle Menschen in Aleppo hatten Angst vor den Soldaten an den Checkpoints. Tarik nickte entschlossen. Er würde versuchen, keine Angst zu haben, er war doch nur ein ungefährlicher Junge.
„Ganz locker jetzt. Wenn man dich fragt, bist du Tarik al Mohammed, mein Neffe, der Sohn meiner Schwester. Aus Midan, Patriarch Zareh-Straße. Alles klar?“
„Ja.“
„Und wir wollen einen Onkel besuchen, Onkel Mustafa. Wie alt bist du?“
„Elf Jahre.“
„Nur für den Fall, dass man uns ausfragt, verstehst du, mein Großer?“
Ali lächelte. Tarik war immer noch durcheinander, so viel war innerhalb weniger Minuten passiert.
„Diesen Checkpoint können wir nicht vermeiden. Nimm meine Hand und geh ganz normal neben mir her. Ruhig atmen, nicht lächeln, nicht böse gucken, ja?“
So cool, wie er eben konnte, schritt Tarik aus. Zwei Blöcke weiter war ein Checkpoint eingerichtet, dem sie sich näherten. Sechs Soldaten hielten Ausschau, schlenderten hin und her. Tarik erkannte Munitionsgurte, die die Soldaten an den Zweigen eines dürren toten Baumes gehängt hatten. Sandsäcke lagen fast vollständig um eine kleine Hütte herum, deren Bretter in den Landesfarben gestrichen waren. Ali ging mit ihm nur wenige Schritte neben einem Soldaten her, der sie kurz musterte und passieren ließ. Ein paar Meter entfernt musste ein Mann seine Hosentaschen leeren, während eine Waffe auf seine Brust gerichtet war. „Halt!“
Die Stimme eines weiteren Soldaten ließ Tarik beben. Alis Hand war ganz feucht geworden und Tarik bekam mit, dass er ganz starr stehen blieb. Also hatte selbst Ali Angst, dass der Soldat ihm in den Rücken schoss. Die Soldaten taten so etwas, hatte Tante Jasina erzählt.
„Was ist da drin?“ Ein junger Soldat, der ein Halstuch bis an die Nase gezogen hatte, kam zu ihnen und wies mit dem Lauf seines Maschinengewehres auf Tariks Kanister.
„Fallenlassen! Sofort!“
Tarik umklammerte den Griff. Niemals würde er das Wasser verloren geben!
„Das ist kein Gift, kein Sprengstoff oder so. Habibi! Bruder! Wallah!“ Ali hob in einer Unschuldsgeste die Hände. „Nur Wasser für meine Familie. Die Kinder haben Durst.“ Ali lächelte traurig.
