Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Alia - Das Land der Sonne (Band 3) E-Book

C.M. Spoerri  

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E-Book-Beschreibung Alia - Das Land der Sonne (Band 3) - C.M. Spoerri

Die Prophezeiung ihrer leiblichen Mutter führt Alia einer unsicheren Zukunft entgegen. Kann sie ihren neuen Freunden trauen, oder wird jemand sie an Xenos, den Zirkelleiter von Lormir, verraten? Gelingt ihr die Flucht vor ihm und die Suche nach ihrer Herkunft? Welches Schicksal ist ihr bestimmt? Ihre Hoffnung: Sie soll im Land der Sonne Antworten auf ihre Fragen finden.

Meinungen über das E-Book Alia - Das Land der Sonne (Band 3) - C.M. Spoerri

E-Book-Leseprobe Alia - Das Land der Sonne (Band 3) - C.M. Spoerri

C. M. Spoerri

ALIA

Das Land der Sonne

© 2014 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2014

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: © Tara / fantasiafrogdesigns.wordpress.com

Printed in Germany

AAVAA print+design

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-1451-0

Großdruck:     ISBN 978-3-8459-1452-7

eBook epub:   ISBN 978-3-8459-1453-4

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-1454-1

Sonderdruck: Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

Prolog

Seit einem Tag sind sie Xenos nun dicht auf den Fersen. Reyvan hat seine Kämpfer derart angetrieben, dass sie die Strecke zwischen dem Westendwald und der Waldsteppe innerhalb kürzester Zeit zurückgelegt haben. Sie waren schneller unterwegs, als ein Mensch es je sein könnte, aber es war ihnen noch nicht gelungen, den Zirkelleiter und seine Truppe zu stellen. Es wird jedoch nicht mehr lange dauern, spätestens morgen früh werden sie die Magier angreifen. Xenos ist bereits am Rande der Wälder von Zakatas angekommen und hat sein Lager in der Waldsteppe aufgeschlagen. Die Kundschafter haben dreihundert Kämpfer gezählt – ein Drittel davon sind Magier.

Dreihundert Krieger gegen hundert Elfen. Viel ungleicher könnte das Verhältnis kaum sein. Aber Reyvan vertraut auf seine Kämpfer. Zudem hat er gestern eine Nachricht von seinem Vater erhalten. König Saryon, der von dem Angriff unterrichtet worden ist, hat ebenfalls eine Armee aufgestellt und ist unterwegs in die Waldsteppe. Doch es wird noch knapp drei Tage dauern, bis er zur Armee seines Sohnes stößt. Der Wald bietet zwar Schutz, aber es ist durch das dichte Unterholz auch ungleich schwerer, mit einer Armee voranzukommen.

Reyvan schwingt sich von seinem Schlachtross, das ihm die Königin der Westendelfen zur Hochzeit geschenkt hat. Es ist ein edles Tier, mit einem glänzend schwarzen Fell und einer außergewöhnlich hellen Mähne. Ein Diener nimmt ihm das Pferd ab und führt es zu den anderen in die Koppel, die etwas abseits liegt.

Die Elfen haben ihre Zelte im Schutze eines Lindenhains aufgestellt. Die hohen Bäume und die Sträucher, die dazwischen wachsen, geben ihnen sowohl Deckung als auch Schutz vor dem Regenwetter, das für diese Jahreszeit so hoch im Norden von Altra nicht unüblich ist.

Das Wasser hat den Steppenboden aufgeweicht und in eine Schlammlandschaft verwandelt. Die einst dunkelgrünen Zelte sind braun vor Dreck, den selbst der andauernde, kalte Regen nicht wegwaschen kann. Die Temperaturen verkünden das Verblassen des Herbstes. Bald wird der erste Schnee fallen. Glücklicherweise frieren Elfen nicht so schnell wie Menschen, daher sind die Krieger, die Königin Sylvara Némys Reyvan zur Verfügung gestellt hat, in körperlich guter Verfassung.

Reyvan fährt sich mit der Hand über das Gesicht und starrt auf das Armband an seinem Handgelenk, das ihn immer noch mit Alia verbindet. Trotz der Tatsache, dass er nun mit Prinzessin Amyéna Némys verheiratet ist.

Er schüttelt den Kopf, als würde das alles verändern. Doch es bleibt, wie es ist. Er ist nun ein Prinz der Elfen von Westend und wird, wenn Königin Sylvara Némys einmal nicht mehr sein sollte, ihr Erbe antreten und zusammen mit Amyéna Némys, seiner Gemahlin, regieren. Ein solch mächtiges Bündnis gab es seit Jahrtausenden nicht mehr. Ein Bündnis, das die Elfen von Zakatas mit den Westendelfen verbindet. Und diese Verbindung wird so lange dauern, wie er, seine Frau und ihre gemeinsamen Kinder leben – was bei Elfen mehrere Jahrtausende sein können.

»Es sei denn, ich sterbe morgen …«, murmelt er mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge.

Zu verlieren hat er nichts mehr. Mit der Heirat hat er bereits auf das verzichtet, was er am meisten liebte: Alia. Und dies nur, damit sich ihre Prophezeiung erfüllt und um sein Volk zu retten und seine Schuld zu begleichen, die er auf sich geladen hat, als er den Zirkel verließ, um dem Mädchen zu helfen, das sein Herz im Sturm erobert hatte. Seine Cíara.

Beim Gedanken an Alia muss er sich zusammenreißen, um nicht laut zu seufzen. Keiner wird je verstehen können, wie sehr er sie geliebt hat, sie immer noch liebt und dies auch für immer tun wird. Jede Nacht liegt er seit ihrer Trennung wach, denn wenn er die Augen schließt, sieht er ihr Gesicht, ihre wunderschönen, dunkelbraunen Augen, die mit Tränen gefüllt waren, als er sich mit einem letzten Kuss von ihr verabschiedet hatte.

Sie hatte ihm auf dem Schiff des Elfenkapitäns versprochen, ihn in einem Krieg gegen Xenos zu unterstützen. Aber die Hochzeit hatte alles verändert. Er hätte es nicht ausgehalten, wenn sie ihn auf dieser Reise begleitet und ihm täglich vor Augen geführt hätte, was er verloren hatte. Zumal er dann viel langsamer vorwärts gekommen wäre. Es war für sie beide klar gewesen, dass dieser ursprüngliche Plan nach der Entscheidung, die er für sein Volk und gegen seine Liebe getroffen hatte, nicht mehr zur Diskussion stand.

Die Tatsache, dass Alia mit Zaron, Maryo und dessen Männern aufgebrochen war, nachdem er seinen Entschluss Königin Sylvara Némys verkündet hatte, beruhigt Reyvan. Die beiden werden auf sie aufpassen.

Seine Gemahlin Amyéna hat sich zwar als hübsche Elfin herausgestellt, aber sie kann Alia in keiner Weise das Wasser reichen. Weder in ihrer Schönheit noch in ihrer Intelligenz oder ihrem Witz ist sie mit der jungen Magierin vergleichbar.

Als er Amyéna zum ersten Mal im Thronsaal sah, erinnerte er sich, sie vor einigen hundert Jahren bei einem Fest in der gläsernen Stadt schon einmal getroffen zu haben. Aber damals war er weder sonderlich an Frauen interessiert gewesen noch hatte er sich vorstellen können, jemals zu heiraten. Ersteres hatte sich geändert, als er ein Mann wurde und in den Kreis der Elfen aufgenommen worden war. Letzteres … nun, diese Entscheidung war ihm von der Prophezeiung von Alias Mutter abgenommen worden.

Reyvan seufzt nun doch und verflucht diese verdammte Prophezeiung, die alles zerstört hatte. Gedankenverloren spielt er mit dem ledernen Armband.

Amyéna. Es ist komisch, nun eine Frau an der Seite zu haben, die er noch nicht einmal richtig kennt. Außerdem weiß er, dass sie bereits einmal verheiratet gewesen ist. Ihr damaliger Gemahl – irgendein Elfenprinz aus dem Süden, den er nie kennengelernt hat – war jedoch vor dreihundert Jahren verstorben. Nun ja, zumindest erklärt das, warum die Königin so erpicht darauf war, dass ihre Tochter nach einer solch langen Zeit endlich wieder heiratete, um ihre Linie fortzusetzen. Auch Elfen sind nicht ewig fruchtbar und bei Amyéna ist es langsam an der Zeit, dass sie Kinder bekommt – Reyvans Kinder.

Abermals schüttelt er den Kopf, als wolle er eine lästige Fliege loswerden und denkt an die erste Begegnung mit Amyéna zurück, nachdem er Alia für immer verlassen hatte.

Die Prinzessin von Westend hatte ihn freundlich begrüßt, als er ihr im Thronsaal gegenübergestanden hatte. Sie war eine schöne, anmutige Elfin, aber Reyvan hatte in ihren Augen gesehen, dass es auch für sie eine Überraschung war, als ihr ihre Mutter verkündete, dass sie nun vor ihrem Bräutigam stände. Hinzu kam, dass gemunkelt wurde, dass ihr Herz bereits an einen anderen Mann vergeben sei. Wer dieser Mann war, das wollte ihm jedoch niemand verraten.

Alles in allem: Viel schlimmer hätte ihre Ehe gar nicht beginnen können. Eine verwitwete Prinzessin, die in einen anderen Mann verliebt war, und ein Prinz, der nur heiratete, um seiner großen Liebe zu helfen – und seine Schuld zu begleichen.

Reyvan lacht bitter auf. Welch üblen Humor Ferys, der Gott der Elfen, doch manchmal hatte!

Ihre Hochzeitsnacht war von kurzer Dauer gewesen. Reyvan hatte immerzu an Alia denken müssen. Schließlich hatte Amyéna entnervt gemeint, sie schlafe im Nebenzimmer und er solle zu ihr kommen, wenn er es sich anders überlegt habe. Er war froh, dass er direkt nach der Hochzeit aufbrechen konnte und es nicht, wie ansonsten bei einer Vermählung unter Elfen üblich, ein dreitägiges Fest gab.

Ob er sie wohl jemals lieben kann, diese Prinzessin der Elfen von Westend? Hoffentlich. Zumindest hat er die nächsten Jahrhunderte Zeit, es herauszufinden. Aber zuerst wird er seinem Vater Rede und Antwort stehen müssen. Reyvan will sich gar nicht erst vorstellen, wie dieser auf die Vermählung reagieren wird.

Sein Blick fällt abermals auf das lederne Armband. Er weiß, dass Alia im Moment Qualen leidet, denn er kann sie dank dem Armband spüren. Oder vielleicht sind es auch seine eigenen Gefühle. Seit der Hochzeit – bei der sie glücklicherweise nicht mit dabei war, sonst hätte er es sich womöglich im letzten Moment noch anders überlegt – spürt er ihre Gefühle nur noch wie durch einen Schleier.

»Prinz Reyvan Némys!«

Reyvan dreht sich um. Er hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass er nun einen anderen Nachnamen hat. Bei den Elfen ist es üblich, dass der Name der Familie angenommen wird, die das Hochzeitsfest stellt. Und in seinem Fall war das eben Königin Sylvara Némys. Es war keine Zeit geblieben, seine eigene Familie über die Hochzeit zu informieren und in den Westendwald zu bitten, oder gar in die gläserne Stadt zu reisen. Jeder Tag, der verging, konnte über die Zukunft der Elfen von Zakatas entscheiden.

Reyvan sieht, wie Raelys, Hauptmann der Elfenarmee und sein Berater, mit langen Schritten durch den Regen auf ihn zueilt. Seine hellen Augen glitzern wie flüssiges Gold, das rotblonde Haar hat er unter einem Helm verborgen.

»Was gibt es, Raelys?«, Reyvan verschränkt die Arme vor seinem ledernen Brustpanzer.

»Gute Neuigkeiten, mein Prinz!« Raelys atmet schwer. Offenbar ist er einen großen Teil des Weges gerannt. »Die letzten Kundschafter sind zurückgekehrt. Sie sagen, Euer Vater wird in weniger als drei Tagen hier sein!«

Reyvan runzelt die Stirn. »Das ist zu spät. Wir können nicht zulassen, dass Xenos in den Wald entkommt. Wenn er einmal drin ist, wird es schwer, ihn zu kriegen und noch schwerer, ihn zu bekämpfen. Wir müssen ihn jetzt, hier in der Waldsteppe stellen!«

»Seid Ihr Euch sicher, mein Prinz?«, Raelys sieht ihn zweifelnd an. »Mit der Armee Eures Vaters hätten wir ungleich bessere Chancen, gegen die Zirkelmagier zu gewinnen.«

Reyvan überlegt und wühlt dabei mit dem Fuß Schlamm auf. Seine Stiefel sind ohnehin vom Regen durchweicht.

Einerseits stimmt er Raelys vollkommen zu. Die Armee seines Vaters würde ihnen wirklich Vorteile bringen. Andererseits geht es ihm gegen den Strich, Xenos einen weiteren Tag seines Lebens zu gönnen, wo sie ihn doch noch vor dem Morgengrauen angreifen und töten könnten.

Er denkt an all die Qualen, die er im Zirkel erdulden musste. Xenos hatte ihn während seiner Zeit als Diener unzählige Male in den Kerker geworfen und war nicht eingeschritten, wenn Moero, der Eunuch, ihn auspeitschen ließ. Außerdem hatte dieser verdammte Zirkelleiter Alia über ein Jahr lang als persönliche Dienerin in seinen Gemächern eingesperrt, sogar gewagt, sie zu küssen … seine Cíara! Ganz abgesehen davon, was dieser arrogante Bastard Reyvans Familie angetan hatte … nein, er kann ihn nicht entkommen lassen! Nicht jetzt, wo er seinem Ziel, ihn zu töten, so nahe ist!

Reyvan  reckt sein Kinn und um seinen Mund bildet sich ein harter Zug. »Nein, wir warten nicht auf meinen Vater«, bestimmt er. »Das dauert zu lange und wer weiß, was Xenos in dieser Zeit für hinterlistige Pläne schmiedet. Wir greifen vor Morgengrauen an!«

»Aber … mein Prinz …«

»Das war ein Befehl! Und hör verdammt noch mal auf, mich mit ›mein Prinz‹ anzusprechen!«, fährt Reyvan den Hauptmann an. »Ich habe dir schon tausendmal gesagt, mein Name ist Reyvan!«

Raelys sieht ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Entschuldigt mein … Reyvan«, erwidert er schließlich. Seine Stimme klingt jedoch nicht, als täte es ihm leid, oder als würde er sich ihm gar unterordnen. »Aber ich finde es eine schlechte Idee, mit nur hundert Kriegern eine Armee mit Kampfmagiern anzugreifen.«

»Mir ist verflucht gleichgültig, wie du die Idee findest!«, entgegnet Reyvan mit schneidender Stimme. »Wenn ich sage, wir greifen an, dann greifen wir an! Schließlich habe ich das Kommando über diese Armee!«

»Das stimmt … trotzdem …«

»Trotzdem was?!«, sagt Reyvan nun so laut, dass einige Krieger in ihrer Nähe neugierig zu ihnen herüberschauen.

»Die Soldaten … sie«, Raelys senkt seine Stimme und tritt näher zum Prinzen. »Reyvan, sie stellen Eure Entscheidungsfähigkeit in Frage.«

»Was tun sie?«, Reyvan blinzelt ungläubig.

»Sie wissen, dass Ihr trauert – und in der Trauer trifft man leichtfertiger Entscheidungen, die das eigene Leben, oder das von anderen, in Gefahr bringen.«

»So, tut man das?!«, Reyvans messerscharfe Blicke drohen Raelys zu durchbohren. »Das geht mir am Arsch vorbei! Und jetzt sag deinen Männern, sie sollen sich bereithalten. Wir greifen in zehn Stunden an! Wenn sie nicht im Morgengrauen mit mir mitkommen, stelle ich mich den Magiern eben alleine – dann kannst du deiner Königin mal erklären, warum du ihren neuen Schwiegersohn alleine hast in die Schlacht ziehen lassen!«

Damit dreht er sich auf dem Absatz um und stampft wütend durch den Schlamm davon, der unter seinen Stiefeln zur Seite wegspritzt.

Raelys sieht ihm kopfschüttelnd hinterher.

Wie von Reyvan befohlen, ist die Elfenarmee noch vor Morgengrauen kampfbereit. Alle hundert Mann sitzen in geordneten Reihen auf ihren Pferden und schauen ihrem Ziel, dem Steppenwald, entgegen. Reyvan sitzt auf seinem Streitross und gibt ihm die Sporen.

»Auf in den Kampf, Elfen von Westend!«, ruft er, während er die erste Reihe entlang reitet. »Ihr habt Eurem Prinzen Treue geschworen. Nun ist die Zeit, sie zu beweisen! Sorgt dafür, dass Xenos, der Zirkelleiter von Lormir, die aufgehende Sonne nicht mehr erblicken wird!«

Damit galoppiert er voran. Die hundert Elfen folgen ihm mit Kriegsgeschrei. Alle sind sie mit Speeren und Pfeilbogen bewaffnet und tragen leichte, lederne Rüstungen, die sie in ihrer Bewegungsfähigkeit nur minimal einschränken. Ihre Pferde wurden jahrelang für die Schlacht ausgebildet.

Reyvan spornt sein Pferd weiter an. Sein blondes Haar weht unter dem Helm hervor wie ein Banner. Ein Banner der Rache, der Vergeltung. Er will, dass Xenos bezahlt. Dafür, was er seiner Mutter angetan hat. Dafür, was er im Zirkel als Pfand erdulden musste und dafür, dass Reyvan seine große Liebe opfern musste, um sein Volk zu retten.

Ein Hass brennt in ihm, den er mit Worten nicht beschreiben kann. Er will Xenos tot sehen. Will ihn Stück für Stück dem Elfengott Ferys opfern. Und selbst das ist ihm nicht genug. Er will ihn für immer vernichten und seinen Namen aus der Geschichte von Altra auslöschen.

Kurz vor dem Lager der Magier zügelt er sein Pferd, aus dessen Mund Schaum tropft. Sie befinden sich auf einem niedrigen Hügel, welcher mit hohen Sträuchern bewachsen ist, hinter denen sich die Elfenkrieger verbergen können. Der Regen prasselt unaufhörlich auf sie herunter und Nebel hat sich am Boden gesammelt. Zahllose Zelte wurden von den Magiern auf dem struppigen Steppengras errichtet, das von vereinzelten Baumgruppen durchbrochen wird.

Xenos scheint sich in Sicherheit zu wiegen. Nur wenige Wachen beschützen das Lager. Rasch schickt Reyvan einige seiner Männer aus, um dieses Hindernis zu beseitigen. Als diese – die Kleidung mit Blutspritzern übersäht – zurückkehren, hebt er sein Schwert in die Luft. Er dreht sich auf seinem Pferd um und schaut zurück auf seine Armee. Die Armee, die er für die Ehe mit dieser verfluchten Prinzessin erhalten hat. Die Armee, die ihn von seiner Alia trennt. Tränen drohen, seine Sicht zu verschleiern. Tränen der Verzweiflung, aber auch der Wut. Sie vermischen sich mit dem kalten Regen.

Er wendet sich wieder dem Lager der verhassten Magier zu. »Für die Freiheit!«, schreit er und gibt seinem Pferd die Sporen. Es bäumt sich auf und prescht voran.

»Für die Freiheit!«, rufen hundert Stimmen im Chor.

Der Zorn und Blutdurst ihres Anführers ist ansteckend. Jetzt zählt nur noch der Kampf.

Die nächsten Minuten erlebt Reyvan wie im Rausch.

Sein Schwert schwingt er mit der rechten Hand, den Dolch mit der Linken, mit den Oberschenkeln hält er sich im Sattel. Die Waffen treffen überraschte Köpfe, stoßen in Brustkörbe, die kaum von Harnischen verdeckt werden und hacken Gegnern die Gliedmaßen ab, die mutig genug sind, sich ihm in den Weg zu stellen. Hinter sich nimmt er verschwommen den Kampfeslärm wahr. Sein Ziel ist das grüne Zelt, welches in der Mitte des Lagers steht. Dort ist Xenos, der Zirkelleiter von Lormir.

Sein Pferd überreitet Magier, die noch vom Schlaf benommen taumeln und zu langsam sind, ihre Schutzschilde zu errichten und normale Menschen, die einfach zu schwach sind, sich vor einem wütenden Elf und seinem Schlachtross zu behaupten.

Unzählige Leichen später erreicht er das Zelt des Zirkelleiters und springt vom Pferd. Sein ganzer Körper zittert vor Erregung und er hält die beiden Waffengriffe so fest in den Händen, dass seine Knöchel weiß hervortreten.

Langsam geht er auf das Zelt zu – und spürt sofort, dass eine Art Schutzzauber darauf liegt. Xenos lässt sich offenbar nicht gerne im Schlaf überraschen. Reyvan umrundet die Unterkunft, auf der Suche nach einer Lücke in dem Zauber. Aber zwecklos … Xenos hat an alles gedacht und sein Leben nicht dem Zufall überlassen.

Reyvan knurrt wild, als er dies erkennt, und bleibt abermals vor dem Eingang stehen. Um ihn herum kämpfen Magier, Elfen und Menschen miteinander. Doch Reyvan fixiert mit schmalen Augen den Zelteingang. Für ihn zählt nichts anderes, als den Zirkelleiter tot zu sehen.

In dem Moment teilt sich die Plane und Xenos tritt hervor. Sein dunkelbraunes, langes Haar ist wie immer streng nach hinten gekämmt und wird von einem Zopfband zusammengehalten. Seine Augen sind so eisig wie der tiefste Winter und der schwarze Umhang bläht sich hinter ihm auf, als ein Windstoß dagegen fährt. Er überragt Reyvan um fast einen Kopf.

Mit arroganter Miene mustert er den Elf, der mit gezückten Waffen wutschnaubend vor ihm steht. Dann geht er langsam auf ihn zu. »Sieh an. Reyvan, das verlorene Pfand«, seine Stimme klingt, als würde er mit einem Kind sprechen. Die Eisaugen, die so kalt wie der Tod persönlich sind, sind jedoch wachsam auf den Elf gerichtet.

Reyvan knirscht mit den Zähnen. »Xenos. Der große Zirkelleiter von Lormir!«, sagt er spöttisch und spuckt aus. »Ich bin hier, um dich zu töten!«

Xenos hebt überrascht eine Augenbraue. »Ach, ist das so?«, entgegnet er amüsiert. »Na, dann zeig mal, wie du das anstellen willst!«

Reyvan prescht vor, sticht mit dem Schwert und dem Dolch gleichzeitig zu und springt so rasch zurück, wie nur ein Elf sich bewegen kann.

Aber Xenos schaut bloß an sich herunter. Obwohl ihn die Klingen durchbohrt haben, ist kein einziger Bluttropfen zu sehen. Der Stahl konnte ihm nichts anhaben. Reyvan meint, das schwarze Amulett um Xenos' Hals dunkel aufleuchten zu sehen – ebenso wie Xenos' Körper. Der Zirkelleiter war auf diesen Angriff vorbereitet und hat ihn mit schwarzer Magie abgewehrt.

Für einen Moment ist Reyvan so überrascht, dass er seine Deckung vergisst. Dies nutzt Xenos, indem er seinerseits einen Feuerball auf den Elf schießt.

Im letzten Moment weicht Reyvan mit einer flinken Bewegung aus. Der Ball war aber auch nicht groß genug, um ihn zu treffen oder ernsthaft zu verletzen. Reyvan fletscht die Zähne, als er merkt, dass Xenos bloß mit ihm spielt und ihn als Gegner nicht ernst zu nehmen scheint.

Dann umkreisen sich die beiden wie Raubkatzen, ihre Augen sind aufeinander geheftet und sie passen automatisch ihre Bewegungen dem anderen an. Die Schutzschilde flimmern um ihre Körper.

Reyvans Hass auf Xenos, als er ihn vor sich sieht, wird durch die aalglatte Miene und die eisigen Augen nur noch geschürt. Er will ihn tot sehen.

Ohne Vorwarnung lässt der Elf den Dolch fallen und greift stattdessen mit Magie an. Diese wird durch die Anwesenheit der anderen Elfen noch verstärkt und das Vakuum, das er um den Zirkelleiter bildet, würde jeden normalen Menschen auf der Stelle töten.

Nicht aber Xenos. Dieser grinst nur boshaft und zerschlägt mit einer Handbewegung die Magie des Elfen. Binnen eines Lidschlags lässt er eine Feuerwand um Reyvan auflodern, die dem Elf das Haar an den Schläfen versengt, bevor er seinen Schutzschild wieder um sich schließen kann.

Geistesgegenwärtig versucht Reyvan, die Flammen durch Wasser, das er aus dem Boden holt, zu löschen, jedoch zu spät. Seine Kleidung hat, trotz der Tatsache, dass sie vom Regen durchnässt war, bereits Feuer gefangen. Das muss an den schwarzen Kräften liegen, die Xenos in seine Zauber gelegt hat. Reyvan muss all seine Magie darauf konzentrieren, die Flammen zu löschen – und lässt den Schutzschild für einen Augenblick fallen.

Diese Sekunde der Ablenkung nutzt Xenos zu seinem Vorteil. Er schleudert dem Elf mit aller Macht einen Feuerball entgegen. Reyvan wird so hart in der Brust getroffen, dass er nach hinten fällt und nach Luft ringend liegenbleibt.

Xenos tritt zu ihm und lächelt böse auf ihn herab. »War das alles, was du drauf hast, kleiner Prinz?«, seine Baritonstimme trieft vor Hohn.

Reyvan krümmt sich vor Schmerzen und versucht, wieder zu Atem zu kommen. Aber vergebens, der Feuerball hat ihm den Brustkorb eingedrückt und seine rechte Lunge gequetscht. Sein Atem geht stoßartig und jagt ihm schmerzvolle Blitze durch den Körper.

Xenos lacht und gibt ihm einen Tritt in die Hüfte, sodass Reyvan laut aufstöhnt und es für kurze Zeit schwarz vor seinen Augen wird. »Das hat man davon, wenn man sich überschätzt«, sagt der Zirkelleiter mit grausamem Lächeln. »Schade, dass die Dienerschlampe nicht hier ist und dich so sehen kann! Dafür also hat sie den Zirkel – mich – verlassen! Für einen jämmerlichen Elf, der glaubt, ein Prinz und obendrein ein Kämpfer zu sein!«

Reyvan verflucht den Zirkelleiter, aber aus seiner Kehle dringt nur ein Gurgeln. Er hustet Blut.

Xenos lacht schallend. Seine Stimme hallt weit über das Lager, wo Lichter aufblitzen und an mehreren Stellen Zelte brennen. Sie übertönt sogar das Klirren der Schwerter, die Rufe der Kämpfenden und die Schreie der Verwundeten.

»Wie nett von dir, dass du es mir so leicht machst! Teil das Schicksal deiner räudigen Mutter!«, der Zirkelleiter steht breitbeinig über dem Elf. Leise murmelt er einige Worte und streckt seine Hand aus.

Reyvan spürt, wie sich etwas in seinem Kopf zusammenzieht. Er wehrt sich dagegen, aber die Schmerzen in seiner Brust vereiteln jeglichen Versuch, sich zu konzentrieren. Er kann fühlen, wie etwas langsam aus seinem Körper entweicht. Trotzdem versucht er, sich mit aller Macht daran festzuhalten. Aber vergebens, Xenos ist zu stark.

Das Letzte, was er hört, ist, dass irgendjemand seinen Namen ruft. Dann wird es dunkel um ihn.

Kapitel 1

Ich wache mit klopfendem Herzen auf und schaue mich um, kann jedoch nichts außer Dunkelheit erkennen. Mein Puls schlägt wie verrückt, meine Hände sind schweißnass.

Was hat mich aus dem Schlaf gerissen? Ich erinnere mich vage daran, dass Reyvan in meinem Traum vorkam – wie in jeder Nacht, seit wir die Stadt der Elfen von Westend verlassen haben. Verzweifelt versuche ich, gegen die Tränen anzukämpfen, die mich jedes Mal zu übermannen drohen, wenn ich an Reyvan denke. Rey.

Inzwischen muss er in der Waldsteppe angelangt sein und vielleicht ist er schon dabei, Xenos mit seiner Armee zu bekämpfen. Ich wage nicht, daran zu denken, dass ihm etwas passieren könnte.

Zaron, der neben mir schläft, rührt sich und ich höre, wie er sich aufrichtet. Kurze Zeit darauf spüre ich den mir bereits bekannten, kühlen Hauch, als er mit seiner schwarzen Magie eine schwache Lichtkugel erschafft.

Im Schein der Kugel, die über seiner Hand schwebt, erkenne ich sein Gesicht. Sein schwarzes, langes Haar ist wie immer offen und er sieht mich fragend an. Das Licht wirft Schatten auf seine kantigen Züge, was ihm zusammen mit dem Dreitagebart einen wilden Ausdruck verleiht. »Alia, ist alles in Ordnung?«, ich höre Besorgnis in seiner Stimme.

»Ja … ich … ich habe nur schlecht geträumt«, ich lege mich zitternd auf die Decke zurück und starre hoch in den schwarzen Nachthimmel zwischen dem Blätterdach. Immerhin regnet es nicht.

»Ist es wegen Reyvan?«, Zarons Stimme ist nun nahe bei meinem Ohr. Ich spüre seinen Atem, als er spricht.

Ich schüttle den Kopf.

»Du kannst mir alles sagen, Alia, das weißt du?«

Ich starre weiterhin schweigend nach oben. Ich will jetzt nicht sprechen – nicht über Reyvan, nicht über irgendetwas. Ich höre, wie der Schwarzmagier leise seufzt und sich wieder hinlegt. Nach ein paar Sekunden erlischt die Lichtkugel und wir sind abermals in die Finsternis des Waldes gehüllt.

Ich kann die Hand vor meinen Augen kaum erkennen und bin froh, dass Maryo mit einem seiner Männer Wache hält. Der Elfenkapitän hört und sieht viel besser als wir Menschen. Wenn es eine Gefahr im Umkreis von hundert Schritt gibt, dann wird er uns frühzeitig warnen.

Meine Gedanken schweifen zum letzten Mal, als ich Reyvan gesehen habe. Er hatte einen Zug verzweifelter Entschlossenheit in seinen dunkelblauen Augen, als er sich von mir verabschiedet hatte, um der Königin seine Entscheidung mitzuteilen. Mir hat es fast das Herz zerrissen, als er mich mit Zaron in unserem Zimmer zurückgelassen hatte, aber der Schwarzmagier hatte mich festgehalten, mir zugeredet – auch wenn ich seine Worte vor Taubheit und Schmerz nicht begreifen konnte.

Ich wollte keinesfalls bis zur Hochzeit bleiben, obwohl uns die Königin eingeladen hatte, ein paar Tage lang die Gastfreundschaft der Elfen zu genießen. Aber die Nähe zu Reyvan und mitansehen zu müssen, wie er eine andere Frau heiratet, ich glaube, das hätte ich nicht überstanden. Genauso wenig, wie wenn ich an seiner Seite in den Krieg gezogen wäre, obwohl ich ihm das versprochen hatte. Aber damals hatte ich auch noch gedacht, wir würden dies alles zusammen durchstehen und für immer zusammenbleiben.

Reyvan hatte das ohne Worte verstanden und ich glaube, er war sogar erleichtert über meine Entscheidung, die Stadt noch vor der Hochzeit zu verlassen.

Da Zaron und ich nichts Besseres zu tun hatten – die Prophezeiung schweigt, obwohl ich das Kästchen fast im Stundentakt öffne – schlug uns Maryo vor, dass wir ihn begleiten sollten. Der Elfenkapitän wurde von der Königin beauftragt, einige Zeit die Gegend um die Stadt nach Gorkas abzusuchen, bevor er zur Cyrona, seinem Schiff, zurückkehren kann. Da wir vor unserer Ankunft bei den Elfen ein Gorkamädchen in einer Tierfalle gefunden hatten, wollte die Elfenkönigin sichergehen, dass sich keine weiteren Gorkas in der Nähe der Stadt herumtreiben. Der Kapitän hatte seiner Mannschaft auf der Cyrona Bescheid gegeben, dass sich die Weiterfahrt verzögern wird.

Für Zaron und mich ist es immerhin sicherer, mit Maryo durch die Wälder zu ziehen, als wenn wir in Westend auf den Elfenkapitän warten würden. Denn wer weiß, ob dort nicht unsere Verfolger, die Xenos ausgeschickt hat, um Reyvan und mich gefangen zu nehmen, auftauchen. Wir hoffen, dass Magier, die auf die Cyrona treffen, unverrichteter Dinge wieder abziehen, wenn sie weder Reyvan noch Zaron oder mich an Bord auffinden. Obwohl wir uns nicht sicher sind, ob Xenos tatsächlich weiß, dass sein Bruder uns geholfen und sich uns angeschlossen hat.

Seither streifen wir mit Maryo und seinen Männern im Westendwald umher und führen unsere Pferde an den Zügeln durch das dichte Unterholz. Bisher sind wir allerdings auf keine weiteren Gorkas gestoßen.

Langsam zweifle ich daran, dass die Hochzeit die richtige Entscheidung war. Vielleicht hatte die Prophezeiung einen anderen Bund gemeint?

Ich gehe in Gedanken nochmals die Zeilen durch:

Des Jägers Element durchdringt

Wer am Ende Opfer bringt

Ein neuer Bund ab nun beginnt

Der Erbe und des Waldes Kind

Aber wie ich es drehe und wende, die Gewissheit, dass nur Reyvan mit dem Erben gemeint sein kann, bleibt. Denn wer von uns sollte sonst ein Erbe antreten, wenn nicht der Prinz der Elfen von Zakatas? Auch wenn diese Annahme etwas hinkt, da er einen älteren Bruder hat und daher in der Thronfolge als Zweiter aufgeführt wird.

Wenn nur die nächsten Zeilen endlich sichtbar würden, dann hätten wir zumindest Gewissheit, dass sich das erfüllt hat, was das Gedicht uns mitteilen wollte. Langsam beginne ich, Rätsel, Gedichte und Prophezeiungen abgrundtief zu hassen.

Bei dem Gedanken, dass sich Reyvan umsonst geopfert haben könnte, werde ich so wütend, dass ich mit der Faust auf den feuchten Waldboden schlage.

»Alia, ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«, fragt Zaron leise.

»Ja«, murmle ich und drehe mich auf die andere Seite.

Natürlich ist nichts in Ordnung. Wie könnte es auch? Ich habe Reyvan für immer verloren und weiß nicht, wohin wir als Nächstes gehen sollen. Ob mein Leben überhaupt noch einen Sinn ergibt und ob ich nicht besser einfach hier, mitten im Westendwald, liegen bleiben soll, bis ich vor Durst oder Hunger sterbe. Oder von Gorkas getötet werde.

Tränen der Verzweiflung rinnen über meine Wangen und ich kann ein Schluchzen nur mit Mühe unterdrücken. Ich spüre Zarons Hand auf meiner Schulter, die mich sanft streichelt. Sie erinnert mich so stark an die Zärtlichkeit von Reyvan, dass ich nun tatsächlich schluchze.

»Alia«, murmelt Zaron. »Trauere, aber friss deinen Kummer nicht in dich hinein. Ich weiß aus Erfahrung, dass das nichts bringt. Lass ihn raus oder sprich mit mir darüber.«

Ich ziehe die Wolldecke, die mich vor der Kälte der Nacht schützen soll, bis an mein Kinn hoch und weine leise. Es tut gut, Zaron in meiner Nähe zu haben. Er gibt mir das Gefühl, doch nicht ganz allein auf dieser Welt zu sein.

Als ob er meine Gedanken erraten hätte, flüstert er: »Alia, ich verspreche dir, ich werde dich nicht verlassen. Ich bleibe bei dir. Solange, wie du es mir gestattest.«

Ich drehe mich halb zu ihm um und schaue ihn über die Schulter an. Natürlich erkenne ich sein Gesicht in der Dunkelheit nicht. »Wie könnte ich dich wegschicken?«

Ich spüre, wie Zaron mit den Schultern zuckt. »Ich bin froh, wenn du es nicht tust«, er streicht mir über das Haar. »Versuch zu schlafen, Alia. Wir werden morgen früh zum Meer aufbrechen und dann hoffentlich einen Hinweis darauf finden, wohin wir als Nächstes gehen müssen.«

Ich nicke und drehe ihm wieder den Rücken zu. Er legt den Arm um mich und ich schmiege mich unvermittelt an seine Brust.

»Los, aufstehen!«, die raue Stimme von Maryo reißt mich aus der tröstenden Dunkelheit, wo ich Reyvan noch ganz nahe sein kann.

Ich blinzle verschlafen. Der Elfenkapitän steht breitbeinig über mir.

»Na, habt Ihr gut in den Armen des Schwarzmagiers geschlafen?«, sagt er mit einem wissenden Ausdruck in seinen goldenen Augen.

Ich drehe mich um und sehe, dass Zaron immer noch neben mir ist – allerdings ist er bereits aufgestanden und verstaut gerade seine Decke im Rucksack. Er wirft dem Kapitän einen messerscharfen Blick zu, kommentiert die Bemerkung jedoch nicht weiter.

Ich spüre, wie meine Wangen leicht warm werden, als ich Maryo wieder ansehe, der mich mit hochgezogenen Augenbrauen grinsend mustert. Aber ich habe keine Lust, ihm irgendetwas zu erklären. Zaron ist ein guter Freund für mich, mehr nicht. Soll der Elfenkapitän doch glauben, was er will.

Rasch packe ich meine Sachen zusammen und verschlinge einen Schiffszwieback zum Frühstück. 

»Wir sind jetzt lange genug im Wald umhergestreift. Es sieht aus, als seien keine weiteren Gorkas in der Nähe, zumindest nicht hier im tieferen Wald«, sagt Maryo, als wir alle zum Aufbruch bereit sind. »Daher werden wir nun zur Cyrona aufbrechen. Wir sind ohnehin schon viel zu lange an Land.«

Seine Männer leisten begeisterten Beifall. Sie können es allem Anschein nach kaum erwarten, endlich wieder die schwankenden Planken unter ihren Füßen zu fühlen.

Ich wechsle mit Zaron einen Blick. Er nickt mir zu, als hätte er meine unausgesprochene Frage, ob wir uns nun endgültig Maryo anschließen sollen, erraten.

Seufzend greife ich nach den Zügeln meines Pferdes, welches wir in Westend gekauft haben, als Reyvan noch in unserer Gruppe dabei war. Es kommt mir vor, als sei das alles in einem anderen Leben passiert. Jetzt reiten wir zurück zum Schiff des Elfenkapitäns und segeln einer ungewissen Zukunft entgegen. Maryo hat uns erzählt, dass er als Nächstes in den Süden fahren wird, in die Hauptstadt Chakas. Er hat uns angeboten, mit ihm dorthin zu reisen. Vielleicht werden wir ja dort eine Antwort darauf finden, was das Gedicht uns sagen will.

Zumindest werden wir die kalte Region von Lormir damit endgültig verlassen. Zaron hat mir erklärt, dass es in Chakas um vieles wärmer ist, und dass es nie schneit. Das kann ich mir kaum vorstellen, wo ich doch im kalten Norden aufgewachsen bin, den ich bisher noch nie verlassen habe.

Schweigend führe ich mein Pferd durch das Unterholz. Maryo geht mit Sert, Terpan und Ceron, drei Männern aus seiner Mannschaft, voran. Hinter mir ist Zaron, dann folgen Lock und Telek. In zwei Tagen werden wir den Wald verlassen und zurück auf der Cyrona sein.

Nach ein paar Stunden spüre ich, wie mein Pferd plötzlich an den Zügeln zieht und unruhig wird. Ich drehe mich um und sehe, dass auch die Männer hinter mir mit ihren Pferden zu kämpfen haben. Die Tiere tänzeln und werfen den Kopf zurück. Offenbar haben sie etwas gewittert.

»Seid so leise wie möglich«, befiehlt Maryo, der stehen geblieben ist. »Wartet hier, ich bin gleich zurück!«

Damit verschwindet er in einem dichten Gebüsch. Ich habe alle Mühe, mein Pferd zu beruhigen. Dank meinen Kräften in Erdmagie gelingt es mir schließlich.

Wir warten schweigend. Ich spüre, wie eine Unruhe über mich kommt, wie ich sie nur kenne, wenn Gefahr ganz in der Nähe lauert.

Plötzlich bricht Maryo ohne Vorwarnung aus dem Dickicht hervor und rennt auf uns zu. »Zu den Waffen!«, er verzichtet darauf, leise zu sein. »Wir sind in ein Gorkanest getreten!«

Ich spüre, wie ich mit einem Mal hellwach bin. Verdammt, wir haben nicht damit gerechnet, die Gorkas so nahe am Waldrand anzutreffen. Deswegen also sind wir bisher keinen begegnet. Ich lasse mein Pferd los und greife unvermittelt nach meinem Schwert, das ich an meiner Hüfte trage.

Zaron hält jedoch meine Hand fest. »Nicht so, Alia«, sagt er mit ruhiger Stimme. »Gorkas kannst du am besten mit Wasser bekämpfen. Gegen Feuer sind sie so gut wie immun.«

Ich verstehe und konzentriere mich sofort auf die Wassermagie in mir. Noch bevor ich einen Eispfeil in meiner Hand gebildet habe – in der Aufregung fällt mir das viel schwerer als beim Üben – höre ich vor mir lautes Gebrüll.

Die Gorkas brechen an derselben Stelle durch das Dickicht, wie Maryo vor wenigen Sekunden. Die Pferde scheuen und preschen in alle Richtungen davon. Aber das ist uns im Moment gleichgültig. Wichtiger ist, unsere Haut zu retten.

Ich zähle mindestens zwanzig Gegner. Eine solche Überzahl werden wir nur mit Mühe bekämpfen können.

Maryo und seine Männer haben sich in einem Halbkreis aufgestellt und sehen mit grimmigen Mienen und gezückten Waffen dem Feind entgegen. Zaron eilt an ihre Seite. Es wäre zu gefährlich, wenn er schwarze Magie wirken würde. Da Maryos Männer allesamt Menschen ohne Magie sind, würde er sie auf der Stelle töten, wenn er einen Zauber wirkt, da er damit automatisch ihre Wärme benutzen würde.

Ich halte mich im Hintergrund und schleudere den Eispfeil, den ich endlich in meiner Hand gebildet habe, auf den erstbesten Gorka, den ich sehe. Ein Laut des Erstaunens dringt über meine Lippen, als er auch tatsächlich sein Ziel trifft und der Gorka heulend, mit einem Loch in der Brust, zu Boden geht. Ich schaudere. Das ist das erste Mal, dass ich jemanden getötet habe.

Aber mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken. Schon bahnen sich zwei weitere Gorkas ihren Weg zu mir, obwohl Maryo und die anderen versuchen, sie von mir fernzuhalten.

Sie sind noch grösser, als ich sie in Erinnerung hatte und überragen mich um mindestens drei Köpfe. Ihre braunen Fratzen sind vor Wut verzerrt und aus ihren gelben Katzenaugen sprüht blanker Hass. Sie tragen zottige Pelzumhänge über ihrer Lederkleidung, welche mit kleinen Stahlplatten verstärkt ist. Beide sind mit Keulen bewaffnet, die ich wahrscheinlich nicht einmal vom Boden hochheben könnte. Sie schwingen sie jedoch über ihren Köpfen, als seien es Spielzeugwaffen.

Rasch schleudere ich ihnen einen weiteren Eispfeil entgegen, dem sie jedoch ohne Mühe ausweichen. Sie sind nur noch vier Schritt von mir entfernt. Ich ziehe im letzten Augenblick meinen Schutzschild hoch und sende ein Stoßgebet zu den Göttern, dass er ihren Keulen standhalten möge. Die Gorkas lassen die mit Eisendornen besetzten Waffen mit derartiger Wucht durch die Luft sausen, dass ich den Windzug hören kann.

Schon trifft mich der erste Schlag und ich spüre, dass mein Schild darunter erzittert. Ich konzentriere mich auf meine Magie und lasse unter größter Anstrengung einen Regen aus spitzen Eiskristallen auf sie herunterprasseln, der ihnen hässliche Wunden ins Fleisch schlägt. Sie werden davon jedoch nur für einen kurzen Augenblick in ihrem Angriff unterbrochen, um dann mit umso größerer Wut auf mich einzudreschen.

Mit Entsetzen sehe ich, dass fünf weitere Gorkas ihren Weg zu mir gefunden haben. Ich wechsle auf das Erdelement, welches ich besser beherrsche als das Wasser und lasse die Erde unter ihnen erbeben. Sie schwanken, bleiben jedoch auf den Beinen. Ich spüre, wie mir langsam die Konzentration schwindet. Einen Schutzschild gegen Keulenschläge aufrecht zu halten, und im selben Moment Kampfmagie zu wirken, ist äußerst anstrengend. Es führt mir wieder einmal vor Augen, dass ich noch ganz am Anfang meiner Ausbildung zur Magierin stehe.

Außerdem gehen mir die Ideen aus, ebenso wie die Energie. Aber ich sammle nochmals all meine Kräfte und lasse diesmal faustgroße Steine, die ich aus dem Boden hole, auf sie herunterregnen. Einige davon treffen ihr Ziel, aber ich muss aufpassen, dass ich Maryo, Zaron oder einen der anderen Männer nicht aus Versehen verletze.

Gerade als ich denke, dass wir gegen die Gorkas doch noch die Spur einer Chance haben, stürzen weitere schreiend aus dem Dickicht. Mein Mut sinkt, als ich aus dem Augenwinkel die wachsende Überzahl sehe. Die Verstärkung besteht aus mindestens zwanzig Kreaturen, die auf uns zustürmen.

Ein Blick zu Maryo und seinen Männern zeigt mir, dass auch sie langsam am Ende ihrer Kräfte sind. Terpan und Sert liegen schwer verwundet am Boden und rühren sich nicht mehr. Maryos Mantel ist mit Blut bespritzt und an seiner Schläfe klafft eine tiefe Wunde, die wahrscheinlich bis auf den Schädelknochen reicht. Trotzdem kämpft er mit unverminderter Kraft gegen die Gorkas und streckt gerade zwei davon gleichzeitig nieder, als er seine Säbel durch die Luft wirbelt. Auch Zaron sieht übel mitgenommen aus. Er hat seinen Umhang weggeworfen, um die Hände frei zu haben, und ich sehe, dass Blut sein Hemd in Höhe des Bauches dunkel färbt. Er führt sein flammendes Schwert jedoch mindestens ebenso geschickt wie Maryo seine Krummsäbel und tötet einen Gegner um den anderen.

Trotzdem werden wir nicht mehr lange durchhalten können. Die Schläge der Männer werden zusehends schwächer und sie kämpfen jeweils gegen eine wachsende Überzahl. Aber sie alle verkaufen ihr Leben teuer, wie an den Leichen zu ihren Füssen zu erkennen ist.

Dies alles erfasse ich mit einem kurzen Blick, ehe ich mich wieder auf meine eigenen Gegner konzentriere und abermals die Erde unter ihnen erbeben lasse, damit sie zu Boden fallen. Jedoch beweisen sie eine gute Standfestigkeit und so schleudere ich wieder Steine gegen ihre Köpfe, was sie allerdings nur wenig zu beeindrucken scheint.

Schon befürchte ich, dass wir alle hier und jetzt sterben werden, da hebt Maryo einen seiner Säbel und brüllt so laut, dass er den Kampflärm übertönt. »Halt! Wir ergeben uns!«

Ich starre den Elfenkapitän entsetzt an. Dass Maryo sich ergeben würde, hätte ich niemals erwartet. Die Gorkas scheinen einen Moment lang ebenfalls nicht zu wissen, wie sie reagieren sollen. Sie sehen verdutzt zu dem Kapitän, der nun langsam seine Waffen auf den Boden legt und seine verbliebenen drei Männer anweist, es ihm gleichzutun.

Zaron wendet sich zu mir um. Ich erkenne in seinem Blick, dass es ihm zwar gegen den Strich geht, er aber keine andere Möglichkeit sieht. Er zuckt mit den Schultern und legt seine Waffe dann ebenfalls nieder.

Mit einem Seufzen lasse ich den Schutzschild fallen, ducke mich jedoch, da ich befürchte, dass meine Gegner die Chance nutzen und mich totschlagen. Als das nicht passiert, richte ich mich auf, um das Geschehen zu verfolgen.

Einer der Gorkas, der die anderen noch um einen halben Kopf überragt, tritt vor Maryo und fletscht seine Zähne – oder vielleicht ist es ein Grinsen, so genau kann ich es nicht deuten. »Du ergeben?«, fragt er mit einem Akzent, der das R auf grausame Weise rollt, und mustert den Kapitän von oben herab.

»Ja, wir ergeben uns. Nehmt mich als Eure Geißel, lasst aber meine Gefährten ziehen«, erwidert Maryo mit erhobenem Kopf. Aus der Wunde an seiner Schläfe tropft immer noch Blut.

Der Gorka, der offenbar der Anführer ist, sieht auf Maryo herunter. Ich vermeine, einen spöttischen Zug um sein Maul zu sehen. Seine Fangzähne blitzen gelbweiß zwischen seinen wulstigen Lippen hervor. »Du wagen, uns Bedingungen stellen, Elf?«, brüllt er und Speichel bespritzt Maryos Gesicht, der dabei angewidert seinen Mund verzieht. »Auf Knie, Abschaum! Ihr auch!«

Er schlägt dem Elf brutal mit der Keule in die Kniebeuge, sodass dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden sinkt. Seine Männer, Zaron und ich folgen seinem Beispiel, um nicht dieselbe Behandlung zu erfahren.

Der Anführer ruft den anderen Gorkas etwas in ihrer Sprache zu. Sofort zerrt einer grob meine Arme nach hinten und ich keuche vor Schmerz, als er mir ein Seil so eng um die Handgelenke bindet, dass mir das Blut fast abgeschnürt wird.

Zaron lässt die Fesselung über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Jedoch nicht, bevor er seinen Mantel wieder angelegt hat. Für ihn wäre es ein Leichtes, die Gorkas im Bruchteil einer Sekunde zu töten. Allerdings würde er dann mindestens Maryos überlebende Männer und vielleicht auch den Elfenkapitän und mich dabei umbringen.

Wir  werden geknebelt, wahrscheinlich, damit wir nicht um Hilfe rufen können. Ich würge, als einer der Gorkas mir einen groben Stofffetzen in den Mund drückt, der nach Urin stinkt.

»Jetzt Ihr mitkommen!«, brüllt der Gorkaanführer.

Sogleich werden uns unsanft Speere an den Rücken gehalten, sodass wir aufstehen müssen, wenn wir nicht aufgespießt werden wollen.

Ich sehe, dass es Ceron, Lock und Telek schwer fällt, zu gehen. Sie alle haben tiefe Wunden an Beinen und Armen von dem Kampf getragen, welche immer noch bluten. Allein Zaron, Maryo und ich scheinen sich einigermaßen auf den Beinen halten zu können.

Rasch werfe ich einen Blick zu Sert und Terpan zurück, die immer noch reglos auf dem Boden liegen – ebenso wie mindestens zwei Dutzend Gorkas, die von Zaron, Maryo und seinen Männern niedergestreckt wurden.

Gerade trennt ein Gorka den beiden Seeleuten mit gezieltem Axthieb die Köpfe vom Rumpf, um sicherzugehen, dass sie tot sind. Ich erschaudere und wende den Blick ab.

Ich hatte die beiden Männer in den letzten Tagen näher kennengelernt und meine anfängliche Meinung über Maryos Besatzung gründlich geändert. Langsam verstehe ich, warum der Elfenkapitän sie in seiner Mannschaft aufgenommen hat. Jeder von ihnen hatte einzigartige Fähigkeiten. Sert war beispielsweise in der Lage, so gekonnt ein Messer werfen, dass er sogar auf fünfzehn Schritt sein Ziel traf. Terpan wusste jederzeit, wo Norden war und konnte sich somit überall orientieren.

Alle Männer aus Maryos Mannschaft sind ihm bedingungslos ergeben. In einigen Gesprächen hatte ich erfahren, dass sie in verschiedenen Häfen ihre Familien, Frauen und Kinder haben, die sie regelmäßig besuchen, um ihnen ihren Anteil vom Handelserlös und anderer Beute nach Hause zu bringen. Maryo achtet darauf, dass auch die Familien seiner Mannschaftsmitglieder gut versorgt werden.

Von nun an werden die Kinder von Sert und Terpan jedoch vergebens darauf warten, dass ihre Väter zurückkehren.

Ich verscheuche meine traurigen Gedanken und konzentriere mich auf den Weg, den wir einschlagen. Jeder von uns Gefangenen wird rechts und links von einem Gorka flankiert, um Fluchtversuche zu verhindern. Eigentlich unnötig, denn die Hälfte von uns ist ja so stark verwundet, dass sie kaum gehen kann.

Kapitel 2

Bereits nach einem halben Tag Fußmarsch durch den Westendwald ist Telek so erschöpft, dass er nicht mehr weitergehen kann. Mein Angebot, ihm mit heilender Magie zu helfen, wird von den Gorkas brüsk ausgeschlagen. Als er nicht mehr aufsteht, nachdem er erneut hingefallen ist, schlagen sie ihm ohne mit der Wimper zu zucken den Kopf ab.

Ich bin entsetzt von der eiskalten Brutalität, mit der die Gorkas handeln. Maryo muss von drei unserer Peiniger festgehalten werden, sonst hätte er trotz der Fesseln den Gorka, der sein Mannschaftsmitglied gerade geköpft hat, gerammt und zu Boden geworfen. In seinen Augen steht der hasserfüllte Wunsch nach Vergeltung. Nur ein Schlag gegen die Schläfe des Elfenkapitäns, der ihn taumeln lässt, hält ihn davon ab, Rache zu nehmen. Danach scheint sein Geist vernebelt zu sein, denn er kann die nächste Viertelstunde nur schwankend weitergehen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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