Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Alice = Alice - Maxi Schilonka

Die Eltern von Alice und ihrer Zwillingsschwester Scarlett haben sich vor einiger Zeit scheiden lassen. Alice lebt bei ihrer Mutter und Scarlett bei ihrem Vater, und alles wäre auch so geblieben, wenn ... ja wenn Scarlett nicht aus dem Fenster gefallen wäre. Scarlett landet im Krankenhaus, liegt im Koma und die Ärzte gehen von einem Selbstmordversuch aus. Alice stellt daraufhin Nachforschungen an und nimmt die Rolle ihrer Schwester ein. Sie wohnt beim Vater, geht auf Scarletts Schule und trifft die gleichen Personen. Mit Hilfe der Zeichnungen, die sie im Zimmer ihrer Zwillingsschwester findet, reist Alice in ihr Unterbewusstsein. Und dort trifft sie auf Herzogin, Herzkönigin, Grinsekatze, Hutmacher und eine Teegesellschaft. Bald lernt sie, die Parallelen zur Realität zu deuten und erfährt dabei Geheimnisse, die sie sich so nie hätte träumen lassen. Denn wie so oft liegen Wirklichkeit und Fiktion näher zusammen, als man glaubt. Eine spannende Reise durch die moderne Variante der von Lewis Carroll geschaffenen Zauberwelt, die sich dabei überraschend neu definiert. Es ist eine Erzählung eines Jugendromans, der in die Tiefe, weit unter die Haut, geht und für Leser jeden Alters zur Fahrt durch den Kaninchenbau wird.

Meinungen über das E-Book Alice = Alice - Maxi Schilonka

E-Book-Leseprobe Alice = Alice - Maxi Schilonka

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Lektorat: Stephanie Kempin

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-340-7

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www.papierverzierer.de

Dieses Buch ist für all jene, die jeden Tag das Unmögliche schaffen, indem sie es für möglich halten.

Und für meine Eltern. Selbe Begründung.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Ich frage mich, wann das anfing? Egal, wie sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Eines Tages war die Wärme verschwunden und zurück blieb nichts als Kälte. Möglicherweise wurde ich so geboren, wer weiß das schon.

Eine Zeit lang dachte ich, das ginge vorbei. Irgendwann sähe alles anders aus und ich wäre wie andere Mädchen.

Wie sehr ich mich geirrt habe.

Vielleicht war das mein größter Fehler. Zu erwarten, dass die Welt sich zum Guten wendet. Das Leben muss doch einen Wert haben.

Für einen kurzen Augenblick konnte ich spüren, wie sich Glück anfühlt, wie Zufriedenheit schmeckt und Schönheit aussieht.

Es war eine Lüge.

Dabei hatte ich es wirklich versucht, doch am Ende laufen alle Gedanken in meinem Kopf nur auf ein Ziel hinaus. Sie zerlaufen und formen sich und zerrinnen erneut und es bleibt nichts zurück als Asche.

Jeder Mensch gibt nur eine Seite von sich preis. Vermutlich ist das besser. Immer man selbst zu sein, wird auf Dauer zur Qual. Und wozu auch? Man kann anderen Menschen so leicht etwas vormachen.

Manchmal frage ich mich, ob es ein Traum ist.

Wäre ich sonst seelenlos? Ich fühle mich nicht, als würde ich leben und wo ist da der Unterschied zwischen dem Tod als solchem und dem inneren Tod? Wo ist der Sinn im Leben, wenn jeder Tag wie der davor ist?

Ich bin des Lebens müde und ich sehe keinen Sinn, es zu leugnen. Sich selbst kann man nicht so leicht belügen.

Es gibt Leute, die sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt und dass man nur an etwas Schönes denken muss. Aber was ist, wenn man nie etwas Schönes erlebt hat? Wie lange soll man darauf warten? Wenn einem alle Türen verschlossen bleiben, erscheint einem der Tod manchmal als einziger Ausweg. Und wieso nicht, jeder hat das Recht, über sein eigenes Ableben zu bestimmen.

Wo ich auch hinsehe, ist Dunkelheit. Sollte es Gott geben, hat er sein Licht nicht mir gesendet. Ich verlange weder Verständnis noch Gnade oder gar Vergebung. Er hat uns die Fähigkeiten gegeben, unser Leben zu beenden.

Ein beängstigender Gedanke. Was wäre, wenn man nicht die Möglichkeit hätte, sich umzubringen? Wenn man sein Leben bis zum bitteren Ende durchstehen müsste und vor Schmerzen und Qual verrückt würde? Ist es da nicht einfacher, alles zu beenden?

Jeden Tag werden einem Entscheidungen abgenommen, aber man kann den Moment seines Todes selbst bestimmen.

Ich habe den Fenstersturz für mich gewählt. Ist es eine gute Methode? Vermutlich nicht, aber es wird mir Ergebnisse bringen.

Meine Wahl ist getroffen.

Ich habe keine Angst.

Der Tod ist erst der Anfang.

Der Sturz ins Vergessen

Das Zerbrechen der Kaffeetasse riss Alice Liddell aus ihren Gedanken. Betreten betrachtete sie den dunklen Fleck, der sich auf dem Linoleum des Restaurants ausbreitete. Eine Kellnerin eilte herbei und klaubte die Scherben auf. Sie entschuldigte sich unterwürfig, obwohl Alice die Tasse zerbrochen hatte.

»Wo bist du bloß mit deinen Gedanken?«, fragte Alices Schulfreundin Lori. »Hast du überhaupt mitbekommen, dass du die Tasse immer weiter zum Rand geschoben hast?«

Alice schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Nein. Keine Ahnung. Ich bin einfach nur müde.«

Woran hatte sie gedacht? Kurzzeitig war sie sich weit weg vorgekommen und hatte die Sonne und Baumwipfel gesehen, als würde sie auf einer Wiese liegen.

Hatte sie geträumt?

Eigentlich hätte sie längst zu Hause sein müssen, aber Alice wollte ihrer Mutter nicht gegenübertreten. Seit der Scheidung vor einem Jahr war sie gereizt und fuhr bei der kleinsten Angelegenheit aus der Haut. Alice hatte erwartet, dass es sich irgendwann besserte, nur hatte sie damit völlig falsch gelegen. Ihre Mutter wurde von Tag zu Tag launischer.

Ihr Handy klingelte und das Wörtchen Mom blinkte auf der Anzeige.

»Wenn man vom Teufel spricht. Oder auch nur an ihn denkt«, murmelte Alice und drückte den Anruf weg.

Missmutig schob sie sich eine Pommes in den Mund, den Burger hatte sie bisher nicht angerührt. Normalerweise ging sie gern mit ihren Freundinnen nach der Schule etwas essen oder ins Kino, heute machte es ihr jedoch keinen Spaß.

Irgendetwas stimmte nicht.

Am Restaurant lag es nicht, sie waren schon oft hier gewesen und Alice mochte das Diner, das im Stil einer klassischen Milchbar gehalten war. An den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Bilder von Berühmtheiten und die Cheeseburger waren so groß und gleichzeitig billig, dass es für den ganzen Tag reichte.

Nervös rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her. Sie konnte sich einfach nicht entspannen.

Ihr Handy klingelte erneut.

»Willst du da nicht rangehen?«, erkundigte sich Edith zwischen zwei Bissen von ihrem Burger.

Alice drückte erneut auf den kleinen roten Hörer. »Bloß nicht.«

»Was meinst du, was sie will?«

»Ich vermute, mein Vater hat ihr wieder ein Schimpfwort an den Kopf geworfen oder sie nicht mit Scarlett sprechen lassen oder … ach, was weiß denn ich.« Resigniert warf sie die Hände in die Luft.

Die Mädchen nickten verständnisvoll und Alice musste ein bitteres Schnauben unterdrücken. Was wussten die beiden schon? Ihre Eltern waren nicht geschieden und ihr Vater war nicht ans andere Ende der Stadt gezogen, um möglichst viel Raum zwischen sich und ihre Mutter zu bringen. Sie waren nicht von ihren Geschwistern getrennt.

»Scarlett ist deine Schwester, oder?«, fragte Lori.

»Zwillingsschwester«, berichtigte Alice und verspürte den üblichen Stich. »Sie ist zwölf Minuten älter als ich und lebt bei meinem Vater.«

»Eure Eltern haben euch getrennt?« Ihre Freundinnen schienen verblüfft und Alice verstand sie nur zu gut.

Es war der schlimmste Tag ihres Lebens gewesen. Scarlett und sie hatten geweint, gebettelt und geschrien, doch ihre Eltern waren hart geblieben. Als Alleinverdiener konnten sie sich nur kleine Wohnungen leisten und so war Alice zu Mom gekommen und Scarlett zu Dad.

»Wir telefonieren oder chatten jeden Abend miteinander. Sie scheint sich in ihrer neuen Schule wohlzufühlen.«

»Ihr seht euch doch bestimmt sehr oft.«

Alice schüttelte den Kopf. »Das letzte Mal ist schon ein paar Monate her. Es kommt ständig irgendwas dazwischen.«

Ihre beiden Freundinnen tauschten verlegene Blicke, sagten jedoch nichts. Das Thema war ihnen offensichtlich unangenehm, denn im folgenden Satz ging es bereits wieder um einen Test, den sie am nächsten Morgen schreiben sollten.

Zum dritten Mal klingelte Alices Handy. Ihre Mutter war wirklich hartnäckig, Dad musste einen echten Coup gelandet haben.

Alice schluckte schwer. Hoffentlich hatte er keine neue Freundin. Es würde Wochen und jede Menge Junkfood brauchen, um die Scherben wieder zusammenzusetzen, die einmal ihre Mutter gewesen waren.

Obwohl sie längst satt war, würgte Alice noch die letzten Bissen ihres Burgers hinunter. Schließlich musste sie ihn bezahlen.

Das Handy erwachte erneut zum Leben. Stumm betrachtete Alice die Ketchupflecken auf dem Teller und ließ das nagende schlechte Gewissen zu. Vielleicht sollte sie lieber schauen, was zu Hause passiert war.

Sie legte Geld auf den Tisch und verabschiedete sich von ihren Freundinnen, die zurückblieben, um weiterhin über Belanglosigkeiten zu tratschen.

Alice beneidete sie.

Langsam schlenderte sie durch die Einkaufsmeile. Sie würde schon noch früh genug zu Hause sein, um das Drama mitzuerleben.

An einer kleinen Boutique blieb sie stehen und besah sich die Auslage. Anscheinend war Türkis dieses Frühjahr schwer angesagt, denn das Schaufenster quoll nahezu über davon. Eine dralle Blondine sortierte Tücher und Schals auf einem Kleiderständer am Eingang und zwinkerte Alice dabei auffordernd zu. Höflich lächelnd nickte sie zurück und ging dann zügig weiter.

An der nächsten Ecke setzte sie sich auf eine Bank und hörte einem Straßenmusiker zu, der Melancholie in die Geschäfte und Gassen zauberte. Alice kannte das Lied nicht, aber sie fühlte sich sofort schwermütig und auch ein wenig schläfrig. Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte Mom ständig solche Musik gehört, bis es Alice fast in den Wahnsinn trieb. Damals hatte sie angefangen, gegen ihre Mutter zu rebellieren.

Ein weiteres Handyklingeln brachte sie in die Wirklichkeit zurück.

»Jaja, ich komm ja schon«, brummte Alice, nahm den Anruf jedoch wieder nicht an, schließlich war sie in weniger als einer halben Stunde zu Hause, bis dahin würde Mom wohl warten können.

Seufzend stieß sie sich von der Bank ab und schlurfte weiter. Sollte sie sich für später ein paar Süßigkeiten kaufen? Oder ein Buch?

Wenn es Mom besonders schlecht ging, schloss Alice sich oft stundenlang in ihrem Zimmer ein. Sie hatte schon alles gelesen, was sie in ihren Regalen gefunden hatte, sogar noch einmal alle Karten und Briefe, die sie vor drei Monaten zu ihrem siebzehnten Geburtstag bekommen hatte. Sie fragte sich, ob dieselben Verwandten Scarlett die gleichen Grüße geschickt hatten.

Beklommen stieg Alice die Stufen zur U-Bahn hinab. Sie hasste es hier, weil sie immer das Gefühl hatte, lebendig begraben zu werden. Wenn sie den Himmel nicht sehen konnte, war sie nicht glücklich, doch leider war es zum Laufen zu weit.

Während sie in der U-Bahn saß, rief ihre Mutter noch zwei weitere Male an, ohne dass Alice antwortete.

Etwas Schlimmes musste passiert sein. Doch Alice wollte sich nicht am Telefon damit auseinandersetzen.

Bitte keine neue Freundin, bitte keine neue Freundin, betete sie vor sich hin. Das wäre der Super-GAU.

Als sie die Station verließ und Richtung Heimat lief, wurden ihre Beine mit jedem Schritt schwerer. Alice hatte nie verstanden, wie ihre Mutter sich dermaßen hatte gehen lassen können. Dad war zwar im Grunde ein guter Mann, aber im letzten Jahr hatten sich die beiden immer mehr gestritten. Es waren regelrecht die Fetzen geflogen. Alice fragte sich täglich, wann sie aufgehört hatten, sich zu lieben. Seit wann hassten sie sich dermaßen?

Und dennoch.

Als Dad die Scheidung verlangt hatte, war Mom aus allen Wolken gefallen und von da an ging es ihr mit jedem Tag schlechter. Sie verkümmerte zu einem kleinen Häufchen Elend, das an manchen Tagen kaum lebensfähig schien. Und sie ließ es an Alice aus.

»Ich bin da«, rief sie von der Diele aus. Im selben Moment hörte sie ein Scheppern im Wohnzimmer, gefolgt von lautem Schluchzen.

Oh nein.

»Mom?« Alice stellte schnell ihre Schuhe in die Ecke und warf alles von sich. Kaum hatte sie sich aufgerichtet, kam Mom ihr wie ein Wirbelwind entgegen und verpasste Alice die erste Ohrfeige ihres Lebens. Perplex starrten die beiden Frauen sich an.

»Gott sei Dank«, presste Mom hervor und fiel ihrer fassungslosen Tochter um den Hals.

»Was zum …«, setzte Alice an, aber ihre Mutter schnitt ihr das Wort ab.

»Ich dachte … wenn dir auch etwas passiert wäre … ihr habt früher schon immer alles gleich gemacht.«

»Wem ist was passiert?«, fragte Alice. Mom fasste sie an den Schultern und musterte sie aus tränenverquollenen Augen. Der nächste Wasserfall kündigte sich bereits an.

»Was ist hier los?«, rief Alice aufgebracht und befreite sich aus dem Klammergriff. Langsam machte sich Angst in ihr breit. Es konnte sich nicht nur um eine Eskapade ihres Vaters handeln.

»Wir sollten uns setzen«, erwiderte Mom, mit den Gedanken ganz woanders. Immer wieder strich sie sich eine imaginäre Haarsträhne aus dem Gesicht. Geistesabwesend packte sie Alices Handgelenk und zog sie weiter in die Wohnung.

»Nein! Ich will jetzt wissen, was los ist!«, verlangte Alice und riss sich los. Hatte sie irgendetwas getan? Mit ihren feuchten Augen erinnerte Mom stark an eine Kuh auf dem Weg zum Schlachter.

Ihre Mutter atmete tief durch und knetete ihre Hände vor der Brust, während sie nach Worten rang. Es war offensichtlich, dass sie ihrer Tochter etwas Furchtbares erzählen würde.

»Es geht um Scarlett.«

In diesem Augenblick fühlte Alice ihr Herz in den Magen sinken. Fürchterliche Übelkeit überkam sie. Auf einmal schien ihre Mutter schrecklich weit weg und wurde durch das Rauschen in ihren Ohren übertönt. Hilfesuchend stützte sie sich an der Wand ab.

»Entschuldige, was hast du gesagt?«, stammelte sie mit trockenem Mund. Was hatte sie über Scarlett gesagt?

»Dein Vater hat angerufen. Scarlett ist aus dem Fenster ihres Zimmers gestürzt.«

»Geht es ihr gut?«, hörte Alice sich fragen. Scarletts Zimmer lag im zweiten Stock, das konnte sie überleben. Außerdem war ihre Schwester immer die Starke gewesen.

Mom unterdrückte einen Aufschrei, indem sie ihre zitternde Hand auf den Mund drückte.

»Mom?«

»Sie ist im Krankenhaus. Dein Vater hat gesagt, sie operieren noch. Ich hab nur auf dich gewartet.«

Alice nickte benommen und ließ sich von ihrer Mutter eine Jacke überziehen. Langsam bewegte sie sich auf den Ausgang zu.

»Alice?«

Alice hob den Kopf und versuchte, sich auf ihre Mom zu konzentrieren.

»Schatz, deine Schuhe.«

Richtig. Schuhe.

Vorsichtig stieg sie in ihre Stiefel und nahm dann die Hand ihrer Mutter. Wie lange war es jetzt her, dass sie das zum letzten Mal getan hatte? Eine Ewigkeit.

»Schon gut, Schatz.«

Behutsam geleitete sie Alice zum Auto und schnallte sie auf dem Beifahrersitz an. Konnte sie überhaupt fahren? Sollten sie nicht lieber ein Taxi nehmen? Alice fühlte sich zu müde, um etwas einzuwenden, und so ließ sie es geschehen.

Was war passiert? War Scarlett beim Fensterputzen gefallen oder hatte sie nicht aufgepasst? Und wieso hatte Alice nichts gespürt? Sie hatte immer geglaubt, als Zwillinge verbinde sie eine mysteriöse Kraft, aber sie hatte sich geirrt.

»Charles!«, kreischte Mom und deutete anklagend auf Dad. Er saß im Warteraum, nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf den Knien, den Kopf in den Händen vergraben. Als er Mom hörte, sprang er mit einem Satz auf und ging in Abwehrhaltung. Die anderen Besucher schreckten hoch und verfolgten gebannt das Geschehen. Dass es sich um ein Krankenhaus handelte und man sich ruhig verhalten sollte, kümmerte Alices Eltern wenig.

»Das ist alles deine Schuld!«, rief Mom. »Hoffentlich bist du glücklich!«

»Oh ja, Jane, sehr sogar, denn schließlich liegt unsere Tochter gerade auf einem OP-TISCH! Wie könnte ich da nicht glücklich sein?!«

»Wieso hast du nicht aufgepasst?!«

»Weil Scarlett kein kleines Kind mehr ist, verdammt! Sie braucht keine Aufsicht. Aber natürlich wäre das in deiner Obhut nicht passiert!«, brüllte Dad zurück und fasste sich an den Kopf, als wäre Mom verrückt.

Eine junge Schwester näherte sich, um die Eltern zur Vernunft zu bringen, traute sich jedoch nicht näher heran.

»Da kannst du Gift drauf nehmen! Wenn du sie bei mir gelassen hättest, dann wäre sie jetzt sicher zu Hause! Aber du musstest die Kinder ja trennen!« Mom war völlig hysterisch. Strähnen lösten sich aus ihrem Zopf und fielen ihr ins Gesicht.

»Komm mir jetzt nicht wieder damit, Jane! Die Scheidung ist ein Jahr her!«

»Was. Zur Hölle. Stimmt bloß nicht mit euch?!«, schrie Alice dazwischen. Schlagartig verstummten beide und sahen ihre Tochter an.

»Seid ihr denn wahnsinnig geworden?! Ist euch eigentlich klar, was hier los ist?! Scarlett ist AUS DEM FENSTER GESTÜRZT. Sie liegt im Krankenhaus und wer weiß, ob sie es schafft! Und ihr streitet euch?! Wollt ihr mich eigentlich verarschen?! Noch dazu ist das hier ein beschissenes Krankenhaus, also hinsetzen und KLAPPE HALTEN!« Wutentbrannt ließ Alice sich auf einen der kalten Plastikstühle fallen. Sie kochte innerlich. Das waren ihre Eltern und sie hatten nichts Besseres zu tun, als sich zu streiten, während ihre Tochter um ihr Leben kämpfte. Ob sie schon immer so waren? Wieso waren sie überhaupt zusammen gewesen, wenn sie sich nicht ausstehen konnten?

Peinlich berührt sanken ihre Eltern auf die Stühle neben Alice, die aus den Augenwinkeln sah, wie ihre Mutter sie beobachtete, als befürchtete sie, Alice könne jede Sekunde einen weiteren hysterischen Ausbruch haben. Dad nahm seine Ursprungshaltung wieder ein und vergrub sich in seinen Gedanken. Er hatte es abgetan, aber Alice wusste, dass er sich die Schuld gab.

Die Stunden vergingen und Familie Liddell gab sich der Warterei hin. Alice wollte weder lesen noch schlafen, es reichte ihr aus, die Türen anzustarren, auf denen groß Nur für Personal stand. Irgendwo dahinter war ihre Schwester.

Eine untersetzte Krankenschwester eilte mit Akten hin und her und jedes Mal, wenn sie vorbeikam, warf Mom ihr flehende Blicke zu.

»Wie hast du sie gefunden?«, fragte Alice ihren Vater, ohne aufzusehen.

»Hab den Schrei eines Fußgängers gehört«, erwiderte er knapp.

Alice runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht erklären, was passiert war und konnte nicht aufhören zu grübeln. Was hatte Scarlett gemacht, dass es mit einem Sturz endete? Man fiel doch nicht einfach so, oder? Hatte ihre Schwester am offenen Fenster gestanden und dann das Bewusstsein verloren? Aber dazu hätte sie auf einer Leiter stehen müssen, das Fenster begann erst auf Bauchhöhe. Und Dad hatte nicht Scarletts Schrei gehört, sondern den eines Passanten? Was wäre, wenn …

Die großen Türen schwangen auf und ein Arzt mittleren Alters betrat hinkend den Wartesaal. Alice hatte sich an diesem Abend bereits so an Enttäuschungen gewöhnt, dass sie zunächst nicht bemerkte, wie er auf sie zukam. Erst als seine grauen Hosenbeine in ihrem Blickfeld auftauchten, schaute sie auf.

»Mr. und Mrs. Liddell?«

Mom und Dad waren sofort auf den Beinen.

»Ihrer Tochter geht es so weit gut. Sie hat mehrere Frakturen erlitten, an den Beinen und im Beckenbereich, aber wir konnten sie richten. Mit ihrer Wirbelsäule und den Organen scheint alles in Ordnung zu sein. Wir werden jetzt warten, dass sie aufwacht und dann wird sie eine Weile zur Beobachtung hierbleiben müssen. Es sieht gut aus.«

Alice traute ihren Ohren nicht. Scarlett ging es gut und bis auf ein paar hässliche Narben würde sie wieder kerngesund werden. Sie fühlte sich, als wäre eine große Last von ihr abgefallen. Erleichtert beobachtete sie, wie ihre Mutter den Arzt umarmte, bevor ihr Vater ihm die Hand schüttelte.

»Wollen Sie zu ihr?«

Was für eine Frage! Sollte mal einer versuchen, sie davon abzubringen. Beschwingt folgten sie dem Arzt durch die sterile Krankenhausatmosphäre. Normalerweise wurde Alice von der Kombination aus Neonröhrenlicht und Desinfektionsmittel ganz schwindelig, aber heute bemerkte sie es kaum.

Scarlett lag allein in Zimmer eins-acht-fünf-zwei. Alice stockte. Sie hatte Scarlett zuletzt im Winter gesehen und nun würde ihre erste Begegnung seit Monaten zu einem Krankenbesuch. Mit gestrafften Schultern betrat Alice den kleinen Raum.

Zum ersten Mal sahen sich die Schwestern nicht mehr ähnlich, denn Scarlett wirkte viel kleiner und schmächtiger. Ihre Haut hatte eine ungesunde graue Farbe angenommen und dunkle Ringe umgaben ihre Augen. Zwei Schläuche von Infusionsbeuteln liefen unter die Bettdecke.

»Sie hat sich die Haare gefärbt«, stellte Alice leise fest. Statt der goldblonden Locken ihrer Schwester bedeckten braune Strähnen das Kissen.

»Ja, vor einigen Wochen schon. Sie trägt auch braune Kontaktlinsen. Ich dachte, das wäre jetzt so modern«, sagte Dad abwesend und trat ans Bett seiner Tochter.

Verwundert betrachtete Alice ihre Schwester. »Davon hat sie mir gar nichts erzählt.«

Sie hatte immer gedacht, dass Scarlett ihr alles erzählen würde und auch wenn eine neue Frisur kein weltbewegender Umsturz war, so wäre es dennoch erwähnenswert gewesen.

Im Zimmer standen zwei Holzstühle und ein kleines Tischchen unter einem Sicherheitsfenster. Alice bemerkte kurz die Gitter und setzte sich dann.

Sollte Scarlett längere Zeit im Krankenhaus bleiben, müsste Alice ihr ein paar Sachen von zu Hause holen. Hausschuhe, ein Kopfkissen und Badehandtücher. Das Zimmer sah aus wie ein Ausstellungsmodell – weiß, steril, leblos.

»Wie lange wird es dauern?«, fragte Mom und ließ sich auf den anderen Stuhl fallen.

»Zwei, vielleicht drei Stunden«, bekam sie als Antwort, »es ist wichtig, dass sie ein bekanntes Gesicht sieht, um sich zu orientieren. Deswegen sollte immer einer von Ihnen bei ihr bleiben. Bitte rufen Sie entweder mich oder eine Schwester, sobald Ihre Tochter aufwacht.« Alle nickten eifrig und bedankten sich noch einmal, als der Doktor zu seiner Arbeit zurückkehrte.

Kaum hatte sich die Anspannung aus ihrem Körper gelöst, fühlte Alice die Müdigkeit. Kein Wunder, es war mitten in der Nacht und Alice sollte längst im Bett sein, denn am nächsten Tag war Schule. Lange aufbleiben war nie ihre Stärke gewesen und Scarlett hatte sich oft genug deswegen über sie lustig gemacht.

Ein entferntes Donnern riss Alice aus ihren Gedanken.

»Anscheinend zieht ein Gewitter auf.«

»Ich glaube, das war dein Dad, Liebes«, kommentierte Mom trocken. »Lange nichts gegessen, was?«

»Es war ja wohl nicht an Essen zu denken«, sagte er verlegen und Alice sah, wie er unter seinem Hemd einen kläglichen Versuch unternahm, seinen Bauch anzuspannen.

»Ihr könnt ruhig gehen, ich bleibe hier«, bot Alice an und um ihre Worte zu unterstreichen, zog sie ihre Beine unter ihren Po und nickte ihren Eltern auffordernd zu.

»Was ist mit dir? Hast du keinen Hunger?«, fragte Mom. Sie mochte es nicht, wenn Alice nach der Schule auswärts aß und dann zu Hause das Selbstgekochte verschmähte.

»Oh Gott, nein«, entgegnete Alice, in Gedanken bei ihrem monströsen Cheeseburger. Ihre Mutter schnalzte mit der Zunge, blieb jedoch stumm. Es hatte bereits genug Streit gegeben.

Mit einer Mauer des Schweigens zwischen sich, marschierten ihre Eltern in Richtung Cafeteria und ließen Alice in der beklemmenden Krankenhausatmosphäre zurück. Einzig Scarletts sich bewegender Brustkorb hielt Alice davon ab, in Panik zu geraten.

»Wer hätte gedacht, dass du dermaßen gruselig sein kannst?«, sagte sie zu ihrer großen Schwester, die mehr tot als lebendig wirkte.

Scarlett war immer die Erwachsene gewesen. Sie hatte die zwölf Minuten Altersunterschied viel zu ernst genommen und war Alice oft auf die Nerven gefallen. Scarlett fluchte nie, sie war kultivierter und hatte schon mit elf angefangen, Klassiker der Weltliteratur zu lesen, während Alice vor dem Fernseher hing und Cartoons schaute. Obwohl beide Mädchen dieselben Anlagen hatten, hätten sie nicht verschiedener sein können. Nur beim Aussehen waren sie nicht zu unterscheiden.

Das heißt … bis vor ein paar Wochen war es so gewesen. Plötzlich wollte Scarlett nicht mehr blond und blauäugig sein, sondern brünett. Vielleicht dachte sie, man würde sie dann mit mehr Respekt behandeln, oder sie wollte sich von Alice abheben.

»Man kann nicht gerade sagen, dass es dir steht«, stichelte Alice und betrachtete das braune Haar ihrer Schwester, das traurig und kraftlos über die Bettkante hing.

Ihr Blick glitt an Scarletts Arm herab zu ihrer Hand, in deren Rücken eine Infusionsnadel steckte. Ihre Finger wirkten viel knochiger und auch der Knöchel am Handgelenk trat deutlich hervor. Mit gerunzelter Stirn stand Alice auf und lüftete vorsichtig Scarletts Bettdecke. Ihre Schlüsselbeine stachen scharf heraus. Um ihre Ahnung zu überprüfen, riskierte Alice einen Blick unter das Krankenhemd und konnte Scarletts Rippen zählen. Was war nur mit Scarlett passiert? Die beiden waren schon immer schlank gewesen, aber nie dürr und nun hatte Scarlett eindeutig gefährliches Untergewicht.

War sie krank?

Grübelnd sank Alice auf ihren Stuhl zurück. Hatte ihre Schwester eventuell Kummer? Wenn sie miteinander telefonierten oder chatteten, wirkte Scarlett stets zufrieden. Warum würde sie sich so abmagern und ihr Äußeres verändern? Hatte es mit einem Jungen zu tun, von dem sie noch nichts erzählt hatte?

Über ihre Gedanken schlief Alice ein, die Arme auf dem Tisch verschränkt, den Kopf darauf gebettet.

Eine ins Schloss fallende Tür weckte sie. Mom und Dad waren zurück und hatten ihr eine Limo mitgebracht. Ächzend richtete Alice sich auf und ließ die Schultern ein paarmal nach hinten kreisen. Was hatte sie sich dabei gedacht, quer auf dem Tisch liegend einzuschlafen?

»Wie lange wart ihr weg?«

»Nicht ganz zwei Stunden. Deine Mutter konnte sich nicht entscheiden«, antwortete ihr Vater und stellte die eiskalte Dose vor ihr ab. Ein Tropfen Kondenswasser rann daran herab und bildete einen feuchten Ring auf dem Tisch.

Alices Blick huschte zu Scarlett. Alles war unverändert.

»Es kann nicht mehr lange dauern«, sagte Mom.

Wie sehr sie sich irren sollte.

Weitere drei Stunden später – es war totenstill draußen und Alice fragte sich, warum niemand sie hinauswarf – lag Scarlett immer noch in ihrem Bett und schlief. Ein anderer, jüngerer Arzt untersuchte sie, stellte jedoch nichts fest.

»Manchmal dauert es etwas länger«, versuchte er die Familie zu beruhigen, ohne Erfolg.

Als der Morgen graute und Scarlett sich nach wie vor nicht rührte, gab dies den Ärzten Grund zur Besorgnis. Der hinkende Doktor vom Vortag war zurück und brachte einen Mann im Anzug mit. Dieser stellte sich als Doktor Carroll vor – er war Psychiater.

»Ich verstehe nicht«, stammelte Alices Mutter, »wozu braucht Scarlett einen Psychiater, wenn sie doch schläft?«

Die beiden Ärzte tauschten einen vielsagenden Blick und Alice war kurz davor, ihnen an die Gurgel zu springen.

»Wir wissen nicht, warum Ihre Tochter nicht aufwacht, Ms. Liddell«, erklärte Doktor Carroll und blätterte in Scarletts Krankenblatt. »Bis auf ihre Knochenbrüche geht es ihr körperlich gut, ihr Gehirn wurde nicht angegriffen und die Operation verlief problemlos ohne Nachwirkungen.« Alice verkniff sich den Kommentar, dass ein Koma wohl als schwerwiegende Nachwirkung anzusehen war. Sie wollte nicht die Ärzte vor den Kopf stoßen, die für das Wohlergehen ihrer Schwester zuständig waren.

»Ja, und?«, rief Dad aufgebracht. »Was hat das mit Ihnen zu tun? Warum ein Psychiater?«

»Nachdem ich einen Blick auf Scarletts Zwillingsschwester geworfen habe, kann ich nicht umhin zu bemerken, wie ausgezehrt Scarlett ist. Sie wiegt viel zu wenig und anscheinend hat sie in letzter Zeit einige Veränderungen an sich vorgenommen.«

Ungläubig starrte Alice ihn an. Sie ahnte, worauf er hinauswollte und konnte es einfach nicht fassen. Ob man in Anbetracht der Situation Verständnis für sie hätte, wenn sie ihn auf die Nase boxte?

»Bitte, verstehen Sie, dass ich Sie nicht angreifen möchte, aber ich bin verpflichtet, diese Frage zu stellen. Glauben Sie, dass Scarletts Sturz aus dem zweiten Stock Ihres Hauses ein Unfall war?«

»Wie meinen Sie das?«, hauchte Mom und tastete Hilfe suchend durch die Luft. Alice betrachtete sie aus den Augenwinkeln und musste an sich halten. Wieso nur hatte sie sich nicht im Mindesten im Griff?

»Wir vermuten, dass es sich bei dem Sturz um einen Selbstmordversuch gehandelt haben könnte. Es hat ganz den Anschein, als würde Scarlett sich entscheiden, nicht aufzuwachen. So etwas beobachten wir oft nach Suizidversuchen mit Komafolge. Die äußeren Umstände würden passen.«

»Aber das ist … doch … lächerlich.« Alices Vater fixierte einen Punkt an der Wand, während die Rädchen hinter seiner Stirn ratterten. Sie sah ihm an, was in ihm vorging. Er überlegte, ob etwas an dem Gesagten stimmen könnte – ob es Anzeichen gegeben hatte.

Auch Alice durchforstete ihre Erinnerungen. Hatte Scarlett etwas gesagt? Hatte sie sich deswegen nicht mehr treffen wollen? Erst jetzt nahm Alice die Gitter vor dem Fenster vollständig wahr. Warum sollte man ein Krankenzimmer vergittern? Sie sah sich um. Es gab keine Haken an den Wänden, keine scharfen Kanten, selbst die Lampen waren einfache Teller.

Nein.

Nein, nein. Nur, weil der Psychiater das sagte, musste es nicht stimmen. Scarlett war ihre Schwester – ihre Zwillingsschwester – Alice hätte etwas bemerkt. Ganz sicher.

Dieser Mann war Arzt, es war sein Job, solche Dinge in Betracht zu ziehen. Sicherlich war er auch sonst sehr gut in dem, was er tat. Aber diesmal irrte er sich.

Plötzlich fiel ihr etwas auf, das der Arzt gesagt hatte.

»Soll das heißen, meine Schwester liegt tatsächlich im Koma?«

Doktor Carroll nickte, woraufhin Mom einen Laut ausstieß, der nach einem getretenen Tier klang.

»Wie lange wird das dauern?«, hakte Dad nach.

Der Arzt seufzte. »Wir wissen es nicht. Für gewöhnlich höchstens ein paar Wochen, aber es gab auch schon Patienten, die Monate oder sogar Jahre lang im Koma lagen.«

»Jahre?!«

»Es hängt vom Patienten ab.«

»Was sollen wir denn tun?«, fragte Alice verzweifelt. Ihre Schwester konnte unmöglich Jahre lang im Koma liegen und vielleicht nie wieder aufwachen.

Doktor Carroll sah sie mitfühlend an. »Zunächst sollten Sie alle nach Hause gehen und sich ausruhen. Sie waren die ganze Nacht hier. Danach braucht Scarlett viel Zeit und Geduld. Sie sollten sie oft besuchen und mit ihr sprechen. Es ist gut möglich, dass sie aufwacht, wenn sie vertraute Stimmen hört. Sie können ihr auch Musik vorspielen oder vorlesen. Das Wichtigste ist, dass Sie Ihre Tochter nicht aufgeben, sondern ihr helfen.«

Einen halben Tag war dieses Gespräch nun her. Alice lag auf ihrem Bett und starrte die Decke an. Egal, wie sehr sie gefleht, verhandelt und diskutiert hatten, Doktor Carroll war hart geblieben. Sie sollten nach Hause gehen und schlafen, neue Kräfte mobilisieren, bevor sie wiederkamen. Ihre Eltern hatten Alice ins Bett gesteckt, wo ihr vor Erschöpfung sofort die Augen zugefallen waren. Eine Weile hatte sie geschlafen, bis das Klicken der Haustür sie weckte. Mom und Dad waren ohne sie ins Krankenhaus gegangen. Vermutlich hatten sie kein Auge zugemacht.

Schlecht gelaunt stand Alice auf, ohne sich die Mühe zu machen, sich anzuziehen. Es war kurz vor sechs Uhr abends und sie würde ohnehin bald wieder ins Bett gehen.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und verstellte den Bürostuhl etwas höher. Es war einfach unmöglich, sich zu entscheiden, in welcher Höhe man sitzen wollte. Achtlos schob sie die Hefte und Bücher zur Seite, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten, und schaffte sich so ein wenig Platz.

Sie schaltete den Computer ein. Möglicherweise gab es zig Hinweise auf Scarletts Gefühlswelt und Alice hatte sie einfach ignoriert.

Während der Rechner hochfuhr, schlurfte Alice in die Küche und holte sich ein Glas Wasser. Sie musste den Hahn lange aufdrehen, bevor es kalt hervorsprudelte. In ihrem Hinterkopf schien ein kleiner Mann zu sitzen, der mit einem Presslufthammer Teile der Schädeldecke abbrach. Sie nahm einen Schluck und das Wasser schien ihr direkt ins Gehirn zu fließen. Stöhnend legte sie die rechte Hand in den Nacken und drückte vorsichtig die schmerzenden Muskeln. Vermutlich würde sie sich für die nächsten Monate nicht mehr entspannen können.

Die Gedanken quälten sie.

Scarlett hatte versucht, sich umzubringen. Ihre Scarlett hatte das Fenster geöffnet und war gesprungen. Egal, wie oft sie die Worte innerlich wiederholte, sie ergaben keinen Sinn.

Alice kramte Aspirin aus dem Apothekerschränkchen und drückte eine Tablette aus der Packung. Sie schenkte sich ein zweites Glas Wasser ein und schluckte die Medizin.

Tick, tick, tick machte es in ihrem Kopf, als würde eine Eingebung versuchen, sich an die Oberfläche zu kämpfen. Alice ignorierte es; sie war gedanklich bereits ausgelastet.

Auf der anderen Seite war ein Sturz aus dem zweiten Stock nicht tödlich, besonders, wenn man mit den Beinen voran sprang. Hatte Scarlett nicht daran gedacht oder war es ihr völlig egal gewesen? Oder war es eben doch kein Selbstmordversuch gewesen?

Das vertraute Ping verriet ihr, dass der Computer nun für sie bereit war. Seufzend schlurfte sie zurück ins Zimmer und setzte sich vor den Rechner. Aus Gewohnheit überprüfte sie zunächst ihre E-Mails, YouTube und Facebook. Bei Letzterem leuchtete ihr über dem winzigen Sprechblasen-Symbol eine rote Eins entgegen. Sie hatte eine Nachricht.

Alice musste um Fassung ringen, denn die Mitteilung war von Scarlett. Es dauerte ein paar Minuten, ehe sie begriff, dass sie vom vorletzten Abend war. Die beiden Schwestern hatten wie so oft bis spät in die Nacht miteinander gechattet und wie üblich hatte Alice sich als Erste verabschiedet, weil sie ins Bett gehen wollte. Die letzte Nachricht von Scarlett hatte sie nicht mehr gesehen und deswegen war sie bis heute als neu gespeichert gewesen.

»Schlaf gut~~~«, hatte sie geschrieben und darunter stand: Gesendet am Dienstag, um 23:45

Alice unterdrückte ein Schluchzen. Am Dienstag um 23:45 war noch alles gut gewesen und am Mittwoch hatte Scarlett sich entschieden, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Oder?

Dieser Umbruch konnte doch nicht einfach von einem Tag auf den anderen passiert sein!

Alice scrollte mit der Maus die Nachrichten hoch, auf der Suche nach Anzeichen für den schwankenden Gemütszustand ihrer Schwester. Sie fand …

… absolut nichts.

Wieso war Alice nie aufgefallen, dass ihre Schwester immer guter Laune war? Dass sie sich nie wegen dummer Kleinigkeiten beschwerte? Es war direkt anormal. Nicht ein böses Wort, nicht mal zum Spaß. Kein Mensch war dermaßen ausgeglichen, besonders nicht gegenüber der eigenen Zwillingsschwester. Beinahe unheimlich.

Alice dagegen? Oh, sie war anders. Sie fand reihenweise Nachrichten, in denen sie sich über die Schule ausließ, über Mom oder über Freunde.

»Mathe war zum Kotzen! >___<«, lautete die letzte dieser Nachrichten, mit einem Emoticon, das ihren Unmut ausdrücken sollte. Scarlett hatte ihr zugehört und ihr Mut zugesprochen, sich jedoch nicht an der Mitleidsparty beteiligt.

Es war in der Tat merkwürdig. Alice las weitere ältere Mitteilungen, dann noch viel mehr davon und schließlich hatte sie über achttausend Nachrichten überflogen, die sie und ihre Schwester ausgetauscht hatten. Scarlett war geradezu unnatürlich zufrieden mit ihrem Leben gewesen.

In diesem Moment fiel bei Alice der Groschen.

Scarlett hatte gelogen.

Ihre Schwester hatte ihr etwas vorgespielt. Alice wusste nicht, wieso sie sich dessen so sicher war, aber sie war überzeugt, dass Scarlett ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte. Scarlett hatte sich das letzte Jahr alle Mühe gegeben und Alice davon überzeugt, dass ihr Leben glücklich, zufrieden und sorgenfrei war. Und Alice hatte es ihr abgekauft, ohne ein einziges Mal zu hinterfragen.

Zornig sprang sie auf. Was für eine Idiotin sie war!

Ihre Schwester hatte ihr so vieles verschwiegen und sie, Alice, hatte nichts bemerkt! Nicht nur das … Scarlett war schließlich ihre Zwillingsschwester, sie hätte irgendwas spüren müssen. Oder zumindest hätte sie ihren Verstand benutzen können, dann wäre ihr schon aufgefallen, dass niemand vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche dermaßen glücklich war, dass ihm die Sonne aus dem Hintern schien.

Alice war wütend. In allererster Linie auf sich selbst, aber auch auf Scarlett, ebenso auf die Ärzte, die nichts tun konnten, und wie immer mischte sich der schwelende Zorn gegen ihre Eltern mit ins Bild. Sie packte eine Schneekugel, die sie von ihrer Oma zu Weihnachten bekommen und noch nie gemocht hatte, und schleuderte sie quer durchs Zimmer. Klirrend zerschellte sie an der gegenüberliegenden Wand und hinterließ einen feuchten Fleck. Der Eisbär segelte samt Iglu und Kunstschnee zu Boden. Schicksalsergeben beobachtete sie die Misere.

Es half nichts.

Irgendetwas war mit Scarlett passiert – war in ihr vorgegangen und hatte sie um ihren Lebenswillen gebracht. Und Alice würde herausfinden, was es gewesen war, das ihre Schwester in den Tod getrieben hatte.

Die Zeit verging und Alice besuchte Scarlett jeden Tag, manchmal mit ihren Eltern, meistens jedoch allein. Mom und Dad kamen getrennt und verbrachten einige Stunden an Scarletts Seite, bevor sie sich wieder der Aufgabe zuwandten, die Familie über Wasser zu halten. Alice war von der Schule befreit und obwohl man ihr gesagt hatte, sie müsse alles nachholen, verschwendete sie keinen Gedanken an Lernen und Aufgaben lösen.

Im Krankenhaus setzte sie sich an Scarletts Bett, hielt ihre Hand und erzählte von lustigen Fernsehsendungen, von Leuten, die sie auf der Straße gesehen hatte oder von der Schule. Sie hätte gern jemanden aus Scarletts Klasse eingeladen, ihre Schwester zu besuchen, aber Alice kannte keinen einzigen Namen. Scarlett hatte nie jemand bestimmten erwähnt, sondern immer nur gesagt »Eine Freundin von mir …«. Auch das war Alice erst innerhalb der letzten Tage aufgefallen. Sie hatte ihren Vater danach gefragt, der sie ratlos angesehen hatte, und Alice wollte ihn lieber nicht weiter mit Fragen bedrängen, er hatte es so schon schwer genug. Mom hatte zwar davon abgelassen, ihm die Schuld zu geben, nur fand er dadurch keinen Frieden. Einmal hatte sie ihn dabei ertappt, wie er in Scarletts Zimmer stand und nachdenklich mit der Hand den Fensterrahmen nachzeichnete. Alice konnte die vielen wenn-dann in seinem Gesicht ablesen.

Wenn ich früher nach ihr gesehen hätte, dann …

Wenn wir uns öfter unterhalten hätten, dann …

Wenn ich mir mehr Zeit genommen hätte, dann …

Dann was? Alice gab ihr Bestes, diese Fragen gar nicht erst zuzulassen, sie brachten ihr keine Antworten.

Gut zwei Wochen nach dem Unfall – wie es von allen in falscher Höflichkeit genannt wurde – schlugen die Ärzte vor, Scarletts Zimmer solle etwas wohnlicher gestaltet werden. Dinge von zu Hause würden sie an ihr Leben erinnern und vielleicht zurück in die Welt holen.

Kurz darauf stand Alice im Zimmer ihrer Schwester und entschied, was ins Krankenhaus mitkommen sollte. Selbst Scarletts Geschmack war ganz anders als ihrer. Das Zimmer war in einem zarten Rosa gehalten und sah aus, wie aus einer Illustrierten gefallen. Scarlett besaß einen weißen Schminktisch, eine hölzerne Kommode, die mit Herzemblemen verziert war, und sogar ein richtiges Himmelbett. Alice dagegen besaß nicht mal eine Schublade, die ausschließlich für Socken gedacht war. Scarlett war die Prinzessin der Familie.

Was sollte Alice mitnehmen? Vielleicht eine der Trophäen und Auszeichnungen, die Scarlett erhalten hatte? Die würden sich gut im Krankenzimmer machen und hätten nebenbei noch den Effekt, die Eltern der anderen Kinder vor den Kopf zu stoßen. Alice steckte die zweitgrößte ein, denn sie wollte es nicht übertreiben.

Sie suchte vergeblich nach Fotos ihrer Freunde, das einzige, was sie fand, war eine Aufnahme der beiden Schwestern, als sie beide zehn Jahre alt gewesen waren und sich zu Halloween als Hänsel und Gretel verkleidet hatten. In Ermangelung anderer Bilder steckte sie es ein.

Alice nestelte gerade an einer Schmuckschatulle herum, als das Telefon klingelte. Sie fuhr hoch und der Inhalt des Kästchens ergoss sich über den Teppichboden.

»Ach, Mist«, seufzte Alice und ging in die Hocke. Im Wohnzimmer hörte sie ihren Vater sprechen, aber sie verstand nicht, worum es ging.

»Warum hast du auch so viel von dem Krempel?«, murmelte sie und sammelte die zwei Dutzend Paar Ohrringe ein, die zusammen mit noch mehr Ringen und Ketten auf dem Boden gelandet waren. Ein besonders freches Schmuckstück war unter das Bett gerollt und funkelte sie auffordernd an. Stöhnend griff Alice danach und fluchte im nächsten Augenblick laut. Sie hatte sich gestoßen.

Verärgert griff sie noch einmal unters Bett und zog eine flache, schwarze Holzkiste hervor. Auf der Vorderseite prangten die Symbole der vier Spielkartenfarben als silberne Verzierungen: Pik, Herz, Kreuz und Karo.

Neugierig beäugte Alice ihr Fundstück. Diese Kiste hatte sie noch nie gesehen und sie konnte sich nicht erinnern, dass Scarlett sie in der alten Wohnung schon besessen hatte. Dennoch wirkte sie alt und beinah antik.

Alice erwartete einen Code, einen komplizierten Mechanismus oder Schwierigkeiten anderer Art und war überrascht, als sie die Kiste unverschlossen vorfand. Mit Schwung öffnete sie den Deckel. Sie hatte etwas Spektakuläres erwartet – vielleicht eine Rauchbombe oder eine weiße Taube oder zumindest einen Strauß blöder Plastikblumen – aber was wie ein Zauberkoffer daherkam, war nur eine Aufbewahrungsbox für Papier. Schmollend griff Alice nach dem ersten Blatt und stellte überrascht fest, dass es sich um eine Zeichnung handelte. Ebenso bei dem nächsten, übernächsten und allen anderen Blättern. Scarlett hatte sich als Künstlerin betätigt und ihr Hobby vor der Welt versteckt.

Dabei ist sie gut, dachte Alice verblüfft.

Sie hielt die Zeichnung eines Märchenwaldes in der Hand, durch den ein gelber Backsteinweg führte. Das nächste Bild zeigte ein Haus, das über und über mit Pelz bezogen war und zur Krönung außerdem zwei Hasenohren besaß. So ging es weiter – Gärten, Wälder, wundersame Orte und Tiere. Scarlett hatte eine blühende, wenn auch leicht verquere Fantasie.

»Gar nicht schlecht, Schwesterherz, gar nicht schlecht.«

Alice legte alles vorsichtig zurück in den Koffer und nahm ihn an sich. Bestimmt wäre Scarletts Kunst eine große Hilfe, selbst wenn sie sie weder sehen noch fühlen konnte. Die bloße Anwesenheit genügte.

Voller Optimismus und Tatendrang machte Alice sich auf ins Krankenhaus. Es galt, ihre Schwester aufzuwecken!

Jedenfalls war das der Plan gewesen und Alice fühlte sich betrogen und machtlos, als sie das Krankenzimmer erreichte und Scarlett nach wie vor einer Wachsfigur glich. Ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig, ihre Hände waren friedlich über der Decke gefaltet und ein Mona Lisa-Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Langsam ist es genug, Scarlett«, versuchte Alice ihre Schwester zu konfrontieren. »Mom und Dad machen sich große Sorgen und auch ich kann nicht ewig die Schule schwänzen, um jeden Tag hier aufzukreuzen. Es ist Zeit, aufzuwachen, hörst du?«

Selbstverständlich tat sich nichts. Scarlett schlief wie die zwei Wochen zuvor.

»Beweg dich gefälligst, du faules Stück!«, schnauzte Alice sie an.

Eine Krankenschwester flatterte aufgeschreckt herein und bedachte Alice mit einem missbilligenden Blick, beließ es jedoch bei einem abfälligen Schnalzen. Vermutlich war es nicht das erste Mal, dass Angehörige die Fassung verloren. Alice entschuldigte sich kleinlaut und die Frau ließ sie allein.

»Siehst du, wozu du mich bringst?«, beschuldigte Alice ihre Schwester, die sich nicht wehren konnte, und zog sich einen Stuhl ans Krankenbett.

»Ich bin enttäuscht von dir«, ging die Predigt weiter. Alice war sich nicht bewusst, dass sie quasi mit sich selbst sprach, denn Scarlett konnte nicht antworten. Und auch wenn jemand sie darauf hingewiesen hätte, hätte Alice es wohl kaum unterlassen. Es gehörte einfach zu ihr wie die Kraftausdrücke oder die ungesunde Vorliebe für Süßigkeiten.

»Du hast mir nicht gesagt, dass du dir die Haare färben möchtest und auch nie einen Namen deiner Freunde genannt. Und jetzt erfahre ich per Zufall, dass du malen kannst? Das hätte ich nicht von dir gedacht. Wenn man so gut in etwas ist, sollte man es mit der Welt teilen.«

»Oder wenigstens mit der eigenen Schwester«, setzte Alice brummend hinzu. Sobald Scarlett aufwachte, würde sie die gesamte Standpauke wiederholen und sie noch ein wenig ausschmücken. Sie erlaubte dem bösartigen, kleinen Wörtchen falls nicht, sich ins Bild zu schieben.

»Schau dir das hier mal an«, rief sie aufgeregt und zog eine der Zeichnungen hervor, um sie Scarlett unter die bleiche Nase zu halten. Es handelte sich um die Bleistiftskizze eines Schachbretts, an dessen Rand die Figuren saßen und sich scheinbar unterhielten.

Missbilligend schüttelte Alice den Kopf. »Keine Reaktion, wie? Na ja, du kennst es ja auch schon. Was meinst du, worüber die reden? Das hässliche Würfelspiel von der anderen Straßenseite, oder so?«

Sie ergriff die Hand ihrer Schwester und drückte sie einmal fest. Alice hatte gelesen, dass Komapatienten alles mitbekamen und sie wollte sichergehen, dass Scarlett nicht nur hörte, sondern auch spürte, dass sie bei ihr war.

»Oder das hier.« Alice hielt Scarlett das Bild eines Rosenbusches hin. Die Blätter erstrahlten in einem satten Grün, aber bei den Blumen hatte Scarlett sich anscheinend nicht recht entscheiden können. Einige waren weiß, andere Rot und von einer tropfte die Farbe zu Boden.

»Sieht aus, als hätte jemand versucht, sie anzumalen«, kommentierte Alice das Werk ihrer Schwester, »Wahrscheinlich ist es ihm egal, dass die Rosen dann eingehen.«

Alice wühlte sich weiter durch den Wust von Gemälden und gab jedes Mal ihre, wie sie glaubte, höchst wertvolle Meinung dazu ab.

Bis sie ein leeres Blatt in den Händen hielt. Sie stutzte und besah es sich von allen Seiten. Es war schlicht und ergreifend weiß, nicht mal ein Künstlerkürzel gab es in einer der Ecke. Alice vermutete, dass ihre Schwester es aufbewahrte, falls die Inspiration sie überraschenderweise heimsuchte. Doch zurzeit brauchte sie es ja eigentlich nicht. Es gäbe später noch genug Gelegenheit, weißes Papier zu sammeln oder sich ein anderes exzentrisches Hobby zuzulegen. Alice für ihren Teil hatte sich fest vorgenommen, im hohen Alter Emus zu züchten.

Sie fasste das Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger und war drauf und dran, es zusammenzuknüllen, als die Sonne sein Geheimnis verriet. Das durchs Fenster scheinende Licht ließ zarte Worte auf dem Blatt schimmern. Alice drückte Scarletts Hand noch ein wenig fester und wappnete sich für die geheime Botschaft ihrer Schwester, die sie gleich lesen würde.

Aber Pustekuchen! Scarlett hatte hunderte Male das Wort Kaninchen mit weißer Schrift auf das Papier geschrieben.

Alice stutzte. Sollte das ein Scherz sein? War möglicherweise irgendwo in dem Text eine wichtige Nachricht versteckt und Scarlett zählte darauf, dass niemand so weit kam?

»Wusste gar nicht, dass du so auf Kaninchen stehst …«

Alice hielt das Blatt ein wenig höher und begann zu lesen – laut, damit ihr auch klangliche Ungenauigkeiten auffielen.

»Kaninchen, Kaninchen, Kaninchen, Kaninchen, Kaninchen …«, et cetera. Alice hörte gar nicht mehr auf und selbst wenn sie gewollt hätte, es wäre zwecklos gewesen. Längst hatte sie ihr Hirn ausgeschaltet und wiederholte nur noch stoisch das Wort Kaninchen. Sie bemerkte nicht, dass ihre Zunge schwerer und ihr Verstand träger wurden; dass sie ihren Kopf auf den Beinen ihrer Schwester bettete und dabei weiterhin fest ihre Hand umklammerte.

Alice musste sich beruhigen. Wenn sie in Panik geriet, war alles vorbei, das hatte man ihr vor Jahren beigebracht. Ruhig bleiben. Situation erfassen. Ausweg finden.

Alice strengte sich an, einen Rhythmus für ihre Atemzüge zu finden.

Ein. Aus. Ein. Aus.

Na also, war doch gar nicht so schwer.

Nun die Situation erfassen. Sie hockte am Ende eines Lehmtunnels, dessen Decke sie erreichen konnte, wenn sie sich auf die Fußspitzen stellte und die Arme ausstreckte. Hinter ihr war nichts als eine kalte Wand, und der einzige Ausweg lag vorne.

Alice konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie hergekommen war. Niemals hätte sie sich freiwillig in einen Tunnel begeben, bei dem sie nicht wusste, wo der Ausgang war und wie sie die Oberfläche erreichen konnte. Irgendwie musste sie aber dennoch hierhergelangt sein, sie hatte nur vergessen, wann und wie. So sehr sie sich auch anstrengte, es wollte ihr nicht mehr einfallen.

Es war zum Verrücktwerden!

Ein schwaches Licht beleuchtete die Wände, aber Alice konnte nicht sehen, woher es kam. Nur eins schien offensichtlich – der einzige Ausweg lag vor ihr. Klaffend und bedrohlich wie ein Schlund setzte der Tunnel seinen Weg ins Ungewisse fort.

Wimmernd beschwor Alice ihre zitternden Knie, aufzustehen und ihren Körper Richtung Ausgang zu tragen. Am Ende musste sie Antworten finden. Oder das Ende. Sicher sein konnte sie nicht.

Sich an der Wand abstützend, kam Alice auf die Beine. Ihr Körper schrie bei jedem Schritt auf, warnte sie davor, weiterzugehen, aber was sollte sie tun? Auf ewig in der Beklommenheit des Tunnels auszuharren, kam nicht infrage, und irgendwann musste er ja ein Ende haben!