Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Alice - Follow the White - Stephanie Kempin

Alles beginnt mit Bettys Beerdigung, wegen der der Unterricht an Miss Yorks Schule ausfallen muss: Auf einmal stört Zoey die Zeremonie, schießt mehrfach auf den Sarg und verschwindet, als wäre nichts gewesen. Doch wenig später steht Betty aus ihrem Sarg auf und macht sich auf die Suche nach ihrer postmortalen Mörderin. Sie findet Zoey und macht mit ihr kurzen Prozess. Ihre besten Freundinnen Alice und Chloe finden Betty, während sie sich noch über die Leiche beugt. Eigentlich müssten sie Betty verpfeifen, doch schnell beschließen die drei Freundinnen, gemeinsam Hals über Kopf zu flüchten. Fragen über Fragen bleiben jedoch zurück, wie zum Beispiel, warum Zoey nicht mit echter Munition geschossen hat, die auch Untote zur Strecke bringen kann. Warum ist Betty noch relativ normal, zumindest für eine Untote? Was hat es mit Alice' Spiegelsicht auf sich? Und wohin will sie das verdammt mürrische, weiße Kaninchen mit der Armbrust und dem Welten-Chronografen führen? Eine rasante Achterbahnfahrt hinein in den Kaninchenbau und durch die Welt zwischen den Märchen, der realen Fiktion, jeder Menge Popkultur und der raffinierten Idee, dass es auch so hätte erzählt werden können, wenn die Erzähler vor ein paar hundert Jahren ein bisschen mehr schwarzen Humor gehabt hätten.

Meinungen über das E-Book Alice - Follow the White - Stephanie Kempin

E-Book-Leseprobe Alice - Follow the White - Stephanie Kempin

Für alle, die die alten Mauern verlassen

und ihren eigenen Weg gefunden haben.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

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ISBN 978-3-95962-051-2

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Alice – Follow the White
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Stephanie Kempin
Danksagungen

Bettys Tagebuch

Ich habe meine Schwester gegessen. So, jetzt ist es raus. Die große Beichte, die Leiche in meinem Keller. Jetzt dürfen alle schreiend weglaufen – oder sich die Zeit nehmen und noch ein wenig zuhören. Zum Beispiel, um zu erfahren, wie das in Wahrheit passiert ist. Oder warum.

Ich könnte natürlich damit anfangen, dass ich das Doofchen noch nie mochte. Das wäre aber schlecht für meine Verteidigung, nicht wahr? Tja, die Wahrheit ist oft nicht gut für denjenigen, der sie ausspricht. Das war schon immer so.

Ich könnte auch mit meiner bescheidenen Kindheit anfangen, aber dann werden wir nie fertig. Wäre für die Verteidigung aber deutlich besser.

Fangen wir doch einfach mit ein paar Fakten an:

Ich wollte die dumme Nuss nicht töten. Wirklich nicht.

Trotzdem bin ich froh, dass sie tot ist.

Genau genommen habe ich sie auch nicht komplett gegessen. Nur Teile von ihr. Ihr Gehirn. Versteht ihr, das lag so viele Jahre ungenutzt herum, so war es wenigstens einmal zu etwas gut.

Dann wäre da noch der Umstand, dass sie nicht meine echte Schwester war. Das macht es nicht besser, natürlich nicht, aber es ist dennoch ein Unterschied. Irgendwie.

Für den Fall, dass jemand dieses Tagebuch einmal finden sollte, wollte ich es jedenfalls klarstellen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, wie hartnäckig Miss York die Meinung vertritt, dass wir uns an ihrer Schule alle als Geschwister betrachten sollten, weil uns doch unsere Mitschüler die Familie ersetzen würden, die wir nicht mehr haben. Wir hätten es ja eben nicht leicht gehabt als Kinder, da sollten wir uns doch wenigstens so ein wenig Harmonie bewahren … Ich sagte ja, bescheidene Kindheit – aber nur, weil ich ausgerechnet das mit jemandem gemeinsam habe, wird noch lange keine Schwester daraus.

So, das wäre damit wohl geklärt, aber wo fange ich jetzt tatsächlich an? Sinnvoll wäre ein ganz bestimmter Tag, kurz bevor meine Schwester … gestorben ist. Leider kann ich mich an große Teile nicht erinnern, weil ich tot war. Es war der Tag meiner Beerdigung.

Alice

Unter leichtem Ruckeln senkte sich der Sarg in die Erde. Außer dem sanften Wind, der die Blätter zum Rascheln und Alice trotz ihres Mantels zum Frösteln brachte, war kaum etwas zu hören. Hin und wieder noch ein gelegentliches Schniefen, oder jemand putzte sich die Nase. Aber davon abgesehen war es auf dem Friedhof still. Das letzte Amen im Leben von Betty war gesprochen.

Der Sarg setzte auf dem Boden auf. Als Alice und Chloe nach vorne traten und die einzelnen Blumen hinunterwarfen, zitterten Alice’ Hände. Noch einmal warf sie einen letzten Blick in Richtung Friedhofseingang, doch keine Spur von Bettys Familie. Auch dann nicht, als die anderen zwei oder drei Mitschüler, die Betty ein wenig nähergestanden hatten als der Rest, ihre Blumen losgeworden waren. Zuletzt trat die Schulleiterin Miss York an das Grab, warf schnell eine einzelne Blume hinein und nickte anschließend den Männern in der dunklen Kleidung zu, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten.

Die beiden Mitarbeiter des Bestatters nickten zurück, traten vor und gerade wollten sie die erste Schaufel Erde in das Grab werfen, als ein leises »Halt!« ertönte. Aus der bescheidenen Menge der Trauernden löste sich mit zwei schnellen Schritten eine zierliche junge Frau, zog die Hand aus der Manteltasche und hob den Revolver, den sie daraus hervorgeholt hatte. Ohne auf die teils überraschten, teils erschrockenen Ausrufe hinter sich zu achten, feuerte sie in rascher Folge drei Kugeln in den Sarg. Bei dem Lärm flogen die Nebelkrähen aus den umliegenden Bäumen mit heiserem Krächzen auf.

»Darf ich mal bitte durch?« Mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen bahnte sich die junge Frau mit der Schusswaffe einen Weg durch die Beerdigungsgäste und entfernte sich von dem Grab, ohne noch ein einziges Mal hinzusehen.

Es gab niemanden auf dem Friedhof, der nicht zwischen dem Sarg und der jungen Frau hin- und herstarrte. Überrascht, verwirrt, fassungslos. Alice ging es nicht anders. Zu dem Schock über Bettys plötzlichen Tod kam jetzt noch der Schreck über diese Tat, und das hätte Alice fast erneut Tränen in die Augen getrieben, wenn sie nach den letzten durchweinten Tagen noch welche gehabt hätte.

»Für wen hält die sich?«, zischte Chloe Alice zu. »Das kleinste Trüppchen, das je für das ARO im Einsatz war?«

Alice konnte nur mit den Schultern zucken. Sie hatte nicht das Gefühl zu verstehen, was hier gerade passiert war. Ein ARO-Begräbnis für Betty? Wozu? Das ARO sorgte dafür, dass Menschen, die sich bei Untoten angesteckt hatten, nach ihrem Ableben tot blieben. Betty hatte das Internat die letzten Monate nicht verlassen, sie konnte auf gar keinen Fall mit Untoten in Berührung gekommen sein, sondern war an einer plötzlichen, schweren Grippe gestorben. Was also sollte das gerade?

»Meine Damen und Herren, wir werden jetzt alle ruhig und gesittet zum Haus zurückkehren!«, erhob sich die Stimme von Schulleiterin York nahezu mühelos über das Tuscheln und vereinzelte Schluchzen. »Das hier ist immer noch eine Ruhestätte, also halten Sie sich bitte daran. Sie wollen doch nicht die Toten wecken!« Die letzten Worte wurden von einem schmalen, zynischen Lächeln begleitet, und vor allem die Jüngeren schauten sich erschrocken um.

Insgesamt hatten die Schüler zu viel Respekt oder in einigen Fällen auch zu viel Angst vor der Schulleiterin, um ihren Anweisungen nicht sofort zu folgen. Die Angst davor, die Toten zu wecken, tat ihr Übriges. Brav setzten sie sich in Bewegung, durch das schmale Tor an der Rückseite des Friedhofs, gegenüber vom Haupteingang, wo die kleine Kirche stand, und dann den Weg hinauf, der sich auf das Haus zuschlängelte.

Kaum hatten sie den Friedhof verlassen, ertönte um Alice herum aufgebrachtes Gemurmel. Nur Chloe dachte nicht daran, sich an einer dieser Unterhaltungen zu beteiligen, sondern griff nach Alice’ Arm und begann sie so energisch hinter sich herzuziehen, als wären tatsächlich ein paar Untote aus ihren Gräbern gekommen und ihnen gefolgt.

»Was hast du denn vor?«, wollte Alice wissen.

»Ich will sehen, wohin sie geht.«

»Wieso?«

»Wieso. Also bitte. Dreimal darfst du raten.«

Stattdessen hielt Alice lieber den Mund und versuchte, mit Chloe Schritt zu halten. Sie rannten förmlich zum Schulgebäude hinauf, trotzdem fanden sie unterwegs keine Spur von Zoey.

»Sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben!«, schimpfte Chloe vor sich hin, während sie sich immer wieder umschaute. Sie betraten das Schulgelände, Chloe ließ Alice kaum Zeit, um den Pförtner in seinem Häuschen zu grüßen. Doch immer noch keine Zoey. Chloe hielt nicht auf den Haupteingang zu, sondern wandte sich nach links, wo sich an das Schulgebäude erst noch eine Rasenfläche anschloss und dann der Waldrand begann.

»Was soll sie denn im Wald machen?«, fragte Alice.

»Da gibt es den einen oder anderen Trampelpfad zum Dorf.«

»Das ist mir auch klar. Aber sie hat den Friedhof nicht in Richtung Dorf verlassen, Chloe!«

»Das habe ich auch gesehen. Aber das heißt ja nicht, dass sie nicht noch einmal irgendwo abgebogen ist«, erwiderte Chloe, während sie einen Seiteneingang schwungvoll aufstieß. Ohne auch nur einen Moment innezuhalten, hastete sie durch die im Augenblick verwaisten Flure.

»Mist!«, rief sie, als sie schließlich stehen blieb, einen resignieren Ausdruck auf dem blassen Gesicht.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie mit jemandem zusammenarbeitet?«, merkte Alice vorsichtig an. Die Sache mit dem ARO-Trüppchen konnte Chloe nicht ernst gemeint haben, oder?

»Glaubst du, sie kann so was alleine?«

Wenn sie ehrlich war, traute Alice das ihrer »Schwester« nicht unbedingt zu. Chloe wäre unter Umständen auf eigene Faust zu so etwas fähig, wenn sie der Meinung wäre, dass es absolut notwendig sei. Betty … wahrscheinlich auch. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Aber Zoey?

»Jedenfalls können wir das nicht feststellen, wenn wir sie nicht finden. Und die ganze Schule auf den Kopf stellen können wir auch nicht«, antwortete Alice verspätet.

Zwar machte Chloe den Eindruck, als würde sie diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen, dann öffnete sich aber der Haupteingang und die restlichen Schüler und Schülerinnen stürmten herein. Ganz am Ende folgte Schulleiterin York mit einigen Lehrern und machte schon alleine durch ihre Anwesenheit alle Spionageaktivitäten zunichte.

»Ich werde schon noch dahinterkommen, was das zu bedeuten hat!«, verkündete Chloe und Alice zweifelte nicht an ihren Worten. Auch an ihr nagte die Neugier.

Nach der Beerdigung senkte sich eine eigenartige Stimmung über Miss Yorks Schule. Nicht dass das alte, weitläufige Landhaus sonst ein unglaublich fröhlicher Ort gewesen wäre, doch der plötzliche Tod von Betty und die Sache mit den Schüssen auf das Grab, das war meilenweit vom üblichen Alltagsgeschehen entfernt. Die relativ wenigen Bewohner dieses speziellen Internats waren schockiert und vor allem die Jüngeren obendrein verängstigt. Kein gelegentliches Lachen, das durch die langen Flure hallte, jeder setzte seine Schritte möglichst leise und vorsichtig auf.

Für Alice passte diese Stimmung zu dem nassen und grauen Wetter draußen. Am Tag nach der Beerdigung fiel sogar der Unterricht aus, und so verbrachte Alice die Stunden damit, entweder dem Wind zuzusehen, wie er Blätter über das weitläufige Außengelände trieb, oder dem Regen, wie er die Scheiben herunterlief.

Sie musste nachdenken. Darüber, dass ihnen niemand erklärt hatte, woran Betty eigentlich gestorben war. Schön, sie hatten gesagt »schwere Grippe«, aber Alice war keine Grippe bekannt, die so verlief, wie es bei Betty der Fall gewesen war. An einem Tag war noch alles in Ordnung gewesen, keine Spur davon, dass sie auch nur geschnieft oder sich nicht gut gefühlt hätte. Am selben Abend hatte man sie auf die Krankenstation gebracht, plötzlich war eine Hektik ausgebrochen, wie es nicht normal war, wenn Schüler erkrankten – und dann war sie gestorben. Das war im Grunde alles, was Alice und Chloe wussten. Es war alles sehr merkwürdig gewesen, und außerdem, wie Chloe angemerkt hatte, war eine Grippe ansteckend und niemand in der Schule nieste auch nur. Hätte man befürchten müssen, dass eine so schwere Form der Krankheit umging, hätte man die Schüler ermahnt, sich noch öfter die Hände zu waschen und jeden auf die Krankenstation geschickt, der auch nur husten musste. Und es hätten einige Leute husten müssen, ganz sicher. Doch nichts war geschehen.

Die Umstände von Bettys Tod waren also einfach zu rätselhaft, und Alice hatte das Gefühl, wenigstens die Wahrheit herausfinden zu müssen, wenn sie schon sonst nichts mehr für Betty tun konnte. Der Verlust ihrer Freundin hatte Alice und Chloe schwer getroffen. Alle drei waren am selben brütend heißen Sommertag in Miss Yorks Schule angekommen, hatten sich bereits auf der Fahrt kennengelernt und waren von diesem Tag an unzertrennlich gewesen.

Damals waren sie kleine Mädchen gewesen. Alice und Betty waren sieben gewesen, Chloe acht. Das war mittlerweile mehr als zehn Jahre her und die Erinnerungen verschwammen allmählich. Andere Kinder erinnerten sich an einzelne Bilder ihres ersten Schultages, Alice erinnerte sich daran, dass man ihr zu Hause ein Schloss versprochen hatte, und wie enttäuscht sie gewesen war, als man sie mit einer alten, klapprigen Kutsche abgeholt und am Ende vor einem Gebäude abgesetzt hatte, das zwar riesig und alt war, aber nichts mit einem Schloss zu tun hatte. Keine blühenden Blumen, keine prächtigen Verzierungen, keine glänzenden Kronleuchter.

Oh, es gab natürlich Blumen. Ein paar notdürftig gepflegte Beete mit Allerweltsgewächsen wie Krokussen und Stiefmütterchen. Und es gab Stuck an den Decken und Schnitzereien in den Treppengeländern, aber das überstrich man einfach und ignorierte es. Und dann waren da noch ein paar alte Kronleuchter, klein und aus mittlerweile fleckigem Metall. Als Alice noch klein gewesen war, hatte man sie zum Teil noch benutzt, aber man ersetzte sie nach und nach durch diese neumodischen Lampen, die mit Strom funktionierten. Man sagte, Kronleuchter mit echten Kerzen und auch Gaslampen wären zu unzuverlässig, aber weil die ganze Sache mit dem Strom noch recht neu war, konnte man hier auch absolut nicht von zuverlässig reden.

Trotz der vielen großen Fenster waren die Flure der Schule oft düster und zugig, und auch wenn Alice ein eigenes Zimmer hatte, es war einfach kein Schloss, verflixt!

Abgesehen von dieser Enttäuschung erinnerte sie sich, dass es auf der Fahrt heiß gewesen war. Sie war als Zweite abgeholt worden, Chloe hatte bereits in der Kutsche gesessen und sie mit einem aufmunternden Lächeln begrüßt. Schüchtern und verwirrt hatte Alice das Lächeln erwidert. Verwirrt, weil sie wusste, dass jemand wie sie meistens früher oder später seine Familie verlassen musste, aber sie hätte trotzdem einfach nicht damit gerechnet. Seit der Sache mit dem Kaninchen hatte man sie noch seltsamer angesehen als zuvor, da waren geflüsterte Unterhaltungen gewesen, die in ihrer Anwesenheit verstummt waren, der halb traurige, halb sorgenvolle Blick ihrer Mutter und die Wutausbrüche ihres älteren Bruders, der offenbar nicht wollte, dass man sie wegschickte …

Man hatte ihr gesagt, sie wäre unter ihresgleichen besser aufgehoben. An einem Ort, wo man sich mit Kindern wie ihr auskannte. Und sie wüsste doch, dass es Vorschriften gäbe, dass sie nicht länger bei ihrer Familie aufwachsen könne, nachdem nun endgültig feststand, dass sie eine von denen sei. »Und sieh mal, Alice, es gibt einige solcher … Einrichtungen im Land, aber die von Miss York soll eine der besten sein, in einem richtigen Schloss! Wir tun also alles, damit es dir gut geht.« Das war so ziemlich das Letzte gewesen, was ihre Mutter jemals zu Alice gesagt hatte. Nachdem sie in die Kutsche gestiegen war, hatte sie ihre Eltern nie wiedergesehen.

Eine von denen, das war der Grund, warum man sie wegschickte. Mutare, so nannte man diejenigen, die ungewöhnliche Fähigkeiten hatten. Damals hatte Alice es nicht gewusst, aber heute vergaß sie keine Sekunde, dass es Jäger, Astrale und Seher gab und dass man Spiegelsichtige wie sie zu den Sehern zählte und dass Jäger als gefährlich galten, weil sie zum Beispiel Feuer oder Eis kontrollieren konnten und man dagegen nicht recht wusste, was man von den Astralen halten sollte, weil sie beispielsweise starben und dann doch nicht tot waren, sondern irgendwann wieder aufwachten. Man nannte es »sterben« oder auch »astral-tot«, weil man keine besseren Worte dafür hatte, Betty hatte irgendwann gesagt, die Astralen wären eben nur Chloe-tot.

Seit ungefähr einem halben Jahr musste man astral-tot nicht nur von scheintot oder richtig tot unterscheiden, sondern auch noch von untot. Die Untoten waren gefährliche Kreaturen, die gnadenlos andere Menschen jagten und töteten und … weiter dachte Alice nicht gerne, damit ihr nicht übel wurde.

Von alldem hatte sie aber nichts gewusst, als sie in Miss Yorks Internat gekommen war. Als sie mit Chloe in dieser Kutsche gesessen hatte und kurz darauf noch Betty zugestiegen war. Nach einer Weile hatte Chloe gefragt: »Habt ihr auch Namen? Oder wollt ihr die ganze Zeit hier sitzen und schweigen? Das ist nicht sehr höflich, wisst ihr?«

Und so hatten sie angefangen, sich zu unterhalten. »Was ist dir passiert?«, war natürlich die vorherrschende Frage gewesen. Als Alice an der Reihe gewesen war, hatte sie die Wahrheit gesagt: »Ich habe mit einem Kaninchen gesprochen.«

»Du hast was?«, hatte Chloe verwirrt wissen wollen.

»Da war ein Kaninchen. Es war weiß und es lief über die Wiese hinter unserem Haus und es hat mir gesagt, dass die Dinge, die ich im Spiegel sehe, echt sind!«

Sowohl Betty als auch Chloe hatten sie seltsam angesehen.

»Du siehst also Dinge im Spiegel«, hatte Chloe dann gesagt. »Das geht mehr Menschen so.«

»Aber ich sehe andere Dinge als die anderen Spiegelsichtigen«, hatte Alice beharrt, immerhin hatte sie zumindest das Wort »spiegelsichtig« zu Hause aufschnappen können. Dann war ihr klar geworden, dass es ein Fehler gewesen war, das zu sagen. Sie hatte sich damals gedacht, andere Kinder, die so waren wie sie, die etwas konnten, was andere nicht konnten, die würden auch die Bilder im Spiegel verstehen. Die sprechenden Tiere und das Schachfeld und den langen Tisch mit dem Teegeschirr und das Grinsen, das in der Luft hing, ganz alleine, ohne einen Körper.

Doch auch Betty und Chloe verstanden sie nicht und Chloe bestand heute noch darauf, dass es vollkommen und absolut unmöglich war, sich mit einem Kaninchen zu unterhalten, verflixt noch mal! Sie sagte immer, die Welt wäre schon verrückt genug, da bräuchte man nicht noch sprechende Kaninchen.

Fast war Alice dankbar gewesen, als sie erfahren hatte, dass sie in Miss Yorks Schule, die einfach kein Schloss mehr werden wollte, lernen sollte, ihre Spiegelsicht zu unterdrücken. Seit dem Tag, als sie einen Fuß durch den Eingang gesetzt hatte, war sie jedem Spiegel aus dem Weg gegangen. Bis heute, denn noch immer fürchtete sie, man würde sie selbst an diesem Ort für verrückt erklären, wenn sie von einem körperlosen Grinsen im Spiegel sprach.

Obwohl Betty und Chloe diese Sache mit dem Kaninchen seltsam gefunden hatten, waren sie die besten Freundinnen geworden. Sie hatten Zimmer nebeneinander gehabt, waren zusammen aufgewachsen, hatten sich zusammen durch die Schule gequält. Und jetzt stand der Moment, an dem sie Miss Yorks Internat wieder verlassen würden, eigentlich kurz bevor, und Alice wollte einfach nicht in den Kopf, wie sie ohne Betty zum letzten Mal durch die Schultür gehen sollte, nachdem sie schließlich neben Betty zum ersten Mal hereingekommen war.

Als es klopfte, glaubte sie schon fast, Betty müsste hereinkommen, doch es war nur Chloe. Natürlich war es nur Chloe …

»Na, Alice, wie viele Regentropfen? Hast du mitgezählt?« Mit einem Lächeln ließ sich Chloe auf Alice’ Bett fallen.

»Fällt dir etwas Besseres ein, was man an so einem Tag machen kann?«

»Aber natürlich. Ich habe versucht, einen Plan zu schmieden. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du nicht wissen möchtest, was mit Klein-Zoey los ist, deswegen habe ich beschlossen, dich einzuweihen. Na, was sagst du?«

»Natürlich will ich wissen, was Zoey sich dabei gedacht hat«, erwiderte Alice.

»Gedacht? Seit wann denkt Zoey irgendetwas? Man könnte meinen, die Untoten hätten sie schon erwischt …«

»Chloe, bitte! So etwas sagt man doch nicht.«

Unbeeindruckt zuckte Chloe mit den Schultern. Wenn es um Zoey ging, schien sogar Chloe ihre gute Erziehung zu vergessen.

»Denken wir doch mal zusammen nach, Alice.« Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Zusammen nachdenken, wenn sie das sonst gesagt hatte, war Betty dabei gewesen. Chloe räusperte sich und fuhr fort: »Miss York hätte Zoey schon längst die Hölle heißmachen müssen. Du weißt, wie streng die Schulregeln sind. Und man darf niemanden erschießen, selbst wenn derjenige schon tot ist. Schon gar nicht vor der versammelten Schule, noch viel weniger, wenn Kinder dabei sind! Was wäre denn gewesen, wenn Leute aus dem Dorf gekommen wären? Selbst das ARO braucht eine Genehmigung für diese Einsätze. Und dann kommt Zoey daher und durchlöchert Bettys Sarg? Und niemand verliert auch nur ein Wort darüber? Alice, da stimmt doch was nicht!«

»Du hast recht, da stimmen mehrere Dinge nicht. Aber was machen wir jetzt?«

»Ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du vor Neugier fast nicht mehr stillsitzen kannst, deswegen werden wir genau das nicht tun, hier sitzen und abwarten. Unsere einzige Spur ist Zoey, also werden wir Zoey folgen.«

Das aufgeregte Funkeln, das in Chloes Augen trat, war nicht zu übersehen. Einerseits wollte Alice darauf hinweisen, dass das viel zu gefährlich werden konnte, denn wer wusste schon, in wessen Auftrag Zoey handelte, und wenn derjenige sie nun erwischte …

»Oder …« Der vielsagende Blick, den Chloe dem Spiegel zuwarf, überzeugte Alice.

»Nein. Keine Spiegel. Du magst sie schließlich auch nicht.«

»Aber ich bin bereit, sie zu benutzen, wenn es die Situation erfordert.«

»Du meinst, wenn es deine Frisur erfordert.«

»Sagte ich doch: Wenn es die Situation erfordert. Haare ordentlich frisieren ist so eine Situation. Also, bist du dabei?«

»Wohin willst du Zoey folgen? Und wann? Es wird uns wohl kaum etwas nützen, sie hier in der Schule zu beschatten.«

Ungeduldig winkte Chloe ab. »Alice, was hast du denn den ganzen Tag hier drinnen gemacht?« Sie trat neben Alice ans Fenster und warf einen prüfenden Blick nach draußen. Ein paar Nebelkrähen hüpften über den nassen Rasen, doch ansonsten war das Außengelände verlassen.

»Offenbar gibt es dort nichts zu sehen.« Chloes Stimme wurde sanfter und sie legte eine Hand auf die Schulter ihrer Freundin. »Wenn wir sie zurückbringen könnten, indem wir den ganzen Tag die Krähen zählen oder die Regentropfen, ich würde es tun. Aber Betty ist tot, töter als tot, wenn man es genau nimmt, und ich werde nicht zulassen, dass dieses kleine Dummchen unsere beste Freundin erschießt und niemand sich darüber aufregt. Mit wem Zoey auch immer unter einer Decke steckt, sie muss das heimlich machen. Und heimlich bedeutet, nachts. Also müssen wir warten, bis sie sich nachts hinausschleicht und ihr dann folgen. Zu wem auch immer.«

Alice schüttelte den Kopf. »Wir können im Dunklen nicht da raus, da sind Untote!«

»Wann gab es denn hier die letzten Untoten? Vor einem Monat? Zwei? Und dann waren die auch nur im Dorf und nicht hier oben auf unserem Hügel. Ich glaube, das ARO ist der Situation ganz gut Herr geworden. Und denk daran, wir folgen Zoey. Wenn da draußen Untote sind, dann erwischen sie Zoey zuerst.«

Auch wenn Alice bei dieser Vorstellung ein kalter Schauer überlief, konnte sie nicht bestreiten, dass Chloe damit wohl recht hatte.

»Also, was sagst du? Willst du jetzt wissen, was Zoey zu dieser Leichenschändung getrieben hat, oder nicht?«

Langsam nickte Alice. Dass sie es wissen wollte, stand tatsächlich außer Frage.

Bettys Tagebuch

Lange habe ich darüber nachgedacht, was das Erste war, was ich empfunden habe, als ich aufgewacht bin. Die Dunkelheit, die Kälte? Es hat gedauert, mich zu erinnern, aber schließlich ist es mir klar geworden: Die Stille, diese vollkommene Stille hat mich schnell hellwach werden lassen, doch das war mir in dem Moment nicht klar. Als ich halbwegs zu mir gekommen war, hämmerte ich mit beiden Händen gegen den Sargdeckel.

Es war zu viel, um alles auf einmal zu verarbeiten – diese absolute Dunkelheit, die Kälte, die Stille, die Enge des Sarges.

Es wird niemanden wundern, dass ich zuerst in Panik geriet und dann langsam begann, klar zu denken. Oder es zumindest zu versuchen. Ich verstand nicht, was passiert war, und verstand es doch. Dass ich in einem Sarg lag, das verstand ich. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, gestorben zu sein, deswegen konnte ich mir nicht erklären, wieso ich in diesem Sarg lag. Also: Ich ging einfach davon aus, dass ich noch lebte, ja? Das ist wichtig für alles, was danach passiert ist.

Weil ich davon ausging, noch zu leben, verhielt ich mich auch nicht wie eine brave Leiche, blieb stumm liegen und verrottete vor mich hin, nein. Obwohl mir schon klar war, dass die Menschen dank dieser Untoten noch mehr Wert als früher darauf legten, dass sich Leichen still verhielten, doch ich sah mich eben nicht als Leiche.

Stattdessen schrie ich und hämmerte gegen den Deckel. Dass ich völlig außer mir war, kann man auch daran erkennen, dass ich mich zunächst gar nicht auf meine Fähigkeiten besann. Wie viel Luft ich schon verschwendet hatte, bis ich mich daran erinnerte, dass es einen Ausweg für mich gab, kann ich nicht sagen. Besser gesagt, konnte ich damals nicht. Heute weiß ich, dass ich schon nicht mehr geatmet habe, aber als ich in meinem Sarg unter der Erde erwacht bin, da wusste ich eben nicht mal, dass ich tot war. Ich denke, das erklärt einiges, sogar den Großteil dessen, was ab diesem Moment passiert ist. Mit mir, mit Alice, mit Chloe, aber vor allem erklärt es, wieso es zu diesem bedauerlichen Unfall kam, an dessen Ende ich das Gehirn der armen Zoey verspeist habe.

Ich wollte aus diesem Sarg heraus, also habe ich ihn förmlich gesprengt. Und die Erde darüber gleich mit. Eis ist eine wunderbare Sache, wenn man es beherrscht. So ein Holzdeckel und die Erde darüber sind kein Widerstand für Eiszapfen, die von einer panischen, wütenden Untoten hervorgerufen werden.

So kam ich also aus diesem Sarg, in einem Regen aus Holzsplittern und Erdkrumen auf einem dunklen Friedhof und mit niemandem, der diese spektakuläre Auferstehung hätte würdigen können. Darum ging es in diesem Moment aber auch gar nicht. Diese Sache mit der publikumswirksamen Auferstehung ging mir wohl nur durch den Kopf, weil Chloe das so gerne macht, also vergessen wir das wieder.

Es ging nämlich darum, dass ich das tat, was mir am sinnvollsten erschien: Ich ging nach Hause. So untot, wie ich war, und so lebendig, wie ich mich noch fühlte. Den Hügel hinauf zum Haus.

Ich hatte nichts zu verbergen, zumindest dachte ich das. Es gab schlicht und ergreifend keinen Grund, nicht durch die Vordertür zu gehen, also tat ich genau das und freute mich darüber, dass noch nicht für die Nacht abgeschlossen worden war.

Um diese Zeit waren die Flure wie ausgestorben. Sogar Hausmeister und Küchenpersonal traf man nicht mehr an. Ohne darüber nachzudenken, machte ich mich auf den Weg zum Waschraum, um all die Erde loszuwerden. Sogar das verlief noch problemlos, aber danach wollte ich, wahrscheinlich weil die Luft unter der Erde doch recht modrig gewesen war, noch einmal frische Luft schnappen. Mittlerweile war die Vordertür abgeschlossen, also benutzte ich einen Gang, der bei den Küchen nach draußen führen würde. Und da traf ich sie.

Zoey kam mit schnellen Schritten auf mich zu, den Blick auf etwas in ihrer Hand gerichtet. Dann schaute sie auf, sah mich und blieb wie angewurzelt stehen. Ich sagte bereits, dass ich sie noch nie mochte. So war mir in diesem Moment erst recht nicht nach ihrer Gesellschaft zumute. Damals ging ich von zwei Möglichkeiten aus: Entweder sie würde mich in diesem viel zu freundlichen Tonfall danach fragen, ob es mir denn wirklich gut gehen würde, der eigentlich sagte »Es kann dir auf gar keinen Fall gut gehen« und der das Messer hinter ihrem Rücken erahnen ließ, oder sie würde losrennen und die ganze Schule alarmieren. Und dann eröffnete sich noch eine dritte Möglichkeit. Das Licht der Gaslampen war trüb, aber war das Schuldbewusstsein, was sich in ihrem Gesicht abzeichnete? Wieso sollte sie aber schuldbewusst reagieren, es sei denn, sie hatte mich vielleicht sogar irgendwie in diesen Sarg gebracht. Vielleicht nicht einmal mit Absicht und ganz sicher nicht mit ihren eigenen Händen, aber es gibt diese Sorte Mensch, die dazu fähig ist, durch reine Dummheit alle möglichen Katastrophen anzurichten. Zoey war so ein Mensch. Vorher nachdenken war nicht ihre Stärke und mir ist unbegreiflich, wie man das noch irgendwie niedlich finden kann – aber wichtig ist jetzt die Katastrophe, die Zoey an diesem Abend angerichtet hat und die ihre letzte war.

Ich kannte ja Chloe, die ihr Mundwerk manchmal trotz aller Erziehung nicht im Zaum kalten konnte, und ich selbst war auch schon blöd genug gewesen, um mich bei Regelverstößen erwischen zu lassen. Aber Zoey hatte ein Talent dazu, und das war das einzige Talent, das ich je bei ihr bemerkt hatte, mit einem Satz die Dinge den Bach heruntergehen zu lassen. So auch an diesem späten Abend. Es gab eine Million Dinge, die sie hätte sagen können, als sie mich in diesem Flur sah, vielleicht sogar noch mehr – aber was sie letzten Endes sagte, war denkbar undiplomatisch. Und dämlich. Beides nichts Neues, aber in diesem Fall mit tödlichem Ausgang. Sie starrte mich also an, die Augen vor Schreck geweitet, und sagte: »Aber – ich habe dich doch erschossen!«

In diesem Moment verstand ich gar nicht so richtig, was sie mir sagen wollte. Mir ging nicht durch den Kopf, dass ich jetzt, Miss Yorks Wünsche hin oder her, endgültig aufhören würde, auch nur so zu tun, als könnte sie möglicherweise meine Schwester sein. Nein, ich war einfach nur völlig durcheinander.

Sie holte tief Luft und ich reagierte instinktiv. Ich wollte sie nur davon abhalten, das ganze Internat zu wecken. Um ihr die Hand vor den Mund zu halten, war sie zu weit weg, also nutzte ich das Eis und brach damit eine wichtige Schulregel, doch das war völlig egal im Vergleich dazu, wie das Ganze dann absolut schiefging: Statt eine Eisschicht über ihrem Mund zu bilden, schoss ein Eiszapfen in ihren Mund, durch ihren Kopf, durch die Schädeldecke. Ähnlich einer Pistolenkugel sprengte das Eis den Knochen. Blut und Hirnmasse spritzten davon, und ohne einen Laut sackte Zoey zusammen.

Alles, was ich denken konnte, war nicht, dass ich sie umgebracht hatte, dass mir das Eis völlig außer Kontrolle geraten war, sondern, dass ich plötzlich furchtbaren Hunger hatte. Und dass es schade um Zoeys Gehirn wäre. Nachdem es so viele Jahre ungenutzt in ihrem Köpfchen sein Dasein gefristet hatte …

Später war ich erstaunt darüber, dass sich in ihrem Kopf überhaupt ein Gehirn befunden hatte, aber etwas besitzen und etwas benutzen … wie auch immer. Jetzt lag dieser Teil ihres Körpers jedenfalls eisgekühlt vor mir. Wie hypnotisiert ließ ich mich neben ihr auf die Knie fallen und verspeiste die Mischung aus Gehirn und schmelzenden Eis-Stückchen.

Erst als ich Schritte hinter mir hörte, schaute ich auf. Und dann standen sie auch schon neben mir. Alice und Chloe. Während Alice im schwachen Licht der armseligen, übrig gebliebenen Gaslampen so aussah, als würde sie ihren Mageninhalt gleich Zoeys Schädelinhalt hinzufügen, fragte Chloe hörbar erstaunt: »Betty?« Dann erst verzog sie missbilligend das Gesicht. »Meine Güte, Mädchen, wisch dir den Mund ab!«

Alice

Den Anblick von Betty, die mit bloßen Händen Zoeys Gehirn in sich hineinschaufelte, würde Alice nie wieder vergessen. Abgesehen von dem Würgen in ihrer Kehle wurden ihr zwei Dinge klar: Betty war eine Untote. Und sie steckten in riesigen Schwierigkeiten.

Diese Sache mit den Untoten hatte schleichend begonnen. Plötzlich stiegen Menschen wieder aus ihren Gräbern. Einige von ihnen schienen kaum verändert, andere töteten ihre eigene Familie. Und wer einen Angriff überlebte, endete wie sie. Um der Bedrohung Herr zu werden, hatte die Behörde, die vorher für die Mutaren zuständig gewesen war, das Amt zur Registrierung und Observierung von Mutaren, kurz ARO, auch die Zuständigkeit für die Untoten übernommen. Darunter verstanden sie schlicht und ergreifend, alle Untoten zu vernichten. Untote waren per Definition gefährlich, also sorgte man am besten dafür, dass Tote gar nicht erst wieder aus ihren Särgen kamen. Wie Zoey das bei Betty versucht, aber offenbar nicht geschafft hatte, so viel hatten Alice und Chloe mittlerweile in Erfahrung bringen können. Das erklärte also, wieso Zoey auf Betty geschossen hatte, warf aber viele neue Fragen auf: Das ARO schickte normalerweise einen offiziellen Vertreter, wenn bei einer Beerdigung ein hinreichender Verdacht bestand, einen Vertreter mit offizieller Genehmigung des Innenministeriums. Ohne Genehmigung kein ARO-Begräbnis, ohne Verdacht keine Genehmigung.

Weil das ARO jedes Auftauchen von Untoten genau verfolgte, musste entsprechend jeder Untote gemeldet werden. Also hätten Alice und Chloe diese Untote melden müssen. Erst recht, nachdem sie Zoey getötet hatte.

»Es war ein Unfall«, murmelte Betty in diesem Moment und sah ein wenig so aus, als würde sie aus einem Traum erwachen.

»Kann ja mal vorkommen. Ich war nach meinem ersten Tod auch etwas durcheinander«, erwiderte Chloe fast schon fröhlich. »Außerdem hat sie dich schließlich erschossen.«

Langsam richtete Betty sich auf. »Das hat sie auch gesagt, glaube ich …«

»Na, da haben wir es ja. Man sollte einer frisch Auferstandenen nicht unbedingt auf die Nase binden, dass man ihr mehrere Kugeln in den Körper gejagt hat, oder? Selbst schuld, jeder weiß doch, dass man in den ersten paar Stunden nicht ganz zurechnungsfähig ist. Dass einem da mal die Eiszapfen ausrutschen …«

Ganz allmählich war Alice in der Lage, die Hand wieder von ihrem Mund zu nehmen. Nein, sie würden Betty auf keinen Fall dem ARO ausliefern. Sie mochte nicht ihre echte Schwester sein, aber sie war ihre Freundin. Und wenn Alice ehrlich zu sich selbst war, dann hatte sie Zoey ohnehin nicht leiden können. Erst recht nicht, nach den Kugeln in Bettys Sarg und noch einmal weniger, als sie ihr an diesem Abend nach draußen gefolgt waren und festgestellt hatten, dass sie tatsächlich für das ARO arbeitete. Irgendwie. Was ihre Schwierigkeiten aber gerade enorm vergrößerte.

»So, hätten wir das jetzt geklärt?« Chloe streckte eine Hand aus, wie um Betty die Wange zu tätscheln, dann verzog sie leicht angeekelt das Gesicht und legte die Hand stattdessen lieber auf Bettys Arm. Da sowohl Alice als auch Betty nickten, auch wenn Alice nicht genau sagen konnte, wobei sie da eigentlich gerade zustimmte, wurde Chloes Gesichtsausdruck ernst. »Dann sollten wir jetzt ganz schnell machen, dass wir wegkommen. Ich weiß nicht, gegen welche Schulregel es verstößt, seine Schwester zu essen, aber eine Untote nicht zu melden, verstößt ganz sicher gegen mehr als eine. Außerdem arbeitete die kleine Zoey für das ARO. Glückwunsch, Betty, jetzt wird die Sache persönlich.«

»Was?«, fragte Betty leise, wirkte aber lange nicht mehr so geistesabwesend.

»Wir erklären es dir unterwegs. Du gehst jetzt diese Hirnmasse abwaschen, sonst findet dich jeder Spürhund, Alice und ich durchsuchen Zoeys Zimmer …«

Alice trat einen Schritt zurück. »Aber wenn wir erwischt …«

»Alice und ich durchsuchen Zoeys Zimmer, wir packen unsere wichtigsten Habseligkeiten ein und danach verschwinden wir auf dem schnellsten Weg. Sollen wir irgendetwas für dich mitnehmen? In dein Zimmer kannst du jedenfalls nicht zurück.«

»Der Beutel liegt unter meinem Bett. Du kannst ihn nicht verfehlen.«

Chloe nickte. »Also, sehen wir zu, dass wir eine ordentliche Flucht hinlegen, meine Damen.«

»Verstanden«, erwiderte Betty und nahm den kürzesten Weg zu fließendem Wasser, in die Küche.

Am liebsten hätte Alice wortreich Widerstand geleistet, aber die Gefahr, dass jemand sie dann doch hören würde, war zu groß. Also tat sie, was Chloe gesagt hatte, mit bis zum Hals klopfendem Herzen und einer Panik nahe. Vertuschung eines Mordes, Verschweigen der Sichtung einer Untoten, sich mit dem ARO anlegen, fremdes Eigentum durchwühlen und aus der Schule flüchten – mit der Liste brauchte sie sich wirklich nirgends mehr blicken zu lassen. Andererseits – es gab eine Welt da draußen und sie hätte sie gerne einmal gesehen, hatte sie das nicht erst vor kurzem zu Chloe gesagt? Sie straffte die Schultern. Chloe war damit beschäftigt, in Zoeys Kleiderschrank zu wühlen. Alice kniete sich auf den Boden. Wenn Betty Dinge unter ihrem Bett versteckte, dann vielleicht auch Zoey?

Tatsächlich fand sie dort ein kleines Kästchen. Sie zog es heraus und öffnete es. Darin lagen ein paar Briefe und darunter ein Gegenstand, eine weiße Kugel, in deren Innerem sieben kleinere Kugeln umeinander kreisten. Alice hatte gar nicht bemerkt, dass sie einen erstaunten Ruf ausgestoßen hatte, bis Chloe neben ihr war.

»Was ist das denn Hübsches?«, wollte Chloe wissen und streckte eine Hand nach der Kugel aus, dann überlegte sie es sich aber anders und schaute sich die Briefe an. »Heiliger Bimbam.«

»Was denn nun noch?« Nur mit Mühe riss Alice den Blick von der Kugel los.

»Hatte ich nicht gesagt, die Sache wird persönlich? Wir hatten ja keine Ahnung, wie persönlich.«

»Wieso?«

»Weil das hier Liebesbriefe sind. Auf dem Briefpapier des ARO. Unterzeichnet von einem gewissen Xavier. Sie hat nicht einfach nur für diesen Laden Leute erschossen, sie hatte da noch ganz andere … Angelegenheiten. Und ich habe mich schon gefragt, wie jemand verrückt genug sein kann, Klein-Zoey eine Waffe in die Hand zu geben. Und die Munition dazu.« Bei ihren letzten Worten warf Chloe einen vielsagenden Blick auf ein kleines Päckchen in ihrer Hand.

»Sie hat wirklich Munition im Kleiderschrank versteckt?«, wollte Alice wissen, während Chloe schon wieder auf die Füße kam und mit einem gezielten Tritt das nunmehr leere Kästchen unter das Bett zurückbeförderte.

»Sonst hast du jetzt keine Sorgen, oder wie? Raus hier, wir haben alles. Holen wir unser Zeug und dann endgültig raus hier.«

Alice biss sich auf die Lippen, um Chloe nicht daran zu erinnern, dass man auf eine Flucht keinen Kleiderkoffer mitnehmen konnte. Noch war Alice nicht sicher, ob Chloe nicht auch Zoeys Waffe gefunden und eingesteckt hatte, also hielt sie lieber den Mund.

In ihrem eigenen Kleiderschrank gab es keinen Revolver, aber einen Stoffbeutel, wie Betty ihn anscheinend unter ihrem Bett versteckt hatte. Sie alle hatten sich an ihren kindischen Pakt gehalten, der Gedanke brachte Alice zum Lächeln. Sie konnte Betty noch vor sich sehen, vielleicht war sie damals 13 gewesen, wie sie vor lauter Wut darüber, dass sie nie wieder aus diesem Internat herauskommen sollte, das halbe Zimmer eingeschneit hatte. Chloe war schließlich auf die Idee mit dem Pakt gekommen. Jede von ihnen würde die wichtigsten Kleinigkeiten in einen Beutel packen, und eines Tages bräuchten sie nur diesen Beutel mitzunehmen, könnten einfach durch die Tür gehen und würden nie wieder in diese alten Mauern zurückkehren.

Die Kugel, die sie aus Zoeys Zimmer mitgenommen hatte, einfach so in den Beutel zu packen, erschien Alice falsch. Sie sah sich nach etwas zum Einwickeln um und streifte mit ihrem Blick den verhängten Spiegel. Jedes der Mädchen hatte einen Spiegel im Zimmer und Alice hatte immer gehofft, das Tuch, das ihn verhängte, eines Tages abnehmen zu können und nichts mehr darin zu sehen, außer ihrem eigenen Gesicht. Keine verrückten Bilder mehr. Das war jetzt aber auch egal, denn sie würde diesen Spiegel genauso wenig wiedersehen wie den Rest des Raumes.

Mit einem Ruck zog sie das Tuch herunter, wickelte die Kugel ein und packte sie in ihren Beutel.

»Kommst du jetzt endlich?«, zischte Chloe von der Tür her und Alice zuckte zusammen. Sie folgte ihrer Freundin zu Bettys Zimmer. »Du stehst Schmiere, ich hole den Beutel.«

»Warum ich?«

»Weil du unschuldiger aussiehst.« Dann war Chloe auch schon im Raum verschwunden. Die wenigen Sekunden, die sie dort drinnen verbrachte, erschienen Alice wie eine Ewigkeit, doch wenigstens war sie nicht mehr einer Panik nahe. Als leises Trippeln in ihrer Nähe ertönte, hielt sie jedoch den Atem an. Es war eindeutig zu leise für menschliche Schritte, aber wer könnte …

Erstaunt und fassungslos riss sie die Augen auf, als etwas um die Ecke des Flures kam. Jemand. Etwas. Alice schüttelte den Kopf und blinzelte. Und es war wieder verschwunden. Hatte sie seine Anwesenheit nur geträumt? Weil sie das Tuch vom Spiegel gezogen hatte?

Chloe schoss aus Bettys Zimmer, schloss leise die Tür hinter sich. »Fast geschafft«, flüsterte sie Alice mit einem Grinsen zu. »Was ist denn los?«

»Ich glaube … da war ein Kaninchen.«

»Kaninchen? Hör mal, Kaninchen sind nicht gut für dich, das weißt du. Vergiss das ganz schnell wieder.«

Vielleicht war das am besten. Sie hasteten durch die Flure, Alice konnte es sich nicht verkneifen, sich an jeder Ecke umzusehen, doch da war kein Kaninchen mehr.

Sie erreichten unbehelligt die Küche, wo Betty gerade dabei war, ein paar Küchenmesser in ein Geschirrtuch einzuschlagen. Als sie die beiden hörte, fuhr sie zu ihnen herum und Alice duckte sich gerade rechtzeitig, um einem faustgroßen Hagelkorn zu entgehen.

»Tschuldigung«, murmelte Betty und kam mit schnellen Schritten auf sie zu.

Alice winkte ab, sie hatte aus den Augenwinkeln etwas gesehen … und da war wieder dieses Trippeln …

Während Chloe Betty half, die geklauten Messer in zwei der Beutel zu packen und sie dabei darüber aufklärte, wie eng Zoeys Verbindung zum ARO gewesen war, trat Alice einen weiteren Schritt in den Flur. Sie hörte Betty sagen, dass sie einiges aus der Speisekammer geplündert habe, und dann Chloe, die sie aufforderte: »Alice, gib mir deinen Beutel, damit wir den Proviant gleichmäßig aufteilen können. Und pass auf, dass niemand kommt.« Alice reichte Chloe den Stoffbeutel, hörte aber nur mit halbem Ohr zu. Sie war sich fast sicher … Wie von selbst folgten ihre Schritte dem Geräusch, das jetzt wieder näher kam. Und dann schoss plötzlich etwas wie ein weißer Schemen an Alice vorbei, brachte sie vor Schreck fast aus dem Gleichgewicht. Das Kaninchen rannte an der offenen Küchentür vorbei, geradewegs auf den Ausgang zu, und Alice’ Ohren verrieten ihr im nächsten Moment auch, warum. Stimmen. Schritte. Oh, verdammt.

»Da kommt jemand!«, zischte sie in die Küche. Chloe und Betty zogen gerade die Schnüre der Beutel zu. »Hast du die Leiche durchsucht?«, wollte Betty wissen.

»Bist du verrückt?«, erwiderte Alice erschrocken. Die Schritte waren noch ein Stück entfernt, doch sie kamen näher.

»Dann mach ich das jetzt eben«, meinte Betty, doch Chloe hielt sie zurück.

»Vergiss es, du fängst noch an, die letzten Gehirnkrümel zu essen, statt sie zu durchsuchen. Wir können keine Ablenkung brauchen, also lasst mich mal.«

Mit fliegenden Fingern durchsuchte sie Zoeys wenige Taschen, während Alice nervös zwischen der toten Zoey und dem noch leeren Flur hin- und herschaute.

»Mach schon!«, flüsterte sie nervös. Gleich würden sie um die Ecke biegen …

Chloe sprang auf, einen glänzenden Gegenstand in der Hand. Also hatte Zoey ihre Waffe wohl doch bei sich gehabt.

»Los jetzt«, kommandierte Chloe, doch das war überflüssig.

»Was ist mit Zoey?«, wollte Betty wissen.

Chloe winkte ab. »Keine Zeit, tritt sich fest.«

Mit schnellen Schritten liefen sie den Flur herunter, doch da ertönte hinter ihnen plötzlich der Ruf: »Stehen bleiben!«

Sie rannten los, schlitterten um die Ecke, überwanden die letzten Schritte bis zu der Seitentür. Betty riss die Tür auf und knallte sie mit Wucht gegen die Wand.

»Was machst du denn?«, schimpfte Chloe.

»Tut mir leid.«

Alice zog die Tür hinter ihnen wieder zu. Betty blieb stehen und verschloss sie mit einer dicken Eisschicht. »Das sollte sie aufhalten«, stellte sie fest.

»Schön. Weiter«, sagte Chloe und sie liefen quer über die Rasenfläche um das Schulgelände auf das niedrige Mäuerchen zu, das es begrenzte.

Dann hörten sie weitere Stimmen und dazwischen bellte ein Hund.

»Mist, wissen die, dass wir gerade flüchten?«, fragte Betty.

»Ich weiß es nicht, aber wenn sie die Hunde loslassen …« Chloe ließ den Satz unvollendet. Halb stolperten sie über das feuchte Gras, halb liefen sie.

Weiteres Gebell, jetzt schon deutlich näher. Alice wagte einen Blick in die Richtung. Noch war nichts zu sehen … »Wo ist dieses Kaninchen, wenn man es mal braucht«, murmelte sie.

»Noch ein Wort von diesem verdammten Kaninchen, und ich …«, setzte Chloe an, wurde jedoch von Betty unterbrochen. »Meinst du dieses Kaninchen?«

Alle drei blieben wie angewurzelt stehen.

Dort, halb hinter einem Busch verborgen, wenige Schritte hinter dem Mäuerchen, stand tatsächlich ein Kaninchen. Auf zwei Beinen. Und winkte ihnen mit einer Pfote zu.

»Ich werd verrückt«, murmelte Chloe.

»Siehst du, es gibt das Kaninchen!«, konnte sich Alice nicht verkneifen zu sagen und merkte selbst, dass sie dabei wie ein trotziges Kind klang.

»Na los, keine Wurzeln schlagen.« Betty scheuchte sie weiter, dieses Mal direkt auf das Kaninchen zu.

»Na endlich«, sagte dieses, als sie um den Busch gebogen waren.

»Bitte?«, erwiderte Chloe entrüstet, doch es blieb ihnen keine Zeit für Diskussionen. Ihre Verfolger waren mittlerweile schon zu nahe.

Alice wagte einen Blick um den Busch herum und sah die ersten Umrisse, die sich zwischen den Bäumen hindurchbewegten.

»Wir müssen gehen«, erklärte das Kaninchen und deutete auf ein Loch im Boden.

»Da rein? Bist du verrückt?«, rief Betty.

»Das ist der einzige Weg«, erwiderte Chloe, »auch wenn es uns nicht gefällt«, während das Kaninchen Alice einen Blick zuwarf, als wollte es sagen: »Wie kann sie das überhaupt fragen?«

Kurz entschlossen ließ Alice sich erst auf die Knie sinken und krabbelte dann in das Loch.

Chloe schaute Betty unnachgiebig an. »Jetzt du.«

»Ich war heute schon mal …«

»Jetzt du«, wiederholte Chloe nur, auch wenn Mitleid in ihrem Blick aufblitzte.

»Wir haben keine Zeit mehr!«, schimpfte das Kaninchen und Betty wandte sich mit einem letzten »Ich muss verrückt sein!« dem Kaninchenloch zu.

»Wir alle«, stimmte Chloe ihr zu, dann folgte sie ihrer Freundin.

Was genau sie unter der Erde erwartet hätte, konnte Alice nicht sagen. Sie war eher kopflos in den Kaninchenbau geklettert, hatte hauptsächlich an die Flucht vor den Leuten des ARO gedacht. Nach den ersten paar Metern hatte sie damit gerechnet, dass es tiefer unter die Erde gehen würde, schließlich lebten Kaninchen unter der Erde, nicht wahr? Doch der Gang verlief nicht nur nach unten, sondern wurde schließlich sogar breiter, weitete sich nach einer Linksbiegung zu einer Höhle aus, die wiederum immer höher wurde, bis Alice schließlich sogar stehen konnte. Hinter ihr richteten sich Betty und Chloe aus der gebückten Haltung auf.

Alice kam aus dem Staunen kaum heraus. Die Decke der Höhle war mit etwas bedeckt, das ein angenehmes Leuchten abgab, wahrscheinlich eine Art selbstleuchtende Pflanze. In einer Nische lag ein Haufen Heu, als hätte sich dort jemand ein provisorisches Bett eingerichtet. Und zu Alice’ weiterer Überraschung lehnte an einer Wand ein großes Stück Pappe, höher als Alice selbst, mit einer Trittleiter davor. Es war über und über mit Papierstücken bedeckt, Zeitungsartikeln und ähnlichen Dingen, die mit kleinen Nägeln festgemacht waren.

Ohne auf sie zu achten, huschte das Kaninchen an Alice vorbei, machte sich an der Pappwand zu schaffen und plötzlich ertönte ein leises Surren. Obwohl das Kaninchen nichts tat, rollte sich die Pappwand mit allen Notizen darauf zusammen. Danach wandte sich das Kaninchen der Trittleiter zu und zog an einer Schnur. Hier konnte Alice einen Blick darauf erhaschen, wie sich Zahnräder an den Seiten in Bewegung setzten und die Trittleiter zum Schrumpfen brachten.

»Wir müssen weiter. Hier unten werden sie uns nicht finden, aber trotzdem müssen wir unbedingt gehen. Wir müssen zur Königin der Spiegel und diese schreckliche Geschichte aufklären. Ich hoffe doch sehr, dass ihr den Schlüssel habt?«

Bei diesen Worten drehte sich das Kaninchen zu ihnen um und schaute sie eine nach der anderen durchdringend an.

»Schlüssel?«, wollte Chloe wissen.

Ungeduldig tappte das Kaninchen mit einer Hinterpfote auf den Boden. »Schlüs-sel«, wiederholte es mit verschränkten Armen und betonte jede Silbe einzeln. »Mein Auftrag lautet, den Schlüssel zum Märenland aus eurer Welt und aus den Händen des ARO zurückzuholen. Das wollte ich heute erledigen, nachdem ich endlich herausgefunden habe, wo sich der Schlüssel befand. Aber ihr seid mir zuvorgekommen. Seid ihr doch, nicht wahr? Sagt mir nicht, dass diese ganze Beihilfe zur Flucht umsonst war und ich nur drei ahnungslose Zivilisten mitgenommen habe!«

Die drei Zivilisten tauschten fragende Blicke miteinander aus.

»Die Kugel?«, wagte Alice schließlich zu fragen.

»Woher willst du wissen, dass du ihm trauen kannst?«, zischte Chloe ihr zu.

»Er hat uns immerhin geholfen, oder etwa nicht?«, erwiderte Alice.

»Welche Kugel?«, wollte dagegen Betty wissen.

»Er kann euch außerdem hören«, mischte sich das Kaninchen ein. »Es ist ganz einfach – ihr könnt die Kugel meinetwegen behalten und selbst zur Tür zum Märenland bringen, ich reiße mich nicht um zerbrechliches Gepäck. Aber wenn ihr keinen Schlüssel habt, dann ist eure Flucht hier beendet.«

Alice musste zugeben, dass sie noch nie so ein grimmiges Kaninchen gesehen hatte. Sie hatte sich Kaninchen immer irgendwie kuschelig vorgestellt, aber dieser Vertreter seiner Art war alles andere als kuschelig. Jetzt zog es sogar eine Uhr aus der Westentasche und warf einen kritischen Blick darauf. »Was meint ihr, wie lange ihr hier unten warten müsst, bis die Luft da oben wieder rein ist, hmm?«, wollte es wissen, die Nase wippte auf und ab.

Mit einem Seufzer öffnete Alice ihren Stoffbeutel und wich Chloe, die nach ihrem Arm greifen wollte, mit einer halben Drehung aus. Vorsichtig wickelte sie die Kugel aus. Im Licht der Pflanzen schimmerten die bunten Kügelchen im Inneren geheimnisvoll.

»Meinst du das hier?« Sie hielt die Kugel so, dass das Kaninchen sie sehen, aber ihr nicht wegnehmen konnte.

Die Nase wippte noch schneller, nach einem prüfenden Blick nickte das Kaninchen eifrig. »Ganz genau. Damit seid ihr befugt, das Dämmer-Spiegel-Land mit mir zu betreten und mir bei der Aufklärung des Ursprungs der Seuche zu helfen. Besser gesagt …« Es ließ den Kopf ein wenig hängen, seine Stimme wurde deutlich leiser. »Besser gesagt, mir dabei zu helfen, einen Weg zu finden, die Seuche aufzuhalten.« Einen Moment ging sein Blick ins Leere.

»Seuche?«, flüsterte Betty Chloe zu und diese sagte wiederum zu Alice: »Da siehst du, was du angerichtet hast! Jetzt sollen wir eine Seuche eindämmen, herrlich!«

Das Kaninchen hatte sich wieder gefangen und warf Chloe einen strafenden Blick zu. »Ihr könnt mir auch den Schlüssel geben und zurück da hinauf gehen.« Mit einer Pfote deutete es zur Decke. »Dann könnt ihr eurer Welt in aller Ruhe zusehen, wie sie überrannt wird. Falls die da«, es deutete mit dem Kopf in Bettys Richtung, »so lange durchhält, nachdem das ARO sie in die Finger bekommen hat. Also?«

Chloe hob eine Hand. »Moment. Unsere Welt? Seuche? Könntest du uns bitte erklären, was hier los ist?«

Das Kaninchen verdrehte die Augen. »Habt ihr ernsthaft gedacht, es gäbe nur eure Welt? Es gibt mindestens noch zwei weitere, die mit eurer durch Portale verbunden sind. In einer dieser Welten, meiner, ist die Seuche ausgebrochen, weil die Königin der Dämmerung mal wieder einen Anfall von Größenwahn erlitt. Diese Weißen Schatten, was glaubt ihr, woher die kommen?«

»Weiße Schatten?«, fragte Alice verwundert.

»Die Toten, die aus ihren Gräbern kommen! Sie ist doch eine davon, sie riecht immer noch nach Sarg und Erde und … ihrer letzten Mahlzeit.« Missbilligend verzog das Kaninchen das Gesicht. »Weiße Schatten, Dinge, die nicht da sein sollten, die es nicht geben sollte, nur noch Schatten ihrer selbst, wenn sie aus den Gräbern kommen!«

»Was glaubst du denn, woher wir kommen?«, erwiderte Betty in einem teils schroffen, teils verletzten Tonfall.

»Ich glaube gar nichts, ich weiß es. Und im Gegensatz zum ARO steht mir und meiner Königin nicht der Sinn danach, euch alle zu … vernichten. Wir wollen helfen.«

»Deine Königin?«, wollte Alice wissen.

Das Kaninchen warf einen weiteren Blick auf die Uhr. »Die Königin der Spiegel, das sagte ich doch schon. Jetzt ist aber Schluss mit den Fragen. Wir haben keine Zeit, den Rest werdet ihr unterwegs schon verstehen. Folgt mir!«

Das Kaninchen griff nach der Papprolle und der Trittleiter, klemmte sich beides unter die Pfoten und trippelte los.

Wie selbstverständlich setzte sich auch Alice in Bewegung, Betty an ihrer Seite.

»Ist das euer Ernst?«, wollte Chloe wissen.

»Fällt dir was Besseres ein? Ich bin untot und habe einen Mord am Hals, schon vergessen? Eine andere Welt, in der mir sogar jemand helfen will, erscheint mir gerade eine nette Chance, dem sicheren … nochmaligen Tod zu entgehen«, erwiderte Betty.

»Königin der Spiegel, das müsste doch was für dich sein, oder nicht?«, zog Alice Chloe mit einem Schmunzeln auf.

Chloe schüttelte den Kopf, überprüfte den Sitz einer Haarnadel in ihren ebenholzfarbenen Haaren und folgte den beiden widerstrebend. »Es bleibt mir ja nichts anderes übrig«, murmelte sie.

Bettys Tagebuch

Dieses Kaninchen war ein seltsamer Geselle. Auch abgesehen davon, dass es ein sprechendes Kaninchen war. Diese Wand mit all den Notizen hatte schon fast nach militärischer Unternehmung ausgesehen … Hoffentlich ging es ansonsten nicht so militärisch in dieser Welt zu. Tatsächlich machte mir das Angst, weil ich damit keine guten Erfahrungen gemacht hatte. Weder das ARO, das jetzt gleich aus mehreren Gründen hinter mir her war, noch meine eigene Familie hatten mir in dieser Hinsicht positive Erinnerungen vermittelt. Meine bescheidene Kindheit hatte ich erwähnt, nicht wahr? Das war keine Übertreibung. Mein Vater war bei der Marine, und meiner Mutter und mir blieb nichts anderes übrig, als mit ihm dort hinzureisen, wo er gerade stationiert war. Nicht auf Schiffen, sondern in aller Regel in Hafenstädten, von denen aus er seine Befehle gab. Er war ein brillanter Stratege, zumindest erzählte man sich das. Ich konnte das nicht so richtig beurteilen, denn ich war noch klein, als er mich wegschickte, weil ich unmöglich Teil seiner Strategie werden konnte. Meine Mutter hatte geglaubt, er hätte mich nicht an das ARO gemeldet, weil er sein Kind schützen wollte. Tatsächlich hatte er, sobald sich meine ersten Fähigkeiten zeigten, darüber nachgedacht, wie hilfreich Eis in einer Seeschlacht sein könnte, und mich mit militärischem Grundwissen vollgestopft. Doch zu seinem Leidwesen hat ihm schließlich jemand erklärt, dass Mutare ihre Fähigkeiten nicht endlos einsetzen können und dass ein Kind das Ausmaß dieses Einsatzes, wie es in einer Seeschlacht erforderlich wäre, wohl nicht überleben würde. Also konnte er mich nicht mehr gebrauchen und so landete ich im Internat. Aber genug davon.

Kommen wir zu Chloe, unserer Königin der Spiegel. Sie befindet sich in einem Dilemma, da sie Spiegel und Spiegelsichtige eigentlich nicht mag, aber die Spiegel braucht, um ihr makelloses Aussehen zu kontrollieren. Ihre Stiefmutter ist eine Spiegelsichtige und Chloe hat all die Jahre befürchtet, dass sie Chloe so beobachten könnte und sich etwas einfallen lassen könnte, um das Kind doch noch loszuwerden. Schließlich war Chloe noch immer die Erbin ihres Vaters und das passte ihrer Stiefmutter absolut nicht.

Eines Tages, so hatte Chloe sich das immer ausgerechnet, würde sie den Besitz ihres Vaters und seinen Titel erben und dann wäre sie mächtig genug, dem ARO auf die Finger zu klopfen und sich vor denen zu schützen. Wie es ihrer Stiefmutter eben jetzt schon möglich war. Falls niemand bis dahin ein Gesetz erließ, dass Mutaren das Erben verbot. Falls ihre spiegelsichtige Stiefmutter bis dahin nicht einen Weg fand, sie um die Ecke zu bringen. Deshalb konnte Chloe nicht nur begeistert von der Aussicht sein, einer Königin der Spiegel gegenüberzutreten. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie Alice mochte, und das lag zu einem großen Teil daran, dass Alice immer versucht hatte, ihre Spiegelsichtigkeit zu vergessen.

Und ich … na ja, ich hatte ganz plötzlich Schwierigkeiten damit, mich unter der Erde zu befinden. Völlig unerklärlich, nicht wahr? Einerseits – was sollte mir jetzt noch passieren, Untote brauchten weder Licht noch die Luft zum Atmen. Trotzdem, das Erlebnis mit dem Sarg hatte mir ein für alle Male gereicht und deswegen war ich wiederum einfach froh, aus dieser Höhle zu kommen, trotz Lichtquellen und ihrer Größe. Außerdem hatte ich mich einfach noch nicht richtig damit abgefunden, plötzlich untot zu sein, noch viel weniger konnte ich mich damit abfinden, dass ausgerechnet Zoey mich erschossen haben sollte! Zugegeben, da waren ein paar Löcher in meiner Kleidung gewesen, aber darauf hatte ich nicht richtig geachtet. Kein Blut, keine Löcher in meinem Körper – darauf hätte ich geachtet! Waren Löcher im Sargdeckel gewesen? Hatte Erde auf mir gelegen? Ehrlich gesagt wusste ich das gar nicht mehr genau.

Was mich gerade vom Nachdenken ablenkte, war Alice. Sie erschien im Vergleich zu Chloe und mir fast schon unbeeindruckt. Einem Kaninchen in eine geheimnisvolle Höhle folgen, Seuche, Untote, Weiße Schatten, andere Welten, Königin der Spiegel – alles kein Grund zur Panik. Ich beobachtete sie von der Seite, wie sie neugierig ihre Umgebung betrachtete, während wir dem Kaninchen aus der Höhle heraus folgten, einen kurzen, weiteren Gang entlang, der leicht anstieg. Alice schien zwar nervös, wie wir alle, aber lange nicht so völlig vor den Kopf gestoßen wie Chloe und ich. Lange nicht so verwirrt.

Der Gang endete vor einer Wand, die von einer Art Efeu überwuchert war, der durch einen Spalt in der Erde, also von uns aus gesehen der Decke, herunterwuchs. Wenn jetzt gerade einer der Hunde dort oben herumschnüffelte …

Das Kaninchen reckte seine Nase in die Luft, als würde es genau darauf wittern, dann trat es mit einem schnellen Schritt an die Wand, schob die Ranken zur Seite – und legte damit einen eigentümlichen Fels frei. Grauer Stein, aber von rötlichen und silbernen Adern durchzogen.

Ungeduldig winkte es uns zu. »Da durch, los, schnell.«

»Das ist … Fels. Stein. Da kann man nicht durch«, erwiderte Chloe.

»Natürlich kann man da durch, das ist eine Tür! Herrje.« Kurz entschlossen griff das Kaninchen nach Alice, die ihm am nächsten stand, zerrte mit einem Ruck an ihrem Arm. Sie stolperte mit einem erschrockenen Quietschen vorwärts, auf den Fels zu – und verschwand.

»Darf ich die Damen jetzt bitten?«, wollte das Kaninchen wissen. Ich trat einen Schritt vor, auf die Wand zu. Wenn Alice da durchgekommen war, dann würde ich das auch schaffen. Vielleicht sollte ich einfach die Augen schließen … Ich tastete, streckte die Hände aus, machte einen Schritt und noch einen …

Etwas berührte meine Hände und ich sog erschrocken Luft ein. Doch als ich die Augen wieder öffnete, war es nur Alice, die nach meinen Händen gegriffen hatte. »Du hast es schon geschafft«, stellte sie mit einem Lächeln fest.

Noch bevor ich mich umsehen konnte, folgte uns Chloe und dann dieser seltsame Geselle von einem Kaninchen. Es gönnte uns aber keine Verschnaufpause, sondern scheuchte uns sofort weiter, einen erneuten Blick auf diese allgegenwärtige Uhr werfend.

»Wenn wir nicht ein paar … Seuchenopfern begegnen wollen, dann müssen wir uns beeilen! Es wird bald dunkel!«, stellte es fest.

»Seuchenopfer? Du meinst …«, begann ich.

»Ja, Weiße Schatten, so welche wie du«, erwiderte es.

Ich schluckte. Schließlich konnte ich verdammt noch mal nichts für das, was mir passiert war! Noch immer konnte ich mich nicht daran erinnern, was mir überhaupt passiert war. Doch mehr denn je wollte ich es herausfinden. Während meiner Begegnung mit Zoey und dem … was darauf gefolgt war, hatte ich jetzt auch nicht so richtig Zeit gehabt, meine Gedanken zu ordnen, das musste ich nachholen. Später. Nicht jetzt, nicht während ich mit Chloe, Alice und einem seltsamen Kaninchen durch eine Welt hetzte, in der ich mich nicht auskannte. Aber besser das, als unter der Erde in einem Sarg zu liegen oder dem ARO in die Hände zu fallen.

Alice

Während sie dem Kaninchen durch den Wald folgten, in dem sie gelandet waren, versuchte sich Alice umzuschauen. Dass sie sich nicht mehr in der Welt befanden, die sie kannte, war offensichtlich: Bei ihrer Flucht war es dunkel gewesen, hier herrschte Dämmerung. Die Bäume waren viel zu hoch, viel zu anders. Während die Bäume in ihrer Welt in aller Regel zwar hoch waren, aber die untersten Äste manchmal noch erreichbar, war das hier ganz anders. Die Bäume erstreckten sich gefühlt endlos nach oben und höher, als Alice groß war, begannen die ersten Äste zu wachsen. Über ihnen zog sich ein endloses, dichtes Blätterdach dahin und Alice hatte das Gefühl, darunter auf Ameisengröße geschrumpft zu sein. Manche Bäume hatten in sich gedrehte Stämme, und wenn Alice nach oben schaute, wurde sie das Gefühl nicht los, dass einige Blätter tatsächlich blau waren. Doch diese Blätter waren zu weit über ihr und das Licht schwand zu sehr, als dass sie das mit Bestimmtheit hätte sagen können. Trotzdem war es nicht das erste Mal, dass sie so einen Wald sah. Obwohl sie so lange nicht mehr in einen Spiegel gesehen hatte, erinnerte sie sich an einige der Dinge, die sie dort als Kind gesehen hatte, und solche Bäume waren ganz bestimmt dabei gewesen. Ein Kaninchen hatte ihr damals gesagt, dies alles wäre echt. Jetzt war sie einem Kaninchen gefolgt – das Kaninchen war also wirklich! – und es schien so, als wäre hier tatsächlich alles echt. Wie konnte das sein? Wenn das hier alles echt war, dann war sie nicht verrückt, nie verrückt gewesen! Eine Mischung aus Erleichterung und Neugier verdrängte fast ihre Angst.