Aljizar - Alexandre Bernard - E-Book

Aljizar E-Book

Alexandre Bernard

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Beschreibung

"Sie werden dich holen, ausweiden, verkaufen – aber nie wieder gehen lassen." Nach Monaten im Krankenhaus sieht Elisabeth freudig dem Urlaub mit Mann und Tochter entgegen – und damit dem Albtraum ihres Lebens. In der ägyptischen Urlaubsidylle wird sie ihrer Familie entrissen und von skrupellosen Menschenhändlern verschleppt. Tagtäglich muss Sie mit ansehen, wie Frauen verstümmelt und ihrer Organe beraubt werden. Erwartet Elisabeth das gleiche Schicksal? Ein Kampf ums nackte Überleben entbrennt, in dem ein Mensch weniger wert ist als seine Eingeweide.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


 

 

HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

07/2021

 

Aljizar – Das Folterhaus

 

© by Alexandre Bernard

© by Hybrid Verlag

Westring 1, 66424 Homburg

 

Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design

Coverbild: Datei-Nr. 192894435 Portrait of beautiful girl,

Bildnachweis: olly

Lektorat: Matthias Schlicke

Korrektorat: Antonia Grafweg, Petra Schütze

Buchsatz: Paul Lung

Autorenfoto: privat

Coverbild „Ich rette die Welt, aber erstmal eine rauchen – Zündstoff“

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg;

Artwork Cover © 2019 by Christoph Gey

Coverbild „Operation Gay Bomb“

© 2019 by Hygin Graphix

 

ISBN 978-3-96741-113-3

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

Printed in Germany

 

 

Alexandre Bernard

 

 

Aljizar

 

Das Folterhaus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thriller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für alle starken Frauen in der Welt

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

EPILOG

Wahrheit und Fiktion

DER AUTOR

Hybrid Verlag …

 

 

 

 

 

 

 

»Die Furcht des Menschen vor dem Abgrund ist wie die Furcht vor dem Tod. Wenn man selbst in den Abgrund blickt, nicht gewahr, ob man nun hinabstürzt in die Finsternis oder sein Gleichgewicht behält, erfährt man, was es heißt, die andere Seite zu sehen. Die Wahrheit über das Selbst kann dabei genauso faszinieren wie schockieren. Denen, die hinhören, sagt es, man solle die Tür einfach versiegeln und in der letzten Ecke seines Verstands verstecken. Die Wahrheit zu akzeptieren ist eins, sie für immer hinter sich zu lassen etwas anderes. Denn Entscheidungen trifft man stets selbst, niemand anderer ist Herrscher über die eigene Seele — über die Entscheidungen im Innern. Niemand sonst geht für dich den Schritt über die Schwelle.«

 

Mukantagara Abd al—Ġanī

 

 

PROLOG

 

ELISABETHFRANKFURT AM MAIN, DEUTSCHLAND

 

»Wusstest du, dass in einem Jahr mehr Menschen an einer Lungenembolie sterben als im Straßenverkehr? In die Straßenverkehrsstatistik zähl ich schon mal nicht rein. Die sagen hier, dass sich sowas aus Vorverletzungen, wie meiner OP vor vier Monaten, ergeben kann.« Meine dünnen Finger wischen über das Display meines Smartphones, die zackigen, mit Rissen durchfurchten Abschürfungen an meiner Handfläche beginnen wieder zu kribbeln.

»Heilige … du solltest aufhören, dir diese Horrorgeschichten reinzuziehen. Das passiert dir schon nicht, hörst du! Sei froh, dass der Unfall nicht so heftig war. Du hättest im Rollstuhl landen können.« Neben mir spielt meine Kollegin Carola mit einem Kugelschreiber, den sie geistesabwesend zwischen den Fingern dreht und dabei ein zermürbendes klackerndes Geräusch erzeugt. Ich wende mich absichtlich genervt zu ihr um und lasse den Kopf etwas zu theatralisch zur Seite sinken, wie eine Marionette, die entrüstet mit dem Kopf wackelt. »Ich weiß, du meinst es gut. Hier steht, da bilden sich kleine Blutgerinnsel und die wandern über das Herz in die Lunge und schließlich lösen sie in der Lunge eine Embolie aus. Gruselig. Okay, vielleicht hast du recht. Ich sollte damit aufhören.« Das monotone Geräusch des Kugelschreibers treibt mich in den Wahnsinn. »Aber bitte, Caro, hör endlich mit dem nervigen Klackern auf. Das grenzt schon an akustische Körperverletzung und ich muss mich hier konzentrieren.« Augenblicklich beendet sie ihr Stiftkonzert, feuert den Kugelschreiber zwischen die Tastatur und ihre leere Flamingo-Kaffeetasse. Stattdessen streicht sie sich die schwarzen Locken hinter ihr linkes Ohr und dreht sich zu mir um. Ihre vollen Lippen formen ein leises »Sorry«, was mich immer an einen großen Fisch erinnert. Dabei ist sie mit Abstand die schönste Frau im ganzen Büro. Mit einem süffisanten Lächeln stützt sie das Kinn auf ihrem Handrücken ab. »Ach so, Pseudo-Symptome lesen ist wichtig für die Arbeit, oder was?« Ich höre ihre gespielte Entrüstung und amüsiere mich über das gute Verhältnis, das wir zueinander haben. »Ich versuch mich ja zu bessern …«, beginnt sie den Satz, den ich ihr gekonnt vollende.

»… aber irgendwo muss die Energie hin, wenn schon nicht in unser aktuelles Immobilienprojekt, richtig?« Das Klicken des Kugelschreibers hallt langsam aus meinem Kopf. Jetzt wäre ein Kaffee gut.

»Auch einen Kaffee? Ich brauch einen Muntermacher.« Als ob Caro meinen Wunsch gehört hätte, winkt sie einen Kollegen von nebenan ins Büro, zeigt auf die leere Tasse und zwinkert ihm zu. »Zwei mit Milch bitte, das wär ein Träumchen, Mark.« Sie dreht sich wieder um und nickt zufrieden in meine Richtung. Ich antworte mit einem Nicken und lächele sie herzlich an. Wir kennen uns.

»Du bist mir eine! Hattest du nicht letzte Woche was mit einem Praktikanten? Und was ist eigentlich mit diesem Jochen aus der Single-App? Ich blicke da nicht mehr durch bei dir!«

»Ach Liebes, wenn ich doch selbst noch durchblicken würde.«

»Kann ich mir vorstellen.«

»Aber die Männer sind halt auch immer da, weißt du. Im Studium meinten alle, die Medienbranche wäre eine Frauendomäne.« Sie schüttelt verwirrt den Kopf und zeigt ausladend auf die anderen Büroplätze. »Wo sind die ganzen Frauen? Hier sitzen überall Männer auf den Plätzen. Außerdem ist der Praktikant kein Praktikant, sondern ein Student. Ich fange doch nix mit Minderjährigen an.«

Ich reiße entschuldigend meine Arme nach oben. »Hab ich auch gar nicht behauptet. Meine Gedanken sind vollkommen unschuldig.«

»Hm, schon klar«, sagt Caro todernst. Nur um kurze Zeit später in schallendes Gelächter zu verfallen. »Ich bin 37! Wenn nicht jetzt, wann dann? Das heißt aber nicht, dass ich keine Ansprüche stelle. Dieser Jochen von der Lift-your-Love-App hat sich außerdem als Weichei und Sofahocker erwiesen. Aber nach einem Abend waren die Messen dann auch schon gelesen.« Wieder fuchtelt sie mit den Händen herum. Sie ist eine große Anhängerin der Herumwedel-Bewegung. Jeder Kommentar muss passend mit einer Handbewegung untermalt werden. »Hast du mal so richtig eklige Hände gesehen? So verlotterte und die Fingernägel bis Bagdad? Ja? Genauso ein Kandidat ist Jochen!« Dabei verzieht sie ihr Gesicht zu einer Grimasse und streckt die Zunge raus.

Angestrengt lasse ich meine Hand über die Narben an meinem angewinkelten, rechten Schienbein streifen. Und wenn es doch Komplikationen gibt? Eine Thrombose oder sowas? Die Haut war nicht glatt, wie andere oberflächliche Narben an meinem Körper, sondern wulstig und uneben. Ein kleiner Schauer fährt über meinen Rücken, schnell ziehe ich meine Hand wieder zurück und lege sie auf den Tisch. Verschiedenste Männernamen, Orte und pikante Details über das Sexleben meiner besten Freundin ziehen wilde Bahnen in meinem Kopf. »Aber du heulst doch Stefan immer noch nach! Warum schon wieder der Nächste? Ich versteh dich nicht. Bin da irgendwie anders gepolt.« Eine blonde Locke fällt mir ins Gesicht und ich wische sie elegant hinter mein Ohr. Wann kommt wohl endlich der Kaffee? Ich lecke mir voller Vorfreude über die sonst so rissigen Lippen.

»Brauche einfach eine Ablenkung von meinem Ex-Mann, weißt du? Die Scheidung lässt mich bald am Stock gehen. Ich halte das nicht aus!« Sie rauft sich die Haare und schüttelt die wilden Locken gekonnt nach hinten. »Er zieht scheinbar sein großes Los, kommt in seine ganz persönliche Vor-Midlife-Crisis und ich hocke immer noch kinderlos in diesem Büro und muss glückliche Familien für die Werbekampagne eines Immobilienunternehmens rekrutieren.« Sie reckt den Hals und horcht angestrengt. »Hörst du das?«

»Kommt der Kaffee?«

»Nein! Hör genauer hin.«

Ich strenge mich an, kann jedoch beim besten Willen nichts hören. Das leise Summen der Computer unter unseren Tischen ist das einzige Geräusch hier, außer den gelegentlichen Stimmen aus den Nachbarbüros. Ich muss passen und gebe ihr mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass ich keine Ahnung habe, was sie meint.

»Na dieses Ticken! Meine biologische Uhr ist kurz vorm Exitus. Mein Verfallsdatum rückt näher, verstehst du? Du kannst ja glücklich sein mit deinem Mann und der kleinen süßen Denise und ich bin froh, dass ihr euch habt. Aber ich sag dir was! Der Neue drüben in der PR-Abteilung, eine richtig süße Schnitte, schau doch nur sein Lächeln.« Sie nickt durch die breite Glasscheibe in das benachbarte Büro, gefolgt von einem koketten Zwinkern. »Wir haben uns ein paar Mal geschrieben, aber dieses Wochenende werde ich ihn vernaschen, ganz bestimmt.«

Ich verdrehe die Augen und konzentriere mich wieder auf die Arbeit. »Du hast ausnahmsweise mal wirklich Probleme, die ich noch nicht hatte! Schonmal dran gedacht, dass du seine Mutter sein könntest?« Etwas angeekelt versuche ich die Vorstellung aus meinem Kopf zu verbannen, setze mich aufrecht hin und strecke den Rücken durch.

»Ach, Haarspalterei. Warte, ich zeigs dir.«

»Was zeigst du mir?« Ich schaue erschrocken hoch. Angst.

»Na, seine Grübchen. Ist der nicht süß?«

Die Anspannung klingt wieder ab und ich atme beruhigt aus. Kaum bewusst lege ich meine Hand auf mein Dekolleté. Wieder so ein kurzes Ziehen in der Brust. Sind das Herz-Rhythmus-Störungen, oder ist es meine krumme Körperhaltung? Ich sitze viel zu oft locker und gebückt an meinem Arbeitsplatz, mit Mitte dreißig kommt dann die Rechnung für den gekrümmten Rücken. Die aufschwingende Bürotür lässt mich aufschauen. Ein groß gewachsener, blonder Mann kommt durch den Eingang des Büros geschlendert und stellt Caro und mir einen Kaffee auf den Tisch. Na endlich, wurde aber auch Zeit.

»Bitte sehr, die Damen, viel Spaß noch.« Er wendet sich Caro zu und zwinkert sie neckisch an. Sehr charmant, stelle ich fest. Aber wenn sie drauf steht, bitte schön. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, wie Caro ihm anhimmelnd nachschaut. Natürlich blickt er sich beim Hinausgehen nochmal um. Bei so viel schnulziger Liebe könnte ich mich übergeben. Ich fühle mich wie in einem Norah-Griffit-Roman. Schließlich wendet er sich wieder dem Großraumbüro draußen zu und schlendert an seinen Schreibtisch.

»Autsch, ich bin entzückt von eurer Liebe«, stelle ich sarkastisch fest und ernte ein schiefes Grinsen. »Wie stehen deine Chancen?«

»Dürften sich heute Nachmittag verdoppeln. Wir haben eine Verabredung.«

Im Kino?

»Wir gehen ins Kino.«

Bingo. »Na dann viel Erfolg! Ich sehe schon, du hast es im Griff.« Ich schaue sie aufrichtig lächelnd an und werfe ihr einen Kuss zu, den sie sofort theatralisch mit der Hand auffängt und sich auf die Wange drückt.

»Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Aber ich werde nicht aufhören, dir von unserem Date zu berichten, nur dass du Bescheid weißt.«

»Na, das hoffe ich doch. Aber den Part zu Hause kannst du gern auslassen.«

Sie erhebt ihre Tasse und streckt sie mir prostend entgegen. »Auf uns!«

»Auf uns!«, gebe ich zur Antwort und lehne mich entspannt zurück. Im selben Moment treffen mich ein paar Sonnenstrahlen im Gesicht. Ein Gefühl von Wärme und Sommer übermannt mich. Ein Gefühl von Urlaub! Die Wärme tanzt über meine Wangen und eigentlich sollte ich lächeln, aber ich tue es nicht. Die Wolken brechen auf und Sonnenstrahlen schießen durch das Fenster. Für einen Augenblick sehe ich nur helle Flecken und goldig tanzende Staubpartikel. Einen Moment später brummt eine Apparatur über dem Fenster neben mir. Ein Rollo schiebt sich knirschend aus der Wand und verdunkelt das Zimmer. Meine Atmung geht schneller. Die Lamellen des Rollos schließen sich und plötzlich ist alles wieder dunkel. Ich brauche viel Kraft, um den Puls zu beruhigen. Lediglich kleine Schlitze lassen lange helle Sonnenstrahlen in das verstaubte Büro fallen. Ein kalter Schauer läuft mir plötzlich über den Rücken, als die automatische Lichtanlage anspringt und die zwei Leuchtstoffröhren an der Bürodecke einschaltet. Irgendwas stimmt nicht. Das typisch klackernd-zischende Geräusch von anspringenden Neonröhren hallt durch meinen Kopf. Kaltes weißes Licht flutet das Zimmer und dazwischen höre ich Caros Stimme. Sie wabert im Raum umher, als wäre sie in Watte gepackt. »Alles o.k., Eli? Du siehst so blass aus.«

Ich winke ab. Es fällt mir zunehmend schwerer, Luft zu bekommen. »Caro? Ich … ja, geht schon besser. Alles gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Eine Glocke legt sich über mich, wie über ein Gericht. Dumpf vernehme ich Caros nervöse Stimme. Mein Brustkorb zieht sich zusammen. Eine aufwallende Glut durchzuckt mein Innerstes und meine Finger beginnen leicht zu zittern. Ich kenne das Gefühl nicht. Es ist neu, ich fühle den Druck in mir. Stopp, schreie ich in mich hinein. Nein, du kannst es kontrollieren, schüttele es ab, Eli. Atmen, einfach atmen. Der Druck legt sich wieder. Doch ein stechender Schmerz durchfährt im selben Moment mein Herz.

Ein kurzer Aussetzer.

Die Welt versinkt in einem einzigen Wattebausch. Die Lüfter der Computer, die Stimmen in den Nachbarbüros, die Worte von Caro. Alles verschwimmt zu einem einzigen Hintergrundrauschen. Langsam einatmen, langsam ausatmen. Ist doch ein Kinderspiel.

Ich fühle Caro in meiner Nähe. Langsam konzentriere ich mich auf ihre Worte. Ihre sanfte Stimme legt sich über mich, wie die schützende Hand einer Mutter. »Hör auf meine Stimme, Liebes! Bleib ruhig. Atme tief durch. Aus und ein. Ich habe den Krankenwagen gerufen. Hey, bleib bei mir.« Sie kommt auf mich zu. Neben mir hockend reicht sie mir ihre Hand. Der Anker in der Not. Dankbar für diesen Halt packe ich zu, drücke sie so fest ich kann und spüre ihre zarte Haut und ihren ruhigen Puls. Ich schließe meine Augen und versuche meine Atmung in Einklang zu bringen. Ruhig bleiben, nicht umkippen. Ich kann das! Ich kann das!

»Ich kann das!«, quetsche ich durch meine krampfhaft aufeinander gepressten Lippen. Der feuchte Streifen einer herablaufenden Träne legt sich auf meine linke Wange. Caro nimmt meinen Hilferuf sofort auf und redet mir gut zu. Sanft streichelt sie mir über die Schulterblätter. Ich zucke kurz, gebe dann aber nach.

»Ja, du kannst das! Ist es wegen des Unfalls? Hast du Schmerzen? Fühle meine Hand, spüre den Puls und atme langsam im Rhythmus!« Langsam verschmelze ich mit ihrem Puls. Im Takt des pumpenden Blutes verlangsamt sich mein Herz, meine Atmung, mein Leben. Die Geräusche und Stimmen sind wieder klarer, sie dringen deutlicher an mein Ohr und holen mich in die Gegenwart. Ich harre noch einige Minuten aus, atme noch einmal tief ein und wieder aus. Mein Puls normalisiert sich, der Schmerz lässt nach. Doch dann erfüllt mich die Panik. Was ist, wenn ich eine dieser Embolien habe? Ich kann nicht mehr! Nervös reiße ich meine verschwitzten Hände aus Caros sanftem Griff und presse sie mir auf die Brust. Meine Finger graben sich in mein Dekolleté. Mein Puls steigt erneut an, meine Atmung wird schneller, doch das Luftholen kostet Unmengen an Kraft. Als würde ich durch einen Strohhalm atmen. »Ich brauche Luft!« Mein Schädel beginnt zu explodieren. Die Schrapnelle zucken durch den Raum und reißen alle Wände ein. Tausend Funken schießen durch mein Nervensystem und längst vergangene Albträume bohren sich wie rostige Injektionsnadeln in meinen Geist. Erinnerungen sprudeln hoch, sie überrumpeln mich und machen mir Angst. Meine Hände zittern und auch Caros beruhigende Worte können mich nicht mehr einfangen. Sie reißt mir die Hände vom Oberkörper und drückt mich fest umschlossen an sich. Ich brauche Sauerstoff! Sterne tanzen vor meinen Augen hin und her und ich kann sie nicht abschütteln. Angsterfüllt entreiße ich mich Caros fesselndem Griff und renne verzweifelt in Richtung Tür. »Hilfe!« entfährt es meinen Lippen schrill und lautstark.

Ich renne hinaus, den Flur hinunter. Entlang an zahlreichen Kollegen und dem verwirrt dreinblickenden blonden Mann von vorhin. Ein schwarzer Tunnel baut sich vor mir auf. Meter für Meter versperrt er mir den Blick zur Seite. Die Büros und Menschen gleiten an mir vorbei, verschwimmen und werden zu einem weiteren Teil des dunklen Ganges vor mir. Ich stolpere, rapple mich aber kurzerhand wieder auf. Der Druck in meiner Brust lässt mich schneller laufen. Ich muss hier weg. Ich brauche Luft. Ich springe gegen die Toilettentür und bleibe stocksteif vor dem Spiegel des Waschbeckens stehen. Die Toilette ist der einzige Raum auf dieser Etage, der einen Frischluftschacht besitzt. Die Fenster im 13. Stock des Hochhauses sind alle aus Sicherheitsgründen verriegelt. Der kalte Tunnel um mich herum verpufft und an die Stelle des hellen Lichts am Ende tritt mein Spiegelbild. Ich blicke in mein schweißnasses Gesicht. Dunkle Augenringe zieren meine Tränensäcke, tiefe Falten und Angstschweiß meine Stirn. Ein kurzer Blick nach oben bestätigt mir die aktive Frischluftinstallation. Dünne Leinentücher am Gitter signalisieren mir den funktionierenden Austausch mit Sauerstoff von draußen. Ich reiße ein Papiertuch aus dem Spender und wische mir den salzigen Schweiß ab, der unaufhörlich in meine geröteten Augen läuft und ein unangenehmes Brennen auslöst. Dumpfe Schläge pochen aus meinem Inneren empor. Ich hebe und senke meinen Brustkorb, schnappe nach Luft. Ziehe jeden noch so kleinen Hauch durch meine Lungen und hoffe, nicht zu ersticken. Gänsehaut überzieht meine Haut, jedes Härchen stellt sich senkrecht. Der Schauer nimmt kein Ende und wallt in mehreren Schüben durch meinen Körper. Verkrampft beginne ich zu zucken. Kurz verharre ich in diesem Schockzustand, doch dann verlassen mich jegliche Kräfte. Ein Kribbeln durchläuft meine Nervenstränge und erinnert mich unweigerlich an das Gefühl von einschlafenden Gliedmaßen. Staunend beobachte ich meine einknickenden Beine, die sich meinen Befehlen verweigern und einfach nachgeben. Ein kalter Luftzug zieht durch meine Haare. Ein letzter Blick in den Spiegel vor mir und ein verzweifelter Griff nach dem Waschbecken.

Zu spät.

Ich knicke ein, meine Knie schlagen mit voller Wucht auf den kalten Fliesenboden und ein weiterer Schock durchläuft meinen Körper.

Meiner physischen Kontrolle zur Gänze beraubt, breche ich zusammen und pralle einen Augenaufschlag später hart auf dem Boden auf.

Kein Schmerz durchzuckt mich, kein Gefühl durchdringt meinen Geist. Ich bin leer und spüre weder die nassen Fliesen unter mir, noch den Luftzug der Klimaanlage über mir. Mein Körper versteift und ich strecke meine Arme den Beinen entgegen, die ich so an meinen Oberkörper ziehe, und rolle mich mit letzter Kraft auf die Seite. »Richard, wo bist du? Ich glaube, ich sterbe!« Mein katatonisches Flüstern reicht kaum weiter als zum Rand des Waschbeckens. Der nasse Fußboden stört mich nicht. Das Wasser dringt an meinen Oberschenkel und durchnässt meine Hose. Es ist mir gleich. Ein feuchtes Stück Papiertuch klebt in meinen Haaren. Hauptsache, ich lebe noch. Meine Hand tastet sich durch die losen Haare und zieht den weißen Fetzen aus den verknäulten Haarsträhnen. Nebenan höre ich plötzlich Schreie. Die Tür fliegt auf und ein paar dunkle Schuhe laufen auf mich zu. Weitere Gestalten strömen in den kleinen Raum. Ich wende meinen Kopf ab. Lege das Knie behutsam auf mein Brustbein und halte meine Arme fest um die Beine geschlungen. Doch ein weiterer stechender Schmerz durchfährt meine Lungen. Ausgezehrt bricht mein Wohlfühl-Kokon auseinander, meine Glieder rutschen kraftlos fort. »Ich kann nicht. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr!« Fremde Arme ziehen mich auf die Füße. Ihre Stimmen scheinen weit entfernt zu sein. Wortfetzen fliegen wild im Raum umher und verweigern sich meinem Verstand. Ich verstehe kein Wort. »Na los, helft mir, sie aufzurichten.«

Plötzlich kommt Bewegung in meinen schlaffen Körper. Resigniert starre ich auf den unter mir fortgleitenden Boden. Meine fixierten Arme bewegen sich keinen Zentimeter, doch meine Füße spüren immer wieder den kalten Fliesenboden. Zwei fremde Menschen scheinen mich zu stützen. Verzweifelt sortiere ich die Realität und halte sie fest. Ich will sie fassen, mein Mund will sie zurückrufen »Geh nicht. Geh nicht! Helft mir! Ich brauche Luft!« Doch mein Geist driftet ab, während mich die Gestalten davonschleifen. Weiteren Qualen und Albträumen entgegen. Von irgendwo außerhalb dringen Schreie in meinen Verstand. Der Wattebausch verschwimmt zu einem undurchdringlichen Nebel.

»Helft mir doch, ruft jemand einen verdammten Arzt. Sie bekommt keine Luft mehr. Haltet sie fest, sie zittert! Haltet doch endlich ihre Beine fest!« Vereinzelt dringen Stimmen an mein Ohr. Ich wehre mich gegen meine Häscher, trete um mich und schlage mit meinen schlaffen Armen nach ihren Körpern. Ich fühle mich meiner selbst beraubt. Wie die Hülle einer Puppe, unfähig auszubrechen. »Hey, Elisabeth, hör auf damit. Hilf mal etwas mit und trete nicht nach uns. Beruhige dich. Ich bin es, Caro. Lass mich dir helfen!« Sie ziehen mich in den Abgrund. Meine Füße berühren immer wieder die kalten Felswände der Schlucht, in die sie mich zu schleifen versuchen. Ich trete um mich, versuche meine Arme zu befreien, doch ich werde zu fest fixiert. Meine Fingerspitzen bekommen etwas zu spüren. Ich packe zu und treibe meinem Entführer mit aller Kraft meine Nägel in die Haut. Sofort lockert sich der Griff und ich werde fallen gelassen. Doch ein anderer kommt gleich dazu und fixiert mich noch fester. Stimmen und Schreie dringen durch das Treppenhaus. »Verdammter Mist, Caro. Schau dir den Kratzer an, er blutet.«

»Stell dich nicht so an! Wann sind wir endlich unten? Ist der Krankenwagen schon da?«

Über mir plötzlich der blaue Himmel, gespickt mit Wolkenfetzen. Frischluft.

»Da vorn. Hierher.«

Das Kreischen von Sirenen schneidet sich in meinen Verstand.

»Sie hat einen Schock erlitten, helfen Sie ihr bitte. Sie ist doch meine beste Freundin!«

Ich kann nicht mehr, meine Kräfte verlassen mich. Ich sacke zusammen. Gierig schnappe ich nach Luft und versuche das wertvolle O2 in meinen Lungen zu halten. Doch ein Stechen durchsiebt die rechte Lunge. Ich glaube zu ersticken und gerate in Panik. Keine innere Wand schützt mich noch, trennt die Angstvorstellungen von der Realität. Apathisch starre ich die bleiche Decke des Transporters an. Wild hechelnd hebt und senkt sich mein Brustkorb. Unbekannte Gesichter beugen sich über mich. Etwas hält mich fest. Es soll loslassen! »Das kann jetzt etwas stechen! Hören Sie bitte auf, sich so zu wehren, ich muss die Arterie finden.«, dringt eine unbekannte Stimme durch die Nebelwand meines Verstandes hindurch. Der Stich ist nicht der Rede wert. War es das schon? Kurze Zeit später wird eine kalte, beruhigende Flüssigkeit durch meine Schlagader gepumpt. Ich merke, wie sich ein dunkler Schleier über meine Augen legt. Eine Maske stülpt sich über mein Gesicht. Meine Kräfte verlassen mich. Ich will nicht mehr hier sein. Luft strömt in meine stechenden Lungen.

Ich will nicht mehr leben. Die Schmerzen sind unaussprechlich. Als reißt mich eine Kraft im Innern auseinander. Mein Wispern verblasst im Nebelschleier: »Lasst … mich sterben.«

KAPITEL 1

 

ELISABETHFRANKFURT AM MAIN, DEUTSCHLAND

 

2 JAHRE SPÄTER

 

Es ist halb eins an einem Donnerstag im Mai, die Regenfronten über Frankfurt haben sich in der Nacht verzogen. Ich schaue die Nachrichten an und sehe den Tod vor mir. Nicht meinen eigenen, um Gottes Willen, doch den zahlloser Anderer. Flüchtende Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten oder sonst woher, die auf rostigen Kähnen im Mittelmeer verenden und den Menschenhändlern und skrupellosen Schleusern das einzige von Wert anvertrauen, das sie besitzen – ihre Seele. Es macht mich verdammt traurig und wütend zugleich. Die Adern meiner Schläfe pulsieren und das Blut schiebt sich wie brennendes Gift durch sie hindurch. Richard erklärt mir, ich soll mich von sowas nicht herunterziehen lassen. Aber warum zum Teufel soll eine hilflose Mutter aus dem Nordirak, die vor Abschlachtung und Versklavung flieht, nicht die gleiche Chance erhalten wie ich? Warum muss sie ertrinken, während ich hier sitzen und das Leben genießen kann?

Eine Träne schießt mir ins rechte Auge und wabert am unteren Rand des Lids hin und her. Ich kneife meine Augen zusammen, schaue kurz aus dem Fenster und lasse sie ziehen. Tief durchatmend berühre ich den gummiartigen Ring meines Mausrads und scrolle die rot bestrichene Nachrichtenwebsite hinunter. Von Schlachtern und Geschlachteten. Aljizar – der Killer-Chirurg des IS – ein Gastbeitrag von Mukantagara Abd al-Ġanī. Willkommen im Irrenhaus der Realität. Das Verhalten mancher meiner Artgenossen lässt mich am gesunden Menschenverstand zweifeln. Ich überfliege den Artikel und sogar das ist schon zu viel. Wieder so ein krankes Schwein, welches aus Geldgier Menschen verkauft und sie aus Profitgier und krankem Sadismus ausnimmt. Ihnen die Seele herausreißt und im endlosen Dunkel der Ungewissheit den letzten Funken ihrer Menschlichkeit nimmt. Die Seelendeponie der Blutwandler, so nennt die Autorin die geheimen Machenschaften der Organ- und Menschenhandelsmafia in Nordafrika. Wahrscheinlich verrotten gerade tausende Frauen und Männer in Folterhäusern rund um den Globus. China, Nigeria, Saudi-Arabien, Russland, Nordkorea. Wir haben uns in den letzten zweitausend Jahren kein bisschen geändert. Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts müssen gar nicht herhalten, um uns die Abgründe der menschlichen Psyche zu offenbaren. Die Abgründe wechselten nur die Religion und den Schauplatz. Splitterkriege, die die westliche Welt zu gern verdrängt und kleinredet, als Einzelfälle abtut und ignoriert. Terror, bei dem Hunderttausende sterben, sind kein kleines Grenzscharmützel. Das sind Völkermorde und Bürgerkriege, die ganze Generationen auseinanderreißen. Wieder kommt der Blick zum Fenster, um ein kleines Idyll zu erblicken und die dunklen Gedanken auf Abstand zu bringen. Mein Blick reißt sich vom Anblick des saftigen Rasens und der neuen Teichanlage los. Ich scrolle weiter und offenbare, lediglich durch das Bewegen meines Mittelfingers, neue Gräueltaten in der Welt. Tote in London, Tote in Berlin. Hier und da und ganz woanders. Zwischendurch lächelt mich ein Kind an, das dem Bundespräsidenten die Hand bei einem Bürgerforum schüttelt, dann mal wieder die Trennung eines Society-Sternchens. Die reißerischen Überschriften überschlagen sich in meinem Kopf. Zum Ende noch die Wettervorhersage. Wenigstens etwas Sonne, obwohl von Frankreich aus wieder eine Gewitterfront auf uns zurollt. Schließlich noch ein paar weitere Kurznachrichten in einer passenden Box verschnürt. Bandenkämpfe in Rio, Gasleck im Stadtgebiet Frankfurt, Waldbrände in Spanien, Erdbebenopfer in Indonesien, Artensterben in karibischen Riffen, die Todesanzeige eines beliebten Schauspielers.

Ich habe ihn satt, diesen Tod. Diese Personifikation, die uns Sterbliche an sich zu binden versucht, wie ein Parasit seinen Wirt. Es wirkt so klar. Wir sind der Parasit und wir laben uns am Leben. Das habe ich schmerzlich lernen müssen. Mein Atem stockt kurz. Der Geruch von Krankenhauszimmern hängt mir immer noch in der Nase. Ich stand in der Blüte meines Lebens, doch mein rechter Lungenflügel hat mich im Stich gelassen. Alles fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Zuerst kam das Stechen in der Brust, dann die Krämpfe. Meine Lunge kollabierte von einem Tag auf den anderen und ich konnte rein gar nichts daran ändern. Ich war bereits einmal tot. Das ist jetzt zwei Jahre her und verdammt nochmal, es macht mir immer noch Angst. Geistesabwesend reibe ich mir die Brust. Wir ernähren uns vom Leben wie ein Vampir von Blut und jeden Tag sterben wir ein kleines bisschen mehr, unaufhörlich auf den einen Tag zutreibend, an dem der Tod uns willkommen heißt. Ich habe Gott verdammt genug Todeserfahrungen gemacht und ich habe vor, nur noch eine in meinem Leben zu machen. Die wirklich letzte nach weiteren, wenn’s gut läuft, 60 Jahren des Labens und Ausnutzens. Ich habe mich vom Leben ernährt und dachte, ich wäre unsterblich. Ich habe es genossen und ich wurde für meine Annahme, dass ich ewig so weitermachen könnte, angezählt. Meine Therapie steckt mir immer noch in den Knochen … und im Bauch, den Beinen, der Lunge ganz besonders und dem Kopf. Einfach scheiße, das alles. Ich schaue auf die neue Mike & Cansey’s Armbanduhr an meinem Handgelenk. Ein Geschenk von Richard zu meinem Geburtstag. Die Zeiger glänzen frisch poliert in goldenem Ton und der Sekundenzeiger, klein, dünn und kaum zu differenzieren, welche Farbe er besitzt, rast unaufhörlich im Wettstreit mit meinem Leben. Die goldenen Zeiger und der kleine graue Seelenfänger ticken um mein Leben. Die goldene Farbe soll Reichtum und Macht demonstrieren, sagt jedenfalls die Werbetafel des Herstellers. Doch die Annahme ist falsch, dass ich die Macht über das Leben besitze. Die Uhr besitzt die Macht der Zeitanzeige und die Zeit ist es, der alles Leben unterliegt.

In einer halben Stunde kommt meine kleine Denise aus der Schule und dann gibt es erst mal Mittagessen. Sie wird hereinstürmen und rufen: »Mama, machst du French Toast?« Und ich werde entgegnen: »Nein, Schatz, heute gibt’s mal gesunde Vollkornbrötchen.«

Dann wird sie sagen: »Elisabeth, ich mag dich nicht. Sonst machst du besseres Mittagessen. Du lässt ganz schön nach!« Sie wird mich aus Trotz bei meinem Vornamen nennen, die Treppe hochrennen, in ihr Kinderzimmer, demonstrativ ihr kleines Radio anstellen und laut Musik hören. So läuft das alle paar Tage, wenn ich mal wieder an unsere Ernährung denke, anstatt French Toast und Pizza zu machen. »Kinder …« Ich schüttele den Kopf. Dabei ist sie erst neun Jahre alt, wie soll das erst mit zwölf sein? Mit Schrecken denke ich an die Pubertät, das aufmüpfige Teenie-Verhalten und danach die Typen, die sie nach Hause bringt, und, und, und. Oh Gott, ich muss aufhören, darüber nachzudenken.

Mein Blick wandert zur Digitaluhr des Laptops, nur um sicherzugehen, dass ich den Zeitplan nicht verletze und Denise nicht schon vor der Tür steht. Für eine Mutter ist Timing alles. Ist das Essen mittags oder abends nicht rechtzeitig auf dem Tisch, lebe ich in einem Irrenhaus. Das ist immer so. Keine Frage wird öfter gestellt als die nach dem nächsten Essen. Ein tiefer Seufzer kommt mir über die Lippen.

 

Das Mittagessen ist schon seit drei Stunden vorbei, die besagte French-Toast-Frage kam und die berüchtigte Antwort folgte auf der Stelle. Nach dem Abwasch habe ich ein bisschen den Teich bepflanzt und die Einfahrt gekehrt. Ein ganz normales und stinkend langweiliges Vorstadtleben einer Mutter am Rand der größten Finanzmetropole Europas. Zwischen Essen und Teichbepflanzung kam auch noch Theresa vorbei, die Schwester meines Mannes. Sie spielte eine Weile mit Denise am Klettergerüst. So klapprig, wie es war, hatte Richard das Holzgerüst im Garten meiner Schwiegereltern ab- und an unserem neuen Eigenheim aufgebaut. Was man im eigenen Garten erlebt, vergisst man nie mehr. Diese Erinnerungen sind für die Ewigkeit. Denise lachte beim Abspringen von der Schaukel und Theresa riss jubelnd ihre Arme hoch. Das wird einmal eine schöne Erinnerung sein. Doch jetzt sind alle weg und Richard kommt bald von der Arbeit.

Endlich versüße ich mir die Zeit, in der mein kleiner Schatz seine Hausaufgaben machen muss, mit einer virtuellen Shoppingtour. Das geht immer zwischendurch, aber ich brauche Ruhe. Das muss man nur oft genug zu sich sagen, dann glaubt man es irgendwann und findet einen gerechten Grund, sich dieses Kleinod zu gönnen. Ich kann es nicht leiden, wenn ständig jemand um mich herumspringt. Das stört die Konzentration. In der Arbeit ist das dasselbe. Lässt man mich nachdenken, komme ich auf die abgefahrensten Ideen. Werde ich gestört, vergesse ich meine eigenen Gedanken.

Ich klappe meinen Laptop wieder auf. Er war die letzten zwei Stunden in Standby, auch wenn Richard mich immer ermahnt, ihn herunterzufahren. Egal wohin man navigiert, die geheime Cookie-Polizei ist schon vor dir da und weiß genau, was du gern hättest. Augenblicklich prangen überall Angebote, Vorbesteller-Rabatte und Schlussverkauf-Artikel mit den Dingen, die ich mir neulich schon angesehen hatte. Egal.

Ich bin im Himmel. Glänzende Perlen- und Glaskristallketten von Hermoda, die man variabel zusammensetzen kann, und die neuen gestreiften Armbänder für die M&S Uhren sind auch schon aufgelistet. Doch eines fehlt mir noch mehr, als mein Geld für unnötige Luxusgegenstände auszugeben. Urlaub! Sollte ich mir wirklich Gedanken darüber machen dürfen? Dr. Rasch versicherte mir, dieses Jahr dürfte ich wieder in einen Flieger steigen. Es dürften keine Komplikationen mehr auftreten. Das wäre ungewöhnlich, hat er gesagt. Doch, und ich sehe immer noch seinen erhobenen Zeigefinger, keine Interkontinentalflüge! Die Höhe, in der diese Flüge normalerweise stattfanden, könnten meine Lunge zu stark belasten und zum Kollabieren bringen. Ich komme der Bitte meines Arztes lieber nach. Hört sich nicht so prickelnd für mich an, also fallen Mauritius oder Australien wohl aus. Ich verschränke die Arme vor meiner Brust und kaue mir auf der Unterlippe herum. Es dauert einige Minuten, bis ich es wirklich wahrnehme. Ich sollte das unterlassen. Schließlich spiele ich noch eine Runde Labyrinth Run, mein Lieblingsspiel, in dem ein James-Bond-Verschnitt durch ein Straßengewirr flieht und man unterwegs Pistolenkugeln sammeln muss. Die Figur bleibt dabei nie stehen und mit jedem Level muss ich schnellere Entscheidungen treffen, denn manchmal biegt man falsch ab und wird von einem Auto oder einem … Mist. Wieder von einem Zug erfasst. Wer die Hinweise gut deutet, weiß am Ende wie er abbiegen muss, um nicht zu verlieren.

 

Zurück bei den Klamottenseiten finde ich dann das passende Sommeroutfit aus einem großen Markenoutlet. Perfekt. Ich bin mitten im Bummel-Rausch und höre gar keine Tür gehen, doch plötzlich legen sich zwei schwere Hände auf meine Schultern. Die können unmöglich von Denise stammen, fährt es mir durch den Kopf. Mein Körper zuckt zusammen und mein Atem versagt für einen kleinen Augenblick.

»Hallo Schatz, ein neuer Schal? Das hast du dir nach dem anstrengenden Tag sicherlich verdient«, sagt Richard ironisch mit seiner lieben und ruhigen Stimme.

Ich bin außer mir vor Schreck, drehe mich um und stehe im selben Moment auf. »Du Spinner, Spinner, Spinner! Ich glaub, bei dir piepts wohl, dich so anzuschleichen.« Außerdem ist das ein Pareo, kein Schal. Mein Herz rast und springt gefühlt auf und ab. Mit jedem Wort hämmere ich meine Fäuste härter gegen seine Brust. Mit jedem Schlag lassen mein Schreck und meine Wut nach. So ein Spatzenhirn. »Ich liebe dich«, sage ich wahrheitsgemäß. Er ist schließlich ein süßes Spatzenhirn.

»Ich wusste es.« Sein schiefes Lächeln sieht heute etwas verschoben aus. Kein Wunder bei den Brustschlägen, die ich ihm gerade verpasst habe. Hoffentlich japst er innerlich nach Luft.

»Nicht immer. Jetzt gerade wieder etwas weniger. Wieso erschreckst du mich so?« Meine Augenbraue zuckt einen Zentimeter nach oben. Er lächelt wieder, doch diesmal noch ein paar Grad schiefer. Ich kann ihm nicht lange böse sein, was er natürlich weiß.

»Damit kann ich hervorragend leben. Nachher liebst du mich dann …« Doch ich drücke ihm schon einen Kuss auf die Lippen.

»Schatz, du solltest was gegen deine rissigen Lippen unternehmen. Du bist kratzig«, sage ich lächelnd, während ich mit meiner Hand über seine Wange streiche und mich wieder dem Laptop zuwende. Ich stocke innerlich wie äußerlich und denke über seinen letzten Satz nach, den ich ihm so stürmisch abgesägt habe. Ich glaube, er sieht mir an, dass ich über seine Worte nachgrübele. »Nachher liebst du mich dann … was?«

Er grinst immer noch, sagt aber auch nichts weiter. Meine Geduld ist nicht lang, aber stabil. Will er mich ins Bett kriegen? Will er die Scheidung einreichen? Angst manifestiert sich in meinen Augen. Schluss damit!

»Zeit ist abgelaufen«, sage ich fordernd. »Jetzt will ich es aber wissen.« Er weiß ganz genau, dass ich Überraschungen hasse, die zu lange im Raum stehen. »Du weißt, dass Überraschungen nicht lange im Raum stehen dürfen, oder? Bleibt nur die Frage nach dem Was, dem Wieso und dem Wann?« Ich ziehe die Augenbrauen wieder hoch und blicke ihn über die rechte Schulter fragend an. Entweder er hat etwas angestellt und kommt gleich mit einer Kette um die Ecke, die er mir dann von hinten um den Hals legen will. Als ob mich das weniger wütend machen würde. Oder er hat etwas anderes vor, was mich tatsächlich überrascht. Hoffentlich nicht die Scheidung, aber dafür lächelt er zu viel. Würde er nicht sogar lächeln, wenn er sich für eine Scheidung entschieden hat? Richard räuspert sich und hockt sich sportlich neben mich, seine Arme lässig auf den Oberschenkeln liegend. Glücklich blickt er zu mir hoch.

»Also, ich habe mit Steffen und Jannis geredet. Sie sind einverstanden und übernehmen unsere Urlaubsplanung in den Kalender. Ich darf im Sommer blau machen, es passt perfekt mit den Schulferien und allem.«

»Aber was ist mit Steffen und Jannis?« Und wer sagt heute noch blau machen? »Die müssen doch durcharbeiten, wenn du fehlst!« Das Interesse für seine Kollegen ist nur meiner Höflichkeit geschuldet. Die Überstunden in der Joseph-von-Stein-Klinik gehören mittlerweile zum Tagesprogramm. Die Chefärzte und Chirurgen sind noch viel mieser dran und das gesamte Personal, vom Pfleger bis hin zur Oberschwester und sogar die Reinigungskräfte sind heillos übermüdet. Mehrere 24-Stunden-Dienste nacheinander sind die Regel und freie Tage natürlich Mangelware. Ich will gar nicht seine Überstundentabelle sehen. Ausbezahlt ist das sicher ein Kleinwagen. Wenn, dann braucht das Personal, auch Richard, seine freien Tage, um mal wieder auszuschlafen. Ich würde das ein einziges Fiasko nennen, wenn sie mich fragen würden, tut aber natürlich keiner. Aber jetzt hat er wirklich Urlaub bekommen. Es ist soweit. Die Freude schießt durch meinen Verstand und schlägt knisternd durch die Decke. So ein Hochgefühl habe ich sehr lange nicht mehr gespürt.

»Ich habe mit Kohlmann gesprochen. Er ist einverstanden, für die Zeit meines Urlaubs einen zusätzlichen Anästhesisten aus Marburg hinzuzuziehen, um die Fehlzeiten zu kompensieren. Wie gesagt, die großen Metropolen ringen um ihr Personal und die kleinen Unistädte schieben einen faulen Lenz.« Die Floskelkiste meines Mannes ist unergründlich. »Ist ja auch egal. Es ist geritzt, wir können endlich in den Urlaub fahren!«

»Oder fliegen«, füge ich hinzu.

»Oder fliegen. Wohl eher fliegen oder willst du nach Sylt?«

»Um Gottes willen, nein! Ich bin doch keine hundert!«

»Lanzarote? Rom? Budapest? Was auch immer du willst.« Er steht auf, wedelt mit seinen Händen umher und spricht in einem komisch hohen Akzent, der wohl französisch darstellen soll. »Öder wüllst dü lieber nach Pari, mon amour, die Stadt dör Lie-be?«

Lachend gebe ich ihm einen sanften Schlag auf die rechte Schulter. »Du Spinner, rede nie wieder so. Das macht mir Angst, wenn du Französisch redest.«

Wir lachen zwar, aber beinah hätte ich die dumpfen Schmerzen in meiner Brust vergessen. Ein wirklich übles Drücken, oder Pressen. Als würde jemand einfach durch meine Brust packen, wie ein Geist, und meine Lungenflügel streicheln. Es wäre alles so schön, aber ich bin einfach noch in der Abklingphase. Die Embolie liegt noch nicht so weit in der Vergangenheit, wie ich es haben will. In ein paar Wochen sollte ich mich von alledem erholt haben. Der Operation, den Schmerzen und dem Gefühl des Sterbens. Nicht einmal meinem ärgsten Feind würde ich einen Lungenkollaps wünschen. Das Gefühl, sein Leben überreizt zu haben und nie wieder heimkehren zu können. Nie wieder Rom zu sehen, oder sogar Sylt. Die Welt ist ein viel zu schöner Ort, um ihn einfach so verlassen zu müssen. Trotz seines furchtbaren Französisch gefallen mir seine Vorschläge. »Rom klingt gut. Ich habe Lust auf eine alte Stadt. Aber Schatz, wir waren schon so oft dort. Ich kenne mittlerweile jeden Stein und das Lieblingsrestaurant jedes deiner Arbeitskollegen und des Papstes, ich will etwas Neues sehen. Wie wär’s mit Spanien, da ist es auch warm, oder was hältst du von Ägypten oder Tel Aviv?« Ich umarme ihn und schaue mit einem Lächeln und wahrscheinlich, nein, hoffentlich riesengroßen Kulleraugen nach oben. Er wendet seinen Blick demonstrativ ab und grinst ins Leere. Doch dann blickt er mich ernst an.

»Du bist die schönste Frau, die ich kenne, und ich habe dich geheiratet wegen deiner wahnsinnig attraktiven blauen Augen und dem scharfen Fahrgestell.« Ich unterbreche ihn vor Fassungslosigkeit und spiele Empörung vor.

»Richard!«

»Schon gut! Vielleicht auch, weil du die intelligenteste, festgefahrenste Pläneschmiedin und liebevollste Frau …«, er macht eine kurze Pause, »… und jetzt auch Mutter bist, die ich je getroffen habe. Es gibt keine Frau, die dir das Wasser reichen kann, Schatz. Aber mal ganz im Ernst. Tel Aviv und Ägypten? Glaubst du nicht, dass das eine Nummer zu groß ist für den Anfang? Außerdem die ganzen Anschläge und Entführungen. Ich finde nicht, dass Nordafrika und der Nahe Osten ein geeignetes Reiseziel für einen Familienausflug sind! Spanien klingt da schon viel besser. Wir könnten nach Toledo, Madrid, Barcelona, Malle.«

»Nicht Malle, bitte!«

»Na gut, dann eben nach …« Er probiert ein paar Wörter aus, bekommt aber keines über die Lippen. Ihm fällt nichts mehr ein und er muss nachdenken. Triumphierend baue ich mich vor ihm auf und steige mit geschwellter Brust auf meine Zehenspitzen.

»Ha, du weißt auch nicht, wo es besser sein könnte. Also fliegen wir nach Ägypten? Schatz, bitte, da gibt es Pyramiden und alte Tempel und Museen und ganz tolle Badestrände. Wusstest du, dass Ägypten die erste Hochkultur war? Die haben bestimmt auch ein Museum für altertümliche Krankenhaussachen und Anästhesisten.«

»Du sagst es, war! Ägypten war mal eine schillernde Perle am Mittelmeer, aber jetzt ist es nur noch gefährlich. Da gibt es Attentäter und Religionskriege und Autobomben und Angriffe auf Christen in der Bevölkerung und vergiss die Krokodile nicht!« Er nickt ganz eifrig, als wäre damit der Punkt an ihn gegangen. »Krokodile, Schatz!« Kampf vertagt, morgen geht es wohl in die nächste Runde. Das hat keinen Zweck so. »Außerdem habe ich eine viel wichtigere Frage!« Da bin ich aber mal gespannt. Scheinbar ist ihm etwas Wichtigeres eingefallen als Urlaubsstreitgespräche, bei denen er gerade haushoch verliert. Er räuspert sich. »Es ist jetzt schon ziemlich lange her und es stand so lange ungefragt im Raum, da muss ich es jetzt einfach loswerden! Eli, es ist schon sechs Uhr durch. Was gibt es denn heute zu essen?«

Und ich dachte schon, jetzt kommt die schwerste aller schweren Fragen, nach der die Menschheit seit Anbeginn der Zeit eine Antwort sucht. Nein, mein Mann hat nur Hunger. Ich hätte es mir auch denken können. Als ob er sich nicht schon während der Arbeit eine Currywurst in der Kantine reingezogen hätte. Ich glaube, irgendwo liegen noch diese abgepackten Steaks aus dem Discounter, die müssen eh weg. Kurzerhand steht mein Menü für den heutigen Abend fest.

»Ich hätte noch köstliche Minutensteaks da, wenn das dem Herrn genehm ist?«

»Die Schuhsohlen? Warum kaufst du sowas immer? Am besten noch Pute. Ich bin ein Mann, ich brauche etwas Anständiges. Sowas wie Kotelett oder Rindergulasch zum Beispiel.«

»Ich gebe dir gleich Rindergulasch! Jeden Tag stehe ich in der Küche und ziehe mir hier Gerichte aus der Nase, um euch undankbaren Haufen satt zu bekommen und dann sowas. Ich fass es nicht!« Das kann er sich abschminken. Rindergulasch oder am besten gleich Entrecôte, dass ich nicht lache.

»Ich bin aber ein hart arbeitender …«

»Du bist Anästhesist, kein Bauarbeiter. Kannst noch was von den kleinen Schälchen von heute Mittag haben, Kartoffelauflauf mit Pfifferlingen. Basta!«

»Gab’s keinen Toast?«

Das hat er nicht gerade gefragt, oder? »Jetzt fängst du auch noch damit an. Ich bin von Irren umgeben in diesem Haus!« Oben geht leise die Tür auf.

»Ha, ich hab’s doch gesagt!«, ruft Denise von ihrem Zimmer aus die Treppe hinunter. Sie hat wohl das ganze Gespräch mitbekommen.

»Du hörst auch einen Floh im Dunkeln Trompete spielen. Hast du denn deine Hausaufgaben fertig gemacht, Fräulein? Ich komme gleich hoch, wehe, da fehlt was!« Meine Warnung trifft genau ins Ziel.

»Ja, schon vor einer Stunde. Ich bin doch nicht von gestern, Mama.« Genervt atmet sie aus und dreht sich wieder um. Ich warte noch, bis die knarzende Tür hinter ihr ins Schloss fällt.

»Hat sie die spitzen Ohren von dir?«

»Nein, meine Eltern sagten immer, ich hätte nie gehört, wenn man mir als Kind etwas gesagt hatte.«

»Nur als Kind?«, stelle ich fest. Ein von Herzen kommendes Lachen sprudelt unisono aus uns beiden heraus. Das sind die Momente, weshalb ich ihn liebe. Ein kleiner Streit, ein kleiner Witz und alles ist vergeben und vergessen. Ich liebe ihn, ich liebe ihn wirklich. Durch Richard habe ich leben gelernt. Bevor ich in die Küche gehe, um das Essen warm zu machen, gebe ich ihm noch einen Kuss auf seine rissigen Lippen und bitte ihn, den Tisch zu decken. Er lächelt wieder sein schiefes Grinsen.

 

*

 

Am Abend legen wir uns Arm in Arm auf die Couch und trinken ein Glas Wein. Ich kuschele mich in seinen grau-blauen Baumwollpulli. Sein Parfüm haftet ihm auch am Abend noch an. Die sinnliche Note kribbelt mir in der Nase und durchflutet mich. Ich bin im Rausch und er ist meine Droge. Ein paar blonde Strähnen kitzeln mich an der Wange. Ich streiche sie beiseite und suche schließlich seine Hand. Unsere Finger berühren sich und schieben sich perfekt passend ineinander. Ich liege in seinen Armen und fühle mich als ein Teil von ihm – ein Teil von uns. Da mein Lieblingswein bereits einem anderen schönen Abend zum Opfer gefallen ist, müssen wir das Weihnachtsgeschenk von Richards Onkel Christian öffnen. Ein rotes Teufelszeug mit Cognac-Note. Ich nippe und muss sofort husten. Der Teufel persönlich kratzt mir mit seinen Nägeln den Rachen hinab, Richard amüsiert sich prächtig. Meine Lunge spielt mit. Gott sei Dank. Keine Schmerzen, kein dumpfes Pochen im Innern, kein Stechen.

»Alles gut, Schatz? Ist er zu stark, soll ich ein Bier holen?«

»Alles gut. Geht schon wieder. Der Stoff ist nicht schlecht.« Er ist eine Katastrophe, aber sei’s drum.

»Am Abend wurde es doch sonst immer schlimmer?«

»Schatz, ich bemesse jeden Tag nur noch danach, um wie viel die Schmerzen der Therapie nachlassen. Sie verschwinden nur langsam. Das Leben gibt mir wohl ein wenig Lebensqualität zurück. Ich sehne mir den Tag herbei, wo wir endlich zusammen am Strand liegen und ich frei bin. Die Zeit wird mich schon wieder hinbiegen.« Ich nehme das Cognac-Gesöff und proste symbolisch gen Zimmerdecke. Hoffentlich beeilt sich die Zeit mit dem Heilungsprozess. Wer auch immer da oben wartet und auf uns aufpasst, vielen Dank. Meine Prüfung neigt sich dem Ende zu.

Richard schaut meinem Glas skeptisch nach und rümpft die Nase beim Betrachten der weißen Raufasertapete. »Schatz, unser Engel schläft da oben in ihrem Bettchen und trinkt keinen Cognac. Sie ist neun, du brauchst ihr nicht zuprosten« Ich lache, es soll stark klingen.

»Es geht einfach nur um den Akt der Dankbarkeit, dass alles überstanden ist und so. Ich bin gesund, endlich gesund.«

»Ist wirklich alles in Ordnung?«

»Warum sollte es das nicht?« Ich muss immer noch alle Nase lang aufs Klo rennen, weil mein Magensaft von dem Medikamentencocktail heillos unter den normalen ph-Wert getrieben wird und meine Magenschleimwand so schlimm entzündet ist, dass man es nicht mehr länger Sodbrennen nennen kann, sondern besser Höllenfeuer. Eigentlich ironisch, genau daher rührt unser Familienname. Bech kommt von dem altdeutschen Wort für Höllenfeuer. Auch Pech genannt.

»Eli, du konntest noch nie die Wahrheit vor mir verbergen. Tu nicht so als würde es dich nicht mitnehmen! Ich weiß, dass du immer noch Probleme hast und es mir nicht sagst. Es ist in Ordnung. Ich bin bei dir, ich hoffe das weißt du?«

Ich weiß, spreche es jedoch nicht aus. Die Serie im Fernsehen macht mich schläfrig. Ich höre in mich hinein und spüre tief in mir drin einen Druck. Ist es die Lunge oder die Heilung? Immer, wenn man zur Ruhe kommt, spürt man die unglaublichsten Sachen. Könnte der Druck von einer Fehlfunktion des Sauerstoffaustauschs in einigen meiner kleinen Lungenbläschen herrühren? Arbeiten sie richtig, oder stehen sie kurz vorm Kollaps und können den Druck nicht mehr verteilen? Ich muss aufhören, in mich hineinzuhören. Mit jedem Gedanken wird es schlimmer. Am Ende denke ich noch, dass meine Lunge versagt. Das alles nur wegen zu viel Zeit, in der man sich alles einbilden kann, was dem Kopf so einfällt.

»Du bist so still, alles in Ordnung?«

»Ich denke nur nach. Nichts Beunruhigendes. Ich liebe dich.«

Er nickt knapp und scheint selbst in Gedanken vertieft zu sein. »Hast du dir schon für morgen was zum Essen überlegt?«

Ich starrte ihn steinern an. »Das habe ich dir vorhin schon gesagt. Es gibt Schuhsohlen, die müssen weg! Hörst du eigentlich irgendwann mal zu, wenn ich etwas sage?« Mit einer perfekten Männerstimmen-Imitation rede ich weiter. »Wann muss ich zum Frisörtermin? Hast du schon Essen gemacht? Ist Denise immer noch in der Nachhilfe? Hab ich etwa was vergessen zu besorgen?«

Er klopft mir auf den Oberschenkel und will gerade etwas sagen, doch ich unterbreche ihn. »Das ist furchtbar. Denkst du eigentlich an irgendwas oder irgendwen? Immer dieses Gefrage, es geht mir auf den Geist, Richard. Bist du acht oder achtunddreißig?«

Er gibt mir noch einen Klaps und grinst dabei frech. Das macht mich echt rasend.

»Aber Sie, Frau Bech!« Er verzieht das Gesicht, schließt die Augen und macht ein mittelschweres Schnarchorchester nach. »Das muss ich mir jeden Abend anhören, während meine Lieblingssendung läuft oder irgendein cooler Film.«

Ich zucke desinteressiert die Schultern. Wenn er mich zu einer Schuldzuweisung bringen will, muss er früher aufstehen. Im selben Moment erhebt er wieder seine Stimme.

»Du pennst ein und augenblicklich gibt dein Kehlkopf ein schniefiges Brummen von sich, das ganze Urwälder abholzen könnte. Sogar Denise hat das schon geweckt und vertrau mir, wenn ich dir sage, dass deine ›Augenpflege‹ schneller wirkt als jede Betäubung!«

Ein Geräusch im Flur. Was war das? Plötzlich taucht Denise im Türrahmen auf. Das Parkett knarzt unter ihren vorsichtigen Schritten. Richard und ich drehen uns erstaunt um. Mein kleiner Engel steht, mit ihrem Lieblingsstofftier in den Armen und in einen blauen Pyjama mit rosa Herzchen gekleidet, im Eingang zum Wohnbereich.

»Mama. Du grummelst immer so laut, wenn du deine Augenpflege machst. Aber ich soll doch schlafen, das geht dann nicht so richtig. Ich höre euch übrigens bis nach oben!« Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll und gleichzeitig müde, was durch ihre häufigen Gähn-Attacken nochmals unterstrichen wird. Richard albert neben mir herum, wie ein Clown. Triumphierend hebt er die Hände nach oben und wirft Denise einen Kuss zu.

»Genau, mein Engel, du hast vollkommen recht. Danke für deine Unterstützung, endlich sagt es mal jemand! Mama und Papa sind auch gleich fertig. Richtig, Schatz?«

Richtig, Schatz? Ich dachte nicht im Traum daran, jetzt nachzugeben und meinen werten Ehegatten gewinnen zu lassen.

»Denise, du sollst längst im Bett liegen. Und wie man die Luftballon-Pappmaschee-Hüte für deine Kostümparty bastelt, das kann dir dein Papa morgen zeigen. Jetzt ab ins Bett!«

Wiederworte wollen gerade über ihre Lippen kommen, als ich sie wieder unterbreche. »Aber zackig!« Denise dreht sich augenblicklich um, linst noch einmal kurz über die Schulter und erkennt sofort meinen stechenden Blick. Ich höre noch zu, wie sie schnell die Treppe hochflitzt und sich ihre Tür schließt. Im gleichen Moment fängt Richard wieder an zu reden.

»Du bist hier die Kreative! Ich habe keine Ahnung, wie man aus Papier Hüte baut oder sowas.« Verwirrt zuckt er mit den Schultern.

Ich klopfe auf seinen Oberschenkel und verkünde feierlich: »Bekommst du schon hin, bist doch ein großer Papa.« Ich gebe ihm einen letzten Kuss auf sein Kinn. Ich kann meinen Kopf nicht so hoch heben, um seinen Mund zu erreichen. Gleich darauf schließe ich demonstrativ die Augen und versuche einzuschlafen. Es macht mir nichts aus, auf der harten, ausgelutschten Couch zu ruhen. Irgendwann trägt Richard mich schon hoch ins Bett. Das macht er immer so. Ein Grinsen huscht über meine Lippen. Ich habe gewonnen.

 

In der Nacht schreckt er mehrfach schweißgebadet auf. Albträume, die ihn schon seit längerem begleiten, rauben uns beiden den Schlaf. Womöglich treten sie vermehrt durch seinen Job auf, bei dem er täglich aufgeschnittene Leiber vor sich hat, und es kann mir kein Arzt erzählen, dass das ein schöner Anblick ist. Aber Heiner und Carla, meine Schwiegereltern, erzählen mir regelmäßig, dass er schon als Kind schlafwandelte und schreckliche Albträume ausleben musste.

---ENDE DER LESEPROBE---