Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung All die schönen Dinge - Ruth Olshan

Tammie hat eine Vorliebe für Pistazieneis. Und für Sprüche. Genauer gesagt: für Sprüche, die auf Grabsteinen stehen. Ein etwas ungewöhnliches Hobby für eine 16-Jährige. Weniger ungewöhnlich wird es, wenn man weiß, dass Tammie ein Aneurysma im Kopf hat. Es hat sich dort inmitten ihrer Synapsen bequem gemacht und kann jeden Moment explodieren. Oder eben nicht. Das ist die entscheidende Frage und um die kreist ziemlich viel in Tammies Leben. Erst als Tammie eines Tages auf dem Friedhof einen Jungen kennenlernt, der an Grabsteinen rüttelt, ändert sich von Grund auf alles für sie. "All die schönen Dinge" von Ruth Olshan ist die ideale Lektüre für alle, die John Green & Co lieben.

Meinungen über das E-Book All die schönen Dinge - Ruth Olshan

E-Book-Leseprobe All die schönen Dinge - Ruth Olshan

 

 

 

Für meine Freunde und meine Familie und für mis Härz

 

 

 

»Wenn man nicht drüber hinwegkommt, muss man drunter durch.«

1

Pistazieneis stirbt aus. Das ist nicht weiter aufregend. Es zeigt nur, dass Dinge verschwinden. Für mich ist Pistazieneis wichtig. Ich esse es, seit ich denken kann.

Wenn ich auf dem Friedhof einen Spruch finde, der mir gefällt, dann gönne ich mir ein Pistazieneis. Wenn ich keinen finde, auch. Aber mit Spruch schmeckt es besser. Das ist ein Ritual für mich geworden.

Meine Eltern sind irritiert darüber, dass ich auf Friedhöfen spazieren gehe, dabei gehe ich nicht spazieren. Ich recherchiere. Das Verschwinden ist mein Thema und das, was bleibt. Und an Gräbern recherchiert es sich am besten. Denn ein Friedhof ist ein friedlicher und ruhiger Ort. Alle schleichen herum, es wird nie laut gelacht, höchstens sanft gelächelt. Keiner rennt, keiner schreit. Man trauert, gießt Blumen, beäugt das Nachbargrab und erinnert sich an die Zeit, die seit dem tragischen Ereignis schon vergangen ist, bei dem er oder sie aus dem Leben gerissen wurde.

Wenn also ein Junge mit zu großen Schuhen, in einem schlabbernden schlammgrünen Arbeitsoverall und mit gelbem Bauarbeiterhelm auf dem Kopf plötzlich über den Friedhof joggt, fällt er auf. Er ist ein rennender Farbtupfer in dieser farblosen Idylle, der mich von meiner Recherche ablenkt.

»Fynn, komm mal, ich habe einen!« Die Stimme scheint aus dem Nichts zu kommen und passt genauso wenig hierher wie Jogger mit Helmen auf dem Kopf. Als ich mich umschaue, sehe ich weit und breit nur Grabsteine, die akkurat durch niedrige Buchsbaumhecken voneinander getrennt sind. Von der Richtung her könnte sich der Besitzer der Stimme in der Reihe hinter mir herumtreiben, verborgen von einem der Grabsteine.

Gelbhelm, der, wenn ich das richtig interpretiere, auf den Namen Fynn hört, dreht sich in Richtung der Stimme und rennt los. Offenbar jagt er mit seinem Kumpel etwas auf dem Friedhof.

Auch ich bin hier, weil ich jage, aber ich gehe davon aus, dass ich einen besseren Grund habe, den Frieden der Toten zu stören. Außerdem mache ich es leise und bin passabel angezogen.

Ich bin hier, weil ich Sprüche jage. Grabsprüche. Wie lange ich das noch mache, weiß ich nicht, schließlich könnte ich jeden Moment tot umfallen, hier und jetzt. Andererseits – wer könnte das nicht? Zumindest rein theoretisch?

Der jagende Fynn schert sich nicht um die Friedhofsordnung und wetzt einfach zwischen den Gräbern hindurch, wo nun ein zweiter Bauarbeiterhelm auftaucht.

Der Mann zum Helm ist aufgeregt. Er ist um einiges älter als Fynn und trägt die gleiche Kluft, wenn auch in der richtigen Größe. Arbeitskollegen vielleicht. Obwohl Fynn zu jung aussieht für einen Job auf dem Friedhof.

Ihre Aufregung macht mich neugierig. Ich möchte gerne wissen, wem oder was sie hinterherjagen. Um nicht indiskret zu sein, schlendere ich in einem Bogen um Fynn und seinen Kumpel herum.

Sie rütteln an einem Grabstein. Einer von rechts, der andere von links.

»Merkst du das? Merkst du das?« Der Ältere ist ganz hibbelig. Er ist kleiner und stämmiger als Fynn, tippelt nervös hin und her. »Er bewegt sich. Wir haben einen! Hab die Nummer schon notiert. Das heißt, hier gibt es noch mehr. Das ist wie mit den Pilzen. Die wachsen auch immer in Gangs.«

Fynn rüttelt weiter an dem Stein. In meinen Augen tut sich nichts, aber ich bin auch keine Grabsteinrüttelexpertin.

»Pilze wachsen nicht in Gangs, sondern in Ringen«, erklärt er und lächelt seinen Kumpel an.

»Meine ich doch, in Ringen.«

Der Kumpel geht zum nächsten Stein und rüttelt, dann weiter zum übernächsten und dann zu Nummer vier, fünf und immer weiter. Die Reihen vor und hinter ihnen erstrecken sich, so weit mein Blick reicht. Es ist ein großer Friedhof mit vielen Grabsteinen. Und es warten noch jede Menge ungerüttelte Steine. Sie scheinen in ihren Reihen dafür anzustehen. Für den Kumpel und Fynn eine schier endlose Aufgabe. Bevor Fynn ihm folgt, schielt er zu mir rüber und zuckt die Schultern, so als ob er mir sagen will: »Hey, ich kann nichts dafür, dass ich mit Idioten arbeiten muss.«

Dann schiebt er seinen Helm mit seinem Zeigefinger nach oben und lächelt mich an. Das habe ich bisher nur in Filmen bei Cowboys gesehen, bei Männern mit Übergewicht und gelben Zähnen, die gerade noch ein paar Menschen gekillt haben und jetzt weitere Morde planen.

Fynns Zähne sind blendend weiß. Der rechte Eckzahn tanzt aus der Reihe und lehnt sich an den Schneidezahn. Dafür schauen mich seine Augen ziemlich gerade an. Und dann dreht er sich um und geht. Bei jedem Schritt machen seine Schuhe ein komisches Geräusch. Es erinnert mich an das Putzen der Wanne mit Scheuerpulver. Seine Ferse schubbert sich wahrscheinlich gerade wund an dem groben Leder der Schuhe. Fynn geht im Zickzack durch die Gräberreihen, springt über einige Hecken. Sein Gang, seine Sprünge – alles elegant trotz der groben Kluft.

Ich versuche mich wieder auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Langsam schreite ich meine Reihe ab. Bei genauerer Betrachtung ähneln sich die Steine nicht, sie haben unterschiedliche Größen und Formen, sind mit Blumen, Ornamenten und einige sogar mit Skulpturen verziert. Eine Steinlilie reckt sich seitlich aus einem grau melierten Stein empor. »In Liebe«, lese ich. Und auf einem Stein daneben, den zwei sich haltende Hände zieren, steht: »Du bist zu früh von uns gegangen. Deine dich liebende …«

Die Sprüche sprühen nicht gerade vor Kreativität. Wüsste ich es nicht besser, würde ich glauben, sie hätten alle voneinander abgeschrieben. Die Angehörigen natürlich. Der Tote hat sich wahrscheinlich nicht darum gekümmert oder es war ihm egal, und nun muss er mit diesem Ergebnis bis in alle Ewigkeit leben. Mir soll das nicht passieren. Ich kümmere mich vorher um meinen Grabspruch.

In Gedanken gehe ich meine heutige Ausbeute durch, die ziemlich mickrig ist. Das könnte daran liegen, dass ich mich nicht immer daran erinnere, wo ich schon gesucht habe und wo nicht. Mein Navi im Kopf ist eine Niete, und ich leide darunter. Oft laufe ich dieselben Gänge ab und merke es erst, wenn ich die Blumenarrangements wiedererkenne. Die Bezifferung der Friedhofsparzellen ist mir auch ein Rätsel.

Einer meiner Orientierungspunkte ist Frau Blumentopf. Ihr Grab steht mittendrin, irgendwo zwischen Gang sieben und Gang zwölf. Es ist ein schmuckloses Grab, bis auf die gelben Blumen, die dort stehen. Neben den vielen roten Nelken, roten Rosen und Geranien wirken diese kleinen gelben Feld- und Wiesenblumen sehr schlicht. Frau Blumentopf hat bisher den witzigsten Namen, den ich ausmachen konnte. Ihr Stein ist farbig. Roter Marmor mit weißen Tupfen und goldener Schrift. Er sieht aus wie das Muster eines Katzenfells.

Ich stelle mich neben den Stein und berühre ihn. Er fühlt sich kalt an, wie jeder Stein. Sie hat sich sicher viele Witze über ihren Namen anhören müssen. Hoffentlich war sie nicht Lehrerin. Schüler können gnadenlos mit Lehrern sein, mit ihrem Aussehen, Namen, Verhalten. Sie hat wahrscheinlich allein wegen ihres Namens viele Schlachten führen müssen. Und sie hat sie sicher alle gewonnen, denn abgelegt hat sie ihn ja nicht. Also war Frau Blumentopf ein aufrechter Mensch, so aufrecht, wie ihr Grabstein in der Erde steht.

Es ist zu verlockend. Ich rüttele an dem Stein. Er bewegt sich zum Glück nicht. Was hätte ich getan, wenn Frau Blumentopf unter einem wackeligen Stein liegen würde? Auch als ich den Stein umarme und ihn mit meinem ganzen Körpergewicht zu bewegen versuche, passiert nichts. Dafür ist mein Verhalten ziemlich peinlich.

»Ein paar bunte Steine mehr wären schön.«

Fynns Stimme ist tief, kratzt aber ein bisschen in seinem Hals und auch an mir. Ich lasse den Stein los. Ich sehe Fynn nicht, aber dass er hinter mir steht, spüre ich. Das wäre jetzt der richtige Augenblick für eine lässige Antwort. Stattdessen bleibe ich an Frau Blumentopfs Grabstein kleben und denke darüber nach, was jetzt am besten zu tun ist.

Ich denke immer zuerst, dann agiere ich. Und dabei hilft mir meine persönliche Pufferzone, die, im Gegensatz zu meinem Orientierungssinn, noch funktioniert. Das bedeutet: Man muss Abstand zu mir halten.

Meine Eltern zum Beispiel rücken leider immer nah an mich ran, wenn sie etwas Wichtiges zu verkünden haben. Sie schauen mir direkt ins Gesicht. »Tammie, das ist jetzt wichtig«, sagen sie. Und dann rücken sie noch weiter an mich ran. Sie dringen mit ihren hysterischen Bewegungen direkt in meine Pufferzone, und das tut weh. Nicht körperlich. Es sind die Gedanken, die in der Luft hin und her wirbeln, die mich schmerzen. Deshalb wird von mir behauptet, ich sei sensibel. Dabei mag ich es einfach nicht, wenn man vor meinem Gesicht rumfuchtelt. In diesem Moment steht Fynn ziemlich nah an mir dran. Ein bisschen zu nah.

Ich drehe mich um. Er sieht anders aus, so ohne Helm und Übergrößen-Overall. Er trägt eine passable Jeans und einen Pullover.

»Warum müssen Grabsteine grau oder weiß sein?« Seine Augen strahlen. »Steine gibt es doch in allen Farben.«

»Keine Ahnung.« Interessante Frage, auf die ich keine Antwort habe, und zu mehr als Gemurmel bin ich gerade auch nicht fähig. Und ich bin knallrot im Gesicht. So unauffällig wie möglich wische ich mir die Moosreste von meiner Jacke. Frau Blumentopfs Grabstein ist schon lange nicht mehr gesäubert worden.

»Die Blumentopf mochte es bunt«, sagt Fynn.

»Ist eine schöne Idee mit den bunten Grabsteinen.« Ich versuche, gelassen zu klingen. Das Bild von einem bunten Friedhof taucht vor mir auf. Zwischen farbigen Grabsteinen würde ich mich besser zurechtfinden.

»Hat sich der Stein bewegt?« Fynn kommt noch näher und rüttelt an Frau Blumentopf.

»Nein, ich habe nichts gemerkt.«

»Du würdest es auch nicht merken. Man muss in der Diagonale rütteln, um das festzustellen.«

Fynn versucht, den Stein diagonal zum Schaukeln zu bringen, aber Frau Blumentopf bleibt stur.

»Ohne Sicherheitsbekleidung darf ich das eigentlich nicht.« Fynn lässt die Blumentopf los. »Außerdem habe ich Feierabend.«

Er lächelt mich an. Sein Eckzahn fällt mir wieder auf. Weil er grundlos lächelt, lächele ich grundlos zurück.

»Schön, dann genieße deinen Feierabend.«

»Danke, und du deinen Spaziergang.«

Während ich weiterschlendere, grübele ich darüber nach, warum Fynn davon ausgeht, dass ich auf einem Friedhof spazieren gehe. Ich könnte doch auch die trauernde Angehörige von Opa, Oma, Tante oder sonst wem sein.

Ich biege am großen Weg nach rechts ab, in dieser Richtung müsste der Ausgang liegen. An der nächsten Weggabelung muss ich mich entscheiden und nehme den linken Gang. Vor mir erstrecken sich wieder unendlich viele Grabsteine in fein säuberlichen Reihen, und bald bin ich verloren. Es ist albern, aber ich verlaufe mich immer und überall. Jetzt sehe ich nicht einmal mehr den Ausgang vom Friedhof. Ich gehe im Zickzack durch die Gräber und komme bald wieder an Fynn vorbei, der sich mit einer älteren Dame unterhält. Ich nicke ihm freundlich zu und beschleunige meinen Schritt. Ein schneller Schritt gaukelt Zielgerichtetheit vor. Und genauso zielgerichtet endet mein Weg an der Friedhofsmauer, aber wenn ich an ihr entlanggehe, komme ich sicher irgendwann zum Ausgang. Fynn schielt zu mir rüber.

Jetzt sollte ich irgendwas tun. Ich rupfe ein paar Geranienblüten von einem Grab und entschuldige mich bei den Blumen für diese sinnlose Zerstörung. Ausgerechnet bei einem Mann mit dem Namen »Markus Lebenich« bin ich gelandet. Sein Grabspruch ist allerdings interessant: »So wie ich auch du«.

Das klingt geheimnisvoll.

Es spricht mich direkt an. Ich mache ein Foto von der Inschrift. Aus dem Augenwinkel sehe ich Fynn auf mich zukommen.

»Der Ausgang liegt in der anderen Richtung.« Er zeigt mit dem Finger dorthin, wo ich niemals hingegangen wäre.

»Ich begleite dich. Will auch nach Hause.«

Ich will das eigentlich nicht, ich meine, nach Hause, ich will nur wissen, wo ich bin. Aber trotzdem laufe ich brav neben ihm her.

»Wieso musst du an Grabsteinen rütteln?«, frage ich irgendwann die Frage, die mich wirklich beschäftigt.

»Vorschrift, eine neue, und eine ziemlich dumme. Wir müssen einmal im Jahr prüfen, ob die Steine fest genug stehen. Durch das Rütteln lockern sie sich aber erst recht.«

»Und wenn sie wackeln, was dann?«

»Dann gibt es einen neuen. Der Steinmetz freut sich, und die Angehörigen fluchen. Grabsteine sind verdammt teuer.«

»Und alle haben die gleiche Farbe.« Ich versuche, irgendetwas Schlaues zur Konversation beizusteuern.

Wir sind am Ausgang angekommen. Ich schaue mich nochmals zu den Grabsteinen um. So viele Tote unter der Erde von einem schweren Stein beschützt oder gestört? Einige der Steine ragen machtvoll wie riesige Throne über den anderen empor, glänzen in poliertem Schwarz. Nur wenige schimmern in leuchtendem Weiß zwischen ihren großen Nachbarn durch. Sie sind schlicht, zurückhaltend und sind gerade deswegen so interessant. Tatsächlich haben die meisten Menschen entschieden, auch als Tote lieber unauffällig in der Masse unterzugehen. Die meisten tragen Grau.

»Vielen Dank.«

»Gerne. Bis zum nächsten Mal.«

Fynn hat grüne Augen mit blauen Tupfen und unverschämt langen Wimpern für einen Jungen. Ich werde über einen roten Stein nachdenken.

2

Meine Mutter setzt sich seufzend auf das Bett und fixiert meine Schulter mit ihrem Blick. Es ist Abend geworden, ich sitze am Computer und drucke Lebenichs Foto aus. Sie seufzt noch mal. Ich kenne dieses Seufzen.

»Hast du etwas gefunden?«, fragt sie schließlich.

Ich antworte nicht, aber sie erwartet auch keine Antwort. Nicht wirklich. Stattdessen steht sie abrupt auf und geht an den Bildern entlang, die, mit Pinnnadeln befestigt, an meiner Wand hängen. Dann hat sie das neue Bild gefunden.

»So wie ich auch du«, murmelt sie. »Der arme Kerl. So jung gestorben.«

»Mama, ich muss Hausaufgaben machen.«

»Ach Liebes, das ist jetzt wichtig.« Statt zu gehen, setzt sie sich wieder aufs Bett. Sie schaut mich mit ihren großen Augen an und sagt nichts. Es ist immer das gleiche Spiel. Sie wartet, bis ich ihr erzähle, wie es mir geht.

Also spiele ich mit.

»Es geht mir gut, Mama. Ich mag den Friedhof, und ich lerne da auch was.«

»Was denn, Liebes?« Sie hat die Wir-müssen-uns-aussprechen-Sitzposition eingenommen. Ich weiß, dass sie es gut meint. Ich und mein Kinderpsychologe haben oft besprochen, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. Aber heute ertrage ich diesen Mutterblick schlecht.

»Ich lerne, dass Grabsteine nie bunt sind.«

»Und?«

»Was, und?«

»Und was lernst du daraus?«

»Das ist eine … ich lerne eben.«

»Fürs Leben?« Ihre Stimme klingt plötzlich erstickt, der Moment, wenn sie ihre Traurigkeit nicht mehr für sich behalten kann.

»Mama, bitte. Hausaufgaben.«

Sie nickt und streichelt mir lächelnd den Kopf. Früher habe ich diese Vertrautheit zwischen uns geliebt. Auch heute noch, aber das merke ich immer erst, wenn sie schon wieder vorbei ist. Irgendwie und irgendwann sind uns die liebevollen Gesten in den Ärztezimmern und zwischen den Untersuchungen verloren gegangen.

Ihr Blick schweift über die Bilder. »Das sind schöne Bilder. Du hast ein gutes Auge.« Sie betrachtet konzentriert die Fotografien, und das gibt mir Zeit, sie anzuschauen. Die Querfalten auf ihrer Stirn sind tiefer geworden. Sie macht sich Sorgen.

Das ist eine Dauerbeschäftigung meiner Eltern. Der Grund für das Sich-Sorgen-Machen bin ich. Als die Ärzte den Blutklumpen in meinem Gehirn gefunden haben, sind meine Eltern erst in sich zusammengefallen, um dann Rettungsmaßnahmen einzuleiten. Der Fachbegriff für das, was bei mir entdeckt wurde, ist Aneurysma. Das ist ein Blutsack, der eine Arterie irgendwo im Körper vergrößert. In meinem Fall im Gehirn. Wenn er platzt und das Blut mein Gehirn überschwemmt, ist das wie bei einem Tsunami, der sich über eng bebaute Straßen ergießt und alles mit sich reißt. Und ich sterbe dann oder ende als Fallobst im Rollstuhl.

Im Gehirn ist einfach kein Platz für eine Extraportion Blut. Und wenn es nicht platzt, lebe ich fröhlich weiter.

Genau das ist das Problem. Ich habe eine Zeitbombe im Hirn, von der man nicht sagen kann, wann sie hochgehen wird. Man kann noch nicht mal sagen, ob sie überhaupt hochgehen wird. Und Rettungsmaßnahmen wie gesundes Essen, Befragung von Spezialisten und harmonisches Beisammensein in der Familie sind nicht wirklich effektiv. Der Tod beachtet sie herzlich wenig, und die Bombe tickt weiter. Aber schlimmer als den Tod als ständigen Begleiter zu haben, ist vermutlich, wenn das eigene Kind den Tod als ständigen Begleiter hat.

Meine Mutter wird trauern, wenn ich weg bin. Sie wird ein Kind verlieren. Ich werde die Generationenabfolge einfach über den Haufen werfen und sie mit ihrem Unglück alleine lassen.

Es tut weh, meine Mutter so zu sehen. Gleichzeitig macht es mich wahnsinnig.

»Mama? Ist noch was?«

Meine Mutter erwacht aus ihrer Versunkenheit und steht endlich auf.

»Kannst du bitte nachher noch die Kartoffeln schälen?«

»Ben ist heute dran.«

»Ben ist erwachsen und lässt sich nichts mehr von uns sagen.«

»Er isst doch mit.«

»So erwachsen ist er auch wieder nicht.«

Meine Mutter geht. Ich drucke mir ein Foto von Frau Blumentopfs rot geschecktem Grabstein aus und hänge es in die Bilderreihe. Es ist der einzige Farbtupfer in dieser Sammlung. Und es gefällt mir.

3

»Der Typ ist nur achtzehn geworden.« Pat, die nach dem Abendessen noch vorbeigekommen ist, fläzt sich auf meinem Bett herum und feilt ihre Nägel. »Tragisch. Das heißt, wir haben noch zwei Jahre. Du vielleicht weniger.« Ihr Grinsen zeigt, dass sie mich sehr liebt. Sie hält das Foto von Lebenichs Grab in ihren Händen. »Aber bei dem Namen! Was soll man da erwarten?«

Lebenich ist tatsächlich jung gestorben, und ich frage mich, woran. Auf keinem der Grabsteine steht, woran der Mensch gestorben ist.

Als ob Pat meine Gedanken hören kann, murmelt sie vor sich hin: »Warum der wohl so früh gestorben ist? Das könnte Stoff für eine schöne Gruselgeschichte sein.«

»Oder für eine Liebesgeschichte.«

Ich sitze neben ihr und drehe ihre Locken mit meinen Fingern auf. Sie hat wilde, braune Locken. Eine Herausforderung für jeden Friseur oder für beste Freundinnen. Wenn ich eine von ihren Haarsträhnen fest um meinen Finger drehe und mit Spucke an die Haut klebe, muss ich ihn schnell aus dem Haarsträhnenkonstrukt rausziehen. Dann wird daraus eine Korkenzieherlocke, die mit Pats Bewegungen mitwippt. Fast so, als ob die Locke mitdenken oder mitsprechen würde. Pat macht es nichts aus, dass ich ihre Haare mit meiner Spucke festklebe. Sie hebt den Blick von ihrem eingerissenen Fingernagel.

»Liebesgeschichte?« Pats graugrüner Blick fixiert mich. »Was ist passiert?«

»Nichts.«

»Und wie heißt dieses Nichts?« Sie ändert die Befragungstaktik.

»Wie kommst du darauf, dass Nichts einen Namen hat?«

»Weil Liebesgeschichten nicht dein Ding sind. Zu schnulzig.«

Pat kennt mich gut. »Fynn«, erwidere ich. »Fynn heißt es.«

»Und was macht Fynn?«

»Er rüttelt an Grabsteinen.«

Pat ist oft laut, auch ihr Lachen, das sie meistens mit irgendeiner großen Bewegung kombiniert. Sie springt auf, stampft mit den Füßen oder schlägt sich auf die Oberschenkel. Dieses Mal rollt sie mit den Beinen nach hinten. Im Yoga heißt diese Übung »Pflug« und hilft, die weiblichen Geschlechtsorgane besser zu durchbluten. Ich darf solche Übungen nicht machen. Alles, was den Blutfluss in die falsche Richtung lenkt, ist tabu. Der Druck im Kopf darf sich nicht erhöhen. Dass mein Blutgerinnsel mein Gehirn noch nicht überschwemmt und mein Nervensystem ausgeschaltet hat, gleicht einem Wunder, sagen die Ärzte.

Pat ist wenig elegant, wenn sie lacht. Sie ist herzlich und ehrlich, und ich liebe sie dafür. Eine kleine Speckrolle stülpt sich über den Bauchnabel. Es sieht so aus, als ob sie kaum Luft bekommt, aber sie lacht immer noch, bis ich mit ihr mitlache.

»Er arbeitet auf dem Friedhof. Mehr weiß ich nicht über ihn.«

»Vielleicht weiß er was über Lebenich.« Pat beruhigt sich, liegt ausgestreckt auf meiner ruinierten Bettdeko. Ich sortiere sie neu. Kissen und Stofftiere, für die ich zu alt bin, von denen ich mich eigentlich trennen müsste. Pat macht mit. Sie weiß, dass ich Unordnung nicht mag.

»Warum sollte es mich interessieren, wie Lebenich gestorben ist?«

»Weil es so viele Möglichkeiten zu sterben gibt. Du hast dir eine ziemlich gute ausgesucht. Du wirst einfach umfallen, und weg bist du. Ich finde, das ist eine optimale Art, ins Gras zu beißen. Ich bin mir sicher, dass Lebenich einen grässlichen Tod hatte. Im Gegensatz zu ihm wirst du einfach von jetzt auf gleich tot sein. Kurz und hoffentlich schmerzlos.« Und dann, nach einer kurzen Pause, fügt sie noch hinzu: »Aber genau weiß man es ja nicht, und wie es Lebenich erging auch nicht.«

»Pat, hör jetzt auf.«

Wir werden beide still. Bei Pat kann ich mich fallen lassen. Ich schluchze ihr das T-Shirt voll, und sie streichelt mir den Kopf, hält mich eine Weile fest und sagt nichts. Mein Weinen ist leise. Ich will nicht, dass meine Familie etwas mitbekommt. Jetzt versucht Pat, auf meinem Kopf Korkenzieherlocken zu basteln.

»Wir müssen unbedingt was mit deinen Haaren machen, wenn du das nächste Mal auf den Friedhof gehst«, flüstert sie.

Wenn man durch verheulte Augen schaut, sieht man die Welt verschwommen, aber ich bemerke, dass auch Pat geweint hat. Dieses Mal war sie nicht laut. Dieses Mal hat sie mit mir getrauert, so wie ich mit ihr gelacht habe.

»Dieser Fynn – er gefällt dir, oder?«

Pat hat recht. Fynn gefällt mir, und er rüttelt an Gräbern, hat einen entzückenden Eckzahn und blau getupfte Augen. Ich habe dackelblonde Haare und ein kurzes Leben vor mir. Ich darf kein Chaos hinterlassen. Der Schmerz, den ich den anderen zufügen werde, ist Bürde genug.

4

Meine Mutter hat sich nach meiner Diagnose in Haushaltsaktivitäten gestürzt. Dazu gehört eine regelmäßige Entmistung von Dingen, die angeschafft wurden, oft vor nicht einmal allzu langer Zeit. Sie will daraus immer eine Familienaktion machen, aber irgendwie schaffen es mein Bruder und mein Vater jedes Mal, sich vor dieser Aufgabe zu drücken. Und eigentlich mistet sie auch nicht aus, eigentlich sortiert sie den Mist nur um.

Zwei Tage später ist es wieder so weit. Meine Mutter und ich sind nach der Schule im Keller verabredet. Wir müssen dafür einen Zeitpunkt festlegen, weil kein Mensch freiwillig allein in unseren Keller geht. Ich eigentlich auch nicht. Da unten ist es dunkel, schimmelig, Ratten huschen vorbei, doch wirklich fürchterlich ist: Man weiß nie, was man da unten findet. Es ist eine gruselige Schatzsuche. Ich bringe es aber nie über mich, meine Mutter bei diesem Abenteuer alleine zu lassen.

Die Unordnung im Keller ist grässlich. Überall liegt Müll rum, den meine Eltern zu Antiquitäten deklarieren. Eine Ecke ist vollkommen mit schiefen Zeitungsstapeln zugestellt. Es gibt kein System, keine Ordnung hier unten. »Kreatives Chaos« nennt es meine Mutter. »Rücklagen« mein Vater. Die Frage ist nur, Rücklagen wofür?

Jedenfalls werden sie zu jedem Frühlingsbeginn angegriffen, wenn ein Sonntag auf dem Flohmarkt eingeplant wird. Also kaufen wir Sachen, die wir im muffigen, schimmeligen Keller einlagern, um sie dann auf dem Flohmarkt zu verkaufen, meistens für so wenig Geld, dass wir gerade noch so zusammen essen gehen können – manchmal sogar zu unserem Lieblingsitaliener.

Der Rest der Sachen, den wir nicht verkauft haben, wandert zurück in den Keller und mieft bis zum nächsten Flohmarkt weiter vor sich hin.

Nun stehe ich also wieder hier unten, atme die Schimmelsporen ein und verstehe wie jedes Mal den Aufwand nicht. Aber vielleicht ist es für meine Mutter eine Art Ritual, das sie nicht loslassen kann? So oder so, sie gibt alles, wie immer.

Gerade wuchtet sie stöhnend schmierige Möbel von einer Ecke zur anderen, auf der Suche nach irgendeinem Kästchen einer verstorbenen Tante, das sie gewinnbringend verkaufen will.

Ich helfe ihr, bin aber nicht richtig bei der Sache. Hinter einem zerfledderten Korbsessel stoße ich auf meine alten Spielsachen. Meine Eltern haben sie alle aufgehoben, auch die kaputten. Mein Vater will sie seit Jahren reparieren und sie armen Kindern spenden. Wäre ich ein armes Kind, würde ich diese verkrumpelten Dinge gar nicht haben wollen. Sie stinken, haben sich durch die Feuchtigkeit verbogen und verstecken sich unter einer Staubschicht.

Während meine Mutter Kartons aufklappt und Stapel verschiebt, greife ich nach einer Mülltüte und fange an, mein altes Zeug wegzuwerfen. Ich schaffe es bis zu einem einäugigen Plastikclown mit giftgrünem Kostüm und dreieckiger Nase, als meine Mutter merkt, was ich mache.

»Nein, den kannst du doch nicht einfach wegschmeißen.«

»Es ist mein Clown. Er kommt weg.« Den Clown mochte ich nie, ich habe ihn sogar vor meinen Freunden versteckt.

»Ich habe ihn gekauft. Er bleibt da.«

Um des Friedens willen schmeiße ich den Clown wieder auf einen Haufen mit Stofftieren. Einige haben die Mäuse angenagt. Ihnen fehlen Pfoten, Nasen, oder ihr Innenleben quillt aus ihnen raus. Sie liegen kreuz und quer und übereinander.

»Wie sieht denn das Ding aus, das du suchst?«, frage ich und wende mich ihr zu. Wir sind mittlerweile beide ein wenig müde von der Aufräumaktion. Meiner Mutter hängen filigrane Spinnweben vom Haar seitlich über ihre Ohren. Ein etwas dickerer Faden hat sich an ihrer Nase festgekrallt. Sie kratzt sich im Gesicht, um ihn loszuwerden. »Ein Kasten eben, mit Sachen drin.«

Sie versucht systematisch vorzugehen. Nachdem sie in jeden Karton reingeschaut hat, schiebt sie einen nach dem anderen in eine frei stehende Ecke und stapelt sie übereinander. Wenn sie die Pappe über den Boden schiebt, wirbelt sie eine Menge Staub auf. Atmen ist unmöglich. Bald sind die aufgetürmten Stapel so hoch, dass man nur noch mit Mühe weitere Dinge auf die oberen legen kann. Außerdem steht der Turm schief und wackelt. Meine Mutter ignoriert den Dreck und den Staub, hat sich jetzt in Rage gearbeitet. Schließlich erreichen wir die Zeitungsstapel. Mit einem Griff nimmt sie einen Packen und – greift durch ihn hindurch. Die Bewegung wirbelt kleinste Partikel auf. Wolken aus bunten Schnipseln und Staub tanzen in einer hauchfeinen, dunstigen Formation in alle Richtungen. Die Zeitungen haben sich von innen komplett aufgelöst und nur noch eine Hülle stehen lassen. Meine Mutter ist drauf reingefallen. Sie hat gedacht, dass Papier ewig weiterlebt, dabei hat es in all den Jahren nur so getan, als ob es noch in unserer Welt bestehen würde.

Die Dunstkreationen schweben langsam zu Boden. Es ist magisch. Beim Landen sucht sich jedes einzelne Staubkörnchen und Teilchen einen neuen Platz.

»Gut, dann müssen wir da nicht ran.«

Meine Mutter macht weiter. Das ist eine ihrer guten Eigenschaften. Sie akzeptiert den Status quo und kümmert sich nicht um Verluste von gestern. Die Zeitungen sind unwiederbringlich verloren, aber vor uns liegt noch ein ganzer Berg an Sachen, und genau hier setzt sie neu an. Sie verschiebt weiter Zeug und bahnt sich einen Weg durch das Chaos. Wir haben eindeutig zu viele Dinge gehortet.

Ein riesiges Plastikgebilde deckt einen Berg zu: unser altes Schlauchboot. Es ist an einigen Stellen gerissen, hängt schlaff über einer zerkratzten Stehlampe und weiteren Kisten. Meine Mutter hat alle Mühe, den unhandlichen Kram zu bewegen, heißt, sie ist abgelenkt, und ich kann mich wieder meinem Clown zuwenden.

Meine Spielsachen schaffen es selten mit auf den Flohmarkt. Meine Mutter hängt an ihnen. Ich nicht. Wenn sich doch mal eins dorthin verirrt und sich erstaunlicherweise jemand dafür interessiert, dann feilscht sie so lange um den Preis, setzt ihn so astronomisch hoch an und blufft mit »antik« hier und »Sammlerstück« da, bis die Interessenten amüsiert oder beleidigt unseren Stand verlassen. Auch der Clown ist so ein Sammlerstück, der aufgrund seines ramponierten Zustands für wertvoll erklärt wurde. Patina, angeblich. Dabei fristet er sein Dasein mit Schimmelpilzen und Mikroben in einem feuchten, dunklen Keller. Er wird von seinen Artgenossen, die auf einem Haufen über ihm liegen, erdrückt und von Bakterien aufgefressen. Das arme Ding leidet.

Der Clown muss weg. Als meine Mutter nicht in meine Richtung schaut, stopfe ich ihn in eine Tüte und bringe sie sofort raus in den Müll. Ich lerne dazu. Alles mit meiner Mutter zu besprechen, ist nicht immer hilfreich.

Die nächsten Stunden verbringen wir damit, muffige Bücher und feuchte Klamotten auszulüften. Sie bemerkt gar nicht, dass ich den Clown gekillt habe. Sie vermisst ihn nicht – und das ist gut so, denn das heißt, ich kann noch weitere Dinge an ihr vorbeischmuggeln. Ich beginne mit den angefressenen rosa Stoffmäusen. Dann ziehe ich ein paar meiner alten CDs unter einem Stapel hervor. Jedes Ding kommt in eine kleine Tüte und wird sorgsam zwischen dem Müll versteckt. Und mit jedem Spielzeug, das ich wegwerfe, werde ich leichter. Gianni, unser Lieblingsitaliener, wird mir das Tiramisu wahrscheinlich spendieren müssen, weil ich Kapitalmasse vernichte, dennoch: Es fühlt sich großartig an. Es fühlt sich großartig an, Lücken entstehen zu lassen.

Ich wünschte, ich könnte mein Gehirn auch so leicht entrümpeln.

5

Nach der Wir-planen-einen-Flohmarkt-Aktion muss ich mir dringend den Dreck von der Haut duschen. Das warme Wasser tut gut. Ich traue mich nie, zu heiß zu duschen, aus Sorge, es würde mein Blut erhitzen, verdicken und mich zum Platzen bringen. Medizinisch gesehen ist das reiner Unfug, aber medizinisch gesehen ist ein Aneurysma im Kopf einer gesunden Sechzehnjährigen auch Unfug. Ich habe mir bisher überhaupt keine Exzesse geleistet. Keine Drogen, selten Partys, keine hormonellen Verwirrungen und deswegen auch kein Sex, von gesundheitsgefährdendem Sex mit Orgasmus ganz zu schweigen. Orgasmen sind Explosionen im Nervensystem. In meinem könnte das zum Tod führen. So hat mir das der Neurologe erklärt und damit gleichzeitig eine Warnung ausgesprochen. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen. Es besteht überhaupt keine Gefahr, dass ich als nymphomanische Selbstmörderin draufgehe. Ich lebe derart nonnengleich. Ich finde mich selbst todlangweilig.

Kaum hatte der Arzt damals in der Spezialsprechstunde seine kurze Rede beendet, wollte meine Mutter mit ihm eine Diskussion anfangen. Sie ist eine echte Feministin und feiert die Natur der Frau. Ob er damit meinen würde, ihre Tochter solle enthaltsam leben?

»Das habe ich nicht gesagt.« Der Arzt bewahrte die Contenance, obwohl er meiner Löwenmutter gegenübersaß.

»Sie ist fünfzehn Jahre alt und soll ihren Körper kennenlernen dürfen«, sagte meine Mutter, während ich mir wünschte, woanders zu sein. »Natürlich soll sie Orgasmen haben, am besten multiple, und ein langes, zärtliches Vorspiel dazu. Den passenden Jungen wird sie schon noch treffen. Oder wollen Sie ihr verbieten, sich zu verlieben?«

Meine Mutter legte ihre Hand auf meine. Sie wollte mich schützen und war in ihrem Kampf um meine Rechte sehr beeindruckend, aber mir war das alles trotzdem sehr peinlich, denn über Orgasmen hatte ich mir bis dahin noch keine Gedanken gemacht.

»Das würde ich einer so hübschen, jungen Dame niemals verbieten. Kann ich auch nicht. Wo die Liebe hinfällt, sagt man doch so, oder?«

Der Arzt zwinkerte mir zu. Er meinte es bestimmt gut mit mir. »Petting ist ja erlaubt, bis zu einem gewissen Grad«, fügte er noch beschwichtigend hinzu.

»Bis zu welchem Grad?«, fragte ich nach.

»Bis zum Orgasmus, den du nicht haben sollst.« Meine Mutter wurde immer diskussionsfreudiger, und der Arzt fing an, mir leidzutun. »Der Doktor weiß anscheinend genau, wie man junge Frauen darauf vorbereitet, ein erfülltes Sexleben zu führen. Sex ist wohl sein Fachgebiet.« Sie blitzte den Arzt an. Er schaute lieber mich an.

Dass meine Mutter so schlagfertig sein konnte, hätte ich wirklich nicht gedacht. Ich mochte ihre gar nicht subtile Ironie.

Mein Vater saß still daneben und schielte zu mir rüber. Auch er wollte jetzt hier nicht sitzen. Mein Vater hat es nicht so mit Ironie und Debatten und schon gar nicht mit ironischen Debatten. Der Arzt klappte seine Mappe zu, überreichte mir die Krankenunterlagen und verabschiedete sich mit einem festen Handschlag von mir. Seine trockenen, rauen Hände passen nicht zu seiner leisen, hohen Stimme, dachte ich. Meine Mutter ignorierte er auffallend, was unhöflich und unprofessionell war. Wortlos verließen wir den Raum.

»Wir gehen zum nächsten Experten.« Sie nahm mir die Mappe ab.

»Das wäre dann der fünfte«, sagte ich.

»Und wenn wir zu einhundertsechsunddreißig Experten gehen müssen, wir finden den richtigen, der dir helfen kann.«

Meine Mutter stürmte voran. Mein Vater legte seinen Arm um meine Schulter. Wir stolperten ihr hinterher, raus aus einem der vielen Krankenhäuser, in denen wir Rat gesucht hatten.

 

An diese Szene erinnerte ich mich unter der Dusche. Die Orgasmusdebatte war total absurd. Mich hat ja noch nicht einmal ein Junge nackt gesehen, jedenfalls nicht, seit mir Brüste gewachsen sind. Im Spiegel finde ich mich immer ganz okay. Im Schwimmbad, wenn ich zum Beispiel neben Beate sitze, nicht mehr. Sie wird in meiner Klasse auch »die Gräfin« genannt. Sie ist irgendwie schön, trotz ihrer feinen Aknenarben, aber vor allem benimmt sie sich wie eine Gräfin. Sie kommandiert, kritisiert, sagt, wie es sein soll oder wie man sich zu benehmen hat. Woher sie das hat, weiß keiner so genau, ihre Eltern sind jedenfalls ganz normal. Neben ihr fühle ich mich dick wie eine Knetmasse. Je nachdem, wie das Licht fällt, werden Kurven und Dellen auf meinen Oberschenkeln besser oder schlechter sichtbar.

Hier im Badezimmer ist das Licht weich und meine Haut dellenfrei. So würde ich mich gern einem Jungen nackt zeigen. Ein überflüssiger Gedanke und eine schöne Theorie. Jungs stehen bei mir nicht gerade Schlange, und die, bei denen ich mich anstellen würde, übersehen mich.

Ben hämmert an die Tür. Er scheint mal wieder schlecht gelaunt zu sein. »Ich kacke dir hier hin, wenn du nicht in dreißig Sekunden draußen bist.«

»Dann kackst du dir doch vor die eigene Tür. Schließlich ist es auch dein Flur.«

Die Logik setzt bei grimmigen Menschen aus, Hauptsache nörgeln. Ich ziehe mir meinen Bademantel an, nehme den Föhn und meine Klamotten, vergesse meine Bürste und drücke mich an meinem Bruder vorbei.

Ben versteht meinen Humor heute besonders schlecht. Das kommt von seiner besonders schlechten Laune. Ich glaube, ihm ist mal wieder eine von seinen Freundinnen weggelaufen. Zur Konkurrenz. Oder vielleicht ist sie auch nur so davongerannt, wie die meisten. Irgendwann kapieren sie, dass man einen ewigen Nörgler nicht an seiner Seite haben will, auch wenn er aussieht wie ein Fotomodell und anscheinend eine Granate im Bett ist. Das hat Pat von der Freundin ihrer großen Schwester gehört. Mir waren das zu viele Informationen.

Mein Bruder braucht lange für sein Styling, für die Entleerung auch. Beides nimmt er sehr ernst. Es ist besser, wenn man ihn weder beim einen noch beim anderen stört. Also gehe ich ungekämmt aus dem Haus. Es ist spät geworden, bald wird es dämmern, und wenn ich auf dem Friedhof bin, ist gestyltes Haar nicht wirklich wichtig.

6

Auf dem Weg zu Frau Blumentopf fällt mir ein, dass es doch wichtig ist und ich mir eigentlich von Pat die Haare machen lassen wollte. Fynn könnte mir schließlich total zufällig und unerwartet über den Weg laufen. Allerdings regnet es leicht, der Friedhof ist kaum besucht, und nirgends sind Gelbhelme zu sehen. Keine Gefahr einer Flirtbegegnung, wenn es überhaupt zu einem Flirt kommen würde. Ich halte ab und zu Ausschau nach gelben Helmen. Die kann man ja auch von Weitem gut sehen, aber eigentlich sollte ich mich besser auf meine Mission konzentrieren. Also laufe ich die Reihen ab, lese Namen, Grabsprüche, Geburts- und Sterbedaten auf den Steinen. Grau, schwarz, anthrazit, weiß, grau, schwarz. Ich glaube, ich hätte gerne einen gelben Stein, wenn es den gibt.

Herr Sorrent hat einen besonders großen Grabstein, wahrscheinlich, damit sein Spruch draufpasst: »Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Unser Herr Jesus Christus möge dich auferwecken am Jüngsten Tag.«

Schwachsinn! Wir kommen aus dem Wasser, denke ich.

Frau Siebel wiederum ruht »in Frieden trotz ihres gebrochenen Herzens«. Entweder hat sie ihren Mann verlassen oder er hat sie verlassen, oder sie hat einen Menschen verloren. Aber das muss man ja nicht gleich in Stein eingravieren lassen. Ob sie sich den wohl selbst ausgesucht hat?

Grabsprüche müssen gut ausgewählt werden. Man kann alle möglichen Schlüsse aus ihnen ziehen, selbst wenn man den Menschen nie gekannt hat. Auch heute ist meine Ausbeute dürftig, der Regen nervt.

Herr Sundermann hat nichts auf sein Grab schreiben lassen, dafür sitzt ein großer schwarzer Hund neben dem Stein und hechelt. Er hat dunkles, zotteliges Fell, eine grau melierte Schnauze und den typischen Hundeblick, der einem immer das Gefühl gibt, etwas falsch gemacht zu haben.

Als ich mich dem Grab nähere, reckt er sich hoch und schaut mich an. Seine Muskeln am Schulterblatt zucken, er hebt eine Pfote hoch, zum Gruß oder zum Angriff, ich weiß es nicht. Jedenfalls erscheint es mir klüger, mich nicht weiter Herrn Sundermanns Grab zu nähern. Ich wende mich um und gehe. Der Hund erhebt sich und trottet mir hinterher. Auch meine aus Hundeperspektive wahrscheinlich ängstlichen Blicke scheinen ihn nicht zu irritieren. Er verfolgt mich stoisch und mit hängender Zunge.

Als wir am Wasserhahn vorbeikommen, überholt er mich. Eine silberne Metallschale steht neben der Wasserstelle. Er nimmt sie in die Schnauze und trabt auf mich zu. Die Schale aus seiner Schnauze zu nehmen, kostet mich ein wenig Überwindung, aber Schale in Hundeschnauze neben Wasserstelle kann nur bedeuten, dass das Tier Durst hat. Also fülle ich ihm Wasser in die Schale, das er gierig trinkt. Oder trinken Hunde einfach immer so schnell? Ich beobachte ihn, und er beobachtet mich, schielt zu mir rüber.

Ein guter Moment, um meine heutige Mission zu beenden. Doch der Friedhofsausgang ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich drehe mich um meine eigene Achse. Die Grabreihen sehen alle gleich aus. Das Ding in meinem Kopf hat es wieder einmal geschafft. Ich stelle mir immer vor, wie der Blutklumpen dick und schwer auf meiner Schaltzentrale für Orientierung sitzt und mir das Leben schwer macht. Theoretisch könnten die Ärzte das ändern. Sie könnten das Ding wegoperieren, allerdings gibt es dabei keine Alles-wird-gut-Garantie. Niemand weiß, wie sich so ein Aneurysma verhält. Manchmal hält es ein Leben lang still, manchmal platzt es, und manchmal macht es Zicken und explodiert, wenn man ihm zu nah kommt. Ich kann also tatsächlich zu Fallobst werden, wenn ich operiert werde. Und deshalb lasse ich mir nicht den Kopf aufschneiden.

 

»Okay, hier bist du!« Auch heute kratzt seine Stimme. »Hast du jemanden gefunden?«

Fynn kniet neben dem Hund und krault ihn. »Er sucht sich immer die richtigen Leute aus, die ihm Wasser geben«, sagt er. »Danke!« Er lächelt mich an, während er seine Nase in das nasse Hundefell vergräbt. Soweit ich mich erinnere, riechen Hunde nicht sehr angenehm, wenn sie nass sind. Abgesehen von diesen sehr unnötigen Gedanken versuche ich, meine Nervosität zu verbergen. Jetzt stehe ich Fynn doch noch total zufällig und ungekämmt gegenüber.