Alle Jahre schon wieder - Axel Hacke - E-Book

Alle Jahre schon wieder E-Book

Axel Hacke

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Beschreibung

Weihnachten ist einmal im Jahr und kehrt stets im Dezember pünktlich wieder. Man weiß, was auf einen zukommt. Man könnte sich darauf einstellen. Und doch stehen die meisten von uns unverhofft immer wieder vor den gleichen großen Fragen: Soll ich den Christbaum frühzeitig kaufen oder lieber in letzter Sekunde? Welche Folgen kann es haben, ein Weihnachtsgeschenk schon im September zu erwerben? Wo wird Kurti, das Meerschwein, die Zeit nach den Festtagen verbringen, wenn wir verreisen? In Axel Hackes Weihnachtsbuch stehen die Antworten. Ein reich gefüllter Gabentisch mit Geschichten, Satiren, Reflexionen, Dialogen, Notizen, das große Fest betreffend.

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Seitenzahl: 87

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Axel Hacke

Alle Jahre schon wieder

Ein Weihnachtsbuch

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Bilder von Michael Sowa

Zünden wir noch mal den Baum an?

Und andere Erinnerungen an Weihnachten

ICH GLAUBE NICHT, DASS ES GOTT GIBT. Trotzdem feiere ich Jahr für Jahr die Geburt seines Sohnes.

Das ist seltsam, nicht wahr?

Als ich klein war, gingen wir Kinder am Heiligen Abend mit den Großeltern in den ersten Stock unseres Hauses. Wir setzten uns an den Tisch in meinem Zimmer und spielten Mensch ärgere dich nicht oder Rommé oder Canasta, aber eigentlich warteten wir nur. Wir saßen da, unsere Hände bewegten Spielfiguren, Würfel oder Karten, und unsere Herzen warteten, dass es klingelte.

Wir hatten eine laute, grelle Hausklingel. An jedem Heiligen Abend schrillte diese Hausklingel gegen fünf Uhr, wenn es gerade dunkel geworden war. Wir Kinder ließen auf einen Schlag Spielfiguren, Würfel und Karten fallen, rannten auf den Flur, hinter uns die Langsam!-Langsam!-Rufe der Großeltern und vor uns die Mutter, die sagte: »Das Christkind war da!«

Nie habe ich das Christkind gesehen, immer war es schon da gewesen, wenn wir auf den Flur kamen, immer hatte es sich mit diesem Klingelton verabschiedet, das einzige Wesen, das an unserem Haus klingelte, wenn es ging, nicht wenn es kam.

Neulich habe ich mein Lieblingsbuch wiedergefunden, ein zerlesenes Exemplar von 1952, ein Buch, das ich geliebt habe, als ich sehr klein war; nie wieder habe ich ein Buch so geliebt. Als ich es wiederfand, war die ganze Liebe wieder da …

Es heißt Die Himmelswerkstatt und beginnt mit den Sätzen:

»Wenn die Blätter von den Bäumen abgefallen sind, wenn die ersten Schneeflocken durch die Luft wirbeln und die Raben mit heiserem Gekrächz über die Wolken fliegen, wenn die Kinder, rotbackig und mit kalten Nasen, auf ihren Schlitten die Hänge hinabsausen, wenn es schon zeitig anfängt, dunkel zu werden, dann ist Weihnachten nicht mehr fern. Am Abend sitzt die Familie beim traulichen Lampenschimmer am warmen Ofen zusammen, die Bratäpfel schmurgeln, und aus der Küche dringt der Duft der frisch gebackenen Plätzchen herein. Das ist die schönste Zeit im Jahr, nicht wahr?«

So fing das an. So ging das weiter.

Kein Mensch würde heute noch so etwas schreiben, höchstens in ironischer Absicht: rotbackig, sausen, schmurgeln, traulich … Aber die Winter meiner Kindheit waren so: Ja, wir waren rotbackig, ja, wir sausten die Hänge hinab, ja, es war traulich.

Wir spielten nach der Schule mit großen Ästen, die wir im Wald gefunden hatten, Eishockey auf der schneebedeckten Straße. Wir gossen Wasser über die Hofeinfahrt und rutschten danach über das Eis. Wir zogen unsere Schlitten zu einem nahe gelegenen Golfplatz und fuhren die Hänge hinunter. Und wenn ich heimkam, lag ich in Decken gewickelt auf dem Sofa, trank heiße Milch mit Honig und weinte, weil meine langsam auftauenden Glieder schmerzten – und, ja, dann schmurgelten die Bratäpfel im Herd meiner Mutter.

Oft, wenn ich an meine Zeit als Kind denke, sehe ich mich auf einer der mittleren Stufen der Treppe in unserem Haus sitzen und aus dem Fenster auf die Straße schauen. Abends. Ins Dunkle.

An solchen Tagen war meine Mutter aus dem Haus gelaufen, nach einem langen, lauten Streit mit meinem Vater. Sie schrie dann irgendwann, sie ertrage dieses Schweigen nicht mehr, diese Berührungslosigkeit, »dieses Grausame«. Dann lief sie weg, hinaus aus dem Haus. Ich hatte den Streit meistens schon von der obersten Treppenstufe aus verfolgt, manchmal hatte ich weinend gerufen, sie sollten aufhören, aufhören, aber sie hörten nicht auf. Wenn meine Mutter aus der Tür gestürzt war, rückte ich von der obersten auf eine der mittleren Stufe vor, um aus dem Fenster sehen zu können.

Da lief sie, den Mantel übergeworfen, durch den Garten zur Straße, dann nach links, die Straße hinunter, und verschwand hinter Ginsterbüschen. Und jedes Mal dachte ich, sie würde nie wiederkommen, sie würde wahr machen, was sie zuletzt gerufen hatte: dass sie nie wiederkomme.

Ich ging ins Bett und lauschte und wartete. Und irgendwann, ein, zwei Stunden später, hörte ich die Haustür klappen und meine Mutter die Treppe hinaufkommen.

Dann schlief ich ein.

Und es gab diese anderen Tage. An denen ich etwas getan hatte, was meiner Mutter nicht gefiel, an denen ich ihrem Willen zuwidergehandelt hatte, an denen ich mit meinem Bruder gestritten hatte, an denen plötzliche Überforderung sie überwältigte wie ein Gewitter, an denen ihr Kopf sich rötete und sie nach einem Handfeger griff, mit dem sie mich verfolgte, an denen ich in den Keller flüchtete und die Tür hinter mir verschloss, um dann stundenlang auf einer anderen Treppe zu sitzen, im Dunkel, und zu warten, diesmal, bis meine Mutter weg war oder sich beruhigt hatte und die Röte aus ihrem Kopf gewichen war.

Der stumme, im Krieg schwer verletzte, von den Erlebnissen in sieben Jahren als Soldat in sich selbst zurückgetriebene Mann. Der kranke kleine Bruder mit dem Loch mitten im Herzen, um dessen Leben sie so oft fürchtete und dessen Schwäche der Vater kaum ertrug. Die Einsamkeit manchmal, in einer fremden Stadt, fern von der eigenen Familie. Bisschen viel das alles, bisschen sehr viel.

Aber Weihnachten war immer alles anders. Weihnachten gingen alle zusammen singend ins Wohnzimmer. Weihnachten saß ich morgens im Tannenduft und spielte mit den neuen Sachen. Weihnachten war immer schön. Weihnachten gab es keinen Streit. Weihnachten war stärker. Für ein, zwei Tage war es immer die Erfüllung eines Traums. Das haben sie immer geschafft, meine Eltern.

Das war schön für mich: zu wissen, dass es etwas gibt, das stärker ist als Wut, Angst, Überforderung.

Ich liebte Die Himmelswerkstatt nicht wegen des Textes. Ich liebte das Buch wegen seiner Geschichte und wegen seiner Bilder.

Es zeigt Kinder, die mit einem riesig-riesigen …

Riesig-riesig? Jetzt muss ich aber aufpassen, schreibe schon selbst in Schmurgelsprache.

Also: Kinder, die mit einem sehr großen Fernrohr in den Himmel blicken und dort die Himmelswerkstatt sehen, in der kleine pausbäckige Engelchen (sie heißen – festhalten jetzt, Leute! – Pummelchen, Rotschöpfchen, Schwipsi und Strampel) unter Anleitung des Weihnachtsmannes sowie weiterer gütiger älterer Herren Lebkuchen, Zimtsterne und Pfefferkuchen backen, an Drehbänken kleine Dampfer, Lokomotiven und aufziehbare Nashörner bauen, an langen Tischen Elefanten, Bären und Schafe ausstopfen und an großen Reißbrettern Hüpfhocker, fliegende Blechenten und Wasser spritzende Feuerwehrmänner konstruieren. Es zeigt auch eine Höllenwerkstatt, in der kleine Teufel (sie heißen Lumpazi, Schwefelstank, Eulenkreisch und Mäusepfiff) Kanonen mit verbogenen Rohren, schielende Puppen mit Wasserköpfen und schmutzige Plüschtiere basteln.

Und es zeigt, am Schluss, wie der Weihnachtsmann und die Engel mit großen Düsenflugzeugen (natürlich: »durch dichten Flockenwirbel«) zur Erde brausen, um den Kindern die Geschenke zu bringen.

Es zeigt diese ganze, durch keinerlei Ironie gebrochene Idylle, die klar gegliederte Weihnachtswelt eines barocken Atheismus (denn von einem Gott ist hier nirgends die Rede) in großen, prächtigen, detailfreudigen, liebenswürdigen, charmanten, seelenvollen Bildern voll praller Lebensfreude, die in krassem Gegensatz zu den kargen protestantischen Krchen meiner Kindheit stehen. Emmerich Huber hat sie gemalt, ein Mann, den heute kaum ein Mensch mehr kennt und den schon damals nicht viele gekannt haben. Er hat als Werbegrafiker gearbeitet und müsste für dieses Buch eigentlich berühmt sein, ist es aber nie gewesen – warum?

Ich weiß es nicht. Ruhm hat sich nicht ergeben für ihn.

Es gibt dieses Buch nicht mehr neu zu kaufen. Es ist irgendwann nicht mehr aufgelegt worden – vielleicht weil Kinder mit den Geschenken, die in dieser Himmelswerkstatt gebaut werden, heute nichts mehr anfangen könnten. Sie spielen nicht mehr mit Lokomotiven, aufziehbaren Nashörnern und Holzpferden auf Rollen, sie wissen nicht mehr, was eine Schreibmaschine ist, und sie glauben auch nicht mehr an den Klapperstorch. Es ist nicht die Welt unserer Kinder, die in dem Buch geschildert wird. Manchmal habe ich das Gefühl, ein großer Teil des heutigen Spielzeugs kommt aus der im Buch beschriebenen Höllenwerkstatt.

Wer will so ein Buch noch haben, einerseits? Andererseits: Es gibt das Buch auch in kaum einem Antiquariat mehr zu kaufen.

Warum?

Weil niemand, der es besitzt, es je wieder hergeben würde.

Ein einziges Mal in meinen Kinderjahren kam zu uns der Nikolaus. Das ist folgende Geschichte.

In den Jahren, bevor mein jüngster Bruder zur Welt kam, wurde ein Zimmer unseres Hauses, jenes Zimmer nämlich, in dem später mein Bruder seine ersten Jahre verbringen sollte, an einen Handelsvertreter vermietet. Er hieß Volland und war Vertreter für Kaffee, den er in größeren Mengen in unserem Keller lagerte, um ihn bei seinen Reisen mit sich führen zu können.

Dieser Keller und auch das Vollandsche Zimmer, ja, bisweilen unser ganzes Haus rochen deshalb nach Kaffee. Bis heute liebe ich den Geruch von Kaffee, manchmal bleibe ich vor Kaffeegeschäften stehen, nur um zu schnuppern, vielleicht hat diese Kaffeegeruchvorliebe auch mit jenem Volland zu tun, der ein lebensfroher junger Mann war.

Der uns Kinder in die Luft warf, wenn er von seiner Arbeit nach Hause kam.

Der dann mit uns schwimmen ging, mich auf der Querstange seines Fahrrades zu Ausflügen mitnahm, mit uns im Garten Fangen spielte.

Der also eine gewisse Lebensfreude in unser manchmal schwermütiges und überanstrengtes Haus brachte, auch Unordnung in das zu sehr aufgeräumte Leben meiner Eltern.

Mein Vater ging morgens stets um sieben aus dem Haus und stand um fünf Uhr wieder in der Tür, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat um Monat. Volland aber verschwand bisweilen auf unerklärliche Weise. Er sagte nichts, war plötzlich für viele Wochen einfach weg, und wenn ich meine Eltern nach ihm fragte, sagten sie, sie wüssten es nicht, es sei eben so, dass Handelsvertreter wie er lange Reisen machen müssten, um all die Geschäfte zu besuchen, in denen ihr Kaffee verkauft würde.

»Hat sich eigentlich Volland mal gemeldet?«, fragte mein Vater einmal im Dezember meine Mutter beim Abendessen.

»Nein«, sagte sie. »Schon lange nicht mehr.«

Am nächsten Tag (ich war damals fünf oder sechs Jahre alt) gab es bei einem unserer Nachbarn ein großes Adventskaffeetrinken, zu dem fast alle Kinder unserer Straße mit ihren Eltern eingeladen waren. Da ging, es war nachmittags um fünf und draußen fast schon dunkel, die Tür auf und der Nikolaus trat ins Zimmer. Er rief jedes Kind mit Namen zu sich, redete ein paar Sätze mit ihm, lobte es für dies und jenes und sagte auch sehr streng, was besser werden müsse in dessen Leben.