Beschreibung

Ein Mann wird an den Mast eines Segelbootes gekettet und bei lebendigem Leib verbrannt, während das Boot ohne Besatzung über einen schwarzen See treibt. Noch in derselben Nacht wird Chefinspektor Tony Braun mit den Ermittlungen beauftragt. Erste Spuren führen in die illegale Graffiti-Sprayer-Szene und zu einem mysteriösen Textilunternehmen, das in Moldawien unter unmenschlichsten Bedingungen Designermode herstellt. Als ein weiteres Opfer an ein Kreuz geschlagen, mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt wird, steht außer Zweifel, dass der Mörder nach einem ganz speziellen Schema vorgeht. In seinem neuen Fall jagt der eigenwillige Chefinspektor einen Serienmörder, der mit seinen Feuermorden noch lange nicht am Ende ist, denn es gibt noch viele Seelen die brennen müssen. Doch auch in den eigenen Reihen muss er gegen Verräter kämpfen. Zu spät erkennt Tony Braun, dass ihm von dieser Seite eine tödliche Falle gestellt wird ... Über 1 Mio Leser haben bisher die Thriller mit dem unkonventionellen Chefinspektor gelesen und waren von den spannenden Handlungen und den einzigartigen Charakteren begeistert. Alle Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Tony-Braun-Thriller-Reihe: "Totes Sommermädchen" - wie alles begann - der erste Tony Braun Thriller "Töten ist ganz einfach" - der zweite Fall "Freunde müssen töten" - der dritte Fall "Alle müssen sterben" - der vierte Fall "Der stille Duft des Todes" - der fünfte Fall "Rattenkinder" - der sechste Fall "Rabenschwester" - der siebte Fall "Stiller Beobachter" - der achte Fall "Strandmädchentod" - der neunte Fall "Stilles Grabeskind" - der zehnte Fall

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Seitenzahl: 556


Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Wilhering/Linz Mai 2013.

ISBN: 978-3-9503399-4-9

Lektorat: Erika Krammer-Riedl, www.transwrite.at

Titelgestaltung: www.blue-velvet.com

Anmerkung

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten in Linz, Gmunden und Moldawien aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller leben mit ihrem Rhodesian Ridgeback Jabali in Wien und bereisen gerne die Schauplätze für ihre Bücher.. Gemeinsam waren sie über 20 Jahren in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für rasante Thriller und spannende Romane.

Die TONY BRAUN THRILLER SERIE:

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der erste Fall mit Chefinspektor Tony Braun

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der zweite Fall mit Chefinspektor Tony Braun

ALLE MÜSSEN STERBEN – der dritte Fall mit Chefinspektor Tony Braun

DER STILLE DUFT DES TODES – der vierte Fall mit Chefinspektor Tony Braun

DIE DAVID STEIN THRILLER SERIE:

DER HUNDEFLÜSTERER - der erste Auftrag für David Stein

SCHWARZER SKORPION – der zweite Auftrag für David Stein

DIE FOTOGRAFIN ist der erste Psychothriller von B.C.Schiller und Auftakt für eine Serie von spannenden Psychothrillern.

Mehr Infos zu den Büchern von B.C.Schiller finden Sie im Anhang.

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B.C. Schiller

Alle müssen sterben

Thriller

3. Auflage / Mai 2014Ich hüte diesen Schmerz wie eine Flamme.

Und niemand wird dieses Feuer erahnen.

Niemand weiß, dass meine Seele brennt.

(Schiller Version)

Prolog: Heute ist ein guter Tag zum Sterben

Heute ist ein guter Tag zum Sterben. Das war ihr einziger Gedanke, als sie mit dem Kopf auf den Boden knallte. Die einsame Neonröhre, die gesprungene Kacheln und grellbunte Graffitis in der verlassenen Unterführung nur notdürftig beleuchtete, begann zu knistern und zu flackern, als die Stiefelspitze mitten in das Feuermal auf ihrer Wange trat und ihr Wangenknochen splitterte.

Heute ist ein guter Tag zum Sterben. Oben auf dem Platz, wo sie ihre Bilder ausgebreitet hatte, war vor einigen Wochen der hübsche Junge, der nachts die Eisenbahnwagen vollsprayte und tagsüber als Stricher arbeitete, stehen geblieben und hatte ihre Entwürfe bewundert. Spontan wollte der Junge ihr alle ihre Zeichnungen und Skizzen abkaufen, aber sie hatte sich entschieden geweigert, denn diese Motive waren nur für sie bestimmt. Der Junge hatte sie eingeladen und in seinem verschimmelten Zelt, das er unter einer Autobahnbrücke aufgeschlagen hatte, gab sie sich den besten Heroinschuss ihres Lebens und hatte mit ihm geschlafen. Damals war sie so stolz gewesen, stolz darauf, dass jemand ihre künstlerische Kraft entdeckt hatte, stolz darauf, dass der Junge sie trotz ihres Feuermals geliebt hatte. Nach einiger Zeit war er verschwunden und sie hatte die Erinnerung an die gemeinsamen Nächte in ihrem Herzen bewahrt. Dann war sie wieder zurückgekehrt in die verlassene Unterführung, die außer ihr niemand kannte, das jedenfalls hatte sie geglaubt.

Der Boden der Unterführung stank nach Pisse und ein zerdrückter Hamburger bekam im flackernden Neonlicht ein Eigenleben. Von draußen war der Verkehr zu hören und das Leben der pulsierenden Stadt. Draußen gab es Menschen, die sich freuten, nach Hause zu kommen, denn dort wurden sie erwartet. Sie hatte jedoch kein Zuhause und niemand würde um sie trauern, wenn sie tot war.

Wieder traf sie der Stiefel, diesmal an ihrer Schläfe, dort, wo das Feuermal am deutlichsten zu sehen war, und wieder hörte sie das Knirschen von brechenden Knochen und spürte das Blut, das heiß wie Lava über das Feuermal schoss und sich mit dem Urin auf dem Boden vermischte.

Als sie im Sterben lag, öffnete sie ein letztes Mal ihre Augen und sah das flackernde Neonlicht, das sie an eine hektisch zuckende Flamme erinnerte. Noch immer hielt sie ihre große, zerfetzte Tasche mit beiden Händen umklammert, die sie jedoch nach zwei Fußtritten in den Bauch loslassen musste, denn alle Kraft war aus ihren Armen gewichen. Zaghaft versuchte sie jetzt doch noch um Hilfe zu rufen, aber eine geballte Faust schlug ihre Hilferufe mitsamt den Zähnen zurück in ihren Rachen. Mit einem satten Knirschen brach ihre Nase und ihr Gesicht war nur noch eine breiige Masse, doch was machte das schon, mit dem Feuermal war sie auch vorher schon entstellt gewesen.

Heute ist ein guter Tag zum Sterben. Dieser Gedanke hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt und je härter die Tritte und Schläge auf sie niederprasselten, je schwächer ihr Herz schlug, desto stärker wurde die Erinnerung an die wunderbare Woche mit dem jungen Sprayer, dem sie als Zeichen der Liebe ihr Versteck in der aufgelassenen Unterführung gezeigt hatte, wo sie ihre Bilder mit den brennenden Seelen zeichnete.

Die Schläge und Tritte waren nicht schlimm, auch nicht das Benzin, das jetzt über sie geschüttet wurde, schlimm war nur die plötzliche Erkenntnis, dass der Junge sie verraten und ihrem Mörder den Weg zu ihr gezeigt hatte. Das schmerzte und verbrannte ihre Seele. Mit einem lauten Knall entzündete sich das Benzin auf ihrem Körper und sie wurde vom Feuer eingehüllt wie in ein Flammenkleid. Der Schmerz war so heftig, dass sie sich noch einmal aufbäumte, auf die Knie kam und als brennendes Feuermal durch die Unterführung rutschte, bis zu der Treppe mit dem zugemauerten Aufgang. Als sich ihre Haare in der Hitze kräuselten, ihre Augäpfel verschmorten und der Tod Wirklichkeit wurde, da starb sie mit der bitteren Erkenntnis, dass er ihre Liebe verraten hatte.

1. Zwei Jahre später – die Stunde des Todes

In der Stunde des Todes, zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens, ruderte Georg Hauser im strömenden Regen mit seinem Boot über den schwarzen See. Noch wusste er nicht, dass im Yachthafen, der nur wenige Kilometer entfernt war, gerade ein hölzernes Segelboot mit einer besonderen Fracht klargemacht wurde. Und er ahnte auch noch nicht, dass er bei Tagesanbruch keinen einzigen der Fische auf dem Markt verkaufen würde, die er mit Hilfe seiner starken Lampe und seines selbst geknüpften Netzes bereits gefangen hatte.

Georg war schon immer gerne in der Dunkelheit über den See gerudert, obwohl ihn die Leute für verrückt oder zumindest für ein wenig seltsam hielten, aber er scherte sich nicht um die Meinung anderer. In den dunklen Nächten auf dem schwarzen See wurde er nicht mit seiner Schlaflosigkeit konfrontiert und den düsteren Gedanken, die sich zwangsläufig dabei einstellten. Auf dem Wasser konnte er sich ausschließlich auf die Fische konzentrieren, die von dem hellen Schein seiner Lampe angelockt wurden und sich in seinem engmaschigen Netz verstrickten.

In der Zwischenzeit hatte das hölzerne Segelboot den Yachthafen verlassen und trieb auf den See hinaus. Wäre sein Fischerboot jetzt in der Nähe gewesen, dann hätte Georg unschwer erkannt, dass ein Ruderboot es hinausgeschleppt hatte. In dem Ruderboot hätte er eine dunkel gekleidete Gestalt gesehen, die konzentriert das Geschehen filmte. Doch Georg war noch einige hundert Meter von dem Segelboot entfernt und ahnte nichts.

Neben sich auf der regennassen Ruderbank, unter einer Plastiktüte lag das gebrauchte Smartphone, das ihm sein Enkel zum Geburtstag geschenkt hatte. Obwohl er sich immer gegen die neumodische Technik gesträubt hatte, musste er zugeben, dass ihn die Möglichkeiten des Smartphones faszinierten. Besonders die Kamerafunktion gefiel ihm und er nahm sich vor, den direkt an den Traunsee grenzenden Berg, den Traunstein, zu fotografieren, wenn der Regen aufhören und der Mond hinter den Wolken hervorkommen würde.

Jetzt hatte er den MP3-Player des Smartphones aktiviert und klassische Musik klang leicht verzerrt aus dem kleinen Lautsprecher. In einer Anglerzeitung hatte er gelesen, dass klassische Musik Fische magisch anzieht. Deshalb hatte er sich auch vom Besitzer eines Elektrogeschäftes die Brandenburgischen Konzerte auf sein Smartphone laden lassen und nach einigem Hin und Her konnte er sie auf dem Gerät abspielen. Das leise Tuckern des Elektromotors, der an dem Segelboot befestigt war und der jetzt gestartet wurde, drang nicht zu ihm durch.

Noch konnte er auch die seltsame Fracht nicht sehen, die sich an Bord des Segelbootes befand und selbst wenn er das Boot jetzt entdeckt hätte, so wäre ihm doch die langsam und präzise abbrennende Zündschnur verborgen geblieben, die vom Heck des Bootes bis zum Mast knapp unterhalb der Reling verlegt worden war und in einer grünen, mit Benzin gefüllten Weinflasche endete, die zwischen den Füßen eines Mannes stand und mit einem schmutzigen, nach Benzin stinkenden Lappen verstopft war. Die Füße waren nackt und mit Schnitten übersät, aus denen Blut tropfte. Der nackte Oberkörper war völlig zerschnitten und die Haut mit den blutigen Wunden sah aus, als hätte der Mann sich gegeißelt.

Plötzlich wurde die klassische Musik von einem merkwürdigen Störgeräusch überlagert. Irritiert hob Georg die Lampe und ließ das helle Licht über den schwarzen See kreisen. In dem starken Strahl entdeckte er plötzlich ein Segelboot, das, von einem elektrischen Außenbordmotor angetrieben, direkt auf ihn zusteuerte. Jetzt entdeckte er die Gestalt, die vorne am Mast lehnte und heftig mit dem Kopf hin und her ruckte, ohne ein Wort zu sagen, und keinerlei Anstalten machte, den Kurs zu ändern.

Wütend stand er auf, schwenkte seine Lampe in der Luft, signalisierte der Gestalt auf dem Segelboot, dass sie auf Kollisionskurs wären. Doch das Boot hielt unbeirrt auf ihn zu und nun überfiel Georg die Panik, denn er hatte keine Schwimmweste an Bord und wusste, dass ein Sturz in das auch im Sommer eiskalte Wasser fatale Folgen haben könnte. Hektisch griff er nach den Rudern und versuchte fluchend dem Segelboot auszuweichen. Hinter dem Segelboot glaubte er ein zweites Boot zu erkennen, aber er war zu sehr mit dem Rudern beschäftigt, um genauer hinzusehen oder sich darum zu kümmern.

Genau in dem Moment, als er sein Boot aus dem Gefahrenbereich manövriert hatte, war die Zündschnur auf dem Segelboot abgebrannt. Die kleine bläuliche Flamme erreichte den schmierigen Lappen und eine grelle Stichflamme erhellte die Nacht. Mit einem lauten Knall explodierte die mit Benzin gefüllte grüne Flasche zu Füßen des Mannes, der wie ein Feuerball aufglühte und sofort in Flammen stand. Sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch, das Blut, das aus seinen zahlreichen Wunden tropfte, glänzte im Feuer und glitzerte wie kostbare Rubine.

„Springen Sie! Springen Sie ins Wasser! Ich hole Sie schon heraus!“, schrie Georg mit angsterfüllter Stimme und leuchtete mit seiner Lampe in die Flammen. Was er dort sah, ließ ihn erstarren.

Der brennende Mann am Mast rührte sich nicht vom Fleck, sondern bewegte nur den Kopf, während die Flammen mit stummer Beharrlichkeit seinen Körper entlang nach oben kletterten und ihn mit ihren Feuerzungen leckten, bis die Haut Blasen warf, die zerplatzten, und das darunterliegende Fleisch verschmort wurde.

Langsam verformte sich jetzt auch der Brustkorb des Mannes, die blutenden Schnitte wurden vom Feuer verzehrt. Seine Muskeln und sein sehniges Fleisch, das er durch viel Sport gestählt hatte, begannen sich in den immer gieriger lodernden Flammen zusammenzuziehen. Sein kleiner, moderner Bart am Kinn kräuselte sich bereits in der Hitze und die Flammen züngelten schon begehrlich an seinem Hals. Noch aber reckte er das Kinn in die Höhe. Das in den Flammen silbern leuchtende Paketklebeband, mit dem sein Mund verschlossen war, verlieh seinem Gesicht einen heroischen Zug. Seine weit aufgerissenen Augen, ansonsten von einem sanften Blau, waren jetzt durch die vielen in der Hitze zerplatzten Adern blutunterlaufen und sein Blick war irre. Doch ein winziger Funken Hoffnung glomm noch weit hinten am Saum seines Bewusstseins. Es schien, als würde er in seinem brennenden Körper den Glauben an eine Rettung noch nicht aufgegeben haben, doch als in der Hitze seine Lippen wie Fettstücke verkohlten, erlosch sein Blick und er war bereit, das Leben endgültig loszulassen und einzutauchen in die Finsternis, die für ihn nur noch den Tod als Erlösung bringen konnte.

Reflexartig griff Georg Hauser nach seinem Smartphone, aktivierte mit zitternden Fingern die Kamera und zoomte den brennenden Mann näher heran, so nahe, bis er die grässlichen Details sehen konnte und vor Entsetzen auf den Boden seines Bootes kotzte.

2. Schwarze Fliegen und Hornissen

„Fuck!“ Die schwarzen Fliegen in seinem Mund drängten nach draußen, krabbelten, schwirrten und surrten in seiner Mundhöhle, machten sich selbstständig und schleuderten „Fuck!“ in den nächtlichen Regen.

Es war zwei Uhr morgens, als Fliegen und Hornissen erneut von Jonas Blau Besitz ergriffen und er anfing, den Kopf hin und her zu schütteln und mit den Händen auf seinen Brustkorb zu schlagen. Die Hornissenschwärme in seinen Fingerspitzen ließen sich aber auch durch das immer stärkere Trommeln auf seinen Brustkorb nicht mehr besänftigen und forderten wie die schwarzen Fliegen in seinem Mund mehr und immer mehr.

Dann verkrümmte er seine Finger, die juckten und vibrierten, zu dürren Klauen mit schmutzigen, abgebrochenen und blutverkrusteten Nägeln. Diese Klauen fuhren nach oben auf seinen rasierten Schädel und kratzten tief durch die verschorfte Kopfhaut, bis das Blut spritzte.

Erst dann gaben die Hornissen Ruhe und die schwarzen Fliegenschwärme kehrten zurück in die hintersten Winkel seiner Eingeweide.

Es war zwei Uhr morgens, das sah er auf der Digitalanzeige der metallenen Säule auf dem Anleger an der Donau, die ihr rotes Licht auf den nassen Boden warf. Der Regen spülte das Blut von Jonas Blaus Kopf und er machte sich Vorwürfe, weil es ihm nicht gelungen war, sich zu kontrollieren.

Er hatte das Treffen immer wieder im Kopf durchgespielt, aber als es dann tatsächlich so weit war, hatte sein Hirn wie so oft versagt und seine schön gebauten Sätze verschwanden in den Fliegenschwärmen und alles, was er noch hervorgebracht hatte, war „Fuck!“ gewesen.

Immer wieder sah er das plötzlich auflodernde Feuer, hörte die Schreie, das dumpfe Splittern der Knochen unter den Schlägen und die Schuldgefühle brachen nachts wie eine Welle, angefüllt mit Erinnerungen, über ihn herein.

Die Nacht spülte alle seine guten Vorsätze, mit denen er sich tagsüber am Funktionieren hielt, einfach weg. Jonas musste diesem Druck nachgeben, um nicht verrückt zu werden. In der Nacht überfiel ihn die Erinnerung so heftig, dass an Schlaf nicht zu denken war. Überhaupt wurde Schlaf für ihn immer mehr zu einer Bedrohung, bedeutete Hitze und Verbrennen. Deshalb schloss er nur bei Tag stundenweise die Augen, um die Bilder hinter seinen Lidern durch den Alltagslärm der geschäftigen Stadt zu entschärfen. In der Nacht jedoch krochen die Schuldgefühle wieder aus ihren Löchern hervor und trieben ihn vor sich her.

In dieser regnerischen Nacht, in der er wie so oft die Kontrolle verloren hatte, hatte er an einer feuchtglänzenden, vermoderten Hausmauer die Signatur, die im Sprayer-Jargon Tag genannt wurde, in mattem Weiß entdeckt.

Es war das Tag eines anderen Sprayers, das ihm verschlüsselt zeigte, wo er sich den richtigen Kick für seine Arbeit holen könnte. In dieser Nacht im Juli folgte Jonas diesem Tag, das ihn bis an die Donau führte, die mitten durch die Industriestadt Linz fließt. Vorsichtig schlich er auf einen unbeleuchteten Parkplatz und achtete darauf, dass die Cans, wie Sprayer ihre Sprühdosen nannten, in seinem kleinen Nylonrucksack nicht allzu sehr klapperten.

Die vom Wind aufgepeitschten Wellen der Donau klatschten heftig gegen die Kaimauer. Der Parkplatz war einst eine Anlegestelle für Ausflugsboote gewesen, aber die Touristen hatten es satt gehabt, die abgewrackten Lagerhäuser und rostigen Kräne zu sehen. Deshalb wurde daraus ein Parkplatz für die Nachtschwärmer, die den „Hafenstern“ frequentierten, ein in letzter Zeit ziemlich angesagtes Lokal, direkt am Hafen.

An der Seitenwand des Lokals entdeckte er das Tag schon von Weitem, denn es war direkt neben einen Strahler gesprayt, der die unverputzte Ziegelmauer beleuchtete. Jonas verzog sein verwachsenes Gesicht mit dem struppigen Bart zu einem Grinsen. Was für ein Glück, dass er als Erster dieses Tag gesehen hatte, das ihn direkt hierher zu dieser leeren Wand führte, die nur darauf wartete, mit einem Graffiti, einem Piece von ihm gekennzeichnet zu werden.

Da er jedoch genau wusste, welches Motiv er an die Wand sprayen würde, machte das auch die Fliegen in seinem Inneren wieder unruhig und er verzerrte das Gesicht zu einer Grimasse und riss sich mit den Fingern Haarbüschel aus seinem ungepflegten Bart. Natürlich warnten ihn diese Anzeichen und so hockte er sich neben einen Wagen und kratzte mit den Fingernägeln über den Lack, so lange, bis seine Klauenfinger blutig waren und die Fliegen sich beruhigt hatten. Dann atmete er tief durch und tastete sich in der Dunkelheit vorwärts, streifte gebückt laufend an den Autos vorbei, die alle wie aufgefädelt an der Kaimauer parkten. Plötzlich knallte er mit seinem Schädel gegen eine Wagentür, schrak aus seinen Gedanken, die in der Nacht verglühten wie ein Feuerball.

Es war ein großer Geländewagen, der nicht wie die anderen Fahrzeuge entlang der Kaimauer parkte, sondern der Fahrer hatte ihn einfach quer in eine Lücke gezwängt und sich auch nicht darum geschert, dass die Hälfte des Wagens noch in die Straße ragte. Überhaupt schien sich der Fahrer wenig um den Zustand seines Wagens zu kümmern, denn der Geländewagen war dreckverschmiert und die Karosserie, auf die der immer stärker werdende Regen trommelte, war rostig und ziemlich verbeult.

War dieser Wagen ein Wink des Schicksals, der ihn zumindest heute Nacht von seinen Schuldgefühlen befreien würde?

Dieser Gedanke ging Jonas durch den Kopf, während er langsam seinen Rucksack öffnete, seine Cans auspackte. Wenn er das Motiv, das er heute sprayen musste, nicht an die Wand des Lokals, sondern auf die Wagentür sprayen würde, dann würde der Wagen irgendwann im Regen verschwinden und mit ihm das Motiv, das so vielleicht auch aus seinem Kopf verschwand, und er musste es dann nie wieder sprayen.

War diese zerkratzte, eingedellte, rostige Wagentür seine Rettung?

„Fuck!“, presste er mehr aus Gewohnheit, denn aus Zwang noch einmal hervor, dann griff er nach der orangen Leuchtfarbe, die ihn am ehesten an Feuer erinnerte, und wischte mit seinem regennassen Ellbogen den Dreck von der Tür des Geländewagens. Alles begann erneut, als er die Augen schloss und sich das Motiv ins Gedächtnis rief. Alles war so, als wäre es erst vor wenigen Augenblicken passiert. Alles war still, nur das Prasseln des Regens auf die Fahrzeuge und das Klatschen der Wellen gegen die Betonmauer bildeten den Soundtrack zu seinem automatisierten Sprayen.

Aus der Wunde an seinem Kinn, dort, wo er sich die Barthaare ausgerissen hatte, tropfte noch ein wenig Blut, das er sich mit seinem Handrücken abwischte. Wahrscheinlich würde ein Furunkel entstehen, so wie die anderen Male in seinem Gesicht. Deshalb hatte er den Bart wachsen lassen, um sich nicht das Gesicht zu zerkratzen, wenn der Zwang nicht mehr zu unterdrücken war. Jonas war so vertieft in seine Arbeit, dass er die Welt rund um sich herum ausblendete und in sein Paralleluniversum eintauchte, in dem Flammenschiffe und brennende Gestalten ihr Unwesen trieben. So hörte er auch nicht, dass sich beim „Hafenstern“ die Tür öffnete und ein Mann mit leicht wackeligen Schritten die Treppe nach unten stieg. Unter dem Vordach blieb der Mann stehen, fuhr sich mit beiden Händen durch die dunklen Haare und hob plötzlich den Kopf, als würde er eine Gefahr wittern. Doch es war nur das Klingeln seines Handys, das ihn an einen Termin erinnerte. Er griff in die Tasche seines Sakkos, zog es heraus, drückte eine Taste und wartete angestrengt, mit dem Handy am Ohr. Nach einer Weile ließ er das Telefon sinken, starrte es wütend an und steckte es wieder zurück in die Tasche seines Sakkos.

„Fuck!“, schrie Jonas, denn die Fliegen waren ohne Vorwarnung nach oben gebraust und wollten nach draußen.

„Fuck!“, hallte es durch den Regen und er schlug gegen die Karosserie des Wagens, um wenigstens die Hornissen zu besänftigen. Natürlich hörte der Mann diesen plötzlichen Lärm und wusste auch sofort, woher er kam. Er rannte auf den querstehenden Geländewagen zu, auf dessen Fahrertür Jonas gerade dabei gewesen war, sein Piece zu sprayen. Jonas sah den Mann auf sich zulaufen und drosch mit den Fäusten gegen das Blech des Wagens, er wollte sprayen, aber er musste schlagen und schreien.

Wie gerne würde er sich hinter den Wagen kauern und das Graffiti mit der orangen Leuchtfarbe fertigsprayen. Wie gerne wäre er dann lautlos in der Nacht verschwunden, untergetaucht im Regen und hätte sich völlig durchnässt in seiner Absteige verkrochen. Doch nein, sein Dämon forderte seinen rechtmäßigen Tribut. Deshalb kratzte er mit seinen beiden Klauenhänden über die Motorhaube des Wagens, verzerrte das Gesicht und die Fliegenschwärme trugen zu tausenden seine schreiende Stimme nach draußen, die immer wieder nur ein Wort rappte: „Fuck!“

Endlich waren alle gesättigt und befriedigt und er wurde langsam wieder klar im Kopf. Zum Überlegen blieb nun keine Zeit mehr, denn er hörte die schnellen Schritte bereits ganz in seiner Nähe über den Beton hallen. Genauso schnell, wie er es als Sprayer auf der Straße gelernt hatte, packte er seinen schwarzen Rucksack, verstaute die Cans und wollte in der schwarzen Nacht einfach verschwinden, sich im Regen auflösen. Zurück blieb ein halb fertiges Graffiti, das dem Besitzer des Wagens Rätsel aufgeben und hoffentlich dafür sorgen würde, dass er seinen Alptraum auf jemand anderen übertragen konnte.

Doch in dieser Nacht war alles anders, denn der Besitzer des Wagens war schneller, als er gedacht hatte, und als ein Stiefel in seinen Rücken krachte, da wusste Jonas, dass er dieses Spiel verloren hatte.

3. Das Camp der Verlorenen

Der Regen prasselte in die rostige Mülltonne und eine zischende Dampfwolke stieg auf, als das Feuer erlosch. Mit Plastikplanen, die sie zwischen ausgebrannte Container gespannt hatten, versuchten sich Junkies, Ausreißer, Sprayer und Obdachlose vor dem Dauerregen notdürftig zu schützen. Sie gingen ihren nächtlichen Beschäftigungen nach, die alle in einer gesetzlichen Grauzone angesiedelt waren und auch durch brutale Razzien von privaten Sicherheitsfirmen nicht eingedämmt werden konnten. Das Gelände, auf dem sich diese Kinder der Nacht aufhielten, gehörte einem ausländischen Hedgefonds-Unternehmen, das dort supermoderne Donaublick-Apartments bauen wollte, aber noch auf die nötigen Bewilligungen des Stadtamts warten musste.

Nebenan auf dem Schrottplatz, der direkt an der Donau lag und an den der riesige Containerhafen grenzte, sah man im Schein von noch brennenden Mülltonnen eine schattenhafte Gestalt, die schnell und leichtfüßig über die Autowracks sprang, keine Sekunde verharrte, denn sie war auf der Flucht. Auf der Flucht vor Tony Braun, dem Chefinspektor der Mordkommission Linz, der einige Bier zu viel getrunken hatte und dessen Reaktion deshalb auch so langsam ausgefallen war. Die dürre Gestalt sprang jetzt von einem zu Schrott gefahrenen Lastwagen auf das Dach eines Möbelwagens, um dann einen Maschendrahtzaun zu erreichen, der den Containerhafen abgrenzte. Diese Gestalt, die unentwegt „Fuck!“ in die Regennacht schrie, hatte den umstrittenen Leiter der Mordkommission einfach ausgetrickst.

Alles, was Braun wusste, war, dass dieser ungepflegte Typ, der vor ihm auf den Schrottautos herumturnte, ihn beschimpft und seinen Range Rover mit einem Graffiti in schreiendem Orange beschmiert hatte. Als Braun dem Sprayer einen Tritt ins Kreuz verpasst hatte, der diesen zu Boden warf, dachte er noch, damit wäre die Sache erledigt und er könnte sich wieder auf seinen Anruf bei seiner Freundin, der Journalistin Kim Klinger, konzentrieren. Mit Kim verbanden ihn nächtliche „Long Distance Calls“, doch sie hatte in dieser beschissenen Regennacht nicht auf seine wiederholten Anrufe reagiert.

Deshalb war Braun auch total mies drauf und wenig zimperlich gewesen, als er den Sprayer, der entzündete rote Striemen auf seinem rasierten Schädel hatte, mit einem Tritt seines Springerstiefels auf den Betonboden warf.

„Scheiß-Tag, beschissene Nacht und jetzt kommst du mir in die Quere?“, hatte er gemurmelt und sich überlegt, was er mit dem Typ, der abgerissen und dreckig aussah, überhaupt anstellen sollte. Drei- oder viermal schüttelte er seinen Kopf, um Bier und Schnäpse in die richtige Umlaufbahn zu bringen, dann strich er sich die langen Haare zurück, die ihm regennass in die Stirn hingen. Der Sprayer sah erbärmlich aus und war aller Wahrscheinlichkeit nach pleite, deshalb hatte es wenig Sinn, ihn bei der Wache am Hafen abzuliefern.

Also was tun mit diesem kleinen Arschloch?

Der Fehler war gewesen, dass Braun ein zu weiches Herz hatte und ihm dieser abgerissene Typ irgendwie doch leid tat, wie er so unter seinem Stiefel in einer Regenpfütze lag und ständig mit den Handflächen in das Wasser patschte.

„Wie heißt du“, schrie Braun, doch der Typ stieß nur unartikulierte Laute aus.

„Verdammt, sag mir deinen Namen!“

„Jonas, Jonas Blau“, stammelte der Sprayer und wiederholte seinen Namen zwanghaft oft. „Jonas Blau! Jonas Blau!“

„Halt endlich die Klappe! Ich hab verstanden!“

Der Fehler war gewesen, dass Braun seinen Fuß hob, um dann dem Sprayer aufzuhelfen und um ein, zwei vernünftige Sätze mit ihm reden zu können. Der Fehler war gewesen, dass Braun wie so oft an das Gute im Menschen glaubte.

Der Sprayer packte nun Brauns Stiefel, drehte ihn schnell herum, hebelte ihn so aus und Braun landete unsanft auf seinem Rücken in einer schmierigen, nach Benzin stinkenden Pfütze. Für einen Moment war er orientierungslos. Diesen Augenblick nutzte der Sprayer, er schnellte hoch, packte seinen schwarzen Rucksack, setzte über den Kühler von Brauns Range Rover, sprang über weitere Autodächer und war nahe daran, im Regen zu verschwinden.

Bis in das Camp der Verlorenen hatte Braun die Verfolgungsjagd geführt, obwohl er im Hafenstern nur ein Bier trinken wollte.

Den Sprayer, der noch immer über die Schrottautos kletterte, fest im Blick, stolperte Braun über einen Klebstoffschnüffler, der eine Plastiktüte über den Kopf gezogen hatte und ein verdammt schädlich riechendes Putzmittel inhalierte. Braun konnte sich im letzten Moment noch auf den Beinen halten und fiel fast einer Punkerin mit Lochstrümpfen und kariertem Supermini in die Arme. Sie stieß Braun wütend weg, denn sie war gerade dabei, einem kahlrasierten bleichen Jüngling in den Hals zu beißen. Der Junge zog sich soeben eine Linie Koks hoch, von der er durch Brauns Rempelei fast die Hälfte in eine Regenpfütze schüttete. Normalerweise hätte Braun diesen Jungen mit zwei Ohrfeigen wieder nüchtern gemacht, aber jetzt wollte er unbedingt den Sprayer vor sich fassen.

Da zahlte es sich aus, dass Braun regelmäßig für einen imaginären Marathon trainierte, einen Marathon, an dem er aber nie teilnehmen würde, denn der Freund, mit dem er ihn bestreiten wollte, war keiner mehr.

Deshalb trainierte er jetzt immer still und alleine in der Nacht, denn wach bleiben musste er sowieso für seine „Long Distance Calls“ mit Kim.

Der Sprayer nahm Kurs auf den Containerhafen und turnte wie ein dürres Äffchen von einem ausgeweideten Lkw hinüber auf den angrenzenden Maschendrahtzaun und kletterte hoch hinauf. Braun war kaum noch hundert Meter von ihm entfernt, keine Distanz, wenn man so wie er trainiert war. Dann sprang der Sprayer drüben im Containerhafen vom Zaun auf den Beton, leichtfüßig wie eine Katze, während Braun noch auf dem Drahtzaun hing, jetzt waren die extravaganten Springerstiefel, die er sich auch im Sommer leistete, ein Hindernis, denn damit fand er nicht ausreichend Halt. Als er sich endlich hochgezogen hatte und sich elegant über den mit Stacheldraht bewehrten Rand schwingen wollte, blieb er an den eisernen Dornen hängen. Mit einem lauten „Ratsch“ zerriss der Baumwollstoff seiner teuren Anzughose.

Doch er hatte keine Zeit für Sentimentalitäten, er war auf der Jagd nach einem Sprayer, der ihm das Auto ruiniert hatte. Im Terminal türmten sich die Container wie eiserne Ungetüme in den nachtschwarzen Himmel und ständig glitten grelle Scheinwerfer über das Gelände, denn hier wurde Tag und Nacht gearbeitet, da der Hafen von Linz der größte Österreichs war und ein internationaler Umschlagplatz für Waren aller Art.

„Scheiße!“, zischte Braun halblaut, von dem Sprayer war nichts mehr zu sehen. Doch als einer der quietschenden Verladekräne für einen Augenblick stoppte, glaubte Braun in einer dieser schmalen, schwarzen und ewig langen Containergassen ein Geräusch zu hören. Er stürmte in die Finsternis, vorbei an den mit dutzenden von Graffiti beschmierten Containern.

Wie durch eine Schlucht lief er vorwärts, eine Schlucht, die links und rechts von hoch aufgetürmten Containern begrenzt war, so dass die Schwärze der Nacht hier unten noch viel schwärzer schien und der Regen noch lauter. An einem gelben Container entdeckte er ein weiteres Graffiti, ein brennendes Herz, das mit einem Kondensstreifen wie ein Raumschiff nach oben in eine schwarze Wolke schoss. Braun schätzte die Containergasse auf ungefähr hundert Meter Länge; am hinteren Ende konnte er bereits den hohen Maschendrahtzaun sehen, der das Gelände vom nächsten Terminal abgrenzte. Links und rechts gingen enge Durchlässe ab und in einem sah Braun an einer Containerwand einen gesprayten leuchtenden Kreis, der wie ein Feuerball aussah.

„Stehen bleiben!“, rief er, denn diesmal hatte er den richtigen Riecher gehabt. Ein Stück über ihm, wo sich die Container bis zu zwanzig Meter in die Höhe auftürmten, sah er den Sprayer, der geschickt und fast lautlos an den Containerwänden nach oben kletterte.

„Halt, Polizei! Bleiben Sie stehen!“, brüllte Braun und wusste natürlich sofort, dass dieser Befehl sinnlos war, so sinnlos, als würde man ihm verbieten, tagsüber ein Bier zu trinken. Also schwang er sich auf den untersten Container und griff nach einem Türriegel. Er fand auf einem Seitenteil ausreichend Halt mit seinen Springerstiefeln, erwischte den nächsten darüber gestapelten Container, dann einen weiteren, gelangte auf diese Weise immer weiter nach oben, musste aber feststellen, dass der Sprayer das Tempo erhöht hatte und sich immer schneller von ihm entfernte.

„Scheiße! Bleib stehen und komm herunter, du hast meinen Wagen beschädigt!“, schrie Braun, ließ aber weitere Rufe bleiben, denn der Sprayer zeigte nicht die geringste Reaktion und Braun wollte seinen Atem sparen. Er erhöhte jetzt das Tempo und konnte tatsächlich den Abstand verringern. Plötzlich war ein lautes Motorengeräusch zu hören, gefolgt von einem infernalischen Quietschen. Langsam schob sich ein Containerkran mit seinen zangenartigen Auslegern über die ganze Reihe, packte den obersten Container, den der Sprayer bereits erreicht hatte, mit seinen Zangen und schob ihn seitlich über den zwei Meter breiten Durchlass auf den nächsten Containerstapel. Der Sprayer hatte sich vorne an dem Türriegel festgehalten und wurde nun automatisch mit in die nächste Gasse befördert, von wo aus er gefahrlos absteigen konnte, ohne dass Braun eine realistische Chance gehabt hätte, ihn zu erwischen.

Doch so leicht wollte Braun nicht aufgeben. Schwer atmend stand er auf dem Dach des obersten Containers und kniff seine braunen Augen zusammen, um den Sprayer zu orten. Kleine rostige Pfützen hatten sich auf der Metallfläche gebildet. Im Licht der großen, hellen Scheinwerfer des Krans wirkte der Regen wie durchsichtige Leuchtstäbe oder diamantfunkelnde Kristalle – wie er vielleicht gesagt hätte, wenn er mit Kim hier oben gestanden hätte, was natürlich völlig absurd war.

Mit triefnassen Haaren und aufgeweichtem Sakko sah Braun hinüber auf die nächste Reihe, wo der Sprayer bereits geschickt mit dem Abstieg begonnen hatte und ihm wieder ein „Fuck!“ entgegenschleuderte, was Brauns Wut nur noch steigerte. Er zählte bis drei, dachte an die letzten Kilometer seines imaginären Marathons. Er biss die Zähne zusammen und sprang über die ungefähr zwei Meter breite Lücke zwischen den Containerstapeln. Problemlos landete er auf dem obersten Container auf der anderen Seite, rutschte aber auf der regennassen und glatten Metallfläche aus, fand mit den Fingern keinen Halt auf der schmierigen Fläche. Er krallte noch seine Finger in die verstärkten Abschlusswinkel an den Containerkanten, doch die Fliehkraft war zu stark. Braun musste loslassen und wurde über den Rand des Containers geschleudert.

Zwanzig Meter unter Braun hob gerade ein Staplerfahrer eine Palette Eisenrohre aus einem geöffneten Container, um sie auf einen bereitstehenden Lkw zu verladen. Draußen auf der Donau fuhr ein hell erleuchtetes Frachtschiff mit exakt auf dem Verladedeck ausgerichteten nagelneuen weißen BMWs durch die Nacht. An einem Container unter Braun hatte sich ein eiserner Türriegel geöffnet, schlug stakkatoartig im Regen gegen die gewellte Stahlwand und erinnerte Braun an die Anfeuerungsrhythmen der Zuschauer, wenn man beim Marathon in die Zielgerade einbiegt. Ausgerechnet das ging ihm durch den Kopf, und nicht etwa das letzte nächtliche Telefonat mit Kim, als er in die große Leere stürzte.

4. Die Schatten der Vergangenheit

Um vier Uhr morgens schrillte das Telefon im Büro von Elena Kafka und unterbrach das monotone Geräusch, das der Gummiball verursachte, den Elena Kafka schon seit Stunden an die Wand drosch. Langsam setzte sie sich in den hohen gepolsterten Ledersessel, wippte mehrmals vor und zurück, ehe sie sich aufrichtete und zum Hörer griff.

„Was gibt’s?“, bellte sie in die Leitung, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten, und langte gleichzeitig nach einem frischen Nikotinkaugummi in ihrer Schreibtischlade.

„Ach, du bist es. Dachte mir schon, dass du dich meldest. Woher hast du meine Nummer?“ Gedankenverloren steckte sie den Nikotinkaugummi in ihren Mund, während sie zuhörte. Merkwürdig, dachte sie, das Nikotin beruhigt nicht, sondern schlägt nur auf den Magen.

„Natürlich, du und deine Beziehungen“, kommentierte sie mechanisch die Antwort, ohne mit dem Kauen aufzuhören. „Deine Stimme zittert so, bist du etwa alt geworden?“ Sie lächelte zynisch, doch als der Anrufer stockend den Grund seines Anrufs nannte, erstarrte sie für einen Moment.

„Tim ist tot? Er ist ermordet worden?“ Elena Kafka spuckte den Nikotinkaugummi in den Papierkorb, der unter ihrem Schreibtisch stand, und setzte sich aufrecht in ihren Lederstuhl. „Was ist passiert?“

Während sie zuhörte, riss sie eine Schreibtischlade auf und holte ein kleines schwarzes Notizbuch hervor. Der gewachste Leineneinband war an den Ecken abgewetzt und als sie das Buch aufschlug, waren die Kaffeeringe und Brandflecke nicht zu übersehen. Sie klemmte sich den Hörer zwischen Wange und Schulter und begann hektisch das Notizbuch durchzublättern. Es waren Tagebucheintragungen, die im Zeitraffer ein Leben dokumentierten, dann plötzlich abrissen. „Back in Linz!“ war quer über die letzte Seite geschrieben worden.

Elena Kafka räusperte sich, als sie bemerkte, dass der Anrufer verstummt war. Sie hörte nur ein verhaltenes Schluchzen, dann hatte sich der Anrufer wieder gefasst und seinen gewohnten befehlsmäßigen Ton angeschlagen. Schweigend hörte Elena Kafka zu, runzelte die Stirn, wollte etwas sagen, wurde aber von dem Anrufer unterbrochen. Mit resignierter Miene wartete sie, bis der Anrufer geendet hatte.

„Ich kümmere mich persönlich darum. Mein bester Mann ist in zwei Stunden vor Ort. Du kannst dich auf mich verlassen! Woher ...“

Doch der Anrufer hatte bereits aufgelegt und das mechanische Tuten des Telefons vermischte sich mit dem gleichmäßigen Trommeln des Regens an die Fenster ihres Büros.

Wie betäubt starrte Elena Kafka auf den Schreibtisch, auf dem der Telefonhörer und das schwarze Notizbuch lagen. Mit zitternden Fingern griff sich danach, schlug eine neue leere Seite auf und schrieb: „Es ist vier Uhr morgens, Ende Juli und es regnet ...“ Dann brach sie in Tränen aus und weinte, so wie sie zuletzt auf dem schmucklosen Friedhof in Washington geweint hatte.

Als es nichts mehr zu weinen gab und ihre Augen klein und verschwollen waren, legte sie langsam den Telefonhörer auf, griff automatisch nach der Blisterverpackung, um sich einen neuen Nikotinkaugummi herauszudrücken, aber die Verpackung war leer. Nervös fischte sie die zerkaute Kaugummikugel wieder aus dem Papierkorb, ließ sie in der Mundhöhle kreisen und versuchte nicht an das Nikotin, sondern an das Telefonat zu denken.

Mit bleischweren Gliedern stand sie auf, bemerkte den Gummiball, den sie auf dem Teppich liegen gelassen hatte, und hob ihn schnell auf. Durch die großen Fenster ihres Büros hatte sie einen Panoramablick über die Stadt, die um diese Zeit ausgestorben und leer wirkte. Nur vereinzelte Autos fuhren, glänzende Wasserfontänen wie Feuerschweife hinter sich aufwirbelnd, über die Nibelungenbrücke, die sich über die Donau spannte und die beiden Stadtteile von Linz miteinander verband. In der Glasscheibe spiegelte sich ihr Gesicht wider, das durch die konsequente Diät noch immer straff war und durch die pechschwarzen, streng zurückgebundenen Haare noch härter wirkte. Elena Kafka war neunundvierzig Jahre alt, sah aber aus wie Ende dreißig und fühlte sich im Augenblick wie sechzig.

Seit neun Monaten war sie jetzt in dieser Stadt und der Kulturschock hätte nicht größer sein können. Aus der pulsierenden Millionenstadt Washington, dem Zentrum der Macht, hierher in das beschauliche Linz. Aus der Hauptstadt des Verbrechens in eine Stadt, in der es nur wenige echte Verbrechen gab. Aus einer Stadt, in der sie den Tod kennengelernt hatte, in eine Stadt, in der sie wieder das Leben spüren wollte.

Doch das Verbrechen hatte sich wie ein Bluthund auf ihre Fährte geheftet und sie bis hierher verfolgt, um sie noch härter zu treffen. In ihrer Wohnung in Washington hatte sie gedacht, es könne nicht schlimmer werden, dass sie bereits die Hölle gesehen hätte, aber das war ein Irrtum gewesen. Erst jetzt stand sie am Tor der Hölle und diese Hölle war die Erinnerung. Wie meistens, wenn sie in diesen schwarzen Abgrund stürzte, hatte sie zwei Exit-Szenarien: Im Fitnesscenter bis zur Erschöpfung zu trainieren oder die verschreibungspflichtigen Medikamente, die ihre Stimmung innerhalb weniger Minuten aufhellten. Trainieren war um diese Zeit nicht möglich, deshalb griff sie zu der anderen Möglichkeit ...

Elena Kafkas Computer signalisierte eine einlangende Mail und als sie den Anhang öffnete, sah sie ein verschwommenes Handyfoto. Das nächste Foto war deutlicher. Der Anrufer musste wirklich gute Beziehungen haben, wie wäre er sonst so schnell an diese Bilder gelangt. Sie straffte ihren Oberkörper, kontrollierte, ob ihre Haare noch streng nach hinten gebunden waren, und druckte die Fotos aus. Sie hatte dem Anrufer ihr Wort gegeben, dass sie den Fall persönlich übernehmen würde. Und sie stand zu ihrem Wort, das war sie ihm schuldig, das war sie sich selbst schuldig.

Instanzen und Zuständigkeiten interessierten sie nicht. Jetzt hatte sie die Möglichkeit, endlich ihrer Karriere den entscheidenden Kick zu geben, endlich mit der Vergangenheit abzuschließen und mit dem Leben zu beginnen. Sie knallte den Gummiball gegen die Wand, er prallte blitzschnell zurück, wie ein Geschoss, wie eine Kugel. Merkwürdig, dass sie plötzlich diese Assoziation mit der Kugel hatte, jener Kugel, die ihr Leben so unwiderruflich auf den Kopf gestellt hatte, der Kugel, die eigentlich für sie bestimmt gewesen war ...

Elena Kafka hielt inne und spürte, dass nun der Augenblick gekommen war, mit den Lügen aufzuhören, dass sie sich nun mit aller Konsequenz eingestehen musste, dass diese Kugel, die in der schicken Wohnung in Washington durch die Nacht gepeitscht war, ihr Leben zerstört hatte.

Doch weiter wollte sie nicht denken und vor lauter Nervosität musste sie laut auflachen und das Geräusch ihrer rauen Stimme hallte in dem stillen Büro wie ein Donnerschlag. Dann setzte sie sich auf eine Ecke ihres Schreibtisches, strich sich den engen Rock glatt, griff zum Telefonhörer und wählte eine Nummer. Während sie das monotone Tuten in eine Art Trance versetzte und sie darauf wartete, dass endlich abgehoben wurde, dachte sie an den Mann, mit dem sie soeben telefoniert hatte, und stellte sich vor, wie ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie damals bei ihm geblieben wäre. Aber es war müßig, über vergeudete Chancen nachzugrübeln, jetzt ging es nur darum, das Leben wieder in den Griff zu bekommen.

„Na endlich! Du hast um zwei Uhr nicht auf meinen Anruf reagiert! Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht!“, hörte sie plötzlich übergangslos eine Stimme verschlafen und genervt aus dem Lautsprecher, als abgehoben wurde. Sie holte tief Luft und bellte schneidend in den Hörer:

„Hier spricht Elena Kafka, die Polizeipräsidentin. Ich erwarte Sie in fünfzehn Minuten in meinem Büro!“

5. Ein Treffen in der Nacht

Tony Braun knallte das Telefon auf den Couchtisch und wankte mit schmerzenden Gliedern unter die Dusche. Die rechte Schulter war bereits blau angelaufen und ließ sich nur noch mit zusammengebissenen Zähnen heben. Ein klarer Fall für den Arzt, hätte sein Partner Inspektor Dominik Gruber gesagt, aber Braun hatte keine Zeit für Ärzte, genauso wie er keine Zeit für Schlaf hatte. Daher hatte ihn der Anruf wach, wenn auch nicht nüchtern erreicht.

Ja, wenn er abgestürzt wäre, dann hätte er jetzt alle Zeit der Welt, aber er hatte wieder einmal unendlich viel Glück gehabt und dieses verdammte Glück feierte er mit einigen Dosen Bier, um das Adrenalin abzubauen und sich zu entspannen.

Als er über den Rand des obersten Containers hinaus ins Leere gestürzt war, schien sein Leben anzuhalten und er war bereit für die große Befragung, das letzte Verhör: Ob die ganze Scheiße, die Tag für Tag auf ihn niederprasselte wie der verdammte Regen, der Sinn seines Lebens gewesen war? Hatte sich das ausgezahlt? Wäre es nicht klüger gewesen, doch noch den imaginären Marathon zu laufen, auch ohne den Freund, der keiner mehr war?

Alles Scheißgedanken.

Er hatte überlebt und war schon auf dem Weg zu diesem Treffen, das so wichtig und geheim zu sein schien, dass nur um vier Uhr morgens eine Besprechung möglich war. Aber ihm konnte das nur recht sein. Er starrte auf seine Handflächen, die mit blutigen Streifen durchzogen waren und wie Grillfleisch aussahen. Er hatte im Sturz vom Containerstapel den geöffneten Eisenriegel gepackt, zunächst geglaubt, es würden ihm die Arme aus dem Körper gerissen, doch er hatte nicht locker gelassen. Unter seinem Gewicht war der Riegel träge nach außen geschwungen und er war in einem rechten Winkel zum Container in der Luft gebaumelt, hatte sich an dem Eisenriegel festgehalten, dessen Kante wie ein Messer in seine Finger schnitt. Dann hatte er es irgendwie geschafft, nach unten zu kommen. Der Sprayer war zwar verschwunden, aber Braun war froh gewesen, noch am Leben zu sein. Mittlerweile hatte sich seine Euphorie darüber wieder gelegt, denn das Leben ging genauso beschissen weiter wie zuvor: Es regnete und Kim hatte er noch immer nicht erreicht.

Er probierte es ein letztes Mal unter ihrer Nummer, als er auf den Parkplatz beim neuen Rathaus fuhr, in dem ein einziges Büro erleuchtet war, er wurde also bereits erwartet. Ein bronzefarbener Porsche, dessen Sonderlackierung im gelben Parkplatzlicht wie Scheiße aussah, stand einsam im Regen und wartete sicher auf einen reichen Schnösel, der noch besoffen in einer Bar herumhing.

Während er mit dem Lift nach oben fuhr, überlegte er, ob er seine halblangen schwarzen Haare einem radikalen Kurzhaarschnitt opfern sollte, kam aber zu keiner Entscheidung. Im Spiegel überprüfte er den Sitz seines schwarzen Anzugs, schnippte ein Fussel von seinem weißen T-Shirt. Zu Hause hatte er nur schwarze Anzüge und weiße T-Shirts, das erleichterte die Auswahl nach dem Aufstehen ungemein.

Im ganzen Gebäude war es geisterhaft still, als er durch den Korridor ging. Vor der Tür blieb er stehen, denn von drinnen war ein Knallen zu hören, dass er nicht so richtig einordnen konnte. Früher wäre ihm dieses Knallen überhaupt nicht besonders aufgefallen. Lag es vielleicht daran, dass sich in der Nacht auch bei den Menschen die Sinne schärften, wie bei einem Raubtier? Oder war es einfach die Tatsache, dass nachts nicht ständig das Telefon schrillte und Beamte an die Tür klopften, um Akten vorbeizubringen oder Informationen auszutauschen? Überhaupt hatte es den Anschein, als würde sich sein Leben immer stärker vom Tag in die Nacht verlagern und eine eigene Parallelwelt aufbauen, in der lichtlose Geschöpfe durch regennasse Straßen huschten und sich zu konspirativen Zusammenkünften in dunklen Räumen trafen. Aber auch Elena Kafka, der Polizeipräsidentin, schien es ähnlich zu gehen, denn war es normal, Besprechungen um vier Uhr morgens abzuhalten? Er straffte seine Schultern und trat ein.

„Gegen ein Uhr morgens wurde ein Mann auf einem Segelschiff mitten auf dem Traunsee in Gmunden verbrannt.“ Braun stand noch immer in der geöffneten Tür und hörte Elena Kafka zu, die ihren Gummiball, den sie enervierend monoton gegen die Wand geschossen hatte, jetzt zwischen ihren Handflächen drehte und weitersprach.

„Es gibt einen Zeugen, einen Fischer namens Georg Hauser, der gesehen hat, wie der Mann verbrannt ist. Er hat einige Fotos mit seinem Handy gemacht. Ich habe sie bereits auf meinem Computer.“

„Ein spektakulärer Mord, der Täter wollte damit wohl Eindruck machen.“ Braun blickte Elena Kafka fragend an, die sich jetzt hinter ihren Schreibtisch gesetzt hatte, in einem schwarzen Büchlein blätterte und kurz und knapp noch weitere Fakten zu dem Fall mitteilte.

„Der Zeuge glaubt, noch ein anderes Boot auf dem Traunsee gesehen zu haben, ist sich aber nicht sicher. Das Segelboot wurde wahrscheinlich von einem Ruderboot auf den See hinausgezogen. Das würde allerdings erklären, warum er erst so spät den Außenbordmotor gehört hat.“

„Ja, das könnte hinkommen“, antwortete Braun nach kurzem Überlegen. „Ist zwar umständlich, aber durchaus zu bewerkstelligen. Wurde ein Boot als gestohlen gemeldet?“

„Ja, das Segelboot wurde aus dem Yachthafen in Gmunden gestohlen. Aber der Täter könnte natürlich auch ein Ruderboot entwendet haben, aber ich bezweifle das.“

„Warum?“ Braun strich sich seine schwarzen Haare mit beiden Händen zurück und gab sich gleich selbst die Antwort. „Das Risiko wäre zu groß, dass ihn jemand sieht. Bei dem Segelboot ist er bewusst ein Risiko eingegangen, das gehörte zu seinem Plan. Aber Ruderboot und Außenbordmotor ...“

„Der elektrische Außenbordmotor wurde ebenfalls aus dem Yachthafen gestohlen. Ein Schuppen wurde aufgebrochen, wo man ihn verwahrt hat“, unterbrach ihn Elena Kafka.

„Schade, wäre eine hübsche Spur gewesen.“

„Sie finden eine neue Spur, Chefinspektor Braun. Davon bin ich überzeugt.“ Elena Kafka lächelte ohne jede Herzlichkeit und klopfte mit ihrer Hand nervös auf das schwarze Büchlein auf ihrem Schreibtisch.

Elena Kafka war die neue Polizeipräsidentin von Linz mit internationaler Erfahrung. Bei der Vorstellung hatte sie ihren Lebenslauf unter den Polizeibeamten verteilt, aus dem hervorging, dass sie 49 Jahre alt, kinderlos und Witwe war. Sofort nach ihrem Studium war sie in die USA ausgewandert, hatte dort geheiratet und lange als Polizeiberaterin in Washington gearbeitet. Nach einem persönlichen Schicksalsschlag, über den sie allerdings nie sprach, war sie vor neun Monaten in ihre Geburtsstadt Linz zurückgekehrt und hatte sich um den frei gewordenen Posten des Polizeipräsidenten beworben, den sie auf Grund ihrer Qualifikation auch prompt bekommen hatte. Mit ihrem fitnessgestählten Körper und den streng zurückgekämmten pechschwarz gefärbten Haaren erinnerte sie an eine attraktive Domina und polizeiintern hatte sie den Spitznamen „Madame de Sade“ erhalten. Aber sie war nicht nur gutaussehend, sondern auch sehr klug, das hatte sie seit ihrem Amtsantritt schon öfters unter Beweis gestellt.

„Wieso kümmern wir uns um diesen Fall? Das fällt doch eindeutig nicht in unseren Zuständigkeitsbereich.“ Fragend sah Braun zu Elena Kafka, doch deren Miene blieb undurchdringlich.

„Das Opfer heißt Tim Kreuzer“, sagte sie dann kurz angebunden, als wäre damit Brauns Frage ausreichend beantwortet.

„Oh, so schnell hat man die Identität des Toten festgestellt.“ Braun war echt überrascht. „Die Kollegen in Gmunden arbeiten aber sehr effizient.“

„Ich erhielt einen Anruf.“ Elena Kafka räusperte sich und klappte das schwarze Büchlein zu. „Von Georg Kreuzer, dem Vater.“

„Moment mal!“ Braun runzelte die Stirn. „Ist der Vater des Mordopfers etwa Georg Kreuzer, der bekannte Industrielle? Inhaber der Kreuzer-Werke? Der hat Sie in der Nacht angerufen? Woher hat er Ihre Nummer?“

„Chefinspektor, bitte! Sie nerven!“ Elena Kafka schnaubte wütend und spielte nervös mit ihrer leeren Nikotinkaugummischachtel. „Ich kenne Georg Kreuzer von früher, aber das tut nichts zur Sache! Tatsache ist, dass ich ihm versprochen habe, meinen besten Mann mit der Aufklärung dieses Mordfalles zu betrauen. Und Sie sind nun einmal mein bester Mann!“

„Danke für die Blumen“, erwiderte Braun sarkastisch und versuchte sich auf die Fakten des Mordfalles zu konzentrieren, die Elena Kafka monoton herunterlas, und das nicht stattgefundene Telefonat mit Kim in den Hintergrund zu drängen. Er musste unbedingt bei Tagesanbruch in der Klinik anrufen, um sich Klarheit zu verschaffen. Als er den rechten Arm hob, um seinen Nacken zu massieren, zuckte er schmerzhaft zusammen. Braun streckte seine Hände nach vorn, um seine Muskeln zu entspannen.

„Was ist mit Ihren Händen passiert, Chefinspektor?“ Elena Kafka deutete auf Brauns Handflächen, auf denen die roten Striemen noch deutlich zu sehen waren.

„Ach, nichts weiter, bin bloß ausgerutscht. Ich habe für den Barcelona-Marathon trainiert.“ Schnell steckte er die Hände in die Hosentaschen.

„Woher weiß der Vater, dass es sich um seinen Sohn handelt?“, kam er wieder auf den Fall zu sprechen und lehnte sich an die Wand.

„Kreuzer bekam einen Anruf vom Wachdienst des Gmundner Yachthafens, dass Diebe sein Segelboot gestohlen haben. Dann kam der Notruf des Fischers, der das Segelboot mit dem angeketteten brennenden Mann entdeckt hat.“ Elena Kafka trommelte mit den Fingerspitzen auf ihr schwarzes Notizbuch, das für sie anscheinend als Inspirationsquelle diente, so jedenfalls erschien es Braun.

„Als die Wasserschutzpolizei eingetroffen war, kam für das Opfer natürlich jede Hilfe zu spät.“ Sie räusperte sich. „Der Polizeiarzt, der die Leiche als Erster untersucht hat, fand zusätzlich noch Hinweise, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Tim Kreuzer handelt. Die Haut an der linken Hand des Opfers war relativ unversehrt und auf der Innenseite des Handgelenks waren noch die eintätowierten Buchstaben ,DIMI’ fragmentarisch zu erkennen.“ Elena Kafka machte eine kurze Pause und starrte in ihre Notizen. „Laut der Aussage seines Vaters hatte Tim eine derartige Tätowierung.“

„Dann ist es wohl eindeutig.“ Braun nickte zustimmend. „DIMI, was das wohl zu bedeuten hat? Vielleicht eine Abkürzung? In welcher Schrifttype sind die Buchstaben?“

„Gotische Lettern, soweit ich mich erinnern kann.“

„Die sind ja im Augenblick total angesagt, bedeutet vielleicht gar nichts.“

„Junge Leute haben oft die merkwürdigsten Ideen.“ Elena Kafka zuckte mit den Schultern. „Tim war ja erst 25 Jahre alt und er war ein Künstler.“

„Ein Künstler? Was soll ich mir darunter vorstellen?“ Braun kratzte sich seinen Dreitagebart. „War er Musiker, Schriftsteller, Maler oder was weiß ich?“

„Er war Modedesigner“, antwortete Elena Kafka knapp. „Er hat das Modecollege ,Herzblut‘ in Gmunden besucht.“

„Herzblut – und ein Tattoo mit gotischen Lettern. Klingt für mich ein bisschen nach Gothic. Diese schrägen Friedhofsgeher sind nicht so ganz meine Wellenlänge!“

„Da habe ich in Washington viel schrägere Dinge erlebt. Dinge, die so schräg sind, dass man alleine beim Nachdenken darüber verrückt werden könnte“, sagte Elena Kafka und schlug mit ihrer geballten Faust die leere Nikotinkaugummischachtel platt.

„Natürlich, ich kann mir vorstellen, dass es dort die richtigen Freaks gibt. Wann kann ich übrigens mit dem Vater sprechen?“, wechselte Braun schnell das Thema. „Ich muss mir doch ein Bild über das Leben und das Umfeld von Tim Kreuzer machen.“

„Ich denke, das wird nicht nötig sein. Alle relevanten Informationen habe ich bereits erhalten“, blockte Elena Kafka ab. „Tim Kreuzer hat übrigens gestern Abend noch seinen Vater angerufen.“

„Worum ging es bei dem Gespräch?“

„Tim wollte wieder zurück nach Hause.“ Elena Kafka trommelte auf ihr schwarzes Notizbuch. „Und er hatte entsetzliche Angst.“

„Hat er seinem Vater gesagt, wovor er Angst hatte?“, fragte Braun.

„Leider nein. Er hat immer nur von einer lange zurückliegenden Sache gesprochen“, antwortete Elena Kafka.

„Wer führt die Obduktion der Leiche in Gmunden durch?“

„Das, was von Tim Kreuzer übrig geblieben ist, ist auf dem Weg nach Linz in die Pathologie. Paul Adrian, der Gerichtsmediziner, ist schon verständigt. Ich erwarte seinen Bericht so schnell wie möglich.“

„Wir fahren also das volle Programm bei diesem Mordfall“, konstatierte Braun, der wusste, dass Paul Adrian einer der besten Gerichtsmediziner in ganz Europa war und oft internationale Autopsien durchführte.

„So ist es und Sie haben meine volle Unterstützung, Braun.“ Elena Kafka hob den Kopf und blickte Braun erwartungsvoll an. „Sie fahren sofort nach Gmunden, vernehmen dort den Augenzeugen, diesen Fischer namens Georg Hauser. Das abgebrannte Segelboot ist in einem bewachten Schuppen auf dem Werftgelände. Arbeiten Sie mit kleiner Besetzung, ich möchte, dass Sie diesen Fall diskret lösen, ohne riesiges Mediengetöse, wie das ja sonst bei Ihnen so üblich ist.“

Elena Kafka spielte auf einige von Tony Brauns früheren Fällen an, die überregional für Aufsehen gesorgt hatten. Besonders der spektakuläre Fall des Taubenmädchenmörders war durch die internationale Presse gegangen und hatte Brauns Image als kompromissloser Ermittler noch weiter verstärkt. Im Zuge dieses Falls hatte Braun auch Kim Klinger kennengelernt, die letzte Nacht nicht auf seine Anrufe reagiert hatte, was noch nie der Fall gewesen war.

„Wie gesagt, Braun, ich halte Ihnen den Rücken frei, solange Sie sich an die Spielregeln halten.“

„Spielregeln? Was meinen Sie damit?“ Irritiert zog Braun seine Augenbrauen hoch.

„Ich will über alle Ergebnisse sofort informiert werden. Im Zweifelsfall entscheide ich, in welche Richtung wir weiter ermitteln! Ist das klar?“

„Das lässt ja an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, Polizeipräsidentin! Ich habe es schon verstanden“, murmelte Braun und lächelte zynisch.

„Dann ist soweit alles im Laufen. Ich erwarte schnellstens Ergebnisse. Nochmals: Sie erstatten ausschließlich mir Bericht, haben Sie mich verstanden?“

„Was ist mit der Staatsanwaltschaft? Wird nicht auch Oberstaatsanwalt Ritter in den Fall eingebunden? Wir können doch nicht an ihm vorbei ermitteln“, warf Braun ein und dachte an den Oberstaatsanwalt, der aus spektakulären Fällen gerne für sich Kapital schlug, um sich so mit allen politischen Entscheidungsträgern gutzustellen.

Aber nun hatte der Oberstaatsanwalt in Elena Kafka anscheinend eine ebenbürtige Gegnerin gefunden, die keine Skrupel hatte, einen spektakulären Mordfall an sich zu reißen, um daraus positive Publicity zu schlagen.

„Den Oberstaatsanwalt nehme ich mir selbst vor, das braucht Sie nicht zu kümmern“, antwortete Elena Kafka und blickte Braun scharf an.

„Mir geht es nicht um Publicity in einem spektakulären Mordfall, Braun“, schien sie Brauns Gedanken zu erraten. „Ich habe Georg Kreuzer versprochen, den Mord an seinem Sohn Tim aufzuklären.“ Sie erhob sich langsam aus ihrem Lederstuhl, um Braun zu signalisieren, dass die Besprechung zu Ende war, stützte sich mit einem Handrücken auf der Schreibtischplatte ab und fixierte Braun mit ihren schwarzen Augen, die wie Kohlestücke glühten. „Ich habe Georg Kreuzer mein Wort gegeben, dass mein bester Mann den Fall so schnell wie möglich aufklärt.“

Sie streckte Braun ihre rechte Hand entgegen und als Braun sie drücken wollte, zuckte sie zurück.

„Diese Striemen in Ihrer Hand fühlen sich ja an wie Löcher.“

Ihre Stimme bekam plötzlich einen eisenharten Klang. „Ich habe so etwas schon einmal gesehen und ich will so etwas nie wieder sehen!“

6. Der Einsame im Schloss

Ein Idealmaß für eine Taille sind 43 Zentimeter. Diese perfekte Silhouette erreichen nur wenige. Den meisten fehlt es an der Disziplin und dem Willen, sich täglich zu schnüren und damit auch in der Nacht nicht aufzuhören. Besonders in den Nächten, wenn sich der Mond hinter den Wolken verbirgt und der Regen an die Fenster prasselt, dann wird das Schnüren vor dem großen Spiegel zu einem quälenden Ritual. Es ist quälend, wenn die senkrechten Verstrebungen, die aus biegsamem Metall und oben zugespitzt sind, in die Haut piksen, die noch immer zu schwabbelig, untrainiert und nicht reif für die metallene Schnürung ist.

Die Silhouette, die Dimitri di Romanow in dem riesigen Wandspiegel betrachtete, war alles andere als perfekt, aber er arbeitete verbissen daran, sie so zu perfektionieren, dass sie ein V bis zur Taille bildete und von dort ein stilisiertes Herz zu den Hüften. Das war ein langer Weg, das war schwierig und erforderte einen eisernen Willen, den er sonst nicht hatte. Tagsüber hing er meist schlaff in seinem Turmzimmer herum, war froh, wenn ihn niemand störte, denn nur so konnte er seinen Gedanken nachhängen. Diese Gedanken kreisten immer um Korsetts aus Latex oder Gummi und Masken, mit denen man die Atemluft regulieren und einen Erstickungstod simulieren konnte. Aber am wichtigsten war ihm das Schnüren, das er bereits mit fünfzehn Jahren begonnen hatte, als er in Minsk seine Tante beobachtet hatte, die sich in ein fliederfarbenes Mieder so eng schnüren ließ, dass sie in Ohnmacht fiel und bewusstlos von ihrem Neffen vergewaltigt wurde. Der Neffe konnte nur mit Müh und Not dem Onkel entkommen, der ihn sonst totgeschlagen hätte. Seither interessierte sich der Neffe nicht mehr für die Frauen, nannte sich Dimitri und wurde auf dem immer eiskalten Hauptbahnhof von Minsk von den Reisenden der ersten Klasse gerne gebucht. Einer dieser First-Class-Reisenden hatte schließlich Erbarmen mit ihm gehabt und ihn mit in den Westen genommen. Dimitri wurde jedoch älter und die Konkurrenz größer. Deshalb verlegte er sich auf das Schnüren, da gab es zwar nur einen kleinen Kundenkreis, aber dieser war beständig und treu. Doch als einer seiner Kunden in einem diskreten Hotel in Tallinn an einer Komplettschnürung erstickte, war es mit seiner Karriere vorbei. Er wurde wegen abartiger Sexualpraktiken mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft verurteilt und hatte es nur einer Laune des Schicksals zu verdanken, dass er das Gefängnis in Tallinn überlebte.

Vor einigen Jahren war er dann in dieses Schloss der Modeschule „Herzblut“ gekommen und hatte zunächst als Gehilfe der Kreativdirektorin begonnen, um vor drei Jahren ihre Stelle einzunehmen. Er war soweit ganz glücklich.

Seufzend riss er sich von seinem Spiegelbild los, stolzierte auf seinen eleganten, hochhackigen Stiefeln durch sein Atelier bis zu dem großen Arbeitstisch, der sich in der Mitte des Raumes befand und der mit Zeichnungen und Papieren überhäuft war. Zu Beginn der Woche hatte Dimitri alle Motive und Designs gesichtet, die im Lauf der letzten Zeit bei ihm eingetrudelt waren, und eine Auswahl getroffen. Jetzt lagen die Entwürfe ordentlich aufgereiht auf dem Tisch und Dimitri schritt sie ab wie ein General eine Parade. Natürlich waren die Entwürfe nicht zu vergleichen mit jenen der demnächst erscheinenden „Burning Souls“-Kollektion, aber trotzdem verfügten sie über eine durchgängige Linienführung und ein starkes Grundmotiv. Vorsichtig verpackte er die Blätter in einer großen schwarzen Mappe und blickte aus dem schmalen Schießscharten-Fenster hinaus auf den schwarzen Traunsee. Noch vor wenigen Stunden war er völlig durchnässt zurückgekehrt, hatte das lange, schmale Ruderboot im Gebüsch am Ufer versteckt und die Luft angehalten, um bei der anschließenden Schnürung noch einen Zentimeter zu gewinnen – oder war es die Angst gewesen? Die Angst vor dem, was draußen passiert war?

Er dachte an die lodernde Feuerfackel auf dem See und hatte sich zunächst ein Lächeln nicht verkneifen können, wenn er an die dummen Touristen dachte, die glaubten, Zeuge eines künstlerischen Spektakels zu sein. Aber dann hatte sich der Schatten eines Zweifels in seinem Hinterkopf festgesetzt und er war ruhelos in dem feuchten Turmzimmer auf und ab gegangen, ohne auch nur eine Sekunde an Schlaf zu denken. Draußen am See war das Feuer längst erloschen, nur mehrere Boote der Wasserschutzpolizei leuchteten mit ihren grellen, unbarmherzigen Scheinwerfern über den See und als ein ferner Lichtstrahl auch das Schloss streifte, zuckte er panisch zurück, obwohl er aus dieser Entfernung nicht gesehen werden konnte.

Er liebte dieses Schloss mit seinen verwinkelten Gängen und unzähligen Zimmern, die alle ein Geheimnis bargen und trotz der allgegenwärtigen Feuchtigkeit und Kälte immer noch Grandezza und Geborgenheit vermittelten. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er jemals ein Schloss bewohnen würde, aber das Schicksal hatte es gut mit ihm gemeint.

Hatte es so lange gut mit ihm gemeint, bis Tim Kreuzer als Schüler hier aufgetaucht war. Mit Tim hatte er die geheimen Verließe, die sich im vermoderten Keller befanden, erkundet. Tim hatte ihn in einem dieser feuchten, von Ratten bevölkerten Verließe an die Wand gekettet und dann einen ganzen Tag hängen lassen, ohne auf seine Hilferufe zu reagieren, als die Ratten schon begonnen hatten, an seinen Beinen hochzuklettern. Er war so wütend gewesen, als Tim endlich zurückgekommen war, aber dann sah er in Tims graue Augen und alles war vergeben und vergessen. Auch die Angst verschwand, dass Tim ihn eines Tages verlassen könnte.

Er blickte in den Park hinunter, der schwarz und unheimlich wirkte. Tim hatte ihn oft mit den Skulpturen im Park verglichen. Kein sehr schmeichelhafter Vergleich, aber Dimitri fand auch dafür entschuldigende Worte. Tim sprach vom Wert der Skulpturen, nicht von ihrem Aussehen. Dimitri war sich ganz sicher, dass Tim es so gemeint hatte.

Denn wirklich interessant war nicht das baufällige Schloss, sondern der verwilderte Park, der sich an dem Seeufer entlangzog. Es war ein Skulpturengarten, in dem die Objekte so überraschend zwischen den Büschen und Bäumen entlang des Weges aufgestellt waren, dass sie auf die Besucher zu lauern schienen, um ihnen entgegenzuspringen und sie mit ihren Fratzen zu erschrecken.

Es waren mehr als ein dutzend Skulpturen aus Stein oder Marmor, die der frühere Besitzer des Schlosses selbst entworfen hatte. Der Künstler hatte versucht, die Chimären seiner Albträume in diesen Objekten zu verarbeiten, und so reichte die Bandbreite der Kunstwerke von buckligen Zwergen über verkrümmte Frauen mit hervorbrechenden Kopftumoren bis hin zu völlig entstellten Elefantenmenschen. Viele der ursprünglich hellen Marmorskulpturen waren durch den vielen Regen fast völlig schwarz geworden, modrig grünes Moos wucherte aus allen Ritzen und verlieh ihnen ein noch gespenstischeres Aussehen.

Seit ihn Tim mit den Skulpturen verglichen hatte, liebte Dimitri den Park mit seinen hässlichen Figuren und verbrachte viel Zeit damit, sie zu fotografieren, um sie vielleicht irgendwann einmal als Designmotive zu verwenden. Doch bis jetzt war ihm noch keine kreative Idee gekommen, wie sich die Freak-Skulpturen einsetzen lassen würden, und er bezweifelte auch, dass ihm in dieser Nacht noch irgendetwas dazu einfallen würde. Er war viel zu aufgewühlt und nicht einmal die Anmut seiner Silhouette verschaffte ihm die stille Befriedigung, die er sonst immer dabei erlangt hatte.

Mit gezierten Handbewegungen band er die breiten Satinbänder der Mappe zu anmutigen Schleifen, denn die Designs sollten noch in der Nacht abgeholt und in das Flugzeug nach Moldawien verfrachtet werden. Während er die Blätter ordnete, sortierte, verpackte und schließlich in einen Karton legte, diesen verklebte, summte er einen Song und das Feuer auf dem See rückte in weite Ferne.