Alle Vögel fliegen hoch - Michaela Seul - E-Book

Alle Vögel fliegen hoch E-Book

Michaela Seul

4,7
8,99 €

Beschreibung

Franza und Flipper legen los

»Wer einen Hund hält, muss mit einer Leiche rechnen.«
Davon ist Franza, Fitnesstrainerin und Frauchen beziehungsweise Chefin von Flipper überzeugt. Flipper ist kein Delfin, kann aber für einen Hund gut schwimmen. Als die beiden einen Toten zwischen Starnberger See und Wampertskirchen finden, beißen sie sich an dem Fall fest. Und ein bisschen an Kommissar Tixel, der nicht begeistert von dem sechsbeinigen Ermittlerduo ist. Aber von Franza. Doch die läuft geradewegs ins Blickfeld des Mörders. Spätestens jetzt ist Flippers Spürnase gefragt!

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Seitenzahl: 476

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Das Buch

Wer war der tote Mann unterm Hochsitz und warum musste er sterben? Franza und Flipper beißen sich an diesem Fall fest. Und ein bisschen auch an Kommissar Felix Tixel, dessen apfelrunder Bizeps Franza in Versuchung führt. Die verbotenen Ermittlungen führen das Duo nicht nur ins Unterholz, sondern auch auf manchen Holzweg ? Und plötzlich geraten sie selbst ins Visier des Mörders. Die auf den Scheibenwischer aufgespießte Krähe spricht eine deutliche Sprache. Franza lässt sich davon nicht einschüchtern. Sie möchte den Mörder apportieren – für den Kommissar. Der findet das allerdings gar nicht gut. Denn ohne es zu ahnen weckt Franza schlafende Hunde.

Alle Vögel fliegen hoch ist der erste Roman um das unschlagbare Team Franza und Flipper.

Die Autorin

Michaela Seul, mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnete Bestseller-Autorin und Ghostwriterin, hat sich auf Spaziergängen mit der vierbeinigen rabenschwarzen Luna zu diesem Kriminalroman inspirieren lassen. Gassi gegangen wird im Fünfseenland, dem Wohnort der in München geborenen Autorin. Michaela Seul hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter dem Namen Shirley Seul auch Ratgeber, Sachbücher, Memoirs.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 24Kapitel 25DanksagungCopyright

1

Die Leiche traf mich nicht unvorbereitet. Ich hatte mit ihr gerechnet. Schon seit Jahren, genauer gesagt seit drei Jahren. Wer einen Hund hält, muss mit einer Leiche rechnen. So steht es häufig in der Zeitung, Stichworte: Hundebesitzer, Wald, Spaziergang, Leichenfund. Ich hätte also eigentlich nicht überrascht sein dürfen. Ich hätte mir mehr Souveränität von mir gewünscht. Aha, jetzt bin ich also dran. Ein wenig früh vielleicht; andere Menschen halten jahrzehntelang Hunde, bevor sie ihre Leiche finden, bei mir geschieht es eher, dafür geht es in anderen Kapiteln langsamer, zum Beispiel in der Liebe, da bewegt sich gar nichts, aber das ist ein Thema, das ich am liebsten ignoriere. Die Leiche jedenfalls konnte ich nicht übersehen, weil Flipper sie nicht überroch. Flipper drehte völlig durch. So hatte er sich noch nie benommen.

Die Hand ragte aus dem Gestrüpp. Drei Finger. Nein, zweieinhalb. Und Flipper war dabei, eine Gewebeprobe zu entnehmen.

So kannte ich ihn nicht. So wild und knurrend, so völlig außer sich, mit gesträubtem Fell und gebleckten Zähnen, die Lefzen zurückgezogen bis zu den Ohren.

»Hierher!«, befahl ich, meine Stimme beschämend dünn. Aus Angst vor Jägern war ich Flippers Bellen panisch entgegengerannt. Er wildert nicht. Ich weiß das – aber wissen es auch die Jäger? Flipper gehorcht aufs Wort. Außer in Liebesangelegenheiten. Doch das hier konnte ja wohl keine Liebe sein, auch wenn die lange Flipperzunge wie zum Abschied, letzter Gruß, über die grüngraue Masse leckte, unter der vielleicht die Trümmer eines Jochbeines knorpelten. Jetzt erst bemerkte ich, dass es hier widerwärtig stank. In leeren Augenhöhlen räkelten sich Maden, Maden, Maden. Der Speck war weg. Wo einmal eine linke Wange gewesen sein mochte, grinste mich ein weißlicher Knochen an, keine Ahnung, warum ich Grinsen dachte. Darunter schimmerten gelbliches Fettgewebe und bräunliche Muskulatur, und ich weiß nicht, warum mir dieser Professor mit dem Hut in den Sinn kam, der die Toten plastiniert; ich überlegte sogar eine Weile, wie er hieß. Dabei fiel mir das Surren und Sirren auf. Es wurde immer lauter, und ich wunderte mich, dass es mir nicht schon zuvor aufgefallen war. Fliegen. Dutzende, Hunderte, Tausende. Die Leiche war ein Mann, ich vermutete es wegen der Schuhgröße. Gewesen – musste es heißen. Gewesen wie verwesen. Der Körper lag da – ein schlafender Haufen Lumpen. Und stank. Stank bestialisch und schlief so tief, dass ihn die Ameisen nicht störten, die sich an ihm gütlich taten. Sein Leib war aufgedunsen. Er spürte es nicht. Auch nicht die Dornen, von denen er umrankt war im wild wuchernden Brombeergestrüpp. Nicht die Armee der Käfer, die durch die bräunlichen Felder oberhalb seines Kiefers marschierte. Schwarze Flüssigkeit, Blut wie Brombeergelee, vielleicht aber auch Fäulnis, klebte an seiner grüngrauen Stirn und in den dunkelbraunen dichten Haaren. Schwarze Käfer, schwarze Fliegen, schwarze Ameisen. Tausende von schwarzen Beinen auf der Haut. Flink, emsig, unerbittlich. Er spürte es nicht. Wie ich. Ich schaute bloß. Lieber hätte ich weggeschaut, aber ich konnte mich nicht bewegen. Vielleicht schaute ich auch gar nicht lange. Vielleicht war es nur ein Sekundenbruchteil. Der längste Sekundenbruchteil meines Lebens. Erst als mir bewusst wurde, dass ich vorsichtig durch den Mund atmete, erreichte mich das Grauen, ich sog es ein mit seinem Brechreiz erregenden herben, süßsauren, scharfen, schneidenden Gestank. Unermüdlich kreisten die Fliegen. Mit gleichmütigem Sirren und Surren starteten und landeten sie auf dem angefressenen Gesicht und dem aufgeblähten Leib voll bräunlicher Riesenblasen, dessen grünlich schimmernde Arme wie Stöcke aus einem schwarzen T-Shirt ragten. Kein Haus, kein Auto, kein Boot stand in gelber Schrift darauf. Und darunter, klein und rot: aber geil! Eine Fliege krabbelte über meine Lippen. Ich drehte mich weg und kotzte in die Büsche.

Als ich auch noch die Butterbreze losgeworden war, die ich nach dem Training gefrühstückt hatte, und mich in einigermaßen erträglichem Geruchsabstand befand, setzte Flipper sich auffordernd vor mich. Er wartete auf ein Lob. Er hatte schließlich etwas geleistet. Das hier war kein Stöckchen oder Ball, das war eine richtig fette, beziehungsweise faule Beute. Außerdem hatte Flipper sich vorbildlich verhalten. Erst mal bellen. Aufsehen erregen. Die Umgebung auf die Gefahr aufmerksam machen. Hilfe holen. Das ist die Basis in jedem Selbstverteidigungskurs. Nicht umsonst hat Flipper an Dutzenden solcher Kurse teilgenommen. Als Nächstes sollte er den roten Knopf drücken, der ihn mit dem U-Bahn-Fahrer verbinden würde. Aber da war kein Knopf. Und der einzige irgendwie Bevollmächtigte weit und breit war ich: seine Vorgesetzte. Die ziemlich kopflos herumstand. Mein Herz schlug viel zu schnell und meine Augen brannten vom Salz meines Schweißes. Ich schwitzte, als hätte ich ein paar hundert Crunches in der Sauna absolviert, dabei befand ich mich im Schatten. Es war zwar warm, aber nicht heiß wie an den vergangenen Tagen, nachts hatte es heftige Gewitter gegeben, in München sogar mit Hagel. Flipper musterte mich leicht beunruhigt. Seine Sensoren meldeten wahrscheinlich Alarmstufe Rot. Die gab es in der Tat, so lange er mich mit der Gewebeprobe auf der Zunge anlächelte.

Ich kramte in meinem Rucksack nach einem Taschentuch, hielt Flippers Zunge fest, besser gesagt: versuchte, sie festzuhalten, sie flutschte mir durch die Finger, und Flipper schaute mich empört an. Er war schließlich kein Kleinkind. Fehlte gerade noch, dass ich auf das Taschentuch spuckte und seine Backen abrieb. Wie unhöflich aber auch. Warum schleckte ich ihm nicht kameradschaftlich übers Maul? Keine Manieren, die Menschen!

Es tut mir leid, dachte ich und wusste, dass die Entschuldigung ankam. Mit Flipper brauche ich nicht laut zu reden. Er weiß, was ich denke. Natürlich habe ich mir das Reden deshalb nicht abgewöhnt, doch manchmal ist es sehr angenehm, darauf zu verzichten. Zum Beispiel, wenn Magensäure in der Kehle Tango tanzt. Ich rieb mit dem Taschentuch auf Flippers Zunge herum, wobei ich leider mit dem feuchten rosaroten Schlabberteil und dessen grünlichem Belag in Berührung kam. Ich musste noch mal in die Büsche.

Hoffentlich würde ich bald aufwachen. So lange dauerten Träume normalerweise nicht. Oder dieser Typ da im Gestrüpp sollte aufwachen. Das alles war doch nicht echt. Irgendjemand hatte die lebensgroße Lumpenpuppe bei Drehschluss vergessen, ein Praktikant wahrscheinlich, der rasch zu seinen Kumpels wollte, und so hatte er die Requisite in den Sträuchern liegen lassen. War ja nicht seine. Gehörte dem Sender. War ja nicht sein Auto. Gehörte Papa. Auf junge Leute war kein Verlass, die hatten alles andere im Sinn, bloß nicht ihren Job, das war völlig normal, und außerdem war diese Szene sowieso nicht real. Wobei das mit dem bestialischen Gestank erschreckend realistisch roch.

Ich wollte damit nichts zu tun haben. Ich wollte einfach nur mit meinem Hund spazieren gehen. Und wenn ich irgendwann mal eine echte Leiche finden würde, dann würde ich mich professioneller benehmen, schließlich war ich vorbereitet. Ich wusste, dass man damit rechnen muss, als Hundebesitzerin. Ich lebte nicht hinterm Mond! Ich war eine Großstädterin, 33 Jahre alt, mit einem Körperfettanteil von 20 Prozent, trotz meiner Schokoladensucht oder gerade deshalb, denn wenn ich einen anderen Beruf hätte als Fitness- und Selbstverteidigungstrainerin, könnte ich mir so viel Schokolade gar nicht erlauben, Schokolade erbricht sich übrigens unangenehm zäh. Mir wurde schwarz vor den Augen.

Als ich wieder zu mir kam, saß Flipper, das Gesicht ein konzentriertes Dreieck, als wäre er gerade mit der euklidischen Geometrie befasst, aufrecht neben mir. Die Ohren hatte er gespitzt, also angehoben, denn spitzen ist nicht möglich, wenn man zwei solche weichen Lappen wie eine Trendfrisur neben dem Gesicht hängen hat, die sich beim Laufen noch dazu leicht einrollen. Flippers linker Lappen schimmert ein wenig rötlich, der rechte schwarz und und er ist etwas kleiner als der rote. Um das zu erkennen, muss man Flipper sehr nah kommen, so nah, wie nur ich es darf, zum Beispiel beim Ohrenkraulen. Das liebt er über alles. Am schönsten findet er es, wenn ich ihm gleichzeitig zwei Finger sanft in die Ohren stecke und kreisend massiere. Da schnurrt er wie eine Katze. Das darf ich keinesfalls sagen und nicht mal denken, denn Katzen sind das Vorletzte. Danach kommen nur noch Chihuahuas in roten Mäntelchen, während er die in grünen Mäntelchen geradezu liebt, was mir zu denken gibt.

Über mir war nichts außer dem blauen Himmel und Flippers klugem Gesicht. Mitfühlend schaute er mich an und vielleicht ein wenig besorgt. Normalerweise lege ich mich nicht ins Gras. Ein Tröpfchen Speichel flog auf meine Wange, als Flipper sich über die Lefzen leckte. Ich schrie so gellend, dass mir die Ohren wehtaten, und Flipper bellte sofort los, und so hockten wir beide im Gras, er bellte, und ich schrie, und es war klar: Dies ist ein Notfall.

Es kam bloß niemand. Obwohl wir den Notfall im Landkreis Starnberg ausriefen, das ist nah bei München, aber es war Dienstagmittag und kein Wanderer und keine U-Bahn in Sicht, und mein Handy funkte in ein Loch.

Flipper schaute nach oben. Gott hilf? Und welcher Gott? Darüber konnten wir uns noch nie einigen. Mein Wort ist Gesetz. Er denkt nicht, ich lenke. Oder so ähnlich. Jedenfalls brachte Flipper mal wieder Gott ins Spiel, das macht er gern, wenn mein Thron wackelt, und ich folgte seinem Blick und entdeckte den Hochsitz. Meine Unaufmerksamkeit beunruhigte mich, es war äußerst unwahrscheinlich, dass der eng an eine Fichte geschmiegte Jägerstand in den letzten paar Minuten aus den Brombeeren geschnellt war, augenscheinlich war der Mann von diesem Hochsitz gefallen, gesprungen, gestürzt … worden. Drei Krähen saßen auf dem maroden Gestänge und beobachteten uns mit schräg geneigten Köpfen. Mir fiel ein, dass ich sie vorhin gehört hatte. Ihr dunkles heiseres Krächzen passte nicht in die üppige, aufgeplatzte, fast schon schwülstig blühende Landschaft. Knallgrüne Wiesen mit knallgelbem Löwenzahn …

Flipper hob eine Pfote. Naturbeschreibungen sind nicht nach seinem Geschmack. Er markiert lieber gleich.

»Verstehe«, nickte ich. Es war einen Versuch wert, den ich eigentlich nicht unternehmen wollte, denn der Hochsitz wuchs aus dem Gestank empor. Vielleicht erspürte Flipper die Strahlung meines Netzbetreibers. Vorsichtig atmend und so schnell es mir möglich war, also sehr langsam und mit Füßen, die auf Eislöffelchengröße geschrumpft zu sein schienen, kletterte ich die wacklige Leiter empor, ohne nach unten zu blicken, und reckte mein Handy in die Luft. Flipper hatte recht. Im Display flackerte ein Strich. Sobald ich das Handy ans Ohr hielt, war er weg. Die Krähen auch. Ich hatte sie von ihrem Mittagstisch vertrieben. Nicht daran denken. Und nicht atmen. Also nicht durch die Nase; vorsichtig durch den Mund und nach vorne blicken. Welche Nummer überhaupt? 112? 110?

Flipper kratzte sich hinterm Ohr, wie immer, wenn er mich diskret darauf aufmerksam machen möchte, dass ich eine Führungsrolle innehabe. Führungspersönlichkeiten fragen nicht, die handeln: markieren.

Ich tippte 112 und dann 110. Nichts passierte. In meinem linken Augenwinkel tauchte eine Staubwolke auf, in der ein dunkler Geländewagen steckte, aber zu weit weg, viel zu weit weg – und da …, das war näher: Ein bunter Fleck rechts der wilden Wiese. Ohne nachzudenken, ohne die Aussicht zu genießen über die gelben Teppiche, die sich lasziv vor den Alpen ausrollten, um in den nächsten Wochen roten Klatschmohn in den blauen Himmel zu knallen, hastete ich auf meinen Eislöffelchen die leicht morsch anmutende Leiter des Hochsitzes hinab, würgte und hustete, weil ich falsch geatmet hatte, und rannte Richtung bunter Fleck. Flipper in langen Sprüngen hinter mir, neben mir, ständig wedelnd, sprang in die Wiese und im Zickzack durch den Löwenzahn.

»Hallo, hallo!«, rief ich dem Radfahrer schon von weitem zu und wurde leiser, als ich erkannte, wer da näher kam. Es war kein Notarzt und auch kein Jäger oder Bauer, wie man erwarten könnte in diesem Umfeld, es war ein Kind, ein Junge.

»Hallo du!«

Er trat kräftig in die Pedale, stand sogar auf, um noch schneller voranzukommen. Lass dich nicht ansprechen. Lass dir keine Bonbons anbieten. Auch nicht von Frauen.

»Hallo du! Bleib doch mal stehen!«

»Nein!«, rief der Junge und blieb dann doch stehen, beziehungsweise wurde von Flipper stehen geblieben, und zwar so abrupt, dass er vom Rad flog. Im hohen Bogen in die Wiese. Und Flipper hinterher und warf sich flach ins Gras neben das schlotternde Kind. Ich hob beide Arme hoch, als würde ich von einer Waffe bedroht. Alberne Haltung. Flipper schüttelte den Kopf. Ich ließ die Arme sinken. Normalerweise bin ich die Feinfühligere von uns beiden, auch wenn er mit Kindern besser kann, er liebt Kinder, und dass ich keine habe, wird er mir so lange nicht verzeihen, bis ich ihm welche ins Körbchen lege. Da schlägt der Labrador durch. Ab drei Stück wäre er versöhnt. Am besten wilde Jungs im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. So wie dieser hier, dem der Übermut aus den blauen Augen blitzte, die semmelblonden Haare waren bloß Tarnung. Flipper stupste ihn an wie eine Beute. Lust auf ein Spielchen?, sah ich ihn fragen.

»Entschuldigung!«, brachte ich endlich heraus. »Ich wollte dich nicht erschrecken! Der Hund tut nichts!« O, wie hasste ich diesen Ausspruch. Der Junge enthob mich der Fortsetzung des Satzes, der da lautet: Er will nur spielen, und rollte sich über die Seite zum Sitzen: »Wie heißt er?«

»Flipper.«

»Aber Flipper ist ein Delfin.«

»Ja, auch.«

»Und warum heißt er dann Flipper, wenn er kein Fisch ist?«

»Er schwimmt sehr gut«, sagte ich.

»Ich auch«, sagte der Junge.

»Und wenn er ins Wasser springt, dann taucht er in Bögen auf und ab, wie Flipper eben«, versuchte ich den Namen zu rechtfertigen, der damit wenig zu tun hatte, aber das weiß fast niemand.

»Der See ist da drüben«, sagte der Junge zögernd, »wenn ihr euch hier nicht auskennt, kann ich euch den Weg zeigen. «

Ich wunderte mich, dass ich entspannt mit einem Knirps im Gras plauderte, obwohl ich eine Leiche im Nacken hatte. Es war doch ein Traum. Gleich würde ich aufwachen. Ich würde frühstücken. Keine Butterbreze. Und dann würden wir in der Stadt bleiben. Wir würden München heute nicht verlassen. Morgen auch nicht. Die ganze Woche nicht. Wozu auch? In München konnten wir wunderschöne Spaziergänge unternehmen. Ich wohnte direkt an der Isar und da beginnen die Auen, wir konnten stundenlang den Fluss entlangstromern, aufwärts oder abwärts, wieso die Umwelt belasten und mit dem Auto fahren.

»Ich heiße Simon«, sagte der Junge.

»Franza«, sagte ich.

Flipper wedelte auffordernd.

»Ja, und das ist wie gesagt Flipper«, sagte ich noch einmal.

Flipper setzte sich. Der Junge stand auf. Flipper reichte ihm bis zum Bauchnabel.

»Ich hab auch einen Hund«, sagte Simon.

»Schön«, sagte ich.

»Ja, gell. Ich habe früher sogar drei Hunde auf einmal gehabt.«

»Sag mal, Simon, weißt du, ob es hier irgendwo Handyempfang gibt?«

»Ich krieg ein Handy zum Geburtstag.«

Interessant – und absolut logisch. Ohne Handy kein Empfang. »Würdest du mir einen Gefallen tun?«, fragte ich den Blondschopf.

»Was denn?«

Es gefiel mir, dass er nicht gleich ja sagte.

»Da vorne ist was Schlimmes passiert. Ich möchte nicht, dass du weiterradelst. Ich muss die Polizei rufen. Du sollst hierbleiben.«

»Was?«, fragte Simon und wurde schlagartig knallrot.

»Flipper, weg!«, befahl ich seine Nase aus dem Schritt des Jungen.

»Was ist passiert?«

»Das weiß ich nicht, also …, ich meine …«, ratsuchend schaute ich zu Flipper. Eine Leiche war passiert, und der Junge sollte so was nicht sehen, niemals! Er war doch nicht in Gefahr? Wenn der Mann nun nicht vom Hochsitz gefallen war …, vielleicht steckte ein Messer in seinem Rücken oder eine Kugel…

»Darf Flipper auf dich aufpassen?«, fragte ich.

»Was ist denn jetzt?«, quengelte Simon.

Ich erinnerte mich an meine Kindheit und den verhassten Spruch: Dazu bist du noch zu klein. Bestimmt hatte ich mir irgendwann geschworen, diesen Satz niemals gegen ein Kind zu verwenden.

»Wo sind wir hier überhaupt?«, fragte ich.

»Da ist der Starnberger See«, sagte Simon und zeigte nach links. »Und da«, er zeigte nach rechts »wohne ich.«

»Und wie heißt das hier?«

»Das ist der Weg zum See.«

»Wie heißt der Ort, wo du wohnst?«

»Daheim.« Simon grinste und fügte »Wampertskirchen« hinzu. Einen Moment lang vermutete ich, er wolle mich auf den Arm nehmen, doch es klang so geläufig, dass es wohl stimmte.

»Also sind wir jetzt zwischen Wampertskirchen und dem See?«, versicherte ich mich.

»Hast du dich verlaufen?«

»Nein.«

Simon ließ nicht locker. »Und was ist jetzt passiert?«

Ausnahmsweise hatte ich keine Kapazitäten frei, mir Geschichten auszudenken. »Da liegt ein Toter«, sagte ich.

Simon riss die Augen auf.

»Also er ist schon ziemlich tot«, versuchte ich ihn zu beruhigen.

»Aber das weiß man nie!«, rief er.

Ein John-Sinclair-Fan, erkannte ich. So eine Phase hatte ich vor der Pubertät auch mal.

Ich klopfte auf meinen Rucksack. »Hab geweihte Silberkugeln im Gepäck«, log ich mir die unverzichtbare Grundausstattung einer mit allen Weihwassern gewaschenen Geisterjägerin herbei.

»Puh!«, machte Simon.

»Und außerdem ist Flipper bei dir. Ich lasse auch meinen Rucksack da.«

Simon zog die Stirn in Falten. Seltsam sah das aus. So als würde er erwachsen spielen und auch als wüsste er schon ein bisschen, wie sich das Erwachsensein anfühlt – und das gefiel mir gar nicht. Flipper auch nicht. Er stupste den Jungen mit seiner kaltnassen Schnauze in die Kniekehle. Simon sprang zur Seite. »Das kitzelt!«

»Ich rufe die Polizei, und du bleibst mit Flipper hier und rührst dich keinen Millimeter von der Stelle. Am liebsten wäre es mir, ihr würdet euch da drüben im Gebüsch verstecken«, ich wies nach links, »und in Deckung bleiben!«

Simon schaute mich skeptisch an.

Auch Flipper war wenig begeistert. Er zog die Stirn in Falten. Ich allein wäre kaum auf die Idee gekommen, dass Simon meinen Rucksack durchsuchen könnte. Meine Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel. Flipper setzte sich am besten auf die Devotionalien, was er ohne Anweisung ausführte.

»Ob du wohl hierbleiben und auf Flipper aufpassen könntest? «, formulierte ich eine Bitte.

Die beiden tauschten einen Blick und nickten dann. Simon legte den Arm um Flipper. Flipper schleckte ihm über die Hand. Im Hundehimmel seufzte Lassie glücklich.

»Bin gleich zurück!«, rief ich und rannte los, Flipper bellte, ich wendete mich nach links, Flipper bellte wieder, ich lief nach rechts, den Blick auf das Handy. Während ich den Feldweg entlangraste, überlegte ich, ob ich den Jungen hätte mitnehmen sollen. Das fiel mir ein bisschen spät ein. Ich war nicht an Kinder gewöhnt. Flipper würde das schon schaukeln. Dann überlegte ich, was ich der Polizei sagen sollte. Ich musste meinen Namen sagen, wobei der nichts zur Sache tat, aber mein Name tut nichts zur Sache klänge verdächtig. Ich musste angeben, wo ich mich befand – Wampertskirchen? Irgendwo in der Nähe des Starnberger Sees, wahrscheinlich zwischen Berg, wo der König ertrunken ist oder wurde, und Münsing. In Etappen wollte ich bis zum Herbst das Ostufer erkunden. Im nächsten Sommer dann das Westufer. Der Starnberger See ist rund zwanzig Kilometer lang. Es gibt viel zu entdecken, hatte ich gedacht, als ich noch Lust auf Abenteuer hatte, weil ich nicht ahnte, welche Aggregatszustände Butterbrezen annehmen können. Die schöne Gegend hatte ich auskundschaften wollen. Wenn Flipper beim allmorgendlichen Gassigehen an der Buche anstatt der Eiche markierte, hieß das Landpartie. Darauf hatten wir uns nach zähen Verhandlungen geeinigt. Ich hätte es andersherum besser gefunden. Eiche Umland und Buche Stadt. Das klang für mich logisch. Buche wie Buch lesen und zwar zu Hause. Aber Flipper liest ja nicht. Also nicht in Büchern, nur an Buchen. Heute Morgen hatte Flipper eindeutig entschieden. Manchmal ist er ein wenig unentschlossen. Heute nicht. Heute hatte er genau gewusst, wohin er wollte. Zum Hochsitz. Ich konnte nichts, aber auch gar nichts dafür.

»Ich kann nichts dafür, dass ich das gefunden habe«, gab ich dann auch Auskunft, ohne zu wissen, wie ich das genau bezeichnen sollte. Die Leiche? Den Mann? Das Opfer? Den mit dem T-Shirt? Oder hieß er der Verunglückte, der Verunfallte, der Gestürzte … der Ermordete? Ich wollte mich nicht bloßstellen. Ich wollte der Polizei auch keine Arbeit abnehmen. Ich wollte einfach keine Fehler machen. Ich war neu hier. Flipper war mein erster Hund. Ich hatte noch keine Erfahrung mit Leichen in Wäldern, auf Wiesen und Feldern. Ich wusste nicht, dass eine Leiche ihr Geschlecht verlor und es kaum zu erkennen war, ob Mann oder Frau, und woher diese bräunlichen Riesenblasen an der Haut kamen, die ich ganz bestimmt nicht aufstechen wollte. Ich wusste nicht, dass Leben so endet und gleichzeitig neu beginnt. Ich wusste ja nicht mal genau, wo ich mich befand, und wunderte mich, dass die anderen, von denen sich inzwischen immer mehr im Wald, auf dem Feldweg und in der Wiese tummelten, uns so schnell gefunden hatten. Vielleicht hatten sie mein Handy geortet, ich traute ihnen alles zu, schließlich kuckte ich im Fernsehen öfter mal Krimis, es bleibt einem ja kaum eine Wahl, auf allen Sendern rund um die Uhr Mordfälle. Die Polizeiinspektion Starnberg hatte mich zurückgerufen, als ich endlich ein Netz hatte, und länger mit mir gesprochen. Ich könnte mich durch Schreien und Winken bemerkbar machen, hatte mir ein Mann am Telefon geraten, der ständig meinen Namen wiederholte, was mich noch nervöser machte, »Frau Fischer, Sie können auch laut rufen, dann hören wir Sie.« Ich fand das genauso peinlich wie die Alternative »Frau Fischer, Sie können auch winken, vielleicht gehen Sie einfach zu der nächsten größeren Straße, Frau Fischer, wir picken Sie dort auf, Frau Fischer, bleiben Sie ganz ruhig, wir sind gleich bei Ihnen, Frau Fischer.« Es war mir wahnsinnig peinlich, dass ich die Orientierung verloren hatte. In diesem Moment bezweifelte ich sogar, mein eigenes Auto jemals wiederfinden zu können. Als der grünsilberne Polizei-BMW am Waldrand auftauchte, fühlte ich mich erschütternd sicher. In einer halben Stunde war ich um Jahrzehnte gealtert. Bis heute Mittag hatte ich mich für eine mutige junge Frau gehalten, die sich wohler fühlt, wenn die Polizei außer Sicht ist.

Kurz nach der Frau-Fischer-Schleife ertönte das Martinshorn eines Notarztes, später kamen weitere Autos, anfangs parkten sie auf dem breiten Feldweg, später irgendwo am Wald oberhalb des Hochsitzes. Die Insassen beachteten mich nicht, für mich waren zwei grün uniformierte Schutzpolizisten zuständig, welcher von ihnen mich so penetrant mit Frau Fischer angesprochen hatte, fand ich nicht heraus, da sie meinen Namen nun vergessen hatten. Die anderen Leute waren in Zivil: Jeans, Anzug, Sommerkleid und Kostüm, sie begrüßten sich wie alte Bekannte, redeten kurz miteinander und begannen zu arbeiten, wozu sich manche von ihnen zu Schneemännern verkleideten. Sie beugten sich über die Leiche, gingen mit gesenkten Köpfen um den Hochsitz, stiegen hinauf und beratschlagten in erträglichem Geruchsabstand.

Flipper saß aufmerksam im Schatten, und zwar in seiner Fernsehhaltung, mit überkreuzten Pfoten, allerdings ein wenig aufrechter. Er saß so da, als wäre dies alles sein Verdienst. Manchmal kniff er die Augen zusammen, dann wieder schüttelte er den Kopf, als könne er nicht begreifen, warum sie der Fährte, die unüberriechbar vor ihnen lag, nicht folgten.

Menschen eben.

Gelegentlich warf er mir einen triumphierenden Blick zu. Okay, okay, funkte ich zurück, du hast dir die Fernbedienung geschnappt, na und? Im Schatten sitzend hechelte er leicht und rhythmisch vor sich hin, gelegentlich tropfte Speichel ins Gras, und ich überlegte, was ich ihm zu Hause servieren könnte, damit die Gewebeprobe schnellstmöglich neutralisiert wäre.

»Ich kann nichts dafür, dass ich die Leiche gefunden habe, ich habe sie gar nicht gefunden, mein Hund hat sie gefunden. Ich bin bloß mitgegangen«, erklärte ich auf Nachfrage zum wiederholten Mal. Flipper kratzte sich hinterm Ohr und schaute peinlich berührt weg. Er mag das nicht, wenn ich so schwach und unentschlossen bin. Er bevorzugt eine starke Chefin, keinen weichen Eierstock. Ich im Übrigen auch. Dennoch rang ich mich schließlich durch zu »wir haben die Leiche gefunden«. Das stiftete Verwirrung, jetzt wollten sie wissen, wer wir sei. »Ich und mein Hund«, sagte ich. Flipper seufzte. »Mein Hund und ich«, korrigierte ich. Nun seufzten die Beamten. »Also ich«, wiederholte ich. Hier fehlte eindeutig das bürgernahe Verhandlungsgeschick mit einer Hundehalterin. Das wunderte mich. Ich war doch kein Einzelfall, wie ich in der Vergangenheit unzähligen Zeitungsmeldungen entnommen hatte. Ich entschied mich letztlich für die Variante: »Bei einem Spaziergang mit meinem Hund habe ich etwas unter dem Hochsitz entdeckt, wobei ich den Hochsitz erst später gesehen habe.«

»Das haben Sie mir schon mal gesagt«, sagte eine Polizistin zu mir. »Sie haben es mir sogar schon dreimal gesagt«, wurde sie unhöflich deutlich. »Geht es Ihnen nicht gut?«

Dein Freund und Helfer, dachte ich. Deine Freundin und Helferin, brachte ich es in die richtige Form, wodurch es sogleich an Kraft verlor. Der Freund hatte einen starken Oberarm mit stählernem Bizeps brachiali, die Freundin bloß eine Tasse lauwarmer Brühe parat und einen Kugelschreiber, mit dem ich eine Zeugenbelehrung inklusive einer Einverständniserklärung zur Aufnahme auf Tonträger unterzeichnet hatte.

»Sollen wir Sie zu einem Arzt begleiten? Der Notarzt ist ja leider schon weg.«

»Ich habe bereits am Telefon gesagt, dass die Leiche eine Leiche ist«, versuchte ich einen klaren, präsenten, geistig wachen Eindruck zu vermitteln, »also hätte es gar keinen Notarzt gebraucht.«

»Der Notarzt kommt immer mit«, erklärte mir die Beamtin. »Er muss den Totenschein ausstellen.«

»Und sich um die Leichenfinder kümmern?«, vollendete ich und dachte, dass Leichenfinder ein komisches Wort war, andererseits gehört es vielleicht zur Gruppe der Pfadfinder, die sich auch gern in Wäldern herumtrieben.

»Als normaler Mensch ist man ja nicht an den Anblick einer Leiche gewöhnt«, sagte die Beamtin freundlich. »Da kann man schon mal einen Schock bekommen, besonders wenn jemand im Freien aufgefunden wird und es in den Tagen davor so warm war wie zur Zeit. Das ist wirklich ein scheußlicher Anblick. Da müssen Sie sich gar nicht schämen, das ist ganz normal, wie gesagt, bloß blöd, dass der Arzt weg ist. Vielleicht möchten Sie aber auch ganz schnell zu einem vertrauten Menschen? Kann jemand Sie abholen? Reden hilft manchmal. Haben Sie jemanden angerufen?«

»Funkloch«, sagte ich knapp und überlegte, wen ich angerufen hätte, wenn ich jemanden hätte anrufen wollen. Mir fiel niemand ein. Platz eins war bei mir nicht besetzt. Während ich über Platz zwei bis fünf sinnierte, stupste Flipper an meine Dreiviertelsommerhose mit Sonnenblumenmotiven, eine peinliche Garderobe für diesen Anlass. Ich spürte seine nasse Schnauze so deutlich, als balanciere er einen angetauten Eiswürfel auf der Nase, und wurde selbst flüssig, beziehungsweise meine Tränen. Ich wunderte mich, wie tief der Tränenberg in mir stak, den ich als furchterregenden Koloss wahrnahm, und dachte an das Bild eines Eisberges, das ich kürzlich gesehen hatte. Nur der allerkleinste Teil war über dem Meeresspiegel sichtbar. Das Verderben lauerte im Untergrund. Genauso wie meine Tränen, und da sollten sie auch bleiben, alle. Ich würde hier und jetzt ganz bestimmt nicht heulen.

»Na, was bist du denn für ein hübscher Kerl?«, fragte die Polizistin mit unnatürlich hoher Stimme, in die Menschen sich hineinschrauben, die Angst vor Hunden haben. »Nein, ich hab nichts zu fressen dabei«, quittierte sie Flippers Begrüßungsschnuppern und redete unverdrossen weiter, um ihn sich zum Freund zu machen, damit er sie nicht zerfleischen würde. Flipper warf mir einen gequälten Blick zu. Stell das ab, interpretierte ich.

»Der ist lieb wie ein Stofftier«, sagte ich.

Flipper ließ sich ächzend vor meine Füße fallen.

»Ah ja, ja, natürlich, das sieht man ihm auch an, gell, du bist ein ganz ein lieber Kerl, ja, das habe ich gleich gesehen, dass du ein ganz ein lieber Kerl bist, gell, du.«

Flipper rollte sich zusammen, und die Frau erinnerte sich an ihren Job.

»Sollen wir Sie irgendwohin bringen? Zu Ihrem Mann? Ihrer Familie?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wir können auch das Kit rufen«, sagte sie, »unser Kriseninterventionsteam. «

»Nein, danke«, lehnte ich höflich ab und versuchte herauszufinden, ob ich vielleicht einen Schock hatte, aber ich spürte nichts – ein untrügliches Zeichen für einen Schock, wie ich am nächsten Tag im Internet recherchieren sollte.

»Sie können gehen«, wurde mir zuerst mehr befohlen, denn geraten, dann sagte einer, ich sollte bleiben, weil noch jemand mit mir sprechen wollte, dann sollte ich am nächsten Tag in die Dienststelle kommen und jetzt bitte warten. Ich wunderte mich, dass niemand meine Identität anzweifelte. Ich hatte lediglich meinen Namen und meine Adresse genannt. Ich hatte keinen Ausweis bei mir. Auch der kleine Simon hatte keinen Ausweis bei sich gehabt. Aber er hatte den Polizisten sofort gehorcht; in seinem Alter gehörte das Weggeschicktwerden zur Tagesordnung. Er hatte den Toten nicht gesehen, dafür hatte Flipper gesorgt, der dem Jungen den Weg verstellte, sobald er auf einen Baum klettern wollte.

Das Gebiet um den Hochsitz war mit rot-weißen Plastikbändern mit der Aufschrift Polizeiabsperrung gesichert. Der Hochsitz selbst war das Ziel einer eingehenden Untersuchung von zwei Männern mit Hand- und Fußüberschuhen. Weißgekleidete, wie sie im Fernsehen an Tatorten ebenfalls auftauchen, hantierten mit Klebefolie an der Leiter herum. Es gab kleine Schildchen mit Nummern und einen Mann mit Vollbart, der fotografierte. Da die Schutzpolizei in grünen Uniformen steckte, spielte dieser Krimi in Bayern; in anderen Bundesländern agiert die Polizei in Blau. Ein Grüppchen Männer in Zivilkleidung stand neben der Leiche und besprach irgendetwas, drei der Männer hielten sich dabei die Hände vor das Gesicht. Ich selbst hatte mich mittlerweile fast daran gewöhnt, nur wenig und durch den Mund zu atmen. Dies war sozusagen die längste orale Pranayama-Atemübung meines Lebens, mir war schon schwindlig von so viel Kundalini-Energie; wahrscheinlich stand ich kurz vor der Erleuchtung.

Bis auf den bestialischen Gestank war alles genau wie im Fernsehen. Aber in echt war alles viel unechter als im Unechten; im Fernsehen. Es dauerte auch viel länger als im Fernsehen. Da wird so eine Tatortbegehung mit zwei, drei Kameraeinstellungen abgehandelt. Hier verbrauchten sie zwei, drei Stunden, wenigstens kam es mir so vor, aber auf mein Zeitgefühl konnte ich mich nicht verlassen, und ich vergaß auch, auf die Uhr zu schauen, ich vergaß zu trinken, und ich vergaß meine Pilatesstunde um sechzehn Uhr; zum ersten Mal in meinem Leben ließ ich eine Stunde unentschuldigt ausfallen. Wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. Ich muss sehr durcheinander gewesen sein. Das Angenehme daran war, dass es mir selbst nicht auffiel.

Auf einmal ging ein Ruck durch die Truppe. Kurz davor hatte Flipper seinen Rücken gestreckt. Er hatte es als Erster gemerkt. Ein Alphatier trat auf. Er kam aus dem Wald, die Sonne im Rücken, eine Lichtgestalt, über den Feldweg auf uns zu, als wäre das sein Feldweg, sein Wald, sein Starnberger See. Dies war sein Fall, seine Leiche.

»Kriminalhauptkommissar Tixl. Sie sind die Auffinderin des Toten?«

Auffinderin, wiederholte ich innerlich. Das Wort wollte ich mir merken.

»Ja, das heißt, nein«, blieb ich bei der Wahrheit.

»Frau Fischer«, ergänzte der Beamte der Schutzpolizei, der den Kommissar zu mir geführt hatte.

»Frau Fischer«, wiederholte der Kommissar. Er war jünger als ein quotenträchtiger Fernsehkommissar. Mitte-Ende dreißig. Und er sah viel zu gut aus für einen erfolgreichen TV-Helden.

»Ja, das bin ich.«

Der Kommissar reichte mir die Hand.

»Haben Sie den Toten gefunden oder«, er machte eine Pause und drehte sich zu Flipper, der ihm sein Hinterteil entgegenstreckte. Flipper kann attraktive Männer nicht ausstehen, »Ihr Freund hier.«

Damit punktete der Kommissar natürlich.

»Flipper«, sagte ich.

»Servus, Flipper«, sagte er und punktete gleich noch mal. Die meisten Leute fragen an dieser Stelle nämlich nach, wie zuvor auch Simon. Aha, Flipper, das ist doch ein Delfin. Nach ungefähr zwanzigtausend Malen fand ich das nicht mehr originell. Vor allem, weil Flipper nichts dafür kann, dass er schwimmt wie ein Seehund.

Flipper deutete ein Wedeln an, das mit viel gutem Willen als höflich interpretiert werden konnte. Er hatte den Kommissar mittlerweile eingescannt. Überzeugt war Flipper nicht von der Kompetenz dieses Rudelführers, warum stand der so blöd in der Gegend herum, anstatt endlich die Nase auf den Boden zu senken und wie ein Hannover Schweißhund Witterung aufzunehmen?

»Fordern Sie Polizeihunde an?«, fragte ich das Erstbeste, was mir in den Sinn kam und verschwieg meinen Verdacht: dass Flipper von einer Liason mit einer staatlichen Spürnase träumte.

Der Kommissar musterte mich. Lang. Viel zu lang. »Wahrscheinlich liegt die Leiche schon ein paar Tage da. Je weniger Leute hier durchlaufen, desto besser. Es wird ohnehin kaum verwertbare Spuren geben.«

»Klar«, nickte ich.

»Nein, ich glaube, wir brauchen keine Hunde. Ist ja alles dran, so weit.«

»Zweieinhalb Finger fehlen«, verbesserte ich und hoffte, dass niemand auf die Idee käme, Flipper zu bezichtigen. Fleisch ist er gar nicht gewöhnt, würde ich ihn verteidigen, er kennt bloß Dosen- und Trockenfutter, und hoffen, dass niemand von Fingern auf Wiener Würstchen schließen würde.

Der Kommissar zuckte mit den Schultern. »Die finden wir nicht mehr. Wir können froh sein, dass es keine weiteren Fraßdefekte gibt.«

Fraßdefekte! Auch das Wort wollte ich mir merken.

»Schöner Kerl«, sagte der Kommissar und schaute zu Flipper. Schöner Kerl, dachte ich und schaute zum Kommissar. Er war groß und breitschultrig, hatte blaue Augen und ein Gesicht wie ein Marathonläufer – kantig und willensstark. Er trug einen 64-Stunden-Bart, und es fehlte ihm jede modische Weichheit und Melancholie, durch die sich besonders die derzeit angesagten Kommissare aus Schweden in den Vordergrund spielen. Er sah nicht aus, als würde er gerne Alkohol trinken, Opern oder Jazz hören und Schwierigkeiten beim Bedienen einer Waschmaschine haben, und er machte auch keinen resignierten Eindruck. Er sah eigentlich gar nicht aus wie ein Kommissar. Er sah aus wie ein richtig guter Typ. Er könnte mir auch in einem Sportstudio begegnen, wo sich sein Bizeps rundete, während er lässig seine Langhantel bestückte.

Flipper stellte sich zwischen mich und den Kommissar, den er weiterhin ignorierte. Der Kommissar grinste.

»Und du passt auf dein Frauchen auf?«, fragte er.

»Ich bin kein Frauchen«, sagte ich. »Ich bin hier die Chefin.«

Er ließ sich nicht einschüchtern. »Und, Chefin, kennen Sie den Toten?«

»Das bin ich schon mal gefragt worden.«

»Jetzt frage ich.« Sein Ton ließ keinen Zweifel aufkommen, dass allein dies relevant war.

»Nein.«

»Auch nicht von seiner Kleidung her? Manchmal erkennt man jemanden an der Kleidung.«

»Nein.«

»Haben Sie ihn sich richtig angeschaut?«

»Nein.« Ich räusperte mich. »Muss ich das?«

»Es ist besser, wenn Sie nicht genau hingeschaut haben. Viel sieht man ohnehin nicht.« Seine Stimme klang mitfühlend.

»Natürlich habe ich hingeschaut, sonst hätte ich ihn ja nicht gesehen«, stellte ich richtig. »Aber ich kenne ihn nicht. Ich kenne hier niemanden. Und dass es ein Mann ist, habe ich mir wegen der großen Schuhe zusammengereimt.«

Der Kommissar nickte. Aufmunternd sah es aus. Eigentlich hatte ich dem nichts hinzuzufügen. Doch ich redete weiter.

»Ich möchte den Toten wirklich nicht näher kennenlernen«, fuhr ich fort. »Ich komme ja nicht mal mit den Leuten klar, die ich bereits kenne, will sagen, ich kenne viel mehr Leute, als mir lieb ist, und die sind am Leben, da muss ich keine Toten kennenlernen, die ich doch nicht mehr kennenlernen kann.«

»Hm«, machte der Kommissar. Später sollte mir dieses Hm noch öfter einfallen. Klang es nicht so, als wüsste er mehr, als er mir in diesem Moment zumuten wollte? Und hatte ich mir selbst nicht bereits viel zu viel zugemutet mit diesem Fremden unterm Hochsitz, den ich angeblich nicht kannte, niemals kennenlernen wollte?

»Und von wo genau sind Sie gekommen?«

»Aus München.«

»Ihre Personalien haben die Kollegen notiert?«

»Ja.«

»Sie sind also hier spazieren gegangen und … Was ist dann passiert? Wie sind Sie auf die Leiche aufmerksam geworden? Auch wenn Sie es den Kollegen schon erzählt haben, Frau Fischer, bitte erzählen Sie es mir noch mal.«

»Ich war auf dem Weg da drüben«, wies ich nach links. »Ich war letzte Woche schon mal hier. Die Gegend gefällt mir sehr gut.«

»Ja, das ist wirklich ein ganz besonders schönes Fleckchen Erde«, warf der Kommissar ein, als plauderten wir über diesen sagenhaften Mai, der sich als Hochsommer verkleidet hatte, einen Mai, der einem den Klimawandel sympathisch machte.

»Ja, und dann bellte Flipper wie verrückt. Ich dachte zuerst, er rennt hinter einem Hasen her, wobei er nie, nie, nie wildert.«

»Selbstverständlich nicht«, warf der Kommissar ein.

Ich entdeckte keinen Spott in seinen Augen.

»Er gehorcht aufs Wort«, fuhr ich fort, »deshalb lasse ich ihn ja auch frei laufen. Sein Bellen klang so … anders … irgendwie bedrohlich, so habe ich ihn selten gehört. Ich bin losgerannt«, ich wies mit ausgestrecktem Arm hinter mich, »den schmalen Weg in das kleine Waldstück hinein – und wenn ich darüber nachdenke, glaube ich, dass ich da schon etwas gerochen habe, ich meine, dieser Gestank ist ja unüberriechbar, aber in dem Moment war ich auf Flipper konzentriert. Er könnte wo reingetreten sein. Manchmal liegt Stacheldraht rum. Letztes Jahr hat er sich eine Kralle rausgerissen. Ich bin so schnell ich konnte zu seinem Bellen gerannt. Gesehen habe ich ihn erst später. Er stand ja im Gestrüpp. Tja und dann, dann habe ich das andere gesehen. Also ich habe vor allem die Hand bemerkt, das war …«, ich schluckte.

Der Kommissar drängte mich nicht. Er wartete einfach ab und legte mir sein Schweigen wie eine Decke um die Schultern. Da erst merkte ich, dass mir kalt war. Ich schüttelte mich. Die Decke fiel zu Boden.

»Und dann?«, hob der Kommissar sie auf, hielt sie zögernd in der Hand, als warte er auf ein Zeichen, ob er sie mir erneut um die Schultern legen dürfte.

»Dann habe ich versucht, die Polizei anzurufen, aber ich hatte kein Netz. Dann ist der Junge aufgetaucht.«

»Simon Brettschneider«, mischte sich einer der Schupos ein, während er zwei Männern, die einen Sarg trugen, den Weg wies.

»Grüß Gott«, nickten die Männer in den grauen Anzügen.

»Grüß Gott«, nickte der Kommissar zurück, und ich wusste mit absoluter Sicherheit, dass er aus der Gegend stammte, vielleicht sogar aus München. Ein Münchner verschluckt das Grollen, er grüßt mit scharfem S und Gott. Das Grü hört man nicht. Trotzdem ist es da. Ein gutturaler Schatten. Beim Kommissar stimmte der Sound. Hundert Pro.

Er wandte sich seinem Kollegen zu, der unaufgefordert rapportierte, während die beiden Sargträger die graue Kiste abstellten. Einer der Träger nutzte die Pause, sich eine Zigarette zwischen die Lippen zu stecken.

»Der Junge wohnt in Wampertskirchen. Hat nichts gesehen. War nur zufällig in der Nähe des Tatorts. Die Auffinderin hat ihn ferngehalten.«

Das Feuerzeug des Sargträgers funktionierte nicht. Mit einer Bewegung, als würde er einen Colt ziehen, warf ihm der Kommissar ein Feuerzeug zu. Der Bestatter war zu langsam, es fiel zu Boden. Flipper schaute mich fragend an. »Bleib«, sagte ich.

»Danke«, sagte der Kommissar zu dem grünen Schupo. Der Bestatter zündete seine Zigarette an und warf das Feuerzeug zurück. Es kam mir vor, als würde er absichtlich neben den Kommissar werfen, doch so schnell der im Ziehen war, so schnell war er auch im Fangen. Ein cooler Griff, und er hatte es. Während er es einsteckte, in die Hosentasche seiner schwarzen Jeans – ob er wohl rauchte, das passte gar nicht zu seinem sportlichen Aussehen – wendete er sich wieder mir zu.

»Und Sie haben den Jungen zufällig getroffen?«

»Er kam mit dem Fahrrad. Ich habe ihn gefragt, wo genau wir uns befinden und wo es ein Netz hat. Dann habe ich Flipper bei ihm gelassen und bin losgerannt – ja, und dann ging es ziemlich schnell, ich glaube, ich habe keine zwanzig Minuten gewartet, da waren Sie schon da.«

»Achtzehn Minuten«, korrigierte der Beamte, ehe er sich an die Mütze tippte und verschwand.

»Bei mir hat es leider länger gedauert«, gestand der Kommissar. »Es freut mich, dass Sie gewartet haben, Frau Fischer. «

Das klang so, als würde er sich persönlich darüber freuen, nicht bloß als Kommissar. Wahrscheinlich seine Masche zur Zeugenmotivation.

»Haben Sie an der Leiche irgendetwas verändert?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Sie haben sie nicht angefasst?«

»Um Himmelswillen! Nein!«

»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«

»Nein.«

»Haben Sie etwas berührt oder …«

»Ich war oben am Hochsitz. Ich dachte, dass ich da vielleicht ein Netz kriege.«

»Haben Sie dort etwas berührt oder verändert?«

»Ich bin die Leiter hoch und habe mich wahrscheinlich festgehalten. Genau weiß ich das nicht mehr. Sie werden bestimmt Fingerabdrücke von mir finden.«

Der Kommissar lächelte. In seinem linken Mundwinkel ging ein halber Mond auf.

»An verwittertem Holz lassen sich in der Regel keine Fingerabdrücke sichern«, erklärte er. Das Grübchen ging unter.

»Die Leiter ist doch recht marode, oder?«, bemühte ich mich mitzuarbeiten.

»Keine Sprosse ist angesägt«, sagte der Kommissar und wollte dann wissen: »Haben Sie außer dem Jungen noch jemanden gesehen?«

Wieder schüttelte ich den Kopf.

»Ist er eigentlich von selber runtergefallen oder ermordet worden?«, fragte ich.

Der Kommissar schaute in den Himmel, als würde er dort eine Antwort ablesen, und dann schaute er mich an. Seine Augen waren blauer als der Himmel. Eigentlich mag ich blaue Augen nicht so gern, weil ich selber welche habe. Ich könnte mir die Haare mal wieder dunkel färben, am besten schwarz, dachte ich, weil blau und schwarz einen interessanten Kontrast bildet, wie ich am Kommissar viel zu deutlich wahrnahm, aber vielleicht blieb ich doch besser bei Saharablond, so wie ich auch nicht beabsichtigte, in behördlichen Fragebögen ein anderes Kästchen als ledig zu durchkreuzen.

»Sie sind also nicht aus der Gegend?«, fragte der Kommissar.

»Ich wohne in München«, erwiderte ich. Das Thema hatten wir bereits erörtert.

»Tagesfreizeit?«, wollte er wissen.

Ich fand das anzüglich. Wie in Kontaktanzeigen. Füllige Dame, gern mit großer Oberweite und Tagesfreizeit gesucht.

»Ich bin Yogalehrerin«, sagte ich, was nicht gelogen ist. Ich musste ja nicht ausführen, dass ich diverse Trainerinnenscheine habe. Yoga erschien mir passend. Atmen statt amoken.

»Und Sie haben tagsüber keinen Unterricht?«

»Vormittags und ab Spätnachmittag wieder.«

»Schön für Flipper.«

Ich nickte.

»Sieht man ja nicht oft, dass ein Hund ein braunes und ein blaues Auge hat«, sinnierte der Kommissar. »Er ist nicht taub, oder?«

»Auf mich hört er«, sagte ich und ordnete den Kommissar als Hundekenner ein. Blaue Augen konnten ein Hinweis auf Taubheit sein. Flipper gefiel diese Wertschätzung keineswegs. Er kehrte den Mastino Napoletano raus. Den Kommissar beeindruckte sein leises Grollen nicht.

»Da haben Sie es ja gut getroffen mit Ihrem Job.«

»Kommt drauf an.«

»Worauf?«

»Heute habe ich es nicht gut getroffen«, erinnerte ich ihn an den Grund unserer Bekanntschaft.

»Und machen Sie das öfter?«, fragte er.

»Leichen finden?«

»Nein, das ist wohl eher mein Job.«

»Und wie ist das so?«

Der Kommissar schaute mich nachdenklich an. Ob er Kontaktlinsen trug? Oder produzierte er dieses Südseeblau auf dem Grund seiner Seele?

»Ich meine, wie stecken Sie das weg?«, sagte ich und hatte absolut keine Idee, wie ich selbst das wegstecken sollte. Die Maden, die Fliegen. Die zweieinhalb Finger. Den Gestank. Die flaschengrüne Haut. Die braunen Beulen. Den matschigen Lumpenhaufen. Das angefressene Gesicht. Die Krater in den Augenhöhlen. Die Krähen. Die Käfer. Die Ameisen.

Wieder neigte der Kommissar den Kopf. Mir fiel auf, dass um ihn herum absolute Stille herrschte. Mit ihm bildete ich das Auge eines Hurrikans. Um uns herum wuselten die Ermittler, die Leiche wurde in den Sarg gelegt, dies war kein Ort des Friedens, doch im Bannkreis des Kommissars war alles gut und sicher.

»Ich kann Sie zu den Kollegen vom Kit …«

»Nein, nein«, unterbrach ich ihn. »Ich komm schon klar. Es interessiert mich einfach, wie man als Profi mit so was umgeht.«

»Man gewöhnt sich dran«, erwiderte der Kommissar zögernd.

»Und wie geht das, sich daran zu gewöhnen?«

»Indem man sich zum Beispiel darauf konzentriert herauszufinden, warum etwas passiert ist. Bei einem Mord kann man sich einreden, man könnte dem Opfer helfen, indem man den Täter findet. Jedenfalls kann man versuchen, einen Hauch von Gerechtigkeit herzustellen.«

»Und ist das hier jetzt ein Mordfall?«

»Wenn es keinen Verdacht gäbe, würden wir zwei uns nicht unterhalten. Meine Kollegen vom K1 und ich rücken nur bei einem Kreuz in der dritten Spalte aus.«

»Dritte Spalte?«

»Wenn die Todesursache nicht geklärt ist. Morgen nach der Obduktion wissen wir mehr.«

»Kann es auch ein Unfall gewesen sein?«

»Im Moment kann es alles gewesen sein. Ein Schwächeanfall, ein Herzinfarkt …«

»Aber so alt war er noch gar nicht!«

»Sie haben ihn sich doch genauer angeschaut?«

Ich zuckte zusammen. Genauso war es im Fernsehen. Kaum sagte man etwas ohne nachzudenken, klappte die Falle zu.

»Wegen des T-Shirts.«

»Ja, das stimmt. Ältere Menschen würden so was wohl nicht tragen, doch das ist eine Vermutung.«

Ich räusperte mich. »Ich finde es … Also dass man in so einem T-Shirt stirbt, das ist irgendwie so … so … unpassend.«

»Der Tod, mit dem ich mich beschäftige, passt nie«, sagte der Kommissar ernst, »meistens verabredet man sich nicht mit ihm, man kann sich also auch nicht vorbereiten und angemessen kleiden.«

Die Liebe passt auch nie, dachte ich idiotischerweise, auf die Liebe kann man sich ebenfalls nicht vorbereiten, sie trifft einen wie der Blitz, also andere, mich natürlich nicht, ich war ja immun dagegen und unangemessen gekleidet, wo war eigentlich Flipper?

»Flipper!«, rief ich.

Der Kommissar ließ noch mal den halben Mond aufgehen, denn Flipper stand hinter mir.

»Ich wollte noch wissen«, sagte der Kommissar, »ob Sie öfter am Starnberger See unterwegs sind.«

»Kommt drauf an, welchen Baum Flipper morgens markiert«, blieb ich bei der Wahrheit, denn Polizisten lügt man besser nicht an.

2

Zwei Stunden später, im Fitnessstudio Sportive, umkreisten mich die Fliegen noch immer. Sie hatten sich mit ihren Saugrüsseln an mein Leben geploppt, und ich hatte sie mit nach München genommen. Ihr Summen und Brummen übertönte sogar die Musik, sodass ich lauter drehte und lauter, bis eine Schülerin, deren Namen ich vergessen hatte, obwohl ich mir die Namen aller meiner Kursteilnehmer merken möchte, bat: »Kannst du bitte leiser stellen?«

»Klar«, sagte ich lässig in mein Headset und drückte auf die Fernbedienung. Die Fliegen klatschten an die Spiegel, eklige, vollgefressene Monster. Meine Teilnehmerinnen hörten sie nicht und sahen nicht die Sprenkel, verdautes Leben. Sie warfen die Beine und Arme in die Luft, bunt gekleidete Marionetten. In ihren Augenhöhlen ringelten sich speckige Maden, von deren anmutig schlängelnder Beweglichkeit sich manche eine Scheibe hätte abschneiden können. Ich produzierte mich als Chefmarionette, ich machte vor, sie machten nach. So viel Mühe ich mir auch gab, mir fehlte Leichtigkeit, und das fehlte auch der Gruppe, die zwar marschierte und ihre Stepper enterte und die Gummibänder langzog … doch ich schaffte es nicht, sie wirklich zu motivieren, und das ärgerte mich, denn darin bin ich besonders gut, deshalb sind meine Kurse voll, egal, was ich anbiete, mein Unterricht ist immer ausgebucht, und ich habe drei Privatkunden, das will was heißen in meinem Job. Flipper, der natürlich überzeugt davon ist, dieser Erfolg sei nicht meinem Einsatz, sondern seinem zuzuschreiben, konnte meine heutige Vorstellung nicht mit ansehen. Während er sonst manchmal taktil unterstützt, auch mal durch die Gruppe läuft und hier und dort wedelt, wo die Begeisterung fehlt, oder seine kalte Schnauze in eine heiße Kniekehle stößt, um ein Tempo zu erhöhen, rollte er sich heute einfach ein, mit dem Rücken zu mir, so als wollte er mein Versagen nicht mit ansehen müssen.

Natürlich haben Hunde in Fitnesscentern Hausverbot. Das finde ich korrekt, und ich habe nie widersprochen. Flipper hat sich seine Ausnahmegenehmigungen selbst beschafft. In diesem Studio beim Ostbahnhof überzeugte er die Besitzerin, indem er ihr, ganz Kavalier, einige Äpfel apportierte, die aus einer gerissenen Papiertüte auf das Trottoir kullerten, und er schreckte auch nicht davor zurück, unter Einsatz seines Lebens todesmutig einen extrasauren giftgrünen Granny Smith von der stark befahrenen Orleansstraße zu retten. Seitdem gehört Larissa zu Flippers Fanclub, und obwohl sie sich selbst nichts Süßes gönnt, hält sie für Flipper stets ein Leckerli parat, das sie mir aushändigt, damit ich es ihm überreiche. Wenn Larissa einen Hund hätte, wäre der dick wie ein Mastschwein. Mir sind schon oft sehr dünne Frauen mit sehr dicken Hunden begegnet. Die Hunde kriegen all das, was die Frauen sich vom Munde absparen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich hatte auch mal eine Essstörung, kurz nach John Sinclair, in der Pubertät, von vierzehn bis fünfzehn. Danach bin ich sportsüchtig geworden, und das bin ich bis heute geblieben, wenn auch kontrolliert. Ich finde das gut so, gesünder als Drogen ist es allemal, und habe nicht vor, irgendetwas daran zu ändern. Ich bin glücklich damit, wie ich mein Leben eingerichtet habe. Eine Wohnung an der Isar, ein gutes Auskommen mit einer Tätigkeit, die mir Spaß macht, und viel Freizeit, um mit Flipper durch die Gegend zu streunen – ohne einen Mann, der mir das Leben vergällt. Männer sind das Gesprächsthema Nummer eins in Umkleidekabinen, egal ob bei der Osteoporosegruppe oder bei der Selbstverteidigung. Ich sage meistens nichts dazu, die anderen glauben wahrscheinlich, ich würde mich bedeckt halten, weil ich die Trainerin bin, mir ist das recht; ich spreche überhaupt wenig über mein Privatleben. Dafür höre ich gut zu, und was ich höre, bestärkt mich. Verlieben ist total gefährlich. Gefährlicher sogar als rauchen. All die Sprüche auf Zigarettenschachteln könnte man auf die Betten von frisch Verliebten gravieren: Verlieben fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu. Verlieben macht sehr schnell abhängig: Fangen Sie gar nicht erst an! Verlieben kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen.

Das habe ich am eigenen Leib erfahren.

Abgehakt ist jetzt fünf Jahre amputiert, vollständig abgehackt inklusive Phantom habe ich ihn vor drei Jahren, als Flipper mich zwang, ihn zu adoptieren, sonst würde ich lebenslänglich unter einem schlechten Gewissen leiden und nie mehr froh und glücklich werden, was ich mir damals ohnehin nicht vorstellen konnte, da ich litt, als wäre mir was abgehackt worden. Ich gedachte nicht, mich noch mal in eine solche Gefahr zu bringen. Flipper hasst Veränderungen. Ich auch. Und nun wollte ich meine Dienstagsgruppe zurückhaben, nicht diese aufgetriebenen Leiber, die bei der Entspannungsübung alle dasselbe T-Shirt trugen: Kein Haus, kein Auto, kein Boot – aber geil!

Ich wollte strahlende Augen in erhitzten Gesichtern sehen, keine Krater, an deren Rand sich Maden räkelten. Vielleicht sollte ich mich wirklich mit geweihten Silberkugeln wappnen. Allerdings bräuchte ich dann auch eine Beretta wie der Geisterjäger John Sinclair.

Die Leichen erhoben sich, es wurde geklatscht, das kann ich überhaupt nicht ausstehen, es klatscht doch auch niemand, wenn man an der Käsetheke erfolgreich hundert Gramm Gorgonzola ausgehändigt bekommt, aber wahrscheinlich beklatschten sie sich selbst, weil sie ihren inneren Schweinehund besiegt hatten.

Mit dem Fahrrad fuhr ich nach Hause, Flipper mit seinem in Regenbogenfarben blinkenden Halsband rechts neben mir, flott wie ein Windhund, auch auf der Radfahrerabschussrampe Rosenheimer Straße, und ich dachte, dass der Tote einen solchen prallen Frühlingstag nie mehr erleben, keinen Sommer mehr erleben würde, nicht mehr die vom Asphalt aufsteigende Wärme spüren – dazu das Wummern aus den Autos, Blondinen mit Miniröcken und Eistüten, knackige Kerle mit Muscleshirts und blutigen Steaks.

Ob er in der Stadt gewohnt hatte oder auf dem Land?

Ich kannte ihn nicht, ich wusste nicht, ob ihm das alles fehlen würde, auch über dieses T-Shirt hatte ich mir noch keine eindeutige Meinung gebildet, ob es Humor zeigte oder Überheblichkeit, jedenfalls eine Portion Selbstbewusstsein, und das gefiel mir. Mit einem solchen T-Shirt U-Bahn fahren, das wäre ein offensives Training für meine Selbstverteidigungskurse, eine Abschlussprüfung sozusagen. Der Tote hatte seine Abschlussprüfung nicht bestanden.

Am Gasteig keiften sich zwei Autofahrer an. Z4 gegen A8. Ich hätte ihnen gern zugerufen, sie sollten sich lieber ihres Lebens freuen. Dass all die Leute gar nicht merkten, wie schön es war, am Leben zu sein – wahrscheinlich merkt man das erst, wenn man tot ist. Manchmal dachte ich auch an den Kommissar und wie er wohl seine Abendfreizeit gestaltete. Das dachte ich selbstredend in meiner Eigenschaft als verantwortungsvolle Bürgerin. Außerdem hätte ich gern gewusst, woran der Mann gestorben war. Irgendwie waren wir miteinander verbunden. Ob ich den Kommissar anrufen konnte, nach dem Motto: Ich wollte mich mal unverbindlich erkundigen? Im Fernsehen erfuhren Zeugen nie die Wahrheit, bloß die Zuschauer. Der Kommissar war lediglich ein Nebengeräusch in meinen Gedanken, weil ich dauernd an den Toten denken musste. Mein Kopf war schon ganz heißgelaufen; es hätte mich nicht gewundert, wenn ich eine Rauchwolke hinter mir hergezogen hätte.

Zum Runterkühlen kaufte ich mir ein Eis und ging damit zur Brücke am Deutschen Museum. Die Steine in der Stadt hatten Hitze gespeichert wie die Felder auf dem Land, brotwarm strahlten sie den Eisheiligen entgegen. So wie all der Pärchenterror. Arm in Arm lief er die Isar entlang und über die Brücke, er tauschte Küsse und kicherte – morgen würden diensteifrige Hunde die hoffentlich zusammengeknoteten Kondome apportieren – in den Auen. Ich schwang mich auf die Steinumfassung der Brücke.

»Langsam. Sehr langsam. Vorsichtig. Und hopp!«, lud ich Flipper ein, sich neben mich zu setzen. Der Sprung war gefährlich, doch wir hatten ihn an niedrigen Mauern ohne Abgrund geübt. Souverän landete Flipper neben mir.

»Gut gemacht«, lobte ich ihn.

Er drehte den Kopf weg. Ich überlegte, ob so ein Kommentar für ihn überflüssig war wie der Applaus am Ende meiner Stunden. Und ob das Gut gemacht nicht eher mir galt. Weil ich meinen Stolz auf ihn zelebrierte. Eine heiße Woge Zuneigung für Flipper überschwappte mich. Fast hätte ich ihm etwas von meinem Eis gegeben, das habe ich erst zweimal gemacht, einmal an meinem Geburtstag, einmal an seinem Findeltag. Eine Handvoll Tauben pickte neben uns auf dem Trottoir nach irgendetwas. Zwei fanden sich wild flatternd zum Liebesspiel.

Als ich die Autotür hinter mir hörte, wusste ich, für welches Filmgenre ich gecastet wurde.

»Guten Abend!«

Ich drehte mich nicht um. Auch Flipper schaute weiter geradeaus. Wir lassen uns nicht einschüchtern.

»Dürfen wir Sie bitten, herunterzukommen«, jetzt stand einer der beiden Streifenpolizisten neben mir. Um mich anzusehen, musste er sich weit vorbeugen.

»Wieso, ist das verboten?«

»Es ist gefährlich«, sagte der zweite Polizist.

»Ich sitze hier öfter«, erwiderte ich.

»Der Hund könnte abstürzen.«

»Der sitzt auch öfter da.«

»Bitte machen Sie keine Schwierigkeiten, und kommen Sie runter.«

»Ich mache keine Schwierigkeiten. Sie machen Schwierigkeiten«, stellte ich klar, während ich mich zu ihnen wandte und Flipper »Ab!«, befahl.

Er vollbrachte das Kunststück, sich auf der schmalen Mauer umzudrehen, wie immer schlug mein Herz dabei schnell und ich war bereit, sofort zuzupacken. Flipper landete sicher auf dem Trottoir.

»Toller Kerl«, sagte der eine Polizist, und der andere fragte: »Und wohin wollen Sie jetzt?«

»Geht Sie das irgendwas an?«

»Ich bin halt neugierig.«

Das gefiel mir. Ich mag neugierige Menschen. Ein Beamter, der zugibt, neugierig zu sein, zeigt sich bürgernah, auch wenn es verdächtig nach Deeskalationsseminar klingt. Dieses Bestreben wollte ich gerne positiv unterstützen.

»Ich bin auf dem Heimweg.«

»Und wo wohnen Sie?«

»Da vorne«, wies ich in Richtung Untergiesing, ein wenig zu gerade, denn eigentlich wohne ich in der Au, am Ende der Brücke, einmal rechts, einmal links.

»Also dann!«, verabschiedeten sich die Polizisten.

»Vorsichtig Flipper. Hopp!«, befahl ich ihm.

»Konzentriert euch auf euren Atem«, sagte ich am nächsten Morgen zu meiner Yogagruppe, »und nehmt wahr, wie er immer leichter fließt. Mit jedem Ausatmen gebt ihr Ballast ab und mit dem Einatmen tankt ihr neue Lebenskraft. Genießt die Frische und Freude, die euch erfüllen. Lasst den Atem einfach geschehen, seid ganz da.«

»Konzentriert euch auf das Hier und Jetzt«, sagte ich am Abend, »seid ganz präsent in diesem Augenblick«, und war doch selbst aus dem Jetzt gekippt.

Neuerdings verlegte ich den Autoschlüssel und vergaß meine Karte im Geldautomaten, ich kaufte doppelt ein, aber nicht das, was ich brauchte, und ich konnte nicht schlafen, obwohl ich hundemüde war. Kaum schloss ich die Augen, fraßen sich Maden durch meine Lider, und Schwärme von Krähen verschatteten meinen Himmel.

Zum Glück musste ich mir keine Vorwürfe machen, zu spät gekommen zu sein. Ich hätte den Mann nicht mehr retten können, doch ich hatte ständig das Gefühl, etwas übersehen zu haben, genauso wie die Kommissare in den Krimis, die ich gerne las – die hatten zuweilen auch so ein Gefühl, und manchmal wusste ich als Leserin sogar, was sie übersehen hatten. Diesmal jedoch hatte ich keine Ahnung. Bis Donnerstagmorgen, acht Uhr, auf dem Weg zu Fit in den Tag, als ich hinter einem Geländewagen stand, wie sie im Münchner Stadtverkehr unverzichtbar zu sein scheinen. Meinen Ausflug ins Gebüsch hatte ich beim Kommissar bewusst unterschlagen. Den Geländewagen aber, den hatte ich vergessen. Am Nockherberg fuhr ich rechts raus, zückte mein Handy und fingerte die Visitenkarte des Kommissars aus meinem Portemonnaie. Nicht Tixl. Sondern Tixel.

»Bauer«, meldete sich eine sympathische Männerstimme. Ein Blick auf das Display zeigte mir, dass ich keine fünf, sondern eine acht als letzte Ziffer getippt hatte.

»Ja, guten Morgen, hier Franza Fischer, ist der Kommissar da?«

»Welcher?«

Ich überlegte angestrengt nach dem genauen Titel. »Kriminalhauptkommissar, glaube ich.«

»Da hamma mehrere.«

»Kriminalhauptoberkommissar?«

»Gibt’s nicht.«

»Hm.«

»Wenn Sie mir den Namen des Kollegen sagen würden.«

»Tixel.«

»Ach, der Herr Tixel. Um was geht’s denn?«

»Mir ist noch was eingefallen. Wegen dem Toten beim Hochsitz. Als ich die Polizei gerufen habe, ist eine Staubwolke vorbeigefahren.«