Verlag: Ullstein eBooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Allee unserer Träume - Ulrike Gerold

"Ein fantastisch gutes Buch!"​Gabriele Haefs

Eine junge Architektin und ihr Traum von der größten Prachtstraße der DDR

Berlin in den Nachkriegsjahren: Die Stadt liegt in Trümmern, doch die Lebenslust der Menschen erwacht. Die junge Architektin Ilse hat eine Vision. Sie will die Stadt wieder aufbauen und Wohnungen auch für die einfachen Arbeiter schaffen. Der Wettbewerb für den Bau der Arbeiterpaläste in der Karl-Marx-Allee in Ostberlin ist ihre große Chance. Als einzige Frau will sie sich gegen ihre männlichen Kollegen durchsetzen. Und ihre Pläne werden tatsächlich ausgewählt. Aber ihr Ehemann erpresst Ilse und gibt die Entwürfe als seine eigenen aus. Ilse soll den Architekten nur zuarbeiten. Enttäuscht fasst sie einen Entschluss: Sie wird diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen, sondern um ein freies Leben und den richtigen Mann an ihrer Seite kämpfen.

Meinungen über das E-Book Allee unserer Träume - Ulrike Gerold

E-Book-Leseprobe Allee unserer Träume - Ulrike Gerold

Allee unserer Träume

Die Autorin

ULRIKE GEROLD und WOLFRAM HÄNEL, beide Jahrgang 1956, haben an der FU Berlin Germanistik und Theaterwissenschaften studiert und leben und arbeiten seit über 40 Jahren zusammen – meistens in Hannover, immer öfter auch wieder in Berlin-Kreuzberg. Nach Krimis und Thrillern ist Allee unserer Träume ihr erster Familienroman. In diesem Buch erzählen die beiden Autoren die Geschichte von Wolfram Hänels Mutter, die als junge Architektin Pläne für den Bau der Karl-Marx-Allee entwarf. In welchem Umfang diese umgesetzt wurden, ist nicht bekannt. Mehr über das Schriftstellerpaar und seine Bücher: www.haenel-buecher.weebly.com

Das Buch

Die junge Architektin Ilse findet sich in den Wirren der Nachkriegszeit in Ostberlin wieder, wo ihre Entwürfe für den Bau der Karl-Marx-Allee unerwartet Realität werden. Aber freuen kann sie sich nicht darüber, denn die Bauten sollen von den »großen« Architekten beaufsichtigt und ausgeführt werden. Ilse wird von Walter Ulbricht beauftragt, den Männern zuzuarbeiten. Während diese Architekten aber vor allem auf ein pompöses Erscheinungsbild aus sind, gelingt es Ilse, ihre ursprüngliche Idee einer modernen Ausstattung der Wohnungen in die Planungen zu integrieren und auch ein soziales Umfeld mit Kindergärten, Schulen, Läden, Restaurants zu schaffen. Das alles passiert allerdings unter dem Namen ihres Mannes, er wird zum gefeierten Architekten. Aber nicht nur diese Ungerechtigkeit treibt einen tiefen Keil in die Beziehung der beiden, die immer mehr auf eine Katastrophe zusteuert …

Ulrike Gerold

Allee unserer Träume

Roman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Das Zitat auf Seite 391 stammt aus Weill, Kurt: Happy end: Komödie mit Musik / Hrsg. und rev. anhand der Autogr. von Alan Boustead; Partitur; Wien: Universal Edition, Cop. 1929, 1958, 1972 und 1980, S. 82 ff., Lied »Surabaya Johnny«

Das Zitat auf S. 138 stammt aus Henrik Ibsen, Peer Gynt, Aus dem Norwegischen übersetzt von Christian Morgenstern, S. Fischer Verlag, Berlin 1907, Kapitel 3

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Februar 2019© 2019 by Ulrike Gerold und Wolfram Hänel© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, MünchenTitelabbildung: Frau: © GettyImages Karl-Marx-Allee: bpk / © Max Ittenbach;DDR-Postkarten-Museum (Rückseite)Autorenfoto: © Hans ScherhauferE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten. ISBN 978-3-8437-1795-3

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Inhalt

Titelei

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

 

Vorbemerkung

Prolog

Mühlhausen, Thüringen. 1932.

Erstes Buch

Berlin. 1950.

Mühlhausen. 1940.

Berlin. 1950.

Mühlhausen. 1941.

Berlin / Kienbaum. 1950.

Mühlhausen. 1947.

Berlin / Kienbaum. 1950.

Mühlhausen. 1947.

Berlin / Kienbaum. 1950.

Mühlhausen. 1948/1949.

2. Buch

Berlin. 1951.

Berlin. 1951.

Berlin. 1952.

Berlin. 1953.

Berlin. 1953.

Berlin. 1953.

Berlin. 1953.

Berlin. 1953.

Fünfundzwanzig Jahre später …

Berlin. 1978.

Epilog

Berlin. 1989.

Danksagung

Anhang

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Vorbemerkung

Widmung

Zur Erinnerung an Annemarie-Ilse

Für Hilkje, Jacob, Ezra

Vorbemerkung

Wir haben keine Dokumentation über den Bau der Karl-Marx-Allee geschrieben, sondern einen Roman. Dabei haben wir uns aller Freiheiten bedient, die in einer fiktiven Geschichte möglich sind, und die Chronologie historischer Ereignisse an die Bedürfnisse unserer Handlung angepasst.

Alles ist wahr, aber dennoch niemals so passiert.

Auch Orte, die real existieren, sind so beschrieben, wie wir sie brauchten, und halten einer Überprüfung nicht unbedingt stand – es sollte also auch niemand enttäuscht sein, der nicht alles so vorfindet wie im Roman.

Handlungen und Dialoge sind ebenso wie die dazugehörigen Personen frei erfunden, auch wenn manche von ihnen reale Namen tragen. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Die von uns beschriebenen Szenen mit Berthold Brecht hat es ganz sicher nie gegeben – sie entspringen allein der Fantasie der Autoren und sind als Hommage an den berühmten Dramatiker gemeint.

Wir haben uns weiterhin erlaubt, den allgemein bekannten Architekten der Karl-Marx-Allee neue Namen und einen anderen Charakter zu geben, um unnötige Irritationen zu vermeiden.

Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit realen Perso­nen, Namen oder Begebenheiten finden, so kann das nur zufällig sein und war niemals Absicht der Autoren.

Für mögliche Fehler, die uns trotz genauer Recherche unterlaufen sein könnten, tragen ganz allein wir die Verantwortung.

In einem der ersten Kapitel unseres Romans lassen wir eine unserer Figuren sagen: »Ich will gar nicht wissen, was wirklich passiert ist. Manchmal sind erfundene Geschichten einfach schöner.«

Dem gibt es kaum etwas hinzuzufügen. Belassen wir es dabei, und seien Sie herzlich willkommen in unserer Geschichte, die im Jahr 1932 in Mühlhausen in Thüringen beginnt!

Ulrike Gerold und Wolfram HänelBerlin, Sommer 2018

Prolog

Mühlhausen, Thüringen. 1932.

Der »Schwarze Freitag« an der Börse in New York hat eine weltweite Wirtschaftskrise ausgelöst, in Deutschland machen sich die Nationalsozialisten lautstark bemerkbar. Ilse, zehn Jahre alt, wird in Mühlhausen als Tochter eines Architekten groß, es ist eine glückliche Kindheit trotz geschiedener Eltern, einer arbeitenden Mutter und einem kaisertreuen Großvater. Eine Postkarte aus Brügge wird zu Ilses Schicksal.

Ilse war stolz darauf, dass ihre Eltern geschieden waren. Das gab es selten. Und damit war sie etwas Besonderes! Außerdem kannte jeder in der Stadt ihre Geschichte, und wenn ihr Vater einmal in der Woche kam, um sie von der Schule abzuholen, dann hingen ihre Mitschüler ausnahmslos an den Fenstern des Klassenzimmers, um zu beobachten, wie der breitschultrige Mann in seinem grauen Wollanzug, an dessen Weste die goldene Uhrkette baumelte, rauchend auf dem Pausenhof auf und ab ging.

Er kam immer samstags. Und er kam grundsätzlich zu früh, als gälte es, nur keine Minute von der kostbaren Zeit zu verschenken, die er mit seiner Tochter verbringen durfte. Oder als wollte er mit seiner vorzeitigen Anwesenheit erreichen, dass die schrille Klingel, die den Schulschluss ankündigte, sich wenigstens samstags nicht nach der Uhr am Turm der Marienkirche richtete, sondern nach seiner eigenen Ungeduld.

Heute hatte er Ilse eine Apfelsine mitgebracht. Und Kurtchen, mit dem sie die Schulbank teilte, hatte schon am Fenster ehrfürchtig geflüstert: »Ich habe noch nie eine Apfelsine gegessen. Du musst mir am Montag unbedingt erzählen, wie sie geschmeckt hat.«

Ihr Vater hatte immer ein Taschenmesser in der Hose, mit einem perlmuttfarben schimmernden Griff und zwei Klingen, einer großen und einer kleineren. Für die Apfelsine nahm er die große. Als die scharfe Schneide durch die Schale drang, spritzte für den Bruchteil einer Sekunde ein feiner Nebel auf, der nach etwas duftete, was unbeschreiblich war. Aber dann schmeckte die Spalte, die ihr Vater ihr hinhielt, so säuerlich, dass Ilse sie am liebsten wieder ausgespuckt hätte. Wenn sie es am Montag Kurtchen erzählen würde, durfte sie nicht vergessen, ihm auch von den Kernen zu berichten, die bitter waren, wenn man sie zerkaute.

Das Auto war an der Mauer der Turnhalle geparkt. Eigentlich war es eher ein kleiner Lastwagen, mit zwei Sitzen vorne und einer offenen Ladefläche hinter der Rückscheibe. BAUGESCHÄFT SCHELLHAAS war mit großen Blocklettern quer über die Seite der Umrandung geschrieben. Und kleiner darunter die Adresse. Mit einer Telefonnummer! Sie war erst vor Kurzem hinzugesetzt worden und stand ein bisschen zu weit nach rechts.

Ihr Vater hatte Ilse dafür gelobt, dass sie die Schlamperei gleich erkannt hatte. »Das nächste Mal zahle ich ganz bestimmt nicht extra einem Schildermaler Geld dafür, dass er kein Augenmaß hat, sondern lasse das gleich meine Tochter machen.«

Ilse wusste, dass er es nicht wirklich ernst meinte. Aber er wollte ihr zeigen, dass er ihr vieles zutraute, was ihrem Alter noch gar nicht entsprach. Sie sollte fest daran glauben, dass sie alles schaffen konnte, wenn sie nur wollte. Und manchmal hatte sie Angst davor, ihn zu enttäuschen.

»Wo fahren wir heute hin?«, fragte sie, als er ihr die Tür aufhielt und sie auf den Sitz kletterte.

»Hoch ins Eichsfeld. Ich muss neues Holz beim Böhme bestellen.«

»Ist das der Bauer mit dem schwarzen Hund?«

Ihr Vater nickte. »Und wenn er den Köter wieder nicht an der Kette hat, dann kann er was erleben!«

Als er gleich darauf die Augenbrauen zusammenzog und mit gespielt finsterer Miene die Fäuste ballte, musste Ilse lachen. Sie erinnerte sich gut daran, wie der schwarze Hund ihren Vater beim letzten Mal über den halben Hof gejagt hatte, bevor der Bauer ihn endlich zurückpfiff. Obwohl es in dem Moment alles andere als lustig gewesen war und sie vor Angst fast geweint hätte, während sie die Szene vom Laster aus beobachtete.

Sie liebte es, neben ihrem Vater zu sitzen und aus der Stadt hinaus über die Landstraßen zu fahren, an denen links und rechts die Kirschbäume Spalier standen. Ab und zu warf Ilse einen Blick auf ihren Vater, der den Hut weit aus der Stirn geschoben hatte und mit der unvermeidlichen Zigarette im Mundwinkel recht verwegen aussah. Seine eine Hand lag ruhig auf dem Lenkrad, während die andere den langen Schaltknüppel gepackt hielt, als wäre er ein ruckendes und zuckendes Ungeheuer, das es zu bändigen galt.

Eine Weile fuhren sie schweigend, in stiller Übereinkunft, dass es vollkommen reichte, die Nähe des anderen zu spüren. Dann, als sie schon die ersten Hügel hinaufkrochen und der Laster blauschwarze Qualmwolken hinter ihnen zurückließ, kamen die Fragen, wie zufällig und nicht wirklich der Rede wert.

»Wie geht’s Grete?«

Grete war Ilses Mutter. Und sie wollte jetzt nicht über sie reden. Nicht, wenn es gerade wichtiger war, mit dem Vater hoch ins Eichsfeld zu fahren, um Holz zu kaufen.

»Gut.«

»Und Oma?«

Auch nach der Scheidung wohnten sie weiterhin bei den Großeltern im Haus. Und die Großeltern waren die Eltern ihres Vaters, die, als dessen »Affäre« bekannt wurde, den Sohn kurzerhand vor die Tür gesetzt und jeden Kontakt zu ihm abgebrochen hatten. Der Großvater sah Ilses Vater jeden Tag im Baugeschäft, ob sie da miteinander redeten, wusste Ilse nicht. Aber an die Großmutter ließ ihr Vater jedes Mal Grüße ausrichten.

»Auch gut. Sie hat ein bisschen Rheuma, sonst ist alles in Ordnung.«

»Grüß sie bitte von mir.«

»Mach ich.«

»Und deine kleine Schwester?«

Er sagte nie Marga, wenn er Ilse nach ihrer Schwester fragte. Und das gefiel Ilse! Sie war seine Lieblingstochter, mit der er über alles reden konnte. Und ihre Schwester, die es so gut verstand, sich vor allem bei Erwachsenen einzuschmeicheln, war hier ausnahmsweise mal nicht die süße, kleine Marga.

»War letzte Woche erkältet. Und ansonsten nervt sie, alles wie immer.«

Ilses Vater lachte, als wollte er ihr damit versichern, dass er das genauso sah. Marga nervte!

Jetzt fehlte nur noch die letzte Frage, auf die Ilse schon die ganze Zeit gewartet hatte. Weil sie diesmal eine Antwort hatte, die den Vater ganz sicher überraschen würde.

»Deine Katze?«

Ilse zögerte einen Moment, um die Spannung zu erhöhen.

»Ist irgendwas mit der Katze?«, fragte ihr Vater, während er den Laster vorsichtig durch eine enge Kurve steuerte.

»Die anderen wissen es noch nicht«, flüsterte Ilse, als könnte sie sonst womöglich jemand hören, der ihr Geheimnis verraten würde. »Aber ich glaube, sie kriegt Junge! Sie ist ganz dick geworden, und ihre Zitzen leuchten rot. Und weißt du, was ich mache, wenn die Katzenbabys da sind? Ich schieb sie mit dem alten Kinderwagen durch die Gegend! Und wenn jemand kommt und mich fragt, wessen Baby ich da spazieren fahre, dann sage ich: Meine Babys natürlich. Und dann ziehe ich die Decke zurück, und da liegen die kleinen Katzen!«

»Gute Idee«, stimmte ihr Vater ihr zu. »Und wenn es zu Hause Ärger gibt, weil sie keine jungen Katzen haben wollen, dann bring sie zu mir ins Geschäft. Wir haben genug Platz, und ein paar ordentliche Mäusejäger kann ich im Holzlager immer brauchen.«

Auf ihren Vater war Verlass, dachte Ilse und nickte zufrieden. Jetzt hatte sie sogar eine Lösung für das Problem, das sie bisher immer beiseitegeschoben hatte, weil allein der Gedanke, dass die Kätzchen zu Hause vielleicht nicht willkommen wären, unvorstellbar war.

»Stimmt es, was Oma erzählt hat? Dass die Mädchen bei mir in der Schule, die letzten Winter einen Mantel mit Pelzkragen hatten, dass das in Wirklichkeit …«

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht. Eher Kaninchen, würde ich sagen.«

Das war zwar auch keine schöne Vorstellung, aber allemal erträglicher. Und außerdem war es Marga, die Großvaters Kaninchen in ihrem Stall hinten im Garten fütterte und so tat, als würden sie ihr ganz alleine gehören.

Als sie auf den Böhme-Hof kamen, war der schwarze Hund nicht zu sehen.

Ilses Vater zeigte auf die Kette, die als unordentliches Knäuel vor der Hundehütte lag.

»Rennt der verdammte Köter also schon wieder frei rum! Bleib du am besten erst mal im Laster, während ich versuche, mit heilem Hosenboden zur Haustür zu kommen.«

Gespannt beobachtete Ilse, wie er sich vorsichtig umblickte, bevor er plötzlich ein paar Meter rannte, als wäre der Hund bereits hinter ihm her. Mit einer Hand hielt er den Hut, die andere hatte er hinten an der Hose, unvermittelt schlug er einen Haken und rannte jetzt auf der Stelle, den Oberkörper weit zurückgelehnt und die Knie bei jedem vorgeblichen Schritt bis fast unters Kinn gezogen, als wollte er Anlauf zu einem gigantischen Spurt nehmen, dann hastete er in großen Sprüngen weiter.

Ilse wusste, dass er Charlie Chaplin imitierte, über den sie neulich im Kino beide so sehr gelacht hatten, bis ihr der Bauch wehtat. Und als der Bauer jetzt die Tür öffnete, tat ihr Vater so, als würde er sich mit letzter Kraft in dessen rettende Arme flüchten! Um sich gleich darauf den imaginären Schweiß von der Stirn zu wischen und ihr mit einer weit ausholenden Armbewegung zuzuwinken, dass sie ihm folgen solle.

Kichernd kletterte sie vom Sitz. Dann versuchte sie, alles genau so nachzumachen, wie sie es eben bei ihm gesehen hatte. Eine Hand hielt den Hut, den sie nicht hatte, die andere den Hosenboden, auf den Haken folgten wilde, bewusst ungelenke Sprünge, bis ihr Vater sie lachend an sich zog und sie gegen seine Weste drückte. Der Geruch nach harzigem Holz und Tabakqualm war wie ein Versprechen, dass sie für immer zusammengehörten und kein noch so dämlich glotzender Bauer sie hindern konnte, ihren Spaß zu haben.

Der Hund ließ sich auch jetzt nicht blicken. Ilse hatte ihn schon fast vergessen, als sie dann im Wohnzimmer an dem großen Holztisch saßen und die Bäuerin das Essen auftrug. Kartoffeln mit brauner Soße, Bohnengemüse und – Braten! Obwohl es ein ganz gewöhnlicher Wochentag war! Aber bei der Einladung, vor dem Geschäftlichen »erst mal was Ordentliches in den Bauch zu kriegen«, hatte ihr Vater ihr schnell zugeflüstert: »Er will den Preis fürs Holz in die Höhe treiben, das ist alles. Und er denkt, wir fallen drauf rein. Tun wir aber nicht. Lass es dir einfach schmecken, als ob du nicht genau wüsstest, was sie vorhaben.«

Und das Essen schmeckte, wenn auch die Kartoffeln so hart waren, dass sie sich kaum in der Soße zerdrücken ließen. Als ihr Vater Ilses Bemühen bemerkte, nahm er demonstrativ sein Messer, um damit die Kartoffeln auf seinem Teller zu zerschneiden. Und Ilse machte es ihm nach! Etwas, was sie zu Hause unter den Blicken der Großeltern nie gewagt hätte.

»Kartoffeln werden nicht mit dem Messer geschnitten«, war eine der unverbrüchlichen Benimmregeln, über deren Einhaltung der Großvater strengstens wachte, damit aus Ilse und Marga mal Erwachsene werden würden, für die man sich nicht zu schämen brauchte. Ebenso wie man kerzengerade am Tisch zu sitzen hatte, der Suppenlöffel zum Mund geführt werden musste und nicht der Mund zum Teller, die Hände nur mit den Handgelenken das Tischtuch zu berühren hatten, die Lippen mit der Serviette abgetupft werden mussten, bevor man einen Schluck aus dem Glas trank.

Die Bäuerin richtete ein paar Fragen an Ilse. Ob ihr die Schule Spaß machen würde. Ob sie zu den Klassenbesten gehöre. Ob es ihr gefalle, in der Stadt zu wohnen. Ob sie schon mal alle Tiere auf einem richtigen Bauernhof gesehen habe.

Ilse antwortete mit einem Nicken oder Kopfschütteln, sie mochte es nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, wenn sie noch dazu auch nicht mit vollem Mund sprechen durfte und Mühe hatte, das schwere Silberbesteck so zu handhaben, wie es sich gehörte.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihr Vater lächelte. Und sie war ihm dankbar, als er sie erlöste, indem er jetzt selber das Gespräch übernahm.

»Ich habe euren Hund noch gar nicht gesehen. Aber ihr lasst ihn ja wohl immer noch frei rumlaufen, und irgendwann geht das schief, glaubt mir. Da erwischt er jemanden, der zu euch auf den Hof kommt! Und wenn es zufällig ein Kind ist, dann wird die Sache erst recht schlimm.«

Die Bauersleute wechselten einen Blick miteinander. Dann sagte der Bauer: »Der Bello tut niemandem mehr was.« Und seine Frau legte Ilses Vater noch eine weitere Scheibe Bratenfleisch auf den Teller.

Der Vater stutzte und zog die Augenbrauen zusammen, sodass sich eine steile Falte auf seiner Stirn bildete. Ilse sah, wie er bleich wurde, als er mit der Messerspitze in das Fleischstück pikte, ohne einen Bissen davon abzuschneiden. Als er hochblickte, schien jegliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen zu sein.

»Das ist jetzt nicht wahr, oder?«

Der Bauer zuckte mit den Schultern.

»Er hat den Gustav letzte Woche schlimm gebissen«, erklärte seine Frau. »Aber so ist er doch wenigstens noch zu was gut.«

Ilses Vater schob den Teller so abrupt zurück, dass ein paar Spritzer der braunen Soße auf dem makellosen Tischtuch landeten.

»Wir reden ein anderes Mal übers Geschäft«, stieß er hervor, während er bereits aufstand und nach Ilses Hand griff. Sein hastiger Blick auf die Taschenuhr ließ die gleich darauf gestammelte Erklärung kaum glaubwürdiger erscheinen, aber das schien ihm egal zu sein. »Wir müssen los, ich habe einen Termin vergessen. Tut mir leid.«

Ohne ein weiteres Wort zerrte er Ilse hinter sich her. Sie waren schon fast zur Tür hinaus, als der Bauer noch etwas hinter ihnen herrief, was Ilse nur halb verstand.

»Wenn sich der Herr Architekt zu fein für das Essen ist, das wir ihm servieren, dann soll er doch …«

Beim ersten Versuch, den Laster zu starten, würgte Ilses Vater den Motor ab. Dann gab er so viel Gas, dass die losen Steine auf dem Hof unter den Hinterreifen hervorspritzten. Als sie auf die Landstraße einbogen, schlug er mit der Faust aufs Lenkrad.

»Wir haben ihren Hund gegessen! Verdammt, das ist …«

Er trat hart auf die Bremse und brachte den Laster auf dem schmalen Grasstreifen am Straßenrand zum Stehen. Während er sich unter einem der Kirschbäume übergab, presste Ilse ihr Gesicht an die Scheibe und beobachtete eine Krähe, die laut krächzend über die Felder davonflatterte. Obwohl sie jeden Moment damit rechnete, dass auch ihr eigener Magen rebellieren würde, stellte sie verwundert fest, dass sich keinerlei Anzeichen für eine Übelkeit einstellen wollten. Im Gegenteil, eigentlich bedauerte sie sogar, nicht wenigstens noch etwas von dem Pflaumenkompott abbekommen zu haben, das sie auf der Anrichte entdeckt hatte und das ganz bestimmt als Nachtisch gedacht gewesen war.

Eine knappe Stunde später bogen sie in die schmale Gasse ein, an deren Ende sich das Baugeschäft ihres Vaters befand. Die Räder holperten über das bucklige Kopfsteinpflaster, der Laster klapperte und schüttelte sich, als wollte er seinen Abscheu vor der für ein motorgetriebenes Fahrzeug vollkommen unzumutbaren Wegstrecke kundtun. Aber Ilse mochte die Gasse und ganz besonders den mit wildem Wein bewachsenen Torbogen, der auf den Hof mit dem alten Brunnen in der Mitte führte.

»Ein venezianischer Brunnen«, hatte ihr Vater erklärt, »weit über hundertfünfzig Jahre alt, als Mühlhausen noch eine Kaiserstadt war.«

Der Torbogen war gotisch, das Haus mit den bleiverglasten Fenstern im Erdgeschoss ein Renaissancebau. Ilse konnte die schwierigen Namen mühelos den entsprechenden Baustilen zuordnen, strenge Mauern und Gewölbe standen für Gotik, steile Dächer mit hochragenden Giebeln und kunstvollen Wasserspeiern für Renaissance. Und Venedig war in Italien, das weit weg im Süden lag, noch jenseits der Alpen, und wo es die berühmten Gondeln gab, die auf Kanälen durch die Stadt fuhren, so wie in anderen Städten die Pferdefuhrwerke auf den Gassen. Ihr Vater war mal in Venedig gewesen und hatte eine Postkarte geschickt, die die Großmutter in einer kleinen Kiste zusammen mit anderen Erinnerungsstücken an die Zeiten aufbewahrte, als der Sohn noch keine Schande über die Familie gebracht hatte.

Auch Ilse selber besaß eine Postkarte von ihrem Vater, die er aus Brügge geschrieben und nur an sie adressiert hatte.

»Brügge ist schöner als alle anderen Städte, die ich gesehen habe«, stand auf der Rückseite. »Wenn du alt genug bist, fahren wir zusammen hierher, und ich zeige dir, wie man Häuser baut, die so hoch sind, dass sie fast die Wolken kitzeln und über den Straßen zu schweben scheinen.«

Brügge war in Belgien, nicht ganz so weit weg wie Italien. Die Häuser in Brügge waren im klassizistischen und neugotischen Stil gebaut.

Sie parkten den Laster neben dem Brunnen, obwohl der Großvater das strikt untersagt hatte. Autos und Fuhrwerke gehörten auf den rückwärtigen Hof, wo sich auch die Werkstätten und das Holzlager befanden. Aber Ilses Vater schien es als sein gutes Recht anzusehen, sich als Mitinhaber der Firma auch gewisse Privilegien herauszunehmen, vor allem wenn er mit seiner Tochter vorfuhr und sie unter den Blicken der Angestellten hinter den Fenstern der Büros zum Vordereingang führte.

Wie immer kniff Ilse die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als sie das Treppenhaus betraten. Im Halbdunkel unter der Treppe mit den ausgetretenen Steinstufen gab es einen lange schon zugemauerten Gang zu den Kellergewölben, in denen sich früher das Gefängnis befunden hatte. Nur das städtische Archiv im Erdgeschoss erinnerte noch an die Zeit, als das Gebäude auch das Rathaus beherbergt hatte, bevor die Räumlichkeiten zu eng für die Stadtverwaltung wurden und der Großvater die beiden oberen Stockwerke als Sitz seines »Ersten Baugeschäfts am Platze« übernahm.

Aber der zugemauerte Kellereingang ließ Ilses Fantasie nicht los, mit der sie sich die engen, lichtlosen Zellen vorstellte, in denen ausgemergelte Sträflinge bei Wasser und Brot auf den Tag warteten, an dem sie zum Galgen geführt wurden. Und mehr als nur einmal hatte sie im Traum die Schreie dieser Jammergestalten gehört und war schweißüberströmt aus dem Schlaf geschreckt, fest überzeugt davon, sich selber in schweren Eisenketten hinter einer der Zellentüren wiederzufinden.

Vor Kurzem hatten sich Risse im Putz des Mauerwerks gebildet, die die Umrisse des früheren Zugangs zeigten, und trotz ihrer zusammengekniffenen Augen meinte Ilse ganz deutlich zu sehen, wie diese Risse sich jetzt genau in dem Moment, in dem sie an der Hand ihres Vaters die Stufen hinaufstieg, zu einem spinnennetzähnlichen Geflecht erweiterten, das wie mit zittrigen Fingern nach ihr zu greifen schien.

Sie war froh, als ihr Vater die Tür zum alten Gerichtssaal aufstieß, in dem entlang der Fensterfront jetzt die Tische der Bauzeichner untergebracht waren. Aber die Angestellten saßen nicht wie sonst gebeugt über ihren Plänen, sondern die Plätze waren leer. Und nur die Sekretärin kam jetzt aufgeregt auf sie zugeeilt.

»Gut, dass Sie da sind! Einer der Männer hat sich an der Bandsäge den halben Arm abgetrennt. Die anderen sind alle unten im Hof, Ihr Herr Vater hat schon den Krankenwagen gerufen, aber … es ist alles voller Blut, und der Karl Hartmann ist nicht bei Bewusstsein!«

»Der Hartmann also?«, war das Einzige, was Ilses Vater erwiderte, bevor er Ilse mit festem Griff in sein eigenes Büro schob und sie anwies, sich nicht vom Fleck zu rühren, bevor er zurück wäre.

»Untersteh dich, auch nur auf den Gedanken zu kommen, dir das ansehen zu wollen. Ich bin so schnell wie möglich wieder hier. Beschäftige dich solange mit irgendwas. Da auf dem Tisch liegt ein neues Fotobuch über Röbling, sieh dir an, wie er seine Brücken gebaut hat.«

Kaum dass die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, schlich sich Ilse zum Fenster. Aber der Blick auf den hinteren Hof wurde von dem großen Kastanienbaum verdeckt, der direkt vor dem Fenster stand. Mehr als ein paar Beine, die kopf- und körperlos über das Pflaster eilten, konnte sie beim besten Willen nicht ausmachen.

Eine Weile blätterte sie eher lustlos durch die Seiten des großformatigen Fotobuchs, auf das ihr Vater sie hingewiesen hatte.

Röbling war ein Ingenieur, der aus Mühlhausen kam und nach Amerika ausgewandert war, wo er erst die Brücke an den Niagara-Fällen entwarf und schließlich die Brooklyn Bridge in New York, die lange als achtes Weltwunder galt. Aber auch wenn die Bilder der gewaltigen Konstruktionen beeindruckend waren, interessierte sich Ilse eigentlich nicht für Brücken. Und sie wollte das Buch schon wieder weglegen, als sie auf den letzten Seiten das Foto einer Frau entdeckte, die hoch oben auf einem Baugerüst stand und Anweisungen an die Arbeiter gab. In der Unterschrift stand, dass Röbling noch vor Fertigstellung der Brooklyn Bridge gestorben war, sein Sohn hatte dann seine Stelle eingenommen, musste aber nach einem schweren Unfall während der Arbeiten im Rollstuhl sitzen – und schließlich hatte dessen Frau Emily die Aufsicht über die Bauarbeiten geführt: »Der vielleicht größte Ingenieurbau des 19. Jahrhunderts wurde von einer Frau vollendet!«

Die Vorstellung gefiel Ilse. Für einen Moment dachte sie an ihre Mutter, der sie es ohne Weiteres zugetraut hätte, ebenfalls die Männer auf einer Baustelle anzuweisen. Aber das würde ja nun niemals passieren, da die Eltern sich getrennt hatten und ihre Mutter um alles, was auch nur im Entferntesten nach einem Bauplatz ihres geschiedenen Gatten aussah, einen größtmöglichen Bogen machte.

Von draußen drang jetzt die Sirene des sich schnell nähernden Krankenwagens durchs Fenster, aber die Kastanie blieb unerbittlich und verhinderte nach wie vor jeden freien Blick auf den Hof hinunter.

Ilse stieg auf das niedrige Podest, auf dem der Zeichentisch ihres Vaters stand. Die Arbeitsplatte war abgeschrägt und mit einer Milchglasscheibe versehen, die von unten beleuchtet werden konnte. Ein paarmal knipste Ilse das Licht an und aus, bevor sie auf den hohen Stuhl kletterte und sich neugierig die Zeichnung heranzog, an der ihr Vater gerade arbeitete.

Der sorgfältig mit schwarzer Tusche ausgeführte Entwurf zeigte ein Gebäude, das offensichtlich ein Geschäftshaus werden sollte, mit Läden im Erdgeschoss, deren Schaufenster bis fast auf den Boden reichten. Zwei Läden, links und rechts von einem Hauseingang, der ein Stück nach vorne gebaut war, sodass er, obwohl ohne Rundung, doch ein bisschen wie ein Torbogen wirkte. Ein eckiger Torbogen, in dem eine wuchtige, zweiflüglige Tür zu erkennen war. Dieser Vorsprung setzte sich nach oben fort, klar, dahinter lag das Treppenhaus, und links und rechts davon waren die Fenster der Wohnungen im ersten Stockwerk. Jeweils vier hohe Fenster, von denen immer zwei die genaue Breite der darunterliegenden Ladenfronten einnahmen.

Ilse brauchte einen Moment, bis sie begriff, was so anders an diesem Entwurf war als die Häuser, die ihr Vater sonst baute. Es waren nicht nur die riesigen Schaufenster, die ungewöhnlich waren, sondern es fehlten auch die üblichen Verzierungen, die steinernen Friese, die Erker im ersten Stock – und es gab keine Holzbalken zu sehen, die die Fassade in einen unteren und oberen Bereich gliederten, stattdessen schien sich das Mauerwerk nahtlos von den Läden nach oben fortzusetzen, nur unterbrochen von den gleichmäßig angeordneten Fenstern, die wie mit dem Lineal gezogen eine gerade Linie bildeten.

Ein zweites Stockwerk gab es nicht, die Zeichnung war noch nicht fertig, das Dach fehlte. Aber was für ein Dach sollte das sein, das diese Fassade, die so klar und schnörkellos begann, nicht einfach erdrückte?

Während Ilse noch wie gebannt auf den Entwurf starrte, ging ihr der Satz durch den Kopf, den ihr Vater auf der Postkarte aus Brügge geschrieben hatte: »Häuser, die so hoch sind, dass sie fast die Wolken kitzeln.«

Das war es! Das Haus musste höher werden, viel höher, bis zum Himmel hinauf. Und jedes Stockwerk musste die strenge Anordnung der Fenster wiederholen …

Sie griff nach dem Lineal und einem Bleistift. Es war einfach, vier Fenster links, vier rechts, und dazwischen das vorspringende Treppenhaus, dessen Fenster sie in drei vertikale Rechtecke unterteilte, um eine kleine Abwechslung in die Struktur zu bekommen, die ihr für einen Moment fast schon langweilig erschien. Zweites Stockwerk. Drittes Stockwerk. Viertes Stockwerk. Es sah immer noch gut aus. Ungewöhnlich, aber gut. Nur dass jetzt das Blatt zu Ende war. Und dass sie ja ohnehin nicht wusste, was für ein Dach zu diesem Haus passen sollte. Ganz davon abgesehen, dass es schwierig war, Dächer so zu zeichnen, dass die Schräge deutlich wurde und nicht aussah wie eine weitere senkrechte Wand.

Aber vielleicht konnte das Haus auch einfach so enden, ohne spitz zulaufendes Dach. Vielleicht würde es reichen, wenn da oben statt des Ziegeldachs nur eine ebene Fläche wäre. Wie eine riesige Terrasse. Auf der die Leute, die in dem Haus wohnen würden, später umherlaufen konnten, weit oben über der Stadt. Das musste schön sein, da in der Sonne zu sitzen, während unten die Fuhrwerke vorbeiratterten und die Autos hupten. Wie in einer weit entfernten Welt, die einem mit ihrem Lärm und Getue nichts mehr anhaben konnte, wenn man einmal die Treppen hinaufgestiegen war und nur noch den Himmel über sich hatte.

Vielleicht konnte man oben auf dem Dach sogar Federball spielen, wenn der Wind nicht zu stark war! Sorgfältig zeichnete Ilse ein steinernes Geländer aus einer langen Reihe runder Pfeiler, die verhindern würden, dass jemand über die Kante stürzte, wenn er versuchte, einen fehlgeschlagenen Ball doch noch zu erreichen.

Erst als die Stimmen der Angestellten, die zurück in den Zeichensaal kamen, an ihr Ohr drangen und sie gleich darauf auch ganz deutlich ihren Vater hören konnte, wurde Ilse klar, was sie da gerade getan hatte. Sie hatte in einer Zeichnung herumgemalt, für die der Vater sicher Stunden, wenn nicht Tage gebraucht hatte! Und schlimmer noch, obwohl sie sich alle Mühe gegeben hatte, wirkten ihre Striche doch unbeholfen und grob, wie auf einem Kinderbild.

Die Zeichnung war ruiniert, er würde noch einmal ganz von vorne beginnen müssen. Und diesmal würde er sie nicht loben, sondern ihr vielleicht verbieten, sich jemals wieder seinem Zeichentisch auch nur zu nähern. Oder ihr nie wieder eine Ansichtskarte schicken, auf der er ihr von Häusern erzählte, die die Wolken kitzelten …

Es gab eine Hintertür im Büro, durch die man über eine schmale Wendeltreppe zum Seiteneingang am Marktplatz gelangte. Ihr Vater benutzte diesen Weg, wenn er abends noch mal ins Büro ging, um ungestört arbeiten zu können, und zu bequem war, um erneut die Türen auf- und abzuschließen, die die Sekretärin immer als letzte Aufgabe ihres Arbeitstages sorgfältig verriegelte. Und einmal war er mit Ilse heimlich über die Wendeltreppe verschwunden, um im »Café National« am Untermarkt ein Eis zu essen. Als der Großvater später kam, um Ilse mit nach Hause zu nehmen, hatten sie schon längst wieder im Büro gesessen, ohne dass jemand ihren kleinen Ausflug bemerkt hatte.

Die Tür quietschte ein bisschen, als Ilse sie eilig öffnete, weil ja jeden Moment ihr Vater erscheinen musste. Und es gab kein elektrisches Licht in diesem Teil des Gebäudes. Aber es stand eine Lampe mit einer Kerze bereit, und nachdem Ilse die Streichhölzer ertastet und die Kerze angezündet hatte, stieg sie vorsichtig die steilen Stufen hinunter, bemüht, möglichst kein Geräusch zu machen und nicht vor den gespenstischen Schatten, die das flackernde Licht auf die Wände warf, zurückzuschrecken.

Mit heftig klopfendem Herzen erreichte sie endlich den Ausgang und löschte das Licht. Als sie auf die Straße trat, blendete sie die Sonne so sehr, dass sie für einen Augenblick wie blind war.

Vom Turm der Marienkirche läuteten die Glocken sechsmal. Ilse zählte jeden Schlag mit, dann erst wurde ihr klar, dass sie ja gar nicht wusste, wo sie überhaupt hinsollte. Ihre Mutter hatte Nachtdienst im Krankenhaus, und Ilse hatte bei ihrem Vater schlafen sollen. Wenn sie jetzt unerwartet zu Hause erschien, würden die Großeltern sicherlich Fragen stellen – und dann käme raus, was sie getan hatte, und sie wäre wieder mal »die Große«, die nur Flausen im Kopf hatte. Die nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden konnte und sich gefälligst ein Beispiel an der kleinen Schwester nehmen sollte, die immer schön brav alles befolgte, was man ihr sagte.

Ilse beschloss, noch ein wenig Zeit verstreichen zu lassen, bevor sie nach Hause ging. Bestimmt würde ihr Vater sie suchen und natürlich auch bei den Großeltern fragen! Und vielleicht würden sie sich alle so viel Sorgen wegen ihres Verschwindens machen, dass sie später, wenn Ilse dann wieder auftauchte, vor allem erleichtert wären, sie gesund und munter zurückzuhaben. Und der Ärger, den sie bekam, nicht allzu schlimm werden würde …

Während sie mit gesenktem Kopf die Richtung zur Stadtmauer einschlug, hoffte sie, dass ihr niemand begegnen würde, der sie erkannte. An der Ecke zur Klosterstraße war ein Fleischerladen, über dessen Schaufenster in großen Buchstaben RINDERSCHLACHTEREI stand. Das Wort war in Sütterlin-Lettern geschrieben, das große »R« war leicht mit dem »K« zu verwechseln, weshalb Ilse, kaum dass sie lesen gelernt hatte, überzeugt davon gewesen war, dass dort »Kinderschlachterei« stand. Was bis heute dazu führte, dass sie jedes Mal, wenn sie den Laden passierte, versucht war, die Straßenseite zu wechseln.

Als sie am Tor der Stadtmauer war, wusste sie plötzlich, wo sie sich verstecken konnte, bis sie sich wieder nach Hause wagte. Das Baugeschäft besaß einen eigenen Schuppen auf dem Bahnhofsgelände, wo das zugeschnittene Holz gelagert wurde, das zum Transport mit der Eisenbahn bestimmt war. Jetzt um diese Zeit würde niemand mehr dort sein, und der Schuppen erschien ihr wie eine Art Kompromiss, der eine gewisse Sicherheit versprach – es war zwar nicht ihr Zuhause, hatte aber doch etwas mit ihr und ihrer Familie zu tun. Außerdem kannte sie das Gelände recht gut, sie hatte nicht nur ihren Vater mehrmals begleitet, sondern war auch mit Kurtchen schon mal da gewesen, um auf der langen Verladerampe Rollschuh zu laufen. Natürlich war das streng verboten, aber sie waren nicht erwischt worden und hatten sich fest vorgenommen, das Ganze bei Gelegenheit zu wiederholen.

Zehn Minuten später überquerte Ilse den Bahnhofsvorplatz und schlug den Weg zu den Güterschuppen ein. Als sie sich an der langen Reihe der Waggons vorbeidrückte, war sie sorgsam darauf bedacht, nicht ins Blickfeld des Bahnwärters in seiner verglasten Kabine zu geraten.

Es wurde langsam kühl, die Sonne stand bereits über der Spitze der Marienkirche, wie eine gleißende Scheibe, die sich aus Versehen aufgespießt hatte und bald kraftlos an dem Turm nach unten rutschen würde, um hinter der gezackten Schattensilhouette der Stadt zu versinken.

Wie Ilse es erwartet hatte, war die Rampe leer. Zum Baugeschäft gehörte nicht nur eine Holzhandlung, sondern auch eine kleine Möbelfabrik, die sich auf »Herren- und Speisezimmer« spezialisiert hatte – und neben dem Rolltor unter dem weit vorspringenden Dach war ein Stapel Pferdedecken aufgeschichtet, die dazu dienten, die einzelnen Möbelstücke beim Transport vor Beschädigung zu schützen. Ilse wickelte sich in eine der kratzigen Decken und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Tor, dessen Holz die Wärme des Tages gespeichert hatte. Ab und zu ratterte ein Güterzug auf den gegenüberliegenden Gleisen vorbei, und einmal flatterte ein Schwarm Spatzen auf die Rampe, um sich dreist bis an Ilses Füße zu wagen und schließlich laut tschilpend wieder aufzusteigen und als flügelschlagendes Knäuel in der einsetzenden Dämmerung zu verschwinden.

Ein paar Schwalben strichen dicht über der Bahnstrecke dahin, und weit entfernt bellte ein Hund. Ilse hatte Durst. Und sie hatte vergessen, im Büro pinkeln zu gehen. Aber jetzt traute sie sich nicht von der Rampe herunter, um sich auf den Schotter zu hocken. Die Schatten zwischen den Schuppen hatten plötzlich etwas Bedrohliches, als würden sie das letzte Tageslicht und alles, was sich darin bewegte, verschlucken wollen. Ilse biss sich auf die Unterlippe und versuchte, an etwas Schönes zu denken. An ihre Katze, die inzwischen vielleicht schon Junge bekommen hatte! Süße kleine Kätzchen, die sie dann morgen in den Kinderwagen legen und auf dem alten Friedhof spazieren schieben konnte …

Sie musste eingenickt sein und eine ganze Weile geschlafen haben. Als sie wieder aufwachte, war es dunkel. Nur die Bahnsignale leuchteten grün und rot, und die Bogenlampe über der Weiche warf einen schwachen Lichtschein bis an den Rand der Rampe. Als Ilse die schemenhafte Gestalt sah, die quer über die Gleise auf den Schuppen zukam, kniff sie erschrocken die Augen wieder zusammen und zählte ganz langsam bis zehn. Doch es half nichts, als sie einen erneuten Blick riskierte, war die Gestalt nicht verschwunden, sondern bereits so nah, dass sie deutlich das bleiche Oval des Gesichts ausmachen konnte. Und dann hörte sie die Stimme, die leise rief: »Ilse? Bist du da irgendwo?«

Sie kannte die Stimme! Aber sie brauchte einen Augenblick, um sie der Person zuzuordnen, mit der sie gerade jetzt am allerwenigsten gerechnet hätte.

»Hans?«, flüsterte sie fast unhörbar, um dann lauter hinzuzusetzen: »Hier bin ich, hier oben!«

Mit einem Sprung war Hans auf der Rampe und beugte sich über sie. Er schien ihr noch dünner zu sein als beim letzten Mal, und die Lücke zwischen seinen beiden Vorderzähnen war wie ein schmaler schwarzer Strich.

Er grinste, als er sagte: »Mensch, Ilse, sie suchen dich überall!«

Es klang fast bewundernd, als ob ihr etwas ganz Besonderes gelungen wäre. Und sie wusste, dass er sie noch nicht mal dann verraten würde, wenn sie nicht mit ihm nach Hause kam. Aber sie war ja froh, dass er da war! Dass er es war, der sie gefunden hatte! Und sie wollte den Moment noch ein wenig hinauszögern, bevor sie zusammen zurücklaufen würden.

»Woher wusstest du, dass ich hier bin?«

»Ich habe deinen Freund aus dem Nachbarhaus gefragt, ob er eine Idee hat, wo du dich versteckst.«

»Kurtchen?«

»Kurtchen.«

Er griff nach einer Decke und hockte sich neben sie. So dicht, dass sie ihren Kopf an seine Schulter legen konnte und wie aus weiter Ferne sein Herz schlagen hörte. Erst jetzt stellte sie die Frage, die eigentlich das Erste hätte sein müssen, was ihr einfiel, als er so gänzlich unerwartet aus der Dunkelheit aufgetaucht war.

»Wieso bist du überhaupt hier in Mühlhausen?«

»Das ist eine längere Geschichte.«

Hans holte tief Luft, als würde es ihm schwerfallen, darüber zu sprechen. Ilse griff nach seiner Hand und drückte sie.

»Erzähl es mir!«

»Wir waren auf dem Weg nach Frankfurt. Aber dann hatten wir eine Panne mit dem Auto. Deshalb übernachten wir heute bei euch und fahren erst morgen weiter.«

Das war noch nicht alles, so viel war Ilse klar.

»Hat es etwas … mit der Sache zu tun?«, flüsterte sie, ohne ihn anzublicken.

Sie spürte, wie er nickte.

»Meine Eltern wissen jetzt Bescheid. Es soll da einen Arzt in Frankfurt geben, der mir vielleicht helfen kann.«

Ilse wartete, aber Hans sagte nichts mehr. Nur seine Finger zitterten leicht und schienen plötzlich eiskalt zu sein.

Hans war Ilses Cousin. Er wohnte weit weg, in Berlin, in der Hauptstadt, und sie sahen sich normalerweise nur, wenn der Großvater Geburtstag hatte und die gesamte Verwandtschaft zur Feier kam. Ilse hatte Hans immer schon heimlich bewundert, wie einen großen Bruder, der Dinge wusste und tat, von denen sie keine Ahnung hatte. Schließlich war er fast acht Jahre älter als sie und damit so gut wie erwachsen! Im nächsten Jahr würde er sein Abitur machen, und außerdem kam er aus einer Stadt, die so groß war, dass man sogar mit der U-Bahn mehr als eine Stunde brauchte, um von einem Ende zum anderen zu gelangen.

Aber Hans hatte sie nie groß beachtet, höchstens mal ihre Katze gestreichelt und ihr und Marga eher widerwillig eine Geschichte vorgelesen, wenn seine Eltern von ihm verlangten, dass er sich um seine beiden Cousinen kümmern sollte. Erst im letzten Jahr hatte sich mit einem Schlag alles verändert. Als Ilse ihn zufällig hinter dem Gartenschuppen entdeckt hatte, wo er mit tränenüberströmtem Gesicht auf dem Boden hockte und vor Schluchzen kaum ein Wort herausbrachte. Da hatte er ihr zum ersten Mal etwas erzählt, was sie nicht ganz verstand, aber es war so schlimm, dass man dafür sogar ins Gefängnis kommen konnte! Ilse hatte versprechen müssen, dass es ein Geheimnis zwischen ihnen bleiben würde, von dem niemals jemand anders etwas erfahren durfte, schon gar nicht der Großvater. Auch Hans’ eigene Eltern hatten da noch nichts von dieser »Krankheit« gewusst, was immer er ihnen erzählt hatte, als sie ihn im Keller des Mietshauses in Neukölln mit seinem besten Schulfreund erwischten. Aber auch Hans selber hatte ja gehofft, dass »es« vielleicht von ganz alleine wieder verschwinden würde …

»Was wird dieser Arzt mit dir machen, weißt du das schon?«, fragte Ilse leise.

Es dauerte lange, bis Hans antwortete: »Mich untersuchen.«

»Und dann? Bekommst du eine Medizin?«

Als Ilse im letzten Jahr krank gewesen war, hatte sie von ihrer Mutter Tabletten gegen das hohe Fieber bekommen. Und einen bitter schmeckenden Saft, der die Entzündung in ihrem Körper bekämpfen sollte. Vielleicht gab es so etwas auch für Hans! Ihre Mutter hatte gesagt, dass fast jeden Tag neue Arzneimittel entdeckt wurden, die auch bei sehr schlimmen Krankheiten helfen konnten …

Im schwachen Lichtschein der Laterne sah Ilse, wie er sich auf die Unterlippe biss. Plötzlich hatte sie Angst, dass er gleich weinen würde.

»Es wird bestimmt alles gut, du schaffst das!«

»Wenn du das sagst …« Jetzt lächelte er sie an! »Gehen wir mal langsam zurück, bevor sie noch auf den dummen Gedanken kommen, dass wir vielleicht zusammen abgehauen sind. Nach Amerika. Oder Australien!«

Ilse erwiderte sein Lächeln und sprang auf. »Afrika ist besser!«

»Warum?«

»Darum. Weil es … besser ist.«

»Gut, dann eben Afrika.«

Als Ilse an seiner Hand von der Rampe auf den Schotter zwischen den Gleisen sprang, war sie sich sicher – er war der Richtige!

»Wenn ich mal groß bin, dann heirate ich dich! Du wartest doch auf mich, nicht wahr?«

Erstes Buch

BERLIN 1950undMÜHLHAUSEN 1940–1949

Berlin. 1950.

In der neu gegründeten DDR wird für den Bau der ersten sozialistischen Prachtstraße Deutschlands ein Wettbewerb unter verschiedenen Architekturbüros ausgeschrieben. Ilse reist zur ersten Sitzung des Planungskomitees nach Ostberlin, um ihre Pläne vorzustellen. Sie trifft unerwartet auf jemanden, der ihr Geheimnis kennt. Ilses Zukunft steht auf dem Spiel.

Das Dach in dem Haus am Landwehrkanal war immer noch nur notdürftig repariert. Als Ilse wach wurde, lag eine dünne Schneeschicht auf dem Kaninchenfellmantel, den sie zum Schutz vor der Kälte über ihre Bettdecke gezogen hatte. Durch einen Spalt zwischen den Ziegeln konnte sie ein Stück Himmel ausmachen, grau und trostlos, in der Luft hing der Geruch von schlechter Kohle.

Aus der Wohnung unter ihr drang eine laute Männerstimme herauf, die sie auch in der Nacht schon ein paarmal gehört hatte. Bei Tante König war nach wie vor eine Flüchtlingsfamilie einquartiert, die Tante lebte mit nahezu all ihren Habseligkeiten im früheren Elternschlafzimmer. Die rechte Hälfte ihres Bettes war leer, aber Ilse hatte lieber auf dem Feldbett in der schmalen Bodenkammer übernachten wollen als neben der Tante, deren Trauer fast körperlich spürbar war. Und sie war froh, überhaupt ein Quartier gefunden zu haben, nachdem sie ihr Kommen nur mit einer Postkarte ankündigen konnte, weil das Telefon der Königs noch nicht wieder funktionierte.

Ohnehin wollte sie nur für zwei Nächte bleiben, und auf dem Dachboden musste sie nicht auf Fragen antworten, auf die sie keine Antworten kannte. Einzig der Nachttopf, den sie gleich zu dem Klo auf dem Treppenabsatz bringen musste, war ihr unangenehm.

Jetzt lag sie mit offenen Augen und hauchte ihren Atem in die Kälte, als wollte sie den Moment noch hinauszögern, in dem sie mit ihrem Nachthemd im eisigen Wind stand, der hier oben durch alle Ritzen zog. Sie wusste, dass das Wasser in der Waschschüssel gefroren sein würde, und das graue Kostüm, das sie aus der Wehrmachtsuniform ihres Vaters geschneidert hatte, würde kalt und klamm von der Nacht sein. Sie war jetzt froh, dass sie noch daran gedacht hatte, ihre Unterwäsche ordentlich zusammengelegt ans Fußende des Bettes zu schieben, damit sie ein wenig Körperwärme speicherte.

Woher plötzlich die Bilder vor ihren Augen auftauchten, konnte sie hinterher nicht mehr sagen, vielleicht war es die Kälte, die sie selbst unter der Decke frösteln ließ, vielleicht der Hunger, der ihren Magen zusammenzog, vielleicht einfach nur der Schnee auf dem Mantel, der die Erinnerung auslöste. Vielleicht auch der undeutliche Geruch von Zigarettenrauch, der durch irgendein Loch in den Dielenbrettern zu ihr auf den Dachboden stieg. Und die Bilder blieben, auch als sie mit aller Macht versuchte, sich nur auf das zu konzentrieren, was heute vor ihr lag – es half nichts. Plötzlich sah sie sich wieder in der Dunkelheit durch den Wald laufen, meinte, den Schnee unter ihren viel zu dünnen Schuhsohlen zu spüren, die lauten Rufe der russischen Soldaten zu hören …

Tante König hatte den Ofen in der Küche geheizt. Mit dem letzten Holz eines kümmerlichen Straßenbaums vom Landwehrkanal, den die beiden halbwüchsigen Söhne ihrer »Einquartierung« heimlich gefällt und im Keller zersägt hatten.

Es gab auch Brot und ein paar Eier, die die Tante für eine besondere Gelegenheit wie diese gehamstert hatte, nur der Zichorienkaffee schmeckte so scheußlich wie immer. Die Tante hatte viel zu lange niemanden gehabt, mit dem sie über ihr Schicksal reden konnte, jetzt bot Ilses Besuch den Anlass, um all ihren Kummer loszuwerden. Ihre Sätze ergossen sich wie ein Schwall über Ilse, die Mühe hatte, die Zusammenhänge zu verstehen, und kaum mehr tun konnte, als immer wieder zu nicken und beruhigend Tante Königs Hand zu drücken.

Natürlich ging es zunächst um den Onkel, der weit weg in Frankreich noch in den letzten Kriegstagen gefallen war, dann um den furchtbaren Winter 1947, Kälte, Hunger und Verzweiflung, ohne den Schimmer einer Hoffnung. Die Tante erzählte von einem Karrenpferd, das an der Brücke vom Kottbusser Damm zusammengebrochen war, und wie sie und einige Nachbarsfrauen dann in der Nacht das tote Pferd auf offener Straße ausgenommen hatten, bis zu den Ellbogen in den Eingeweiden, um ein paar Stücke Fleisch zu ergattern. Unvermittelt wechselte sie zu den »Rosinenbombern« der Luftbrücke, die auf dem nahe gelegenen Tempelhofer Feld gelandet waren, als die Amerikaner die von den Sowjets eingeschlossene Stadt mit den notwendigen Lebensmitteln und Medikamenten versorgten, und plötzlich war die Rede von einer Gerda, die die Tante auf dem Schwarzmarkt gegen ihren gesamten Schmuck eingetauscht, es dann aber doch nicht übers Herz gebracht hatte, sie zu schlachten. Ilse brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass es sich um die Gans handelte, die schnatternd auf dem Balkon zum Hof hin und her watschelte und nun Tante Königs ganze Familie darstellte.

Als das Gespräch schließlich – auf das Stichwort »Familie« hin – auf Hans kam, endete das Frühstück wie erwartet in Tränen. Das letzte Lebenszeichen, das die Tante von ihrem Sohn erhalten hatte, war eine Ansichtskarte aus Algier gewesen, die paar Sätze, die Hans auf die Rückseite geschrieben hatte, klangen in den Ohren der Mutter wenig ermutigend.

»Ich glaube, er ist zur Fremdenlegion gegangen«, flüsterte sie ein ums andere Mal, während sie sich mit ihrer Schürze die Augen abtupfte. »Zur Fremdenlegion, Ilse, stell dir das vor! Das ist doch nichts für ihn. Hat er deshalb Abitur gemacht und studiert, um jetzt wie ein Tier …« Ihre Stimme brach.

Ilse stand auf und legte ihr den Arm um die Schultern. »Aber er lebt, Tante König! Nur das ist wichtig. Und er wird zurückkommen, da bin ich mir sicher.«

Ilse glaubte selber nicht an ihre Worte, und sie wagte es auch nicht, den Gedanken zuzulassen, was in der Legion mit jemandem geschehen würde, dessen sexuelle Orientierung so ganz eindeutig nicht der Norm entsprach. Hans war schwul, und vielleicht war er gerade deshalb zur Legion gegangen, um sich und allen anderen zu beweisen, dass er doch ein echter Mann war.

Aber er lebte noch, und im Moment war das das Einzige, was zählte.

Immer noch mit Tränen in den Augen half die Tante ihr, das Kostüm zurechtzuzupfen. »Gott, bist du dünn, Kind! Da ist ja gar nichts mehr an dir dran. Und jetzt willst du wirklich den ganzen Weg zu Fuß laufen?«

Ilse verabschiedete sich mit einem Kuss, im Hof kämpften zwei kleine Jungen mit selbst gebastelten Holzschwertern gegeneinander, der eine von ihnen trug trotz der Kälte nur kurze Hosen, seine Knie waren blau gefroren. Ein handgemaltes Schild warnte vor ausgelegten Rattenködern, der Zusatz »Nicht für menschliche Ernährung bestimmt« sagte mehr über die Situation der Bevölkerung aus als jede Lebensmittelkarte, die die Zuteilung regelte.

Ilse hatte sich den Weg auf Tante Königs altem Stadtplan eingeprägt, von Neukölln über den Landwehrkanal und in direkter Linie weiter bis zum Alexanderplatz. Die Straßenzüge waren wie mit der Spitzhacke geschlagene Schluchten zwischen den nur notdürftig wieder hergerichteten Häusern, auf den Trümmergrundstücken lagen immer noch hohe Schutthaufen, die angrenzenden Hauswände hatten Türen, zu denen die Zimmer fehlten, Türen in Wohnungen, die es nicht mehr gab.

An der Heinrich-Heine-Straße passierte sie das große Holzschild mit den wuchtigen Blockbuchstaben: YOU ARE LEAVING THE AMERICAN SECTOR. Englisch. Russisch. Französisch. Ein Unterschied zum Westen der Stadt war kaum zu erkennen. Auch bei den Russen gab es nicht mehr oder weniger Schuttberge, auch hier wirkten die rußgeschwärzten Brandwände wie schlecht verheilte Amputationsnarben in den Straßenzügen, die Menschen, die Ilse begegneten, trugen die gleichen grauen Mäntel, die gleichen grauen Gesichter. Für einen kurzen Moment dachte sie, dass sie vielleicht nicht die Einzige war, die mit einer falschen Identität versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen. Oder überhaupt wieder etwas für sich zu finden, was man als Leben bezeichnen konnte, selbst wenn es bedeutete, niemandem mehr trauen zu können und sich der ständigen Angst bewusst zu sein, dass ein unbedeutender Zufall reichte, um alle Hoffnung zunichtezumachen.

Am Alexanderplatz änderte sich die Szenerie, auf der freien Fläche zwischen den feuerzerfressenen Häuser­skeletten standen jetzt Taxis mit kyrillischen Buchstaben, sowjetische Offiziere verhandelten mit Männern in zerschlissenen Militärjacken. Ein Beinamputierter bot Schnürsenkel an, sein Nachbar Hosenknöpfe und Schuhanzieher. Vor einem zerbombten Laden war ein Zeitungsstand aus alten Kisten, daneben stand ein Junge mit einem Werbeschild vor dem Bauch: KNOPFLOCH-STEPPEREI. WÄSCHE. UNIFORMEN. BEKLEIDUNG.

Ein Jahrmarkt des Elends, dachte Ilse, während sie an der Menschenmenge vorbeieilte, die in langer Schlange vor dem Eingang zum neu gebauten HO-Kaufhaus darauf wartete, mit ihren Berechtigungsscheinen die ersten in der DDR produzierten Waren zu erhalten.

Die beiden Buchstaben »HO« auf dem Flachdach hatten die gleiche Höhe wie das darunterliegende Stockwerk, als wollten sie allein durch ihre Größe von der Fassade ablenken, die so einfallslos war, dass Ilse schnell den Blick abwandte. Wenn das der moderne Baustil war, den man jetzt erwartete, würde sie kaum eine Chance mit ihren Plänen haben.

Ganz anders war dann das Gebäude in der Lothringer Straße, in dem das Zentralkomitee der SED seinen Sitz hatte. Fast unbeschadet von den Bombardements ragten die acht Stockwerke in den verschmutzten Himmel, die beiden Seitenflügel bildeten an der Straßenfront zwei halbrunde Säulen, die den Mittelbau einrahmten, das Dachgeschoss nahm, leicht zurückgesetzt, die gleiche Struktur wieder auf und wirkte durch die doppelt hohen und bis auf den Boden reichenden Fenster nur umso repräsentativer. Auch der rauchgeschwärzte und von Gewehrschüssen zernarbte Rauputz vermochte diesen Eindruck nicht zu mindern.

Die gesamte Fensterfront über dem Eingang war mit einem Banner bespannt: XXXIII. ES LEBE DER 33. JAHRESTAG DER GROSSEN SOZIALISTISCHEN OKTOBERREVOLUTION. Am Geländer der Dachterrasse prangte das Zeichen der SED, das Symbol für die Einheit der Arbeiterbewegung, zwei sich umfassende Hände vor einer roten Fahne.

Noch einmal versuchte Ilse, sich die »Grundsätze des Städtebaus« zu vergegenwärtigen, die von der neuen Regierung beschlossen worden waren und demzufolge auch für die Pläne gelten würden, die Ilse gleich vorstellen wollte: Die Architektur bildet den bestimmenden Kern der Stadt und beherrscht ihre Silhouette. Eine vielgeschossige Bauweise ist wirtschaftlicher als die ein- oder zweigeschossige und entspricht dem Charakter der Großstadt. Die zentrale Aufgabe bei der Stadtplanung ist die Schaffung eines individuellen und einmaligen Antlitzes der Stadt. Die Architektur muss dem Inhalt nach demokratisch und der Form nach national sein …

Was immer das bedeuten sollte! Und warum stand in dieser großspurigen Erklärung nicht ein einziger Satz darüber, dass es doch noch um viel mehr gehen musste – um ein menschenwürdiges Leben für alle, auch für die, die sich keine Villen und großbürgerlichen Wohnungen mit stuckverzierten Zimmerfluchten leisten konnten?

Ein dreirädriger Lieferwagen ratterte vorbei und riss Ilse aus ihren Gedanken. Mit schnellen Schritten überquerte sie den kleinen Verkehrskreisel mit den gusseisernen Straßenlampen.

Als sie die Tür zur Machtzentrale der DDR aufstieß, war sie für einen Moment versucht, auf dem Absatz wieder kehrtzumachen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, sie hatte hier nichts zu suchen, das war alles eine Nummer zu groß für sie. Niemals würde sie eine Chance haben, hier überhaupt vorgelassen zu werden! Und selbst wenn, würde man sie bestenfalls belächeln, eine junge Frau, die sich einbildete, im Kreis der Architekturstars des neuen Staates mitmischen zu können, das erschien ihr selbst plötzlich vermessen und – lächerlich. Hinzu kam, dass sie kaum eine Ahnung hatte, wer in diesem neuen Staat eigentlich welche Funktion bekleidete, sie kannte die Namen, aber mehr auch nicht. Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck waren die Männer, die das Zentralkomitee der SED führten, aber inwieweit hatten sie mit der städtebaulichen Planung des neuen Bezirks zu tun?

Zum ersten Mal kam Ilse der Gedanke, dass sie womöglich gerade dabei war, sich in Zusammenhänge zu begeben, denen sie lieber fernbleiben sollte. Sie hatte sich schon einmal geirrt, und sie hatte sich geschworen, nie wieder etwas mit Politik zu tun haben zu wollen. Aber jetzt war sie auf dem besten Weg, erneut in etwas zu geraten, was sie nicht einschätzen konnte. Die offensive Demonstration von Macht, mit der sie sich plötzlich konfrontiert sah, erinnerte sie fatal an alles, was sie für immer vergessen wollte. Es war Wahnsinn, was sie hier tat. Sie sollte umdrehen und schnellstens zurück nach Mühlhausen fahren. Ihr Vater brauchte sie, nicht die neue DDR. Und ganz bestimmt nicht die Architekten, die hier irgendwo in einem Sitzungssaal hockten und wieder mal eine neue Welt planten.

Aber sie hatte mit ihrer Entscheidung, einfach wieder zu gehen, einen Moment zu lange gewartet. Ein Büro­bote trat auf sie zu, ein junger Mann, jünger als sie selbst, an seinem Kinn glänzte ein rot entzündeter Pickel, und sein Berlinerisch war so breit, dass sie zunächst nur irritiert den Kopf schüttelte, als er sie ansprach.

»Entschuldigung, ich hab mich vertan«, stammelte sie dann hastig, »ich wollte woandershin.«

Aber wahrscheinlich war es die großformatige Zeichenmappe, die sie unter dem Arm trug, mit der sauberen Scriptol-Aufschrift »Architekturbüro Schellhaas, Mühlhausen in Thür.«, die den Boten nach ihrem Arm greifen und sie festhalten ließ.

»Nee, nee, dit is völlig richtich hier. Die Herren Architekten sind im Dachgeschoss oben, ick bring Sie hoch.«

Wie willenlos ließ sie sich von ihm zum Fahrstuhl führen. Schon während er den obersten Knopf drückte, redete er ohne Pause auf sie ein, bemühte sich jetzt allerdings um ein halbwegs verständliches Hochdeutsch.

»Früher war das mal ganz schick hier, da gab es sogar ein Restaurant, und das Jonass war das einzige Kaufhaus, wo man alles auf Raten abzahlen konnte. Geschirr, Kleidung, Möbel, Elektrogeräte, was Sie wollten, alles auf Raten! Aber die Nazis hatten was dagegen, weil der Besitzer Jude war. Der ist gerade noch rechtzeitig nach Amerika rüber, bevor sie ihm den Laden dichtgemacht haben. Die Nazis haben das dann hier für Ausstellungen genutzt, alles Propaganda natürlich! Die waren es auch, die die meisten Verkaufsräume in Büros umgebaut haben, wo später dann die Hitlerjugend rein ist. Aber in dem Aufzug hier hat vielleicht schon der Adolf gestanden, und jetzt Wilhelm Pieck und Grotewohl und der Ulbricht. Det is schon irre, wenn man da mal so drüber nachdenkt.«

Die Fenster, die auf die Dachterrasse hinausgingen, waren lange nicht geputzt worden. Der Blick reichte bis hinüber zur zerbombten Nikolaikirche, das Gelände um den Gendarmenmarkt wirkte wie leer gefegt, eine unwirkliche Mondlandschaft mitten in der Stadt, aus der sich die beiden Kulissen des Deutschen Doms auf der einen und des Französischen Doms auf der anderen Seite wie mahnende Hände erhoben. Oder wie die letzten Zahnstummel im Gebiss eines Skorbutkranken …

Der Bürobote wies Ilse einen Platz zum Warten an. Er zeigte auf eine holzvertäfelte Tür. »Da drinnen sind sie, alle Mann. Machen aber gleich Kaffeepause, dann könnse och rin. Wird n janz jroßes Ding mit die neue Prachtallee, wa?«

Ilse nickte und wartete, bis er wieder im Fahrstuhl verschwunden war, dann lehnte sie ihre Mappe an die Wand und suchte die Toilette. Lange stand sie vor dem Spiegel, als wollte sie erforschen, was im Kopf der jungen Frau, die ihr ernst entgegenblickte, vor sich ging. Sie wurde aus sich selbst nicht schlau. Und sie war so nervös, dass ihre Hände zitterten, als sie sich die Haare kämmte. Aber dann fiel ihr ein Satz ihrer Mutter ein: »Niemand ist so wichtig, wie er tut, Kind. Und glaub mir, wenn du ihnen als Nachtschwester den Schieber bringst, ist nicht mehr viel übrig von ihrer Aufgeblasenheit, dann sind sie alle gleich.«

Ilse drehte den Hahn am Waschbecken auf und ließ das kalte Wasser über ihre Handgelenke laufen, bis sie in der Lage war, sich selbst wieder zuzulächeln. »Kopf hoch, du schaffst das!«

Sie trat einen Schritt zurück, um noch einmal ihre Erscheinung zu überprüfen. Wie immer kam ihr ihre Nase ein wenig zu groß vor. »Die Nase hat sie von den Zigeunern, die hier jedes Jahr durchziehen«, hatte ihr Großvater gerne behauptet, um jedes Mal wie zum Trost für sich selbst hinzuzusetzen: »Aber die Hände, das sind echte Zimmermannshände!« Weder das eine noch das andere hatte Ilse besonders glücklich gemacht, aber mittlerweile war aus dem kleinen Mädchen mit den zu großen Händen eine schlanke junge Frau geworden, mit vollen Lippen und hohen Wangenknochen und mit leicht mandelförmigen Augen, in deren dunklem Braun ein grünlicher Schimmer lag. Wenn sie sich ärgerte oder unzufrieden mit sich selbst war, erschien eine steile Falte zwischen ihren Augenbrauen; wenn sie lächelte, zeichneten sich zwei kleine Grübchen in ihren Mundwinkeln ab. Und an der Nase konnte sie nun mal nichts ändern – wenn man sie nicht im Profil sah, war es auch nicht so deutlich.

Ihre neue Frisur gefiel ihr – mit dem schräg laufenden Scheitel und dem seitlich ausgefransten Pony –, zu der die Friseurin in Mühlhausen sie überredet hatte: »Das trägt man jetzt so, und die Ohren halb frei, mit den Locken nur bis zum Kragen, nicht länger, damit Ihr Gesicht wirklich zur Geltung kommt. Sie haben ein schönes Gesicht, so klar und ausdrucksvoll, da wird manch andere Frau zu Recht neidisch sein.«

Ilse stieß die Luft aus und strich noch einmal über ihr Kostüm; auch wenn es bloß selbst geschneidert war, betonte es doch ihre Figur, den Busen, die Hüften, die langen Beine unter dem eng anliegenden Rock. Sie durfte nur nicht vergessen, die Schultern zurückzunehmen und gerade zu stehen.

»Kopf hoch«, wiederholte sie laut zu ihrem Spiegelbild, »du schaffst das! Und denk vor allem immer daran, dass du nicht Ilse bist. Ilse existiert nicht mehr, du bist jetzt Marga, deine Schwester, vergiss das nicht!«

Als sie zurück auf den Gang kam, hatte die Pause gerade begonnen, die Architekten standen in kleineren Gruppen zusammen, jeweils vier oder fünf Männer, die meisten von ihnen rauchten. Ein Bedienmädchen im schwarzen Kleid und mit weißer Schürze schenkte Kaffee aus. Echten Bohnenkaffee, allein schon für seinen Duft hätte Ilse das Mädchen mit dem silbernen Tablett umarmen können.

Ilse nahm an, dass die Gruppen den verschiedenen Architekturbüros entsprachen, die federführend an der Planung beteiligt waren. Bader, Wendt, Aselmeier waren die wichtigsten, sie hatte sich die Namen gemerkt.

Sie konnte nur zwei Frauen entdecken, eine hielt einen Stenoblock in der Hand und sah ihre Notizen durch, die ältere der beiden hatte die Haare zu einem strengen Dutt hochgesteckt und musterte Ilse argwöhnisch. Sonst nahm niemand Kenntnis von ihr, auch nicht, als sie einen Blick durch die offene Tür in den verwaisten Sitzungssaal warf, dessen Tische mit Bauplänen und hektografierten Blättern bedeckt waren. An der gegenüberliegenden Wand stand das Sperrholzmodell eines Wohnhochhauses, das ihr Interesse weckte, aber sie wagte nicht, alleine quer durch den Raum zu gehen, um es näher zu betrachten. Stattdessen ließ sie sich ihre Tasse erneut füllen und stellte sich mit dem Rücken zu den anderen an eines der Fenster, froh, auf diese Weise wenigstens den Blicken der Frau mit dem Dutt zu entgehen.