Alles aus Liebe - Liane Moriarty - E-Book

Alles aus Liebe E-Book

Liane Moriarty

4,6
7,99 €

Beschreibung

Ellen ist überglücklich, seit sie mit Patrick zusammen ist. Optimistisch blickt sie in eine gemeinsame Zukunft, schmiedet Pläne und träumt von einer eigenen Familie. Auch Patrick ist bis über beide Ohren in Ellen verliebt. Doch über der Beziehung schwebt der Schatten von Patricks verstorbener Ehefrau Colleen. Sie war seine ganz große Liebe. Wie soll Ellen nur gegen die perfekte Erinnerung ankommen? Sie setzt alles daran, Patrick zu halten und ihm die Geborgenheit zu geben, die er braucht. Doch bald stellt sich heraus: Colleen ist nicht die Einzige, die die junge Liebe bedroht...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 693




Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

Liane Moriarty

Alles aus Liebe

Roman

Übersetzung aus dem australischen Englischvon Sylvia Strasser

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der australischen Originalausgabe:

»The Hypnotist’s Love Story«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2011 by Liane Moriarty

Published by arrangement with Macmillan

by Pan Macmillan Australia Pty Limited

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2012 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Margit von Cossart, Bergisch Gladbach

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

Umschlagmotiv: © shutterstock / Natalia van D.

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-1527-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Bei »Hypnose« denkt jeder an schwingende Pendel, an den Satz »Sie werden schläfrig« und an Leute, die in Shows auf der Bühne dazu gebracht werden, wie Hühner zu gackern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele meiner Patienten ziemlich nervös sind, wenn sie das erste Mal zu mir kommen. Aber Hypnose hat nichts Widernatürliches oder Beängstigendes an sich. Es ist sogar sehr gut möglich, dass Sie diesen tranceartigen Zustand aus eigener Erfahrung kennen. Sind Sie jemals eine vertraute Strecke gefahren und konnten sich, als Sie am Ziel angekommen waren, überhaupt nicht an die Fahrt erinnern? Sehen Sie, das kommt daher, dass Sie sich in einer Art Trance befunden haben!

AUS DER INFORMATIONSBROSCHÜRE ELLEN O’FARRELL, PRAXIS FÜR HYPNOTHERAPIE – EINE EINFÜHRUNG

Ich war noch nie hypnotisiert worden. Ehrlich gesagt glaubte ich auch nicht wirklich an Hypnose. Ich hatte vor, einfach dazuliegen und so zu tun, als ob es funktionieren würde – und zu versuchen, nicht zu lachen.

»Die meisten Menschen sind überrascht, wie sehr sie das Hypnotisiertwerden genießen«, sagte die Hypnotiseurin sanft.

Sie trug weder Make-up noch Schmuck. Ihre Haut wirkte so fein und zart und durchscheinend, als ob sie sich ausschließlich mit dem klaren Wasser von Gebirgsbächen wüsche. Sie duftete wie einer dieser überteuerten Kunstgewerbeläden, die in ländlichen Gegenden zu finden sind: nach Sandelholz und Lavendel.

Es war warm in dem winzigen Zimmer, einem ungewöhnlichen Raum, der seitlich ans Haus angebaut war wie ein verglaster Balkon. Der Teppich mit seinen verschossenen rosaroten Rosen hatte schon bessere Zeiten gesehen, aber die Fenster, die vom Fußboden bis zur Decke reichten, waren neu und durchfluteten den Raum mit Licht. Ich hatte das Gefühl, dass eine frische Brise durch meinen Kopf rauschte – es roch tatsächlich nach Meer.

Wir standen nebeneinander ganz nah am Fenster, die Hypnotiseurin und ich. Mit der Nase so dicht an der Scheibe konnte man den Sandstrand unterhalb des Hauses nicht sehen, nur das Meer, das sich bis zur blassblauen Linie des Horizonts erstreckte. »Als ob man auf einem Schiffsbug stünde«, sagte ich zu der Hypnotiseurin. Sie schien sich unbändig über diese Bemerkung zu freuen und riss die Augen weit auf. Ihr gehe es ganz genauso, meinte sie.

Wir setzten uns einander gegenüber, ich in einen Ruhesessel aus weichem grünem Leder, sie in einen rot-beige gestreiften Lehnsessel. Auf einem niedrigen Beistelltisch zwischen uns lag eine Schachtel Papiertaschentücher – wahrscheinlich muss der eine oder andere weinen, wenn er sich an sein früheres Leben als hungernder Bauer erinnert; daneben standen ein Krug eisgekühltes Wasser, auf dem zwei kreisrunde Zitronenscheiben schwammen, sowie zwei hohe Gläser, eine kleine Silberschale mit Konfekt und ein flaches Tablett mit kleinen bunten Glasmurmeln.

Ich besaß einmal eine große, altmodische Murmel, die meinem Vater gehört hatte, als er noch ein kleiner Junge war. Ich hatte sie bei Prüfungen und Bewerbungsgesprächen immer als Glücksbringer in der Hand gehalten. Aber dann, vor ein paar Jahren, habe ich sie verloren und mein Glück mit ihr.

Ich schaute mich um. Das gleißende Licht wurde vom Meer wie von einem Prisma an die Wände zurückgeworfen, was in der Tat eine hypnotisierende Wirkung hatte. Die Hypnotiseurin hatte die Hände im Schoß gefaltet und ihre Füße nebeneinander auf den Boden gestellt. Sie trug flache Ballerinas, schwarze Strümpfe, einen bestickten Rock im Folklorelook und einen cremefarbenen Wickelcardigan – New Age und klassisch zugleich.

Was für ein herrliches, ruhiges Leben du haben musst, dachte ich. Jeden Tag in diesem außergewöhnlichen Zimmer sitzen zu dürfen, in tanzendes Licht gehüllt. Keine E-Mails, die deinen PC-Bildschirm bombardieren, keine erbosten Anrufe, die deinen Kopf überschwemmen. Keine Besprechungen, keine Tabellen.

Ich konnte ihre Zufriedenheit förmlich riechen, Übelkeit erregend wie der Geruch eines billigen Parfüms. Nicht, dass sie jemals ein billiges Parfüm benutzen würde. Ich schmeckte den sauren Geschmack von Neid. Um ihn loszuwerden, nahm ich mir ein Konfekt.

»Oh, gute Idee, ich werde mir auch eins nehmen«, sagte die Hypnotiseurin mit kumpelhafter Herzlichkeit, so als ob wir alte Freundinnen wären.

Sie ist dieser Typ. Sie hat wahrscheinlich eine ganze Schar kichernder, reizender Freundinnen, die immer für sie da sind, die sich zur Begrüßung umarmen und Sex-and-the-City-DVD-Abende veranstalten und lange Telefonate mit viel Gekreische führen, in denen es nur um Männer geht.

Sie klappte das Notizbuch, das in ihrem Schoß lag, auf und fing, den Mund voll mit Schokolade, bewundernswert zu reden an. »Bevor wir anfangen, werde ich Ihnen ein paar Fragen stellen«, sagte sie. »O je, ich hätte mir was anderes nehmen sollen. Das Karamell ist ganz schön klebrig.«

»Was machen Sie beruflich?« »Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?« »Was essen Sie am liebsten?« So viele Fragen hatte ich nicht erwartet. Die meisten beantwortete ich ehrlich. Sie waren ziemlich harmlos. Um nicht zu sagen ein bisschen erbärmlich.

Schließlich lehnte sich die Hypnotiseurin zurück, lächelte und fragte: »Erzählen Sie, was führt Sie zu mir?«

Diese Frage habe ich natürlich nicht hundertprozentig ehrlich beantwortet.

Er sagte: »Ich muss dir etwas sagen.«

Er hatte Messer und Gabel auf den Tellerrand gelegt und sich kerzengerade hingesetzt, so als ob er sich endlich dazu durchgerungen hätte, den Dingen ins Auge zu blicken. Er wirkte bedrückt und ein wenig verlegen.

Ellen spürte sofort, wie ihr Magen sich schmerzhaft verkrampfte. Ein Teil ihres Verstandes registrierte, wie ihr Körper zuerst reagierte. Es war immer wieder faszinierend, dieses Zusammenspiel von Kopf, Körper und Seele in Aktion zu erleben. Ihr glückliches, offenes Lächeln blieb dummerweise auf ihrem Gesicht festgefroren.

Sie war fünfunddreißig. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Dieser nette Mann, dieser selbstständige Vermessungsingenieur, dieser alleinerziehende Vater, der Zelten und Kricket und Countrymusik liebte, war im Begriff, etwas zu sagen, das ihr ihren Barramundi in Weißweinsoße gründlich verderben würde. Er war im Begriff, etwas zu sagen, das ihr den ganzen restlichen Tag verderben würde, und es war ein so schöner Tag gewesen, und der Fisch schmeckte wirklich ganz ausgezeichnet.

Bedauernd legte sie ihre Gabel aus der Hand.

»So? Was denn?«, fragte sie in angenehm verwundertem Ton, während sich jeder Muskel in ihrem Körper anspannte, als mache er sich darauf gefasst, geschlagen zu werden.

Sie würde es schon verkraften. Die Welt würde deswegen nicht untergehen. Das war schließlich erst ihre vierte Verabredung. Sie hatte noch nicht allzu viele Gefühle investiert. Im Grunde kannte sie den Mann kaum. Großer Gott, er war ein Fan von Countrymusik! Das hätte ihr gleich eine Warnung sein sollen. Sicher, sie hatte sich vor dem Essen in der Badewanne ein paar hoffnungsvollen Tagträumen hingegeben, aber diese Gefahr brachte ein Date immer mit sich. Sie dachte bereits voraus, arbeitete an ihrer seelischen Gesundung. Bis Mittwoch würde sie darüber hinweg sein. Donnerstag, spätestens. Gott sei Dank hatte sie nicht mit ihm geschlafen.

Sie hatte keine Kontrolle über das, was passieren würde, nur über ihre eigene Reaktion darauf. Eine Sekunde lang sah sie ihre Mutter vor sich, wie sie vielsagend die Augen verdrehte. Sag mal, Ellen, Schatz, glaubst du diesen simplen Selbsthilfequatsch, den du da von dir gibst, wirklich?

Ja, sie glaubte tatsächlich daran. Felsenfest. Ihre Mutter hatte sich später für ihre Bemerkung entschuldigt. »Ich glaube, das war ein bisschen herablassend«, sagte sie, und Ellen tat, als falle sie ob dieser unerwarteten Entschuldigung gleich in Ohnmacht.

»Äh … Würdest du mich einen Augenblick entschuldigen?« Er stand auf, und seine Serviette rutschte ihm vom Schoß und fiel auf den Boden. Er bückte sich, hob sie mit rotem Kopf auf und legte sie behutsam neben seinen Teller.

Ellen schaute zu ihm auf.

»Ich will nur schnell …« Er machte eine Handbewegung zum hinteren Teil des Restaurants hin.

»Sicher, geh nur«, sagte sie beruhigend.

»Dort hinten links, Sir.« Ein Kellner deutete diskret in die Richtung, in der sich die Toiletten befanden.

Ellen sah ihm nach.

Patrick Scott. Eigentlich gefiel ihr schon sein Name nicht – Patrick. Das klang irgendwie so affig. Das war ein Name für einen Friseur. Seine Freunde nannten ihn anscheinend Scottie, was … na ja, was in Australien unter guten Kumpels absolut akzeptabel war.

Wenn er jetzt Schluss machte, würde es wehtun, keine Frage. Ein kleiner Stich, aber ein schmerzhafter. Patrick Scott war kein außergewöhnlich toller Mann. Er hatte ein gewöhnliches, nettes Gesicht (lang, schmal, Stirnglatze im Anfangsstadium), eine gewöhnliche Figur (mittelgroß, ziemlich breite Schultern – von Natur aus breite Schultern, keine »He-seht-her-ich-trainiere-im-Fitnessstudio«-Schultern), einen gewöhnlichen Beruf, ein gewöhnliches Leben. Das Außergewöhnliche an ihm war nur, dass sie sich praktisch vom ersten Moment an so wohl gefühlt hatte in seiner Gesellschaft, gleich bei ihrem allerersten Treffen in diesem Café, das so unangenehm leer gewesen war.

Sie selbst hatte es vorgeschlagen, und sie war ganz entsetzt gewesen, als sie sah, dass sie praktisch die einzigen Gäste waren. Ihre Stimmen, nervös, wie das bei einem ersten Date meistens der Fall ist, hatten sich unnatürlich laut angehört, und die drei halbwüchsigen, gelangweilten Kellnerinnen hatten herumgestanden und nichts Besseres zu tun gehabt, als ihrer gestelzten Unterhaltung zu lauschen. Während sie auf ihre Cappuccinos warteten, hatte er mit einem kleinen Beutel Zucker gespielt, und als sich ihre Blicke irgendwann trafen, mussten sie beide angesichts dieser peinlichen Situation schmunzeln, und Ellen spürte, wie die Anspannung schlagartig von ihr abfiel, so als hätte sie eine starke Schmerztablette genommen. Es kam ihr so vor, als ob sie diesen Mann bereits kannte, seit Jahren schon gut kannte. Würde sie an ein früheres Leben glauben – und es war keineswegs so, dass sie diese Möglichkeit völlig ausschloss, in ihrer Praxis hatte sie schon alles Erdenkliche erlebt, daher stand sie selbst den absurdesten Möglichkeiten aufgeschlossen gegenüber –, hätte sie gesagt, sie mussten einander schon einmal begegnet sein.

Dieses Gefühl spontaner Sympathie hatte sie schon viele Male mit anderen Frauen erlebt (oh, in puncto Freundschaft mit Frauen war sie ganz groß), aber noch nie mit einem Mann.

Und daher würde es wehtun, wenn dieser nette Vermessungsingenieur namens Patrick Scott, den sie kaum kannte, jetzt mit ihr Schluss machte. Wahrscheinlich würde es ihr mehr als nur einen kleinen Stich versetzen.

Sie dachte an die vielen Hundert oder sogar Tausend Geschichten über Zurückweisung, die sie im Lauf der Jahre von ihren Patienten gehört hatte. »Ich hatte ein Drei-Gänge-Menü für seine Verwandtschaft gekocht, und beim Geschirrspülen teilt er mir mit, dass er mich nicht mehr liebt.« »Wir hatten einen tollen Urlaub auf den Fidschis verbracht, und auf dem Rückflug bestellen wir Champagner, und sie erklärt mir, dass sie ausziehen wird. Champagner! Als ob das ein Grund zum Feiern wäre!«

Oh, der nackte Schmerz auf ihren gequälten Gesichtern, selbst wenn die geschilderten Ereignisse Jahre zurücklagen. Die Zurückweisung durch einen Geliebten / eine Geliebte oder auch nur durch einen potenziellen Geliebten / eine potenzielle Geliebte war ein schwerer Schlag für das Kind in einem. Verlustängste, Erinnerungen an alte Verletzungen, Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass, alles wurde in einem mächtigen, unaufhaltsamen Strom wieder an die Oberfläche gespült.

Ellen versuchte, ihre Situation objektiv zu betrachten, als wäre es die Fallstudie eines Patienten, weil sie hoffte, dadurch Distanz wahren zu können. Es funktionierte nicht.

Natürlich war es möglich, dass sie ganz umsonst in Panik geraten war. Vielleicht hatte Patrick gar nicht die Absicht, sie abzuservieren. Es hatte keinerlei Hinweise darauf gegeben, und sie war sehr gut im Analysieren menschlichen Verhaltens. Schließlich war das ihr Beruf.

Sie sehe einfach hinreißend aus, hatte er gesagt, als er sie abgeholt hatte, und dabei ein so erfreutes Gesicht gemacht, als hätte man ihm ein kostbares Geschenk überreicht. Und er war keineswegs der aalglatte Charmeur, der zwangsläufig wusste, was eine Frau hören wollte. Beim Essen hatte es zwischen ihnen viele Blickkontakte gegeben, einige davon sicher länger, als unbedingt nötig gewesen wäre. Außerdem war ihr aufgefallen, wie oft er sich über den Tisch zu ihr gebeugt hatte. Was natürlich auch daher rühren mochte, dass er ein wenig schwerhörig war; sie wusste aus beruflicher wie aus privater Erfahrung, dass erstaunlich viele Männer nicht gut hörten.

Ihrer beider Körpersprache und ihr Atemrhythmus befanden sich im Einklang, und das nicht etwa, weil sie sich ihm angepasst hätte, zumindest nicht bewusst, wie sie es bei einem Patienten getan hätte. Es hatte weder Augenblicke peinlichen Schweigens noch unbehaglicher Verlegenheit gegeben. Er hatte auf respektvolle Art Interesse an ihrem Beruf gezeigt. Er hatte sie nicht aufgefordert: »Na los, hypnotisier mich! Lass mich gackern wie ein Huhn!« Er grinste nicht verächtlich oder, schlimmer noch, wies sie in leicht herablassendem Ton darauf hin, dass er eigentlich nichts von »alternativen Heilmethoden« hielt. Er sagte nicht: »Braucht man dafür eigentlich eine Ausbildung?« oder: »Kann man damit tatsächlich Geld verdienen?« Er schien keine Angst zu haben. Sie war schon mit Männern ausgegangen, die ernsthaft fürchteten, sie könnte sie ohne ihr Wissen hypnotisieren. Er dagegen schien einfach nur neugierig.

Und außerdem hatte er ihr noch vor wenigen Minuten Fotos von seinem Sohn gezeigt. Von seinem süßen, blonden, achtjährigen Sohn, wie er auf einem Skateboard fuhr, Posaune in einer Schulband spielte, mit seinem Dad angelte. Er hätte ihr doch bestimmt nicht diese Fotos gezeigt, wenn er der Meinung wäre, dass aus ihnen beiden sowieso nichts werden würde.

Es sei denn, diese Erkenntnis wäre ihm schlagartig gekommen. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, wie abrupt er sein Besteck aus der Hand gelegt und dabei über ihre Schulter geschaut hatte, als hätte er irgendwo in der Ferne einen Blick auf eine andere Zukunft erhascht. Er hatte sie sogar mitten im Satz unterbrochen! Sie hatte ihm gerade von einem Patienten erzählt, der von Jennifer Lopez besessen war. Eigentlich war es Michael Jackson, aber Einzelheiten wie diese änderte sie aus Gründen der Schweigepflicht immer ab. Außerdem war die Geschichte lustiger mit Jennifer Lopez.

Er hatte plötzlich so ein trauriges Gesicht gemacht. Selbst wenn er nicht Schluss machen wollte, würde er ihr mit Sicherheit etwas Unerfreuliches oder Unannehmbares mitteilen.

Vielleicht hatte er sie belogen und war gar nicht verwitwet, sondern immer noch verheiratet, aber seine Frau und er schliefen in getrennten Zimmern.

Oder er war gar kein Vermessungsingenieur, sondern ein Gangster. Jetzt würde das FBI sie in die Mangel nehmen und so lange Druck auf sie ausüben, bis sie einwilligte, sich verkabeln zu lassen. Ihre Leiche würde nie gefunden werden. (Sie hatte sich letzten Sommer alle Staffeln von Die Sopranos auf DVD angesehen.)

Oder er war todkrank. Das wäre furchtbar, würde sie aber wenigstens nicht persönlich verletzen.

Was auch immer es sein mochte, sie war sich ziemlich sicher, dass das wonnigliche Gefühl, das sie den ganzen Tag über begleitet hatte, sich in Kürze verflüchtigen würde.

Ellen nahm einen kräftigen Schluck Wein und schaute auf. Patrick war nirgends zu sehen. Du meine Güte, der ließ sich aber Zeit. Hatte er sich Wasser ins Gesicht gespritzt, klammerte er sich jetzt an den Rand des Waschbeckens und starrte schwer atmend sein Spiegelbild an?

Er war auf der Flucht vor der Polizei.

Ellen spürte, wie ihre Atmung sich beschleunigte.

Sie hat mehr Fantasie, als gut für sie ist. Diese Bemerkung hatte Mrs. Pascoe ihr in der siebten Klasse ins Zeugnis geschrieben.

Sie guckte sich um. Die anderen Gäste waren in ihre Gespräche vertieft, Besteck schlug leise klirrend an Teller, gelegentlich erscholl gedämpftes Gelächter. Niemand achtete auf die Frau, die einem leeren Stuhl gegenübersaß.

Hatte sie noch Zeit? War es wirklich nötig?

Ja.

Sie setzte sich gerade hin, legte ebenfalls Messer und Gabel auf den Tellerrand und ihre Hände auf die Oberschenkel. Dann schloss sie die Augen und atmete durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Bei jedem Atemzug stellte sie sich vor, wie ein starkes goldenes Licht, das ihr Energie und Kraft verlieh, in ihren Körper strömte, von den Füßen aufwärts in ihre Beine, ihren Bauch, ihre Arme und zu guter Letzt in ihren Kopf, dann hüllte es sie vollständig ein. Ein goldener Schimmer war alles, was sie hinter geschlossenen Lidern sehen konnte, als ob sie in die untergehende Sonne schaute, und einen Augenblick lang kam es ihr so vor, als schwebte sie ein paar Zentimeter über dem Boden.

Es ist alles in Ordnung. Egal, was er zu mir sagen wird, es wird mich nicht in meinem Innersten treffen. Ich werde damit umgehen können. Ich zähle jetzt bis drei: eins… zwei…

Als sie die Augen wieder aufschlug, fühlte sie sich frisch und energiegeladen. Verstohlen schaute sie sich um. Niemand starrte zu ihr her. Sie wusste natürlich, dass sie nicht wirklich über ihrem Stuhl geschwebt und dabei wie eine Glühbirne geleuchtet hatte, aber manchmal waren diese Empfindungen so realistisch, dass sie nicht glauben konnte, nichts davon habe sich irgendwie sinnlich wahrnehmbar manifestiert.

Selbsthypnose war etwas Wundervolles. Ellen konnte es ihren Schülern oder Patienten immer ansehen, wenn sie die Technik begriffen und zum ersten Mal erfolgreich angewandt hatten. Die Macht ihres Verstandes machte sie buchstäblich sprachlos. Als sie sich selbst das allererste Mal in diesen scheinbaren Schwebezustand versetzt hatte, war es, als hätte sie herausgefunden, dass sie fliegen konnte. Sie dachte oft, das Drogenproblem wäre mit einem Schlag gelöst, wenn sie den jungen Leuten nur Selbsthypnose beibringen könnte.

Patrick war noch immer nicht zurück. Ellen blickte auf ihren vollen Teller. Eigentlich schade drum. Aber wieso sollte sie das Essen nicht genießen? Sie nahm ihre Gabel wieder auf. Ein vorbeischwebender Kellner blieb stehen und schenkte ihr nach. Guter Wein, guter Fisch. Zu dumm, dass sie kein Buch mitgenommen hatte.

Sie dachte über ihren Tag nach.

Bis zu dem Augenblick, als Patrick Messer und Gabel beiseitegelegt hatte, war es perfekt gewesen, einfach wunderschön. Ellen hatte tief und traumlos zum Trommeln des Regens auf ihrem Dach geschlafen und war spät am Morgen vom Sonnenschein auf ihrem Gesicht geweckt worden. Das Erste, was sie sah, als sie die Augen aufschlug, war der Zweig, den sie an der Decke aufgehängt hatte. Er sollte sie immer an das buddhistische Sutra der Achtsamkeit erinnern. Dann hatte sie dreimal langsam ein- und wieder ausgeatmet und dabei die ganze Zeit die Lippen zu einem angedeuteten Lächeln verzogen.

Sie wünschte, sie hätte ihrer Freundin Julia nie davon erzählt. Julia hatte sie um eine Kostprobe dieses angedeuteten Lächelns gebeten. Als Ellen sich nach langem Bitten endlich dazu bereit erklärte, hatte sich Julia geschlagene zehn Minuten lang die Seiten gehalten vor Lachen.

Die Fensterscheiben hatten sich eiskalt angefühlt, als Ellen aufgestanden war, aber die neue Gasheizung, die ihre Großeltern noch kurz vor ihrem Tod hatten einbauen lassen – dank Großtante Marys Lottogewinn –, sorgte rasch für wohlige Wärme im ganzen Haus. Sie aß Haferbrei mit Rohrzucker zum Frühstück und hörte dabei die Nachrichten auf ABC, die schon einmal schlechter gewesen waren: Die Grippepandemie der letzten Wochen war vermutlich gar keine Pandemie (ihre Mutter, Ärztin von Beruf, hatte das schon die ganze Zeit behauptet), ein vermisstes Kleinkind war wohlbehalten wieder aufgetaucht, bei dem vermeintlichen Bandenkrieg mit Todesopfern handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Familientragödie, der jüngste Politskandal war verebbt, auf den Straßen gab es keine nennenswerten Behinderungen, der Tag würde schwach windig werden, mit Wind aus südwestlichen Richtungen. Es hatte den Anschein, als wäre die Welt ausnahmsweise einmal äußerst überschaubar.

Nach dem Frühstück hatte sich Ellen zu einem Strandspaziergang aufgerafft, von dem sie gut gelaunt und windzerzaust und mit einem salzigen Geschmack auf den Lippen zurückkam.

Sie hatte vier Patienten an diesem Tag. Ein Mann, der seine Flugangst überwinden wollte, damit er und seine Frau ihre Rubinhochzeit in Frankreich feiern konnten, war das letzte Mal zu ihr gekommen. Er hatte sich mit einem kräftigen Händedruck und dem Versprechen, Ellen eine Ansichtskarte aus Paris zu schicken, von ihr verabschiedet. Sie hatte außerdem zwei neue Patienten gehabt, und sie liebte es, neue Patienten kennenzulernen. Die eine Patientin war eine Frau, die seit vier Jahren an rätselhaften Schmerzen im Bein litt und bereits zahllose Ärzte, Physiotherapeuten und Chiropraktiker aufgesucht hatte, aber keiner hatte ihr helfen können, alle waren mit ihrem Latein am Ende. Die andere hatte ihrem Verlobten versprochen, bis zur Hochzeit das Rauchen aufzugeben. Beide Sitzungen waren gut gelaufen.

Ihre letzte Patientin an diesem Tag würde Ellen vermutlich nicht auf die Liste ihrer erfolgreich therapierten Patienten setzen können. Sie verstand nicht so recht, was Mary-Kate eigentlich von der Hypnotherapie erwartete, aber die Frau weigerte sich, an jemand anderen überwiesen zu werden, und bestand darauf, die Therapie fortzusetzen. Ellen hatte sich für diesen Tag nichts Kompliziertes vorgenommen, sondern machte lediglich einige Entspannungsübungen mit ihr. »Seelenmassage« nannte sie das. Ihre Seele fühle sich genauso an wie vorher, vielen Dank, meinte Mary-Kate danach, aber das war typisch für sie.

Als Mary-Kate gegangen war, hatte Ellen im ganzen Haus geputzt, aber da und dort etwas herumliegen lassen, damit es nicht zu sauber und aufgeräumt aussah, sondern eher so, als wäre sie von Natur aus ein ordentlicher Mensch. Sie hatte überlegt, ob sie ein paar von den buddhistischen Sprüchen, die auf blasslila Haftnotizzetteln überall hingen, abnehmen sollte. Jon, ihr Exfreund, hatte sich immer darüber lustig gemacht. Er stand zum Beispiel am Kühlschrank und las die Zitate laut und mit Blödelstimme vor. Aber ihr wahres Ich zu verbergen war nicht unbedingt der beste Weg, eine potenzielle neue Beziehung zu beginnen, oder?

Sie hatte auch ihr Bett frisch bezogen, mit der schönsten Bettwäsche, die sie im Schrank hatte. Es dürfte an der Zeit sein, mit ihm zu schlafen, hatte sie gedacht. Sicher, das war nüchtern und unpoetisch, aber so war das nun einmal, wenn man jenseits der dreißig war. Die Zeit des Blumen- und Herzenschenkens war vorbei. Sie waren keine sechzehn mehr. Und religiös waren sie auch nicht. Sie hatten sich im Internet kennengelernt, über ein Partnerportal. Sie hatten alles offengelegt, es war von vornherein alles klar. So wünschten sie sich beide eine langfristige Beziehung – sowohl Ellen als auch Patrick hatte die entsprechenden Kästchen angekreuzt.

Geküsst hatten sie sich schon ein paarmal (und es war schön gewesen), aber jetzt war es an der Zeit für Sex. Ellen war seit einem knappen Jahr solo, und dabei liebte sie Sex. Manche Männer reagierten erstaunt darauf. Sie stellten sich Ellen anfangs als vergeistigtes Wesen voll süßer Unschuld vor, was ihr nichts ausmachte, im Gegenteil, sie bestärkte sie sogar ein bisschen in dem Glauben. Doch dieses Bild von ihr war nicht ganz korrekt. Sie liebte auch Horrorfilme und Kaffee und halbblutige Steaks. Viele Leute waren davon überzeugt, dass sie Vegetarierin war, ja sie dachten, dass sie eine Kräutertee trinkende Vegetarierin sein sollte, und gingen sogar so weit, bei Einladungen spezielle Speisen für sie zuzubereiten und dann zu behaupten, sie könnten sich ganz genau daran erinnern, dass sie gesagt habe, sie esse kein Fleisch.

Sie hatte sich Zeit genommen für ihre Vorbereitungen für diesen Abend. Als Erstes ein langes, dampfendes Bad mit einem Glas Wein und einer CD von Violent Femmes. Die durchdringenden Stimmen und aggressiven Instrumentalklänge unterschieden sich so dramatisch vom sanften Säuseln der Entspannungs-CDs, die den ganzen Tag in ihrer Praxis liefen, dass sie wie eine eiskalte Dusche auf Ellen wirkten. Violent Femmes ließ Erinnerungen an die Achtzigerjahre und an ihre vor Hormonen und Hoffnungen strotzende Teenagerzeit Anfang der Neunziger wach werden.

Als Patrick an ihre Tür klopfte, befand sie sich in einer solchen Hochstimmung, dass ihr unwillkürlich ein bisschen Angst wurde, und ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Das wird ein böses Erwachen geben.

Aber sie hatte diesen Gedanken verscheucht. Und jetzt das … »Ich muss dir etwas sagen.«

Ellen legte ihre Gabel erneut aus der Hand. Wo blieb der Mann bloß so lange? Sie bemerkte, dass einer der Kellner ihr einen verstohlenen Blick zuwarf, so als überlegte er, ob er ihr seine Hilfe anbieten sollte.

Sie schaute auf Patricks halb aufgegessene Mahlzeit. Er hatte den Schweinebauch bestellt. Wie kann man nur, hatte sie gedacht, aber sie kannte ihn noch nicht lange genug, um ihn damit aufzuziehen. Schweinebauch! Das hörte sich schon so widerlich an, und jetzt lag das Ding wie ein Klumpen kaltes, erstarrendes Fett auf seinem Teller.

Falls er sich ausschließlich von so ungesunden Sachen ernährte, die die Arterien verstopften, hatte er vielleicht in der Toilette einen tödlichen Herzanfall erlitten. Ellen überlegte, ob sie den besorgt dreinblickenden Kellner bitten sollte, nachzusehen. Aber wenn Patrick nun der Schweinebauch nicht bekommen war und er sich übergeben musste? Dann wäre es ihm garantiert peinlich, vom Kellner dabei überrascht zu werden. Na ja, ihr wäre es garantiert peinlich. Ein Mann sah das vielleicht anders.

Sie war entschieden zu alt für diese Ängste, die mit ersten Verabredungen verbunden waren. Sie sollte zu Hause sitzen und Kuchen backen oder was auch immer Mütter abends taten.

Ellen schaute auf, und da war er endlich. Er ging auf sie zu. Er wirkte aufgewühlt, so als hätte er gerade einen kleinen Autounfall gehabt, und gleichzeitig peinlich berührt. Das Spiel ist aus, schien sein Gesichtsausdruck zu besagen, als wäre er bei einem Banküberfall erwischt worden und würde mit erhobenen Händen abgeführt werden.

Er setzte sich, breitete die Serviette über seinem Schoß aus und griff zu Messer und Gabel. Einen Augenblick starrte er den Schweinebauch an, seufzte dann und legte sein Besteck wieder beiseite.

»Du denkst wahrscheinlich, ich bin nicht ganz dicht«, sagte er.

»Na ja, ich würde schon gern wissen, was los ist«, erwiderte Ellen im leutseligen Ton einer Frau mittleren Alters.

»Ich hatte gehofft, ich würde es dir erst später sagen müssen, wenn wir … Aber dann ist mir klar geworden, dass ich nicht länger warten kann.«

»Immer mit der Ruhe.« Im gleichen geduldigen, leicht singenden Tonfall sprach Ellen mit ihren Patienten. »Ich werde schon damit klarkommen, was es auch sein mag.«

»Es ist nichts Schlimmes«, entgegnete Patrick hastig. »Im Grunde ist es nur peinlich. Es ist … Ich will nicht lange drum herumreden, deshalb sage ich es einfach, wie es ist.« Er verstummte und grinste dümmlich. »Ich habe eine Stalkerin.«

Einen Moment lang war Ellen nicht ganz klar, was er damit meinte. Sie drehte die Worte im Geist hin und her, als müsste sie sie aus einer fremden Sprache übersetzen.

Ich habe eine Stalkerin.

Schließlich sagte sie: »Du wirst von einer Stalkerin bedrängt?«

»Sie stellt mir schon seit gut drei Jahren nach. Meine Exfreundin. Manchmal verschwindet sie eine Zeit lang von der Bildfläche, nur um sich dann umso hartnäckiger wieder in mein Leben zu drängen.«

Ellen verspürte grenzenlose Erleichterung. Jetzt, wo sie wusste, dass er nicht die Absicht hatte, sie abzuservieren, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn mochte, wie sehr sie hoffte, dass es mit ihnen beiden funktionieren würde, und dass sie beim Wimperntuschen tatsächlich gedacht hatte: Ich könnte mich in ihn verlieben. Patrick war der Grund für ihre euphorische Stimmung den ganzen Tag über. Er und nicht das Wetter oder ihr süßer Haferbrei oder die neue Gasheizung oder die Morgennachrichten.

Von einer Exfreundin gestalkt zu werden? Wunderbar!

Das war spannend.

Andererseits, wenn sie darüber nachdachte, was Stalking bedeutete …

Briefe aus Buchstaben, die aus Zeitungen und Illustrierten ausgeschnitten worden waren. Mit Blut an Wände geschriebene Botschaften. Verrückte Fans, die die Häuser von Prominenten belagerten. Gewalttätige Männer, die ihre Exfrauen niederschossen.

Aber wer stellte schon einem Vermessungsingenieur nach? Selbst wenn dieser ein besonders bezauberndes Kinn hatte?

»Wie muss ich mir dieses Stalking vorstellen?«, fragte Ellen. »Ist die Frau gewalttätig?«

»Nein.« Patrick machte ein Gesicht, als würde er gezwungen, eine Reihe äußerst intimer medizinischer Fragen zu beantworten. »Sie hat mich nie körperlich attackiert. Gelegentlich brüllt sie mich an. Wird ausfallend. Sie ruft mich mitten in der Nacht an, schickt Briefe, E-Mails, SMS-Nachrichten. Meistens ist sie einfach nur da, wo ich bin.«

»Du meinst, sie verfolgt dich?«

»Ja. Überallhin.«

»Du meine Güte, das muss ja furchtbar sein!« Da war sie wieder, diese Frau mittleren Alters. »Warst du schon bei der Polizei?«

Er rutschte sichtlich unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. »Ja. Ein Mal. Ich habe mit einer Beamtin gesprochen, aber ich weiß nicht, ob sie … Ich meine, sie hat all die richtigen Dinge gesagt, aber ich bin mir wie ein Trottel vorgekommen, wie ein Weichei. Sie hat mir vorgeschlagen, ein Tagebuch über die Vorfälle zu führen, alles genau festzuhalten, und das habe ich gemacht. Sie meinte auch, ich könne eine einstweilige Verfügung erwirken. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, aber als ich meiner Ex erzählte, dass ich bei der Polizei war, sagte sie, wenn ich weitere Schritte gegen sie unternähme, würde sie der Polizei erzählen, dass ich sie belästige und dass ich sie auch schon geschlagen hätte. Na ja, ich bin der Mann, wem werden sie da wohl glauben? Ihr natürlich. Also habe ich einen Rückzieher gemacht. Ich hoffe immer noch, dass sie irgendwann damit aufhört. Und unterdessen vergeht ein Jahr nach dem anderen. Ich kann nicht glauben, dass sich diese Geschichte jetzt schon so lange hinzieht.«

»Das ist bestimmt ganz schön …« Beängstigend hatte Ellen sagen wollen, fürchtete aber, sein zartes Ego damit zu verletzen. Das Ego eines Mannes war ihrer Meinung nach so zerbrechlich wie eine Eierschale. So sagte sie stattdessen: »… stressig.« Es gelang ihr nicht ganz, den freudigen Unterton in ihrer Stimme zu unterdrücken.

»Anfangs hat es mir gewaltig zu schaffen gemacht«, gab Patrick zu. »Inzwischen habe ich es irgendwie akzeptiert. Gestalkt zu werden gehört sozusagen zu meinem Leben. Aber es stellt eine massive Belastung für neue Beziehungen dar. Manche Frauen geraten regelrecht in Panik. Einige sagen am Anfang zwar, es mache ihnen nichts aus, sie kämen schon damit klar, aber dann können sie doch nicht damit umgehen.«

»Ich schon, ich schaffe das«, sagte Ellen schnell, als handle es sich um ein Vorstellungsgespräch, bei dem sie beweisen wollte, dass sie den Anforderungen gewachsen war. Sooft ihr ein Mann von den Fehlern seiner früheren Freundinnen erzählte, wurde in ihr der peinliche Drang geweckt, darauf hinzuweisen, dass sie diese Fehler bestimmt nicht machte.

Verlegen griff sie nach ihrem Glas und nahm einen kräftigen Schluck Wein. Sie hatte sich gerade eben in die Karten schauen lassen. Im Grunde hatte sie nichts anderes gesagt als: Ich wünsche mir eine Beziehung mit dir.

Sie starrte angestrengt mit gerunzelter Stirn in ihr Glas. Als sie nach einer ganzen Weile wieder aufblickte, sah sie, dass Patrick lächelte, ein strahlendes Lächeln ungetrübter Freude, das seine Augenwinkel in kleine Fältchen zerknitterte. Er langte über den Tisch und ergriff ihre Hand.

»Das hoffe ich«, sagte er. »Ich habe nämlich ein wirklich gutes Gefühl dabei. Das mit uns, meine ich. Die Vorstellung von uns beiden.«

»Die Vorstellung von uns beiden«, wiederholte Ellen.

Sie ließ die Worte genüsslich auf der Zunge zergehen und schwelgte im beseligenden Gefühl seiner Berührung. So ein Unsinn, dass man jenseits der dreißig in puncto Beziehungen pragmatisch und abgestumpft wurde! Die Berührung seiner Hand überschwemmte ihre Blutbahnen mit Endorphinen. Sie kannte die wissenschaftlichen Erklärungen für das Phänomen Liebe, sie wusste, dass in diesem Moment Glückshormone oder »Liebeschemikalien« (Noradrenalin, Serotonin und Dopamin) in ihrem Gehirn freigesetzt wurden, doch deswegen war sie nicht weniger empfänglich dafür als jeder andere.

Schön, jetzt hatten sie beide ihre Karten auf den Tisch gelegt.

»Warum hast du mir gerade heute Abend davon erzählt?«, fragte Ellen. Er malte mit dem Daumen kleine Kreise auf ihre Handfläche. Ellen musste an einen alten Kindervers denken: Dreh dich, kleiner Kreisel, dreh dich immerzu… »Von deiner Stalkerin, meine ich.«

Sein Daumen hielt abrupt inne. »Ich habe sie gesehen.«

»Was?« Ellens Blicke huschten suchend durch das Restaurant. »Du meinst, hier?«

Patrick nickte. »Sie hat an einem Tisch am Fenster gesessen.« Er deutete mit dem Kinn über Ellens Schulter. Als Ellen sich umdrehen wollte, sagte er: »Keine Sorge, sie ist fort.«

»Was hat sie gemacht? Uns nur beobachtet?«

Ellen spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sie wusste nicht so recht, was sie fühlte. Angst und vielleicht eine Spur prickelnde Erregung.

»Sie hat eine SMS geschrieben«, antwortete Patrick matt.

»An dich?«

»Vermutlich. Ich hab mein Handy ausgeschaltet.«

»Willst du die Nachricht nicht lesen?«, fragte Ellen, weil sie die Nachricht lesen wollte.

»Nicht unbedingt«, erwiderte er. »Eigentlich überhaupt nicht.«

»Wann ist sie gegangen?« Hätte Ellen es früher gewusst, hätte sie die Frau vielleicht sehen können.

»Sie ist mir gefolgt, als ich zur Toilette ging. Wir haben im Gang ein paar Worte gewechselt. Deshalb hat es so lange gedauert. Sie hat gesagt, dass sie geht, und das hat sie Gott sei Dank auch gemacht.«

Dann musste sie direkt an ihrem Tisch vorbeigekommen sein! Ellen durchforschte ihr Gedächtnis auf der Suche nach einer Frau, die an ihr vorbeigegangen war, konnte sich jedoch nicht erinnern. Wahrscheinlich hatte sie gerade die Augen zugehabt für ihre Selbsthypnose. Verdammt!

»Was hat sie gesagt? War es ihr nicht peinlich?«

»Sie tut jedes Mal so, als ob wir uns rein zufällig begegnet wären. Erbärmlich! Irgendwie erwartet man, dass sie wie eine Verrückte aussieht, mit wirren Haaren und abgerissener Kleidung und so, aber sie sieht ganz normal aus, gefasst und diszipliniert. Manchmal zweifle ich an mir selbst, als würde ich mir das alles nur einbilden. Sie ist eine erfolgreiche Karrierefrau. Eine angesehene Karrierefrau. Kaum zu glauben, oder? Was ihre Kollegen wohl sagen würden, wenn sie wüssten, was sie in ihrer Freizeit tut. Egal. Wollen wir nicht über etwas Erfreulicheres reden? Wie war der Fisch?«

Machst du Witze?, dachte Ellen. Es gab nichts, über das sie lieber reden wollte. Sie interessierte sich für jede Einzelheit. Sie wollte verstehen, was im Kopf dieser Frau vor sich ging. Normalerweise konnte sie sich mühelos in eine Frau hineinversetzen. Sie kam gut mit Frauen klar. Sie mochte Frauen. Es waren die Männer, die ihr oft ein Rätsel waren. Aber den Exfreund drei Jahre lang verfolgen und belästigen? War sie eine Psychopathin? Liebte sie ihn immer noch? Wie rechtfertigte sie ihr Verhalten vor sich selbst?

»Der Fisch war ganz vorzüglich«, antwortete Ellen.

Sie gierte förmlich nach weiteren Informationen, aber sie beherrschte sich. Ihre Neugier schien ihr unangebracht. Immerhin litt der Mann unter der Situation. Sie interessierte sich brennend für das Leben anderer Menschen, und sie wusste, dass diese schier unstillbare Neugier eine ihrer Schwächen war.

»Wer kümmert sich heute Abend eigentlich um deinen Sohn?«, fragte sie dann, um Patrick zuliebe das Thema zu wechseln.

»Meine Mutter.« Patricks Züge entspannten sich. »Jack liebt seine Granny über alles.«

Er blinzelte, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und sagte: »Da fällt mir ein, ich hab ihm versprochen, ihn anzurufen und ihm Gute Nacht zu sagen. Es ging ihm vorhin nicht so gut. Darf ich?« Er zog sein Handy aus seiner Jackentasche.

»Aber natürlich.«

»Normalerweise ruf ich ihn nicht an, wenn ich ausgehe«, fügte er hinzu und schaltete sein Telefon ein. »Ich meine, er ist schon ziemlich selbstständig. Er kann gut auf sich allein aufpassen.«

»Ich versteh schon. Kein Problem.«

»Aber er hat eine wirklich schlimme Erkältung gehabt, die ihm auf die Brust geschlagen ist. Er muss Antibiotika nehmen.«

»Schon in Ordnung. Das ist wirklich kein Problem.« Ellen wollte hören, wie er mit seinem kleinen Jungen sprach.

Patricks Telefon fing an zu piepsen und hörte nicht mehr auf. Er verzog das Gesicht. »Lauter Textnachrichten.«

»Von deiner … Stalkerin?« Ellen bemühte sich, nicht allzu aufdringlich auf das piepsende Handy zu starren.

Er warf einen prüfenden Blick auf das Display. »Ja. Normalerweise lese ich sie gar nicht erst, sondern lösche sie gleich.«

»Klar.« Ellen konnte sich nicht bremsen. »Weil sie so widerwärtig sind?«

»Manchmal, ja. Meistens sind sie einfach nur erbärmlich.«

Sie beobachtete sein Gesicht, während er mit dem Daumen verschiedene Tasten drückte und die Textnachrichten las. Er lächelte spöttisch, als ob er sich ein hässliches Wortgefecht mit einem Gegner lieferte. Er verdrehte die Augen, nagte am äußeren Rand seiner Unterlippe.

»Willst du sie lesen?« Patrick hielt ihr sein Handy hin.

»Warum nicht?«, entgegnete Ellen leichthin. Sie beugte sich vor und las, während er die Textnachrichten über das Display scrollte.

Das ist ja lustig, dass ich dich hier sehe! Ich sitze an einem Tisch am Fenster.

Du siehst toll aus in dem Hemd.

Du hast den Schweinebauch bestellt? Was hast du dir bloß dabei gedacht?

Sie ist hübsch. Ihr seid ein schönes Paar. S.

Ellen zuckte zurück.

»Entschuldige«, sagte Patrick. »Die hätte ich dir nicht zeigen sollen. Aber ich versichere dir, du bist nicht … wie soll ich sagen … irgendwie in Gefahr.«

»Nein, nein, schon gut.« Sie nickte zu seinem Handy hin. »Mach weiter.«

Hat mich gefreut, dass ich dich heute Abend gesehen habe. Demnächst auf einen Kaffee?

Ich liebe dich. Ich hasse dich. Ich liebe dich. Ich hasse dich. Nein, ich hasse dich ganz entschieden.

Ellen setzte sich wieder gerade hin.

»Was ist deine professionelle Meinung dazu?«, fragte Patrick. »Eindeutig verrückt, oder? Ich meine, diese Beziehung endete vor drei Jahren.«

»Wie lange wart ihr zusammen?«

»Zwei Jahre. Na ja, eigentlich drei. Nach dem Tod meiner Frau war sie meine erste feste Beziehung.«

Ellen hätte gern nach dem Grund für die Trennung gefragt, doch stattdessen sagte sie: »Warum änderst du nicht einfach deine Telefonnummer?«

»Ich habe sie schon x-mal geändert, aber das ist zwecklos. Außerdem bin ich selbstständig, ich muss erreichbar sein. Hey, ich ruf nur schnell meinen Sohn an, okay?«

Ellen schaute zu, wie er eine Nummer wählte und das Handy dann ans Ohr hielt.

»Hallo, Kumpel, ich bin’s. Wie geht’s dir? … Was ich gegessen habe? Oh, Schweinebauch.« Er blickte bedrückt auf seinen Teller. »Nein, war nicht besonders. … Und bei dir? Alles in Ordnung? Geht’s dir besser? Hast du deine Antibiotika genommen? Was macht Granny? … Wirklich? Das ist gut. … Ja. … In Ordnung. … Aber beeil dich, ja?« Er lauschte. Als sein und Ellens Blick sich trafen, zwinkerte er ihr zu.

»Im Ernst? Okay, das ist … Genau. … Ein Vulkan? Mit dem Fallschirm? Du meine Güte!«

Während er seinem Sohn zuhörte, trommelte er mit den Fingern auf der Tischdecke. Ellen betrachtete seine Hand. Es war eine schöne Hand. Große, ganz gerade geschnittene Nägel.

»Okay, Kumpel, ich glaube, du musst mir den Rest morgen erzählen, sonst wäre das sehr unhöflich meiner … Bekannten gegenüber. … Okay. Wir sehen uns dann morgen. … Waffeln, natürlich. … Auf jeden Fall. Schlaf gut, Kleiner. Hab dich lieb.«

Er beendete das Gespräch, schaltete das Handy aus und steckte es in seine Tasche zurück. Er sah Ellen an.

»Entschuldige. Er wollte mir den Film, den er sich angesehen hat, bis ins kleinste Detail erzählen. Das hat er von mir, fürchte ich.«

»Tatsächlich?«

Ein intensives Glücksgefühl schoss Ellen in den Hinterkopf. Sie fand es wunderbar, wie er mit seinem Sohn redete, so locker und lustig und männlich und liebevoll. Sie fand es wunderbar, dass sie morgen früh Waffeln zum Frühstück essen wollten. Sie liebte Waffeln! Sie fand es wunderbar, wie unbefangen er »Hab dich lieb« gesagt hatte.

Ein Kellner kam und räumte den Tisch ab. Die Teller auf dem Unterarm balancierend, fragte er: »Hat Ihnen der Schweinebauch nicht geschmeckt, Sir?«

»Doch.« Patrick lächelte zu ihm auf. »Ich war nur nicht so hungrig, wie ich gedacht hatte.«

»Darf ich Ihnen die Dessertkarte bringen? Oder einen Kaffee?«

Patrick sah Ellen an und hob fragend die Augenbrauen.

»Nein, vielen Dank«, sagte sie.

»Dann die Rechnung, bitte«, sagte Patrick zum Ober.

Ellen blickte auf ihre Armbanduhr. Erst zehn Uhr. »Ich habe eine Schachtel feines Konfekt zu Hause. Wenn du auf eine Tasse Kaffee mit zu mir kommen möchtest? Falls du noch Zeit hast.«

»O ja, die habe ich«, erwiderte Patrick, und ihre Blicke trafen sich.

Natürlich vergeudeten sie keine Zeit mit Kaffee und Konfekt. Als sie sich zum ersten Mal in dem frisch bezogenen Bett liebten, prasselte plötzlich ein kräftiger Regenschauer auf das Dach, und Ellen dachte einen Moment lang an Patricks Stalkerin. Sie fragte sich, wo sie jetzt wohl sein mochte, und stellte sich vor, wie sie unter einer Straßenlaterne im strömenden Regen stand und die Regentropfen ungerührt über ihr blasses, gequältes (wunderschönes?) Gesicht rannen. Doch dann verdrängten die tausend spannenden Empfindungen, die ein neuer Liebhaber heraufbeschwört, jeden anderen Gedanken, und Patricks Stalkerin war vergessen.

2

In meinem Alter sind die meisten Freunde in langjährigen festen Beziehungen, und in meinem Beruf bietet sich kaum Gelegenheit, einen potenziellen neuen Partner kennenzulernen. Ich glaube, ich sehe das Portal einfach als unterhaltsame Art, neue Bekanntschaften zu schließen. Ich bin zwar eine Romantikerin, aber ich bin nicht wirklichkeitsfremd.

AUS DEM PARTNERPORTAL-BENUTZERPROFIL DES BENUTZERNAMENS ELLEN68

Am anderen Morgen machte Ellen sich in aller Frühe zu einem Strandspaziergang auf. Sie hatte ihre Hose bis zu den Knien aufgekrempelt, sodass ihre nackten Füße von den Wellen umspült wurden. Sie dachte an Patrick (sie liebte diesen Namen, er hatte überhaupt nichts Affiges an sich!) und an die vergangene Nacht.

Sie dachte an seinen Sohn. (So süß!)

An seine verrückte Exfreundin. (Aufregend! Vielleicht auch ein bisschen beängstigend? Sie war sich nicht sicher.)

An seinen Körper. Großer Gott, hatte sie gedacht, wie die in Ohnmacht sinkende Heldin eines vor zweihundert Jahren spielenden Liebesromans, als er sein unauffälliges, gestreiftes Anzughemd aufknöpfte. Der bloße Gedanke an seine Brust versetzte ihr einen elektrisierenden Schlag brennenden Verlangens, und sie berührte ihre Lippen, die ganz empfindlich waren vom vielen Küssen.

Patrick war Punkt Mitternacht gegangen. Wie Aschenputtel. Seine Mutter übernachte zwar im Gästezimmer, hatte er gesagt, aber es komme ihm immer so vor, als würde er ihre Hilfsbereitschaft ausnutzen, wenn er zu lange wegblieb.

»Ich hasse das«, hatte er gemeint, als er sein Hemd über seiner muskulösen Neandertalerbrust zuknöpfte, »aber falls wir, na ja, du weißt schon … dann kann ich ihr sagen, dass ich über Nacht wegbleibe.«

»Schon gut«, hatte Ellen mit schläfrig belegter Stimme gemurmelt.

Sie war froh, dass er ging. Ihr war es lieber, allein im Bett liegen und an ihn denken zu können, als am anderen Morgen neben ihm aufzuwachen und sich um den Anblick, den sie ihm im verschlafenen Zustand bot, sorgen zu müssen.

»Ich ruf dich an«, hatte er ihr zum Abschied versprochen.

Um sechs Uhr morgens hatte ihr piepsendes Handy ihr den Eingang einer Textnachricht gemeldet.

Wann darf ich dich wiedersehen? Ich glaube, du hast mich hypnotisiert!

Schauderhaft, aber sooo süß!

Es hatte also ganz den Anschein, als bahne sich etwas an. Sie stand am Anfang von etwas Neuem. Da wären wir also wieder. Sie zog die salzige Luft ein und spürte, wie sie in der Kehle kratzte. Eine Sekunde lang lastete das Gewicht all ihrer früheren Enttäuschungen auf ihr.

Bitte mach, dass es diesmal klappt, dachte sie, so richtig bemitleidenswert.

Und dann, mit mehr Mut und Entschlossenheit: Nun komm schon, ich hab’s verdient!

Ellen hatte drei lange Beziehungen gehabt: Andy, Edward und Jon. Manchmal kam es ihr so vor, als würde sie die Erinnerungen an ihre Verflossenen mit sich herumschleppen wie drei alte Konservenbüchsen an einer Schnur.

Andy war ein erschreckend groß gewachsener junger Bankkaufmann. Ihre drei Jahre währende Beziehung war Ellen immer irgendwie unaufrichtig vorgekommen, so als würden sie nur so tun, als wären sie ineinander verliebt, aber das sehr überzeugend. Als Andy eine Stelle im Ausland angeboten wurde, sprach keiner von beiden die Möglichkeit an, dass Ellen ihn eventuell begleiten würde. Die ganze Geschichte hinterließ ein schmieriges Gefühl bei ihr, als ob sie einen fettigen Hamburger gegessen hätte.

Edward war ein lieber, sensibler Highschool-Lehrer. Ihre Liebe war tief und innig, und sie wurden eines jener Paare, deren Weg klar vorgezeichnet schien. Doch dann, aus vielerlei Gründen, die ihr immer noch nicht ganz klar waren, und zur Bestürzung all ihrer Freunde und Bekannten, implodierte ihre Beziehung plötzlich. Der Trennungsschmerz war kaum auszuhalten.

Jon hatte sie an ihrem dreißigsten Geburtstag kennengelernt. Okay, hatte sie gedacht, das ist es jetzt, das ist die richtige Beziehung, die Beziehung zweier erwachsener Menschen. Er war Ingenieur, klug und redegewandt. Ellen vergötterte ihn förmlich. Erst als er ihr das Herz in tausend Stücke gerissen hatte, wurde ihr klar, dass diese glühende Liebe im Grunde nie auf Gegenseitigkeit beruht hatte.

Ellen hatte diese gescheiterten Beziehungen immer als … nun … als ein Scheitern angesehen. Doch jetzt kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht notwendig gewesen waren, Etappen einer vorbestimmten Reise, die sie exakt hierher, an diesen Strand, führen sollte. Zu einem grünäugigen Vermessungsingenieur namens Patrick Scott.

Sie dachte an seine Exfreundin, seine Stalkerin. Saskia. Ein ungewöhnlicher Name mit seinen spröden kurzen Silben. Ellen drehte den Namen in ihrem Mund hin und her wie eine exotische, unbekannte Frucht. Saskia wäre nicht begeistert, wenn sie wüsste, dass sich Ellens Herz mit zarter, banger Hoffnung füllte.

Ellen kickte mit dem Fuß in eine Welle, sodass eine Fontäne eisiger Wassertröpfchen aufstob. Was für ein Mensch war diese Frau bloß? Hatte sie denn gar keinen Stolz? Ellen wäre es schon furchtbar unangenehm, wenn einer ihrer Exfreunde wüsste, dass sie gelegentlich an ihn dachte.

Dabei waren sie im Grunde immer präsent. Sooft sie aus dem Auto ausstieg, schob sie zwangsläufig den Fahrersitz zurück, damit Andy mit seinen langen Beinen Platz hatte, falls er das nächste Mal fuhr – eine Angewohnheit aus der Zeit, als sie sich ein Auto geteilt hatten. Jedes Mal, wenn sie eine Tomate aufschnitt, dachte sie an Jon, weil er ihr einmal gesagt hatte, durch schräges Anschneiden blieben sie saftiger. An jedem 26. Dezember dachte sie an Edward, weil er an diesem Tag Geburtstag hatte.

Eigentlich war es ganz normal, dass sie an ihre Verflossenen dachte. Immerhin war jeder von ihnen eine Zeit lang derjenige gewesen, der sie am besten kannte, der Tag für Tag mit ihr sprach, der genau wusste, wann sie sich wo aufhielt, der, wäre sie auf tragische Weise ums Leben gekommen, bei ihrer Beerdigung ganz vorn gesessen hätte.

Manchmal kam es ihr schon komisch und falsch vor, dass man mit jemandem so vertraut sein konnte, mit ihm schlafen ging und neben ihm aufwachte, regelmäßig äußerst intime Dinge mit ihm zusammen machte, und dann kannte man plötzlich nicht einmal mehr seine Telefonnummer oder seine Adresse, man wusste nicht mehr, wo er arbeitete oder was er am Tag zuvor oder letzte Woche oder letztes Jahr getan hatte.

Ellen schaute zu, wie sich am Horizont eine gigantische Welle kräuselnd aufbäumte und dann mit einem Donnern wieder zusammenkrachte.

Deshalb fühlte sich eine Trennung an, als würde man bei lebendigem Leib gehäutet. Im Grunde war es seltsam, dass die meisten mit Würde und Anstand damit umgingen und nicht mehr Menschen so wie Saskia reagierten.

»Guten Morgen!« Ein älteres Paar kam ihr entgegen, forschen Schrittes und mit beachtenswertem Armeinsatz. Ellen beschleunigte ihr Tempo. Sie konnte sich doch nicht von zwei Greisen beschämen lassen.

Ihre Großeltern hatten hier jeden Abend vor den Sechs-Uhr-Nachrichten ihren Strandspaziergang gemacht. Dreiundsechzig Jahre hatten sie miteinander verbracht. Dreiundsechzig Jahre neben demselben Menschen im selben Schlafzimmer aufwachen, in genau dem Schlafzimmer, in dem sie und Patrick sich in der vergangenen Nacht geliebt hatten. Was sie im Nachhinein betrachtet ganz furchtbar fand. Ellen stellte sich nämlich gern vor, dass sich die Geister ihrer Großeltern immer noch im Haus aufhielten. Wenn das wirklich so war, hatte ihr armer Großvater sich bestimmt, den Blick verlegen abgewandt, hinter dem Vorhang versteckt.

Ellen hatte immer angenommen, dass sie jung heiraten und eine Ehe wie ihre Großeltern führen würde. Ihrer Einschätzung nach war sie der Typ dafür. Konservativ und nett. Als ob nette Mädchen immer nette Jungs fänden. Als ob Nettigkeit alles wäre, was eine stabile, dauerhafte Beziehung brauchte.

Wenn sie ehrlich war (und ihr permanentes Streben war das Erlangen wahrer Selbsterkenntnis), so lag ihr Problem weniger in ihrer Nettigkeit begründet als vielmehr darin, dass sie ihrer Meinung nach kein bisschen wie ihre Mutter war, die Ellen ganz allein, ohne einen Mann in der Nähe, großgezogen hatte.

Und dennoch war sie mittlerweile fünfunddreißig Jahre alt und suchte im Internet nach einem passenden Partner. Leider hatte sie, sooft sie die Website anklickte, das Gefühl, etwas irgendwie Unangemessenes zu tun. Unangemessen für sie. Das war der Knackpunkt. Für die breite Masse war es durchaus in Ordnung, im Internet auf Partnersuche zu gehen, aber sie war diejenige, die anderen half, ihr Privatleben in den Griff zu bekommen, sie durfte nicht selbst Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Genau das war es. Sie dachte, sie sollte eigentlich alles über das Leben zu zweit wissen und selbst die perfekte Beziehung führen.

Aber warum sollte ausgerechnet sie nicht gelitten und Liebeskummer gehabt haben? Warum sollte ausgerechnet sie keine Probleme gehabt haben, den Richtigen zu finden? Warum sollte ausgerechnet ihr das Ticken ihrer biologischen Uhr kein Kopfzerbrechen bereiten, so klischeehaft das auch sein mochte? Warum sollte ausgerechnet sie nicht dem Klischee entsprechen?

Ellen schämte sich für ihre Verschämtheit. Zur Strafe ging sie sehr offen mit ihrem Single-Status um. Sie erzählte jedem, der es hören wollte, dass sie im Internet Männerbekanntschaften suchte. Sie ging hoch erhobenen Hauptes mit positiver Grundeinstellung und aufgeschlossener Gesinnung zu jedem neuen Date und ertrug tapfer die ersten Begegnungen trotz eigener Befangenheit.

Aber zuweilen war das wirklich harte Arbeit.

Als Ellen die kleine Felsenbucht erreichte, wo sie immer umkehrte, blieb sie stehen und stemmte schnaufend die Hände in die Hüften. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie schnell sie gelaufen war.

Sie schaute zurück auf das Haus ihrer Großeltern, das jetzt ihr Haus war. Der verglaste Anbau funkelte in der Morgensonne wie ein Diamant. »Wunderbar. Jetzt ist es vollends verschandelt«, hatte ihre Mutter beim Anblick des Anbaus gesagt, den Ellens Großvater hatte anfertigen lassen, ebenfalls dank Großtante Marys Lottogewinn.

Mary, die jüngere kinderlose, unverheiratete Schwester von Ellens Großvater, hatte im Lotto eine halbe Million Dollar gewonnen und war nur sechs Wochen später gestorben, als sie noch überlegte, was sie mit dem unverhofften warmen Regen anfangen sollte. (Vielleicht einen neuen Fernseher kaufen, einen dieser Flachbildschirme? Andererseits würden sich die Quizsendungen deshalb nicht ändern, oder? Sie würden bloß größer aussehen.) Ellens Großeltern hatten alles geerbt und von dem Geld den verglasten Anbau und die neue Gasheizung finanziert und sich jährlich eine zehntägige Kreuzfahrt gegönnt. Der Lottogewinn hatte sie auch dazu veranlasst, ihr Haus Ellen zu vererben, während das Kapital an Ellens Mutter und an Amnesty International gegangen war. Auf diese Weise waren alle zufrieden. Ellens Mutter hatte nie den Wunsch verspürt, in ihrem Elternhaus zu wohnen. »Das Haus ist ein Fass ohne Boden«, sagte sie immer mit trauriger Bestimmtheit, als hätte irgendjemand sie um ihre fachmännische Meinung gebeten.

Das Haus sah wirklich seltsam aus. Es war in den Siebzigerjahren gebaut worden und besaß sämtliche bauliche Merkmale, die seinerzeit in Mode gewesen waren: Sichtbalken und unverputzte Backsteinmauern, eine stählerne Wendeltreppe, verspiegelte Mauerbögen, einen limonengrünen Zottelteppich und eine leuchtend orangerote Küche. Aber Ellen hatte dieses Haus immer geliebt. Sie fand den Retrolook äußerst reizvoll und charmant und weigerte sich, auch nur das Geringste daran zu ändern, sah man einmal von dem Stellplatz ab, den sie für ihre Patienten hatte anlegen lassen.

Als ihr Großvater starb und kurz darauf ihre Großmutter, lebte Ellen in einer Mietwohnung. Sie hatte auch ihre Praxisräume nur angemietet, obwohl »das Geschäft erstaunlich gut lief« (wie ihre Mutter, gleichermaßen enttäuscht wie stolz, den Leuten immer erzählte). Dann hatte sie das Haus geerbt, in dem sie nicht nur wohnen, sondern auch ihre Patienten behandeln konnte (der verglaste Anbau war das Nähzimmer ihrer Großmutter gewesen). Durch die Erbschaft war sie zum ersten Mal in ihrem Leben finanziell völlig unabhängig.

Ihr fiel ein weißer Stein im Sand auf, und sie bückte sich danach. Er war hübsch geformt und fühlte sich angenehm in der Hand an. Ellen beschloss, ihn mitzunehmen, vielleicht konnte sie ihn irgendwann bei einer Therapiesitzung verwenden.

Als sie sich wieder aufrichtete und aufs Meer hinausblickte, löste sich etwas in ihrer Brust, als hätte man ihr ein Korsett abgenommen. Wer gab schon gern zu, wie sehr er sich nach Liebe sehnte? Das gestand man nicht einmal sich selbst ein. Ein Mann sollte nur der Zuckerguss sein, nicht die ganze Torte. Ellen war so glücklich, dass es ihr peinlich war. Gott sei Dank konnte niemand die Champagnerkorken in ihrem Kopf knallen sehen.

Sie nahm sich vor, bei ihrer Rückkehr auf Patricks Textnachricht zu antworten. Vielleicht könnten sie am Abend zusammen ins Kino gehen. Nicht besonders originell, aber sich gemeinsam einen Film anzusehen war immer noch eines der schönsten Dinge, die man mit einem neuen Freund tun konnte. Sie würde sich bemühen, damit sie nicht allzu eifrig klang.

Ellen ging näher ans Wasser und grub ihre Zehen tief in den Sand. Sie konnte an nichts anderes als an Patrick denken.

Tut mir leid, Saskia, aber ich glaube, ich werde ihn behalten.

Er hat also mit der Hypnotiseurin geschlafen.

Ich weiß es. Ich habe es sofort gewusst, als ich die beiden aus dem Kino kommen und seine Hand auf ihrem Kreuz sah. Sie lag ziemlich weit unten, eine vertrauliche, Besitz ergreifende Berührung.

Er denkt, er wäre gut im Bett. Daran ist nur seine Frau schuld. Sie hat ihm einmal gesagt, er sei ein fantastischer Liebhaber. Und dann starb sie. Dadurch wurde alles, was sie jemals sagte, zum Evangelium. Das Wort Colleens.

Colleen hat Patrick einmal erklärt, dass man das Waschpulver in der Waschmaschinentrommel vollständig auflösen solle, bevor man die Wäsche hineingibt, obwohl die meisten Leute es einfach obendrauf schütten. Aber Colleen bestand darauf, die Wäsche würde dadurch sauberer. Also wurde es so gemacht. Du meine Güte, ich mache es immer noch so, auch wenn es lästig ist, weil man warten muss, bis die Trommel voller Wasser ist, und manchmal gehe ich weg und denke nicht mehr daran, bis mir schlagartig einfällt, dass das Programm schon halb durchgelaufen ist und ich gar keine Wäsche in der Trommel habe.

Patrick war tatsächlich ziemlich gut im Bett. Das ist er wahrscheinlich heute noch. Wahrscheinlich flüstert er immer noch die gleichen Worte, macht immer noch die gleichen Bewegungen.

Ich stelle mir vor, wie er mit ihr im Bett liegt, ihren Sandelholzduft einatmet, seine Hände ihre glatte, toxinfreie Haut streicheln.

Ich würde zu gern dabei sein. Ich würde gern am Fußende des Bettes sitzen und zuschauen, wie er den Kopf zu ihrer Brustwarze hinunterbeugt. Sie hat größere Brüste als ich. Das gefällt ihm bestimmt.

Ob sie ihn wohl umsonst hypnotisiert?

Ihre Stimme klingt wie warmer Honig, der von einem Löffel tropft.

Sie haben sich gestern Abend diesen Film mit Russell Crowe angesehen. Der Streifen war gar nicht schlecht. Patrick müsste eigentlich gewusst haben, was passieren wird, weil der Film auf der Serie beruht, die wir montagabends immer angeschaut haben. Ich war mir ziemlich sicher, dass er sich nicht daran erinnerte, deshalb habe ich ihm eine Textnachricht geschickt und ihn darauf aufmerksam gemacht.

Anschließend sind sie in dieses Thai-Restaurant an der Ecke gegangen, wo er mir zum ersten Mal sagte, dass er mich liebt.

Ob sie wohl am gleichen Tisch gesessen haben? Ob er sich wohl an damals erinnert hat, und sei es nur eine Sekunde lang? Ich bin doch sicherlich einen flüchtigen Gedanken wert.

Ich habe keinen Tisch mehr bekommen. Sie müssen sich einen reserviert haben. Das hat bestimmt sie getan, er würde sich niemals die Mühe machen. Da bin ich in ein Café gegangen und habe ihm einen Brief geschrieben, nur um alles zu erklären, damit er endlich begreift. Ich habe ihm den Brief unter den Scheibenwischer geklemmt.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Termin bei der Hypnotiseurin.

3

»Es ist die Vorstellung des Menschen seiner selbst, die ihn formt; er ist das Ergebnis seiner Gedanken.« Das sagte Paracelsus im sechzehnten Jahrhundert. Der Gedanke von der Kraft des Geistes ist also nicht neu, meine Damen und Herren. Hiermit begrüße ich Sie.

EINLEITUNG ZU EINER REDE ELLEN O’FARRELLS BEIM AUGUSTFRÜHSTÜCK DER NORTHERN BEACHES ROTARIER (leider konnte ein Großteil des Publikums sie aufgrund eines defekten Mikrofons nicht verstehen)

»Wir sollten gehen«, sagte Ellen gähnend.

»Ja, du hast recht«, erwiderte Patrick gähnend.

Keiner rührte sich.

Es war Donnerstagabend kurz vor elf, und sie lagen auf dem Rücken auf einer Picknickdecke, die sie auf einem grasbewachsenen Hang direkt unter der Harbour Bridge ausgebreitet hatten. Vorher hatten sie sich im Theater in Kirribilli ein albernes Stück angesehen. Nach der Vorstellung waren sie in ein winziges überfülltes Pasta-Restaurant gegangen, hatten dort gegessen und anschließend einen Spaziergang gemacht. Von der hölzernen Promenade am Hafen aus hatten sie dem Verkehr zugeschaut, der über die Brücke brauste, während darunter hell erleuchtete Fähren über das dunkle Wasser glitten. Es sollte nicht zu spät werden an diesem Abend, weil die junge Nachbarin, die auf Patricks Sohn aufpasste, am anderen Morgen in die Uni musste und er sie nicht zu lange als Babysitterin beanspruchen wollte. Er würde also nicht mehr mit zu ihr kommen, doch weder er noch Ellen verspürten Lust, den Abend zu beenden.

Sie gingen jetzt seit drei Wochen miteinander, und ihre Beziehung hatte nach wie vor diesen Glanz, diesen unverwechselbaren Geruch eines fabrikneuen Autos. Sogar ihre gähnenden Stimmen waren immer noch mit diesem scheuen Überzug drapiert: Siehst du, so klinge ich, wenn ich müde bin!

»Hast du morgen viel zu tun?«, fragte Patrick.

»Es geht«, antwortete Ellen. »Fünf Termine. Das reicht. Mehr ist mir zu anstrengend. Ich bin sonst immer fix und fertig.«

Sie merkte, dass sie das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen – ein Überbleibsel aus ihrer letzten Beziehung. Jons Verachtung für ihren Beruf war immer sehr subtil gewesen, wie ein schwacher Duft, den sie nicht näher bestimmen konnte. Deshalb hatte sie auch nie etwas dagegen unternehmen können. Jon war ein noch glühenderer Atheist als Ellens Mutter (Der Gotteswahn war sein Lieblingsbuch). »Bring mir den empirischen Beweis«, lautete einer seiner Lieblingssätze. Hatte Ellen von ihrer Arbeit gesprochen, hatte er den Kopf ein wenig schief gelegt und geduldig gönnerhaft gelächelt, als wäre sie ein süßes kleines Mädchen, das von Märchenprinzessinnen plapperte. Dann machte er eine spöttische, witzige Bemerkung, die nie so weit ging, die Existenz von Märchenprinzessinnen zu leugnen, sondern nur die anwesenden Erwachsenen erheitern sollte. »Ellen hat einen Bachelor in Hypnotherapie«, erzählte er den Leuten immer, was seine Art war, darauf hinzuweisen, dass Ellen keinen akademischen Grad erworben hatte. (Sie hatte sich für Psychologie eingeschrieben, dieses Studium aber mitten im zweiten Semester abgebrochen, um Hypnotherapie zu studieren. Ihre Mutter hatte das bis heute nicht verkraftet.)

Erst nach der Trennung von Jon war Ellen klar geworden, wie sehr sie sich während ihrer Beziehung verbogen und verkrampft hatte. Es war, als hätte sie bei jedem Wort, das sie sagte, versucht, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, und sich gleichzeitig genötigt gefühlt, ihre Existenz zu rechtfertigen: Ja, es ist in Ordnung, ich zu sein. Ja, ich glaube tatsächlich an mich und an das, was ich sage. Ich bin kein geistloses Leichtgewicht. Oder vielleicht doch?

»Anstrengend?« Patrick kratzte sich seitlich am Kinn und blickte stirnrunzelnd zu den Sternen hinauf. »Und … warum genau ist es so anstrengend?«

Er war auf respektvolle Weise verdutzt.

»Wahrscheinlich, weil meine Anspannung während einer Sitzung nie nachlassen darf«, antwortete Ellen. »Ich muss mich hundertprozentig auf den Patienten konzentrieren. Ich arbeite nicht mit vorbereiteten Konzepten. Jede Induktion ist auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten und …«

»Induktion?«

»Die Methode, die ich benutze, um den Patienten in Hypnose zu versetzen. Zum Beispiel soll er sich vorstellen, wie er eine Treppe hinuntergeht, oder er soll sich nach und nach entspannen. Ich wähle diese Methode je nach dem Hintergrund oder den Interessen des Patienten, also, ob er der visuelle oder eher der analytische Typ ist oder so.«

»Hast du auch schwierige Patienten?« Patrick drehte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf in die Handfläche. »Solche, die schwer zu hypnotisieren sind?«

»Praktisch jeder kann bis zu einem gewissen Grad hypnotisiert werden«, entgegnete Ellen. »Aber ich schätze, manche eignen sich besser dafür als andere, weil sie mehr Fantasie haben und die Fähigkeit besitzen, sich total zu konzentrieren und sich etwas bildlich vorzustellen.«

»Hm«, machte Patrick. »Ob ich mich wohl dafür eignen würde?«

»Wir können einen kleinen Test machen, um deine Beeinflussbarkeit auszuloten«, schlug Ellen belustigt vor und kniete sich hin. Jon hätte sie so etwas niemals vorgeschlagen.

Patrick schaute zu ihr auf. »Du meinst, den Grad meiner Leichtgläubigkeit.«

»Nein, nein, bloß eine kleine Übung, um zu sehen, wie stark deine Fantasie ist. Keine Sorge, nichts Abgedrehtes. Du hast es vielleicht selbst schon mal ausprobiert, mit Kunden oder so.«