Alles nach Plan - Sarah Levine - E-Book

Alles nach Plan E-Book

Sarah Levine

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Beschreibung

Vier Freunde haben einen Traum - ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Und jetzt stehen sie kurz davor, ihn zu verwirklichen. Alles ist bereit, es fehlt nur noch ihre Unterschrift auf dem Mietvertrag. Doch dann verunglückt ihre Vermieterin tödlich und die vier bekommen es mit ihrem Ex-Mann zu tun, der sich als unberechenbar entpuppt und ein sadistisches Katz- und Mausspiel mit ihnen treibt, das die vier Freunde an ihre Grenzen und darüber hinaus führen wird. Aus "alle für einen" wird mit einem Mal "jeder gegen jeden" und die Frage, ob es in dem perfiden Spiel überhaupt einen Sieger geben kann.

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Seitenzahl: 480

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ähnliche


Sarah Levine

Alles nach Plan

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Falco

Bert

Vinz

Tonia

Kirsten

Der letzte Schliff

Helen

Die Beerdigung

Wolf

Weiter nach Plan

Der Friedhof

Teamwork

So weit so gut

Schleichende Wendung

Eine neue Chance

Wie weit wollt ihr gehen?

Die Nerven behalten

Zwei Stunden später...

Zwei Stunden zuvor...

Die Entscheidung

Der Ring

Zurück aus der Hölle

Bloß weg mit ihm!

Fast Food

Helen und Wolf

Wer die Totenruhe stört

Einer für alle

Was wäre wenn...

Nummer sicher

Der letzte Ausweg

Leb wohl!

Letzte Klarheit

Herbst

Tonia und Wolf

Herbst...

Impressum neobooks

Falco

Lennart von Falkenhausen, genannt Falco, betrachtete zufrieden sein Spiegelbild in dem großen, ebenholzgerahmten Wandspiegel seines Jugendzimmers, in das er vor einem halben Jahr wieder hatte ziehen müssen. Dankbarerweise war er seit jeher der Liebling seiner Mutter gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass nichts in seinem Zimmer verändert worden war, während er an der Kölner Universität Jura studiert und mitten in der Innenstadt, im Belgischen Viertel, gewohnt hatte. Wohnung und Studium waren passé. Ohne Abschluss. Eigentlich hätte Falco am Boden zerstört sein sollen, doch die Aussicht auf die Restaurant-Eröffnung mit seinen drei besten Freunden hatte sein zusammengekrümmtes, waidwundes Ego wieder aufgerichtet und er konnte nun auch vor sich selbst zugeben, dass er dieses Studium von Anfang an gehasst hatte. Aber er wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und irgendwann Partner in dessen Kanzlei Vaters werden. Der einzige Weg zu dessen Anerkennung. Drei lange Jahre hatte er durchgehalten, hatte gebüffelt und sich gequält und war dennoch immer öfter durchgefallen. Und auch wenn er den anderen bei seinen seltenen Besuchen Zuhause von ausufernden Saufgelagen und tollen One-Night-Stands erzählte, sah die Wahrheit doch ganz anders aus. Getrunken hatte er allenfalls allein, um seine Verzweiflung zu betäuben. Und gevögelt hatte er nur zweimal. Beide Male mit seiner Nachbarin zwei Stockwerke über ihm, eine mollige Frau Ende dreißig mit großen Hängebrüsten und weichen Händen. Aber auch das waren eher Akte der Selbstkasteiung gewesen, denn wirkliche Begierde.

Drei Jahre voller Zweifel, Düsternis und haltlosem Taumel. Wie schlimm es wirklich um ihn stand, wurde Falco klar, als er sich immer häufiger in Suizidfantasien erging. Zunächst malte er sich nur aus, welch große Vorwürfe sich seine Eltern, besonders sein Vater, machen würde, wenn ihnen klar wurde, dass sie ihren Sohn unbarmherzig in den Tod getrieben hatten. Doch dann wurden seine Fantasien immer detailreicher und er begann nächtelang darüber zu grübeln, auf welche Art und Weise er sich am besten töten sollte. Am Ende war es sein Selbsterhaltungstrieb und nicht zuletzt sein Stolz, die ihn davon abgehalten hatten, wirklich ernst zu machen. Wie zum Henker stünde er denn vor seiner Familie da, wenn er bepisst und bekotzt und mit geschwollener Zunge von der Decke baumelnd gefunden würde.

Tonias und Vinz' Idee mit dem Restaurant war seine Rettung gewesen. Er hatte das Studium hingeschmissen, sich an diesen Rettungsanker gekrallt und nicht mehr losgelassen, bis er spürte, dass es langsam aber stetig wieder bergauf ging. Seine Freunde respektierten ihn, sie hörten auf ihn und vertrauten ihm vollkommen. Aber vor allem mochten sie ihn. So wie er war. Das hatte ihm sein lange nur geheucheltes Selbstvertrauen endlich wieder zurückgegeben. Wirbel für Wirbel hatte er sich aufgerichtet. Er glaubte sogar, sich endlich von seinem Vater gelöst und seine innere Selbstständigkeit gefunden zu haben. Das Band schien gekappt, das ihn beinahe in den Abgrund gerissen hätte.

Und dann war da noch Tonia, die ihm einfach gut tat. Er wusste noch nicht genau, wohin sie beide gingen, aber das war auch nicht wichtig. Nicht im Moment.

Falco grinste sich selbst im Spiegel an. Irgendwie hatte er etwas von dem jungen Tom Cruise, fand er, knöpfte sich sein grauschwarz gestreiftes Designerhemd zu und verwuschelte mit gespreizten Fingern sein Haar.

„Wenn du weniger Zeit für deine Haare und mehr für dein Studium aufgewendet hättest, dann hättest du vielleicht auch Erfolg gehabt."

Falco zuckte zusammen, eine kurze harte Bewegung wie die Schnittkante einer Axt. Hinter ihm war sein Bruder, Ludwig, unbemerkt ins Zimmer getreten, gefolgt von seiner Hündin, Ginger, einem dicken, verzogenen Golden Retriever.

Falco wusste sehr wohl, dass es zwei Sachen gab, auf die sein Bruder eifersüchtig war - das eine war die Liebe ihrer Mutter, die Falco deutlich bevorzugte, und das andere war Falcos volles, dunkelbraunes Haar, denn Ludwig hatte bereits mit Anfang Dreißig eine Halbglatze - Erbe seines Vaters, genau wie sein süffisanter Gesichtsausdruck. Aus irgendeinem Grund kam der bei den Klienten von Vater und Bruder gut an. Offenbar suggerierte er genau die Überlegenheit, die der Durchschnittsbürger von einem Anwalt erwartete.

Falco ließ sich seinen Schrecken nicht anmerken. In all den Jahren, die er nun in dieser Familie lebte, hatte er gelernt, wie wichtig es war, ein Pokerface aufzusetzen und erst mal die Lage zu sondieren, bevor man sich in irgendeiner Form dazu äußerte.

„Was gibt's?" fragte Falco gleichmütig.

Sein Bruder hielt ihm ein Blatt Papier hin. Falco machte keine Anstalten es anzunehmen.

„Was ist das?"

„Vater will, dass ich mich in Zukunft um seine Finanzen kümmere."

Falco fand es lächerlich, dass sein Bruder "Vater" sagte, wie in einem der Romane aus dem 18. Jahrhundert, die seine Mutter ihm als Kind oft vorgelesen hatte, wenn er nicht einschlafen konnte. Wo, dachte er, dass er sich befände - in der Familie von Jane AustensEmma? Warum nannte er ihn nicht beim Vornamen wie jeder normale Erwachsene? Dennoch gab es ihm einen Stich, dass sein Vater Ludwig nun scheinbar die Verwaltung des Familienvermögens anvertraut hatte, wusste Falco doch, wie sehr ihm sein Geld am Herzen lag. Mehr als seine Frau und seine beiden Söhne, mehr als sonst irgendwer oder irgendwas.

Falcos Gesichtsausdruck blieb undurchschaubar. Das war seine einzige Waffe, sein Schutzschild gegen diesen Angriff. Er gönnte seinem Bruder die Genugtuung nicht, die er empfände, wenn er sähe, dass Falco wirklich schockiert war und konzentrierte sich vorsichtshalber ganz auf das Zuknöpfen seines Hemdes.

„Und?"

„Und das hier ist ein Rückzahlungsplan für deine Schulden. Angefangen mit dem Geld, das unsere Eltern dir fürs Studium zur Verfügung gestellt, haben, Miete, Essen usw. bis hin zu dem Betrag, den sie dir für deine Klitsche geliehen haben..."

Falco konnte sich nicht länger beherrschen und unterbrach Ludwig wütend.

„Wieso fürs Studium? Dir haben sie das Studium auch finanziert und dir dann noch die ganze Kohle für dein Haus geschenkt."

„Im Gegensatz zu dir habe ich mein Studium aber beendet und Vater sein investiertes Geld mehr als zurückgezahlt, indem ich jede Menge potente Klienten an Land gezogen habe. In deinem Fall allerdings handelt es sich schlicht um eine Verschwendung von Humankapital."

Falco hasste Ludwigs Art zu sprechen. Was für ein Hanswurst! Er glaubte wirklich, er könnte sich hinter diesem Wortschwulst verstecken. Dabei wusste Falco mehr als genug über seinen Bruder, um ihn auf jeder Party lächerlich machen zu können. Dass er noch bis 14 ins Bett gepisst hatte, oder dass er regelmäßig zu Nutten ging und dass er seit mindestens drei Jahren eine Psychotherapie machte. Aber dieses Wissen sparte Falco sich für den richtigen Moment auf. Er wusste sehr gut, dass derartige Munition, richtig platziert, zu einem weit größeren Effekt führte.

„Mama und Papa kriegen ihr Geld zurück, sobald das Restaurant richtig läuft."

„Toll! Ja, das sind wirklich ganz hervorragende Aussichten", bemerkte Ludwig ironisch. „Ab jetzt bekommst du keinen Cent mehr von uns. Also sieh zu, dass du den Karren alleine aus dem Dreck ziehst, ist das klar!"

Er streckte Falco das Papier erneut entgegen, doch Falco drehte sich demonstrativ wieder zum Spiegel um, sodass Ludwig genötigt war, das Blatt auf den Boden fallen zu lassen.

„Wenn das alles ist, mach die Tür von außen zu! Ich will mir in Ruhe einen runterholen!"

Ludwig schüttelte missbilligend den Kopf, erwiderte aber nichts und ging zur Tür.

„Und vergiss nicht, deinen fetten Köter mitzunehmen!"

Als die Tür ins Schloss knallte, wusste Falco, dass er das Scharmützel, trotz dieses kleinen Stichs, verloren hatte und das machte ihn nervös.

Eine halbe Stunde später zog er die Eingangstür seines Elternhauses leise hinter sich ins Schloss. Er wollte nicht gesehen oder gehört werden. Es war ein windiger Tag, aber die Sonne brannte vom Himmel und die bauchigen Wolken erschienen auf stürmische Art zerzaust. Der Frühsommer hatte Einzug gehalten, es roch nach Flieder und Meer und die unstete Atmosphäre erfüllte Falco mit freudiger Erwartung.

Als er die Auffahrt zum Anwesen seiner Eltern herablief, fiel ihm der Mercedes-Kombi ins Auge, dessen Kofferraum bis zum Rand mit Reisegepäck vollgestopft war. Falco erinnerte sich, dass sein Bruder und seine Schwägerin, Evelyn, die Ende September ein Baby erwartete, in den Urlaub fliegen wollten, um noch einmal die letzten Wochen alleine zu genießen. Ludwig schenkte seiner Familie einen Enkel. Er machte einfach alles richtig. Der perfekte Sohn - dachte Falco und ahmte Würgelaute nach. Als er an dem geöffneten Mercedes vorbeiging, erblickte er die Video-Kamera, die neben Ginger auf dem Beifahrersitz lag. Der Hund knabberte hingebungsvoll an einem roten Ball und geiferte ihn von oben bis unten voll. Als Falco sich dem Auto näherte, knurrte Ginger ihn warnend an. Sie hatten sich von Anfang nicht gemocht und, alle beide, keinen Hehl daraus gemacht. Doch jetzt verlieh Falco seiner Stimme einen freundlichen Anstrich und forderte die Hündin zum Spielen auf. Nach einem skeptischen Blick wedelte sie schließlich mit dem Schwanz und ließ von dem vor Sabber triefenden Ball ab. Falco griff mit spitzen Fingern danach, hielt ihn mit Daumen und Zeigefinger fest und unterdrückte seinen Ekel.

„Na los, hol dir das Bällchen! Komm, hol's dir!" presste er hervor und warf den Ball so weit wie möglich weg.

Hechelnd und schwanzwedelnd rannte Ginger ihm hinterher.

„Du dämlicher Köter!" grinste Falco und schnappte sich die Video-Kamera.

Er rannte mit ihr zu einem Schuppen, in dem seine Familie die Fahrräder abstellte und seine Mutter ihre Gartenutensilien aufbewahrte, stolperte über eine Harke und fluchte, hörte aber im selben Moment die Stimme Evelyns, die seit Beginn ihrer Schwangerschaft einen unangenehm schrillen Klang angenommen hatte, was Falco diebisch freute, da es seinen Bruder ungemein nervte. Evelyn war nie ein ausgeglichener Mensch gewesen, aber die Hormone hatten aus ihr eine launige Furie gemacht. Eigentlich mochte Falco seine Schwägerin, aber auch er ging ihr in letzter Zeit lieber aus dem Weg. Einzig die Tatsache, dass sie seinem Bruder das Leben zur Hölle machte, indem sie ihn wegen jeder Kleinigkeit ankeifte, führte dazu, dass Falco sie noch ein bisschen mehr in sein Herz schloss, wenn auch aus sicherer Entfernung.

Um besser hören zu können, presste Falco sich an die Wand des Schuppens und lugte vorsichtig um die Ecke. Evelyn stand mit dem Rücken zu ihm und ihre langen blonden Haare flatterten im Wind. Sie hatte die eine Hand in ihr Hohlkreuz gepresst, die andere brauchte sie, um damit wild zu gestikulieren. Falco konnte nicht alles verstehen, begriff aber, dass Evelyn das Fehlen der Kamera bemerkt hatte und nun Ludwig beschimpfte, weil er so dumm gewesen war, das Auto offen und unbeaufsichtigt stehen zu lassen. Ludwig machte ein paar schale Versuche, sich zu verteidigen, was ihm von seiner Frau ein freudloses Lachen einbrachte, und versprach schließlich, am Flughafen eine neue Kamera zu kaufen, aber auch das schien Evelyn nicht zu besänftigen. Falco hatte genug gehört. Zu wissen, dass der Urlaub für seinen Bruder alles andere als ein Vergnügen werden würde und die Tatsache, dass er die nächsten Stunden neben Evelyn im Flugzeug würde sitzen müssen, ohne Aussicht auf eine Fluchtmöglichkeit, bescherte ihm die Genugtuung, die er sich gewünscht hatte. Jetzt war er der Gewinner.

Den Gurt der Kameratasche über der Schulter schlich er mit seinem Rennrad nach draußen. Der Wind hatte sich gelegt und die Sonne strahlte warm und einladend auf ihn nieder, als er kräftig in die Pedalen trat.

Bert

„Wie ich das hasse", dachte Robert Haller, genannt Bert, durchstieß die feuchte Erde mit seiner Schaufel und besah sich den kompakten Dreckklumpen. Er wimmelte vor Asseln. Mit ihren strichförmigen Beinchen strampelten sie um ihr Leben, doch Bert warf die Erde mit einer geübten Armbewegung einfach auf den angehäuften Hügel hinter sich. Er verabscheute den dumpfen, modrigen Geruch nasser Erde, der ihm in die Lungenflügel kroch und sie zusammenpresste, als müsste er feste Materie einatmen. Er rammte die Schaufel mit einem kratzigen Geräusch in den weichen Boden und schob ein paar Beerdigungsbohlen mit dem Fuß zur Seite. Im Hintergrund leierte die monotone Stimme des Pfarrers uninspirierte Worte zur letzten Ruhe herunter. Eine Litanei, so abgegriffen und fadenscheinig wie ein zu oft gewaschenes Bettlaken.

Die Tatsache, dass niemand laut schluchzte, verriet Bert, dass es sich bei dem Toten wahrscheinlich um einen betagten Menschen handelte, für den die Zeit reif war oder um jemanden, der von niemandem geliebt worden war. Seit seinem sechsten Lebensjahr tummelte Bert sich auf dem Friedhof herum, undhörteeinfach, wie es in sozialer Hinsicht um den Toten bestellt gewesen war. Es sei denn, die Leute waren wirklich alt und hatten sich in ihren letzten Lebensjahren zu sabbernden, in die Windeln kackenden Hauthüllen verwandelt - so wie Berts Opa. Jenen weinte auch niemand eine Träne nach.

Bert wünschte sich inständig, ihm bliebe das erniedrigende Altern erspart. Ein schneller, sauberer Tod, wenn er noch alle Sinne beieinander hatte, nebst Kontrolle über seinen Schließmuskel - das strebte er an. Auch wenn das ein kürzeres Leben bedeuten würde.

Der Pfarrer kam langsam zum Ende, Asche zu Asche und so weiter. Es war immer noch derselbe wie in Berts Kindheit, und an seinen Trauermonologen hatte sich in all den Jahren auch nicht viel geändert. Früher hatte er sich wenigstens noch die Mühe gemacht, Anteilnahme zu heucheln, fand Bert und wischte sich die erdverkrusteten Hände an seinem Blaumann ab, bis sie krümelten. Er stapfte umständlich aus der siebzig Zentimeter tiefen Grube, die einmal ein Grab werden sollte, wobei er sich seiner kräftigen Statur, die ihn bei allen körperlichen Aktivitäten plump erscheinen ließ, schmerzhaft bewusst wurde und jetzt kam noch ein übler Muskelkater dazu. Der jedoch erfüllte ihn mit Genugtuung. Er war mehr als zufrieden mit den Renovierungsarbeiten der letzten Wochen, während derer er sich und den anderen bewiesen hatte, dass sie nicht nur ihm einen Gefallen taten, als sie ihn mit an Bord genommen hatten, sondern dass sie ihn wirklich gebrauchen konnten. Dass ohne ihn ein wesentlicher Bestandteil gefehlt hätte, dass er einer der Grundpfeiler war, auf den die anderen ihren Traum fußen lassen konnten, ohne sich darum zu sorgen, dass er wanken oder einstürzen würde. Erwarwichtig.

„Ich werde nicht hier enden. Nicht wie du", dachte Bert, als er seinen Vater auf dem Boden kniend an einem kleinen Bagger werkeln sah, leise Flüche ausstoßend. Offenbar gelang ihm nicht, was er vorhatte. Neben ihm hockte sein Mitarbeiter, Ulf. Mit seinem sommersprossigen Gesicht, das wie gemeißelt wirkte und den rotblonden Haaren, die in weichen Locken auf seine Schultern fielen, wirkte Ulf seltsam deplatziert in seinem verschmutzten Blaumann - wie ein verirrter Engel. Aber nur solange, bis er den Mund aufmachte und seine vulgäre Art zu sprechen den botticellihaften Eindruck in Sekundenschnelle zerstörte. Wie oft hatten Bert und sein Vater ihm schon geraten, er solle vor den Frauen so tun, als wäre er stumm, aber selbst dazu schien Ulf schlicht zu dämlich zu sein, also wartete er bis heute darauf, die Eine kennenzulernen, die ihn so akzeptierte wie er war. Dumm, gewöhnlich und wunderschön.

Dabei hatte Bert es selbst schwer beim anderen Geschlecht.Bulligwar der Ausdruck, der einem als erstes in den Sinn kam, wenn man ihn sah. Seine durchaus leuchtend blauen Augen standen etwas zu weit auseinander, seine Nase war zu breit und seine vollen Lippen glänzten immer ein wenig ölig. Das Aussehen hatte er von seinem Vater und das war nicht das einzige, das er ihm krumm nahm.

Ulf grunzte, als Berts Vater ein paar unflätige Scherze vom Stapel ließ, während Bert mit dem Handrücken über seine kurzen, stacheligen Haare fuhr und zu der kleinen Trauergemeinschaft herüber spähte. Greise, um die neunzig, gänzlich in muffiges Schwarz gekleidet, standen sie da in der schiefen, leicht gekrümmten Haltung, als hätten sie alle Schicksalsschläge immer mit derselben Körperhälfte pariert. Sie pressten die Lippen aufeinander, wirkten streng und unnachgiebig und fragten sich wahrscheinlich allesamt, wer von ihnen der Nächste sein würde. Der Pfarrer blickte genervt zum Himmel.

Die Trauergäste hingegen hielten den Atem an, da der Sarg von den Trägern in das Grab hinabgelassen wurde, doch er verschwand ohne Zwischenfall im Grab und die Trauergäste atmeten weiter.

Bert sah zu seinem Vater und Ulf herüber und deutete mit dem Kopf auf die Trauergemeinschaft.

„Weiß jemand, wer der Tote ist?"

Sein Vater reckte den Hals, um besser sehen zu können.

„Ich bin nicht ganz sicher, aber ich tippe auf den Typ im Sarg", sagte er und grinste.

Ulf ließ sein debiles Kichern wie ein Husten klingen, etwas, das Berts Vater ihm beigebracht hatte, aus Gründen der Pietät. Bert verzog unwillig die Mundwinkel. Als er den Spruch das erste Mal gehört hatte, hatte er ihn auch ziemlich witzig gefunden, aber nach all den Jahren, in denen er seinem Vater jetzt schon zur Hand ging, war er nur noch davon angeödet.

„He, ich brauche einen Freiwilligen für Überstunden. Heute und morgen auch", rief sein Vater laut.

Bert wich dessen erwartungsvollem Blick aus, und auch Ulf schien wenig begeistert über die Aussicht zu sein, sein Wochenende auf dem Friedhof zu verbringen. Er sah geschäftig zu Boden und murmelte Unverständliches.

Bert konnte seinem Vater eigentlich nichts abschlagen, da er ihm, für seine Verhältnisse, eine Menge Geld geliehen hatte, damit sein Sohn sichselbst verwirklichen konnte, wie er es genannt hatte. Er hatte tatsächlich diese Worte benutzt und zwar bar jeder Ironie. Bert konnte nur ahnen, was dies für einen Mann wie seinen Vater bedeutete, er hatte ihm ja nicht mal zugetraut, dass er Ausdrücke wie diese überhaupt kannte, und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Respekt und Dankbarkeit ihm gegenüber empfunden. Das machte fast alle Hänseleien wett, die er seinetwegen im Laufe seiner Kindheit erdulden musste. Aber nur fast. Der Sohn eines Totengräbers zu sein, hatte die Fantasie seiner Mitschüler auf das Schlimmste befeuert und Berts Schulzeit war ein nervenaufreibender Spießrutenlauf gewesen, der erst endete, als sich seine Statur von klein und schmächtig in groß und bullig verwandelt hatte.

„Ich dachte mir schon, dass ihr euch vor Eifer gegenseitig umbringt", sagte sein Vater lakonisch und erhob sich stöhnend vom Boden.

Er nestelte an seiner Hosentasche herum und als er gefunden hatte, was er suchte, hielt er es augenzwinkernd in die Höhe. Es war eine Schachtel mit Streichhölzern.

„Dann müssen wir eben Hölzchen ziehen."

Bert sah sich bereits Nachtschichten schieben, denn er hatte das Glück selten auf seiner Seite, wenn es darum ging, das Schicksal entscheiden zu lassen. Sein Vater hielt die zwei Hölzchen verdeckt in seiner Hand und streckte sie Ulf entgegen. Sein hübsches Gesicht nahm den hohlen Ausdruck eines Karpfens an, als er bemerkte, dass er den Kürzeren gezogen hatte.

Bert ließ sein erleichtertes Auflachen wie ein Husten klingen. Auch er war durch die Schule seines Vaters gegangen.

Eine Viertelstunde später saß er in Papas zerbeultem weißen Kastenwagen, ließ sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen und rappte laut zu den Klängen von Bushido mit, während sich Ulf seine Pläne für das Wochenende sonst wohin stecken musste. Bert war in Hochstimmung.

„Ein gutes Omen", dachte er, schlug mit der Faust den Takt zur Musik aufs Lenkrad und rappte mit.

Vielleicht mache ich jetzt alles falsch, ich spüre diesen Klumpen in meinem Hals.

Ich schluck und rede nicht mehr.

Ich guck und seh dich nicht mehr.

Ich lass nichts mehr an mich heran, schenk dein Leben einem anderen Mann.

Steh auf und geh ohne mich.

Ich frag irgendwann den Wind wo du bist.

Vinz

Vincent Nedjad, genannt Vinz, wirbelte gekonnt mit den Messern durch die Luft. Er hatte sein Publikum fest im Griff, die Stamm-Kundschaft im Imbiss seiner Mutter, Bauarbeiter und Handwerker in ihren speckigen Arbeitsklamotten, ein paar Büroangestellte mit Anzug und Krawatte, gehetzte Mütter, die es nicht mehr geschafft hatten, Mittagessen zu kochen - sie alle hingen an seinen Lippen. Das war etwas, das ihn schon in der Schule zu einem der beliebtesten Schüler gemacht hatte - er konnte seine Lehrer betören und, gleichzeitig, seine Mitschüler amüsieren. Seine strohblonden Haare, dazu der gebräunte Teint, den er von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte und die großen, dunklen Augen, aus denen pure Energie zu strahlen schien, machten ihn seit jeher unwiderstehlich - für alle. Was für ein Glück das war, hatte Vinz schon sehr früh begriffen. Seine Mutter musste schwer schuften, um sie beide durchzubringen. Ihr Imbiss warf nicht viel ab, gerade genug, dass sie beide davon leben konnten, aber sie hatte sich nie beschwert. Etwas, das Vinz sich von ihr abgeguckt hatte. Einstmals eine Schönheit, war sie vorzeitig verwelkt und sah immer abgekämpft und müde aus. Nur wenn sie ihren Sohn erblickte und unwillkürlich lächelte, war die Frau, die sie einmal gewesen sein musste, noch zu erkennen, dann ging ein Strahlen von ihr aus, das an die satten Farben von Akeleien erinnerte und sie einen schwindligen Moment lang wieder erblühen ließ.

Ihre Armut und die Tatsache, ohne Vater aufwachsen zu müssen, hätten aus Vinz auch einen bedauernswerten Jungen machen können. Einer, den man lieber meidet, um den eigenen gesellschaftlichen Status nicht zu gefährden. Stattdessen rissen sie sich in der Schule um ihn. Vor allem die Mädchen. Jeder wollte mit ihm befreundet sein. Und wenn doch einmal jemand darüber lästerte, dann zögerte Vinz nicht, stellte ihn zur Rede und wurde, zur Not, auch handgreiflich. Die Lehrer sahen über derlei Prügeleien großzügig hinweg und wer schlau war, hielt die Klappe. Obwohl Vinz die freie Auswahl hatte, war er mit Bert, Tonia und Falco befreundet, seit sie sich in der Grundschule kennengelernt hatten. Vinz hatte viele Bekannte, aber nur diese drei zählte er zu seinen Freunden. Er hatte einige Geschichten mit Mädchen gehabt, aber längst nicht so viele, wie er hätte haben können. Die meisten Gerüchte, die diesbezüglich über ihn kursierten, waren erfunden. Vinz kümmerte das nicht weiter, denn er hatte einen Traum. Ein Ziel, das er verfolgte, seit er elf war. Er wollte sein eigenes Restaurant. Etwas mit Stil. Etwas mit kreativem Anspruch. Und er wollte kochen. Er kochte seit seinem neunten Lebensjahr. Mit Leidenschaft.

Nach dem Abitur war er der einzige, der einen Plan verfolgte, alle anderen schienen im Nichts zu schwimmen, klebten fest im Sirup des Möglichen und kamen nicht von der Stelle.

Allein Vinz mietete sich bereits einen Tag nach dem Abschluss ein winzig kleines Zimmer in Köln und klapperte die besten Restaurants der Stadt ab. Da ihm eine Lehre nicht schnell genug ging und er es gewohnt war, zu bekommen, was er wollte, ging er einfach zu den Küchenchefs, bot sich als Mädchen für alles an und wollte dafür nicht bezahlt werden, sondern den Maitres nur ab und zu über die Schulter gucken. Nicht alle Spitzenköche, aber zwei von ihnen ließen sich darauf ein und es dauerte nicht lange, bis Vinz sie um seinen Finger gewickelt hatte, denn er schien immer überall gleichzeitig zu sein - sein Timing war nachgerade unheimlich. Zwischendurch kellnerte er noch in Studentenkneipen, um sein Zimmer bezahlen zu können. Und er lernte. Er saugte alles auf, was er zu sehen bekam und ab und zu ließen sie ihn sogar kochen. Tief beeindruckt von seiner Sensibilität für Gewürze und seinem Gespür für ungewöhnliche Geschmackskombinationen, boten ihm alle beide eine richtige Lehre an. Vinz lehnte alle beide ab.

Er hatte seinen Plan und von dem wich er nicht ab. Drei Jahre hielt er durch. Drei Jahre schrubbte, ackerte und plagte er sich, dann war er physisch und psychisch am Ende.

Doch er war ebenso bereit. Die Zeit war reif. Er brauchte nur noch ein paar Mitstreiter und eine davon wohnte immer noch in dem Dorf, in dem sie gemeinsam aufgewachsen waren. Also kehrte er zu seiner Mutter zurück, schlief zwei Tage und Nächte lang durch und ging dann schnurstracks zu Tonia, um mit ihr über seinen Traum zu sprechen. Danach ergab sich alles wie von selbst.

Es war fast schon zu einfach gewesen.

Jetzt schnitt Vinz eine Vanilleschote der Länge nach mit einem Kai Shun Allzweckmesser auf, das er manchmal sogar in einer ledernen Scheide bei sich trug, die seine Mutter ihm geschenkt hatte, kratzte mit der stumpfen Seite des Messers das Mark der Vanille heraus und roch genussvoll daran. Der runde, herbe, etwas rauchige Duft durchdrang seine Nasennebenhöhlen wie ein weicher Hochflorteppich.

„Hmmm. Merkt euch bitte eines, meine Herren: Ein Mann, der nichts von Nachspeisen versteht, hat keine Chance, bei den Ladys zu punkten."

Mit seiner linken Hand wedelte er sich erneut den Duft der Schote in die Nase.

„Dieser Geruch haut einen echt um. Wusstet ihr, dass man sich früher mit Vanillemark eingerieben hat, wenn man jemanden verführen wollte. Ein spitzenmäßiges Aphrodisiakum. Ich gestehe, ich hab' s auch mal versucht. Hat allerdings nicht geklappt. Wahrscheinlich habe ich einfach die falschen Körperteile eingerieben."

Die Männer lachten amüsiert. Vinz ließ seinen Blick über das Interieur schweifen. Ihm war vorher nie wirklich aufgefallen, wie erbärmlich hier alles aussah. Die abgenutzten weißen Stehtische, der Glückspielautomat an der hinteren Wand, der seit anderthalb Jahren kaputt war und keinen Mucks von sich gab, der Mülleimer aus hellblauem Plastik, der sein trauriges Dasein hinter der Theke schon mehr als zehn Jahre fristete und die alte Fritteuse, der Grill - all das war irgendwie traurig. Aber es war penibel sauber, darauf achtete seine Mutter peinlich und das Essen, das sie servierte, war tatsächlich schmackhaft, ihre Frikadellen waren sogar eine Offenbarung, aber das änderte wenig daran, dass es sich um einen primitiven Imbiss handelte, in dem hauptsächlich Pommes Frites verzehrt wurden. Einmal mehr schwor Vinz sich, seiner Mutter einen langen Urlaub der Luxusklasse zu spendieren, sobald er das erste Geld auf dem Konto hätte. Dann würde sie vielleicht endlich den Geruch des Frittenfetts los, der sich in all den Jahren in ihre Haut und Haare hineingefressen hatte und auch durch tägliches Haarewaschen und Duschen nicht weg zu schrubben war. Er wusste, wie sehr sie darunter litt, wie sehr es ihr jeden Tag ihre klägliche Existenz bewusst machte, die sie nur in der Hoffnung ertrug, ihrem Sohn einmal ein besseres Leben bieten zu können. Und er würde den Teufel tun und sie enttäuschen.

Vinz warf die Vanilleschote nebst ausgekratztem Mark in einen Topf mit Milch und drehte sich herum, um aus dem kleinen Backofen hinter sich ein goldbraunes, knuspriges, perfekt aussehendes Brathähnchen zu ziehen, dessen buttriger, würziger Geruch für einen Moment die fettgeschwängerte, heiße Luft des Imbiss überlagerte und sie auf einfache Art verfeinerte.

„Guckt euch das an! Ich mache euch einen Vorschlag: Jeder hier darf probieren, umsonst, aber wenn's euch schmeckt, dann will ich euch jeden Abend in meinem Restaurant sehen!"

Er erntete beifälliges Gemurmel und begann das Hähnchen auf Plastikteller zu verteilen.

„He, he! Finger weg von meiner Kundschaft!" rief seine Mutter scherzhaft stibitze sich ein Stück weißes Fleisch vom Hähnchen und steckte es sich genüsslich in den Mund.

Als sie strahlte, wusste Vinz, dass es gelungen war. Seine Mutter war schon immer seine schärfste Kritikerin und seine erste Lehrmeisterin in der Küche gewesen. Sie wusste weit mehr über die hohe Kunst des Kochens als es den Anschein hatte. Auch sie hätte es zur Spitzenköchin bringen können, wenn die Dinge in ihrem Leben anders gelaufen wären.

Waren sie aber nicht.

Ein Geräusch lockte Vinz' Blick durch das Fenster auf vier Teenager, die draußen den Plastikpinguin mit der Menükarte vor dem Imbiss traten und boxten. Offensichtlich ganz erpicht darauf, einander zu zeigen, wie cool und furchtlos sie waren. Vinz klopfte heftig an die Scheibe und die vier guckten, im ersten Moment erschrocken, zu ihm auf. Dabei verwandelten sich ihre Gesichter, eben noch Spiegelbilder von Renitenz und Provokation, in die von vier kleinen Kindern, die mit großen Augen und offenen Mündern beim Naschen von verbotener Schokolade erwischt worden waren. Doch der Schreck währte nicht lange. Vinz verscheuchte sie mit einer energischen Geste und die vier Teenager zeigten ihm unisono den Mittelfinger. Besonders ein Mädchen mit langen blonden Haaren, Stupsnase, Zahnlücke und einer roten Kappe schien wenig beeindruckt von Vinz' Autorität. Ihre drei Freunde zogen sie sie schließlich mit sich fort.

Einer der Gäste, ein Bauarbeiter mit Schmerbauch und kunstvollem Schnäuzer, ließ unterdessen Unmengen an Salz über das Hähnchen rieseln.

„Helmut, was zum Henker machst du denn da? So schmeckst du doch gar nichts mehr!" entfuhr es Vinz.

Helmut zuckte nur die Achseln und stopfte sich dann das Hähnchen in den Mund.

„Marlene, ich brauch hier dringend noch was Ketchup!" brummte er an Vinz' Mutter gewandt.

Vinz entgleisten die Gesichtszüge.

„War nur 'n Spaß, Kleiner. Ist lecker! Wirklich richtig gut."

„Hast du auch nur einen Moment daran gezweifelt, dass es perfekt ist?" fragte Marlene ihren Sohn lächelnd.

Vinz legte scherzeshalber seine Hände um den massigen Hals Helmuts und tat so, als würgte er ihn. Der machte den Spaß mit, verdrehte die Augen und streckte die Zunge heraus. In dem Moment betrat Falco den Imbiss, die Tasche mit der Videokamera in Händen. Er begrüßte Marlene höflich und nickte Vinz dann zu, der sich sofort die Schürze vom Leib zerrte, seiner Mutter einen Kuss auf die Wange drückte und zusammen mit Falco den Imbiss verließ.

Draußen empfing die beiden die vibrierend frische Luft des Frühsommers. Riesige Wolkenfetzen fegten über den Himmel, der Wind hatte wieder zugenommen.

„Ist mit dir alles ok?" fragte Vinz nach einem Blick auf Falco.

Falco zögerte einen Moment. Er hätte gerne mit seinem Freund über die Sache mit Ludwig gesprochen, aber er wollte die Stimmung nicht versauen. Heute war ein wichtiger Tag. Sie hätten später noch genug Zeit, über Ludwig zu lästern.

„Alles bestens!"

Vinz sah nicht überzeugt aus, ließ es aber auf sich beruhen. Er wusste, dass man Falco nicht drängen durfte.

„Sag mir lieber, wie es deiner Mutter geht. Sie sah ziemlich fertig aus", sagte Falco.

„Sie macht sich einfach Sorgen, ob auch alles so klappt, wie wir uns das vorstellen. Du kennst sie doch", erwiderte Vinz.

Das tat Falco. Im Gegensatz ihrem Sohn, der sich nie um irgendetwas zu scheren schien, war Marlene ein Sorgenbündel. Besonders, wenn es um ihr einziges Kind ging. Die Liebe zwischen den beiden war etwas sehr besonderes, fand Falco. Bedingungslos. Früher war er deswegen oft eifersüchtig gewesen und auch heute verpasste es ihm manchmal noch einen Stich, aber er konnte jetzt besser damit umgehen.

„Ist sie da?" fragte Vinz und spürte, wie die Aufregung ganz plötzlich Besitz von ihm ergriff.

„Erholt, bestens gelaunt und für alle Schandtaten bereit!" erwiderte Falco und grinste breit.

Die beiden teilten einen komplizenhaften Blick und in Falco glomm Bedauern auf, dass er nicht Vinz zu seiner Familie zählte, sondern den bescheuerten Ludwig. Er hätte das Geld und die Privilegien, die ihm seine Familie geboten hatten sofort dafür eingetauscht, ein Teil von Vinz' Familie zu sein, ein Teil dieser Liebe zu sein.

„Was ist das?" fragte Vinz und deutete auf die Videokamera.

„Ein Geschenk von meinem Bruder", erwiderte Falco und fügte auf Vinz' skeptischem Blick hinzu, „Er weiß nur noch nichts davon."

Vinz lachte und schlug seinem Freund kräftig auf die Schulter.

„Verstehe!"

Das reichte schon. Es reichte, um Falcos Herz ein Stück leichter werden zu lassen.

Tonia

Tonia hatte dem Volvo-Kombi ihrer Eltern noch lange nachgesehen, als er Richtung Schwarzwald davongefahren war, solange bis dessen Rücklichter nur noch zwei glühende Punkte in der Ferne waren, die eine Weile im Nichts zu schweben schienen und dann erloschen. Das war gestern Abend gewesen. Und noch heute versuchte sie das Bild aus ihrem Kopf zu merzen, wie ihr Vater ihr mit seiner linken Hand einen letzten Abschiedsgruß geschickt hatte. Warum hatte er ausgerechnet die Linke dafür benutzen müssen, dachte Tonia. Die Hand war noch immer verbunden, nachdem ihm vor drei Wochen Zeige- und Mittelfinger amputiert worden waren. Der Diabetes forderte langsam seinen Tribut. Und so würde es auch weitergehen, wenn ihr Vater nicht mit dem Trinken aufhörte.

„Warum soll ich aufgeben, was mir neben dir und deiner Mutter am meisten bedeutet?" erwiderte er jedes Mal stur, wenn Tonia ihn anflehte, endlich den Alkohol zu meiden, oder zumindest zu reduzieren. „Wenn du das, was du tust, nicht mit Leidenschaft tust, dann lass es lieber gleich" pflegte er hinzuzufügen, wenn Tonia oder ihre Mutter ihm widersprechen wollten.

Tonia bewunderte ihren Vater im Stillen für diese Hingabe, auch wenn sie sich große Sorgen um ihn machte und Angst hatte, ihn zu früh zu verlieren. Ihre Mutter hingegen betrachtete die Lage weitaus nüchterner. Sie hielt das Gerede über Leidenschaft nur für die Ausrede eine Alkoholikers, nicht mit dem Trinken aufhören zu müssen. Auch wenn sie in diesem Fall sicher recht hatte, so war Tonia der verklärende Blickwinkel ihres Vaters schon immer näher gewesen. Wenn man sich dem Wein mit Leib und Seele verschrieben hatte, so wie er, dann war es gar nicht anders möglich, als in jedem Tropfen eine neue Welt zu entdecken. Das war das Geheimnis eines guten Weines. Er erzählte eine Geschichte. Er flüstert dir zu, auf welchem Boden er gewachsen war, wie viel Wind und Sonne er genossen hatte, ob er gut behandelt worden war, verzärtelt und gehätschelt, oder ob man ihm Gewalt angetan hatte. Wollte man einen guten Wein wirklich begreifen, so musste man seiner Geschichte lauschen und bereit sein, sich mit ihm auf eine Reise zu begeben, ganz egal, wohin sie einen bringen würde. Genau wie bei einem guten Freund. Alle Sinne waren dafür nötig.

Nicht jeder war dafür gemacht, aber Tonia hatte dieses Talent von ihrem Vater geerbt. Schon mit zwei Jahren hatte sie zwischen all den Flaschen im Weingeschäft gespielt und nie auch nur eine einzige davon zerbrochen, obwohl sie ein ungestümes kleines Mädchen gewesen war. Ihre Mutter hatte es gar nicht gerne gesehen, als sie sich für den gleichen Weg entschieden hatte wie ihr Vater. Tonia war eine gute Schülerin gewesen, sie hätte alles Mögliche machen können, Ärztin, Anwältin, Journalistin, aber Tonia interessierte all das nicht. Wein, das war Poesie und Rausch, Abenteuer und Sinnlichkeit. Welcher andere Beruf hätte ihr das schon geben können? Ihre Mutter verstand das nicht. Sie unterteilte Weine schlicht in die Kategorien mögen und nicht mögen. Ihr Vater hatte ihr einmal erklärt, wieso das so war. Es gäbe nun mal Menschen, die es liebten zu tanzen, anmutig über das Parkett schwebten und solche, die es hassten und zwei linke Füße hätten. So ähnlich verhalte es sich auch mit dem Wein. Tonia und er seien Tänzer und ihre Mutter könnte allenfalls unter großer Anstrengung den Takt halten.

Tonia schwang sich auf ihr Fahrrad. Die Luft roch würzig und verheißungsvoll und glitt über ihren Körper hinweg wie ein einziger kühler Atemhauch. Sie spürte, wie die Aufregung an ihr empor kroch, spürte das feine Lodern. Jetzt war es bald soweit. Die Schufterei der letzten Wochen zahlte sich endlich aus. Das Leben, ihr Leben, konnte beginnen. Es war, als fügte sich mit einem Mal alles zusammen, als wären die Puzzleteilchen, die im Laufe der Jahre seit ihrer Geburt entstanden waren, nun ineinander verzahnt und ergäben endlich ein wundervolles Bild, das hier und da noch verfeinert werden konnte, aber das im Großen und Ganzen schon ziemlich perfekt war.

Die letzten Meter zum Restaurant legte Tonia einen Sprint hin, der sie kräftig ins Schwitzen brachte. Sie barst vor Energie, obwohl sie wenig geschlafen hatte in den letzten Tagen. Die Endorphine des Schlafentzugs tobten in ihren Adern, alles schien in einem Wirbel aus bunten Farben zu verschwimmen, der sie mit sich in die Tiefe riss, nur um sie kurz darauf wieder nach oben zu schleudern und mit einem verschmitzten Lächeln ganz sanft ans Ufer zu spülen.

Tonia passierte das verrostete Tor am Beginn der Auffahrt, dessen geöffnete Flügel schief in den Angeln hingen, als hätten sie zu viel getrunken und würden nur von den Brombeerbüschen gehalten, die wild hinter ihnen wucherten und sie eifersüchtig mit ihren dornigen Ärmchen an sich pressten. Als Tonia das mit dichtem Efeu bewachsene Haus aus der Jahrhundertwende erblickte, verlangsamte sie ihr Tempo. Sie wollte dessen Anblick genießen, das Kribbeln, das es ihr jedes Mal aufs Neue verursachte.

Es war ein graues zweistöckiges Haus, schlicht und breit mit hohen Fensterfluchten, die von türkisfarbenen Holzläden gesäumt wurden, deren Farbe großflächig abblätterte. Die Eingangstür war in dem gleichen Türkis gestrichen und zwei steinerne Treppen führten rechts und links zu ihr hinauf. Es war ein Haus, das offen und ehrlich da stand, nichts verbarg, sich nicht versteckte hinter Zierrat und Schnickschnack, sondern klar und konkret seine Existenz preisgab, nach dem Motto: Du bekommst, was du siehst. Tonia hatte es auf Anhieb gemocht. Es war perfekt für ihr Restaurant und das, was sie damit vorhatten. Es hatte sich so nahtlos in ihre Traumvorstellung eingefügt, dass es fast unheimlich war und sie eine Gänsehaut bekommen hatte, als sie es zum ersten Mal erblickte. Wie bei einem Déjà-vu. Damals war es ihr vorgekommen, als hätte das Haus auf sie gewartet, wie ein Hund, der plötzlich und unverhofft aus einer Hecke am Straßenrand schwanzwedelnd auf einen zugelaufen kommt und sich auf den Rücken wirft, alle Viere von sich gestreckt, damit man ihm den Bauch krault.

Sie stellte ihr Fahrrad ab und schlug die Fensterläden im Erdgeschoss zurück, dann öffnete sie mit ihrem Schlüssel die Tür, die sie weit offen stehen ließ, um die wunderbar klare Sommerluft hineinzulassen. Hastig stellte sie die Alarmanlage ab und sah sich dann einen innigen Moment lang um. In ihrem Leben hatte sie bis jetzt selten das Gefühl von Stolz gehabt, aber nun wallte es in ihr auf und füllte sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen aus. Sie hatten alle vier so viel Mühe und Liebe in dieses Haus gesteckt und das konnte man sehen.

Der massive Lärchenholzdielenboden sorgte für Wärme und Leichtigkeit und darauf hatten sie bei ihrer Innenausstattung aufgebaut. Die Bar im hinteren Teil des 160 Quadratmeter großen Raumes war mit pastellfarbenen Leuchtplatten bestückt und spiegelte das Gefühl von Schwerelosigkeit perfekt wider. Die groben Holztische aus europäischem Nussbaum standen in angenehmem Kontrast zum Stuck an den hohen Decken und harmonierten mit dem Herzstück des Raumes - einem offenen Kamin, vor dem weichlederne Sessel standen, und jene einluden, gemütlich auf ihre Tische zu warten, die nicht auf den stelzenhaften Barhockern Platz nehmen wollten. Gekrönt wurde der Raum durch einen opulenten Glaslüster, den Tonia gegen den Widerstand der Jungs durchgesetzt hatte und sie am Ende restlos überzeugte. An den Wänden hingen großformatige Fotos, die das Thema Essen variierten. Es gab luftige Schokoladensoufflees, klebrig glänzende Karamellskulpturen, leuchtende Obstteller, saftige Braten und geschmeidige Spagetti, die in Tomatensauce badeten. Dezente Wandleuchten verströmten ein warmes, diffuses Licht wie Kerzenschein, das Ecken und scharfe Kanten milderte und Allem den Anschein von duftiger Zuckerwatte und zarten Regenbögen verlieh. Ein Raum, der zum Träumen einlud, zum Essen, Trinken, Flirten und Schwelgen.

Es war ganz so wie Tonia es sich von Anfang an vorgestellt hatte. Sie alle. Sie waren bis zu diesem Punkt Arm in Arm im rhythmischen Gleichklang voran geglitten wie sie früher auf ihren alten Schlittschuhen über den zugefrorenen See im Park geglitten waren. Wenn einer gestrauchelt war, fingen sie ihn auf, wenn jemand hingefallen war, fielen sie mit ihm und richteten sich dann lachend gegenseitig wieder auf, mit verrutschten Mützen und eisfleckigen Hintern. Sie waren eine grandiose Kür gelaufen. Jetzt musste es einfach nur so weitergehen.

Links neben der Bar führte eine Schwingtür mit Bullauge zur Küche, rechts neben der Bar befand sich die weißgestrichene Kellertür, die sich nahezu unsichtbar in die Wand einfügte, sodass Tonia unauffällig verschwinden konnte, wenn sie Getränke-Nachschub holen musste. Das war in ihren Augen das einzige Manko - sie musste vor den Augen der Gäste in den Keller laufen. Die anderen fanden das nicht weiter wichtig, aber für Tonia war es so, als sähe ein Filmzuschauer im Kino plötzlich den Kameramann vor der Linse seiner eigenen Kamera, der irgendwas justieren musste. Die Illusion einer anderen, einer besseren, Realität wäre dahin, die Traumfäden wurden rüde gekappt und der Gast war einen nüchternen Moment lang auf sich selbst zurückgeworfen. Sie übertriebe maßlos, hielt Falco ihrer Beschwerde entgegen, Bert verstand überhaupt nicht, was sie meinte und Vinz war es letztlich egal, da er sowieso den ganzen Abend in seiner Küche verbrachte und es ihn nur interessierte, dass dort alles reibungslos lief.

Tonia knipste das Licht an und lief die steile, knarzende Treppe zum Keller hinunter geradewegs in die muffige Kühle hinein, die ihr eine Gänsehaut verursachte. Überall standen selbstgezimmerte Holzregale, die Bert in langen Nächten gebaut hatte und waren gut bestückt mit Wein und Spirituosen. Ein großzügiges Geschenk von Tonias Vater, um ihnen den Anfang zu erleichtern. Er und Tonia hatten gemeinsam eine kleine, aber durchaus hervorragende Auswahl an Weiß- und Rotweinen getroffen. Etwas für jeden Geschmack und auch jeden Geldbeutel. Rosé gab es nicht. Weder Tonia, noch ihr Vater hatten sich je damit anfreunden können und ein gewisse persönliche Note musste das Restaurant ja hervorbringen - sowohl, was Vinz' Auswahl an Speisen betraf, als auch Tonias Angebot an Weinen. Sie waren der Überzeugung, dass gemütliche Gradlinigkeit mit einigen wenigen Verspieltheiten genau die Mischung war, die sie zum Erfolg führen würde und das spiegelte sich im Haus, im Interieur und in ihren Speisen und Getränken wider.

Nachdem Tonia zärtlich über die Weinflaschen gestrichen hatte, schnappte sie sich eine Flasche Rohrreiniger von einem an die Wand gedübelten Aluminiumregal, auf dem sich Putzlappen, Schwämme, Bürsten und Reinigungsmittel aller Art stapelten. Eine Putzfrau hatten sie noch nicht. Sobald sie den ersten Gewinn erwirtschaften würden, war sie aber die Erste auf der Liste von Leuten, die sie einstellen wollten. Noch vor der Küchenhilfe - darauf hatte Tonia bestanden, wusste sie doch sehr gut, dass die Jungs das Putzen ansonsten vertrauensvoll in ihre Hände legen würden, auch wenn sie in den letzten Wochen wirklich alle mit angepackt hatten und keiner der vier sich vor Arbeit gedrückt hatte, egal, wie diese aussah. Tonia war wirklich überrascht gewesen, wie reibungslos und konfliktarm die Renovierungsarbeiten abgelaufen waren. Jeder hatte dem anderen sein Hoheitsgebiet zugestanden, hatte Respekt und Distanz gewahrt, wo es nötig war und an den richtigen Stellen seine eigene Position vertreten, ohne dem anderen auf den Schlips zu treten. Wo Kompromisse gebraucht wurden, waren sie schnell gefunden worden und wenn die Stimmung doch mal zu kippen drohte, dann war immer einer in die Bresche gesprungen, hatte einen Scherz gemacht, Lacher geerntet und den drohenden Wetterumschwung verhindert. Wenn es jemand schaffen konnte, dann sie vier, das war Tonia im Laufe der letzten Wochen klar geworden und sie hatte all ihr anfängliches Zögern und ihre Sorgen, ein Erbe ihrer Mutter, einfach verbannt und sich voll und ganz in das Projekt gestürzt. Die Zukunft, ihre Zukunft, war mit jedem Tag sichtbarer geworden und sie schimmerte warm und einladend wie ein Stück edle Seide im Kerzenlicht.

Sie hastete die Treppe nach oben und schloss die Kellertür hinter sich ab. Warme Freude durchströmte sie, als sie den Essbereich des Restaurants durchschritt, die Schwingtür aufstieß und in die Küche trat, die ganz und gar Vinz' Reich war. Ein Traum in Chrom. Vieles davon hatten sie aus zweiter Hand erworben, aber dennoch hatte sie die Ausstattung einen Riesenbatzen Geld gekostet. Geld, das sie von ihren Eltern, ihren Ersparnissen und dem Erlös vom Verkauf von Falcos BMW hatten. Ihnen war allen nicht sonderlich wohl dabei gewesen und sie hatten anfangs gar nicht wirklich darüber nachgedacht, wie viel Geld sie für ihren Traum würden investieren müssen. Außer Vinz. Er hatte es gewusst und spürte dennoch nicht die Spur einer Unschlüssigkeit, kein trockenes Schlucken, als Falco und Tonia ihm und Bert die ersten Zahlen vorgelegt hatten. Vinz hatte sich die Zahlen angesehen, kurz genickt und war dann wieder an die Arbeit gegangen, während Tonia, Falco und Bert noch eine ganze Weile beieinander hockten, sich mit großen, fragenden Augen ansahen, hin und hergerissen zwischen der Hoffnung, einer von ihnen würde sagen, das alles sei eine schwachsinnige Idee und sie wären einfach noch nicht bereit für so eine Riesensache und jener, dass einer von ihnen das genaue Gegenteil verkünden würde und zwar mit der nötigen Verve und Zuversicht, damit das unstete Schwanken im Kopf endlich ein Ende hätte. Es dauerte geschlagene zwei Stunden, bis klar war, dass keiner von ihnen auch nur irgendetwas sagen würde. Keiner wollte die Verantwortung übernehmen und es am Ende schuld sein.

Und dann kam der Anruf von Helen. Er war das untrügliche Zeichen, das gute Omen, auf das sie alle drei gewartet hatten. Helen Montanus - gute Fee und Retterin.

Vinz und Tonia hatten das Haus entdeckt, in dem sie nun in wenigen Stunden ihr Restaurant eröffnen wollten, und die Besitzerin ausfindig gemacht. Eine zierliche, langhaarige Blondine mit herzlichem Lachen, traurigen Augen und einem Sinn für die Schönheiten des Lebens. Sie hatte sich ein paar Tage Bedenkzeit auserbeten, nachdem Tonia und Vinz ihr ihren Traum in allen Einzelheiten geschildet hatten, und dann doch schon nach 24 Stunden angerufen.

Tonia wurden die Knie weich, als Helen ihr am Telefon vorschwärmte, wie großartig sie die Idee, ihre Idee, fand. Doch Helen hatte noch mehr zu sagen und das war es am Ende, das jedweden Zweifel aus Tonias, Falcos und Berts Gehirn geblasen hatte. Da Helen zwei Tage später auf eine viermonatige Weltreise ging, hatte sie ihnen vorgeschlagen, ihnen den Schlüssel zu überlassen, damit sie schon mal mit den Renovierungsarbeiten loslegen konnten. Ihr Anwalt sollte in der Zeit, in der sie unterwegs war, den Mietvertrag aufsetzen.

„Ich würde euch eine Staffelmiete vorschlagen, die sich nach den ersten drei Monaten das erste Mal erhöht und im Dreimonatsabstand immer wieder, bis nach circa einem Jahr dann der volle Betrag fällig ist. So habt ihr ein bisschen Luft und müsst nicht in Panik geraten, wenn die ersten Wochen nicht so gut laufen."

Auch wenn Falco zunächst Helens Motivation in Frage stellte, da ihm reines Gutmenschentum seit jeher fragwürdig vorkam, so änderte er seine Meinung schnell, nachdem er sie persönlich kennengelernt hatte. Helen wollte das Haus bereits seit vielen Jahren renovieren lassen und dann vermieten oder verkaufen, aber es war nie dazu gekommen, sodass sie nun glaubte, das Schicksal hätte zugeschlagen und das Haus sich schlussendlich seine eigenen Mieter ausgesucht. Es warf schon seit so langer Zeit keinen Gewinn ab, dass die paar Monate mehr oder weniger auch nicht weiter ins Gewicht fielen.

Nachdem dies geklärt war, hatten sie sich mit Feuereifer in die Arbeit gestürzt, ihre Eltern und Verwandten um Geld und Sachspenden angebettelt, Demütigungen in Kauf genommen, Nächte durchgemacht, Schwielen gesammelt, sich die Köpfe heiß geredet und wie im Fieber agiert. Ein schwereloses Reiten auf einer sich aufbäumenden Welle, das Tänzeln auf ihrer Gicht, mit angespannten Körpern und frei schwebendem Geist.

Gestern erst war das Schild angekommen, das noch über dem Eingang des Restaurants angebracht werden musste und dann wäre alles fertig. Es lehnte an der freien Wand in der Küche neben der Tür, durch die Tonia jetzt hereingeeilt kam, die Flasche mit dem Rohrreiniger in der Hand. Das Chrom der Küche reflektierte die vorwitzigen Sonnenstrahlen und tauchte den Raum in ein einziges Lichterflirren, das Tonia in der Nase kitzelte.

Da kündigte ihr Handy eine SMS an. Sie kam von Falco:Hoffe, deinem Dad geht's gut und dir auch! Freu mich auf dich! Bis gleich. F.

Sie antwortete:Alles soweit ok. Bin aufgeregt. Freu mich auch. Tonia.

Dann lief sie schnurstracks auf das große Waschbecken zu und drehte den Wasserhahn auf. Gestern hatte sie bemerkt, dass der Abfluss verstopft war und sie wollte die Sache schnell regeln, bevor Vinz etwas davon mitbekam, denn sie wusste, wie penibel er war, wenn es um seine Küche ging. So anstrengend und zickig wie eine alternde Diva. Und Tonia wollte vermeiden, dass am heutigen Tag auch nur die Spur einer Missstimmung aufkam. Außerdem vermutete sie, dass mal wieder Bert an der Verstopfung schuld war, denn er kippte öfter Sachen in den Ausguss, die dort einfach nicht hineingehörten. Einmal hatte sie ihn dabei erwischt, wie er Reste einer Dose Klarlack so entsorgen wollte und sie hatte ihn im letzten Moment noch davon abhalten können. Bert war ein verdammt lieber Kerl, aber manchmal konnte er auch wirklich behämmert sein.

Das Wasser aus dem Hahn sammelte sich im Becken und lief nur sehr langsam ab. Tonia kippte den Reiniger in den Abfluss und kurz darauf schäumte er über und kleine schwarze Dreckpartikel quollen hervor, als drängten sie an die frische Luft in Freiheit, um ihrem Häscher zu entkommen. Ein ungesunder, scharfer Geruch drang ihr in die Nase. Tonia besah sich den Dreck genauer, konnte jedoch nicht identifizieren, um welche Art Substanz es sich handelte und ließ dann erneut das Wasser laufen. Dieses Mal floss es ungehindert ab und spülte den schmutzigen Schaum weg, hinunter in den dunklen, stinkigen Kanal. Zufrieden verstaute sie den Rohrreiniger im Schrank unter der Spüle. Wer wusste schon, wozu sie ihn noch würde brauchen können.

An den weißen Wänden hingen gerahmte Fotos vomMercat de la Boqueria, dem berühmten Markt in Barcelona, die Tonia vor drei Jahren, als sie mit ihrem Vater dort ein paar Tage Urlaub gemachte hatte, geschossen hatte. Getrocknete Früchte, knallbunte Süßigkeiten, Schalentiere aller Art, pralles Gemüse, frischglänzender Fisch, würzige Schinken - dort gab es alles, was das kulinarische Herz glücklich stimmte. Die Fotos gaben der sterilen Küche einen anheimelnden Anstrich, ebenso wie das Küchenradio in der Ecke und der riesengroße, zehn Kilo schwere Schinken, den Vinz, inspiriert von einem der Fotos, extra für die Eröffnung bestellt hatte und der nun an einem Fleischerhaken von der Decke baumelte. Sein rauchiges Aroma hatte sich in der ganzen Küche ausgebreitet und Tonia schloss für einen Moment die Augen, um der Versuchung zu widerstehen, sich ein Stück davon abzuschneiden und in den Mund zu stopfen. Ihr war flau vor Hunger, denn sie hatte in den letzten Tagen nicht viel gegessen. Nicht, dass sie das so schlimm fände, denn ein paar Kilo weniger würden ihr sicher gut stehen, aber sie merkte doch, dass sie langsam an ihre körperlichen Grenzen gekommen war. Nur noch zwei Tage, dachte sie seufzend, dann ginge der Restaurantbetrieb los. Sie warf einen letzten sehnsuchtsvollen Blick auf den Schinken und hörte im gleichen Moment den Motorenlärm eines Motorrads. Neugierig rannte sie nach draußen.

Kirsten

Die Sonne schien grell und ungetrübt und Tonia musste die Augen zusammenkneifen, um etwas erkennen zu können. Sie hatte richtig gehört - das Motorengeräusch gehörte zu einer Motorradstreife. Ein Polizist in voller Montur, die über und über mit feinem Staub bedeckt war, schob das Motorrad nun fast geräuschlos die Auffahrt zum Restaurant hoch. Auf dem Visier des Helms konnte Tonia ihr eigenes verzerrtes Konterfei erkennen, das ihr mit einem schrägen Blick entgegensah und misstrauisch dreinblickte. Dann zerrte sich der Polizist den wuchtigen Helm vom Kopf und eine 28jährige Schönheit kam zum Vorschein, deren schmales sommersprossiges Gesicht und kurzes dunkelrotes Haar auf den ersten Blick so gar zu der restlichen Kluft und dem schweren Motorrad passen wollten. Doch sie hatte bei näherem Hinsehen einen fast brutalen Zug um den Mund, der einen stutzig und instinktiv vorsichtig machte. Etwas, das Tonia zunächst entgangen war, als sie einander vor ein paar Tagen in einem Club kennengelernt hatten.

Tonia hatte male einen Abend Pause von den Jungs gebraucht. Sie und Falco waren sich in der Zeit des Renovierens näher gekommen, ein erster Kuss nach einem langen Tag, erhitzte und erschöpfte Gemüter, die zueinander fanden, ohne es so richtig zu begreifen und dann schließlich auch Sex. Das Wälzen auf verstaubten Holzdielen und den Fetzen der gerade angebrachten Tapete, klebrige Hände an Tonias Körper, der Geruch von Farbe, Papier und frischem Männerschweiß. Es war spontan und sehr sinnlich, es war reiner, guter Sex gewesen und Tonia stellte erstaunt fest, dass sie und Falco einander körperlich blind zu verstehen schienen. Erst danach setzte das Denken wieder ein, mit roten Wangen und zerzausten Haaren, war ihr plötzlich bewusst geworden, dass dies vielleicht ein Riesenfehler gewesen war. Etwas, das alles zum Einsturz bringen könnte. Immerhin war der Plan, die nächsten Jahre gemeinsam ein Restaurant zu betreiben und wenn es zwischen ihnen beiden nicht funktionieren sollte, dann würde das die Situation unnötig verkomplizieren und das war noch euphemistisch formuliert. Auch Falco hatte offenbar darüber nachgedacht, aber dann waren sie übereingekommen, es einfach zu versuchen - ganz locker, ohne festgezurrte Absichten und darauf konnten sie sich beide einlassen. Auch Vinz und Bert schienen damit einverstanden zu sein, obwohl Tonia wusste, dass Bert schon seit ihrer Schulzeit in sie verliebt war. Aber genauso wie Tonia nie eine Chance bei Vinz gehabt hatte, so wusste Bert, dass er in diesem Leben nicht mehr mit Tonia zusammenkommen würde, außer in einem freundschaftlichen und sehr platonischen Sinne.

An jenem Abend aber war Tonia noch einmal schmerzlich bewusst geworden, dass sie mehr für Vinz empfand als sie sich eingestehen wollte. Es war der Abend, an dem Vinz seine derzeitige Freundin, Nina, nach Amerika verabschiedete, wo sie ein Au-pair-Jahr verbringen würde. Wie alle Beziehungen, die Vinz bis dato geführt hatte, so war auch diese nicht von einem ernsthaften Bindungsbedürfnis geprägt. Doch es war das erste Mal, dass Vinz sozusagen verlassen wurde, auch wenn es sich nur um eine Trennung auf Zeit handelte. Eine neue und überwältigende Erfahrung für Vinz, die ihn das erste Mal in seinem Leben zu einem Liebesschwur hingerissen hatte, der ihn selbst überraschte. Er hatte Nina versprochen, auf sie zu warten und von ihr das gleiche verlangt. Erstaunt und erfreut hatte Nina sich auf dieses Versprechen eingelassen und der Rest des kleinen Abschiedsfest war in wehmütiger und absurd romantischer Stimmung verlaufen, die Tonia Übelkeit bereitet und sie in die Nacht hinausgetrieben hatte. Sie hatte Falco einen flüchtigen Kuss auf die Wange gedrückt und ihm erzählt, sie wäre hundemüde und wollte endlich mal wieder ausschlafen, dann war sie ziellos durch die Gegend gestromert und schließlich in dem einzigen Schuppen in der Gegend gelandet, in dem man einigermaßen gut tanzen und vor allem ganz passable Cocktails trinken konnte.

Das fiebrige Flackern des Stroboskoplichts und der warme Nebel des Alkohols hatten sich wie eine angenehm schwere Decke auf ihre flatternden Gedanken gelegt und sie beruhigt. Schon bald hatte sie die dröhnende Musik mit sich gerissen und sie tanzte in bunter Schwerelosigkeit inmitten zuckender Leiber wie in einem lebendigen Mandala und vergaß, was sie vergessen wollte. Farben verschwammen und liefen ineinander, um sich dann wieder ganz neu zusammenzusetzen, als blickte sie durch ein Kaleidoskop. Und plötzlich war Kirsten da gewesen und bewegte sich vollkommen synchron im Rhythmus des hämmernden Beats. Ihre Körper hatten ganz einfach zueinander gefunden, sich im selben Takt gewunden und schienen zu verschmelzen. Tonia konnte nicht denken, wollte es auch nicht, in ihrem Kopf nur trudelnde Leere, süß und verführerisch und wohltuend. Und dann hatten sie sich geküsst. Ein warmer, unendlich sanfter Kuss, der Tonia an Karamelltee erinnerte.

Am nächsten Morgen hatte sie kaum noch gewusst, wie sie in ihr Bett gekommen war. Erst als sie einen Zettel mit Kirstens Namen und Nummer und der Aufforderung, sie anzurufen, egal, ob Tag oder Nacht, in ihrer Jeans fand, dämmerte ihr, dass diese Begegnung mehr als nur ein psychedelischer Traum gewesen war. Sie hatte den Zettel zerknüllt und in den Müll geworfen. Nachdem sie ihren Kaffee getrunken und zwei Kopfscherztabletten genommen hatte, war Kirsten vergessen und das nächtliche Erlebnis für sie abgeschlossen. Offenbar jedoch nicht für Kirsten, die zwölf Nachrichten auf Tonias Handy hinterließ. Tonia konnte sich nicht erinnern, Kirsten ihre Nummer gegeben zu haben, aber der ganze Abend erschien ihr nun wie ein undeutlich gemaltes Wimmelbild, auf dem nur ganz wenige Details scharf und erkennbar waren. Sie hoffte inständig, Kirsten sonst nichts Persönliches erzählt zu haben. Die Nachrichten löschte sie kurzerhand und ging davon aus, dass Kirsten sich, allein um ihrer selbst Willen, nicht mehr melden würde.

Doch da stand sie nun in ihrer Uniform und war zu allem Überfluss auch noch ein Bulle. Tonias innere Stimme fragte hektisch und ohne Unterlass, wie sie die ganze Angelegenheit deichseln könnte, ohne Kirsten zu verletzen und Falco von ihrem, nun, Ausrutscher, erzählen zu müssen.

„Ausgerechnet heute", dachte Tonia und zwang sich zu einem Lächeln. „Hi, Kirsten! Was machst du denn hier?"

Kirsten grinste schief und fuhr sich durch ihr verschwitztes Haar. Eine Verlegenheitsgeste, die Tonia noch mehr beunruhigte.

„Ich wusste gar nicht, dass du ein... eine Polizistin bist", stammelte Tonia und wischte sich ihre Hände am Hintern ab, obwohl nichts darauf war, was man hätte abwischen können.

Kirsten machte ein verschwörerisches Gesicht und lachte.

„Bulle. Du kannst ruhig Bulle sagen, das mache ich auch."

„Woher wusstest du, dass ich hier bin?" fragte Tonia, unsicher, ob das nicht zu forsch klang.

Kirsten war ein paar Schritte zur Seite getreten und musterte das Haus von oben bis unten. Offenbar gefiel ihr, was sie sah.

„Wirklich sehr schön. Du hast mir so viel davon vorgeschwärmt, da hab ich mir gesagt, Kirsten, das musst du dir selbst mal ansehen. Außerdem hast du nicht auf meine Anrufe reagiert, also - hier bin ich."

Sie gab ihrer Stimme ganz bewusst einen beiläufigen Ton, aber Tonia hörte, dass unter der zur Schau getragenen Gelassenheit, etwas anderes lauerte, das sie jedoch nicht richtig deuten konnte.

„Ich hatte hier jede Menge zu tun. Wir arbeiten wirklich rund um die Uhr, weil morgen die Eröffnung ist und alles andere in meinem Leben steht gerade auf dem Abstellgleis, bis ich wieder durchatmen kann", plapperte Tonia viel zu hastig und versuchte sich wieder in den Griff zu bekommen, während Kirsten immer noch wie gebannt auf die Fassade des Hauses starrte.

„Das dachte ich mir schon", erwiderte Kirsten freundlich und wandte sich Tonia jetzt zu.

Erleichterung lag in ihrem Blick, als sie Tonia fest in die Augen sah. Tonia schlug die Augen nieder, suchte händeringend nach etwas, um der Situation zu entkommen und fand das mit Staub und Schlammspritzern übersäte Motorrad, ging darauf zu und strich unbeholfen über das Lenkrad.

„Tolle Maschine!" sagte sie und kam sich dabei blöd vor.

Kirsten ließ sie nicht aus den Augen und nickte amüsiert.

„Find ich auch. Aber, ehrlich gesagt, bin ich nicht hergekommen, um über mein "Firmenfahrzeug" zu sprechen."