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Was treibt ein weltbekannter Aktionskünstler mit einer Motorsäge am Gartenzaun einer St.Galler Privatschule? Warum sitzt anstelle des Institutsgründers auf einmal ein toter Lehrer auf dessen Bronzesessel? Was machen Musikwissenschafterinnen mit Stoppuhren in der reformierten Kirche Teufen? Warum tischt ein ehemaliger Banquier Molekularküche auf? Und wie hängt das alles damit zusammen, dass die reichste Schülerin des Instituts Rosenhof auf einmal spurlos verschwunden ist? Das fragt sich nicht nur das Detektivduo Pippo und Lele aus Siena, sondern auch die Lehrerin und frühere Polizistin Petra Bissegger.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Das Institut Rosenhof gibt es nicht. Zwar komme ich bei meinen Spaziergängen oft an einem Institut vorbei, das einige äusserliche Ähnlichkeit mit dem Rosenhof aufweist. Und ich gebe zu, dass die dortige Atmosphäre durchaus zum vorliegenden Roman inspiriert hat. Die darin vorkommenden Personen und Vorgänge entspringen aber voll und ganz der Phantasie der beiden Autoren. Allfällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Geschehnissen, auch über den Rosenhof hinaus, sind rein zufällig.
Mein Mitautor Karl Elser ist Ende 2015 gestorben. Der Roman blieb längere Zeit liegen, bis ich ihn schliesslich zu Ende führte. Ich hoffe, die Endbearbeitung in Karls Sinn vorgenommen zu haben.
St. Gallen, Anfang 2019
Tobias Bauer
SONNTAG
Soziale Erziehung
Troubleshooting
Kröte und Mücke
Freundinnen
MONTAG
Süsswaren und Schuhe
Lavendel und Salbei
DIENSTAG
Alles rosa
Alles Leder
MITTWOCH
Maturastoff
DONNERSTAG
Barberi
Tortenschachtel
FREITAG
Rapimentoricatto
SAMSTAG
San Gallo
SONNTAG
Sonntagsgespräche
Sweet Home
MONTAG
Keine Skulptur
Ein Subaru aus Arezzo
Zu spät
DIENSTAG
Däumchendrehen
Weltprojekt
Sölzerli
MITTWOCH
Notfälle
Bronzesessel
Heiliges Kanonenrohr
Der Tanz der Ondaioli
Genesung
DONNERSTAG
Ermittlungen
Kooperation
FREITAG
Tango
Von Beethoven bis Bolcom
SAMSTAG
Notizen
SONNTAG
DREI WOCHEN SPÄTER
Bildungslücken
Personal
Ich bin am Ende der Welt, sono al fine del mondo! Wie das tönt. Wie gut das tönt! Gestern noch gefangen im Rosenhof, bedrängt vom Männchen, unter der Fuchtel der Wellauer und all der anderen Aufpasser. Immer mit der Angst, dass sie mein Geheimnis entdecken. Jetzt ein freier Mensch. Auf dem Reiterhof Dreilinden. Tre tiglios. Hab zwar keine Linden gesehen. Aber Hauptsache keine Rosen, keinen rosaroten Zaun. Nein, einen braun gebeizten Holzzaun. Und viele kleine stämmige Gebirgspferde. Haflinger heissen sie, zählen zu den Ponyrassen. Wie viel lieber sind sie mir als die hochgezüchteten überdrehten Vollblüter auf «Burro e Salvia». Madame Vuillemin, die Chefin auf dem Reiterhof, ist wie ihre Ponys, klein, stämmig und direkt. Heute Morgen nahm sie mich schon zum Reiten mit. Zuerst aber musste ich Stelvia striegeln. Die hat das richtig gern und hat immer wieder leise gewiehert vor Vergnügen. Ach, ich könnte auch wiehern. Ich weiss, jetzt wird alles wieder gut werden. Ich weiss noch nicht wie, aber hier werden sich meine Gedanken ordnen.
Als wir gestern Morgen losfuhren, hatte ich noch keine Ahnung, was dann alles passieren würde. Wir waren gerade in den Bus gestiegen, da flüsterte er mir zu, ob ich auch manchmal davon träume, einfach loszufahren und alles hinter mir zu lassen. Ich nickte nur. Als wir dann auf der Aussichtsterrasse standen, auf den Rheinfall guckten und er mich fragte, wo ich denn hingehen würde, musste ich keine Sekunde überlegen. Wie oft habe ich mein Plakat vom Reiterhof am Ende der Welt angeschaut und mich dorthin gewünscht. Er kenne diesen Reiterhof, sagte er dann, er habe auch Lust, einfach abzuhauen. Ob wir zusammen dorthin gehen wollten? Ich solle doch einfach auf dem Weg zum Restaurant sagen, ich hätte etwas auf der Aussichtsterrasse liegen lassen und müsse zurück. Er werde als Begleitperson mitkommen und für den Rest sei er besorgt.
Als wir dann zurückgingen, packte er mich beim Arm und führte mich Richtung Parkplatz. Dort stand sein zitronengelbes Auto, mit dem er manchmal unterhalb des Instituts parkiert. Wie das auf einmal dahin gekommen war? Er hatte ja seinen Entschluss auch spontan gefällt. Sagte er. Wie auch immer. Wir fuhren jedenfalls Richtung Ende der Welt. Zwischendurch kauften wir ein Picknick, das wir an einem See kurz vor dem Ende der Welt assen. Er erzählte, dass er Geldsorgen habe. Ich sagte ihm, das sei das einzige, das ich nie hätte. Und dann kam mir die Idee und ich schlug vor, er könne mein Abtauchen ans Ende der Welt ja verwenden, um von meiner Mutter Geld zu erpressen, als ob ich entführt worden wäre. Vielleicht hatte auch er die Idee zuerst. Wie auch immer. Warum auch nicht. Ich tauche ja irgendwann wieder auf. Und dann wird sich auch alles andere lösen. Und Mamma wird mich in die Arme schliessen. Und ein paar Millionen tun ihr überhaupt nicht weh. Wir haben wirklich mehr als genug.
Von meinem Problem habe ich ihm noch nichts erzählt. Werde ich machen, wenn sich alles ein bisschen beruhigt hat. Und jetzt habe ich ja auch richtig Zeit, um in Ruhe zu überlegen, was ich weiter machen soll. So, jetzt gehe ich nochmals bei meiner Stelvia vorbei. Gebe ihr einen Pferdamin-Würfel. Auch Pferden soll man nämlich keinen Zucker geben. Tut denen genau so wenig gut wie den Menschen. Aber die Luft hier oben tut den Pferden gut. Mir sicher auch. Am Ende der Welt beginne ich wieder zu atmen!
Otto R. Gittermann streckte sich. Genüsslich betrachtete er sein feistes Gesicht im Taschenspiegel, rückte seine knallgelbe Versacekrawatte zur Mitte und steckte den Spiegel wieder in seine Westentasche. Gleich würde der kleine Le-Cours-de-Lit antraben. Den hatte er gestern Abend um dreiundzwanzig Uhr noch in der Stadt unten gesehen. Nicht so gut für den kleinen François. Aber sehr gut für den grossen Otto Reinhard. Er streckte sich nochmals. Den kleinen Furz, welcher ihm entfloh, überhörte er geflissentlich. An der Tür klopfte es.
«Herein, immer nur herein.» Otto R. Gittermann setzte sich gerade hin. Bedrohlich, wie er fand. In seinen Salon trat ein schlanker junger Mann mit zu viel Wachs im Haar, zu vielen Pickeln im Gesicht und zu viel Gold an den Manschettenknöpfen. Und einer modischen Hornbrille mit dicken Brillengläsern.
«Sie haben mich rufen lassen, Monsieur le Président?»
«Ich habe dich rufen lassen, mein lieber François Le-Cours-de-Lit, in der Tat! Und du weisst auch warum, mein teurer François Le-Cours-de-Lit!»
«Weil Ihnen mein Wohl am Herzen liegt, Herr Präsident?»
«In der Tat, mein lieber François, weil mir dein Wohl am Herzen liegt. Ich will dich jetzt gar nicht fragen, was du gestern Abend in der Stadt unten gemacht hast, mein lieber François, das kann ich mir denken. Aber ich will von dir wissen, wie du die Bettenkontrolle im Internat ausgetrickst hast. Und dann will ich mich natürlich mit dir unterhalten, wie wir die Sache am besten regeln. Und all dies, da hast du recht, mein teurer François, weil mir deine soziale Erziehung, welche mir deine Eltern in die Hände gelegt haben, am Herzen liegt.»
«Nun, Herr Präsident, wenn ich Ihnen erklären würde, wie ich die Kontrolle ausgetrickst habe, würde ich mir aber ins eigene Fleisch schneiden. Wenn es einen Trick gäbe, dann würde ich ihn ja gerne wieder verwenden, nicht wahr?»
«Aha, auch noch frech! Man kann auch zu viel Selbstbewusstsein haben, junger Mann! Dein Problem ist, dass dies bereits der zweite solche Vorfall ist in diesem Semester. Und da du beim dritten Mal unweigerlich von der Schule fliegen wirst, ist dieses Mal ein Ultimatum fällig. Und darüber muss ich deine Eltern vorschriftsgemäss informieren. Du kennst die Schulordnung, kleiner François.»
François Le-Cours-de-Lit kannte die Hausordnung, wo auf 21 Seiten peinlich genau beschrieben war, was man alles nicht durfte im strengen Institut. Er überlegte sich, dass er sich während dieses Semesters tatsächlich keinen gleichen Vorfall mehr leisten könne und entschloss sich für das kleinere Übel.
«Nun, werter Herr Präsident, den kontrollierenden Hausmeister habe ich nicht bestochen, da können Sie beruhigt sein. Aber dass man mit Geld im Leben einiges erreicht, wissen Sie auch. Informationen beispielsweise kann man sich damit kaufen. Sagen wir mal, dass ich weiss, wer von Ihrem Kontrollpersonal wann ebenfalls im Ausgang ist. Und demzufolge wer bis wann spätestens den Kontrollgang hinter sich gebracht haben muss. Nachher ist die Nacht immer noch jung, wie man so schön sagt.»
Otto R. Gittermann lächelte innerlich. Das entwickelte sich prächtig. «Ich weiss deine Ehrlichkeit zu schätzen, François! Ich bin dafür, dass wir eine einvernehmliche Lösung finden. Die normale Busse für den Wiederholungsfall beträgt siebenhundertfünfzig Franken, zudem gibt es einen Eintrag. Das ist dir bewusst, François?»
«Siebenhundertfünfzig Franken sind Peanuts, das wissen Sie, Herr Präsident. Aber bedeutet der Eintrag auch Meldung an meine Eltern?»
«Und insbesondere an deine Grossmutter, François. Sie verwaltet dein Konto hier!»
«Herr Direktor, ich bitte Sie, das dürfen Sie nicht machen, dann sperrt sie mir das gesamte Taschengeld, ich bitte Sie! An meine Grossmutter darf keine Meldung gehen!»
Die Augen des kurzsichtigen François hatten sich erschreckt geweitet und wurden durch die dicken Brillengläser noch zusätzlich vergrössert. Otto R. Gittermann war natürlich auch nicht daran gelegen, dass dem jungen François Le-Court-de-Lit das Taschengeld gesperrt wurde.
«Und wie stellst du dir das vor, lieber François? Ich kann mich doch nicht gegen mein eigenes Reglement stellen!»
«Herr Präsident, und was ist mit dem Erneuerungsfonds? Keine Angst, davon wissen nur Suleiman Bahrami und ich. Und dabei soll es auch bleiben, fest versprochen!»
Während Otto R. Gittermann sein Gegenüber mit strengem Blick fixierte, schätzte er die Situation für sich ein. Hatten die beiden reichsten Schnöseljünglinge also bereits die Köpfe zusammengesteckt. Nun, dieses Risiko blieb überschaubar. Hoffte er wenigstens. Und diese Angelegenheit liess sich auch schnörkelfrei regeln.
«Ja, François, es gibt einen Erneuerungsfonds für dringende Auffrischungsarbeiten, welcher direkt dem Verwaltungsratspräsidenten untersteht, da bist du richtig informiert. Aber da gelten andere Buchungsrichtlinien und damit verdoppelt sich das Bussgeld. Hast du denn tausendfünfhundert Franken in bar dabei?»
«Wenn’s weiter nichts ist, Herr Präsident!» Der Kleine griff weltmännisch in seine Vestontasche, holte eine dunkelgrüne Brieftasche aus Schlangenleder hervor, zählte lässig fünf Zweihundertfrankenscheine und fünf Hunderter heraus und legte sie auf den Tisch.
Otto R. Gittermann schüttelte den Kopf und sagte: «Leg sie in die Chinalackschatulle hier! Nein, nicht in die kleine blaue, in die grosse schwarze! Und was lernst du daraus, lieber François? Und sag jetzt nicht, dass du dich nicht mehr erwischen lassen willst!»
«Dass ich mir Mühe geben will, dass Sie mit meiner sozialen Erziehung Erfolg haben werden, Herr Präsident! Einen schönen Sonntag noch, Herr Präsident! Auf Wiedersehen, Herr Präsident!»
Otto R. Gittermann streichelte die schwarze Chinalackschatulle auf seinem Schreibtisch und blickte betrübt zum Portrait an der Wand: «Tut mir leid, dass du dir das ansehen musstest, Papa!» Für einen kurzen Moment schien es ihm, als hätte der alte Gittermann leise geseufzt. Dann sagte der junge Gittermann zu sich: «Nun reiss dich aber zusammen, Otto Reinhard! Jetzt hast du eine Belohnung verdient!»
Er setzte seinen Samowar in Gang, öffnete die kleine blaue Chinalackdose und betrachtete diese und die darin enthaltenen beiden Zigaretten liebevoll. Wenn er eine kleine Prise vom weissen Pulver im Döschen in eine Tasse Tee rührte, dann würde er tatsächlich einen schönen Sonntag haben, so wie es der kleine Le-Cours-de-Lit ihm gewünscht hatte. Anderseits wäre er dann nicht mehr voll handlungsfähig. Und da heute der Teufel los war im Institut, war es wohl besser, wenn er jetzt nur eine kleine Dosis zu sich nahm. Eine Zigarette also. Gestern Abend hatte ihm die Wellauer nämlich eröffnet, dass eine Schülerin fehlte. Seit gestern verschwunden. Entführung nicht auszuschliessen. Das kleine Ferramoküsschen, die italienische Schokoladenprinzessin. Da war es wohl besser, wenn er von der Bildfläche verschwand, die Directrice hatte das auch ohne ihn im Griff. Und er konnte sich mit einem feinen Sonntagsmahl im Cembalo verwöhnen und gleichzeitig beim jungen Manser Nachschub für die kleine Chinalackdose besorgen. Taschengeld hatte er nun ja. Dachte sich’s und stopfte den Inhalt der grossen Chinalackdose in seine Westentasche.
Und so kam es, dass der Verwaltungsratspräsident der teuersten Privatschule der Schweiz, genüsslich eine Opiumzigarette rauchend, seinen rosaroten Rolls Royce Phantom von St. Gallen nach Teufen lenkte, während seine Directrice mehr als im Stress war.
Melanie A. Wellauer, die Directrice des Instituts Rosenhof, atmete ganz tief und fest. Gaaanz langsam und gaaaanz entspannt. Konzentrierte sich auf den Atem, spürte lediglich, wie sie einatmete und ausatmete, wie die Luft durch ihre Nasenflügel strömte, durch die Luftröhre in Lunge und Bauchhöhle floss, drin stehen blieb und wieder zurück strömte durch Luftröhre und Nasenflügel. Und Einatmen und einen kleinen Moment warten und Ausatmen und einen kleinen Moment warten und Einatmen und einen kleinen Moment warten und Ausatmen und ... Der Marimba-Alarm ihres Smartphones holte sie aus dem Atemland zurück. Nachdem sie den Alarm weggedrückt hatte, holte sie noch ein letztes Mal tief Luft. Sie stand auf, rollte die kleine Liegematte zusammen und verstaute sie im Wandschrank. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch, nahm ihre dort deponierten japanischen Haarstäbe, rollte ihre halblangen kohlrabenschwarzen Haare zu einer Schnecke, steckte die Stäbe genau im Winkel von 90 Grad zueinander durch die Schnecke und drückte schliesslich ihr Kreuz durch. Alles eine Frage der Haltung.
Haltung brauchte sie jetzt. Aber das war ihre Stärke. Als Petra Bissegger gestern Mittag angerufen hatte, Alice Sofia und Lehrerkollege Rastelli seien verloren gegangen, war sie schon sehr beunruhigt gewesen. Alice Sofia war eine MIP, eine Most Important Pupil. Davon hatten sie zwar ein Dutzend im Institut, aber Alice Sofia spielt in einer eigenen Liga. Einzig François Le-Court-de-Lit konnte ihr rein geldmässig das Wasser reichen. In Sachen Auftritt und Intellekt natürlich nicht. Während man mit François immer wieder seine Probleme hatte, war Alice Sofia so etwas von pflegeleicht. Zumindest bis vor kurzem. Leicht beunruhigende Anzeichen hatte es in letzter Zeit offenbar gegeben: Hang zur Apathie und Essstörungen. Dem musste sie noch nachgehen.
Und ganz allgemein, ein pubertierendes Mädchen – und das war Alice Sofia trotz ihrer Umgänglichkeit – konnte schon auf die Idee kommen, aus gewohnten Bahnen auszubrechen. Falls sie sich nun aus eigenem Antrieb abgesetzt hatte, was war dann die Rolle ihres Lehrers Rastelli? Eigentlich machte der einen guten Eindruck. War allerdings erst seit gut einem Jahr am Institut. Offenbar mit der Bissegger gut befreundet. Die zwei aber kein Paar. Der Rastelli ja ganz offensichtlich homosexuell. Was auch kein Problem war, wenn da nichts mit den Schülern lief. Und in der jetzigen Situation ganz klar beruhigend. Rastelli machte sich sicher nicht an Alice Sofia heran.
Wo aber waren die beiden? Möglichkeit eins: Alice Sofia und Rastelli waren einvernehmlich gemeinsam unterwegs. Wäre ihr die liebste Lösung.
Den Rastelli würde sie fristlos entlassen und mit Alice Sofias Eltern müsste sie ernsthaft sprechen. Aber keine gravierenden Folgen fürs Institut. Möglichkeit zwei: Alice Sofia war gekidnappt worden, Rastelli befand sich ebenfalls in der Gewalt der Kidnapper. Und hatte möglicherweise seinen Beschützerinstinkt mit seinem Leben bezahlt, im schlimmsten Fall. Schon sehr viel schlimmer für das Institut. Konnte seine Zöglinge nur ungenügend schützen. Möglichkeit drei: der Super-GAU. Rastelli hatte Alice Sofia gekidnappt, alleine oder mit anderen Komplizen zusammen. Das Institut liess verbrecherische Lehrkräfte an seine Zöglinge heran. Wenn dem so war und dies bekannt wurde, konnten sie das Internat gleich schliessen.
Wellauer seufzte. Zum Glück hatte Alice Sofias Mutter gestern Abend sehr vernünftig reagiert. Dr. Gittermann hatte die Eltern natürlich noch nicht benachrichtigen wollen. «Nicht unnötig schlafende Hunde wecken, die Kleine kommt dann schon wieder zurück, wenn sie sich in der Disco ausgetanzt hat», hatte er gemeint. Aber sie hatte sich durchgesetzt und bei Alice Sofias Eltern angerufen. In ihrem besten Italienisch. Die Sachlage so geschildert, wie sie nun einmal war – natürlich ohne Apathie und Essstörungen. Signora Tornabuoni-Ferramo war zwar beunruhigt, aber sehr verständig. Und während sich die Directrice noch überlegt hatte, wie sie die verängstigte Mutter unauffällig dazu bringen könnte, auf ein Einschalten der Polizei zu verzichten, sagte diese schon: «Niente polizia, non voglio la polizia, non voglio che Alice Sofia è a rischio!»
Das hörte die Directrice natürlich gerne und sie bekräftigte, dass das Institut ebenfalls Alice Sofias Sicherheit über alles stelle und sie sich somit – wenn auch schweren Herzens – bereit erklären könne, vorläufig auf eine Benachrichtigung der Polizei zu verzichten. Vielleicht könnte auch ein Detektiv eingeschaltet werden. Wobei es den Eltern wohl lieber wäre, die Geschichte nicht an die grosse Glocke zu hängen. Allfällig könnte ein Detektiv anstelle des ebenfalls verschwundenen Lehrers ans Institut kommen und undercover oder clandestino ermitteln. Signora Tornabuoni-Ferramo wollte sich das überlegen und die Angelegenheit vor allem mir ihrem Mann besprechen. Das Telefongespräch wurde beendet mit der gegenseitigen Versicherung, sich sofort zu melden, wenn man etwas von Alice Sofia hören würde.
Was waren die nächsten Schritte? Melanie A. Wellauer strich sich über die japanischen Haarstäbe. Mit Gittermann konnte sie wieder einmal nicht rechnen. Der war zwar bis zum Mittag da gewesen, vorhin hatte sie ihn aber mit dem rosaroten Rolls Royce wegfahren sehen. Es klopfte. Die Directrice setzte sich grade hin, rückte die Haarstäbe zurecht und rief: «Herein!»
Die Türe öffnete sich langsam und ein junges Gesicht mit zu vielen Pickeln und zu viel Wachs im Haar fragte höflich: «Madame la Directrice, gestatten Sie mir einzutreten?»
«Aber natürlich, mein lieber François, ich freue mich, Sie zu sehen.»
François Le-Court-de-Lit schob sich ins Zimmer, richtete seine mit zu viel Gold verzierten Manschettenknöpfe und lächelte schief.
«Madame la Directrice, ich muss Ihnen leider wieder einmal eine unangenehme Mitteilung machen. Der Herr Dr. Gittermann hat sich erneut unzulässig an mir bereichert.»
«Mein lieber François, das ist ein schwerer Vorwurf. Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen.»
«Nun, Madame la Directrice, das haben Sie ja die letzten zwei Mal auch schon gesagt.»
«Erzählen Sie, lieber François, was ist denn vorgefallen?»
Worauf François Le-Court-de-Lit rapportierte, dass er von Dr. Gittermann genötigt worden sei, 1 500 Franken Bussgeld in einen Erneuerungsfonds zu zahlen. Ob denn Madame la Directrice schon einmal von einem solchen Erneuerungsfonds gehört habe? Sie spitzte die Ohren, versicherte dem kleinen François aber, dass Dr. Gittermann als Verantwortlicher des Erneuerungsfonds hier natürlich völlig korrekt gehandelt habe – und worin denn seine zu büssende Verfehlung bestanden habe.
«Peanuts, Madame Directrice, ich hatte mich lediglich auf die Kühlerhaube des Rolls gesetzt.»
«Ja, lieber François, das sollten Sie natürlich nicht. Diese doch eher leichte Verfehlung könnte aber auch mit einer Viertelstunde Zaunstreichen geahndet werden. Ich werde mit Dr. Gittermann sprechen.»
Worauf der kleine François weltmännisch sagte, man könne die Sache von ihm aus auch vergessen, lieber 1 500 Franken als eine Viertelstunde Zaunstreichen. «Und Ihnen noch einen wunderbaren Sonntag, Madame la Directrice!» Sprach’s und war verschwunden.
Melanie A. Wellauer notierte den Vorfall in ihrem Notizbüchlein unter Vorfälle O.R.G. Einiges stand schon dort und würde ihr im gegebenen Moment nützlich sein, wenn sie einmal aus Dr. Gittermanns Schatten treten wollte. Dieser Tag würde kommen, da war sie sich sicher. Weniger wegen all den kleinen bussenmässigen Übergriffen, die sich der geldgierige Dr. Gittermann immer wieder zuschulden kommen liess. Sondern weil Dr. Gittermann irgendein Suchtproblem haben musste. Zwischendurch wirkte er völlig weggetreten. Alkohol war es nicht. Das hätte sie riechen können. Tabletten? Rauschgift? Sie würde das schon noch herausfinden. Und Gittermann, den Dr. liess sie in Gedanken jetzt weg, im richtigen Moment zum Rücktritt zwingen. So dass sie den Vorsitz des Verwaltungsrats übernehmen und die Kärrnerarbeit durch eine neue Directrice – oder eher einen Directeur? – erledigen lassen konnte. Die Gedanken der aktuellen Directrice schweiften in die Zukunft.
Nein, dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Zuerst musste sie potentiellen Schaden vom Institut abwenden. Und dazu musste sie von Petra Bissegger noch mehr über den Ablauf wissen.
Ich bin eine Versagerin. Unaufhörlich drehte sich in Petra Bisseggers Kopf dieser Satz. Seit sie den zitronengelben Fiat Panda wegfahren gesehen hatte, war ihr klar geworden, dass sie ihre Rolle als Schutzbeauftragte von Alice Sofia jämmerlich wahrgenommen hatte. Die Zeichen waren ja unübersehbar gewesen. Alice Sofia und Reto hatten sich den ganzen Morgen über schon verschwörerisch benommen. Sie hatte gespürt, dass etwas im Busch war. Und nie hätte sie die beiden alleine über die Brücke zurückgehen lassen dürfen. Sie hätte selbst mit Alice Sofia mitgehen oder zumindest eine weitere Person mit den beiden mitschicken müssen. Aber sie hatte Reto halt vertraut – und immer noch konnte sie sich nicht vorstellen, dieser würde Alice Sofia etwas antun. Dass die beiden zusammen abgehauen waren, war ihr unmissverständlich klar geworden, als sie nur noch die Rücklichter des zitronengelben Panda gesehen hatte. Aber das würde sie der Directrice nicht sagen. Sie musste schauen, dass sie die Sache selbst wieder in Ordnung bringen konnte.
Ihr Handy piepste. Die Directrice wünschte sie zu sehen. Petra versuchte, ihre zerzausten Haare etwas in Ordnung zu bringen und verliess das Wohnhaus der italienischen Zöglinge Richtung Tudor. Wenig später stand sie im Direktionszimmer der Directrice gegenüber.
«Also, Frau Bissegger, nun erzählen sie mir doch nochmals, wie es zum Verschwinden von Alice Sofia kam.»
«Wie ich Ihnen schon gestern sagte, Frau Directrice, war die ganze Gruppe, also Herr Rastelli, ich und die sieben Schülerinnen und Schüler, von etwa 12 bis 12.30 Uhr auf der Aussichtsplattform und Herr Rastelli erzählte dort einiges über die Geschichte des Rheinfalls. Auf 12.45 hatten wir im Schlössli Wörth für das Mittagessen reserviert und so machten wir uns auf den Weg dorthin.»
«Sie waren als gesamte Gruppe unterwegs?»
«Ja. Das Schlössli liegt auf einer Insel im Rhein, man gelangt über einen Steg dorthin. Als wir mitten auf dem Steg waren, sagte Alice Sofia, sie habe auf der Aussichtsplattform etwas vergessen. Reto, also der Herr Rastelli, anerbot sich sofort, sie dorthin zurück zu begleiten. Und so gingen die beiden wieder zurück. Ich ging mit den anderen Schülern schon ins Restaurant.»
«Und wann haben Sie bemerkt, dass die beiden fehlten?»
«Erst als es ans Bestellen ging, das dürfte so gegen 13 Uhr gewesen sein.»
«Und was haben Sie dann gemacht?»
«Ich ging zur Aussichtsplattform zurück und schaute rundherum, ob ich die beiden irgendwo sehe. Dann versuchte ich, sowohl Herrn Rastelli wie Alice Sofia übers Mobile zu erreichen. Beide hatten dieses aber offensichtlich abgestellt. Und dann benachrichtigte ich die Instituts-Notfallnummer. So wie das bei der Notfallplanung vorgesehen ist.»
«Und was haben Sie der Gruppe gesagt?»
«Wie wir das in der Schulung besprochen haben: Alice Sofia sei es übel geworden und Herr Rastelli habe sie zum Notfall begleitet. Und später sagte ich, die zwei seien schon wieder ins Institut zurückgekehrt.»
«Und da gab es keine Fragen?»
«Eigentlich nicht. Alice Sofia war den ganzen Morgen über schon schlecht ansprechbar gewesen.»
«Aha. Was war der Grund dafür?»
«Ich weiss es nicht. Alice Sofia ist in der letzten Zeit ziemlich verschlossen gewesen und fast schon ein bisschen apathisch. Das mit den Essstörungen habe ich ja schon einmal gemeldet.»
«Ja, richtig. Was meinen Sie denn mit apathisch?»
«Nun ja, sie ist ziemlich passiv geworden. Insbesondere wollte sie nicht mehr für die Tangoproduktion trainieren. Da soll sie ja einen längeren Soloauftritt mit Herrn Kallmann haben.»
«Mhm, ist Ihnen sonst irgend etwas aufgefallen, das von Bedeutung sein könnte? Wir haben Sie ja schliesslich auch wegen Ihrer Polizeierfahrung angestellt.»
Petra schüttelte leicht den Kopf. «Leider nein», und nach einer kurzen Pause, «wissen Sie etwas Neues? Haben Sie eine Nachricht von den beiden?»
«Nein, wir sind wirklich sehr beunruhigt. Halten Sie bitte die Augen offen und melden Sie mir unmittelbar, wenn Ihnen etwas auffällt.»
Die Directrice legte ihre Fingerspitzen aneinander, beugte sich leicht vor und lächelte die Lehrerin an. Diese lächelte verhalten zurück. Worauf die Directrice ihr wiederum erklärte, sie werde nun ein Mail an den grossen Verteiler verschicken. Darin informiere sie, Alice Sofia habe wegen einer Familienangelegenheit unerwartet nach Hause reisen müssen und sei dabei von Lehrer Rastelli begleitet worden.
«Ich hoffe, ich kann mich auf Ihre Diskretion verlassen?»
«Selbstverständlich!»
Im Turmzimmerchen des Hauses Bellevue hatte man einen idealen Überblick über einen grossen Teil des Institutsgeländes. Wenn man ein Fernrohr benutzte, blieb einem kaum etwas verborgen, das rundherum passierte. Den Eingangsbereich des schräg gegenüber liegenden Hauses Tudor, in dem die Institutsleitung untergebracht war, konnte man sogar mit blossem Auge bestens beobachten. Und man konnte sich immer notieren, wer wann dort durchkam. Man konnte ja nie wissen, wann einem ein solches Wissen einmal nützlich sein würde. Und so stand jetzt im Notizbüchlein, das auf dem Fensterbrett lag: 13.45 Bissegger verlässt Tudor. Und darüber: 13.10 Gittermann fährt in Rolls weg.
Wie ein rechteckiger Pflock in einem runden Loch. Genau so fühlte sich Petra. Unpassend und quer in der Landschaft des gepflegten Instituts. Woher kam dieses Bild schon wieder? Ja genau, das war in einem Roman von Somerset Maugham gewesen, den sie im Englischunterricht gelesen hatten. In der Kanti, hier in St. Gallen. Es ging um irgendeinen fiktiven Maler, der Paul Gauguin nachempfunden war. Der urplötzlich aus seinem bürgerlichen Leben ausbrach und als Maler schliesslich auf Tahiti die ihm passende Umgebung fand – das eckige Loch zu seinem eckigen Wesen. Die Lektüre hatte sie als etwa 16-Jährige merkwürdig stark ergriffen und beschäftigt. Wohl weil sie sich – ein hochgeschossenes, schlacksiges Ding, das im Gegensatz zu den Klassenkolleginnen keinerlei Interesse am stundenlangen Diskutieren über irgendwelche Kosmetikas hatte und dem ganz sicher kein Junge einen interessierten Blick zuwarf – selbst fehl am Platz und ausgeschlossen vorkam.
Ihr ganzes bisheriges Leben hindurch war dieses Gefühl Teil von ihr geblieben. Petra fühlte sich meistens unpassend für die Umgebung um sie herum. Oder die Gesellschaft als nicht passend für sie? Nein, eigentlich hatte sie das Gefühl, sie müsste runder, angepasster, einfacher, weniger aufmüpfig sein.
In der Schule war sie eine Einzelgängerin gewesen, Wegen ihrer Grösse und Stärke wurde sie in Ruhe gelassen. Auch weil sie einem Jungen aus der oberen Klasse aufgelauert und diesen nach Stich und Faden verdroschen hatte. Der Junge hatte es sich zum Spass gemacht, sie wegen ihrer Hochwasser-Jeans zu veräppeln. Das hatte er dann umgehend sein lassen. Und ihre Schlägerfähigkeit hatte sich herumgesprochen.
Ihren Eltern hatte sie davon nichts erzählt. Ihre ältere Schwester war die Laute, ihr jüngerer Bruder der Schwierige, beide zogen die elterliche Aufmerksamkeit ganz auf sich. Da blieb für sie nur die Rolle der Pflegeleichten und Angepassten. In der Schule war sie immer bei den Besten. Nach der Matura war sie sich unsicher, was sie studieren wollte. Sie entschied sich schliesslich für Chemie und ging dafür nach Bern. Nach dem Bachelor studierte sie zwei Semester in Pisa, danach brach sie das Studium ab. Sie hatte genug davon, die Schulbank zu drücken und wollte etwas Praktisches machen – ausserdem musste sie Geld verdienen. Nach einer längeren Zeit mit verschiedenen, meist journalistischen Jobs fand sie bei der Kripo Bern eine Stelle im kriminaltechnischen Dienst. Dort konnte sie ihr fachliches Wissen und ihre Freude am Tüfteln ausleben und lernte viel über die Polizeiarbeit. Sie fühlte sich am richtigen Ort. Und wäre sicher immer noch dort. Wenn nicht das Schicksal zugeschlagen hätte, verkleidet als der neue Leiter des Kriminaltechnischen Dienstes. In den sie sich verliebte, und er sich in sie. Was wunderbar und intensiv war, aber einen kleinen Haken hatte. Er war verheiratet – und wollte dies auch bleiben. Und so kündete sie nach manisch-depressiven Monaten schliesslich und musste dann rasch etwas anderes finden. So war sie wieder nach St. Gallen und in den Rosenhof gekommen.
Im Rosenhof war sie nicht nur der eckige Pflock im runden Loch, sondern auch das schwarze Gespenst in rosa Umgebung, quasi die schräge Madame Bissegger im vornehm-gediegenen englischen Ambiente. Durch und durch daneben.
Aber das Suhlen in ihrem Querliegen führte jetzt nicht weiter. Sie sollte eher versuchen, die Fäden im Fall Alice Sofia etwas zu ordnen. Erstens: Die Directrice führte etwas im Schild, sagte aber nicht was. Zweitens: Ja, sie hatte versagt und sie musste das wieder in Ordnung bringen. Das war sie Alice Sofia schuldig. Drittens: Alice Sofia hatte seit drei bis vier Wochen ein Problem. Viertens: Reto Rastelli hatte auch ein Problem. Und er hatte Angst. Durchaus möglich, dass sich das Problem mit Geld lösen liess und Rastelli deshalb eine Entführung inszenierte. So wie sie Rastelli kannte, würde er Alice Sofia kaum etwas zuleide tun. Fünftens: Waren noch andere Leute involviert? Der Fahrer Petrovic? Der Lehrer Kallmann? Und sechstens und siebtens und achtens: Was zum Teufel machte sie eigentlich hier im Rosenhof?
Im Restaurant Zum wohltemperierten Cembalo angekommen, liess Otto R. Gittermann sich seinen üblichen Tisch zuweisen und stellte erfreut fest, dass für ihn bereits ein elfenbeinfarbenes Couvert bereit lag. Auf das im Couvert steckende Blatt Papier machte er zwei Notizen. Unbeobachteterweise steckte er das Blatt zusammen mit drei Zweihundertfrankenscheinen ins Couvert zurück, verschloss dieses und überreichte es dem Kellner. Wenig später brachte ihm der Kellner, zusammen mit einem kleinen Amuse-Bouche, wieder zwei Couverts, eines deutlich dicker. Dieses dickere steckte Gittermann in seine Vestontasche und widmete sich der Vorspeise.
Als ein feist lächelnder Wirt zum feist lächelnden Gast an den Tisch trat und fragte, wie die Vorspeise gemundet habe, nickte Otto R. Gittermann. «Vorzüglich, Herr Bienler, vorzüglich! Was habe ich denn gegessen?»
«Heute ist der Juniorkoch am Werk, Herr Gittermann. Sie haben soeben als erster Gast seine neue Kreation, Södwoorschtmousse, gegessen. Falls es Ihnen geschmeckt hat, könnte ich Ihnen als ersten Gang ein Dreierlei von der Södwoorscht empfehlen: Södwoorschtmousse mit Gänseleber verfeinert, Södwoorschtschaum und eine kalte Södwoorschtsuppe. Wie Sie wissen, hat der junge Pirmin Manser ein Jahr beim Ferry Nabucco in Barcelona die Molekularküche erlernt.»
Otto R. Gittermann spülte seinen letzten Bissen mit einem kräftigen Schluck Weisswein runter, ehe er fragte: «Und als Hauptgang dann ein molekulares Rehrückenragout?»
Meinrad Bienler nickte beflissen. «Ich müsste in der Küche fragen, Herr Gittermann.»
«Lassen Sie nur, Herr Bienler», meinte dieser. «Ich hätte eigentlich ganz gerne einen Kartoffelsalat mit viel Zwiebeln.»
«Gerne, Herr Gittermann! Wie darf ich Ihnen den Salat servieren lassen: in Stickstoff geeist am Stängel, oder, als Teil unserer heutigen Tagesspezialität, Rösti im Glas und Kartoffelsalat im Glas?»
«Wenn’s nicht zu viele Umstände bereitet, Herr Bienler, dann ganz einfach klassisch. Einen Kartoffelsalat. Oder von mir aus auch einen Wurst-Kartoffelsalat. Klassisch. Mit viel Zwiebeln.»
«Das bereitet doch überhaupt keine Umstände, werter Herr Gittermann!» Und zum Kellner gewandt: «Einmal Wurst-Kartoffelsalat profan für Herrn Gittermann!»
In diesem Moment setzte sich ein kleiner älterer Herr an den Tisch. Zu Gittermann gewandt, fragte er: «Ich darf doch?» und zum Kellner: «Für mich grad dasselbe!» Wieder zu Gittermann fügte er hinzu: «Passt Ihnen auch nicht so besonders, die Küche meines Enkels, Herr Gittermann?»
Gittermann lachte vorsichtig.
«Gewisses aus seiner Küche passt mir ausgezeichnet, Herr Manser», sagte er und klopfte auf das neben ihm liegende elfenbeinfarbene Couvert.
«Deshalb habe ich mich ja auch zu Ihnen gesetzt, Herr Gittermann. Am nächsten Mittwoch ist unwiderruflich letzter Termin. Sie wissen, wir spassen nicht. Aber heute wollen wir uns dem Sonntagsessen widmen. Guten Appetit, und Prost!»
Otto R. Gittermann schluckte leer und hob sein Glas.
Der Juniorkoch Pirmin Manser war in Katalonien also in die Geheimnisse der Bio-Reagenzglas-Molekularküche eingeführt worden. Im Cembalo hatte er seinem Patron Meinrad Bienler nicht nur den Floh ins Ohr setzen können, dieser müsse die Speisekarte mit Molekularküchenprodukten erweitern, nein, er hatte diesem auch versichert, er würde gerne zuhause sein Können weiter verfeinern. Worauf Bienler dann zwei Anlagen zum Verdampfen, Destillieren und Konsistenzverändern gekauft hatte. Mit der einen verflüssigte Pirmin Manser am heutigen Sonntag Kartoffeln zu Gel und Saft. Und die andere stand im Schuppen hinter dem Bauernhaus seines Grossvaters. Und hinter diesem Bauernhaus züchtete sein Vater Hermann in einem sorgfältig getarnten Treibhaus Schlafmohn. Von welchem sein Bruder Pius den Blütenharz erntete. Welchen er, Pirmin, trocknete und dann mit Bienlers zweiter Maschine destillierte und anschliessend zu Pulver verarbeitete. Einen Teil dieses Pulvers arbeitete er dann in perfekt gerollte elegante Zigaretten mit türkischem Golden Al Fakher Tabak ein. Für das gepflegte leichte Opiumräuschchen. Der grössere Teil der Produktion, zu schneeweissem Pulver verarbeitet, war reinem Opium in der Wirkung überlegen.
Otto R. Gittermann war einer der besten Kunden Mansers. Und hatte bei diesem wieder einmal masslos sein Konto überzogen. Irgendwie musste er die Löcher, die sich bei seinem Chileprojekt aufgetan hatten, vorübergehend stopfen. Nervös schaute er seinem Gegenüber zu, wie dieser genüsslich auf seinen Wurstsalat wartete. Wie eine Kröte auf die ahnungslose Mücke, dachte Gittermann. Dass er eigentlich die Mücke war, entging ihm ebenso wenig.
Etwa zur gleichen Zeit in Siena.
Filippo Marlotti und Samuele Spadoni standen in der Eingangshalle des Palazzo Steccanini-Orelli, ziemlich nüchtern, sauber rasiert und adrett gekleidet. Es passiert schliesslich nicht alle Tage, dass man von einigen Millionen Euro zwecks Auftragsvergabe zitiert wird. Und wie es sich gleich im Anschluss herausstellen sollte, waren in diesem Fall einige Milliarden die zutreffendere Grössenordnung.
Durch die Glastüren auf der Hinterseite der Galerie über der Halle trat der Butler und schritt die terracottabedeckte Freitreppe hinunter. «Die Damen sind nun bereit, Sie zu empfangen. Wenn die Herren mir bitte folgen wollen», sagte er mit ausdrucksloser Stimme und schritt wieder die Treppe hinauf, die beiden Detektive im Schlepptau.
Im Salon sassen zwei Damen auf einem Sofa, die eine mütterlich über die andere gebeugt. Auf das Stichwort des Butlers Die Herren Spadoni und Marlotti, Contessa, erhob diese sich und trat auf die beiden zu.
«Filippo, Samuele, schön, dass Ihr so rasch Zeit finden konntet», sagte sie und fügte sotto voce hinzu, «keine Frivolitäten!»
«Ist doch selbstverständlich, wenn Sie rufen, Contessa, dann eilen wir!» Dass Frivolitäten nicht angebracht waren, war bereits beim Telefonanruf klar geworden, welcher Pippo vor einer Stunde erreicht hatte. Und ein Blick auf das Häufchen Elend im weissen Ledersofa zerstreute den letzten Zweifel. Wie alles in diesem Raum war auch das Sofa zu gross. Und dadurch wirkte die darin zusammengesunkene Dame noch zusammengesunkener.
Die Contessa nahm nebenan auf dem Sofa Platz, und Pippo und Lele machten es sich auf zwei gegenüber stehenden Sesseln bequem. Der Butler schenkte überall Tee ein und entfernte sich lautlos.
«Filippo Marlotti, Samuele Spadoni, ich stelle Euch meine beste Freundin Maria Franca Tornabuoni-Ferramo vor. Maria Franca und ich kennen uns seit unserer Schulzeit. Maria Franca erleidet ein schreckliches Drama, ihre Tochter ist verschwunden, wahrscheinlich entführt. Wenn es dir recht ist, meine liebe Freundin, erzähle ich den beiden Detektiven, was wir bisher wissen.»
Auf ein schniefendes Nicken hin fuhr sie fort. «Maria Francas Tochter Alice Sofia besucht eine Privatschule in St. Gallen in der Schweiz. Maria Franca hat gestern Abend von der Schulleiterin einen Anruf erhalten, ihre Tochter ist von einem Schulausflug nicht zurückgekehrt. Wir haben noch nichts weiteres gehört, aber wir müssen naheliegenderweise von einer Entführung ausgehen.»
«Naheliegenderweise», stimmte Pippo zu. Er kannte die Freundin der Contessa aus Zeitungsfotos. Sie, Erbin des grössten Schokoladeproduzenten Italiens und damit zu einer der reichsten Familien des Landes zählend, hatte vor knapp zwanzig Jahren den ältesten Sohn des bekanntesten Schuhdesigners der Toskana geheiratet. Die beiden waren regelmässig Gegenstand der Klatschpresse. Es war eine naheliegende Arbeitshypothese, dass die einzige Tochter, welche ebenso auch die einzige Enkelin des möglicherweise reichsten Italieners war, entführt worden war.
«Das tut uns sehr leid», sagte Lele. «Haben Sie weitere Hinweise und Informationen?» Die am Boden zerstörte Mutter schluchzte und nickte ihrer Freundin zu, welche weiter erzählte.
«Die Klasse machte gestern einen Ausflug, zum Rheinfall, eine Natursehenswürdigkeit in der Schweiz. Anschliessend war eine Shoppingtour an der berühmten Zürcher Bahnhofstrasse geplant. Als sich die Gruppe auf dem Weg zum Mittagessen in einem Restaurant am Rheinfall befand, wollte Alice Sofia nochmals rasch zur Aussichtsterrasse zurück. Ein Lehrer begleitete sie – es gilt die Regel, dass ein Zögling der Schule nie allein unterwegs ist. Sowohl Alice Sofia wie der besagte Lehrer kamen anschliessend nicht mehr zurück.»
«Was wissen Sie über diesen Lehrer?» fragte Pippo.
«Er ist wohl so etwas wie ihr Vertrauenslehrer», flüsterte die Mutter. «Sie müssen wissen, dass Alice Sofia wunderschön ist. In ihren wöchentlichen Briefen hat sie mir oft von diesem Lehrer geschrieben. Reto Rastelli heisst er und ist offenbar homosexuell. Scheinbar ist er der einzige Mann in der Schule, welcher es nicht auf sie abgesehen hat. Wissen Sie, Alice ist siebzehnjährig und durchlebt momentan eine schwierige Pubertätsphase.»
Lele und Pippo nickten sich zu. Romantisches Abhauen somit wahrscheinlich auszuschliessen. Und die Mutter, bei allem Kummer, zugänglich und vernünftig argumentierend. Sie nickten der Contessa zu, welche fortfuhr.
«Beim Institut ist noch kein Erpresserschreiben und kein Telefon eingegangen, bei Maria Franca zu Hause auch nicht. Noch nicht. Mit dem Institut sind wir für den Moment verblieben, vorläufig keine Polizei einzuschalten. Die Schule bietet volle Zusammenarbeit an, man könnte sich vorstellen, einen Detektiv undercover zu beschäftigen, als Lehrer zum Beispiel. In Sachen Polizei will sich meine Freundin zuerst mit ihrem Mann verständigen, welcher erst morgen von einer Auslandreise zurückkehrt. Willst du etwas ergänzen, Maria Franca?»
Maria Franca Tornabuoni schniefte, hatte sich aber gesammelt.
«Man hört ja immer, dass Erpresser kategorisch fordern, die Polizei nicht einzuschalten. Ich möchte das Leben meiner Tochter auf keinen Fall aufs Spiel setzen und vertraue Ihnen. Das Wort meiner besten Freundin genügt mir. Und Verena meint, auf Sie und Ihre diskrete und zuverlässige Arbeit sei Verlass. Natürlich hat da der Vater meiner Tochter mitzureden, deshalb möchte ich Sie bitten, uns morgen Nachmittag auf unserm Gut bei Arezzo zu besuchen. Verena, Liebste, wenn es dir recht ist, ziehe ich mich jetzt zurück.»
Sie erhob sich und entschwand durch eine Doppelglastür im Hintergrund.
Pippo und Lele hatten sich ebenfalls erhoben. Es war ihnen beiden nicht entgangen, dass der Tonfall der besorgten Mutter um einige Grade kühler geworden war, seit die Rede auf ihren Ehemann gekommen war.
«Nehmen wir einen Drink», fragte die Contessa passenderweise. «Campari Tonic?»
«Perfekt», nickten die beiden Detektive.
«Testuccio Marcello Tornabuoni, der Göttergatte meiner Freundin, befindet sich auf einer Weinpromotionsreise in Asien. Gemäss Maria Franca hat sie ihn nur schwer erreichen können. Es war ihr vorgekommen, als ob er sich regelrecht abschirmen wollte. Am Telefon zeigte er sich dann nicht sonderlich betroffen vom Verschwinden seiner Tochter und warf Maria Franca hysterisches Getue vor.»
«Und was hältst du davon, kennst sicher beide?» wollte Lele wissen.
«Ihr werdet morgen sehen, dass die Ehe der beiden im Moment kriselt. Macht euch auf ein Minenfeld gefasst. Es scheint, dass der liebe Testuccio in Begleitung seiner jungen Önologin auf Asienreise ist. Sicher, um seinen Wein zu verkaufen, oder generell zu Marketingzwecken für sein Gut. Aber wahrscheinlich nicht nur. Und die Hysterieanfälle meiner Freundin Maria Franca sind legendär. Seine erste Reaktion ist deshalb wie zu erwarten ausgefallen. Aber ich bin überzeugt, dass er vernünftig reagieren wird, sobald ihm klar ist, dass es wirklich um die Tochter geht und nicht um die Mutter.»
«Scheinst sie sehr gut zu kennen?»
«Wir sind zusammen in der Schweiz in einer Privatschule am Genfersee gewesen und einige Jahre durch dick und dünn gegangen miteinander. Erste Liebschaften, erster gemeinsam durchgestandener Liebeskummer, Trauzeuginnen gegenseitig, beste Freundinnen halt. Alice Sofia geht in eine andere Schule, ihr Vater wollte seine Tochter nicht auf derselben Schule wissen, welche bereits seine Ehefrau verdorben habe. Genau das waren seine Worte.»
«Nun, da werden wohl morgen die Fetzen fliegen!»
«Ja, macht Euch mal auf Einiges gefasst! Danke, dass Ihr das für mich tut, liebe Freunde!»
«Gerne, liebe Verena, für dich immer, aber wir tun das nicht nur für dich!»
Und Lele knurrte: «Kindesentführung ist ein scheussliches Verbrechen, Contessa.»
Pippo und Lele trafen sich am Montagmorgen um acht Uhr wieder in der Filiale ihres Büros. In ihrem Lieblingscafé vor ihrem Büro am Campo No. 10 nämlich, beide mit doppeltem Espresso, bei beiden ein Ferramo-Küsschen dabei. Und setzten sich gegenseitig darüber ins Bild, was sie über Nacht herausgefunden hatten.
«Habe immer gedacht, reicher als Tornabuoni geht nicht», begann Pippo. «Aber gegen seine Frau ist der Vater des verschwundenen Mädchens schon fast ein Waisenknabe. Immer noch äusserst wohlhabend, aber nur knapp in derselben Liga.» Und dann informierte er Lele über die Eckdaten der Unternehmensgruppe Ferramo, aus der die Mutter stammte: Süsswarenhersteller, rechtlicher Sitz in Luxemburg, operativer Sitz im piemontesischen Alba, 38 einzelne Gesellschaften, weltweit 23 Produktionsstätten, über 30 000 Mitarbeitende und ein Umsatz von über 8 Milliarden Euro.
«Und das alles mit Süsswaren?», fragte Lele.
