Alles schläft, einer wacht! - Katrin Rodeit - E-Book
Beschreibung

»Sie ist tot. Aber ich habe sie gesehen. Hier auf dem Weihnachtsmarkt.« Tobias Kohler ist auf der Suche nach seiner Frau. Sie ist bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen, aber er schwört Stein und Bein, dass er sie in Ulm auf dem Weihnachtsmarkt gesehen hat. Niemand möchte ihm helfen, denn er meinte schon zu oft, sie irgendwo gesehen zu haben … Privatdetektivin Jule Flemming will dem verzweifelten Mann helfen, doch die vermeintliche Ehefrau ist wie vom Erdboden verschluckt.

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Katrin Rodeit

Alles schläft, einer wacht!

Kriminalroman

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © cyooh / photocase.de

ISBN 978-3-8392-5092-1

Vorbemerkung

Die Geschichte sowie die handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit realen Personen ist zufällig und nicht gewollt. Die erwähnten Schauplätze in Ulm gibt es wirklich. Lediglich der ›Jazz-Keller‹ ist meiner Fantasie entsprungen.

Personenverzeichnis

Jule Flemming (28): Vom Leben und der Liebe enttäuschte Privatdetektivin mit Anpassungsschwierigkeiten. Getrieben vom unbedingten Willen, den Mörder ihres Vaters zur Strecke zu bringen. Im Vorgängerband ›Mich sollst du fürchten‹ ist ihr das endlich gelungen.

Jules Familie

Elisabeth Flemming (47): Jules Mutter. Freischaffende Künstlerin mit Hang zu Übernatürlichem.

Fritz Flemming (vor 14 Jahren verstorben): Jules Vater. Entertainer und Hypnotiseur, Opfer eines Mörders, dessen Stimme Jule gehört hat. Sie sucht ihn noch immer.

Sebastian Flemming (23): Jules kleiner Bruder. Zieht Schwierigkeiten magisch an, aus denen Jule ihn ein ums andere Mal herauspauken muss, ist aber ein begnadetes Computergenie.

Jules Jazz-Familie

Gregor ›Lou‹ Falke (45): Hysterischer, übergewichtiger Besitzer des Jazz-Kellers, der mit seinen Smokings und Hüten wie eine zu klein geratene Kopie von Lou Bega daher kommt. Im Dauer-Liebes-Stress mit Freund Hannes.

Fanny Mahler (23): Bedienung im Jazz-Keller, die ihren Traum von der Ausbildung zur Kosmetikerin noch nicht begraben hat. Mit Jule verbindet sie mehr als nur das schlechte Verhältnis zu Cosima.

Cosima Ziegler (32): Singender Vamp im Jazz-Keller, der ständig seine Wirkung auf andere probt und dabei nicht nur bei Jule aneckt. Hat ein kleines wohlgehütetes Geheimnis.

Andreas (38): Schweigendes Geheimnis des Jazz-Kellers mit großer, ständig sabbernder rotbrauner Dänischen Dogge, die auf den zarten Namen ›Flocki‹ hört. Keiner weiß, wo er herkommt und was er macht, doch sein Blick verursacht Gänsehaut. Nur Jule kennt sein Geheimnis.

Jules Arbeit

Werner Simon (51): Jules Arbeitgeber und Inhaber der ›Privatdetektei Simon‹. Er hat sie in größter Not aufgefangen und ihr eine Zukunft gegeben. Gutmütiger Brummbär, der gefährlicher wird, je leiser seine Stimme wird.

Anna Jost (53): Einsame Herrscherin über das Chaos in der Detektei, die einen ständig pupsenden Dackel und einen Rocker mit Motorrad ihr Eigen nennt.

Wer sonst noch etwas mit Jule zu tun hat

Mark Heilig (30): Früher ein Weiberheld, jetzt Kriminalkommissar. Seinem Charme wäre Jule während ihrer gemeinsamen Ausbildung beinahe erlegen.

Jochen Eigner (30): Jules Ex-Kollege von der Polizei, der schon damals wusste, dass mehr hinter ihrer unnahbaren Art stecken muss. Sieht dem Geplänkel zwischen Jule und Mark amüsiert zu.

Conny Schmied (28): Jules beste Freundin, mit Mann, zwei Kindern und Haus. Conny sehnt sich manchmal nach Jules Freiheit, Jule wünscht sich insgeheim die Geborgenheit in Connys Familie.

Leon Master (8): Jules kleiner Freund, der mit seiner Mutter Barbara in die Wohnung unter Jule eingezogen ist. Er fällt nicht nur durch seine Intelligenz auf, sondern auch dadurch, dass er beinahe unheimlich viel sieht und hört.

Donnerstag

»Meine Frau ist tot, aber ich habe sie gesehen.« Er rutschte auf dem Stuhl hin und her und suchte meinen Blick. Sein Kaffee musste längst kalt geworden sein. »Das hört sich verrückt an, ich weiß. Aber Sie müssen mir glauben!« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, in seinem Blick ein stummes Flehen.

Ich betrachtete mein Gegenüber genauer und versuchte, etwas in seinem Erscheinungsbild zu finden, das darauf hindeutete, dass er ein psychisches Problem hatte.

Tobias Kohler hatte dunkelbraunes, fast schwarzes Haar, das modisch zur Seite gekämmt und kurz geschnitten war. Ebenmäßige Gesichtszüge, eine fein geschwungene Nase. Er trug einen gut sitzenden Anzug, Hemd und Krawatte. Nur sein Gesicht passte nicht in das Erscheinungsbild. Falten hatten sich eingegraben, die zu tief für sein Alter waren. Die Augen wirkten wässrig und sein Kinn zierten Bartstoppeln, die nicht zu seinem gepflegten Äußeren passten.

Ich seufzte. Das fehlte noch, dass ich es mit einem Verrückten zu tun hatte. Ich hatte mit mir selbst genug zu tun und von Psychotherapeuten erst einmal die Nase voll.

»Bitte, Sie müssen mir helfen!«, unterbrach er die Stille.

Ich schenkte mir Kaffee nach, um Zeit zu gewinnen. »Okay, halten wir mal fest«, sagte ich und zückte meinen Stift. Wenn ich die Sache rational anging, merkte er vielleicht, dass das absurd war. »Ihre Frau ist tot.«

Er nickte und ich zweifelte keinen Moment, als ich ihm ins Gesicht sah. »Sie ist bei einem Tauchunfall im Bodensee ums Leben gekommen. Anfang April.«

»Aber jetzt glauben Sie, dass Sie sie gesehen haben?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es!« Er beugte sich zu mir herüber und legte die Handflächen auf den Tisch. »Hier in Ulm auf dem Weihnachtsmarkt.«

Ich merkte, wie Mitleid in mir hochkroch. Die Verzweiflung, mit der er darauf pochte, zeigte mir, wie ernst es ihm war. Ich unterdrückte ein Seufzen.

»Sie kommen aus Köln?«

Wieder ein Nicken. »Meine Frau auch.«

»Und Sie sind sich wirklich sicher?«

Er sprang auf. »Natürlich bin ich sicher!« Wie ein Tiger im Käfig ging er einige Schritte auf und ab, bevor er stehen blieb und die Augen schloss. Dann setzte er sich wieder. »Entschuldigung, das nimmt mich alles ziemlich mit.«

»Das glaube ich Ihnen«, murmelte ich und versuchte, ruhig zu bleiben. Ich wusste, wie es war, jahrelang einem Hirngespinst nachzujagen. Trotzdem fragte ich mich, ob er bei einem Psychiater nicht besser aufgehoben war als bei einer Privatdetektivin.

»Fangen wir am Anfang an. Wie genau ist Ihre Frau ums Leben gekommen?«

Wieder fuhr er sich mit der Hand durch das Haar und warf sich im Stuhl zurück. »Himmel, Frau Flemming, wenn ich das nur wüsste«, brach es aus ihm heraus. »Sie musste ja unbedingt diesen verdammten Tauchschein machen. Wir wollten Urlaub in der Karibik machen.«

Als Leiter einer Bankfiliale verdiente man offenbar ganz gut. Vermutlich besser als ein angestellter Privatdetektiv, fuhr es mir durch den Kopf. Ich rief mich zur Ordnung. An den Gedanken, dass ich Geld hatte, hatte ich mich noch nicht gewöhnt. Vielleicht lag es daran, dass es mir nicht gehörte. Ich räusperte mich.

Kohler löste die Faust, die kurze Zeit über dem Tisch geschwebt hatte. Er atmete tief durch, ehe er ruhiger fortfuhr. »Silvia hatte sich in den Kopf gesetzt, im Urlaub zu tauchen. Hätte ich nur nie zugestimmt!«

Für einen Moment fürchtete ich, dass er in Tränen ausbrechen würde, aber er fing sich. »Sie hat den Tauchschein in Köln gemacht. Zehn Übungsstunden in Theorie und Praxis, dann hat sie noch zwei oder drei Tauchgänge in einem Baggersee absolviert, bevor sie den Schein gemacht hat. Um nicht aus der Übung zu kommen bis zum Urlaub, sind wir für ein paar Tage an den Bodensee gefahren. Meine Frau war als Kind oft mit ihren Eltern dort und kennt sich recht gut aus.«

Ein bisschen kannte ich mich auch aus. Der Bodensee war nicht weit weg von Ulm und ich wusste, dass er kein einfaches Tauchrevier war. Immer wieder hörte man von Unglücksfällen, bei denen Taucher ums Leben kamen.

»Wo waren Sie denn?«

»In Wallhausen. Sie wollte in der Katharinenschlucht tauchen.«

»Und was ist dort passiert?«

Jetzt lief doch eine Träne über seine Wange. Er schluchzte auf und kramte nach einem Taschentuch. »Entschuldigung.«

»Sie müssen sich für nichts entschuldigen.« Ich legte so viel Wärme in meine Stimme, wie ich konnte. Spontan beschloss ich, ihm zu helfen. Wie auch immer ich das anstellen wollte. Es war verrückt, weil ich an den Tatsachen nichts ändern konnte. »Möchten Sie lieber eine Pause machen?«

Er schüttelte den Kopf und schnäuzte sich. Erstaunlich gefasst sprach er weiter: »Sie hatte unter Wasser vermutlich eine Panikattacke. Und anstatt einfach dem Tauchlehrer Bescheid zu geben und aufzutauchen, ist sie immer tiefer getaucht.«

»Und der Tauchlehrer ist ihr nicht gefolgt?«

»Er konnte nicht. Er hatte etwas anderes in seiner Atemflasche. Er konnte damit nicht so tief tauchen.«

Ich runzelte die Stirn.

»Er hat sie gesehen, wie sie immer tiefer getaucht ist. Dann muss sie eine Art Tiefenrausch bekommen haben, zumindest vermutet das die Polizei. Sie ist nicht mehr aufgetaucht. Sie war weg. Einfach verschwunden. Im Bodensee.«

»Wie tief ist es an der Stelle?«

»Bis zu vierzig Meter.«

»Hat man nicht nach ihr gesucht?«

Sein Kopf zuckte hoch. »Natürlich! Wir haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, als der Tauchlehrer wieder oben war. Suchmannschaften waren den ganzen Tag unterwegs. Sie haben die Umgebung rund um die Unfallstelle abgesucht. Auch die Strömung haben sie mit einberechnet und das Gebiet in den nächsten Tagen erweitert. Aber sie haben sie nicht gefunden. Nur ihre Taucherbrille wurde später gefunden. Das Band war gerissen.«

Einen Menschen zu verlieren, war immer schrecklich. Aber es mitzuerleben, war furchtbar. Ich hatte mitansehen müssen, wie mein Vater ermordet worden war.

Ich schluckte und versuchte, mich von meinen eigenen Emotionen zu befreien. Ich beschloss, den Unfall vorerst nicht mehr anzurühren. Sicher gab es offizielle Berichte, die ich einsehen konnte. Den Rest musste ich mir irgendwie aneignen. Was das Thema Tauchen anbelangte, beschränkte sich mein Wissen auf Fische gucken unter Wasser. Ich hatte keine Ahnung von Atemgemischen und Tiefenrausch.

»Okay, und was ist dann passiert?«, wollte ich wissen, als ich mir sicher war, dass meine Stimme wieder gehorchte.

Einen Moment zögerte er und rührte mit dem Löffel in der Tasse, obwohl er zuvor weder Zucker noch Milch hineingegeben hatte. »Ich habe meine Frau in einem Fernsehbeitrag gesehen«, brach es schließlich aus ihm heraus. »Es kam ein Bericht in einem Kölner Regionalsender über Weihnachtsmärkte in Deutschland. Eine Woche lang wurde jeden Abend ein anderer vorgestellt. Sie haben sich dabei auf die kleineren Märkte konzentriert. Nicht immer nur Nürnberg und Aachen oder so. Und letzte Woche am Freitag war der Ulmer Weihnachtsmarkt dran. Weil er so schön liegt.«

Das stimmte. Ein überschaubarer kleiner Weihnachtsmarkt am Fuße des Ulmer Münsters. Mit seinen Düften nach Glühwein und gebrannten Mandeln beschwor er die richtige vorweihnachtliche Atmosphäre herauf. In diesem Jahr war ich noch nicht dort gewesen, weil ich mit so vielen Menschen an einem Ort noch meine Probleme hatte. Ich wusste, dass ich mich überwinden sollte, sonst war die Therapie umsonst gewesen. Aber heute musste ich damit nicht anfangen.

»Es war nur eine kurze Sequenz. Sie hatte einen Reinigungswagen bei sich und ist an einem der Stände vorbeigelaufen. Aber sie war es! Ganz bestimmt.«

»Haben Sie ein Band davon?«

»Das habe ich mir sofort nach dem Bericht besorgt. Zuerst dachte ich, dass sie es in der Mediathek hätten, aber es gibt keine. Also habe ich angerufen. Der Sender hat mir den Bericht freundlicherweise zur Verfügung gestellt.« Er fasste in die Innentasche seiner Anzugjacke und holte einen USB-Stick hervor. »Wenn wir an einen Computer können, zeige ich es Ihnen.«

Ansehen konnte ich mir das Tape. Was Kohler erzählte, klang mysteriös. Vermutlich gab es eine ganz einfache Erklärung dafür. Eine Verwechslung oder Wunschdenken.

Ich stand auf, um aus meinem Büro den Laptop zu holen. An der Tür drehte ich mich um. »Warum waren Sie nicht bei der Polizei?«, wollte ich wissen und merkte im selben Augenblick, dass ich mit meiner Frage in ein Wespennest gestochen hatte.

Kohler fuhr auf, sein Gesicht verfinsterte sich. »Hören Sie mir bloß mit denen auf! Die glauben mir nicht. Sie meinen, das Video sei nicht deutlich genug. Sie haben nichts gemacht. Überhaupt gar nichts.«

Das war seltsam. Normalerweise wurde so etwas aufgenommen und dann ermittelt. Ob das Video etwas zeigte oder nicht. Davon konnte ich mich gleich überzeugen. Ich nickte und verschwand in meinem Büro, um den Laptop aus der Dockingstation zu nehmen. Bis das Gerät hochfuhr, tranken wir schweigend unseren Kaffee, und ich machte mir ein paar Notizen zu unserem Gespräch. Schließlich war der PC betriebsbereit. Ich schob den Stick hinein, um den Media Player zu öffnen. Wie gebannt saß Kohler vor dem Bildschirm, und ich war nicht minder neugierig, als ich den Film startete. Es gab ein kurzes Intro, das im Schnelldurchlauf einige Weihnachtsmärkte, Glühweinstände und lächelnde Verkäufer zeigte. ›Leise rieselt der Schnee‹ dudelte im Hintergrund. Ich schauderte nur kurz. In Ulm hatte ich in diesem Jahr noch keine Flocke gesehen.

Die Musik wurde leiser und die Stimme eines Mannes ertönte. Er sprach im Plauderton von den Vorzügen des Ulmer Weihnachtsmarktes. Allein wegen des höchsten Kirchturmes der Welt sei der Markt einen Besuch wert. Er wäre klein, aber in seiner heimeligen Idylle sehenswert. Die Stände seien hübsch, das Personal freundlich und die angebotenen Spezialitäten von kulinarischem Genuss. Es gäbe nicht nur die berühmten Maultaschen, sondern auch Käsespätzle.

Ich biss mir auf die Unterlippe beim Wort ›Käsespätzle‹. Nur ein Nicht-Schwabe brachte es fertig, ›Käsespätzle‹ mit der Betonung auf Käse zu sagen. Bei uns waren das schlicht Kässpätzle, auf dem Land gern auch einmal Kässpatzen.

Einzelne Passanten kamen zu Wort, die mit freudestrahlendem Gesicht und vom Glühwein oder der mittlerweile obligatorischen Feuerzangenbowle geröteten Wangen erzählten, warum sie gern hier waren. Schwaben wie Touristen gleichermaßen.

»Da, sehen Sie!«, schrie Kohler plötzlich und sprang auf.

Ich zuckte zusammen.

»Da, da hinten!« Hektisch fuchtelte er mit dem ausgestreckten Zeigefinger herum. Die Kamera schwenkte schon wieder durch die vollen Gänge des Marktes.

»Setzen Sie sich erst mal«, bat ich. Mir war der Schreck in alle Glieder gefahren.

Es kostete ihn sichtlich Anstrengung, die Ruhe zurückzugewinnen, doch nach kurzem Zögern nahm er Platz.

»Spulen Sie zurück«, verlangte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Gehorsam bewegte ich die Maus und ließ den Film an einer Stelle zwei Minuten vorher weiterlaufen. Diesmal war ich auf den Gefühlsausbruch vorbereitet, aber der Banker riss sich zusammen.

»Stopp!«, sagte er nur laut und blieb sitzen.

Ich hielt das Tape an und starrte auf den Bildschirm. Da war nichts zu erkennen.

»Da, im Hintergrund.«

Ich rückte näher an den PC und kniff die Augen zusammen, konnte aber nur den Umriss einer Person ausmachen, die einen Wagen vor sich herschob. Ich wagte nicht einmal zu sagen, ob es Mann oder Frau war. Er oder sie trug eine dicke Jacke, darüber einen grünen Kittel und eine dunkle Mütze auf dem Kopf. Wieder drückte ich den Startknopf und das Band lief weiter. Nun war zumindest auszumachen, dass es sich um eine Frau handeln könnte. Dann gab es einen Schnitt und die Kamera schwenkte um. Die Frau war höchstens zwei Sekunden im Bild gewesen. Noch dazu im Schatten des Marktstandes, an dem sie vorbeilief. Sie war der Jahreszeit entsprechend vermummt gewesen und wurde von der Kamera nur im Vorbeigleiten eingefangen.

Und darin wollte Kohler seine tote Frau erkannt haben? Bei allem Mitleid wunderte mich nicht, dass die Polizei ihm nicht glaubte.

»Haben Sie ein Bild von Ihrer Frau dabei?« Das war Blödsinn. Ich sollte ihm sagen, dass das verrückt war.

Erneut fasste er in die Jackentasche und reichte mir den Schnappschuss einer jungen Frau im Strandkorb. Sie hatte langes blondes Haar, das ihr Gesicht und die Schultern sanft umrahmte. Der Wind spielte darin. Obwohl sie saß, konnte ich erkennen, dass sie schlank, beinahe dürr war. Sie lächelte in die Kamera, aber ihre Augen wirkten abwesend. Als habe sie der Fotograf mit seiner Aufforderung zu lächeln aus tiefen Gedanken gerissen. Es musste kühl gewesen sein, sie trug eine langärmelige Bluse.

»Das ist vom August letztes Jahr. St. Peter Ording«, murmelte Kohler und betrachtete es traurig.

»Darf ich?«, fragte ich und zog das Bild näher zu mir heran. Die Frau darauf hatte mit der Putzfrau auf dem Weihnachtsmarkt so viel Ähnlichkeit wie ein Dackel mit einem Bernhardiner.

Ich speicherte den Film auf der Festplatte ab und klappte den Laptop zu. Schweigend sah ich Kohler an, der meinen Blick beinahe trotzig erwiderte.

»Und, was meinen Sie?«

Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort. Schlicht, weil ich nicht wusste, was ich ihm sagen sollte, ohne ihn zu verletzen. Schließlich räusperte ich mich. »Nun, Herr Kohler, ich bin mir nicht wirklich sicher, ob es sich da um Ihre Frau handelt«, sagte ich vorsichtig.

Mit einem Aufschnaufen ließ er sich zurückfallen. »Nicht Sie auch noch«, sagte er tonlos und starrte vor sich auf den Tisch.

»Herr Kohler, das Bild Ihrer Frau hat mit der Putzfrau nicht viel Ähnlichkeit«, wurde ich deutlicher. Ich scheute mich, ihm die grausame Wahrheit ins Gesicht zu sagen, weil er mir unendlich leidtat. »Außerdem war sie nur ganz kurz im Bild, und das auch nur im Hintergrund. Ein Vergleich ist unmöglich.«

»Niemand will mir glauben.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Herr Kohler, Ihre Frau ist bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen, auch wenn ihre Leiche bis heute nicht gefunden wurde.«

»Aber es könnte doch sein. Vielleicht hat sie das Unglück überlebt und wir wissen nur nichts davon.«

»Und warum hat sie sich dann nicht längst bei Ihnen oder der Polizei gemeldet?«

»Sie konnte nicht. Sie ist in einer hilflosen Lage. Vielleicht hat sie das Gedächtnis verloren und erinnert sich nicht.«

»Herr Kohler, dann hätten Sie davon erfahren«, antwortete ich sanft. »Ganz bestimmt hätte man Sie informiert.«

Sein Gesicht gefror zu einer traurigen Maske. Er war noch eine Spur bleicher geworden und die Falten, wenn möglich, noch tiefer. »Bitte, ich glaube es nicht. Sie kann nicht tot sein. Sie darf es einfach nicht.«

Seine Stimme brach und ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte.

Dann ging ein Aufbäumen durch seinen Körper und er sah mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden, der sich an den letzten verfügbaren Halm klammerte, hoch. »Wenn Sie nichts unternehmen, wird meine Frau nächstes Jahr für tot erklärt werden. Bitte. Suchen Sie diese Frau.« Dann fuhr er leiser fort: »Auch wenn es nicht meine Frau ist.«

Zumindest zog er die Möglichkeit in Betracht. Vielleicht bestand Hoffnung.

»Bitte. Mir zuliebe. Ich zahle jeden Preis.«

Ich seufzte auf. »Waren Sie schon auf dem Weihnachtsmarkt?«, fragte ich.

Er nickte und sah beschämt zu Boden. »Sie war nicht da. Aber ich habe herausgefunden, welche Reinigungsfirma das ist. Ich bin auch dort gewesen. Aber die Frau aus der Personalabteilung hat mich weggeschickt. Sie hat gesagt, sie gibt keine Auskunft über ihre Angestellten. Sie war richtig pampig.«

Es war normal, dass Firmen keine Auskunft über ihr Personal gaben.

»Meine Frau als Putzfrau«, murmelte er und schüttelte den Kopf.

»Was war Ihre Frau von Beruf?«

»Sie war im Pflegedienst im Krankenhaus.«

Ich atmete tief durch und stand auf. Ich musste verrückt sein. »Okay, ich werde die Frau suchen.«

Kohler sprang auf und direkt auf mich zu. Er ergriff meine Hände und drückte sie. Verzweiflung lag noch immer in seinem Gesicht, aber auch Dankbarkeit. Und Hoffnung. »Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen so sehr. Sie wissen gar nicht, was mir das bedeutet.« Seine Stimme drohte wieder zu brechen.

»Ich tue mein Bestes. Aber Sie sollten sich darüber klar sein, dass das eine ganz andere Frau ist.«

»Ich bin Ihnen so dankbar«, wiederholte Kohler und ließ endlich meine Hand los. »Niemand glaubt mir. Nur Sie.«

Ich glaubte ihm auch nicht. Aber ich wusste, wie er sich fühlte. Ich verabschiedete mich und brachte ihn zur Tür, wo er mir noch einmal versicherte, wie froh er war, dass ich ihm half. Ich nickte und schob ihn hinaus.

»Wo er doch so froh ist«, frotzelte Anna Jost. Sie sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, die an einer Kette um ihren Hals befestigt war.

Anna war unsere Sekretärin. Mit ihrem feuerroten Haar und der rauchigen Stimme erinnerte sie an Sophia Loren. Sie war alleinige Herrscherin über das Chaos in unserer Detektei und hatte einen Dackel, der auf den Namen Flapsi hörte und ein Problem mit seinem Verdauungsapparat hatte. Mit schöner Regelmäßigkeit verpestete er die Luft im Vorzimmer. Langsam fragte ich mich, ob Anna Eisbeulen an den Füßen hatte, weil sie das Fenster ständig öffnen musste.

»Interessanter Fall?« Sie unterbrach das stakkatoartige Geklapper auf ihrer Tastatur.

»Sehr interessant«, seufzte ich. »Er hat ein Gespenst gesehen. Das soll ich jetzt finden.«

»Oh, gehst du jetzt unter die Ghostbusters?«

Ich schnaubte.

»So kurz vor Weihnachten wäre das doch möglich. Da fliegen allerlei Engel durch die Lüfte.« Sie blinzelte mir zu und wandte sich ihrem PC zu. Gleich darauf setzte das Geklapper wieder ein.

*

Immer wieder blickte sie sich um, ob ihr jemand folgte. Sie konnte nichts entdecken. Von der alten Frau, die ihren Dackel Gassi führte und bestimmt keine Bedrohung darstellte, abgesehen. Es dunkelte bereits, leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Obwohl sie am ganzen Körper zitterte, war sie froh über dieses Wetter. Es bedeutete, dass alle langsam nach Hause gingen und sich in ihren Wohnungen und Häusern verkrochen. Bei Kerzenlicht und einer Tasse Tee vielleicht. Auf jeden Fall im Kreis der Lieben. Während sie durch die Straßen lief und nicht wusste, wo sie hinsollte. Die Gegend war abgelegen und sie ging weiter über einen schmalen Weg, der zu einem Fluss führte. Zweige hingen über den Pfad, von denen es heruntertropfte. Wenigstens gab es hier keine Fußgänger mehr.

Sie wischte sich über das Gesicht. Die klamme Feuchtigkeit kroch ihr unter die Kleider. Langsam fühlte sie sich wohler, obwohl sie längst nicht in Sicherheit war. Sie traute sich nicht, das Auto weiter zu benutzen. Ohnehin war das Benzin alle. Und Geld zum Tanken hatte sie nicht. Sie musste ihr weniges Bares für Lebensmittel zurückbehalten. Jetzt, da sie kein Dach mehr über dem Kopf hatte, wurde alles noch schwieriger. In erster Linie brauchte sie einen Unterschlupf. Noch eine Nacht draußen würde sie nicht überleben. Es wurde immer kälter und der Regen ging sicher bald in Schnee über.

Wenn sie in diesen Tagen ein wenig Glück verdient hatte, dann war es jetzt an der Zeit. Sie biss die Zähne zusammen und bog von dem Fluss ab, der sich im Nebel in die Stadt schlängelte. Sie war sich nicht sicher, meinte aber, dass es sich um die ›Blau‹ handelte. Jenes Bächlein, das im Blautopf entsprang und in die Donau mündete. Sie war noch nicht lange genug in Ulm, um das mit Sicherheit sagen zu können. Sie wusste nur, dass sich Mythen und Geheimnisse darum rankten, und nahm sich fest vor, sich eingehender damit zu beschäftigen, wenn sich ihre Lage entspannt hatte. Falls sie überhaupt in Ulm blieb.

Ihr kamen beinahe die Tränen, als sie die Schrebergartensiedlung erblickte, die sie gesucht hatte. Sie war ihr schon aufgefallen, als sie das Auto abgestellt hatte. Sie hatte nicht gedacht, dass sie noch einmal hierher zurückkehren würde. Aber jetzt war es für ihre Zwecke der geeignete Ort. Nun musste sie nur ein geeignetes Objekt finden, dann konnte sie in Ruhe überlegen, wie es weiterging. Seit zwei Tagen hatte sie nicht mehr geschlafen und die letzte Nacht im Freien verbracht, nachdem man sie aus dem Bahnhof geworfen hatte. Sie konnte kaum mehr einen klaren Gedanken fassen, und das Einzige, was sie im Moment beherrschte, waren die Hoffnung auf ein Bett und Essen.

Sie streifte durch die Siedlung und suchte sie systematisch ab. Am Rand sollte sie nicht liegen und sie brauchte eine Hütte. Am besten mit einem Gaskocher und Nahrungsmitteln.

Sie wusste, dass das angesichts ihrer momentanen Situation fromme Wünsche waren. Ebenso hätte sie um ein Geschenk zu Weihnachten bitten können. Ein Dach über dem Kopf, das musste reichen.

Jetzt schlüpfte sie durch einen Zaun. Mittlerweile war es stockdunkel. Sie war nicht geübt im Aufbrechen von Gartenhäusern, aber die Hütte bot keinen Widerstand. Sie musste sich nur leicht gegen die Tür lehnen und mit der Schulter etwas Druck ausüben, schon gab sie nach.

Im Stillen beglückwünschte sie sich, dass sie die Taschenlampe aus dem Auto mitgenommen hatte. Jetzt ließ sie den Lichtstrahl zitternd durch die karge Behausung streifen und sah sich um. Ein Tisch, eine Eckbank. Sogar ein Sofa. Zwar war es nur knapp einen Meter fünfzig lang, aber sie würde sowieso nicht ausgestreckt schlafen, dafür war sie zu durchgefroren.

Sogar eine kleine Küchenzeile gab es. Sie hielt die Luft an, als sie das Schränkchen darunter öffnete. Da stand tatsächlich eine Gasflasche! Jetzt musste sie nur hoffen, dass sie nicht leer war. Bitte, bitte, flehte sie stumm mit einem Anflug von Verbitterung. Wie weit war es gekommen, dass sie um eine halbvolle Gasflasche bettelte!

Das Wichtigste hatte sie zurückgelassen. Dabei hatte sie geglaubt, es eingesteckt zu haben. Es musste ihr bei ihrer überstürzten Flucht aus der Tasche gefallen sein. Es war die letzte Verbindung zu ihrem alten Leben gewesen, jetzt war es weg. Vielleicht war es gut so, sie musste nach vorn blicken. Es half nicht, wenn sie der Vergangenheit hinterhertrauerte.

Wenig später saß sie auf dem Sofa in ihre Jacke eingemummelt und mit einer Decke, die herumgelegen hatte, und löffelte heiße Suppe aus dem Topf. Sie hatte tatsächlich Konserven und nach einigem Suchen auch einen Dosenöffner gefunden. Tränen der Erleichterung waren ihr über das Gesicht gelaufen, als sie die Dose geöffnet und den Inhalt in den Topf geschüttet hatte.

Sie merkte nicht, was sie aß, dazu war sie zu müde. Im Moment hätte sie alles gegessen, was warm und auffindbar war. Als der Topf leer war, stellte sie ihn auf den Boden und rollte sich auf dem Sofa zusammen. Sie hatte überlegen wollen, wie es weitergehen sollte. Doch ihre Augen fielen zu, bevor sie einen Gedanken fassen konnte, und sie glitt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

*

Als ich zu Hause ankam, war es bereits dunkel. Ich dachte noch immer über Tobias Kohler nach. Der Fall lag auf der Hand: Er konnte und wollte nicht akzeptieren, dass seine Frau tot war, deswegen projizierte er ihr Gesicht in einen Fernsehbeitrag hinein. Vermutlich hatte er sie schon früher irgendwo einmal gesehen. Wahrscheinlich träumte er oft von ihr.

Ich würde die Frau trotzdem ausfindig machen und ihm schonend beibringen, dass es nicht seine Ehefrau war, die ja nachweislich im Bodensee ertrunken war. Vielleicht würde er dann einsehen, dass er ein Problem hatte, dem man besser therapeutisch begegnete. Ich hatte jetzt wenigstens das Gefühl, dass es mir besser ging.

Ich kurvte fluchend um den Block und verschwendete zehn Minuten mit der Suche nach einem Parkplatz. Seit in der Karlstraße die Verkehrsführung beruhigt wurde, herrschte auch in den angrenzenden Nebenstraßen Chaos. Ich wollte erstens nicht nass werden, denn mittlerweile hatte es angefangen zu regnen, und zweitens wollte ich mein Baby in der Nähe wissen. Schließlich fand ich eine Lücke. Sie war denkbar knapp und ich überließ es dem Einparkassistenten, das Auto hineinzuquetschen.

Einen Moment blieb ich im Wagen sitzen und starrte hinaus. Es war gerade einmal halb fünf und trotzdem düster. Der hereinziehende Nebel, der sich wie eine klamme Decke auf die Stadt legte, trug nicht zur Besserung meiner Stimmung bei. Ich sollte die Vitamin-D-Tabletten endlich einmal wieder nehmen.

Seufzend kramte ich meine Einkäufe zusammen und stieg aus. Hastig zog ich den Kopf zwischen den Schultern ein. Es war nicht kalt, aber die Feuchtigkeit kroch mir in die Glieder. Ich rannte zum Eingang des Hauses und zog den Schlüssel aus meinem Umhängebeutel. Ich ging rasch nach oben. Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch mit Leon, der wegen des bevorstehenden Weihnachtsfestes so aufgeregt war, dass er kaum an sich halten konnte. Außerdem hatte ich versucht, in den letzten Monaten ein bisschen Abstand zu ihm zu halten. Das war vermutlich auch seiner Mutter lieber.

Ich hatte gedacht, dass mich nichts so schnell mehr aus der Bahn werfen würde. Aber als ich die Treppe zum zweiten Stock hochging, blieb mir beinahe das Herz stehen. Ein altvertrauter Anblick bot sich mir: Auf dem obersten Treppenabsatz saß Mark. Er musterte mich mit unbeweglicher Miene, und ich widerstand dem Impuls, umzudrehen und zurück nach unten zu rennen. Mein Therapeut hatte mich darauf vorbereitet, dass ich wieder am Alltag teilnehmen musste. Aber musste das ausgerechnet heute sein?

Mark stand auf. Ich blieb noch einen Moment stehen, dann fügte ich mich in mein Schicksal und ging nach oben.

»Hallo«, sagte ich und lächelte ihn an. Ich hoffte, dass er mir meine Verunsicherung nicht anmerkte. Als ich an ihm vorbeiging, wehte der Duft seines Aftershaves zu mir herüber und rief vertraute Gefühle hervor, mit denen ich nicht gerechnet hatte.

»Wie geht es dir?«

Seine Stimme ging mir durch und durch. Wie lange hatten wir uns nicht gesehen? Vier Monate. Nicht genug Zeit, als dass es mich kaltließ, ihn in meiner Nähe zu wissen.

Mit wild klopfendem Herzen schloss ich die Wohnungstür auf und ärgerte mich darüber, dass mich das so in Aufruhr versetzte. »Ganz gut, denke ich. Möchtest du hereinkommen?« Ich spürte, wie dicht er hinter mir stand. Augenblicklich wurde mir warm im Bauch.

Natürlich wollte er. Ich ging in die Küche und stellte meine Einkaufstaschen auf dem Küchentisch ab. Dabei versuchte ich, möglichst cool zu sein. Mark folgte mir und blieb unschlüssig stehen.

»Jule, wir müssen reden.«

Ups. Ich hatte eine Ahnung. »Nimm Platz. Möchtest du einen Kaffee? Oder lieber ein Bier?«

Er setzte sich an den Tisch und schob meine Tüten ein Stück zur Seite. Sein Blick wanderte in dem kleinen Raum umher und blieb an dem nagelneuen Kaffeevollautomaten hängen. Er fixierte ihn mit gerunzelter Stirn und ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten.

»Ich hätte gern einen Kaffee«, brachte er mühsam hervor.

»Gern«, antwortete ich mit liebenswürdiger Stimme und zwang mich, den Blickkontakt zu halten. »Du kannst auch einen Cappuccino haben. Oder einen Latte macchiato. Espresso?« Ich versuchte, die Provokation aus meiner Stimme herauszuhalten. Es gelang mir nicht ganz.

»Kaffee bitte.«

»Kein Bier heute?«

Er schnaubte und sah mir zu, wie ich die Maschine einschaltete. Sie blubberte leise vor sich hin und war sofort betriebsbereit. Während der Kaffee durchlief, ging ich zum Kühlschrank und nahm ein Bier heraus. Ich öffnete es am Küchentisch und fing den herunterfallenden Kronkorken auf. Dann reichte ich Mark seinen Kaffeebecher und stellte Milch und Zucker daneben, obwohl ich wusste, dass er seinen Kaffee schwarz trank. Aber es verschaffte mir Zeit und ich musste ihn nicht ansehen.

»Du hast ein neues Auto«, stellte er fest. Ein lauernder Blick traf mich, den ich eisern erwiderte.

»Ein Audi S3«, antwortete ich, obwohl ich wusste, dass er das längst herausgefunden hatte. »Mit allem Schnickschnack.« Ich gebe zu, ich war stolz darauf.

»Das weiß ich«, knurrte er. »Wo kommt er her?«

»Aus dem Autohaus. Falls du dich auch mit dem Gedanken tragen solltest, ich könnte dir …«

»Herrgott noch mal, Jule!«

»Was? Mein altes ist kaputtgegangen. Schon vergessen?« Immerhin war er dabei gewesen, als sie mich aus dem Wrack gezogen hatten. Mir fiel die Erinnerung schwer. Ich hatte an dem alten Golf gehangen. Wie an meinem Leben. Ich schauderte, als ich daran dachte, wie knapp das gewesen war.

»Das meine ich nicht und das weißt du ganz genau.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, antwortete ich und presste die Lippen aufeinander.

»Du hast ein neues Auto und einen nagelneuen Kaffeeautomaten.« Er wurde immer lauter.

»Du weißt, wie gern ich Kaffee trinke.«

Er rollte mit den Augen. Fast hätte ich angefangen zu lachen. Ich sah ihm bei seinen Bemühungen zu, die Fassung nicht zu verlieren, und amüsierte mich zunehmend.

»Jule«, fuhr er betont ruhig fort und legte die Hände auf den Tisch. »Es ist nicht nur das Auto und die Kaffeemaschine. Kannst du mir erklären, wieso sämtliche karitativen Einrichtungen in Ulm und Umgebung plötzlich mit hohen anonymen Spenden beglückt werden? Der Weiße Ring, die Stiftung zugunsten leukämiekranker Kinder, ein Kinderhospiz und noch ein paar mehr?«

Ich schüttelte den Kopf und sah ihn an, obwohl es mich immer mehr Überwindung kostete. Pokerface war nur bis zu einem gewissen Grad meine Stärke. »Das ist doch erfreulich. Solche Institutionen brauchen immer Geld.«

Er schnaubte. »Das hängt nicht zufällig mit einem Koffer zusammen, der verschwunden ist? Der Martin Strohm gehört hat?«

Ich biss die Zähne zusammen und sah ihn einfach nur an. Stumm starrte er zurück, und ich fragte mich schon, wer zuerst aufgeben würde, als er seufzte und die Augen niederschlug.

»Okay. Lassen wir das vorerst.«

Nicht nur vorerst, dachte ich grimmig. Da gab es nichts zu reden.

»Im Ernst, wie geht es dir?«, wechselte er das Thema.

»Soweit okay.«

»Du hast dich ein bisschen rargemacht.«

Da hatte er recht. »Irrtum«, antwortete ich trotzdem. »Ich hatte nur zu tun. Und keine Berührungspunkte zur Polizei. Wo du es jetzt aber ansprichst, könnte ich vielleicht deine Hilfe brauchen.« Ich lächelte probehalber, um zu sehen, wie er reagierte. Dass er das Gesicht weder zu einem spöttischen Grinsen verzog, noch in die Luft ging, wertete ich als gutes Zeichen.

Mark und ich kannten uns von der Polizeischule. Er war ein stadtbekannter Schürzenjäger und hinter jedem Rock her, der nicht bei drei auf dem Baum war. Obwohl ich damals Marke graues Mäuschen gewesen war, hatte er mich nicht verschont. Ich hatte jedoch rechtzeitig die Reißleine gezogen, bevor ich etwas bereute. So war es bei einem Kuss geblieben, der mir aber nachhaltig in Erinnerung geblieben war.

Mark offenbar auch. Zumindest fand er ihn gut genug, dass er nach unserem Wiedersehen vor einem halben Jahr eine Neuauflage verlangte. Diesmal wankte ich nur kurz. Und ich hatte jede Minute genossen.

Aber die Ereignisse der letzten Zeit hatten dazu geführt, dass ich mich zurückgezogen hatte. Und Mark hatte bisher keine Anstalten gemacht, das zu ändern. Im Gegenteil, er hatte sich nicht mehr gerührt.

Dass er nun bei mir am Küchentisch saß, war seltsam. Kalt ließ es mich nicht. Aber so wie damals war es auch nicht.

»Möchtest du ein Bier?«, fragte ich noch einmal und hörte, wie unsicher meine Stimme klang.

Ein Lächeln streifte mich, er nickte. Ich reichte ihm eine Flasche aus dem Kühlschrank und setzte mich ihm gegenüber.

»Schieß los.« Er klang geschäftsmäßig und unverbindlich.

»Bei mir war heute ein Mann aus Köln, dessen Frau bei einem Tauchunfall im Bodensee ums Leben gekommen ist. Er schwört aber Stein und Bein, dass er sie erst kürzlich in einer Reportage über den Ulmer Weihnachtsmarkt im Fernsehen gesehen hat.«

Mark hob die Augenbrauen. »War er bei der Polizei?«

»War er. Aber er war nicht besonders gut auf euch zu sprechen. Warum, hat er mir nicht gesagt. Nur, dass ihm niemand glaubt.«

»Hast du dir das Video angesehen?«

Ich zuckte mit der Schulter. »Da war für mich nichts zu erkennen. Mit viel gutem Willen war es eine Putzfrau. Mehr kann ich dir nicht sagen.«

Er lächelte mich an. »Zumindest scheint das nichts Gefährliches zu sein«, meinte er mit einem Augenzwinkern.

Mark und ich waren uns in der jüngeren Vergangenheit öfter in die Quere gekommen. Nicht nur privat. Als Kriminalkommissar hatte er jedoch andere Ermittlungsansätze als ich, was zwangläufig zu Spannungen führte.

Ich schnaubte, aber in seinem Blick lag nichts Boshaftes.

»Wenn du möchtest, kann ich mich mal umhören.«.

»Das wäre nett. Er heißt Tobias Kohler.«

Wir schwiegen.

»Woran arbeitest du gerade?« Die Frage war eine höfliche Fortsetzung des Small Talks in dem Bemühen, nicht wieder auf andere, brisante Themen abzurutschen.

»In der Nähe von Göppingen hat es einen Mordfall gegeben. Die Kollegen haben den Fall an uns abgeben. Ist eine komplizierte Geschichte.«

Ich erinnerte mich vage, in der Zeitung davon gelesen zu haben. Eine Frau war in ihrem Haus mit zahlreichen Messerstichen regelrecht abgeschlachtet worden.

»Habt ihr eine Spur?«

»Nein, nichts. Zuerst dachten wir an einen Raubmord. Das Auto des Opfers fehlt. Im Haus ist aber nichts weggekommen. Das und wie die Tat ausgeführt wurde, lässt eher den Schluss zu, dass es etwas Persönliches gewesen ist. Ich sage es nur ungern, aber wir tappen völlig im Dunkeln.«

Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, plötzlich wirkte er müde. Am liebsten hätte ich meine Hand ausgestreckt und über seine Wange gestreichelt. Ich traute mich nicht.

»Dann hast du sicher jede Menge zu tun«, versuchte ich, die nötige Distanz wiederherzustellen.

Er nickte und erhob sich.

»Hast du schon etwas gegessen?«, fragte ich, einem Impuls folgend, und biss mir gleich darauf auf die Unterlippe. Manchmal redete ich, bevor ich mir über die Konsequenzen klar war. Das war verdammt dünnes Eis.

»Nein«, antwortete er und zögerte. »Ich möchte dir keine Umstände machen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Machst du nicht. Ich wollte mir nur einen Salat machen. Aber wenn du Lust hast, es reicht für zwei.«

Langsam setzte er sich wieder. »Ich kann dir helfen.«

»Nein, danke, lass mal.« Ich koche lieber allein. Da wusste ich, was ich tat und war im Zweifel selbst schuld, wenn etwas schiefging.

»Was machst du über die Feiertage?«, wollte Mark wissen.

Ich wandte mich um und begann, den Feldsalat von braunen Blättern zu befreien.

»Das Gleiche wie jedes Jahr. Ich werde mir Glühwein kaufen, die Tür abschließen und es mir mit meinen Lieblingsfilmen auf dem Sofa bequem machen.«

Das war nicht schön, aber ich hatte keine Ahnung, wo ich an Heiligabend hinsollte. Meine Mutter feierte in irgendeinem konspirativen Verein und mein Bruder mit seinen Kumpels. Die wiederholte Einladung meiner Freundin Conny, das Fest bei ihr und ihrer Familie in Blaustein zu verbringen, hatte ich schon ausgeschlagen. Ich käme mir vor wie das fünfte Rad am Wagen und wollte die traute Familienidylle nicht stören. Insgeheim hatte ich Angst, danach in ein Loch zu fallen. Dass es Filme wie ›Die Brücken am Fluss‹ oder ›Jenseits von Afrika‹ nicht besser machten, war mir auch klar.

Ich räusperte mich, um den Kloß im Hals loszuwerden. »Und du?« Ich sah nicht von meiner Arbeit auf, schnitt Zwiebeln und Pilze und briet alles zusammen mit Speckwürfeln in der Pfanne an.

»Ich weiß es noch nicht. Vermutlich bin ich bei meinen Eltern.«

Das Schweigen wurde unangenehm. Mark schien es zu spüren und stand auf. Er trat hinter mich und sein Atem kitzelte mich am Ohr. Für einen Augenblick gestattete ich mir das wohlige Gefühl, das sich in mir ausbreitete, und schloss die Augen. Zu gern hätte ich mich zurückgelehnt und meinen Kopf auf seine Schulter gebettet.

»Das riecht lecker, was ist das?«

»Das wird Feldsalat mit Orangenvinaigrette und warmen Pilzen.« Meine Stimme klang belegt.

Auch wenn es Mark schwerfiel, das zu glauben, ich hatte mich verändert in den Jahren, als wir uns aus den Augen verloren hatten. Und war zu einer leidenschaftlichen Köchin geworden. Was ich konnte, hatte ich zum großen Teil bei meiner Oma gelernt, die mich mit ihrer Liebe zu gutem Essen angesteckt hatte. Mein Bruder und ich waren überwiegend bei ihr gewesen, wenn meine Mutter einmal wieder keine Zeit für uns gehabt hatte. Die Grundlagen hatte ich im Laufe der Jahre ausgebaut und mittlerweile traute ich mich auch an extravagantere Sachen heran und experimentierte viel.

Unter Marks neugierigem Blick schlug ich die Vinaigrette auf und gab frisch gepressten Orangensaft hinzu. Ich vermengte alles mit dem Salat, verteilte die warmen Pilze darauf und garnierte das Ergebnis mit ein paar Chiliflocken.

»Hier, du kannst Brot aufschneiden«, sagte ich und reichte ihm ein frisches Baguette. Während er sich mit einem Messer bewaffnete, deckte ich den Tisch.

»Wow, der hat es in sich«, meinte Mark nach dem ersten Bissen.

»Zu scharf?«, fragte ich und lächelte. »Nichts für weiche Männer?«

Er grinste zurück. »Das Essen muss erst noch erfunden werden, das nichts für mich ist. Im Ernst, ich könnte mich daran gewöhnen, dass du für mich kochst. Nicht, dass das etwas bedeutet«, fügte er schnell hinzu und merkte im selben Moment, dass das auch nicht das Richtige gewesen war. »Natürlich bedeutest du mir etwas. Aber …« Hilflos sah er mich an.

»Lass gut sein«, half ich ihm aus der Klemme. »Mit jedem Satz, den du hinzufügst, machst du es schlimmer.« Ich lächelte und hoffte, dass er das Thema wechselte. Ich war noch nicht bereit über das zu sprechen, was zwischen uns war. Wenn es da etwas gab.

Deshalb war ich froh, als Mark gleich nach dem Essen aufbrach.

»Vielleicht sollten wir uns bald mal auf ein Bier treffen«, sagte er an der Haustür und musterte mich mit durchdringendem Blick.

Ich nickte. »Ja, sollten wir«, antwortete ich und hoffte, dass es unbestimmt genug klang, um ihm keine Hoffnung zu machen. Ich konnte nicht einfach dort weitermachen, wo wir im Sommer aufgehört hatten. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt für etwas bereit war.

Als ich die Tür hinter ihm schloss, war es merkwürdig still in der Wohnung. Ich ging zurück in die Küche und begann damit, den Tisch abzuräumen.

Wenig später klingelte das Telefon. Ich warf einen Blick auf das Display und überlegte einen Moment, ob ich das Gespräch annehmen sollte. Meine Mutter und ich hatten uns in jüngster Vergangenheit ein bisschen angenähert. Trotzdem war unser Verhältnis weit davon entfernt, normal oder gar gut zu sein. Aber es war besser, als in all den Jahren zuvor. Seit ich den Mörder meines Vaters gefasst hatte.

Ich seufzte und nahm ab. »Hallo, Mama.«

»Hallo Jule, mein Kind«, flötete sie aus dem Hörer. »Ich wollte mal hören, wie es dir geht. Du rufst ja nie an.«

Das hatte sie bisher nicht gestört. Früher hatte ich angenommen, dass es sie nicht interessierte. Mittlerweile wusste ich, dass die Sachlage komplizierter war.

»Ich lebe, das ist das Wichtigste.«

»Sollen wir uns mal treffen?«

Alarmiert schreckte ich auf. Die Tür des Kühlschranks entglitt mir, in dem ich eben die Milch verstaut hatte. So nah standen wir uns jetzt auch nicht, dass wir regelmäßige Kaffeekränzchen veranstalteten.

»Ich habe im Moment wenig Zeit.«

»Ein neuer Fall? Ich hoffe, es ist nicht wieder irgendetwas Gefährliches.«

Schon die Zweite heute, die darauf herumritt. Aber ich gab zu, dass ich ihre Geduld in den letzten Monaten ein wenig überstrapaziert hatte.

»Nein, nein. Der Fall ist ganz einfach. Ich muss nur eine Frau finden, die als Putzfrau auf dem Weihnachtsmarkt arbeitet.«

»Ist sie verschwunden?« Sie klang alarmiert.

»Nein«, versuchte ich, sie zu beruhigen. »Da liegt nur eine Verwechslung vor, das ist schnell geklärt.«

Sie atmete hörbar auf. »Dann ist ja gut.« Pause. »Weißt du, ich habe nachgedacht.«

Das war nicht gut. Wenn meine Mutter nachdachte, kam selten etwas Sinnvolles dabei heraus. Zumindest für mich. Aber sie ließ sich schon nicht mehr aufhalten.

»Mir ist klar geworden, wie kurz das Leben ist.«

Das war mir in letzter Zeit auch deutlich vor Augen geführt worden.

»Du solltest sesshaft werden, was meinst du?«

Sesshaft? Ich? Dazu fiel mir nichts ein. Die Wendung, die das Gespräch nahm, gefiel mir nicht. Ich schwieg.

»Ich komme langsam in ein Alter, in dem es schön wäre, mich um Enkelkinder zu kümmern.«

Ich hatte mich verhört. So musste es sein. Das hatte sie nicht gesagt.

»Möchtest du keine Kinder?«

Ich hatte mich nicht verhört. »Darüber habe ich nicht nachgedacht«, brachte ich hervor und versuchte, das Entsetzen aus meiner Stimme zu verbannen. Egal, was da in den letzten Monaten zwischen uns gewesen war, wir waren dabei, uns wieder voneinander zu entfernen.

»Du wärst bestimmt eine tolle Mutter.«

Auf jeden Fall wäre ich eine bessere als sie.

»Da gab es doch diesen Kommissar. Ist das dein Freund?«, hakte sie unerbittlich nach.

»Nein.«

»Es sah aber so aus.«

»Mutter, ich habe keine Ahnung, wie es ausgesehen hat. Wir haben keine Beziehung, falls du das meinst. Und ich möchte keine Kinder mit ihm.« Die hätten bei unserer Vorgeschichte einen Schaden, noch bevor sie auf der Welt wären. Das war das Absurdeste, was ich je gehört hatte. Mark und ich! Wie kam sie nur darauf?

»Mutter, ich muss aufhören. Ich habe zu tun.«

Bevor sie sich in weiteren Ergüssen über mein Liebesleben und meine Qualitäten als Mutter auslassen konnte, verabschiedete ich mich, ohne sie noch einmal zu Wort kommen zu lassen, und legte auf.

Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, was mein Therapeut damit gemeint hatte, dass es an der Zeit war, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Das konnte er auf jeden Fall nicht gemeint haben. Weder Mark noch meiner Mutter fühlte ich mich gewachsen.

Plötzlich kam ich mir wie eine Gefangene in meiner eigenen Wohnung vor. Die Stille, die mich sonst nicht störte, war plötzlich so erdrückend, als lege sie sich um meinen Hals und drücke unbarmherzig zu.

Ich stopfte alles, was noch in den Einkaufstaschen war, in die Schränke, schnappte meine Umhängetasche und die Autoschlüssel und floh aus der Wohnung. Regen empfing mich. Mittlerweile war es empfindlich kalt geworden und ich sah zu, dass ich zum Auto kam.

Wenig später hielt ich vor dem ›Jazz-Keller‹. Ich blieb sitzen und starrte auf die dezente Leuchtreklame über dem Eingang. Das war einmal mein zweites Zuhause gewesen. Aber auch hier war ich länger nicht zu Gast gewesen. Es fühlte sich seltsam an. Vertraut und doch irgendwie fremd. Als habe sich in den letzten Monaten einiges verändert. Dabei hatte ich mich verändert. Vielleicht hatte mein Therapeut recht. Ich musste einen Anfang machen. Und hier war es besser als mit meiner Mutter oder Mark.

Warmes Licht hüllte mich ein und das Murmeln gedämpfter Stimmen empfing mich. Ich blieb stehen und sog die Einzelheiten wohlvertrauter Erinnerungen in mir auf. Das samtige Rot, in das der ›Jazz-Keller‹ gehüllt war, die Tische im Gastraum, um die gemütliche Sessel gruppiert waren. An einem davon saß Andreas, die Dänische Dogge Flocki zu seinen Füßen. Auf der Bühne stand Cosima in einem Schlauchkleid mit einem Ausschnitt, der zu tief war, um noch als schicklich zu gelten. Fanny wirbelte hinter der Bar und kreierte vermutlich neue Cocktails, und Lou wuselte zwischen seinen Gästen herum.

Es war, als wäre ich nie weg gewesen. Ich nickte hier und da jemandem zu und bahnte mir einen Weg zur Theke. Fanny hob den Kopf und ein erfreutes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie mich sah. Sie stellte die Flasche ab, deren blauen Inhalt sie gerade in ein Cocktailglas hatte gießen wollen, und kam um den Tresen herum auf mich zu. Ohne ein Wort zu sagen, drückte sie mich herzlich an sich.

»Wie schön, dass du endlich wieder da bist!« Sie ließ mich los und musterte mich kurz, verlor aber kein Wort über mein Aussehen.

»Komm, setz dich zu mir. Lass uns ein bisschen lästern und Spaß haben.«

Ich grinste und folgte ihrem vielsagenden Blick, mit dem sie die fest angestellte Sängerin Cosima musterte.

»Seit du weg warst, ist es nicht mehr dasselbe«, sagte sie mit tiefem Bedauern in der Stimme. »Sogar Cosima hat ihren Hexenbesen eingepackt. Kommst du wieder öfter?«

Ich zuckte mit der Schulter und rutschte auf einen Barhocker. Dann drehte ich mich um und ließ den Blick über die Gäste schweifen. Es war ein vertrautes Gefühl und ich merkte, wie sehr mir all das gefehlt hatte.