Alles Sense - Terry Pratchett - E-Book

Alles Sense E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Eine der beliebtesten Figuren der Scheibenwelt übernimmt die Hauptrolle

Tod, der Sensenmann der Scheibenwelt, hat einen klar umrissenen Arbeitsauftrag: Unparteiisch und regungslos soll er diejenigen abholen, deren Lebensuhr der Sand ausgegangen ist. Doch in letzter Zeit hat Tod dabei etwas zu viel Interesse und Sympathie für die Spezies Mensch gezeigt. Seinen Vorgesetzten gefällt das ganz und gar nicht, und so drücken sie Tod nun selbst ein Stundenglas in die Hand und schicken ihn ungefragt in den Ruhestand. Dem Schnitter bleibt nichts anderes übrig, als sich als Farmgehilfe zu betätigen. Auf der Scheibenwelt bricht derweil das Chaos aus, schon allein wegen der Unmengen nicht abgeholter Lebensenergie – Zeit für alle frisch Verstorbenen, der Untoten-Selbsthilfegruppe beizutreten …



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Seitenzahl: 432

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Terry Pratchett, geboren 1948, ist einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Von seinen Romanen wurden weltweit rund 65 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke in 37 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau Lyn in der englischen Grafschaft Wiltshire.

Informationen zu Terry Pratchett auch unter www.pratchett-buecher.de und www.pratchett-fanclub.de.

Terry Pratchett bei Goldmann und Manhattan:

Die Romane von der bizarren Scheibenwelt:

Voll im Bilde · Alles Sense! · Total verhext · Einfach göttlich · Lords und Ladies Helle Barden · Rollende Steine · Echt zauberhaft · Mummenschanz · Hohle Köpfe Schweinsgalopp · Fliegende Fetzen · Heiße Hüpfer · Ruhig Blut! · Der fünfte Elefant Die volle Wahrheit · Der Zeitdieb · Die Nachtwächter · Weiberregiment · Ab die Post · Klonk! · Schöne Scheine · Der Club der unsichtbaren Gelehrten · Steife Prise

Märchen von der Scheibenwelt:

Maurice, der Kater · Kleine freie Männer · Ein Hut voller Sterne · Der Winterschmied · Das Mitternachtskleid

Zwei Scheibenwelt-Romane in einem Band:

Total verhext/Einfach göttlich · Lords und Ladies/Helle Barden · Rollende Steine/ Echt zauberhaft · Mummenschanz/Hohle Köpfe · Schweinsgalopp/Fliegende Fetzen

Von der Scheibenwelt außerdem erschienen:

Wahre Helden. Ein illustrierter Scheibenwelt-Roman · Die Kunst der Scheibenwelt Das Scheibenwelt-Album. Illustriert von Paul Kidby · Mort. Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins · Wachen! Wachen! Der Scheibenwelt-Comic. Illustriert von Graham Higgins · Nanny Oggs Kochbuch. Mit Rezepten von Tina Hannan. Illustriert von Paul Kidby · Die Straßen von Ankh-Morpork. Eine Scheibenwelt-Karte · Die Scheibenwelt von A - Z · Mythen und Legenden der Scheibenwelt · Witz und Weisheit der Scheibenwelt · Narren, Diebe und Vampire. Die besten Geschichten aus zehn Jahren Scheibenwelt-Kalender

Dazu ist erschienen:

Die gemeine Hauskatze. Illustriert von Gray Jolliffe · Eine Insel. Roman

Außerdem sind Johnny-Maxwell-Romane von Terry Pratchett erschienen: Nur du kannst die Menschheit retten/Nur du kannst sie verstehen/Nur du hast den Schlüssel. Drei Romane in einem Band

Weitere Bücher von Terry Pratchett sind in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

Copyright

Der Moriskentanz ist auf allen bewohnten Welten des Multiversums verbreitet.

Man tanzt ihn unter blauen Himmeln, um das Wiedererwachen der Erde zu feiern, und unter kalten Sternen, weil der Frühling da ist und mit ein bisschen Glück das Kohlendioxid wieder wegtauen wird. Lebewesen aus der Tiefsee, die nie die Sonne gesehen haben, verspüren seinen Ruf ebenso wie Stadtmenschen, deren einziger Zugang zu den Kreisläufen der Natur darin besteht, mit ihrem Volvo einmal ein Schaf überfahren zu haben.

In seiner braven Form wird er von strubbelbärtigen Jungmathematikern getanzt, zu einer gestümperten Akkordeonversion von »Frau Wirtin und ihr Zimmerherr«, und in seiner rabiaten Ausprägung von den Ninja-Moriskentänzern aus Neu-Ankh, die mit einem schlichten Taschentuch und einem Glöckchen die seltsamsten, fürchterlichsten Dinge anstellen können.

Aber nirgends wird er richtig getanzt.

Nirgends, außer auf der Scheibenwelt, die auf den Rücken von vier Elefanten ruht und von der Weltenschildkröte Groß A’Tuin auf ihrem Panzer durchs All getragen wird.

Und auch dort nur an einem einzigen Ort. Nur in einem kleinen Dorf in den Spitzhornbergen wird das simple, aber große Geheimnis von Generation zu Generation weitergegeben.

Dort tanzen ihn die Männer am ersten Frühlingstag, vor und zurück, mit Glöckchen unter den Knien und flatternden weißen Hemden. Das ganze Dorf sieht ihnen zu. Hinterher gibt es Ochsen vom Spieß. Alles in allem ein Riesenspaß für Jung und Alt.

Doch das ist nicht das Geheimnis.

Das Geheimnis ist der andere Tanz.

Aber bis zu dem ist es noch eine ganze Weile hin.

Ein Ticken wie von einer Uhr. Und am Himmel steht wahrhaftig eine Uhr, aus der tickend die frisch geprägten Sekunden rinnen.

Zumindest sieht es aus wie eine Uhr. Dabei ist es das genaue Gegenteil, und der größte Zeiger geht nur ein einziges Mal herum.

Unter einem trüben Himmel liegt eine Ebene. Sie ist mit sanften Wellenlinien bedeckt, die einem, aus großer Ferne betrachtet, vielleicht bekannt vorkämen. Sähe man sie tatsächlich aus der genannten großen Ferne, wäre man allerdings heilfroh über den Sicherheitsabstand.

Darüber schwebten drei graue Gestalten. Um wen oder was es sich bei ihnen genau handelte, entzieht sich der normalen sprachlichen Beschreibung. Manch einer würde sie vielleicht Engel nennen, auch wenn sie nichts Rotbäckiges an sich hatten. Man kann aber ebenso gut sagen, sie sorgen dafür, dass die Schwerkraft wirkt und die Zeit sich nicht mit dem Raum vermischt. Nennen wir sie Revisoren. Revisoren der Realität.

Sie sprachen miteinander, ohne zu sprechen. Das hatten sie nicht nötig. Sie veränderten einfach die Realität, sodass es war, als hätten sie gesprochen.

Einer sagte: So etwas hat es noch nie gegeben. Ist das überhaupt machbar?

Einer sagte: Es muss sein. Es liegt eine Persönlichkeit vor. Persönlichkeiten enden. Nur Kräfte überdauern.

Er sagte dies mit einiger Genugtuung.

Einer sagte: Außerdem … ist es zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Wo Persönlichkeit ist, sind Unregelmäßigkeiten nicht weit. Altbekannte Tatsache.

Einer sagte: Er hat schlampig gearbeitet?

Einer sagte: Nein. Dafür können wir ihn nicht rankriegen.

Einer sagte: Eine Persönlichkeit zu werden ist Schlamperei. Wir wollen doch nicht, dass so etwas um sich greift. Man stelle sich bloß vor, die Schwerkraft würde sich eine Persönlichkeit zulegen. Und sich plötzlich einbilden, dass sie Menschen mag.

Einer sagte: Dass sie sich zu ihnen hingezogen fühlt, he?

Mit einer Stimme, die noch frostiger gewesen wäre, wenn sie den absoluten Nullpunkt nicht ohnehin schon erreicht hätte, sagte Einer: Nein.

Einer sagte: Entschuldigung. Ich wollte bloß einen kleinen Witz machen.

Einer sagte: Außerdem macht er sich über seine Arbeit Gedanken. Solche Spekulationen sind gefährlich.

Einer sagte: Keine Frage.

Einer sagte: Dann sind wir uns einig?

Einer, der ins Grübeln geraten war, sagte: Augenblick mal. War das nicht eben ein »Ich«? Da entwickelt sich doch nicht etwa noch eine Persönlichkeit?

Einer sagte schuldbewusst: Wie? Wo?

Einer sagte: Wo Persönlichkeit ist, ist Zwietracht.

Einer sagte: Ja. Ja. Wie wahr.

Einer sagte: In Ordnung. Aber passt in Zukunft besser auf.

Einer sagte: Dann sind wir uns einig?

Sie blickten empor in das Antlitz Azraels, das sich am Himmel abzeichnete. Das der Himmel war.

Azrael nickte bedächtig.

Einer sagte: Also gut. Wo ist dieser Ort?

Einer sagte: Es ist die Scheibenwelt. Sie bewegt sich auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte durch den Weltraum.

Einer sagte: Ach so, eine von denen. Wie ich die Sorte hasse.

Einer sagte: Da, schon wieder. Da war doch schon wieder ein »Ich«.

Einer sagte: Nein! Nein! Ich hab nicht »ich« gesagt!… Oh, Mist verdammter.

Er ging in Flammen auf und verbrannte wie eine kleine Gaswolke – schnell und ohne hässliche Rückstände. Fast gleichzeitig erschien ein neuer. Er ähnelte seinem verschwundenen Geschwister wie ein Ei dem anderen.

Einer sagte: Lasst euch das eine Lehre sein. Eine Persönlichkeit zu werden, bedeutet zu enden. Und jetzt … lasst uns gehen.

Azrael sah ihnen nach, wie sie davonhuschten.

Es ist schwierig, die Gedanken eines Wesens zu ergründen, das so groß ist, dass sich seine Länge im realen Raum nur in Lichtgeschwindigkeit messen ließe. Aber er drehte seine gewaltige Masse und suchte mit Augen, in denen sich Sterne verlieren könnten, unter den Myriaden Welten nach einer flachen.

Auf dem Rücken einer Schildkröte. Die Scheibenwelt – Welt und Spiegel von Welten.

Das hörte sich spannend an. Und Azrael, im Gefängnis seiner Milliarden Jahre, langweilte sich.

Dies ist das Zimmer, in dem sich die Zukunft durch den Flaschenhals der Gegenwart in die Vergangenheit ergießt.

Sanduhren säumen die Wände. Keine Stundengläser, obwohl sie die gleiche Form haben. Auch keine Eieruhren, wie man sie als Andenken kaufen kann, an einem kleinen Holzbrett befestigt und mit dem Namen eines x-beliebigen Urlaubsorts beschriftet, hingepinselt von einem Stümper, der über das gleiche Stilempfinden verfügt wie ein Krapfen.

Sie enthalten nicht einmal Sand, sondern Sekunden, die unaufhörlich ein Vielleicht in ein Gewesen verwandeln.

Und auf jeder Lebensuhr steht ein Name.

Der ganze Raum ist erfüllt von dem leisen Rieseln, mit dem Menschenleben vergehen.

Stellen Sie sich die Szene vor …

Und nun fügen Sie noch ein hartes Klappern von Knochen auf Stein hinzu, das langsam näher kommt.

Eine dunkle Gestalt kreuzt das Blickfeld und bewegt sich an den endlosen Regalen mit den wispernden Glasgefäßen vorbei. Klack, klack. Da steht eine Uhr, deren oberer Kolben fast leer ist. Knochenfinger greifen danach. Wählen aus. Und noch eine. Wählen aus. Und noch mehr. Viele, viele mehr. Wählen aus, wählen aus.

Wie immer, wie jeden Tag. Wenn es denn hier Tage gäbe.

Klack, klack, während die dunkle Gestalt unbeirrt die Regale abschreitet.

Und stehen bleibt.

Und zögert.

Vor sich eine kleine goldene Lebensuhr, nicht viel größer als eine Armbanduhr.

Gestern war sie noch nicht da, wenn es denn hier ein Gestern gäbe.

Knochenfinger umschließen die Uhr und halten sie gegen das Licht.

Es steht ein Name darauf, in kleinen Großbuchstaben. Der Name lautet TOD.

Tod stellte die Lebensuhr hin und hob sie wieder hoch. Der Sand der Zeit rann hindurch. Er drehte sie um; ein Versuch konnte nicht schaden. Der Sand rann weiter, nur jetzt von unten nach oben. Eigentlich hatte er auch nichts anderes erwartet.

Es bedeutete, dass es kein Morgen mehr geben würde, selbst wenn es hier ein Morgen gäbe. Nicht mehr.

Hinter ihm bewegte sich etwas durch die Luft.

Tod drehte sich langsam um und sprach das schemenhaft im Düstern wabernde Wesen an.

WARUM?

Es erklärte es ihm.

ABER DAS IST … NICHT RICHTIG.

Es erklärte ihm, dass es sehr wohl richtig sei.

Tod verzog keine Miene, denn er besaß keine.

ICH WERDE BERUFUNG EINLEGEN.

Es erklärte ihm, dass er doch selbst am besten wissen müsse, dass es keine Berufung gebe. Keine Berufung. Niemals.

Tod dachte darüber nach und sagte dann:

ICH HABE STETS NACH BESTEM WISSEN UND GEWISSEN MEINE PFLICHT GETAN.

Das Wesen schwebte näher. Es hatte entfernte Ähnlichkeit mit einem Mönch in einer grauen Kapuzenkutte.

Es sagte: Das wissen wir. Deshalb darfst du auch das Pferd behalten.

Die Sonne stand tief am Horizont.

Die kurzlebigsten Geschöpfe auf der Scheibenwelt waren die Eintagsfliegen, die kaum älter als vierundzwanzig Stunden werden. Zwei Greise ihrer Art gondelten gemütlich über einem Forellenbach hin und her und plauderten mit einigen Exemplaren der erst am Abend geschlüpften Jungbrut.

»Die Sonne ist auch nicht mehr das, was sie mal war«, sagte der eine.

»Das kannst du laut sagen. In den guten alten Stunden hatten wir noch eine richtige Sonne. Knallgelb war die. Nicht so rötlich wie jetzt.«

»Und höher stand sie auch.«

»Stimmt. Stimmt genau.«

»Und die Nymphen und Larven hatten noch Respekt vor dem Alter.«

»Und ob sie den hatten«, bekräftigte der zweite Fliegengreis.

»Bestimmt würden wir immer noch eine richtige Sonne haben, wenn die Jugend bessere Manieren hätte.«

Die jüngeren Eintagsfliegen lauschten höflich.

»Ich kann mich noch an die Zeit erinnern«, sagte einer der Greise, »als hier nichts als Felder waren, so weit das Auge reichte.«

Die jüngeren Eintagsfliegen blickten sich um.

»Hier sind immer noch Felder«, meldete sich nach einer Anstandspause eine von ihnen zu Wort.

»Aber früher waren es bessere Felder«, gab der Alte scharf zurück.

»Genau«, bekräftigte sein Kollege. »Und es gab sogar eine Kuh.«

»Stimmt! Du hast Recht! Ich erinnere mich an die Kuh! Stand gleich da drüben, bestimmt vierzig, fünfzig Minuten lang. Sie war braun, das weiß ich noch.«

»Solche Kühe kriegt man heutzustunde nicht mehr.«

»Man kriegt überhaupt keine Kühe mehr.«

»Was ist denn eine Kuh?«, fragte ein Frischgeschlüpfter.

»Siehst du?«, sagte der älteste Fliegengreis triumphierend. »So ist sie, die Ephemeropterajugend von heute.« Er hielt inne. »Wo waren wir, bevor wir über die Sonne geredet haben?«

»Wir sind gemütlich über dem Wasser hin und her gegondelt«, sagte ein Halbwüchsiger. Ganz falsch konnte er damit wohl nicht liegen.

»Nein, noch davor.«

»Äh … du hat uns etwas über die Große Forelle erzählt.«

»Ah, ja. Richtig. Die Forelle. Die Sache ist nämlich die: Wenn man eine gute Eintagsfliege gewesen und immer brav hin und her gegondelt ist –«

» – und auf das Alter gehört hat –«

» – ja, genau, und immer schön auf das Alter gehört hat, dann kommt irgendwann die Große Forelle und –«

Plopp

Plopp

»Und?«, sagte ein Fliegenjüngling.

Er bekam keine Antwort.

»Dann kommt die Große Forelle, und dann?«, fragte ein anderer nervös.

Sie blickten hinunter auf den Bach, auf dem sich konzentrische Kreise ausbreiteten.

»Das heilige Zeichen!«, sagte eine Eintagsfliege. »Davon hab ich schon mal was gehört! Ein Großer Ring im Wasser! Das ist das Zeichen der Großen Forelle!«

Der Senior der Jungbrut schaute nachdenklich hinunter. Allmählich dämmerte ihm, dass nun ihm als dem ältesten Überlebenden der Ehrenplatz dicht über der Wasseroberfläche zustand.

»Es heißt«, sagte der Eintagsjüngling an der Spitze des hin und her gondelnden Schwarms, »dass man, wenn einen die Große Forelle holt, in ein Land kommt, wo… wo …« Eintagsfliegen fressen nicht. Er wusste nicht weiter. »Wasser und Wasser fließen«, endete er lahm.

»Hm«, sagte der Senior.

»Da muss es wunderschön sein«, sagte der Junior.

»Ach ja? Und warum?«

»Weil noch keiner wieder zurückgekommen ist.«

Dagegen waren die ältesten Lebewesen auf der Scheibenwelt die berühmten Zählkiefern, die in den hohen Spitzhornbergen auf der ewigen Schneegrenze wachsen.

Bei der Zählkiefer handelt es sich um eines der wenigen bekannten Beispiele geborgter Evolution.

Die meisten Arten entwickeln sich schrittweise von selbst, ganz so, wie von der Natur vorgesehen. Dabei geht es sehr natürlich und organisch zu, im Einklang mit den rätselhaften Zyklen des Kosmos, der fest davon überzeugt ist, dass es einer Art nicht schaden kann, wenn sie sich über Millionen Jahre hinweg mit frustrierenden Versuchen und Irrtümern abplagen muss, um mit Mumm in den Knochen und in einigen Fällen sogar mit Rückgrat ausgestattet zu werden.

Was von der Warte der betreffenden Art aus gut und schön sein mag, aus der Perspektive der daran beteiligten Individuen aber eher weniger, da diese sich vermutlich wie arme Schweine dabei fühlen – beziehungsweise wie eines dieser rosafarbenen, wurzelfressenden Kleinreptilien, aus denen sich eines Tages ein Schwein entwickeln könnte.

Das alles ersparten sich die Zählkiefern, indem sie ihre Weiterentwicklung einfach durch andere Grünpflanzen für sich erledigen ließen. Wenn ein Kiefernsamen irgendwo auf der Scheibenwelt herabfällt, eignet er sich mittels morphischer Resonanz sofort den nützlichsten genetischen Code der Region an und wächst zu dem heran, was im jeweiligen Klima und in der jeweiligen Erde am besten gedeiht. Wobei sich die Kiefer wesentlich geschickter anstellt als die heimischen Bäume, die in der Regel von ihr verdrängt werden.

Was die Zählkiefern allerdings erst besonders bemerkenswert macht, ist die Art und Weise, wie sie zählen.

Da ihnen schemenhaft bewusst war, dass die Menschen das Alter eines Baumes anhand seiner Jahresringe bestimmen konnten, folgerten die ersten Zählkiefern, dass dies der eigentliche Grund dafür war, warum diese Wesen Bäume fällten.

Über Nacht veränderten sämtliche Zählkiefern ihren genetischen Code dahingehend, dass sie an ihrem Stamm ungefähr auf Augenhöhe in hellen Ziffern ihr genaues Alter anzeigten. Binnen eines Jahres wurden sie von der Hausnummernindustrie fast ausgerottet, und man findet heute nur noch einige wenige Exemplare in schwer zugänglichen Gebieten.

Sechs Zählkiefern, die in einer Gruppe beieinanderstanden, lauschten ihrem ältesten Vertreter, dessen knorriger Stamm ein Alter von einunddreißigtausendsiebenhundertvierunddreißig Jahren angab. Das Gespräch dauerte siebzehn Jahre, wird aber im Schnelldurchlauf wiedergegeben.

»Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als hier nicht nur Felder waren.«

Die Kiefern starrten tausend Meilen weit auf die Landschaft hinaus. Der Himmel flackerte wie bei einem schlechten Spezialeffekt in einem Film über Zeitreisen. Schnee fiel, blieb kurz liegen, schmolz.

»Und was war hier dann?«, fragte der Nachbarbaum.

»Eis. Wenn man es überhaupt Eis nennen kann. In jenen Tagen hatten wir hier nämlich noch richtige Gletscher. Nicht wie das Eis heute, das nur mit Ach und Krach eine Jahreszeit hält. Damals blieb es ewig lange liegen.«

»Was ist daraus geworden?«

»Es ist weg.«

»Und wo ist es hin?«

»Dahin, wohin alles verschwindet. Alles rauscht vorbei und ist weg.«

»Wow. Das war aber ein Strenger.«

»Ein strenger Was?«

»Winter. Gerade eben.«

»Das nennst du Winter? Als ich noch ein kleiner Schössling war, da hatten wir noch Winter –«

Der Baum verschwand.

Nach einer Schreckenspause von einigen Jahren sagte jemand aus der Gruppe: »Er ist nicht mehr da! Einfach weg! So schnell kann’s gehen. Von einem Tag auf den anderen.«

Wären seine Kollegen Menschen gewesen, hätten sie betreten mit den Füßen gescharrt.

»Da kann man nichts machen, mein Junge«, sagte einer der anderen Bäume behutsam. »Er ist jetzt an einem besseren Ort1, glaub mir. Er war ein guter Baum.«

Der junge Baum, der lediglich fünftausendeinhundertundelf Jahre zählte, fragte: »Was ist das für ein besserer Ort?«

»Das wissen wir auch nicht so genau«, antwortete einer aus der Gruppe. Ein Orkan, der wochenlang tobte, ließ ihn momentan erschaudern. »Aber wir glauben, dort gibt es … Sägemehl.«

Da die Kiefern nicht in der Lage waren, Ereignisse wahrzunehmen, die weniger lange als einen Tag dauerten, drang nicht einmal das Krachen der Äxte zu ihnen durch.

Windle Poons, ältester Zauberer des gesamten Lehrkörpers der Unsichtbaren Universität …

– Hort der Magie, Zauberei und üppigen Mahlzeiten –,

… war ebenfalls dem Tode nah.

Das wusste er, schwach und zittrig wie er war.

Sicher, so sinnierte er, während er im Rollstuhl über die Steinplatten zu seinem ebenerdigen Studierzimmer rollte, irgendwie wusste jeder, dass er sterben musste, sogar die einfachen Leute. Wo man gewesen war, bevor man auf die Welt kam, wusste niemand. War man aber erst einmal angekommen, merkte man ziemlich schnell, dass man die entwertete Rückfahrkarte bereits in der Tasche hatte.

Zauberer dagegen wussten es wirklich. Natürlich nicht, wenn sie durch eine Gewalttat oder einen heimtückischen Mord aus dem Leben gerissen wurden, doch wenn die Todesursache lediglich das Verlöschen des Lebens war, dann… ja, dann wussten sie Bescheid. Die Vorahnung erreichte sie für gewöhnlich so rechtzeitig, dass sie noch ihre Bücher in die Bibliothek zurückbringen, ihren besten Anzug reinigen lassen und sich bei ihren Freunden ziemlich große Geldbeträge leihen konnten.

Windle Poons war einhundertdreißig. Ihm kam der Gedanke, dass er die meiste Zeit seines Lebens ein alter Mann gewesen war. Eigentlich ganz schön ungerecht.

Und keiner hatte ein Wort gesagt. Als er es in der vergangenen Woche im Ungemeinschaftsraum erwähnt hatte, war kein Kollege darauf eingegangen. Und heute beim Mittagessen hatten sie kaum mit ihm gesprochen. Selbst seine sogenannten alten Freunde gingen ihm aus dem Weg, obwohl er noch nicht einmal versucht hatte, sie anzupumpen.

Es war ein Gefühl, als hätte alle Welt seinen Geburtstag vergessen. Bloß schlimmer.

Er würde allein sterben, und keiner scherte sich einen Pfifferling darum.

Er stieß die Tür mit dem Rad des Rollstuhls auf und tastete auf dem Tischchen an der Wand nach seiner Zunderbüchse.

Das war noch so eine Sache. Kaum einer benutzte heutzutage noch eine Zunderbüchse. Alle kauften sie diese stinkenden gelben Streichhölzer, die von den Alchimisten hergestellt wurden. Windle hielt nichts davon. Feuer war wichtig. Man sollte es nicht einfach so anmachen können, das war respektlos. Typisch. Heutzutage musste immer alles schnell, schnell gehen und … Feuer. Ja, auch das war in der guten alten Zeit viel wärmer gewesen. Heutzutage musste man sich fast auf ein Feuer draufsetzen, bevor es einen wärmte. Das lag am Holz… Irgendetwas stimmte damit nicht. Heutzutage stimmte mit allem etwas nicht. Alles war dünner. Verschwommener. Lebloser. Und die Tage waren kürzer. Mummel-mummel. Irgendetwas stimmte mit ihnen nicht mehr. Sie waren kürzer. Mummel-mummel. Dabei dauerte jeder einzelne Tag eine Ewigkeit, was merkwürdig war, weil die Tage in der Mehrzahl wie eine durchgegangene Rinderherde vorbeipreschten. Es gab nicht viel zu tun, wofür man einen hundertdreißigjährigen Zauberer brauchte, und um die Zeit irgendwie herumzubringen, hatte Windle sich angewöhnt, bereits zwei Stunden vor dem Essen im Speisesaal zu erscheinen.

Nicht enden wollende Tage, die vorbeiflogen. Das ergab keinen Sinn. Mummel-mummel. Andererseits war es mit dem Sinn auch nicht mehr so weit her wie in der guten alten Zeit.

Und man ließ es zu, dass die Universität von jungen Burschen geleitet wurde. Früher war sie von richtigen Zauberern geleitet worden, stattlichen, kernigen Männern, gebaut wie Ackergäule, von Zauberern, zu denen man aufblicken konnte. Bis sie plötzlich alle verschwunden waren und Windle sich von diesen Milchbubis bevormunden lassen musste, die zum Teil sogar noch eigene Zähne im Mund hatten. Wie der junge Ridcully. Windle hatte ihn deutlich vor Augen. Ein Hänfling mit Segelohren, der sich noch nicht mal richtig die Nase putzen konnte und in seiner ersten Nacht im Schlafsaal nach seiner Mama weinte. Nichts als Lausbubenstreiche im Kopf. Irgendjemand hatte Windle weismachen wollen, dass Ridcully inzwischen Erzkanzler geworden war. Mummel-mummel. Sie hielten ihn wohl für blöde.

Wo steckte denn bloß die verflixte Zunderbüchse? Finger … in der guten alten Zeit hatte man noch richtige Finger …

Jemand zog die Abdeckung von einer Laterne. Jemand anderer drückte Windle ein Glas in die tastende Hand.

»Überraschung!«

Im Haus des Todes hängt eine Uhr in der Diele. Sie hat ein Pendel wie eine Klinge, aber keine Zeiger, denn im Haus des Todes gibt es keine Zeit, nur die Gegenwart. (Natürlich gab es eine Gegenwart vor der jetzigen Gegenwart, aber die war ebenfalls die Gegenwart. Bloß älter.)

Das Pendel ist eine Klinge, die Edgar Allen Poe dazu gebracht hätte, die Schreiberei an den Nagel zu hängen und einen Neuanfang als Vorstadtkomiker zu versuchen. Sie schwingt mit einem leisen Wumm-wumm hin und her und hobelt hauchdünne Intervalle von der Speckseite der Ewigkeit.

Tod stakste an der Uhr vorbei in seine grabesdüstere Studierstube, wo ihn sein Diener Albert bereits mit Handtuch und Polierlappen erwartete.

»Guten Morgen, Meister.«

Tod nahm stumm auf dem großen Stuhl Platz. Albert breitete ihm das Handtuch über die eckigen Schultern.

»Schöner Tag heute«, sagte er im Plauderton.

Tod schwieg.

Albert schüttelte den Polierlappen aus und schlug Tods Kapuze zurück.

ALBERT.

»Herr?«

Tod holte die kleine goldene Lebensuhr hervor.

SIEHST DU DAS HIER?

»Ja, Herr. Sehr hübsch. So eine habe ich noch nie gesehen. Wem gehört sie?«

MIR.

Alberts Blick rutschte zur Seite. Auf der einen Ecke des Schreibtischs stand eine große Lebensuhr in einer schwarzen Halterung. Sie enthielt keinen Sand.

»Ich dachte, das da wäre Eure«, sagte er.

DAS WAR EINMAL. JETZT GEHÖRT MIR DIESE. EIN GESCHENK ZUM RUHESTAND. VON AZRAEL PERSÖNLICH.

Albert spähte auf das Ding, das Tod in der Hand hielt.

»Aber … der Sand, Herr. Er läuft!«

KORREKT.

»Aber das bedeutet ja… Ich meine…?«

ES BEDEUTET, DASS DER SAND EINES TAGES DURCHGELAUFEN SEIN WIRD, ALBERT.

»Ich weiß, Herr, aber… Ihr… Ich dachte immer, dass die Zeit nur für andere gilt. Oder irre ich mich? Doch nicht für Euch, Herr.« Der Satz endete mit einem flehenden Unterton in Alberts Stimme.

Tod zog sich das Handtuch von den Schultern und stand auf.

KOMM MIT.

»Aber Ihr seid der Tod, Meister«, sagte Albert und lief krebsbeinig hinter der großen Gestalt her, hinaus in die Diele und den Gang hinunter, der zum Stall führte. »Soll das vielleicht ein Scherz sein?«, fragte er hoffnungsvoll.

ICH BIN NICHT FÜR MEINEN HUMOR BEKANNT.

»Nein, natürlich nicht. Nichts für ungut. Aber Ihr könnt doch gar nicht sterben, weil Ihr der Tod seid; sonst müsstet Ihr Euch ja selbst ereilen, und das wäre wie bei der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt –«

TROTZDEM WERDE ICH STERBEN. ES GIBT KEINE BERUFUNG.

»Aber was soll dann aus mir werden?«, sagte Albert. Das Grauen glitzerte auf seinen Worten wie Metallspäne auf eines Messers Schneide.

ES WIRD EINEN NEUEN TOD GEBEN.

Albert richtete sich zu voller Größe auf.

»Ich glaube wirklich nicht, dass ich einem neuen Herrn dienen könnte«, sagte er.

DANN KEHRE ZURÜCK IN DIE WELT. ICH GEBE DIR GELD. DU WARST EIN GUTER DIENER, ALBERT.

»Aber wenn ich zurückgehe –«

JA, sagte Tod. DANN MUSST DU STERBEN.

Im warmen Mief des Stalles blickte Tods fahles Pferd von seinem Hafer auf und wieherte leise zur Begrüßung. Das Pferd hieß Binky. Es war ein echtes Pferd. Tod hatte es schon mit Flammenrössern und Knochenmähren probiert, aber die waren ihm zu unpraktisch, vor allem die Flammenrösser, die regelmäßig ihre Streu in Brand setzten und anschließend mit belämmerter Miene vor der Bescherung standen, die sie selbst angerichtet hatten.

Tod nahm den Sattel vom Haken und warf einen Blick auf Albert, der an einer Gewissenskrise laborierte.

Vor tausenden von Jahren hatte Albert sich entschieden, lieber Tod zu dienen als zu sterben. Richtig unsterblich war er dadurch nicht geworden. Die reale Zeit hatte zu Tods Reich keinen Zutritt. Dort gab es nur das sich unablässig verändernde Jetzt, das allerdings sehr lange andauerte. Albert hatte keine zwei Monate echtes Leben mehr übrig, und er hortete seine Tage wie Goldbarren.

»Ich, äh…«, begann er. »Will sagen –«

DU HAST ANGST ZU STERBEN?

»Es ist nicht so, dass ich nicht… Ich meine, ich habe immer… Aber das Leben ist nun mal eine Angewohnheit, die sich nur schwer wieder abgewöhnen lässt …«

Tod beobachtete ihn interessiert, wie man einen Käfer betrachtet, der auf dem Rücken liegt und sich nicht umdrehen kann.

Irgendwann verstummte Albert.

ICH VERSTEHE, sagte Tod, während er nach Binkys Zaumzeug griff.

»Aber Ihr scheint Euch überhaupt keine Sorgen zu machen! Müsst Ihr wirklich sterben?«

JA. ICH FREUE MICH SCHON AUF DAS ABENTEUER.

»Tatsächlich? Und Ihr habt keine Angst?«

ICH WEISS NICHT, WAS ANGST IST.

»Wenn Ihr wollt, zeige ich es Euch«, bot Albert an.

NEIN. ICH MÖCHTE SIE MIR LIEBER SELBST ANEIGNEN. ICH WERDE ERFAHRUNGEN MACHEN. ENDLICH.

»Meister … Wenn Ihr geht, wird es dann -?«

DU HAST ES GEHÖRT, ALBERT. EIN NEUER TOD WIRD AUS DEN KÖPFEN DER LEBENDEN ERSTEHEN.

»Ach.« Albert machte ein erleichtertes Gesicht. »Ihr wisst nicht zufällig, was für ein Typ er sein wird, oder?«

NEIN.

»Dann veranstalte ich wohl besser einen Hausputz und bereite die Inventur vor.«

GUTE IDEE, sagte Tod so freundlich wie möglich. WENN ICH DEN NEUEN TOD SEHE, WERDE ICH DICH IHM WÄRMSTENS EMPFEHLEN.

»Ach. Dann werdet Ihr ihm also begegnen?«

ABER JA. UND JETZT MUSS ICH LOS.

»Was, so bald schon?«

GEWISS. ICH WILL DOCH MEINE ZEIT NICHT VERSCHWENDEN! Tod rückte den Sattel zurecht, drehte sich um und hielt Albert stolz die kleine Lebensuhr unter die Hakennase.

SIEHST DU! ICH HABE ZEIT! ENDLICH HABE ICH ZEIT!

Albert wich nervös zurück.

»Und was wollt Ihr damit anfangen?«

SIE AUF DEN KOPF HAUEN.

Die Party war im vollen Gange. Es war so heiß, dass das Spruchband »Adjö Windle hundertdreißig tholle Jahre« schlapp durchhing. Die Stimmung war bombig. Bald würde es wieder so weit sein, dass es zum Trinken nur noch Punsch gab und zum Essen nur noch diesen seltsamen gelben Dip mit den dubiosen Tortillas, und keinen juckte es! Die Zauberer unterhielten sich mit der bemühten Aufgekratztheit von Leuten, die einander schon den ganzen Tag ausgehalten haben und sich jetzt auch noch den ganzen Abend ertragen müssen.

Und mittendrin Windle Poons, ein großes Glas Rum in der Hand und einen lustigen Papierhut auf dem Kopf. Er war den Tränen nah.

»Eine echte Abschiedsparty!«, murmelte er vor sich hin. »Das hab ich nicht mehr erlebt, seit damals ›Kratzer‹ Pfandsohle das Zeitliche gesegnet hat, mummel-mummel, im Jahr des Thückischen Thümmlers.« Die altertümelnden Hs fanden ihren Platz wie von selbst. »Dass sich an so was überhaupt noch wer erinnert!«

»Der Bibliothekar hat das genaue Prozedere für uns nachgeschlagen.« Der Quästor deutete auf einen großen Orang-Utan, der sich bemühte, in einen Luftrüssel zu blasen. »Den Bananendip hat er auch fabriziert. Hoffentlich wird er bald gegessen.«

Er beugte sich zu Windle hinunter.

»Soll ich Ihnen noch einen Schlag Kartoffelsalat holen?«, fragte er in dem überdeutlichen Ton, den man gegenüber Schwachsinnigen und Alten anschlägt.

Windle hielt sich die zittrige Hand hinters Ohr.

»Was? Was?«

»Kartoffel! Salat! Windle?«

»Nein, danke.«

»Oder ein Würstchen?«

»Was?«

»Würstchen!«

»Dann hab ich die ganze Nacht Blähungen.« Nach kurzem Hin- und Herüberlegen nahm Windle fünf.

»Äh«, brüllte der Quästor, »wissen Sie vielleicht, um wie viel Uhr – ?«

»Häh?«

»Wie! Viel! Uhr?«

»Halb zehn«, antwortete Windle prompt, wenn auch mampfend.

»Schön für Sie«, sagte der Quästor. »Dann haben Sie ja noch den Rest des Abends, äh, zur freien Verfügung.«

Windle wühlte aus den Untiefen seines Rollstuhls – Friedhof für muffige Kissen, eselsohrige Bücher und angelutschte olle Karamellen – ein Büchlein mit grünem Einband hervor und drückte es dem Quästor in die Hand.

Der drehte es um. Auf dem Deckel stand in zittrigen Lettern »Windle Poonsens Thaschenkalender«. Für das heutige Datum diente eine Speckschwarte als Lesezeichen.

Unter dem Punkt »Zu erledigen« war in Krakelschrift eingetragen: Sterben.

Unwillkürlich blätterte der Quästor die Seite um.

Tatsächlich. Für morgen stand unter demselben Punkt: Geboren werden.

Sein Blick glitt hinüber zu dem Tischchen an der Wand, um das sich, obwohl die Studierstube gut gefüllt war, ein freier Raum erhalten hatte, als besäße der Tisch eine Privatsphäre, in die niemand einzudringen wagte.

In den Anweisungen für die Abschiedsparty hatten sich gesonderte Instruktionen hinsichtlich des Tischchens gefunden. Es musste eine schwarze Decke mit eingestickten magischen Sigillen haben. Darauf stand ein Teller mit einer Auswahl der gelungeneren Kanapees. Und ein Glas Wein. Nach längerer Diskussion hatten die Zauberer noch einen lustigen Papierhut dazugelegt.

Aus allen Gesichtern sprach gespannte Erwartung.

Der Quästor holte seine Uhr hervor und klappte den Deckel auf.

Es war eine dieser neumodischen Taschenuhren mit Zeigern. Sie zeigten auf Viertel nach neun. Er schüttelte sie. Unter der zwölf öffnete sich eine kleine Luke, ein sehr kleiner Dämon steckte den Kopf heraus und sagte: »Is ja gut, Chef. Ich strampel doch schon so schnell ich kann.«

Der Quästor klappte den Deckel wieder zu und sah sich verzweifelt um. Niemand schien sonderlich erpicht darauf, Windle Poons allzu nahe zu kommen. Also blieb es wohl an ihm hängen, mit dem alten Knaben Konversation zu machen. Er ging im Kopf mögliche Gesprächsthemen durch. Alle bargen Tücken.

Windle Poons sprang ihm bei.

»Ich hab ja vor, als Frau wieder zurückzukommen«, bemerkte er beiläufig.

Dem Quästor fiel die Kinnlade herunter.

»Ich freu mich schon drauf«, fuhr Poons fort. »Ich versprech mir, mummel-mummel, einiges davon.«

Der Quästor kramte hastig in seinem eher übersichtlichen Repertoire frauenrelevanter Smalltalk-Themen. Er beugte sich dicht an Windles knorriges Ohr.

»Aber heißt das nicht«, äußerte er schließlich auf gut Glück, »pausenlos Wäsche waschen, Betten machen, Essen kochen und so?«

»Nicht in dem Leben, mummel-mummel, das mir vorschwebt«, sagte Windle bestimmt.

Der Quästor machte den Mund wieder zu. Der Erzkanzler schlug mit einem Löffel auf den Tisch.

»Brüder…«, begann er, als es halbwegs ruhig geworden war. Worauf sofort lautes Beifallsgegröle losbrach.

»… wie Sie alle wissen, haben wir uns heute Abend hier versammelt, um den bevorstehenden, äh, Ruhestand« – nervöses Gelächter – »unseres alten Freundes und Kollegen Windle Poons zu feiern. Wenn ich den guten Windle hier so unter uns sitzen sehe, fällt mir, wie es der Zufall will, die Geschichte von der Kuh mit den drei Holzbeinen ein. Es war nämlich einmal eine Kuh, die…«

Der Quästor ließ seinen Gedanken freien Lauf. Er kannte die Geschichte. Der Erzkanzler verpatzte jedes Mal die Pointe.

Außerdem beschäftigten ihn andere Dinge.

Sein Blick wanderte immer wieder zu dem Tischchen hinüber.

Der Quästor war ein herzensguter, wenn auch nervenschwacher Mensch, der Freude an seiner Arbeit hatte. Unter anderem auch deshalb, weil ihm keiner der anderen Zauberer seinen Posten streitig machte. Viele seiner Kollegen wären zum Beispiel gern Erzkanzler geworden oder Oberhaupt eines der acht magischen Orden, doch einen Zauberer, der den ganzen Tag in der Quästur sitzen wollte, um in Unterlagen zu wühlen und Zahlen zusammenzurechnen, konnte man lange suchen. An der Unsichtbaren Universität hatte jeglicher Papierkram die Neigung, sich im Büro des Quästors anzusammeln, was zur Folge hatte, dass er zwar abends todmüde ins Bett fiel, dafür aber auch einen ungestörten Schlaf genoss und sein Nachthemd nicht besonders gründlich nach hineingeschmuggelten Skorpionen absuchen musste.

Die Ermordung eines ranghöheren Zauberers galt als anerkannte Methode, um in einem Orden aufzusteigen. Den Quästor zu töten konnte allerdings nur jemandem einfallen, der sich insgeheim an akkuraten Zahlenkolonnen ergötzte, und solche Leute haben mit Mord normalerweise nichts am Hut.2

Er dachte an seine lang vergangene Kindheit in den Spitzhornbergen zurück. Daran, wie seine Schwester und er zum Jahresende immer ein Glas Wein und einen Kuchen für den Swinvater herausgestellt hatten. Damals war alles anders gewesen. Er war jünger gewesen und unwissender – und wahrscheinlich auch um einiges glücklicher.

Zum Beispiel hatte er da noch nicht gewusst, dass er eines Tages Zauberer sein und zusammen mit anderen Zauberern ein Glas Wein, einen Kuchen, eine wenig vertrauenerweckende Königinpastete und einen lustigen Papierhut für …

… jemand anderen … hinstellen würde.

Als er ein kleiner Junge war, hatte es an Swinvater auch Partys gegeben. Sie liefen immer nach dem gleichen Muster ab. Kurz bevor den Kindern vor Aufregung schlecht wurde, sagte einer der Erwachsenen neckisch: »Ich glaube, da kommt ein ganz besonderer Gast!« Worauf wundersamerweise wie aufs Stichwort ominöses Glöckchenklingeln durchs Fenster drang, und herein kam…

… herein kam …

Der Quästor schüttelte den Kopf. Ein verkleideter Großvater mit angeklebtem Backenbart, wer sonst? Ein lustiger alter Knabe aus der Nachbarschaft mit einem Sack voller Geschenke, der sich den Schnee von den Stiefeln trat. Jemand, der einem etwas brachte.

Heute dagegen …

Der gute Windle empfand das wahrscheinlich anders. Nach hundertdreißig Jahren entwickelte der Tod im Zweifel eine gewisse Anziehungskraft. Irgendwann interessierte es einen vermutlich, wie es danach weiterging.

Die verworrene Anekdote des Erzkanzlers hinkte ihrem Ende entgegen. Die versammelten Zauberer lachten pflichtschuldig und machten sich dann auf die Suche nach der Pointe.

Der Quästor sah unauffällig auf die Uhr. Zwanzig nach neun.

Windle Poons hielt eine Rede. Sie war lang, weitschweifig und konfus. Er ließ die gute alte Zeit Revue passieren und glaubte sich ganz eindeutig von Leuten umgeben, die seit mindestens fünfzig Jahren tot waren, aber das machte weiter nichts, weil in der Regel sowieso alle abschalteten, wenn Windle sprach.

Der Quästor konnte den Blick nicht von seiner Uhr losreißen. Im Inneren quietschte leise die Tretkurbel, der Dämon strampelte noch immer geduldig der Unendlichkeit entgegen.

Fünf Minuten vor halb.

Wie würde es ablaufen, fragte sich der Quästor. Ob man wohl – Ich glaube, da kommt ein ganz besonderer Gast – Pferdegetrappel hörte?

Ging die Tür ganz normal auf, oder drang ER durch sie hindurch? Dumme Frage. ER war schließlich berühmt für seine Fähigkeit, in verschlossene Räume einzudringen – vor allem in verschlossene Räume, logischerweise. Denn wenn man sich irgendwo einsperrte, war es nur eine Frage der Zeit.

Der Quästor hoffte, ER würde einfach zur Tür hereinkommen. Er war sowieso schon mit den Nerven am Ende.

Der Geräuschpegel sank. Auch von den anderen Zauberern, bemerkte der Quästor, sahen nicht wenige zur Tür.

Windle saß in der Mitte eines sich taktvoll vergrößernden Kreises. Niemand zog sich bewusst von ihm zurück; es war eher so, als würden die Umstehenden durch eine scheinbar zufällige Brown’sche Molekularbewegung behutsam von ihm weggeschoben.

Zauberer können den Tod sehen. Und wenn ein Zauberer stirbt, erscheint Tod persönlich, um ihn ins Jenseits zu geleiten. Der Quästor fragte sich, wieso das wohl als Pluspunkt angesehen wurde …

»Wo guckt ihr eigentlich alle hin?«, fragte Windle aufgekratzt.

Der Quästor ließ seine Uhr aufschnappen.

Die Luke unter der zwölf klappte auf.

»Nu lassen Sie doch mal das Rumgeschüttel«, quäkte der Dämon. »Ich verzähl mich ja dauernd.«

»’tschuldigung«, zischte der Quästor. Es war neun Uhr neunundzwanzig.

Der Erzkanzler trat vor.

»Dann also adieu, Windle.« Er schüttelte dem Greis die pergamenttrockene Hand. »Ohne Sie wird das alte Gemäuer nicht mehr dasselbe sein.«

»Ich weiß gar nicht, wie wir ohne Sie zurechtkommen sollen«, schloss sich der Quästor dankbar an.

»Viel Glück im nächsten Leben«, sagte der Dekan. »Schauen Sie ruhig mal bei uns rein, wenn Sie in der Nähe sind und … noch wissen, wer Sie waren.«

»Nicht, dass Sie uns fremdeln«, sagte der Erzkanzler.

Windle Poons nickte freundlich. Verstanden hatte er nichts. Er nickte auf Verdacht.

Wie ein Mann sahen die Zauberer zur Tür.

Die Luke unter der zwölf öffnete sich erneut.

»Bing bing bong bing«, sagte der Dämon. »Bingeli bingeli bong bing bing.«

»Was?«, sagte der Quästor, der zusammengefahren war.

»Halb zehn«, sagte der Dämon.

Die Zauberer wandten sich Windle Poons zu – mit leicht vorwurfsvollen Mienen.

»Was guckt ihr denn so?«, sagte der.

Der Sekundenzeiger der Uhr quietschte weiter.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte der Dekan laut.

»Ging mir noch nie besser«, sagte Windle. »Ist noch was von dem, mummel-mummel, Rum da?«

Die versammelten Zauberer sahen zu, wie er sich kräftig nachschenkte.

»Wollen Sie sich nicht lieber ein bisschen zurückhalten?«, fragte der Dekan nervös.

»Zum Wohl!«, sagte Windle Poons.

Der Erzkanzler trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

»Herr Poons«, sagte er, »liegt hier auch wirklich kein Irrtum vor?«

Aber Windle war nicht mehr zu stoppen. »Gibt’s noch welche von diesen Todtillas? Auch wenn richtiges Essen was anderes ist«, sagte er. »Steinharten Zwieback in Schleim zu tunken, was soll denn daran so besonders sein? Was ich jetzt gut vertragen könnte, wäre eine von Herrn Schnappers berühmten Fleischpasteten –«

Und dann starb er.

Der Erzkanzler warf einen Blick auf seine Zaubererkollegen, schlich auf Zehenspitzen zum Rollstuhl und hob eine blau geäderte Hand, um Windle den Puls zu fühlen. Er schüttelte den Kopf.

»So möchte ich auch mal abtreten«, sagte der Dekan.

»Wie, so? Von Fleischpasteten faselnd?«, sagte der Quästor.

»Nein. Mit Verspätung.«

»Augenblick. Augenblick«, sagte der Erzkanzler. »Hier ist doch was faul. Traditionsgemäß erscheint beim Tod eines Zauberers Tod persön-«

»Vielleicht war er anderweitig beschäftigt«, fiel ihm der Quästor ins Wort.

»Ja, genau«, sagte der Dekan. »Drüben in Quirm soll doch eine heftige Grippewelle grassieren.«

»Und letzte Nacht hat ein ziemlicher Sturm gewütet. Da sind bestimmt viele Schiffe untergegangen«, sagte der Dozent für Neue Runen.

»Und schließlich ist Frühling. Da kommen doch in den Bergen andauernd Lawinen runter.«

»Und nicht zu vergessen die Seuchen.«

Der Erzkanzler strich sich nachdenklich über den Bart.

»Hm«, sagte er.

Trolle sind die einzigen Geschöpfe auf der Welt, die glauben, dass sich alle Lebewesen rückwärts durch die Zeit bewegen. Wenn die Vergangenheit sichtbar und die Zukunft verborgen ist, so die Trolle, kann das nur bedeuten, dass man falsch rum steht. Alles, was lebt, durchläuft das Leben von hinten nach vorne. Eine sehr interessante Idee, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie auf dem Mist einer Spezies gewachsen ist, deren Angehörige fast ausschließlich damit beschäftigt sind, sich Felsbrocken über den Schädel zu ziehen.

Wie herum auch immer, Zeit ist etwas, das jedes Lebewesen besitzt.

Tod galoppierte durch schwarze Wolkenberge abwärts.

Auch er hatte jetzt Zeit.

Die beste seines Lebens.

Windle Poons spähte ins Dunkel.

»Hallo?«, sagte er. »Hallo. Ist da wer? Huhu!«

Nur ein fernes Heulen antwortete ihm, wie vom Wind am Ende eines Tunnels.

»Du kannst rauskommen«, sagte Windle mit vor Überdrehtheit zitternder Stimme. »Trau dich ruhig. Ehrlich gesagt, freue ich mich schon darauf.«

Er klatschte und rieb sich mit gezwungener Begeisterung die Geisterhände.

»Nun mach schon. Manche Leute wollen schließlich ihr neues Leben anfangen«, sagte er.

Im Dunkeln regte sich nichts. Keine Gestalt war zu sehen, kein Laut zu hören. Alles war leer und wüst. Der Geist des Windle Poons schwebte über der Finsternis.

Er schüttelte den Kopf.

»Sapperlot aber auch«, grummelte er. »Hier stimmt doch was nicht.«

Nachdem er eine ganze Weile gewartet hatte, kehrte er notgedrungen heim.

Es war das einzige Heim, das er kannte und in dem er hundertdreißig Jahre gewohnt hatte. Es hatte ihn nicht zurückerwartet und wehrte sich heftig. Man musste entweder zu allem entschlossen sein oder über immense magische Kräfte verfügen, um sich in einer solchen Situation durchzusetzen, aber Windle Poons war nicht umsonst über hundert Jahre lang Zauberer gewesen. Außerdem war es nicht schwieriger als ein Einbruch in die eigene Wohnung, in die alten, vertrauten Räume, in denen man schon sehr lange lebte. Man wusste, wo sich das metaphorische Fenster befand, das sich nicht richtig schließen ließ.

Kurz gesagt, Windle Poons kehrte in Windle Poons zurück.

Zauberer glauben nicht an Götter – genauso wenig, wie die meisten Menschen es für nötig halten, beispielsweise an Tische zu glauben. Sie wissen, dass es sie gibt und dass sie einen Zweck erfüllen, und sie würden wahrscheinlich einräumen, dass in jedem gut organisierten Universum auch Götter einen Platz finden müssen, aber deshalb brauchen sie noch lange nicht an sie zu glauben oder dauernd Sprüche wie »O großer Tisch, ohne den wir ein Nichts wären« von sich zu geben. Wie auch immer, entweder existieren Götter tatsächlich, ganz egal, ob man nun an sie glaubt oder nicht, oder sie existieren lediglich als religiöse Funktion, weshalb man die ganze Geschichte ebenso gut ignorieren und auch weiterhin im Stehen essen kann.

Trotzdem gibt es in der Universität neben dem Großen Saal eine kleine Kapelle, weil die Zauberer zwar einerseits voll hinter der oben umrissenen Philosophie stehen, man es als Zauberer aber andererseits nicht weit bringt, wenn man den Göttern auf den Keks geht, auch wenn betreffender Keks nur im ätherischen oder metaphorischen Sinne besteht. Denn obgleich Zauberer nicht an Götter glauben, wissen sie ganz genau, dass Götter an Götter glauben.

In der Kapelle lag der Leichnam von Windle Poons. Nachdem es vor dreißig Jahren zu dem peinlichen Zwischenfall mit dem verstorbenen Zimperl »Witzbold« Teeteer gekommen war, hatte die Universität die vierundzwanzigstündige Aufbahrung eingeführt.

Windle Poons’ Leichnam öffnete die Augen. Klirrend fielen zwei Münzen auf den Steinfußboden.

Die auf der Brust gefalteten Hände lösten sich.

Windle hob den Kopf. Irgendein Idiot hatte ihm eine Lilie auf den Bauch gelegt.

Seine Augen rollten hin und her. Links und rechts neben seinem Kopf brannte je eine Kerze.

Er hob den Kopf noch etwas weiter an.

Zu seinen Füßen standen ebenfalls zwei Kerzen.

Ein Hoch auf den guten alten Teeteer, dachte er. Ohne ihn würde ich mir jetzt einen billigen Sargdeckel aus Kiefernholz von unten angucken.

Komisch, dachte er. Ich kann denken. Klar denken.

Toll.

Als Windle sich wieder hinlegte, strömte sein Geist zurück in seinen Körper, wie glänzendes flüssiges Metall in eine Gussform. Weiß glühende Gedanken brannten sich durch das Dunkel in seinem Hirn und setzten schwerfällige Neuronen in Gang.

Als ich noch am Leben war, hat es das nicht gegeben.

Aber tot bin ich auch nicht.

Weder lebendig noch tot.

Sozusagen unlebendig.

Beziehungsweise untot.

Du liebe Güte …

Mit Schwung setzte er sich auf. Muskeln, die seit siebzig, achtzig Jahren nicht mehr richtig funktioniert hatten, liefen wie geschmiert. Zum ersten Mal in Windle Poons’ Leben – nein, korrigierte er sich, zum ersten Mal »zeit seines Daseins« – war sein Körper völlig unter Windle Poons’ Kontrolle. Und Windle Poons’ Geist hatte nicht die Absicht, sich von irgendwelchen Muskelgruppen irgendwelche Frechheiten bieten zu lassen.

Der Körper stand auf. Die Kniegelenke leisteten noch einen Augenblick Widerstand, aber dem Sturmangriff geballter Willenskraft konnten sie ebenso wenig entgegensetzen wie eine kranke Mücke einer Lötlampe.

Die Tür der Kapelle war abgeschlossen. Doch wie Windle feststellte, genügte schon ein leichter Druck, um das Schloss aus dem Holz zu sprengen und in der eisernen Klinke Fingerabdrücke zu hinterlassen.

»Huch«, sagte Windle.

Er bugsierte sich in den Korridor hinaus. In der Ferne ließen Besteckgeklapper und Stimmengebrumm darauf schließen, dass eine der vier täglichen Hauptmahlzeiten angefangen hatte.

Ob man überhaupt essen durfte, wenn man tot war? Wohl eher nicht.

Aber hätte er tatsächlich essen können? Hunger hatte er genug, das schon. Bloß… nun, mit dem Denken klappte es wunderbar, und beim Gehen und bei allen anderen Bewegungen musste er bloß mit den richtigen Nerven zucken, aber wie genau funktionierte ein Magen?

Es dämmerte Windle Poons, dass der menschliche Körper eben doch nicht vom Gehirn gesteuert wird, auch wenn das Gehirn sich etwas anderes einbildet, sondern vielmehr von Dutzenden komplexer automatischer Systeme, die schnurrend ineinandergreifen, so präzise und reibungslos, dass man davon erst etwas merkt, wenn es eine Panne gibt.

Aus dem Kontrollraum seines Schädels heraus nahm er eine Inspektion an sich vor. Die still vor sich hin arbeitende Chemiefabrik der Leber löste bei ihm die gleiche Beklommenheit aus, wie sie etwa einen Einbaumschnitzer auf der Brücke eines computergesteuerten Supertankers überkommen mochte. Die Nieren warteten darauf, dass Windle die Mysterien der Blutreinigung ergründete. Und wozu war eigentlich eine Milz nütze? Wie brachte man das Ding zum Laufen?

Sein Herz schlug schneller.

Beziehungsweise gar nicht.

»O Götter.« Windle musste sich an die Wand lehnen. Wie ging das noch gleich mit dem Blutdruck? Er stupste ein paar vielversprechende Nerven an. Systolisch … diastolisch … systolisch … diastolisch? Und dann war da ja auch noch die Lunge …

Wie ein Jongleur, der achtzehn rotierende Teller gleichzeitig in der Luft hält – also wie jemand, der mit Hilfe einer Bedienungsanleitung,

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Reaper Man« bei Victor Gollancz Ltd., London.

Die vorliegende Ausgabe ist eine Neuübersetzung des erstmals 1994 im Wilhelm Goldmann Verlag auf Deutsch erschienenen Romans.

Die Übersetzerin dankt dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, das ihr für die Neuübersetzung von »Alles Sense« das Arbeitsstipendium für literarische Übersetzerinnen und Übersetzer 2011 verliehen hat.

Manhattan Bücher erscheinen im Wilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 1991

By Terry & Lyn Pratchett First published by Victor Gollancz Ltd., London Discworld ® is a trademark registered by Terry Pratchett Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1994 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Neuveröffentlichung 2011 Die Nutzung des Labels Manhattan erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Hans-im-Glück-Verlags, München Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Redaktion: Kerstin Jeske

eISBN: 978-3-641-09814-8

www.manhattan-verlag.de

www.randomhouse.de

Leseprobe

1

In diesem Fall waren es gleich drei bessere Orte: Die Haustüren 31, 7 und 34 in der Ankh-Morporker Ulmenstraße.

2

Zumindest bis zu dem Tag nicht, an dem sie plötzlich zum Brieföffner greifen, um sich aus der Buchführung heraus- und in die Kriminalgeschichte hineinzumetzeln.