Alpengold 315 - Heimatroman - Rena Bergstein - E-Book

Alpengold 315 - Heimatroman E-Book

Rena Bergstein

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Beschreibung

Kinder der Berge Heimatroman um zwei Herzen im Schicksalssturm Die Lichter auf dem Berghof sind längst erloschen, da taumelt ein Mann auf die Haustür zu. Andreas Wenzel, der schon fest geschlafen hat, hört das Klopfen und springt auf. Als er kurz darauf die Tür öffnet, fällt ihm ein Mann in die Arme, über und über mit Blut beschmiert. "Hilf mir, Anderl, hilf mir! Sie dürfen mich net finden ..." Dann verliert er das Bewusstsein. Andreas trägt den Verletzten in die Stube und legt ihn aufs Sofa. Erst jetzt blickt er ihm zum ersten Mal ins Gesicht - und erschrickt zutiefst. Niemand anders als der Egstallerbauer ist es, der aus einer Schusswunde blutet. Andreas weiß, dass er jetzt den Doktor und den Gendarm rufen müsste, denn er ist sich sicher, dass der Egstaller der gesuchte Wilderer ist. Doch er ist auch der Vater des Madls, das er liebt ...

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Seitenzahl: 145

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Inhalt

Cover

Impressum

Kinder der Berge

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9156-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Kinder der Berge

Heimatroman um zwei Herzen im Schicksalssturm

Von Rena Bergstein

Die Lichter auf dem Berghof sind längst erloschen, da taumelt ein Mann auf die Haustür zu. Andreas Wenzel, der schon fest geschlafen hat, hört das Klopfen und springt auf. Als er kurz darauf die Tür öffnet, fällt ihm ein Mann in die Arme, über und über mit Blut beschmiert. „Hilf mir, Anderl, hilf mir! Sie dürfen mich net finden …“ Dann verliert er das Bewusstsein.

Andreas trägt den Verletzten in die Stube und legt ihn aufs Sofa. Erst jetzt blickt er ihm zum ersten Mal ins Gesicht – und erschrickt zutiefst. Niemand anders als der Egstallerbauer ist es, der aus einer Schusswunde blutet.

Andreas weiß, dass er jetzt den Doktor und den Gendarm rufen müsste, denn er ist sich sicher, dass der Egstaller der gesuchte Wilderer ist. Doch er ist auch der Vater des Madls, das er liebt …

Auf dem Eggstallerhof unten in Saalfelden war die Stimmung an diesem dunklen Winternachmittag wieder einmal alles andere als gemütlich.

Die Bäuerin, eine stattliche Frau mit braunen Augen und einem schwarzen Haarknoten, saß am Tisch über einer Näharbeit und beaufsichtigte die Hausaufgaben, die der zehnjährige blonde Klaus unter tiefen Seufzern machte. Und jedes Mal wenn wieder so ein Seufzer aus dem Kindermund gekommen war, schaute der Bauer, der über seiner Zeitung saß, missmutig auf seinen Sohn.

»Weiß net, warum du dich abschinden musst! Kriegst eh einmal den Hof und brauchst kein Englisch und keine Geschichte. Die Lehrerin soll euch lieber eher heimgehen lassen, damit ihr mit anpacken könnt.«

Die Bäuerin warf ihrem Mann einen bösen Blick zu, den der aber wohlweislich übersah. Und der kleine Klaus schaute den Vater mit seinen dunkelblauen Augen dankbar an.

»Hast schon recht, Vater«, meinte er, »eine unnötige Schinderei ist das in der Schule. Viel lieber tät ich daheim bleiben und mich im Stall nützlich machen.«

Der Bauer nickte. »Du bist vom richtigen Holz, Bub! Man spürt immer wieder, dass du einen echten Bauern mit Leib und Seele zum Vater hast.«

Der Blick, der die Frau traf, war spöttisch. Und Hanna Eggstaller hatte ihn verstanden. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich über das Heft des Buben beugte und versuchte, einen unschönen Tintenfleck zu entfernen.

»Du machst die Schule fertig, und zwar mit guten Noten. So wie die Verena auch. Es kann nie schaden, wenn man was im Kopf hat. Auch ein Bauer muss richtig schreiben und lesen können.«

»Die Verena«, der Mann faltete seine Zeitung zusammen und lachte geringschätzig, »und was hat sie jetzt von ihrer Lernerei? Sitzt daheim und wartet, bis einer sie heiratet.«

Die Bäuerin wurde rot vor Zorn. Ihre dunklen Augen blitzten den Mann, der sich erhoben hatte und zu seinem Mantel griff, böse an.

»Lass das Madl aus dem Spiel. Es ist meine Tochter, und du hast net das Recht, dich da einzumischen.«

Er kam an den Tisch und fuhr dem Buben über das blonde Haar. Dann beugte er sich ganz nahe zu seiner Frau. Seine hellen Augen wurden wie zwei Schlitze.

»Das weiß ich, Liebste, das weiß ich. Auch dass sie ganz nach ihrem Vater gerät. Also Künstlerblut in den Adern hat und etwas Besseres ist als ich. Aber solange sie meinen Namen trägt, hat sie das zu tun, was ich sage, verstanden?« Seine Stimme war hart wie Stahl geworden. »Sonst weißt ja, was passiert. Oder hast das vergessen?«

Hanna Eggstaller musste sich zusammennehmen, um nicht in dieses hämisch blickende Gesicht zu schlagen.

»Geh«, sagte sie nur mühsam beherrscht, »denk an den Buben.«

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich jäh. Jetzt stand in seinen Augen Vaterstolz.

»Das tu ich, seitdem er auf der Welt ist. Da kannst mir nix vorwerfen.«

Er nahm seinen Hut und verließ die Küche, indem er die Tür mit lautem Knall hinter sich zuwarf. Klaus schaute die Mutter an und sah Tränen in ihren Augen. Er legte seine kleine Hand auf die ihre.

»Musst net traurig sein, Mutter! Der Vater meint es net so«, versuchte er sie zu trösten.

Die Mutter nickte. »Ich wein’ net, Klausi. Es ist alles gut. Schreib schön weiter, dann machen wir uns einen heißen Tee, und du kriegst einen Lebkuchen.«

Sie griff zu ihrer Näharbeit, während der Bub sich wieder über seine Hefte beugte. Er sah nicht mehr, dass der Mutter die Tränen über die Wangen liefen. Und ahnen konnte er schon gar nicht, dass ihre Gedanken wie so oft weit zurückgingen in die Vergangenheit …

***

Vor gut zwanzig Jahren, da ist sie ein lebensfrohes Mädchen gewesen, das hübscheste im ganzen Tal. Von einem kleinen Hof außerhalb Saalfeldens war sie gekommen und hatte beim Dorfwirt manchmal als Bedienung ausgeholfen, um ein bisserl Geld heimzubringen, das der Vater gut gebrauchen konnte. Denn sein Hof warf nur wenig ab, und er war über jeden Cent froh, der nebenbei herein kam.

Keine achtzehn Jahre ist sie alt gewesen, da begann sich Martin Eggstaller für sie zu interessieren. Seinem Vater gehörte der schönste Hof weit und breit. Majestätisch stand er auf seiner Anhöhe oberhalb der Straße, die hinunter nach Zell am See führte.

Als sie zum ersten Mal dort gewesen ist in dem Haus, dem man innen und außen die Wohlhabenheit ansah, war ihr richtig beklommen zumute. Der Martin hatte gelacht, ein wenig spöttisch, so, wie er es immer tat und was ihr eigentlich nicht so gut gefiel.

»Du gewöhnst dich schon dran, wenn du erst einmal hier Bäuerin bist«, hatte er gesagt.

Für ihn stand es fest, dass sie seine Frau wurde. Gefragt wurde sie da nicht noch extra. Es war eine Ehre, dass er, der zukünftige Eggstallerbauer ein Mädchen wie sie heiraten wollte.

Sie war noch nie verliebt gewesen, aber sie wusste, dass sie den Martin nie so richtig gernhaben könnte. Er war ihr zu angeberisch, zu laut und vor allen Dingen zu grob. Trotzdem machten ihm die anderen Mädchen schöne Augen, und es war keine da, die nicht liebend gern Eggstaller-Bäuerin geworden wäre.

Hanna wich aus, wenn er von der Hochzeit sprach. Und dann plötzlich kam die Liebe über sie. Sie spürte es, als sie dem jungen Rudolf Hartlinger gegenüberstand. Er arbeitete als Knecht auf dem Eggstallerhof und wurde vom Martin auch als solcher behandelt. Wo die beiden auch zusammentrafen, ließ sich der Hofsohn anmerken, wie groß der Unterschied zwischen ihnen war.

Hanna kam einmal hinzu, als er ihn einmal anschrie wie einen Hund. Das war das erste Mal, dass sie in zwei dunkle Augen sah, die sie nie mehr vergessen sollte.

Auch Rudolf Hartlinger erging es so. Aber für ihn war Hanna die Braut des Hofsohnes und unerreichbar.

Trotzdem erfuhr sie eines Tages sein Geheimnis. Er wollte Holzschnitzer werden und berühmt. Oben in seiner Kammer schnitzte er die halben Nächte hindurch, und sie war die Einzige, die die kleinen und großen Figuren sehen durfte.

Das war auch der Tag, an dem sie sich zum ersten Mal in den Armen lagen und sich küssten. Rudolf erfuhr, dass sie den Martin nicht lieben konnte, und er beschwor sie, auf ihn zu warten.

»Wenn der Sommer vorbei ist, geh ich in die Stadt, nach Innsbruck oder Wien. Dann hab ich das Geld für mein Studium beisammen. Ich komme wieder, Hanna, und werde dich holen. Versprich mir, dass du auf mich wartest?«

Sie hatte es unter Tränen versprochen. Und als er wirklich ging, war sie todunglücklich. Martin drängte zur Heirat, ihre Eltern auch. Niemand erfuhr etwas von ihrer großen heimlichen Liebe. Und dann wusste sie eines Tages, dass sie ein Kind bekommen würde. Ein Kind von dem Mann, der fortgegangen war.

Es war die schlimmste Zeit in ihrem Leben. Sie hatte niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Und eines Tages sagte sie Martin, dass sie ihn nicht heiraten könne, weil sie ein Kind von Rudolf Hartlinger erwartete.

Martin verbot ihr, den Hof seines Vaters noch einmal zu betreten. Aber drei Tage später stand er vor ihrer Tür.

»Ich kann net von dir lassen, Hanna! Das Kind soll als das meine gelten, niemand wird davon erfahren, dass ein anderer der Vater ist. Wir heiraten, sobald es möglich ist.«

Er sagte es so bestimmt, als gäbe es für sie gar keine andere Wahl.

In ihrer Verzweiflung schrieb sie Rudolf einen Brief. Eine einzige Karte war bisher von ihm gekommen, weiter nichts. Sie bat ihn, zu kommen und sie zu holen. Doch nach vier Wochen ergebnislosen Wartens musste sie annehmen, dass Rudolf Hartlinger sie vergessen hatte.

Martin bedrängte sie jeden Tag, und auch ihre Eltern machten vorwurfsvolle Gesichter.

»Ich weiß net, auf wen du warten willst«, sagte der Vater, »einen besseren Mann als den Eggstaller-Martin könntest gar net kriegen. Jeden Tag sind die Mutter und ich unserem Herrgott dankbar, dass er ausgerechnet dich heiraten will. Net einmal eine ordentliche Mitgift können wir dir mitgeben.«

Sie sagte also Ja und stand wenige Wochen später mit ausdruckslosem Gesicht und leergeweinten Augen neben Martin vor dem Altar.

Acht Monate später kam die Verena zur Welt. Niemand zweifelte daran, dass der junge Ehemann auch der Vater war, und man beglückwünschte Martin Eggstaller zu seiner herzigen Tochter.

Martin hatte sich während der kurzen Zeit dieser Ehe nicht zu seinem Vorteil verändert. Ganz kurz nur hatte er sich Mühe gegeben, Hannas Liebe zu erringen. Aber er hatte schnell einsehen müssen, dass ihm niemals ihr Herz gehören würde.

Er wurde spöttisch und verletzend, brachte die Abende mehr im Wirtshaus als auf dem Hof zu.

Dann kam der Tag, an dem Rudolf Hartlinger nach Saalfelden zurückkam. Neun Jahre nachdem er von ihr Abschied genommen hatte. Hanna erwartete gerade ihr zweites Kind. Sie standen sich gegenüber am Rande des Dorfes. Er, der Holzschnitzer, der nie mehr als Knecht arbeiten musste, und sie, die Frau des Martin Eggstaller.

Hanna würde diesen Tag und diese Begegnung niemals vergessen.

Rudolfs Blick war über ihre füllige Figur geglitten und dann an ihrem Gesicht hängen geblieben.

»Warum, Hanna?«, hatte er gefragt. »Warum hast du net gewartet? War wirklich die Aussicht, Eggstallerbäuerin zu werden, so verlockend?«

»Neun Jahre, Rudolf? Hätte ich die warten sollen? Ganz allein mit dem Kind, das ich von dir erwartet hab? Ich müsste dich fragen, warum. Warum hast du mir auf meinen Brief keine Antwort gegeben? Ich hab dich gebeten, mich zu holen. Dann würde ich jetzt nicht hier stehen als die Frau des anderen?«

»Was für einen Brief, Hanna? Ich hab dir geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten?« In seinem Gesicht rührte sich kein Muskel. Nur seine dunklen Augen lagen brennend auf ihr.

Er erfuhr, dass sie ihm nach Innsbruck geschrieben hatte. An den Absender, den er ihr auf einer flüchtigen Karte mitgeteilt hatte.

»Ich hab diesen Brief niemals bekommen, Hanna! Ich war nur vier Wochen in Innsbruck und musste dann auf die Schule nach Wien. Von dort aus hab ich dir jede Woche geschrieben, und als keine Antwort kam, bin ich hierher gefahren. Die Kirchenglocken haben zur Hochzeit geläutet, und ahnungslos bin ich …« Er schwieg plötzlich und barg sein Gesicht in den Händen.

Hanna trat auf ihn zu.

»Du warst in der Kirche, als ich …« Sie brach in Tränen aus.

Rudolf zog sie in seine Arme, ganz sanft. Er verbarg sein Gesicht in ihrem dunklen Haar.

»Du hast ein Kind, Hanna? Unser Kind?« Er fühlte, wie sie zitterte. Und als er sie von sich abhielt, da waren ihre Augen voller Angst.

»Ja, Rudolf, eine Tochter. Sie weiß nicht, dass ein anderer ihr Vater ist. Martin hat sie als sein Kind großgezogen. Wenn sie es erführe, würde eine Welt für sie zusammenbrechen. Bitte, Rudolf, du musst schweigen! Später vielleicht einmal soll sie die Wahrheit erfahren.«

»Und jetzt bekommst du sein Kind? Hanna, bist du wenigstens glücklich?«

Sie hatte sich abgewandt, war ein paar Schritte weitergegangen. Sie gab ihm keine Antwort. Aber als er sie eingeholt hatte und in ihr Gesicht blickte, wusste er, dass sie es nicht war. Dass sie ihren Mann, den Eggstallerbauern nie geliebt hatte.

»Hanna?« Seine Stimme war ein einziges Flehen.

Doch die junge Frau schüttelte den Kopf.

»Es ist zu spät, Rudolf, neun Jahre zu spät«, erwiderte sie tonlos, und als sie weiterging, hielt er sie nicht auf.

Er bezog ein hübsches Häuschen in Saalfelden und arbeitete als Holzschnitzer, bald von den Dörflern geliebt und bewundert.

In den wenigen Jahren nach seinem Studium hatte er sich einen Namen gemacht und war bekannt geworden bis über die Grenzen Tirols hinaus.

Er und Hanna waren sich aus dem Weg gegangen, nicht, weil sie sich nicht mehr sehen wollten, sondern weil beide wussten, dass es so sein musste. Es hätte nur eines Blicks, einer kleinen Geste bedurft und ihre Liebe wäre wieder aufs Neue ausgebrochen.

Sie hatte Klaus das Leben geschenkt, und seit seiner Geburt hatte der Eggstaller für die Verena, die nicht sein Kind war, kein gutes Wort mehr. Er vergötterte und verwöhnte den Buben, die beiden Frauen interessierten ihn nicht mehr. War der Bub abends im Bett, nahm er seinen Hut und ging. Und nicht selten kam er im Morgengrauen betrunken nach Hause.

Im Laufe der Jahre war jedes Fünkchen Zuneigung für ihn verschwunden. Manchmal ertappte sich Hanna bei dem Gedanken, dass sie ihren Mann hasste, hasste, weil er selbstsüchtig, verletzend und ein Trunkenbold war.

Längst war der schöne Hof nicht mehr das, was er einmal gewesen, und längst munkelte man im Dorf, dass der Martin noch sein ganzes Hab und Gut vertrinken würde.

Die Verena war in all den Jahren der Mutter ein Trost. Als sie angefangen hatte, wie die anderen Kinder am Nachmittag öfter zum Holzschnitzer zu gehen, war sie zuerst erschrocken gewesen. Aber sie hatte keinen Grund gefunden, es dem Mädchen zu verbieten.

Jetzt war die Verena neunzehn, und noch immer verbrachte sie viel Zeit im Hause von Rudolf Hartlinger. Er hatte sein Versprechen gehalten, und niemand wusste, dass das Mädchen seine Tochter war. Nur Martin sprach darüber, besonders gern dann, wenn er betrunken war.

»Schau es dir an, dein Künstlerkind. Willst ihr net sagen, dass nicht ich Trunkenbold, sondern der berühmte Holzschnitzer ihr Vater ist?«, hatte er einmal voller Hohn gesagt.

»Eines Tages wird sie es erfahren, aber von mir«, hatte sie gesagt, und ihre Stimme hatte so fest geklungen, dass ihm sein Grinsen für einen Augenblick lang vergangen war.

Ja, sie wollte es der Verena sagen, von der sie wusste, dass sie Martin Eggstaller nie kindliche Liebe entgegengebracht hatte.

***

Mit einem tiefen Seufzer klappte der kleine Klaus sein Heft zu. Seine hellen Augen strahlten auf, als ihm die Mutter ein Glas Tee und ein Stück Kuchen hinstellte.

»Die Vreni bleibt aber heute lang aus«, sagte er tüchtig kauend. »Meinst du, sie ist wieder im Holzschnitzerhaus?«

Die Mutter schaute aus dem Fenster hinaus ins Schneetreiben.

»Ja, dort wird sie wohl sein, Klausi. Und wenn du noch ein wenig hinaus willst, bevor es ganz dunkel ist, kannst du ihr ein Stück entgegengehen.«

***

Rudolf Hartlinger mochte sich an diesem dämmrigen Winternachmittag gar nicht so recht auf seine Arbeit konzentrieren. Immer wieder glitt sein Blick zu dem jungen Mädchen, das auf einem Hocker vor seiner Schnitzbank saß und ihm andächtig zuschaute.

Wie sehr sie doch jeden Tag ihrer Mutter mehr glich! Man könnte meinen, die Zeit wäre zwanzig Jahr zurückgegangen, wenn man sie ansah.

So hatte die Hanna ausgesehen, als er ihr zum ersten Mal gegenüberstand. Sommer war es gewesen, und überall hatte alles geblüht und gegrünt. Da hatte er tief in zwei dunkle Augen geschaut, und um ihn war es geschehen.

Und jetzt, wenn er zu ihr hinunterschaute, dann sah er wieder in dieselben Augen. Dunkel und glänzend waren sie genauso wie das Haar, das ihr weit bis über die Schultern fiel.

»Der Schemel ist doch viel zu klein für dich, Vreni«, scherzte er. »Da hast du vor zehn Jahren schon gesessen als kleines Schulmadl. Ich hole dir einen bequemeren.«

Doch davon wollte die Verena nichts wissen.

»Von hier aus kann ich dir am besten zuschauen. Und wenn ich dir net lästig bin, möchte ich noch ein bisserl bleiben.«

Rudolf Hartlinger wusste, warum. Sie ging gern erst dann heim, wenn sie wusste, dass der Vater schon im Wirtshaus war. Aber darüber sprach sie nicht gern, und er horchte sie nicht aus.

»Du weißt, dass ich dich gern bei mir hab«, sagte er ruhig. »Ich begleite dich hinterher auch ein Stück auf deinem Weg. So ein hübsches Madl soll man net allein gehen lassen.«

Sie lachte silberhell.

»Aber geh, wer soll mir hier im Dorf was tun? Und allzu weit ist es doch net bis zum Eggstallerhof. Lass mich dir noch ein wenig zuschauen.«

Unter seinen geschickten Händen entstand das Gesicht einer Madonna. Ein ebenmäßiges Gesicht mit einer schmalen edlen Nase und einem schön geschwungenen Mund.

Der Bürgermeister von Saalfelden hatte ihm den Auftrag zu dieser Mutter Gottes gegeben. Sie sollte ein Geschenk für den alten Dorfgeistlichen sein, der bald sein fünfzigjähriges Jubiläum feiern konnte.

Verenas Blick glitt von den arbeitenden Händen weiter zum Gesicht des Holzschnitzers. Jeder Zug, jede markante Linie war ihr vertraut. Das einstmals sehr helle Haar war grau geworden. Trotzdem war sein Gesicht jung geblieben, und die blauen Augen hatten nichts an ihrer Leuchtkraft verloren.