Alpengold - Folge 169 - Sissi Merz - E-Book

Alpengold - Folge 169 E-Book

Sissi Merz

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Beschreibung

Nach dem Unfalltod seiner Frau zieht der junge Baumgartner-Christoph mit seiner kleinen Tochter Mia wieder heim auf den Erlenhof, der viele Jahre leer gestanden hat. Hier, im Schatten hoher Berge, hofft er, wieder glücklich werden zu können, und stürzt sich voller Tatkraft in die Renovierung des alten Anwesens, das im Dorf nur "Spukhof" genannt wird. Als die kleine Mia erfährt, dass in ihrem Zuhause ein Geist sein Unwesen treiben soll, ist ihre Abenteuerlust geweckt! Den will sie unbedingt kennenlernen! Und wirklich: Nachts dringen gruselige Geräusche aus dem alten Kellergewölbe! Der Spuk geht um, da ist Mia sicher! Als ihr Vater eines Abends mit der hübschen Nachbarin das Haus verlässt, legt sich Mia auf die Lauer - und macht eine gefährliche Entdeckung...

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Seitenzahl: 128

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Inhalt

Cover

Impressum

Kinderlachen auf dem Spukhof

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-8387-5753-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Kinderlachen auf dem Spukhof

Wie die kleine Mia ein Geheimnis lüftete

Von Sissi Merz

Nach dem Unfalltod seiner Frau zieht der junge Baumgartner-Christoph mit seiner kleinen Tochter Mia wieder heim auf den Erlenhof, der viele Jahre leer gestanden hat. Hier, im Schatten hoher Berge, hofft er, wieder glücklich werden zu können, und stürzt sich voller Tatkraft in die Renovierung des alten Anwesens, das im Dorf nur »Spukhof« genannt wird. Als die kleine Mia erfährt, dass in ihrem Zuhause ein Geist sein Unwesen treiben soll, ist ihre Abenteuerlust geweckt! Den will sie unbedingt kennenlernen!

Und wirklich: Nachts dringen gruselige Geräusche aus dem alten Kellergewölbe! Der Spuk geht um, da ist Mia sicher!

Als ihr Vater eines Abends mit der hübschen Nachbarin das Haus verlässt, legt sich Mia auf die Lauer – und macht eine gefährliche Entdeckung …

Der kleine Ort Gasting lag im Oberbayerischen, eingebettet in einen schützenden Talkessel unweit von Bayrischzell.

Befuhr man die schmale Landstraße aus südlicher Richtung, erkannte man im Norden die bewaldeten Erhebungen von Vogelsang und kleinem Thraithen, beide über fünfzehnhundert Meter hoch. An einem sonnigen Morgen wie diesem leuchtete der Bergwald in tiefem Grün, das nur ab und an von einer Alm oder Wildwiese unterbrochen wurde. Jetzt, im Juni, grünte und blühte die Natur, wie es schöner nicht sein konnte.

Im Westen fand sich der Kreuzkogel, ein karstiger Steinkamin, der bei Kraxlern sehr beliebt war. Seine schroffen Wände stiegen beinahe senkrecht in die Höhe und stellten selbst für erfahrene Bergsteiger eine echte Herausforderung dar. Der Kreuzkogel war der Hausberg von Geitau, der Nachbargemeinde Gastings.

Hatte man Gasting fast erreicht, öffnete sich der Ausblick nicht nur in ein weites, sanftes Tal, sondern auch auf den Seeberg, der östlich des Dorfes auf über 1.500 Meter aufwuchs und mit seinem breiten Massiv für ein ruhiges, ausgewogenes Klima sorgte.

An die hundert Seelen lebten in Gasting, die meisten noch von der Landwirtschaft. Aber es gab auch zwei Fremdenpensionen, denn die Gegend war bei Bergwanderern und Kraxlern ebenso beliebt wie bei Skiläufern.

Für die Wintersaison hatte man vor ein paar Jahren einen modernen Skilift bauen lassen. Das war aber auch so ziemlich das einzige Zugeständnis an den Fremdenverkehr.

Die Menschen, die hier ihren Urlaub verbrachten, kamen wegen der Ruhe und Abgeschiedenheit. Dass in Gasting die Uhren noch anders gingen, stimmte zwar nur bedingt. Doch als Werbespruch musste diese Behauptung allemal herhalten.

Freilich gab es auch hier ehrgeizige Geschäftsleute und Schlitzohren, denen der Profit über alles ging. Georg Walter war so ein Exemplar. Großbauer, Besitzer einer Pension und überaus engagiert im Gemeinderat und auf allen Posten und Pöstchen, die ihm einen geschäftlichen und somit finanziellen Vorteil versprachen.

Dass der Walter den größten und schönsten Hof in Gasting sein Eigen nennen konnte, genügte ihm aber bei Weitem noch nicht. Er war stets aufs Erweitern aus, wollte seinen Besitz vergrößern und seinen Reichtum mehren. Momentan steckten ihm die beiden Höfe in der Nase, die direkt an sein Land grenzten.

Zum einen war das der sogenannte »Spukhof«. Eigentlich hieß das mehrere Jahrhunderte alte Anwesen Erlenhof und gehörte der Familie Baumgartner. Doch die Besitzer waren seit ein paar Jahren auf Mallorca, wo sie in einem gepflegten Ferienhaus ihren Lebensabend verbrachten. Ihr Sohn Christoph hatte nämlich nichts mit der Landwirtschaft im Sinn gehabt und war Architekt geworden. Er lebte schon länger in München, und es schien eher unwahrscheinlich, dass er irgendwann nach Gasting zurückkehren würde.

Im Grunde stand also dem Erwerb des alten »Spukhofs« nichts im Wege. Leider konnte Hans Baumgartner den Großbauern nicht ausstehen. Schon als Buben hatten sie sich ständig gerauft, später hatte Hans sich einen Spaß daraus gemacht, Georg die Freundinnen auszuspannen. Selbst als sie beide längst im gesetzten Alter gewesen waren, hatten sie sich noch streiten können wie zwei Gassenbuben.

»Lieber steck ich alles an, bevor ich dir auch nur einen Backstein vom Erlenhof überlasse!«, hatte Hans Baumgartner geschimpft, als Georg Walter mit einem mehr als großzügigen Angebot auf ihn zugekommen war. Direkt ließ sich da also nichts erreichen.

Viel besser sah es beim Nachbarn aus. Der Hof der Familie Mayerhofer grenzte direkt an den »Spukhof«. Zwar hatten die Mayerhofers auch keine Verkaufsabsichten, aber Georg hatte seinen Sohn Thomas angespitzt, die Hoftochter Anna für sich zu gewinnen. Gab es da erst zarte Bande, vielleicht sogar eine Verlobung oder Hochzeit, hatte er das Mayerhofer-Land bereits so gut wie in der Tasche.

Dass Thomas bislang noch nichts erreicht hatte, wurmte ihn. Erst am Vorabend hatte Georg seinen Sohn noch einmal angehalten, sich mehr ins Zeug zu legen.

Thomas war ein folgsamer Sohn. Dass der Bursch weder eine eigene Meinung noch eigene Interessen hatte, sondern ein reines Abziehbild seines Vaters geworden war, schien diesem ganz recht zu sein. Der Patriarch schätzte es, die Menschen in seiner Umgebung wie Schachfiguren herumschieben zu können. Und solange Thomas tat, was sein Vater ihm sagte, war ja auch alles gut, meinte der Alte.

An diesem Morgen hatte Thomas sich denn auch gleich nach dem Frühstück aufgemacht, um Anna Mayerhofer einen Besuch abzustatten.

Thomas war zwar von seinem Vater unterjocht, dumm war er aber nicht. Und er hatte längst gemerkt, dass die Hoftochter ihn nicht sonderlich mochte. Das war für den etwas blassen, unscheinbaren Burschen keine neue Erfahrung. Wenn ein Madel ihm mal schöne Augen machte, dann war es meist eines, das auf sein Geld ausging. Anna war nicht so, sie war ehrlich. Das gefiel ihm, aber leider gefiel er ihr so gar nicht.

Aufgeben galt allerdings nicht, er wäre nie auf den Gedanken gekommen, seinen Vater zu enttäuschen.

Als Thomas nun bei den Mayerhofers am Klingelstrang zog, hob der Hofhund Zamperl seinen dicken, runden Kopf und musterte den Besucher abwägend. Der betagte Bernhardiner verbrachte die kalte Jahreszeit ausnahmslos neben dem Kachelofen in der guten Stube, während er jetzt im Sommer sein »Freilufthäusel« genoss. Er hatte keinen einzigen Zahn mehr im Mund und war selbst für einen Bernhardiner außergewöhnlich gutmütig.

Thomas Walter aber schien er nicht leiden zu können. Kaum hatte er den Geruch des Besuchers identifiziert, ließ er seinen tiefen Bass erschallen, der die Hundehütte zum Erzittern brachte.

Der Bursch verzog ärgerlich den Mund, ging ein paar Schritte zurück, um etwas Sicherheitsabstand zu schaffen, und reckte dann seinen Arm zum erneuten Klingeln.

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und Anna erschien.

Die Hoftochter, die heuer im fünfundzwanzigsten Jahr stand, war ein bildhübsches Dirndl. Das ebenmäßige Gesicht mit den himmelblauen Augen wurde von Gold glänzendem Blondhaar umrahmt. An diesem Morgen hatte Anna es einfach zu einem Zopf im Nacken geflochten. Ihre schlanke, gut gewachsene Figur steckte in Jeans und einer hellen Bluse.

Zauberhaft schaut sie aus, dachte Thomas und übersah den leicht amüsierten Blick, mit dem sie ihn musterte. So ein Madel sollte sich mal zur Abwechslung in mich verlieben …

»Grüß dich, Thomas, was treibt dich denn schon so früh her?«, fragte sie freundlich. »Hast was auf dem Herzen?«

Er setzte ein gewinnendes Lächeln auf, oder zumindest das, was er dafür hielt.

»Wie kommst du denn auf die Idee?«

»Ich weiß net. Du schaust so verdrießlich.« Sie kraulte Zamperl, dessen dicker, an einen Staubwedel erinnernder Schwanz seit ihrem Auftauchen wie ein Scheibenwischer hin und her ging, den runden Kopf und fügte verschmitzt hinzu: »Hat der Zamperl dir wieder mal einen Schreck eingejagt?«

Thomas fühlte sich an der Ehre gepackt.

»So ein alter Köter und mir Angst einjagen?« Er lachte verächtlich.

Zamperl schien seine despektierliche Bemerkung sehr wohl verstanden zu haben. Er trottete ein paar Schritte vor, hob den Kopf und musterte den Burschen sehr missbilligend. Dann fing er wieder an zu bellen wie in seiner Sturm- und Drangzeit.

»Geh, Zamperl, ist das eine Art? Ab ins Häusel!«, befahl Anna streng, woraufhin er sich sofort trollte.

»Darf ich kurz reinkommen? Ich wollte dich was fragen«, erklärte der Bursch nun erleichtert.

»Freilich, komm nur! Wenn es dir nix ausmacht, dass ich dabei was tue. Ich bügele gerade.«

»Was soll mir das ausmachen? Ein fleißiges Madel wird mal eine gute Ehefrau«, schmeichelte er.

Anna sagte dazu lieber nichts. In gewisser Weise fand sie Thomas’ ausdauerndes Engagement rührend. Wäre ihr nicht klar gewesen, was dahintersteckte.

Ganz davon abgesehen gefiel der Bursch ihr einfach nicht. Das hatte nicht mal unbedingt etwas mit seinem Äußeren zu tun. Es lag vielmehr daran, dass er der bloße Schatten seines Vaters war, sozusagen der verlängerte Arm vom alten Walter. Und daran würde sich wohl kaum je etwas ändern. Ein Mann, den Anna respektieren und gern haben konnte, sah anders aus.

Thomas folgte ihr in den Hauswirtschaftsraum und setzte sich, um ihr eine Weile beim Bügeln zuzuschauen. Er schien sich dabei ganz wohlzufühlen.

»Was hast du mich denn nun fragen wollen?«, erinnerte Anna ihn schließlich an den eigentlichen Zweck seines Besuchs.

»Ach so, ja …« Er lächelte verlegen. »Sei mir net bös, ich bin halt gern in deiner Nähe. Freilich muss ich auch an meine Arbeit, aber vorher wollte ich dich noch einladen. Was hältst du davon, wenn wir zwei heut Abend nach Bayrischzell fahren, fein essen gehen und nachher noch ein bisserl tanzen? Ich versprech dir, dass du dich net langweilen wirst.« Er hob die Schultern. »Jedenfalls werde ich mir Mühe geben, net allzu fad zu sein.«

»Mei, Thomas, du bist doch net fad! Das Problem ist nur, dass du wieder einmal den Hebel am falschen Punkt ansetzt.«

Der Jungbauer machte kein sehr intelligentes Gesicht, als er wissen wollte: »Wie ist denn jetzt das zu verstehen?«

»Ganz einfach.« Anna stellte das Bügeleisen ab und faltete eine Bluse ordentlich zusammen. Dabei erklärte sie: »Ich bin sicher, dass es viele Madeln gibt, die gerne mit dir ausgehen und sich auch net langweilen. Aber ich eben net.«

»Bin ich dir denn so zuwider?«, fragte er bekümmert.

»Du bist mir gar net zuwider …«

»Also dann …«

Sie hob die Hand, um ihn zu stoppen. »Net so schnell! Ich hab mich erst kürzlich vom Lukas Wedel getrennt, weil der mir einfach net treu sein konnte. So was steckt man net so leicht weg, immerhin waren wir so gut wie verlobt. Da muss erst mal ein bisserl Zeit vergehen, bis man wieder an eine neue Liebe denken kann. Und wenn das der Fall ist, dann stehst du leider net auf meiner Liste, Thomas. Tut mir leid.«

Er schwieg eine Weile, dann erhob er sich und bekannte: »So leicht gebe ich net auf. Ich mag dich nämlich sehr, Anna. Und ich hab eine große Geduld. Ich melde mich wieder bei dir!«

»Unser Land scheint deinem Vater ja sehr wichtig zu sein«, merkte sie feinsinnig an.

Der Bursch wurde rot, denn ihm fiel keine passende Erwiderung ein. Rasch verabschiedete er sich. Anna hatte also mal wieder ins Schwarze getroffen.

***

Wenig später war Anna mit dem Bügeln fertig und ging hinüber in die Küche, um ihrer Mutter beim Kochen zu helfen.

Das Madel hatte mit Erfolg die Haushaltsschule in Bayrischzell besucht und war eine hervorragende Wirtschafterin. Anna hatte an allem Spaß, was im Haushalt so anfiel, am liebsten aber kochte sie, und das Anrichten süßer Nachspeisen sowie das Backen waren ihre erklärte Leidenschaft.

Ein wenig wehmütig dachte das Madel daran, dass sie und Lukas Wedel dieser Tage ihre Verlobung hatten feiern wollen. Sie war sehr verliebt gewesen in den feschen Jungbauern, und er hatte ihr sozusagen das Blaue vom Himmel herunter versprochen, besser gesagt, geschwindelt. Von ewiger Treue hatte er geredet und sich heimlich mit anderen Madeln getroffen.

Als Anna dahintergekommen war, hatte sie Lukas nicht mehr sehen wollen. Er hatte sie bekniet, ihm noch eine Chance zu geben, hatte behauptet, die Gspusis wären ihm nicht wichtig, nur Spielerei. Und er hatte sie allen Ernstes geben, ihm etwas mehr Freiheit zu lassen.

Anna war klar geworden, dass Lukas nicht der Mann war, um ihr Leben mit ihm zu verbringen. Treue war ihr ebenso wichtig wie Ehrlichkeit. Sie konnte mit vielen Dingen leben, denn schließlich war niemand perfekt. Aber eine Ehe, die musste ihrer Meinung nach auf einem festen Fundament gebaut werden. Und das bestand nun mal aus Treue und Ehrlichkeit.

»Schon wieder der Thomas? Ich mein fast, der hat feste Absichten«, merkte Vroni Mayerhofer an, als ihre Tochter die Küche betrat. »Wie denkst du darüber?«

Die Hoftochter ließ sich an der Eckbank nieder und begann, Erdäpfel zu schälen. Ein vielsagendes Lächeln umspielte ihren schön geschwungenen Mund, als sie erwiderte: »Darüber müssen wir gewiss net reden, Mutterl. Der kommt net infrage.«

»Er ist eine gute Partie«, sinnierte die Bäuerin. Betrachtete man sie, so wurde einem klar, woher Anna ihre Schönheit hatte. Vroni war noch mehr als ansehnlich mit dem blonden Haar, den klaren Augen und der schlanken Figur. Ihr Mann Sepp machte ihr auch heute, zwei Jahre nach der Silberhochzeit, noch jeden Tag Komplimente. »Aber wohl nur für ein Madel, das ihn beherrschen kann. Er braucht eine feste Hand.«

Anna lachte. »Die hat er doch schon: die seines Vaters.«

»Du nimmst ihn also net ernst.«

»Na ja, er meint es wohl ehrlich. Aber es ist doch klar, was hinter seinem plötzlichen Interesse für mich steckt. Seit ich nimmer mit dem Lukas beeinand’ bin, wittert der alte Walter Morgenluft. Er ist doch schon lange hinter unserem Land her.«

Vroni seufzte. »Du hast einen glasklaren Verstand, Madel. Den musst du von deinem Vater geerbt haben. Ich hab es allerweil vorgezogen, die Dinge ein wenig mehr mit dem Gefühl zu betrachten. Weißt du, Illusionen sind net immer schlecht.«

»Die hab ich mir beim Lukas gemacht und bin auf die Nase gefallen. Da bleibe ich lieber Realistin.« Anna stellte die Erdäpfel auf den Herd. »Nächste Woche kommt der Christoph mit seiner Tochter zurück nach Gasting. Weißt du was, Mutterl? Ich freu mich ehrlich, ihn wiederzusehen.«

»Ihr wart ja schon als Kinder unzertrennlich.« Vroni lächelte versonnen. »Ich mein fast, ich seh ihn noch dort auf der Eckbank hocken, ein hochgeschossener Bub von zwölf oder dreizehn, der auf seine kleine Freundin wartet. Du warst gerade im zweiten Schuljahr, und er hat dir den Ranzen getragen.«

Anna nickte. Ein feiner Glanz trat in ihre Augen bei dieser Erinnerung. Christoph Baumgartner, der Nachbarsbub, war ihr bester Freund aus Kindertagen. Er hatte sie vor frechen Buben und größeren Schülern beschützt, die sie hänseln wollten, hatte ihr den Ranzen getragen und besonders im Sommer die Nachmittage mit ihr verbracht.

»Der Christoph hat mir das Angeln beigebracht und das Schwimmen. Damals konnte ich mir net vorstellen, dass es mal anders sein würde, dass er nimmer zu meinem Leben dazugehören könnte. Aber als wir älter wurden, da haben sich unsere Wege getrennt.«

»Die Paula und der Hans hatten schwer daran zu kauen, dass ihr Einziger den Erlenhof net hat übernehmen wollen. Dass der Christoph studieren wollte, statt Bauer zu werden. Aber am End waren sie doch stolz auf ihn. Er hat es ja auch zu etwas gebracht. So ein großes Architekturbüro in München, das ist doch was.« Vroni schaute ihre Tochter nachdenklich an. »Meinst du, er wird sich hier in Gasting noch wohlfühlen? Wo er doch ein ganz anderes Leben gewöhnt ist?«

»Als seine Frau mit dem Auto verunglückt ist, da war sein Leben kaputt. So hat er es ausgedrückt. Ohne seine kleine Tochter wäre er vielleicht ganz verzweifelt.«