Als die schwarzen Feen kamen - Anika Beer - E-Book

Als die schwarzen Feen kamen E-Book

Anika Beer

4,5
9,99 €

Beschreibung

Eine Geschichte, die einen Lesesog entfaltet, dem man sich nicht entziehen kann

Völlig unerwartet wird die fünfzehnjährige Marie von Gabriel, dem Schwarm ihrer Mitschülerinnen, angesprochen. Gabriel vermag die Wesen zu sehen, die sich im Schatten der Menschen verbergen, und in Maries Schatten bemerkt er etwas Beunruhigendes: einen Schwarm gefährlich anmutender schwarzer Feen. Gabriels Angebot, ihr zu helfen, lehnt Marie zunächst ab, doch als es den Feen gelingt, in die Realität einzubrechen, geht sie erneut auf ihn zu. Gemeinsam versuchen sie, das Wesen der schwarzen Feen zu ergründen. Dabei stoßen sie auf eine düstere Stadt aus Obsidian, die Marie einst in ihrer Phantasie erschuf, die jetzt aber von den schwarzen Feen beherrscht wird. Mit Gabriels Hilfe will Marie es wagen, die Obsidianstadt zu betreten, um sich den Feen zu stellen …

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Seitenzahl: 526

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Die Autorin

© Anette Klein

Anika Beer ist ein Herbstkind des Jahres 1983 und wuchs in der Bergstadt Oerlinghausen am Teutoburger Wald auf. Die Welt der fantastischen Geschichten begleitet sie seit frühester Kindheit: Sielernte mit 3 Jahren lesen, im Alter von 8 bekam sie eine Schreibmaschine und fing an, erste Geschichten zu schreiben. Anika Beer begeistert sich für Kampf-kunst und fremde Kulturen und lebte ach dem Abitur einige Zeit in Spanien, bevor sie in Bielefeld eine Stelle an der Universität annahm. »Als die schwarzen Feen kamen« ist ihr erster Jugendroman.

ANIKABEER

ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Für Sophie

Trotzdem. Weil. Und außerdem.

1. Auflage

Originalausgabe April 2012

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2012 bei cbj Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlagabbildung: plainpicture (arcangel/Marc Owen)/Istockphoto (Janis Litavnieks/ Jens Stolt)

Umschlagkonzeption: Kathrin Schüler

st · Herstellung: CZ

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-06837-0

www.cbj-verlag.de

Prolog: Jenseits

Dick und undurchsichtig türmten sich die Nebelschwaden am rotvioletten Himmel. Sie waren so dicht, dass nicht einmal das Licht der weißen Sonne hindurchdrang. Von einem Schritt zum nächsten war die Straße abgeschnitten, als ob sie nur einen Meter weiter einfach aufhörte, doch das tat sie nicht. Das wahre Ende musste dort in den grauen Schlieren verborgen sein. Irgendwo.

Vorsichtig schob Lea einen Fuß nach vorn, bis er vom Nebel verschluckt wurde. Kälte sickerte in ihren Schuh. Lea fröstelte und zog den Fuß wieder zurück. Zögernd hob sie die Laterne ein wenig höher. Das ölige Licht, das zuvor im Schein der Sonne verblasst war, drängte nun die dicken Schwaden zur Seite– allerdings nicht weit genug, als dass Lea weiter als eine Armlänge hätte sehen können. Nebelfetzen verfingen sich in ihren Haaren, und am liebsten wäre sie zurückgewichen. Sie wollte nicht berührt werden von diesem leichenblassen, feuchten Dunst, wollte ihn nicht einatmen und spüren, wie er ihr von innen das Leben aussaugte. Seit mehr als einem Jahr stand sie nun jeden Tag vor dieser Nebelwand, die ihre ganze Welt umschloss. Anfangs hatte sie noch geglaubt, mit der Zeit würde es ihr leichter fallen, die Schwelle zu überschreiten. Doch stattdessen wurde es mit jedem Mal schwerer, ihren Widerwillen zu bekämpfen und den Nebel zu betreten. Denn dort drin konnte es kein Leben geben. Das bleiche Grau umhüllte alles, was lebte, und verwandelte es in feuchte Kälte. Hielt man sich zu lange darin auf, fraß es das Gesicht, den Namen und die Persönlichkeit eines Menschen und zehrte ihn langsam aus, bis er nicht mehr war als ein geisterhafter Schatten seines ursprünglichen Wesens– und schließlich selbst zu Nebel wurde.

Eine kleine Ewigkeit, wie ihr schien, stand Lea nur da und lauschte, wartete auf ein Zeichen, irgendeins nur, das ihr sagte, dass sie diesmal vielleicht doch etwas finden würde… oder jemanden. Doch jenseits der trüben Schwaden war nichts zu hören. Nicht einmal ein leises Atmen.

Schließlich gab sie es auf und wandte sich zu ihrem Begleiter um. Der Maskierte sah aus seinen leeren Augenhöhlen auf sie herunter. Doch Lea spürte das Mitgefühl in seinem Blick.

»Das hat keinen Sinn, oder?« In der drückenden Stille klang es, als hätte jemand ihre Stimme in einen Blechkasten gesperrt. Lea schluckte. Ihr Hals war trocken. Sehnsüchtig sah sie zum Turm zurück, der sich in der Ferne über den schwarzen Häusern der Obsidianstadt erhob. Die bleiche Sonne brannte auf ihrer Haut. Sie konnte nicht ewig hier stehen bleiben.

Wir sollten endlich aufgeben, dachte sie mutlos. Dem Nebel den Rücken zukehren, nach Hause gehen und einfach auf das Ende warten. Bis er auch uns verschluckt…

Aber wie lange, fragte eine boshafte Stimme in ihrem Kopf, wirst du auf dich allein gestellt sein, bevor es wirklich vorbei ist? Und was wirst du tun, wenn auch der Maskierte dir nicht mehr helfen kann? Bei dem Gedanken verengte sich ihre Kehle schmerzhaft. Natürlich. Sie würden nicht gemeinsam im Nebel vergehen. Der Nebel würde sie einzeln nehmen. Einen nach dem anderen. Bis keiner mehr übrig war.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie sah auf. Der Maskierte nickte ihr zu und deutete wortlos auf das dichte Grau vor ihnen. Noch war er hier, sagte seine Geste. Lea verstand es auch ohne Worte. Er würde bei ihr sein, so lange er konnte. Freiwillig würde er sie niemals allein lassen. Und noch war es nicht zu spät, vielleicht doch einen Ausweg zu finden. In diesem Moment hätte Lea nichts lieber getan, als die Arme um ihn zu schlingen, ihn an sich zu drücken und hilflos zu weinen. Aber das wollte sie nicht. Für sie war er stark. Darum musste sie auch für ihn stark sein. Entschlossen presste sie die Lippen zusammen, zog sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf und legte ihre Hand auf die des Maskierten. Durch die Handschuhe konnte sie seine Finger spüren, die jeden Tag kälter wurden.

»Du hast ja recht«, flüsterte sie. »Wir haben keine andere Wahl.« Wir müssen den Weg finden, oder ich verliere dich auch noch…

Den letzten Gedanken ließ Lea unausgesprochen, aus Furcht, dass er zur Wahrheit würde, sobald sie ihn in Worte fasste. Sie konnte und würde nicht zulassen, dass auch er verschwand und zu Nebel wurde, wie so viele vor ihm. Wie Leas Familie und ihre Freunde, ihre Gesichter, ihre Namen.

Sie alle hatten sich mit der Zeit in den grauen Schwaden aufgelöst, bis schließlich kaum mehr die Erinnerung an sie übrig blieb. Nur noch das Wissen, dass es sie einmal gegeben hatte, steckte wie ein scharfkantiger Splitter in Leas Bewusstsein. Und obwohl es ihr wehtat, klammerte sie sich mit aller Kraft an diesem Splitter fest.

Der Maskierte musste bei ihr bleiben! Auch wenn er seinen Namen und sein Gesicht bereits dem Nebel geopfert hatte– sie musste einen Weg finden, ihn zu retten, bevor es endgültig zu spät war.

In diesem Augenblick wurde der Griff der Finger an ihrer Schulter plötzlich fester, grub sich durch den Mantel in Leas Haut. Alarmiert wandte sie sich um. Der Maskierte war neben ihr zu einer reglosen Silhouette erstarrt, wachsam und angespannt, den Kopf lauschend zur Seite geneigt. Seine rechte Hand lag auf dem Griff seines Schwertes, bereit, sie zu verteidigen.

Und im nächsten Moment hörte Lea es auch: Das Rascheln zarter Flügel, jedes für sich so fein, dass es für menschliche Ohren nicht wahrnehmbar war. Und doch war die Luft nun von einem singenden Rauschen erfüllt, das sich in Kopf und Ohren festsetzte, bis für nichts anderes mehr Raum darin blieb. Übelkeit drückte Leas Kehle zusammen, und Gänsehaut kroch über ihre Arme. Sie wusste, wer sich dort näherte. Und instinktiv wusste sie auch, dass sie sie heute mehr denn je fürchten musste. Sie kamen in einem dichten Schwarm, wie eine schimmernde Wolke riesiger schwarzer Schmetterlinge, jede so groß wie eine Männerhand, und ließen sich auf den Fenstersimsen und Giebeln der nahen Häuser nieder. Die hauchdünnen Flügel vibrierten.

Feen. Es mussten Hunderte sein.

Lea rückte einen Schritt näher an den Maskierten heran. Es war nicht das erste Mal, dass sie die Schwarzen Feen sah. Aber noch nie waren sie so nah gekommen. Und noch nie waren es so viele gewesen. Normalerweise huschten sie allenfalls kurz durch das Blickfeld, hielten sich von allem Lebenden fern und näherten sich nur den Geistern. Doch jetzt waren sie hier. Unzählige schwarz glänzende Augen beobachteten Lea und ihren Beschützer– die letzten lebenden Menschen in der Obsidianstadt.

Unwillkürlich beschattete Lea ihr Gesicht mit der Hand. Die Feen waren von einem weißlich blauen Licht umgeben, das von den Nebelschwaden um ein Vielfaches verstärkt zurückgeworfen wurde.

»Was wollt ihr von uns?« Ihre Stimme kippte und brach im singenden Flügelrauschen, das langsam an ihren Nerven zu zerren begann, bis sie sich am liebsten die Finger in die Ohren gesteckt und laut geschrien hätte, um es zu übertönen.

Sie hatte es kaum ausgesprochen, als eine der Feen wie ein schwarzer Blitz vorschoss und nach Leas Haaren griff. Erschrocken keuchte sie auf und wollte nach dem Wesen schlagen– da spürte sie plötzlich die liebkosende Berührung winziger Hände an ihrer Wange.

Keine Angst.

Wie erstarrt hielt Lea in ihrer Bewegung inne. Eine Welle von Ekel überschwemmte sie, und nur mit Mühe konnte sie ein Würgen unterdrücken. Ein schwerer Geruch, süßlich und bitter zugleich, wehte ihr entgegen. Keine Stimme war zu hören, und doch konnte sie das Gesagte deutlich verstehen. Die Worte bebten im Schwirren der vielen hundert Feenflügel und drangen in jede Faser ihres Körpers.

Du suchst einen Weg aus der Einsamkeit? Wir helfen.

Lea wurde schwindelig. Ihr Herz stolperte, während es sich vergeblich bemühte, in seinen normalen Rhythmus zurückzufinden. Die Fee schwebte bewegungslos nur wenige Zentimeter von ihrer Nase entfernt. Lea konnte die spitzen Zähne in dem dunklen, faltigen Gesicht leuchten sehen, und die knorrigen, von ledriger Haut bedeckten Glieder. Die körperlose Stimme berührte etwas in ihr. Etwas Unangenehmes, ohne dass Lea es genauer hätte beschreiben können. Es griff nach ihr und lief kalt ihren Rücken hinab, dass sie sich am liebsten geschüttelt hätte. Wie von selbst ballte sich ihre Hand zur Faust. Sie durfte sich keine Angst machen lassen. Was auch immer die Feen wollten, wenn sie sich ihrer Furcht hingab, war sie ihnen ausgeliefert.

»Was wisst ihr von meiner Einsamkeit?«

Allein wirst du deinen Freund nicht vor dem Nebel retten. Wir helfen.

Der Maskierte griff erneut nach ihrer Schulter, energischer diesmal, als ob er Lea zum Gehen bewegen wollte. Sein Schwert hatte er losgelassen. Es wäre ja doch nutzlos gegen diese schiere Übermacht.

Schmutzig, dachte Lea plötzlich, ohne zu wissen, wie das Wort in ihren Kopf gelangt war. Die Feen fühlten sich schmutzig an.

In diesem Moment verzerrte sich das Gesicht der Fee zu einem wilden Grinsen. Auf einmal war die Luft erfüllt von flirrendem, hässlichem Gelächter, das den Atem aus Leas Lungen presste und ihren Kopf zu sprengen drohte. Keuchend schlug sie die Hände auf ihre Ohren und kauerte sich zusammen, um dem Geräusch zu entgehen.

Gib es auf. Du kannst dich nicht wehren. Du willst unsere Hilfe. Du brauchst unsere Hilfe. Öffne die Tür für uns.

Die Stimme brannte sich in ihren Geist. Sie konnte sie nicht aussperren. Lea wollte schreien, aber es kam nur ein klägliches, luftleeres Wimmern aus ihrer Kehle.

Wir sind die Reisenden. Du bist der Schlüssel und das Schloss. Öffne die Tür zu der Welt, aus der wir kommen, oder der Nebel wird euch töten. Wir bringen das Leben zurück, das der Stadt gestohlen wurde. Öffne nur die Tür für uns.

Ein spitzes Jammern, das ihr selbst in den gepeinigten Ohren stach, entwich Leas staubtrockenem Mund. Blind schlug sie nach der Fee, ohne sie zu treffen, und krabbelte einige hilflose Schritte rückwärts.

Im nächsten Moment wurde sie mit einem Ruck in die Höhe gezerrt und war plötzlich mitten im Nebel, den Kopf an die Brust des Maskierten gedrückt, der sie auf den Armen trug. In rasendem Tempo liefen sie durch das dichte Grau, immer weiter und weiter, ohne anzuhalten, bis die Stimmen und das Licht der Feen vollständig von den trüben Schwaden verschluckt wurden.

Erst nach einer Weile wurde der Maskierte langsamer und blieb schließlich stehen, um Lea vorsichtig abzusetzen. Aber er ließ sie nicht los.

Zitternd klammerte Lea sich an ihn. Die Stelle, an der die Fee ihre Wange berührt hatte, brannte, als hätte jemand kaltes Eisen dagegengedrückt. Der Nebel umschloss sie mit dichtem Grau. Nur die Laterne, die am Gürtel des Maskierten schwankte, erhellte einen winzigen, schützenden Kreis.

»Sind sie weg?« Leas Stimme war nicht mehr als ein Wispern. Sanft strichen die Hände des Maskierten über ihren Rücken. Doch ein Gedanke, flatterhaft wie ein Flügelschlag, berührte ihren Geist und jagte einen Schauer über ihre Haut: Nein, sie waren nicht weg. Sie wusste es genau. Die Feen waren immer noch in der Nähe. Sie konnten nicht vor ihnen weglaufen. Weder sie noch ihr Begleiter.

Der Maskierte drückte Lea ein letztes Mal an sich. Dann ließ er sie vorsichtig los und machte die Laterne von seinem Gürtel los, um sie in die Höhe zu halten.

Natürlich, dachte Lea und griff mit bebenden Fingern nach seiner Hand. Sie mussten weitergehen, auch wenn sie das Gefühl hatte, kaum mehr stehen zu können. Sie waren tief in den Nebel vorgedrungen, weiter, als sie es je zuvor gewagt hatten. Sie mussten einen Weg zurück finden, bevor das Licht verlosch. Schon jetzt spürte Lea, wie der Nebel sie mit jedem Schritt dichter umhüllte, durch die Poren in ihre Haut sickerte und in ihren Körper eindrang. Sie mit Leere füllte. Mit Trostlosigkeit. Und mit Tod.

Ein Knoten saß in Leas Kehle. Ungewollt kamen ihr die Tränen. Die Tropfen froren auf ihren Wangen. Die Laterne flackerte.

Sinnlos, dachte sie, und wie von selbst wurden ihre Schritte langsamer. Es ist sinnlos. Wenn wir hierbleiben, werden wir sterben. Wenn wir den Nebel verlassen, werden wir auch sterben. Die Feen warten draußen auf uns. Und wenn sie uns nicht töten, dann wird es der Nebel tun, auch wenn wir nie wieder hineingehen.

Dicht bei ihr schlug das Herz des Maskierten, langsam und dumpf: ein sterbendes Herz. So bösartig sie auch sein mochten, die Feen hatten recht, das wusste Lea. Sie würde ihn niemals retten, indem sie ihn zwang, mehr Zeit im Nebel zu verbringen, auf einer Suche, die vollkommen hoffnungslos war.

Öffne die Tür… Wie ein leises Echo klangen die Worte der Fee in ihrem Kopf wieder. Oder du wirst bis in alle Ewigkeit allein sein.

Lea blieb stehen. Vielleicht war es der letzte Ausweg. War es denn nicht dumm, ein Hilfsangebot auszuschlagen, nur weil sie sich fürchtete? Sie hatte versprochen, für den Maskierten stark zu sein. Was auch immer die Feen im Schilde führten– konnte, nein, musste es ihr nicht egal sein, solange sie dadurch wenigstens eine Chance bekam, ihren letzten, ihren einzigen Freund zu retten? Ihm seinen Namen zurückzugeben? Und sein Gesicht? Selbst wenn alles andere leere Versprechungen sein sollten, allein für diese Möglichkeit musste sie es riskieren. Was hatten sie denn zu verlieren?

Nichts mehr, dachte Lea. Gar nichts mehr.

Der Griff des Maskierten um ihre Finger wurde fester. Aber Lea wollte nicht sehen, wie er den Kopf schüttelte, wollte den Vorwurf in der Finsternis seiner leeren Augenhöhlen nicht sehen. Es war ein letzter, verzweifelter Schritt. Und sie würde ihn gehen, egal was der Maskierte davon hielt. Für ihn– und auch für sich selbst.

Suchend wandte sie den Kopf, versuchte in den dichten Schwaden die Feen zu entdecken, aber vergeblich. Doch sie waren da. Lea konnte es spüren.

»Erzählt mir davon!«, rief sie mit fester Stimme.

Und der Nebel füllte sich mit Licht.

Erstes Kapitel: Schneewalzer

Die Mädchen am Tresen lachten und redeten.

In irgendeiner Tasche in der Umkleidekabine klingelte ein Handy. Am anderen Ende der Theke klirrten Gläser, und ein Verschluss löste sich zischend vom Hals einer Colaflasche. Im Saal spielte noch Musik. Theresa ließ sich dort drin von Johannes Rumba beibringen. Und draußen vor dem Fenster schneite es. Seit Stunden schon fielen dicke Flocken vom Himmel und hüllten ganz Hamburg in einen kalten weißen Pelz.

Marie starrte gedankenverloren in das grau-weiße Gestöber. Egal, wie laut es ist, dachte sie. Der Schnee macht alles still.

Mit einem leisen Seufzer stützte sie das Kinn in die Hand und sah durch die Glastür den Tänzern zu. Theresa war jetzt schon fast zwanzig Minuten im Tanzsaal und schien Marie nicht besonders zu vermissen. Ziemlich lang, wenn man bedachte, dass Marie selbst nur hier war, weil Theresa sie bei ihrer neuesten Leidenschaft unbedingt hatte dabeihaben wollen.

»Ich habe beschlossen, dass Tanzen mir im Blut liegt«, hatte sie gesagt und Marie mit ihren großen, braunen Rehaugen angesehen. Um Verständnis bettelnd, aber gleichzeitig wild entschlossen. »Du musst mir dabei helfen, ja?«

Marie kannte Theresa schon seit dem Kindergarten und sie wusste genau: Wenn ihre Freundin sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war sie davon nicht mehr abzubringen. Durch nichts auf der Welt, auch durch Marie nicht. Und obwohl Marie selbst Tanzkurse schrecklich fand und nach einigen Tanzstunden erwiesenermaßen keinerlei Talent dafür besaß, war sie nach einer Weile guten Zuredens mitgegangen. Sie hatte es sogar geschafft, sich irgendwie darauf zu freuen. Es war ein bisschen wie Karneval: Für zwei Stunden ließ sie ihre vertrauten Kapuzenpullis und Baggypants im Schrank und zog sich Klamotten an, in denen sie sich sonst niemals in die Öffentlichkeit gewagt hätte. Blusen und figurbetonte Tops, Röcke und hochhackige Schuhe– so etwas war Theresas Stil, nicht Maries, und sie würde sich niemals wirklich wohlfühlen in so einer Aufmachung. Aber wenn sie damit ihrer besten Freundin eine Freude machen konnte, dann würde sie sich eben auch mal als Prinzessin verkleiden. Immerhin war Dienstag Theresas und ihr Tag, seit Jahren schon, und daran würde auch ein Tanzkurs nichts ändern. Hatte Marie gedacht.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sie natürlich noch nicht gewusst, dass Theresa gleich am ersten Kurstag auf Johannes treffen würde. Johannes, der Turniertänzer. Johannes, der immer direkt nach dem Anfängerkurs mit seiner Partnerin zum Training in die Tanzschule kam. Einundzwanzig war er schon, sechs Jahre älter als Marie und Theresa. Und er war in festen Händen, denen seiner Partnerin Kathrin nämlich. Aber das hielt Theresa nicht im Geringsten davon ab, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Und so hatte Theresa, nachdem ihre Bemühungen, sich »das Tanzen ins Blut zu prügeln«, die ersten Früchte trugen, gleich den nächsten unumstößlichen Entschluss gefasst: Sie würde sich wenigstens mit Johannes anfreunden. Natürlich hatte Marie sie dazu ermutigt, wie es sich für eine beste Freundin gehörte. Aber in Wirklichkeit…

In diesem Moment wurde die Tür zum Tanzsaal schwungvoll aufgestoßen und Theresa kam mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen an die Theke gestürmt.

»Na, wie geht’s?« Sie griff nach Maries Apfelschorle und trank einen gierigen Schluck.

Marie zuckte unbeteiligt die Schultern und hob eine Augenbraue. Diese lässige Geste hatte sie vor zwei Jahren immer wieder vor dem Spiegel geübt, als sie durch einen Psychotest in einer Zeitschrift herausgefunden hatte, dass sie ›Die coole Unnahbare‹ war. Mittlerweile fand sie solche Psychotests albern, aber die Geste war ihr so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sie meist nicht einmal mehr bemerkte. Davon abgesehen war sie sehr hilfreich, wenn Marie nicht wollte, dass jemand ihre wahren Gefühle bemerkte– so wie jetzt. Natürlich würde sie sich nicht darüber beschweren, allein an der Theke zurückgelassen worden zu sein. Insgeheim aber hätte sie Theresa am liebsten ins Gesicht gesagt, wie kindisch und unfair sie ihr Verhalten fand.

»Alles klar.« Sie rang sich ein Grinsen ab und hoffte, dass es nicht zu gequält aussah. »Und bei dir?«

»Alles cool.« Theresa strich sich mit einer geschmeidigen Handbewegung die vom Tanzen wirren Haare zurück und sah dabei wie gewohnt umwerfend aus. Sie wusste genau, wie sie den Kopf drehen musste, damit ihr schlanker weißer Hals möglichst vorteilhaft unter den dunklen Locken zur Geltung kam– und das natürlich genau im richtigen Moment, als Johannes und Kathrin durch die Tür zum Tanzsaal traten. Marie verkniff sich im letzten Augenblick ein gereiztes Kopfschütteln.

»Puh, ich glaub, ich muss mal kurz zum Klo.« Theresa schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Kommst du mit?«

Trotz allen Ärgers konnte Marie ein Lachen nicht unterdrücken. Der Vorschlag kam nicht unerwartet. Zum Klo, das konnte nur bedeuten, Theresa hatte dringend etwas zu erzählen. Allerdings bedeutete es auch, sie hatte noch längst nicht vor, nach Hause zu gehen. Dieser Gedanke wiederum war für Marie nicht unbedingt Grund zum Jubeln. Aber das behielt sie lieber für sich.

»Sicher.« Sie rutschte von ihrem Hocker und folgte Theresa in die Toilette, in deren winzigem Vorraum kaum Platz genug für zwei Leute war. Sie schloss die Tür hinter sich ab und lehnte sich gegen den Rahmen, während Theresa sich mit beiden Händen auf den Waschbeckenrand stützte und in den Spiegel starrte. Ihr Atem ging noch immer ein wenig schwer.

»Und?« Marie verschränkte die Arme vor der Brust und grinste, während sie Theresas erhitztes Spiegelbild beobachtete. »Wie war er denn so?«

Theresa warf ihr über die Schulter einen gespielt entrüsteten Blick zu. Aber ihre Augen leuchteten. »Du fiese Nuss.«

Marie lachte, und Theresa lachte mit.

Doch dann wurde ihr Gesicht plötzlich ernst. »Du Marie… ich wollte dich eigentlich was fragen.«

Marie sah ihre Freundin überrascht an. Das klang irgendwie seltsam– und ganz und gar nicht so, als ob das, was Theresa zu sagen hatte, ihr gefallen würde.

»Ach so? Was denn?«

Theresa kaute mit offensichtlichem Unbehagen auf ihrer Unterlippe. »Ich… also… würde es dir vielleicht was ausmachen, demnächst nach den Tanzstunden direkt nach Hause zu gehen? Ich meine… wegen Johannes… ich wollte mich ein bisschen mit Kathrin anfreunden, und…«

…du störst dabei.

Die Worte hingen unausgesprochen in der Luft.

Marie starrte ihre Freundin entgeistert an. Sie fühlte sich, als hätte Theresa ihr lächelnd ins Gesicht geschlagen. Sie hatte mit vielem gerechnet. Aber damit nicht.

»Tut mir leid«, murmelte Theresa. »Aber das verstehst du doch… Du… hast doch bestimmt sowieso keine Lust, hier so lange rumzuhängen, oder?«, fügte sie hastig hinzu.

Marie kniff die Lippen zusammen. In ihrer Brust brannte es. »Klar«, brachte sie hervor, doch es klang längst nicht so locker, wie sie gehofft hatte. »Hast schon recht. Kein Thema. Ich wollte sowieso gehen.«

Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, obwohl sie selbst nicht genau wusste, warum. Sie fühlte sich wie betäubt. »Ich hau dann jetzt auch ab. Bleibst du noch?«

Theresa nickte. Sie hatte den Blick nun fest auf die blau-weißen Bodenfliesen geheftet. »Ein bisschen.«

Marie schloss die Toilettentür auf und ging mit unsicheren Schritten zurück auf den Gang. Theresa folgte ihr wortlos. Das schlechte Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Tut mir leid…«

Marie antwortete nicht. Leid… es tat ihr leid… Und was sollte sie sich dafür kaufen? Stumm zog sie ihre Jacke an, dann Schal und Handschuhe, und griff nach ihrer Tasche.

»Bis morgen dann, ja?«, sagte Theresa, in einem kläglichen Versuch, ihre Stimme normal und unbekümmert klingen zu lassen.

Aber Marie gab keine Antwort. Ihr fiel keine ein, die nicht gelogen gewesen wäre. Mit schnellen Schritten drängte sie sich an ihrer Freundin vorbei und lief die Treppe zum Eingang hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen.

Schneeflocken schmolzen auf ihrer Haut, als sie auf die Straße trat. Selbst bei diesem Wetter war die Einkaufszone bevölkert von Menschen in dicken Mänteln unter schneebedeckten Regenschirmen. Marie konnte sie vom Eingang der Tanzschule aus sehen, wie sie die Spitalerstraße entlangeilten. Doch hier in den Nebenstraßen waren nur wenige Leute unterwegs. Sie hinterließen Fußspuren in der weißen Schicht, die sich über die Hamburger Innenstadt gelegt hatte.

Und alles war still. Schneestill.

Marie blinzelte die Tränen weg, die plötzlich aus ihren Augen fallen wollten, und zog die Kapuze ihrer Jacke tief ins Gesicht.

Ein Flattern regte sich in ihrer Brust. Unruhig und fast schmerzhaft. Und nur allzu vertraut. Nicht auch das noch!, dachte Marie. Sie atmete mehrmals tief aus und ein. Aber das Flattern verschwand nicht.

Mit bebenden Fingern griff sie nach ihrem Schal, zerrte daran, um sich mehr Luft zu verschaffen, und kramte mit der anderen Hand in ihrer Tasche nach dem Tablettendöschen. Ruhig, bleib ruhig, versuchte sie sich selbst gut zuzureden. Alles in Ordnung…

Aber es war nichts in Ordnung. Das Flattern wurde stärker, drückte von innen gegen ihre Rippen, bis sie das Gefühl hatte, ihr Brustkorb würde zerspringen. Schwärze kroch vom Rand ihres Sichtfeldes auf sie zu. In ihren Ohren rauschte es. Marie taumelte und stützte sich im letzten Moment an einem parkenden Auto ab. Mit zusammengekniffenen Augen würgte sie zwei Tabletten hinunter, presste die Hände gegen das kalte, schneebedeckte Blech und zwang sich, ruhig weiter zu atmen, obwohl ihr Brustkorb zu explodieren drohte.

Ein. Aus. Ein und wieder aus.

Ganz langsam verging der Schmerz, wurde schwächer mit jedem Atemzug. Marie hätte nicht sagen können, wie lange sie so dastand, leicht vornübergebeugt, und nur mit Mühe den Würgereiz unterdrücken konnte. Endlose Sekunden später erst wich auch der Schreck aus ihrem Nacken, und ihr Herz fand allmählich in seinen normalen Rhythmus zurück. Marie wischte sich erschöpft über die trockenen Lippen und richtete sich auf. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Pudding, und am liebsten hätte sie sich hingesetzt, die Hand noch immer fest in den Jackenkragen verkrampft.

Eine ganze Weile noch blieb sie einfach stehen und versuchte, sich zu erholen. Der Anfall war unerwartet gekommen. Dieses Flattern in der Brust hatte sie schon ewig nicht mehr gespürt. So lange, dass sie fast vergessen hatte, wie schmerzhaft es war.

Benommen sah sie zu den hell erleuchteten Fenstern der Tanzschule hinauf. Beinahe bildete sie sich ein, die Musik bis zu ihr auf die Straße dringen zu hören. Ein Nachhall des Flatterns ließ Maries Körper erzittern, als sie daran dachte, dass Theresa dort oben noch immer mit Johannes tanzte, während sie hier unten beinahe zusammengebrochen wäre. Ihre Freundin würde ihr nicht nachlaufen, dachte Marie mit einem Anflug von Bitterkeit. So viel war nun wohl sicher.

Schließlich, als der Schnee sich bereits als feine weiße Schicht auf ihrer Jacke festgesetzt hatte und ihre Füße allmählich zu frostigen Klumpen erstarrten, wandte Marie sich endgültig ab. Sie fühlte sich leer, müde und erschöpft, und sie wollte nur noch eins: nach Hause. In ihr Bett, und sich die Decke über den Kopf ziehen. Schlafen. Und gar nichts mehr sehen oder denken.

Ihre Mutter rumorte in der Küche, als Marie die Wohnungstür aufschloss. Bis in den Flur roch es nach Tee und geröstetem Brot.

Marie warf ihre Mütze und die Handschuhe auf die Kommode und streifte ihre Schuhe neben der Heizung ab, ohne das Licht einzuschalten.

»Bin wieder da!«

In der Küche wurde es kurz still. Dann öffnete sich die Tür und vor dem erleuchteten Rechteck des Rahmens erschien Karins Silhouette. Ihre kurzen Haare waren zerwühlt, wie immer, wenn sie sich über etwas geärgert hatte, und das gelbe Licht der Küchenlampe glitzerte in ihren Brillengläsern. Wie ein Raubvogel sah sie aus– und gleich würde sie auf ihre Tochter niederstürzen. Marie atmete tief durch und versuchte, sich auf das Unvermeidliche vorzubereiten. Als wäre der Tag nicht auch so mies genug gewesen.

»Hallo Marie. Wie war der Kurs?« Obwohl die Frage in einem neutralen Tonfall gestellt war, bemerkte Marie sofort den unterschwelligen Vorwurf. Du hast schon wieder deine alte Wäsche im Bad liegen lassen, lautete die stumme Anklage. Und: Die Spülmaschine hast du auch nicht mehr ausgeräumt, bevor du gegangen bist.

»Ganz gut«, antwortete Marie einsilbig und hoffte, in ihr Zimmer verschwinden zu können, bevor ihre Mutter entschied, dass die Kein-Streit-direkt-beim-Heimkommen-Schonfrist vorüber war. Natürlich, sie befand sich in allen Anklagepunkten für schuldig. Und nein, es war nicht das erste Mal, dass sie diese Diskussion führten– es war nicht mal so, dass Marie ihrer Mutter nicht insgeheim recht gab. Aber gerade heute war ein Streit mit Karin das Allerletzte, was sie noch gebrauchen konnte. Vorsichtshalber stellte sie ihre Schuhe ordentlich auf die Fußmatte und legte die Handschuhe und die Mütze zum Trocknen über die Heizung, bevor sie die Jacke auszog und über einen Bügel hängte. Manchmal half es, guten Willen zu zeigen.

»Hattest du nicht gesagt, Theresa kommt noch mit hierher?«

Die Frage traf wie ein Pfeil in die Brust. Marie presste die Lippen zusammen.

»Nein«, murmelte sie undeutlich, ohne ihre Mutter anzusehen, und ignorierte dabei das Flattern, das schon wieder wie ein Echo des Anfalls in ihrem Körper vibrierte. »Ich muss noch Hausaufgaben machen.«

Karin holte etwas angestrengt Luft. Marie konnte das Wort »Spülmaschine« förmlich hören, ohne dass es ausgesprochen wurde. Theresa war nicht da– also musste auch auf niemanden Rücksicht genommen werden.

»Marie, wir hatten doch ausgemacht, dass…«

»Ich weiß!« Die Tränen, die sie auf dem Weg nach Hause so angestrengt zurückgedrängt hatte, stiegen nun doch in ihre Augen. »Aber ich hab jetzt keinen Nerv drauf, okay?«

Ohne noch eine Antwort abzuwarten, stürmte Marie an Karin vorbei in ihr Zimmer und warf die Tür krachend hinter sich ins Schloss. Sie wollte es nicht hören. Sie wollte gar nichts hören. Konnte ihre eigene Mutter denn nicht sehen, dass es ihr dreckig ging? Musste sie trotzdem mit diesem unnötigen Gemotze anfangen? Sie hatte einen Anfall gehabt, verflucht! Mit einem heiseren Schluchzen ließ sich Marie auf ihr Bett fallen und vergrub das Gesicht im Kissen.

Leises Klopfen ertönte von der Tür her.

»Marie…?«

Marie gab keine Antwort. Mit vorsichtigen Schritten betrat ihre Mutter das Zimmer.

»Ist etwas passiert?«

Zitternd atmete Marie in das Kissen, das allmählich feucht wurde. Aber sie sagte nichts. Eine Weile blieb es an der Tür still– dann hörte Marie, wie ihre Mutter sich näherte. Die Matratze wippte, als sie sich vorsichtig auf die Bettkante setzte. Marie spürte sanfte Finger, die ihr behutsam über den Kopf strichen.

»Alles in Ordnung, Kleines?«

Marie drückte ihr Gesicht noch fester in das Kissen. Ein erneutes Schluchzen rüttelte an ihrem Brustkorb.

»Geh weg«, murmelte sie heiser.

Die streichelnde Hand hielt inne. Einen Moment lang lag sie warm und schwer auf Maries Hinterkopf. Dann seufzte Karin leise und zog ihren Arm zurück.

»Tut mir leid, Liebes. Ich hatte einen stressigen Tag im Büro. Ich hätte das nicht an dir auslassen dürfen.«

Marie umklammerte ihr Kissen noch ein wenig fester, obwohl sie allmählich keine Luft mehr bekam. »Lass mich einfach in Ruhe«, nuschelte sie in die Federn.

Ihre Mutter schwieg eine Weile. Dann aber seufzte sie erneut, ein wenig schwerer diesmal, und stand auf.

»Ich bin im Wohnzimmer, falls du etwas brauchst. Oder falls du reden möchtest. Du kannst immer zu mir kommen, Marie– das weißt du doch, oder?«

Marie gab keine Antwort. Und dann, endlich, ging ihre Mutter, genau so leise, wie sie hereingekommen war.

Marie drehte den Kopf zur Seite und starrte stumpf an die Wand mit der Raufasertapete neben ihrem Bett. Die Tränen flossen ihr immer noch aus den Augen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Ihr war klar, dass sie sich albern verhielt und dass ihre Reaktion kindisch war– etwas, das Marie an den meisten anderen Mädchen in ihrem Alter nicht ausstehen konnte. Sie wusste, sie hätte ihrer Mutter von dem Anfall erzählen müssen, selbst wenn sie ihr den Streit mit Theresa verschwieg. Sie musste einen Termin außer der Reihe bei Dr. Roth machen. Sie musste mit ihrem Therapeuten reden, das hatte sie ihm fest versprochen.

Aber gerade jetzt wollte Marie einfach nur weinen und sich selbst bemitleiden. Zumindest für eine Weile.

Sie rollte sich so eng zusammen wie möglich und zog die Bettdecke bis zu ihrer Nasenspitze nach oben. Ein wenig bereute sie es nun doch, ihre Mutter weggeschickt zu haben. Es tat einfach gut, ein wenig den Kopf gestreichelt zu bekommen. Und Karin war ja wirklich niemand, der auf einem Streit über Spülmaschinen beharrte, wenn es ihrer Tochter schlecht ging. Aber an Tagen wie diesem war sie einfach nicht die Person, von der Marie sich streicheln lassen wollte. Sie war nun einmal nicht ihr Vater. Und der würde nicht kommen. Konnte nicht kommen. Nie mehr.

Nach und nach wich die Schneekälte aus Maries Knochen. Die Wärme beruhigte ihre aufgewühlten Gedanken und machte sie schläfrig. Marie schniefte und zerrte ein Päckchen Taschentücher aus der Ritze zwischen Matratze und Wand. Dumm, dachte sie. Sie verhielt sich dumm und kindisch. Morgen würde sie noch mal mit Theresa reden. Höchstwahrscheinlich tat es ihrer Freundin inzwischen leid, und immerhin war sie verliebt. Verliebte Menschen taten seltsame Dinge, so viel hatte Marie schon verstanden, auch wenn sie selbst noch keine Erfahrungen damit gemacht hatte. Sie zog die Decke über ihren Kopf. Darunter war es warm und dunkel. Die Lider wurden ihr allmählich schwer. Der Anfall steckte ihr noch immer in den Knochen, und das Weinen hatte sie erschöpft. Heute war einfach ein mieser Tag. Bloß gut, dass er jetzt bald vorbei war. Flüchtig streifte sie der Gedanke an die unerledigten Hausaufgaben. Aber die waren jenseits ihrer Deckenhöhle und damit unendlich weit entfernt. Nur kurz die Augen zumachen, dachte sie. Die blöden Englischaufgaben können auch noch eine Viertelstunde warten.

Doch noch ehe sie den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte, war sie auch schon fest eingeschlafen.

Zweites Kapitel: Eine lange Nacht

Die Straße ist schwarz-weiß gepflastert wie ein Schachbrett. Nur viel größer und unendlich lang. Zu beiden Seiten ist sie gesäumt mit hohen, ein wenig verzerrt wirkenden Häusern aus schwarzem Stein. In der Ferne erhebt sich ein schlanker Turm in den rotvioletten Himmel. Eine bleiche Sonne wirft ihr Licht auf die Stadt und glänzt auf den Dächern. Sie brennt, ohne zu wärmen. Niemand ist auf dieser Straße unterwegs. Und dennoch sind dort Augen. Die Blicke kribbeln auf ihrer Haut.

Sie muss den Turm erreichen. Marie ist sich sicher. Der Turm bietet Schutz– wovor? Sie beeilt sich, ihre Schritte hallen von den Häuserwänden zurück, doch die Straße wird immer länger und länger, je schneller sie läuft. Eine Krähe schreit. Ihr Ruf wird von Dutzenden ihrer Brüder und Schwestern beantwortet. Schatten bewegen sich in den Hauseingängen. Nein… es sind Gestalten. Schemenhafte Umrisse mit blassen, traurigen Gesichtern. Sie weinen stumm. Eine der Gestalten sieht direkt zu Marie herüber. Sie öffnet den Mund, als wolle sie etwas sagen. Marie geht dichter heran, um es zu verstehen. Und aus der Nähe erkennt sie: Es ist ein Mensch. Eine Frau mit wirren Haaren und tiefen Ringen unter den Augen. Doch ihre Haut ist ganz bleich. Nein, durchsichtig sogar. Wie bei einem Geist, denkt Marie.

Und dann ist da ein Sirren wie von einem gigantischen Mückenschwarm. Ascheflocken schweben durch die Luft, verfangen sich in Haaren und Kleidern. Eine Wolke verdunkelt die Sonne. Kreischend fliegen die Krähen auf. Sie fliehen vor der Dunkelheit, vor dem Schrecken. Denn die Wolke ist keine Wolke. Es sind schwarze Flügel.

Die Geisterfrau reißt angsterfüllt die Augen auf, neigt sich zu Marie hinüber, nähert ihren Mund ihrem Ohr und stößt ein gellendes Kreischen aus, das Marie von innen heraus zerreißt. Sie schreit und schreit und schreit…

Marie riss die Augen auf.

Ihr Herz schlug rasend schnell. Ihre Decke war vom Bett gerutscht und lag in einem wirren Knäuel auf dem Boden. Die Lampe auf dem Nachttisch brannte noch. Der Wecker daneben zeigte kurz vor drei Uhr am Morgen.

Nur langsam verebbte das Zittern, das Maries Körper schüttelte. Mühsam richtete sie sich auf und stöhnte, als ihre verkrampften Muskeln protestierten. Ihr Rock und die Bluse waren völlig durchgeschwitzt, ihre Augen verklebt von der Wimperntusche, die sie am Abend nicht mehr abgewaschen hatte. Ächzend schälte sie sich aus ihren Kleidern und schlüpfte in ihr Nachthemd. An Schlaf war jedoch nicht mehr zu denken. Die unheimlichen Bilder, denen sie gerade erst entkommen war, hatten sie noch viel zu fest im Griff.

Marie fröstelte und wickelte sich wieder in ihre Decke. Was war das bloß für ein irrsinniger Traum gewesen? Alles hatte sich so echt angefühlt! Sie konnte den leicht beißenden Geruch der Asche immer noch riechen. Und diese Wolke… Unzählige geflügelte Wesen mit glühenden Augen und spitzen Zähnen. Wie kam sie bloß auf so was? Das war nicht nur unheimlich, das war grotesk.

Marie schaltete die Nachttischlampe aus und starrte mit brennenden Augen auf die Digitalanzeige des Weckers. Jede Minute schien eine Ewigkeit zu dauern. Ihre Lider fühlten sich geschwollen an und ihr Mund war wie ausgetrocknet. Aber sie konnte sich auch nicht dazu durchringen, in die Küche zu gehen und sich ein Glas Wasser zu holen.

Draußen vor dem Fenster hatte es mittlerweile aufgehört zu schneien. Die dicke weiße Schicht auf der Fensterbank sah im Licht der Straßenlaternen kränklich orange aus.

Marie streckte den Arm aus und angelte nach ihrer Tasche, die sie wie immer neben das Bett geworfen hatte. Dann schaltete sie die Nachttischlampe wieder ein. Sie musste sich dringend ablenken, und der neue Krimi ihres Lieblingsautors würde sicher helfen– das hoffte sie zumindest. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Kein einziger Satz schien auch nur ansatzweise einen Sinn zu ergeben, ganz abgesehen davon, dass Marie schon nach zwei Zeilen vergaß, was sie gerade gelesen hatte. Schließlich gab sie es auf. Sie schob das Buch vom Bett, legte sich auf den Rücken und starrte an die Decke.

Die Augen fielen ihr zu.

Und wieder sah sie die endlose schwarz-weiße Straße vor sich, hörte das Sirren der geflügelten Wesen und sah das geisterhafte Frauengesicht, das immer näher kam…

Mit einem erstickten Keuchen fuhr Marie in die Höhe.

Der Wecker schrillte unbarmherzig, ganz dicht an ihrem Ohr. Hastig schlug Marie auf den Knopf.

Schwer atmend blieb sie im Bett sitzen. Sie fühlte sich wie erschlagen. Sie musste mehrere Stunden geschlafen haben, obwohl sie hätte schwören können, nur für wenige Sekunden die Augen geschlossen zu haben. Im Bad hörte sie Wasser rauschen. Ihre Mutter stand unter der Dusche.

Mit einem Stöhnen rieb Marie sich über die Augen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, je so froh über das Weckerklingeln gewesen zu sein. Diese grauenhafte Nacht war endlich vorbei– und alles, was von dem Albtraum geblieben war, war ein eigenartiges Gefühl der Vertrautheit mit dieser Traumwelt. Nachdenklich zupfte Marie an ihrer Decke und versuchte, diese merkwürdige Empfindung zu fassen. Die schwarze Stadt, die kleinen geflügelten Wesen, sogar die Geister… sie war sich sicher, sie von irgendwoher zu kennen.

Nur woher, das konnte sie beim besten Willen nicht sagen.

Das Frühstück verlief an diesem Morgen schweigsam. Karin erwähnte ihren Streit vom Vorabend mit keinem Wort, und sie fragte nicht noch einmal, was los war. Marie war froh darüber. Im Bad, als die Erinnerung an den Albtraum allmählich in den Hintergrund rückte, war ihr das ganze Schreckliche wieder eingefallen. Nun lag es wie ein scharfkantiger Klumpen in ihrem Magen und nahm ihr den Appetit. Am liebsten hätte sie gar nicht darüber geredet. Aber sie wusste, sie musste mit Dr. Roth sprechen– und spätestens, wenn die Rechnung kam, würde ihre Mutter sowieso erfahren, dass Marie bei ihrem Therapeuten gewesen war.

Endlich, als schon kaum noch Zeit blieb, legte Marie ihren Löffel zur Seite und nahm sich ein Herz.

»Mama… kannst du für mich bei Dr. Roth anrufen und fragen, ob ich heute Nachmittag kommen darf?« Sie hörte ihre eigene Stimme kaum. Unverwandt starrte sie auf das grüne Muster der Tischdecke, um ihre Mutter nicht ansehen zu müssen. Sie konnte die Sorge in ihrem Blick nicht ertragen.

Sekundenlang blieb ihre Mutter stumm. Dann legte sie die Zeitung zur Seite. »Was war gestern los, Marie?«

Ihre Stimme klang nicht weniger sanft als am Abend zuvor– aber wesentlich bestimmter. Jetzt, wo sie wusste, dass es um Maries Anfälle ging, würde sie sich nicht mit einer Ausrede begnügen. Sie würde auf einer Antwort bestehen. Die ängstliche Fürsorge in ihrer Stimme machte Marie fast wahnsinnig. Sie presste die Lippen zusammen.

»Nichts weiter. Ich hatte nur… ein ganz leichtes Flattern, aber…«, das Blut schoss ihr in die Wangen bei dieser Lüge, »…ich hatte dem Doktor versprochen, ihm Bescheid zu sagen«, schloss sie und fand selbst, dass es wenig überzeugend klang.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ihre Mutter sich wieder regte. Karin atmete schwer aus und ein, offensichtlich nur mühsam beherrscht. Marie wagte kaum, den Kopf zu heben, um ihrem Blick zu begegnen.

Und als sie es schließlich doch tat, erschrak sie.

Über Karins Wange rollte eine Träne.

»Mama!« Hastig stand Marie auf und lief um den Tisch herum. Das schlechte Gewissen pochte heiß in ihrer Kehle. Es war Ewigkeiten her, dass sie ihre Mutter zum letzten Mal hatte weinen sehen. So liebevoll sie konnte, legte sie ihr die Hand auf die Schulter. Aber sie kam sich sehr hilflos dabei vor.

Karins Finger schlossen sich mit festem Druck um ihre. Ihr Lächeln wirkte verzerrt. »Warum kannst du denn nur nicht mit mir reden, Marie?«, fragte sie leise.

Marie schwieg betreten. Ja, warum? Sie hatte doch selbst keine Ahnung. Es gab nun einmal Dinge, die sie ihrer Mutter nicht erzählen konnte, weil sie das Gefühl hatte, dass sie sie einfach nicht verstand. Und es war ja nicht so, dass Marie sie nicht mochte, im Gegenteil. Sie liebte ihre Mutter, die die allermeiste Zeit fröhlich, fürsorglich und zärtlich war. Aber manchmal war sie eben auch aufbrausend und oft gestresst, und sie neigte gerade dann zu Überreaktionen, wenn sie sich sorgte. Wenn Marie einen Anfall hatte, hatte sie jedes Mal das Gefühl, ihre Mutter litte noch weit mehr darunter als sie selbst. Und darum konnte sie nicht mit ihr darüber reden. Ihr nicht die Angst beschreiben, die sie am ganzen Körper zittern ließ, wann immer dieser dunkle Fleck in ihrer Brust anfing zu flattern, und auch nicht den Schmerz, der direkt aus ihrer Seele zu kommen schien. Marie hatte sich schon oft gewünscht, dass es anders wäre. Aber es ging nicht. Es ging einfach nicht.

»Ich… ich komm zu spät zur Schule«, murmelte sie mit einem Blick zur Uhr, froh über einen Vorwand, sich aus dieser unangenehmen Situation fortstehlen zu können.

Ein mühsam gefasstes Lächeln stahl sich auf das Gesicht ihrer Mutter. Sie ließ Maries Hand los und strich ihr flüchtig über den Oberarm. »Ja, ich weiß. Na dann los mit dir. Und vergiss dein Handy nicht. Ich sage dir Bescheid, sobald ich mit Dr. Roth gesprochen habe, okay?«

Marie nickte und trat einen Schritt zurück, um nach ihrer Frühstücksdose zu greifen. Dann gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und drückte sie fest. Sie wusste einfach nicht, wie sie sonst um Verzeihung bitten sollte. »Bis später, Mama. Ich hab dich lieb.«

Karins Lächeln wurde ein wenig heller. Ein Funke Erleichterung leuchtete in ihren Augen auf. »Ich dich auch. Bis später, Liebes.«

Für einen Augenblick hatte Marie den Eindruck, als wollte ihre Mutter noch etwas sagen, könnte es aber nicht über sich bringen, die Worte auszusprechen. Doch Marie wartete nicht länger darauf. Mit einem letzten Lächeln griff sie nach ihrem Rucksack und verließ eilig die Wohnung.

Im Bus, der sie zur Schule brachte, steckte sie sich ihre Kopfhörer in die Ohren und drehte die Musik so laut, dass es fast schmerzte. Aber so hörte sie die anderen Leute wenigstens nicht, die lachten und redeten. Vor lauter Nervosität machte sich in ihrer Brust ein unangenehmes Kribbeln breit. Das Treffen mit Theresa war nun ganz nah, und auch wenn Marie es nur ungern zugab: Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte. Was sollte sie sagen? Sollte sie einfach so tun, als wäre nichts gewesen? Marie war mehr danach, ihrer Freundin erst einmal einen kräftigen Schlag in die Magengrube zu verpassen– und sie danach in den Arm zu nehmen, damit sie sich gegenseitig verzeihen konnten. Aber natürlich würde sie nichts dergleichen tun, solange andere Menschen in der Nähe waren.

Marie drehte die Lautstärke noch etwas weiter auf. Elektrische Gitarren schrien ihr ins Ohr, sodass sie glaubte, taub zu werden. Am liebsten wäre sie einfach sitzen geblieben und immer weitergefahren. Aber es half ja nichts. Marie seufzte und starrte auf die Anzeige über der Tür. Noch zwei Stationen. Sie konnte nicht weglaufen.

An der Haltestelle Schlump stieg sie aus, um den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Die winterlichen Straßen boten ein trostloses Bild, das gut zu Maries düsterer Stimmung passte. Ein Großteil des Schnees war inzwischen dem Streusalz zum Opfer gefallen, der Rest war zu grauem Matsch zertreten worden. Schon von Weitem sah sie Theresa auf dem Parkplatz vor der Schule warten, wo sie sich jeden Morgen trafen. Sie redete lebhaft auf Jenny ein, ihre gemeinsame Freundin, die seit dem vorletzten Sommer in ihre Klasse ging, weil sie die neunte wiederholen musste. Jenny war fröhlich, liebenswert und konnte stundenlang über Klamotten und Make-up quatschen. Zwischen ihr und Theresa hatte es sofort gefunkt, und seitdem war ihr Duo ein Trio. Ein unzertrennliches Trio, dessen Mitglieder man nur selten allein sah– und in dem Marie sich bei aller Freundschaft in letzter Zeit immer öfter fehl am Platz fühlte. Seit gestern erst recht.

Als sie sich den beiden näherte, verstummte das Gespräch.

»Guten Morgen, Hase!« Jenny umarmte Marie und gab ihr ein Küsschen auf die Wange.

Auf Theresas Gesicht erschien ein zaghaftes Lächeln, und auch sie nahm Marie zur Begrüßung in den Arm.

»Hi.«

Marie schluckte mühsam. Das »Guten Morgen« wollte ihr einfach nicht über die Lippen. Doch bevor sie auch nur darüber nachdenken konnte, ob sie zurücklächeln sollte oder nicht, kam Jenny ihr zuvor.

»Stell dir vor! Das rätst du nie! Ich gehe aufs Editors-Konzert!« Sie strahlte über das ganze Gesicht. Von der Anspannung zwischen Marie und Theresa schien sie nichts zu bemerken.

Marie spürte, wie ihr Herz für einen Augenblick zu pumpen aufhörte. Sie schaffte es nicht einmal, ein halbwegs begeistertes Lächeln auf ihr Gesicht zu zwingen. Diese Nachricht war an diesem Morgen mehr, als sie glaubte ertragen zu können. Die Editors waren ihre erklärte Lieblingsband, und natürlich wusste sie, dass die Gruppe an diesem Wochenende ein Clubkonzert in der Markthalle Hamburg geben würde. Theresa und ihre ältere Schwester hatten die Karten zu Weihnachten bekommen, und Marie hatte ihre Mutter endlose Stunden lang angefleht, auch hingehen zu dürfen. Aber Karin blieb eisern. Keine Konzerte. Nicht, solange die Ursache für Maries Anfälle nicht endgültig geklärt war. Da halfen Schmeicheln und Betteln ebenso wenig wie Tränen und Wutausbrüche. Theresa hatte Marie fürchterlich bemitleidet und versprochen, ihr alles haargenau zu erzählen, aber viel hatte das natürlich nicht geholfen. Maries einzige Verbündete in diesem Leid war bisher Jenny gewesen, die ebenfalls keine Erlaubnis von ihren Eltern bekommen hatte. Doch jetzt würde auch sie auf das Konzert gehen– und Marie somit die Einzige sein, die zu Hause bleiben musste. Sie schluckte hart und bemühte sich, ihre Freundinnen nicht merken zu lassen, wie sehr sie getroffen war. Schultern zucken, Braue heben: Die ›coole Unnahbare‹ funktionierte immer. Auch wenn es wehtat.

»Wie hast du denn deine Eltern rumgekriegt?« Gemeinsam machten sich die drei Mädchen auf den Weg über den Schulhof.

»Timo hat sie überredet.« Jenny grinste breit. Timo war Jennys Freund. Er war ein Kumpel ihres großen Bruders, ein Ass im Handball und besuchte ein Sportgymnasium in Harburg. Vor zwei Wochen hatte er seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert. Wenn er dabei war, durfte Jenny fast alles.

»Das wird so cool«, sagte Theresa und hakte sich bei Jenny unter. »Wir müssen unbedingt noch Klamotten kaufen. Morgen? Oder Freitag?«

Marie merkte, wie ihr das Atmen allmählich schwer fiel. Sie warf ihrer Freundin einen schnellen Blick zu, aber Theresa schien sich an die Szene vom Vortag gar nicht mehr zu erinnern– oder sie zumindest für erledigt zu halten. Marie würgte den Kloß in ihrer Kehle mühsam herunter. Sie hasste es, wenn Konflikte nicht geklärt wurden. Und einfach nicht darüber zu reden, machte in ihren Augen alles nur noch schlimmer. Doch jetzt, so kurz vor Unterrichtsbeginn, war ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um das Thema anzusprechen, auch wenn es ihr mehr und mehr auf den Magen drückte. Wie es aussah, würde sie wohl oder übel warten müssen.

»Auf jeden Fall! Kommst du auch mit?« Jenny stieß sie fröhlich in die Seite.

Marie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht.«

Jennys Lächeln verblasste schlagartig. »Ach so, ja… tut mir leid. Ich habe gar nicht mehr daran gedacht, dass du nicht mitdarfst.« Sie klang zerknirscht.

Marie rang sich ein Grinsen ab und bereute sofort, ihre Enttäuschung so deutlich gezeigt zu haben. Jenny konnte schließlich am allerwenigsten etwas dafür, dass es ihr schlecht ging. »Schon okay. Ich komm damit klar.«

»Beim nächsten Mal bist du sicher auch dabei«, versuchte Theresa sie zu trösten. »Und dann geht die Party erst richtig los!«

Marie lächelte gequält und schwieg. Gestern noch wäre es ihr nach diesem Trost sofort besser gegangen. Heute fühlte sich jedes von Theresas Worten falsch an. Unecht. Als wäre es ihr eigentlich egal.

Marie ballte in den Manteltaschen die Fäuste. So konnte das nicht weitergehen. Sie musste mit Theresa reden, und zwar bald. Hoffentlich bekam sie schnell eine Gelegenheit dazu. Sie hörte nicht weiter hin, wie ihre Freundinnen Pläne schmiedeten. Dieser Tag war grau. Ekelhaft grau. Und er würde auch nicht mehr besser werden.

Drittes Kapitel: Stigma

Etwas stimmte nicht mit ihr. Gabriel sah ihr zu, wie sie mit ihren Freundinnen über den Schulhof ging. Sie war ihm schon öfter aufgefallen, weil sie sich mit ihrer natürlichen, etwas schlaksigen Art von den anderen Mädchen unterschied. Sie war nicht hässlich, ganz und gar nicht– mit ihren glänzenden blonden Haaren und den klaren blauen Augen hätte sie sogar ziemlich hübsch sein können. Aber sie bewegte sich, als wäre ihr Körper ein wenig zu groß für sie, die Schultern meist ein kleines Stück hochgezogen und die Hände in den Taschen vergraben, als wüsste sie nicht, wohin damit. Sie versteckte sich im Schatten ihrer selbstbewussten Freundinnen, bis sie fast zwischen ihnen verschwand– und genau diese Eigenschaft war es, die Gabriel faszinierte, seit er sie zum ersten Mal durch Zufall entdeckt hatte. Ein wenig beneidete er sie sogar darum. Wie oft wäre er selbst gern einfach verschwunden? Es gelang ihm nie. Sie hingegen war eine Meisterin in dieser Disziplin.

Doch diesmal stimmte etwas nicht.

Er sah sie nicht oft, gerade weil sie so gut darin war, sich unsichtbar zu machen. Heute aber hatte sie etwas an sich, das seinen Blick anzog, ohne dass er es wollte. Wie ein weißer Flusen auf einem schwarzen Hemd oder ein Spritzer Soße am Kinn. Etwas, was dort einfach nicht hingehörte, aber ohne dass er erkennen konnte, was es war. Gleichzeitig vermochte er die Feen, die ihr sonst in ihrem Schatten folgten, nicht mehr deutlich zu sehen. Als würden diese sich vor ihm verstecken. Es verursachte ein seltsames Prickeln in Gabriels Nacken.

Unwillkürlich musste er an das Bild denken, das er in der letzten Nacht begonnen hatte. Damit war es ähnlich. Die Farben flossen beinahe von selbst auf die Leinwand– aber selbst nach mehreren Stunden Arbeit konnte er noch immer nicht erkennen, was es später einmal darstellen würde. Nur dass es düster war, konnte er schon nach den ersten Pinselstrichen sehen. Doch das half nicht viel. Es war schließlich nicht so, dass er jemals ein fröhliches Bild gemalt hätte.

Gedankenverloren sah er den Mädchen nach, wie sie im Schulgebäude verschwanden, selbst als sie schon längst nicht mehr zu erkennen waren. Auch für ihn wurde es allmählich Zeit, hineinzugehen. Das erste Läuten lag bereits einige Minuten zurück. Aber Gabriels Lehrer waren sein Zuspätkommen mittlerweile gewöhnt. Sie hatten es aufgegeben, ihn ändern zu wollen. Er konnte also ebenso gut noch ein paar weitere Minuten nachdenken.

Gabriel nahm eine Handvoll Neuschnee von einem Busch am Rand des Schulhofs und verrieb ihn zwischen den Fingern. Die feinen Kristalle verfingen sich in der dunklen Wolle seiner Handschuhe. Er konnte nicht sagen, warum, aber dieser seltsame Fleck, den er an dem Mädchen bemerkt hatte, machte ihm Sorgen. Er hatte das Bedürfnis, sie zu warnen– aber das war Unsinn, solange er nicht wusste, wovor.

Vielleicht kam er darauf, wenn er sie weiter beobachtete.

Vielleicht war er klüger, wenn das Bild fertig war.

Vielleicht hatte das eine mit dem anderen aber auch überhaupt nichts zu tun.

Gabriel seufzte und klopfte die Hände an seiner Hose ab. Grübeln würde ihn ja doch nicht weiterbringen. Besser, er ging jetzt erst einmal zum Unterricht. Um alles andere konnte er sich später kümmern.

Zu Beginn der Mittagspause entdeckte er sie erneut, als sie gerade das Schulgelände verließ.

Gabriel handelte kurzentschlossen. Er war sich nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war, ihr zu folgen. Trotzdem tat er es, auch wenn er dafür Nils und Henrik ohne eine weitere Erklärung stehen lassen musste. Aber darum machte er sich keine Sorgen. Seine Freunde waren exzentrisches Verhalten von ihm gewöhnt, und er durfte das Mädchen nicht aus den Augen verlieren.

Sie ging zu Fuß in Richtung Sternschanze– nach Hause vielleicht, vielleicht aber auch irgendwohin, wo sie allein war. Je länger Gabriel ihr folgte, desto sicherer wurde er, dass sie auf keinen Fall den direkten Heimweg eingeschlagen hatte. Sie trottete mit gesenktem Kopf scheinbar planlos durch die Straßen des Schanzenviertels, ohne jemals irgendwo anzuhalten, ging sogar nach einigen Umwegen fast vor Gabriels Haustür vorbei– und stieg schließlich an der Sternschanze in die S-Bahn. Das war der Moment, in dem Gabriel es aufgab, ihr zu folgen. Sie hätte ihn auf jeden Fall bemerkt, und das wollte er nicht riskieren. Noch nicht.

Eine Weile noch stand er am Bahnsteig, dann wandte er sich um und schlenderte die Straße wieder hinauf. Die Wolkendecke war aufgerissen und die Luft klirrend kalt. Die Sonne glitzerte auf den Schneeresten, die nicht Schuhen oder dem Winterdienst zum Opfer gefallen waren.

Gabriel atmete tief durch. Die Mittagspause war bald vorbei. Er würde es nicht rechtzeitig zum Nachmittagsunterricht zurück in die Schule schaffen und er hatte auch keine große Lust dazu. Kunst langweilte ihn. Es gab dort nichts für ihn zu lernen.

Als er ein weiteres Mal an dem kleinen Café vorbeikam, über dem im Dachgeschoss seine Wohnung lag, beschloss er, die Kunststunde heute ganz ausfallen zu lassen und stattdessen weiter an seinem Bild zu arbeiten. Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass das Mädchen und das Bild auf irgendeine Weise miteinander verbunden waren. Ein seltsam bedrückendes Gefühl beschlich ihn jedes Mal, wenn er an die verschwommenen, undefinierten Flecken auf der Leinwand dachte– die gleiche Beklemmung, die er auch gespürt hatte, als er das Mädchen beobachtete. Er musste herausfinden, was dahintersteckte. Irgendetwas war mit den Feen in ihrem Schatten, etwas Bedrohliches, das sie von all den anderen finsteren Gestalten unterschied, die seit so vielen Jahren Gabriels Sicht auf die Welt prägten. Aber er konnte nicht sagen, was es war und inwiefern es ihn überhaupt betraf.

Eine Gänsehaut kroch über seine Arme, und er spürte, wie ihm das Atmen schwerer fiel. Er würde dieses Geheimnis nicht allein ergründen können, dachte er unbehaglich. So wie sich die Dinge darstellten, würde er auf etwas zurückgreifen müssen, das er seit vielen Monaten nicht mehr genutzt hatte: Er brauchte die Augen der Bestie. Nur sie konnte erkennen, was sich hinter dem Schleier im Schatten des Mädchens verbarg. Und sein Instinkt sagte Gabriel, dass dieses Etwas Grund genug war, zu solchen Methoden zu greifen. Denn so unklar wie heute hatte er schon lange nichts mehr gesehen.

Das Café Orca– im Schanzenviertel wegen seiner selbst gebackenen Kuchen und der hausgemachten Limonade ein weit verbreiteter Geheimtipp– war wie immer gut besucht. Joachim ›Joe‹ Fischer, seines Zeichens der Inhaber und gleichzeitig Gabriels Vermieter, stand hinter der wuchtigen alten Theke und unterhielt sich mit einigen Stammkunden. Larissa, eine der studentischen Aushilfen, lief geschäftig durch den Raum und winkte Gabriel nur kurz zu. Das flammende Haar ihrer Schattenkreatur züngelte zwischen ihren dunkelblonden Locken hervor.

Gabriel ignorierte die gespaltene Schlangenzunge, die– von Larissa selbst unbemerkt– lasziv über die Lippen der jungen Frau glitt, während sie bei einem attraktiven männlichen Gast die Bestellung aufnahm. Er winkte zurück, schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und schob sich hinter die Theke. Der einzige Weg zum Treppenhaus und damit auch seiner Wohnung führte hier entlang, wenn er nicht die Feuertreppe nutzen wollte. Und das war bei diesem Wetter alles andere als ratsam.

Joe hob die Brauen und stemmte die muskulösen Arme in die Hüften, als er ihn bemerkte. »Na so was. Senhor da Silveira… Sind Sie nicht ein bisschen früh dran?«

Gabriel lächelte und kramte seinen Schlüssel aus der Tasche. Es war sehr angenehm, dass Joes Schatten für gewöhnlich formlos im Hintergrund seines Wirts blieb, und er fand es auch nach einem Jahr immer noch rührend, wie väterlich sich sein Vermieter um ihn kümmerte, wann immer er die Gelegenheit dazu bekam. Und das, obwohl er mit seinen einunddreißig Jahren doch etwas zu jung war, um Gabriels wirklicher Vater zu sein.

»Wann muss ich heute anfangen?«

»Um sechs.« Joe hob die Schultern, ohne seine vorwurfsvolle Haltung aufzugeben. »Junge, schwänzt du schon wieder?«

»Kunst fällt heute aus.« Gabriel zwinkerte. »Keine Sorge, das geht in Ordnung. Bis später dann.«

Joe zog die Brauen zusammen, sagte aber nichts. Gabriel war ihm dankbar dafür. Joe war um ihn besorgt, aber er drang nie zu weit in Gabriels Privatsphäre vor. Ganz anders als seine echten Eltern. Er war froh, dass er sich darum nicht mehr kümmern musste. Auch wenn der Gedanke an sie noch immer wie ein spitzer Dorn in seinem Herzen steckte.

Er schlüpfte durch die Tür ins Treppenhaus und kletterte die enge, dunkle Treppe zu der winzigen Wohnung hinauf, die er seit nun fast dreizehn Monaten bewohnte. Das vertraute Knarren im alten Holz der Wohnungstür hieß ihn willkommen. Das Bild stand noch immer auf der Staffelei beim Fenster, wo er es am Morgen zurückgelassen hatte: düstere Flecken in Rot, Braun, Grau und Schwarz. Sonst nichts.

Mit einem Seufzer streifte Gabriel die Schuhe ab und warf Mantel, Schal und Handschuhe auf sein Sofa. Dann trat er näher an das Bild heran. Das seltsame Gefühl der Beklemmung griff erneut nach seiner Brust, als er die verschwommenen Umrisse betrachtete. Gabriel starrte auf die Farben, bis seine Augen brannten. Da war doch etwas! Er wusste es. Aber es zeigte sich nicht. Warum nur?

Wie zur Antwort auf seine unausgesprochene Frage drang aus einer Ecke seines Bewusstseins ein tiefes Grollen, wie durch einen langen Tunnel verzerrt. Gabriel fröstelte. Es war lange her, dass er mit der Bestie in seinem Schatten Kontakt aufgenommen hatte. Vielleicht zu lange. Die Gelassenheit, die er sich im Umgang mit der Kreatur erkämpft hatte, hatte in den vergangenen Monaten ein wenig zu bröckeln begonnen. Aber jetzt war es an der Zeit, eine alte Vereinbarung zu erneuern.

Abrupt drehte Gabriel sich um und ging mit festen Schritten in sein winziges Badezimmer. Hier, versteckt in einem Spalt zwischen Duschkabine und Wand, stand der einzige Spiegel, den es in seiner Wohnung gab. Er hatte ihn abgehängt, um nicht öfter als nötig hineinsehen zu müssen. Sein eigenes Gesicht zu betrachten und das, was dahinterlag, machte es ungleich schwerer, sich gegen die düstere Anziehungskraft seiner Schattenkreatur zu wehren. Aber gerade jetzt wollte er das ja nicht.

Mit einem tiefen Atemzug griff Gabriel nach dem Spiegel und trug ihn ins Wohnzimmer hinüber. Auf dem Sofa hielt er das kalte Glas mit der reflektierenden Seite nach unten auf den Knien und versuchte, sich geistig darauf vorzubereiten, was er gleich sehen würde.

Das Gesicht seiner Bestie.

Er kannte sie in- und auswendig, und er hätte keiner Hilfsmittel bedurft, um bis aufs Haar zu wissen, wie sie aussah. Aber der Spiegel war die einzige Möglichkeit, ihr direkt in die Augen zu blicken. Und das würde wohl nötig sein– nach so vielen Wochen.

Mit einer entschlossenen Bewegung drehte Gabriel den Spiegel um und richtete ihn auf.

Ein kehliges Knurren erschütterte den Zwischenraum, der die Wirklichkeit von der dahinter verborgenen Dunkelheit trennte. Hinter Gabriel, am äußersten Rand seines Schattens, erhob sich geschmeidig eine menschenähnliche Gestalt mit sehnigen Gliedern. Narben und frische Wunden zerrissen die kalkweiße Haut. Die Rippen stachen aus der flachen Brust hervor. Die Kreatur hätte Gabriel selbst dann noch um mehr als zwei Köpfe überragt, wenn er auf den Füßen gestanden hätte. Verfilzte Haare fielen weit in die Stirn und auf die scharf hervortretenden Wangenknochen und überschatteten die düstere Glut der tief in den Höhlen liegenden Augen. Schwarzes Blut quoll wie Tränen hinter den rotgeränderten Lidern hervor, als die Bestie sich dem Spiegel zuwandte. Ihre Lefzen zogen sich zu einem leisen Fauchen zurück. Gabriel lächelte grimmig. Sie hatten sich lange nicht in die Augen gesehen. Aber sie hatten sich nicht vergessen.

Vorsichtig legte er die Fingerspitzen einer Hand leicht an das Glas. »Ich brauche dich«, sagte er und stellte beruhigt fest, dass seine Stimme leise, aber sicher klang. »Komm.«