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Welchen Hintergrund hatte die Einschreibung der Geburt Jesu? Hatte sein Leben etwas mit der Sonnenfinsternis des Jahres 29 zu tun? Lassen sich die Angaben der Bibel über das Leben Jesu mit den Aussagen der Geschichtsschreiber der Antike in Übereinstimmung bringen? Schon Johannes den Täufer beschäftigte die Frage "Bist du der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Hinter allen in diesem Buch behandelten Themen verbirgt sich letztlich diese entscheidende Frage. Der Autor geht in diesem Buch dieser Frage nach, indem er sich mit dem Ablauf des Lebens Jesu und den historischen Hintergründen beschäftigt. Er möchte mit diesem Buch zeigen, dass es die umstrittene Einschreibung der Geburt Jesu wirklich gab und dass sich die Angaben der Bibel über das Leben Jesu mit den historischen Fakten in Übereinstimmung bringen lassen. Er versucht, die Chronologie des Lebens Jesu zu rekonstruieren und möchte zeigen, dass sich bestimmte Ordnungsmerkmale in seinem Leben ständig wiederholten, so dass er zu dem Schluss kommt, dass Jesus Christus kein gewöhnlicher Mensch gewesen sein kann.
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Seitenzahl: 738
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Einleitung
Der Stern von Bethlehem und der Kaiserthron des Augustus
Der Aufstieg des Augustus
Das Jahr 2 vor Christus und die Dynastie des Augustus
Die Bedeutung des Titels „Vater des Vaterlandes“
Die Botschaft des Augustusforums
Die Nachfolge des Augustus
Die Einschreibung der Geburt und der erste Kaisereid
Der mutmaßliche Termin des Kaisereides in Ägypten
Die frühen Kirchenväter und die Geburt Jesu
Die Herodes-Chronologie und das Geburtsjahr Jesu
Der jüdische und der julianische Kalender
Der mögliche Ablauf des Jahres 2 vor Christus
Mögliche Einwände gegen Jesu Geburt im August 2 vor Christus
Warum deutet Matthäus das „Zeichen Immanuel“ auf Jesus?
Das Zeichen der zwei „Sabbatjahre“ und der Messias
Die frühen Kirchenväter und der Tod Jesu
Das Auftreten Johannes des Täufers
Die Finsternisse im Jahr 29 und das Auftreten Jesu
Das Dekret zum Wiederaufbau Jerusalems und der Tod Jesu
Der Wochentag des Todes und der Auferstehung Jesu
Starb Jesus am 14. oder am 15. Nisan?
Scheitert meine Chronologie an dem jüdischen Monatsanfang?
Macht die Bibel widersprüchliche Angaben über die Zeit der Verurteilung Jesu?
Die Ordnungssystematik im Leben Jesu
Mögliche Einwände gegen meine Chronologie
Das Gericht Gottes und das Leben Jesu
Die möglichen Termine des Auftretens Gabriels
Geschichten aus dem Alten Testament und das Leben Jesu
Ist Augustus oder Jesus der göttliche Retter?
Zusammenfassung und Fazit
Anhang
Abkürzungen
Mögliche jüdische Schaltmonate in der Zeit Jesu
Der jüdische Kalender in der Zeit Jesu
Julianisches Datum wichtiger Ereignisse
Termine des Lebens Jesu als Ausgangspunkte
Möglicher Ablauf mit Ordnungen
Literaturverzeichnis
Über das Leben Jesu Christi wurden schon viele Bücher geschrieben. Trotzdem sehe ich es als richtig an, dieser Fülle von Büchern noch ein weiteres hinzuzufügen. Ziel des Buches ist es, der Frage nachzugehen: Ist Jesus Christus der von der Bibel versprochene Retter oder nicht? Wir werden diese Frage anhand der Aussagen der Bibel und der Geschichte über sein Leben untersuchen.
Die frühen Kirchenväter bezeugen die Geburt Jesu im Jahr 2 v. Chr. Ich gehe davon aus, dass die Darstellung Jesu im Tempel am Versöhnungstag (Jom Kippur) stattfand, am höchsten jüdischen Feiertag, der damals auf den 8. Oktober 2 v. Chr. gefallen sein dürfte. Diese Annahme basiert auf dem biblischen Prinzip, dass das erste Vorkommen einer Angelegenheit besondere prophetische Bedeutung für das Hauptereignis besitzt. In diesem Fall hat der erste Aufenthalt Jesu in Jerusalem beziehungsweise im Tempel besondere prophetische Bedeutung für sein Erlösungswerk, das sich dort abspielen sollte. Ich werde dieses biblische Prinzip im Laufe des Buches näher erläutern. Der Evangelist Lukas sagt, dass Jesus nach Ablauf der Unreinheit seiner Mutter in den Tempel gebracht wurde. Diese beträgt 40 Tage. Wenn man diese 40 Tage zurückrechnet, kommt man auf den 29. August 2 v. Chr. als Geburtstag Jesu. Von diesem Geburtstermin ausgehend, entfaltet sich im Laufe des Buches eine sich häufig wiederholende Ordnungssystematik. Mir kommt es dabei nicht in erster Linie auf den Termin der Geburt oder des Todes Jesu an. Es ist zweitrangig, ob die Geburt Jesu im Jahr 2 v. Chr. oder im Jahr 7 v. Chr. oder einem anderen Jahr erfolgte. Es geht in erster Linie darum, die mit dem Leben Jesu verbundene Ordnungssystematik aufzuzeigen. Ferner geht es um die Darstellung, dass sich durch sein Leben biblische Vorhersagen erfüllten. Zudem möchte ich mit diesem Buch darlegen, dass der Bericht der Bibel über das Leben Jesu historisch zutreffend ist. Dazu möchte ich einige Fragen aufwerfen.
Aus der Geschichte ist bekannt, dass im Jahr 2 v. Chr. große Feierlichkeiten in Rom stattfanden. Besteht zwischen der von Lukas geschilderten „Einschreibung“ bzw. „Zählung“ bei der Geburt Jesu und diesen Feierlichkeiten ein Zusammenhang? Besonders diese reichsweite Einschreibung wird von Geschichtswissenschaftlern bezweifelt. Dietmar Kienast (1925–2012) schreibt in seinem Buch über Augustus: „Einen allgemeinen Reichscensus, wie ihn der Wortlaut des Lukas-Evangeliums zu bezeugen scheint, hat es dagegen nicht gegeben.“1 Emil Schürer (1844–1910) meint in seiner „Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi“: „Lucas schreibt dem Augustus den Befehl zu, dass im ganzen Reich [Hervorh. i. O., Sperrschrift] ein Census veranstaltet werde. Von einem solchen Reichscensus weiss die Geschichte nichts.“2 Ich möchte in diesem Buch eine neue Erklärung für diese Einschreibung aufzeigen.
Im Laufe der Nachforschungen wurde ich auf eine Sonnenfinsternis und mehrere Mondfinsternisse aufmerksam. Besteht zwischen diesen Finsternissen und dem Leben Jesu ein Zusammenhang?
Gegen das Jahr 2 v. Chr. als Geburtsjahr Jesu scheint das Todesjahr des Königs Herodes zu sprechen. Es wird üblicherweise als gesichert angesehen, dass König Herodes im Jahr 4 v. Chr. starb. Dagegen erscheinen immer wieder Veröffentlichungen, die das Todesjahr 4 v. Chr. bezweifeln und alternativ das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr des Herodes ins Spiel bringen. Starb Herodes tatsächlich im Jahr 4 v. Chr. oder könnte sein Tod auch im Jahr 1 v. Chr. gewesen sein?
Ferner möchte ich in diesem Buch ganz knapp die Frage aufgreifen, ob es sich bei dem 25. Dezember um den wirklichen Geburtstermin Jesu Christi handelt oder nicht. Im Laufe dieses Buches wollen wir uns auch mit vielen umstrittenen und ungeklärten Themen wie beispielsweise dem Stern von Bethlehem beschäftigen. Seit den Zeiten des Astronomen Johannes Kepler (1571–1630) hält man die dreifache Konjunktion von Jupiter und Saturn vom Jahr 7 v. Chr. für den Stern von Bethlehem. Werner Papke (*1944) stellt in seinem Buch „Das Zeichen des Messias“ die These auf, dass es sich bei dem Stern von Bethlehem um eine Supernova im Sternbild Coma Berenices handelte und mit der Konjunktion von Jupiter und Saturn nichts zu tun hatte. Eine Aussage eines Schriftstellers aus der Antike namens Plinius sehe ich als Bestätigung für die These Papkes an. Könnte der von Plinius erwähnte Stern mit dem Stern von Bethlehem identisch sein?
In Wikipedia gibt es zwei verschiedene Artikel über die Person Jesu. Einen Artikel über „Jesus Christus“, der die Angaben der Urchristenheit widerspiegelt und einen über „Jesus von Nazareth“ als historische Person. Meines Erachtens gibt es keinen Unterschied zwischen dem urchristlichen Jesus Christus und dem historischen Jesus von Nazareth. Lassen sich die Aussagen der Bibel mit den historischen Angaben antiker Quellen in Übereinstimmung bringen?
Um diesen Fragen nachzugehen, verwende ich neben den Angaben der Bibel, von deren Zuverlässigkeit ich ausgehe, auch Aussagen von Quellen aus der Zeit der Antike und zeitgenössischen Historikern. Neben Quellen, die direkt aus der beschriebenen Zeit stammen, wie keilschriftliche Aufzeichnungen, Aufschriften auf Steinen, Papyrusurkunden und Münzen, verwende ich auch Aussagen von Geschichtsschreibern aus der Antike wie Josephus Flavius, Philo, Sueton, Tacitus, Cassius Dio, Plutarch und vielen weiteren. Von den sogenannten Kirchenvätern berücksichtige ich nur Aussagen aus den ersten Jahrhunderten.
Bibelstellen werden zitiert nach der „Revidierten Elberfelder Bibel“ (Rev. 26)3, es sei denn es wird eine andere Übersetzung angegeben. Bei Bedarf wird auf die Begriffe des hebräischen bzw. griechischen Grundtextes verwiesen. Begriffe aus dem hebräischen Grundtext werden nach dem „Westminster Leningrad Codex“ und Begriffe aus dem griechischen Grundtext nach dem „Novum Testamentum Graece“ (27. Auflage) wiedergegeben. Hervorhebungen in Zitaten anderer Quellen stammen von mir, wenn nichts Anderes angegeben wird.
Da sowohl zeitgenössische als auch antike Schriftsteller zitiert werden, gebe ich meist auch die Lebensdaten der Quellen an. Bei den Zitaten wird auch die Rechtschreibung der jeweiligen Zeit beibehalten, sodass beispielsweise das Wort Tatsache in manchen Zitaten „Thatsache“ geschrieben wird oder „Schatzung“ statt Schätzung. Auf die Wiedergabe mancher Sonderzeichen in Eigennamen muss verzichtet werden.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die es ermöglichten, dass dieses Buch erscheinen kann.
Ich hoffe, dass mein Buch, das nun in einer korrigierten und leicht veränderten Fassung erscheint, nicht nur von interessierten Christen, sondern auch von Menschen gelesen wird, die den biblischen Berichten skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen. Ich möchte mit diesem Buch dazu beitragen, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen und lade den Leser dazu ein, sich mit mir auf eine Entdeckungsreise durch das Leben Jesu Christi zu begeben.
Leinfelden-Echterdingen, im März 2019
Dieter Büttner
1 Kienast, Augustus, S. 403
2 Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes I, S. 543
3 Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2006 SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten
Nachdem ich festgestellt hatte, dass Werner Papke (*1944) in seinem Buch „Das Zeichen des Messias“ von der Geburt Jesu am 30. August 2 v. Chr. ausgeht, also fast vom selben Termin wie ich, las ich mit großem Interesse sein Buch. Papke geht in seinem Buch vor allem der Frage nach, um welchen Stern es sich bei dem „Stern von Bethlehem“ handelte. Der Bericht der Bibel dazu findet sich in Matthäus 2:
„Als aber Jesus zu Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise vom Morgenland nach Jerusalem, die sprachen: Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.“
Mt 2,1–2
„Dann berief Herodes die Weisen heimlich und erforschte genau von ihnen die Zeit der Erscheinung des Sternes; und er sandte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht genau nach dem Kind! Wenn ihr es aber gefunden habt, so berichtet es mir, damit auch ich komme und ihm huldige. Sie aber zogen hin, als sie den König gehört hatten. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er kam und oben über der Stelle stand, wo das Kind war. Als sie aber den Stern sahen, freuten sie sich mit sehr großer Freude.“
Mt 2,7–10
Papke befasst sich zunächst mit der alten These, der Stern von Bethlehem sei ein Komet gewesen. Er schreibt dazu:
„Wegen der damals in der ganzen Ökumene bezeugten Kometomanie hielten Gelehrte es nicht für ausgeschlossen, daß auch der ,Stern von Bethlehem‘ ein Komet gewesen ist, der die Magier zum Aufbruch ins Gelobte Land veranlasst hat. Einer der ersten, der diese Ansicht vertrat, war der Kirchenlehrer und Vorsteher der Theologenschule von Cäsarea Origenes (um 185–253/54). Im ersten Buch seiner ,acht Bücher gegen Kelsos‘ schreibt er:
,Wir sind der Meinung, daß ,der im Osten gesehene Stern‘ … keinem der gewöhnlichen glich, weder einem der Fixsterne noch einem in den unteren Sphären (Planeten), daß er vielmehr jener Art von Sternen angehörte, die von Zeit zu Zeit erscheinen und Kometen oder Schweifsterne oder Bartsterne oder Faßsterne heißen, oder wie nur immer die Griechen ihre verschiedene Gestalt zu bezeichnen pflegen.‘“ Contra Celsum, I, 58“ [Hervorh. d. O., kursiv]
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 23
Papke verwirft dann diese These mit der Begründung, dass ein Komet im Volksglauben jedoch allgemein Unheil verhieß4 und dass der Stern von Bethlehem in Jerusalem gar nicht auffiel, während ein Komet auch in Jerusalem Eindruck erzeugt hätte5. Er schreibt:
„Man hat sich – aus gutem Grund, wie ich zeigte – heute in der Wissenschaft von der Vorstellung gelöst, der Stern der Magier könnte ein Komet gewesen sein.“
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 25
Er beschäftigt sich dann mit der heute allgemein vertretenen These, dass es sich bei dem Stern von Bethlehem um eine Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische handelte. Papke schreibt:
„Statt dessen treten die Gelehrten nun fast einhellig für eine seltene Planetenkonstellation ein, die den astronomisch gebildeten Magiern sofort aufgefallen sei, von der aber die normalen Sterblichen keine Notiz genommen hätten. Gemeint ist jenes dreimalige Zusammentreffen der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische innerhalb von sechs Monaten im Jahre 7 v. Chr., die sogenannte große Konjunktion, auf die schon Johannes Kepler (1571–1630) aufmerksam gemacht hat […] Im Dezember des Jahres 1603 erregte eine Konjunktion von Jupiter und Saturn beim Sternbild des Skorpions die Aufmerksamkeit gelehrter Kreise. Im September des folgenden Jahres trat Mars an die beiden Planeten heran, und kurz darauf, am 10. Oktober 1604, erschien ein ,neuer Stern‘ (stella nova) […] nur knapp zehn Grad von der Stelle entfernt, wo im Jahr zuvor die große Konjunktion stattgefunden hatte […] Diese nova stella6 hatte die Helligkeit eines Sternes erster Größe, die nur allmählich abnahm, bis der Stern Ende Oktober 1605, nach über einem Jahr, nur noch schwach zu sehen war und im März 1606 schließlich den Augen ganz entschwand.
Kepler war geneigt, beide Phänomene in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen, und meinte fälschlich, der ,neue Stern‘, den wir heute eine Supernova nennen, sei gleichsam durch jene scheinbare Begegnung der beiden Planeten verursacht worden, was aufgrund der astronomischen Gegebenheiten natürlich unmöglich war. Wir wissen heute, daß eine Supernova durch eine plötzliche, gewaltige Lichtemission eines weit von unserem Sonnensystem (der Sonne und den Planeten) entfernten Fixsternes hervorgerufen wird. Ist die scheinbare Helligkeit eines solchen Sterns vor dem geballten Energieausbruch zu gering gewesen, um vom menschlichen Auge wahrgenommen zu werden, dann kann der Betrachter sehr wohl den Eindruck gewinnen, ein ,neuer‘ Stern, eine Nova (stella), sei am Himmel erschienen.
Nun schrieb bereits fünf Jahrhunderte vor Kepler der bedeutendste rabbinische Gelehrte des Mittelalters, Maimonides (1135–1204), der ,wahre‘ Messias werde erscheinen, wenn eine Konjunktion von Jupiter und Saturn im Zeichen der Fische eintreten würde.“ [Hervorh. d. O., kursiv]
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 25–28
Papke schreibt weiter:
„Im Jahre 1605 erschien ein Traktat des polnischen Astronomen Laurentius Suslyga, in dem dieser nachzuweisen versuchte, daß der Beginn der christlichen Ära vier Jahre früher anzusetzen sei. Kepler schloss sich dieser Meinung an. Als er zurückrechnete, fand er, dass im Jahre 7 v.Chr. Jupiter und Saturn sich im Laufe eines halben Jahres dreimal im Sternbild Fische begegneten und im Jahre 6 v.Chr. Mars die beiden Planten überholte. Er zog analog daraus den Schluß, daß kurz danach ein ,neuer Stern‘ erschienen sei, der die Magier veranlaßt habe, nach Jerusalem zu ziehen, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen.
Diese Verknüpfung einer Planetenkonjunktion mit dem Ausbruch einer Supernova war, wie wir oben schon festgestellt haben, aus astrophysikalischen Gründen unhaltbar.
Umso eifriger haben moderne Gelehrte die große Konjunktion des Jahres 7 v. Chr. aufgegriffen und die dreifache Begegnung von Jupiter und Saturn in den Fischen am 27. Mai, 6. Oktober und 1. Dezember selbst für den Stern der Magier gehalten […].
Diese Deutung steht jedoch im krassen Widerspruch zum Bericht des Matthäus. Denn der Evangelist spricht viermal von einem einzigen Stern, griechisch: aster (ἀστέρ), den die Magier gesehen haben. Zu behaupten, Jupiter und Saturn könnten als ein Stern aufgefaßt worden sein, entspricht eindeutig nicht der Realität. Die beiden Planeten näherten sich einander nämlich nur bis auf etwa 1 Grad, den doppelten scheinbaren Durchmesser des Vollmondes, so daß sie mit bloßem Auge deutlich voneinander getrennt am Himmel zu sehen waren. Hätte der Evangelist diese beiden Sterne im Sinne einer ,Gestirns‘-Konstellation gemeint, dann hätte er dafür das griechische Wort astron (ἀστρον) gewählt. Es kann also aus astronomischem und philologischem Grund der eine Stern der Magier unmöglich jene große Konjunktion zweier Sterne (Planeten) im Jahre 7 v. Chr. gewesen sein. Außerdem unterschieden die Alten damals genau zwischen Fixsternen (asteres) und Planeten (planetes). Matthäus hätte deshalb planes (Singular) oder planetes (Plural) geschrieben, wenn es beim Stern von Bethlehem um einen Planeten oder eine Planeten-Konjunktion gegangen wäre.“ [Hervorh. d. O., kursiv]
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 29
Bryant Tuckerman (1915–2002) gibt in seinem Werk „Planetary, lunar and solar Positions 601 B.C. to A.D. 1” die Positionen der Planeten im Abstand von fünf bzw. zehn Tagen an. Die Historiker kennen kein Jahr 0, die Astronomen dagegen schon.7 Das Jahr 7 v. Chr. entspricht dem Jahr „-6“ der Astronomen.
Tuckerman führt für Saturn und Jupiter für die Zeitpunkte der Konjunktionen folgende Daten an:8
SATURN
JUPITER
LONG.
LAT.
LONG.
LAT.
Zeitraum
350,56
-2,31
350,36
-1,32
24.05.-6–29.05.-6
351,19
-2,35
351,75
-1,36
03.06.-6–08.06.-6
347,30
-2,73
347,49
-1,75
01.10.-6–06.10.-6
346,62
-2,71
346,38
-1,72
11.10.-6–16.10.-6
345,38
-2,53
345,33
-1,48
30.11.-6–05.12.-6
Zum Zeitpunkt der Konjunktionen verfügten die Planeten zwar etwa über dieselbe geographische Länge (LONG.), in der geographischen Breite (LAT.) bestand aber der bereits angesprochene Unterschied von einem Grad. Johann Schaumberger (1885–1955) schreibt bereits 1935 in einem Ergänzungsheft zu Kuglers „Sterndienst von Babel“ über die Konjunktionen des Jahres 7 v. Chr.:
„In einem zweiten Aufsatz […] zeigte ich […] daß den babylonischen Astronomen natürlich auch die gleichartigen Konjunktionen der Jahre 126 und 66 v. Chr. wohlbekannt waren. Ich mußte aber auch darauf hinweisen, daß die babylonischen Texte keinen Anhalt dafür bieten, daß man an solche Phänomene Erwartungen von der Art knüpfte, wie die Weisen im Evangelium sie beim Erscheinen ihres Sternes hegten; ferner, daß eine Planetenkonjunktion nicht dem gerecht wird, was das Evangelium, namentlich Matth 2, 9, vom Stern der Weisen berichtet.
Wir sind darum nicht berechtigt, den Stern der Weisen mit der Planetenkonjunktion des Jahres 7 v. Chr. (= –6) zu identifizieren.“
Kugler, Sterndienst in Babel III, S. 368
Trotz dieser bekannten Fakten wird heute die Konjunktion von Saturn und Jupiter meist als Stern von Bethlehem angesehen. Papke schreibt dazu weiter:
„Die Verfechter der populären Planeten-Konjunktions-Hypothese scheinen jedoch einige triftige Gründe anzuführen, die beweisen sollen, daß die Magier gerade aufgrund der Begegnung von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische schließen mußten, ein neuer König sei im Lande der Juden geboren worden.
Dabei wird angenommen, die Magier seien babylonische Sternkundige gewesen. In Babylonien habe aber der Planet Jupiter seit alter Zeit als ,Königs‘-Stern gegolten. Saturn dagegen sei in der Astrologie zur Zeitwende als Planet Israels aufgefaßt worden, und das Sternbild der Fische habe man damals dem jüdischen Land zugeordnet.“ [Hervorh. d. O., kursiv] Papke, Das Zeichen des Messias, S. 31
„So oder ähnlich können wir es in fast allen Kommentaren zum Stern von Bethlehem lesen. Kaum jemand wagt die ,wissenschaftlichen‘ Erkenntnisse anzuzweifeln. Schon deshalb nicht, weil die Wissenschaft mit einer kleinen Sensation aufwarten kann; denn im Jahre 1925 veröffentlichte der Assyriologe Paul Schnabel im 36. Band der ,Zeitschrift für Assyriologie‘ [Hervorh. d. O., kursiv] spätbabylonische Keilschrifttafeln des Vorderasiatischen Museums Berlin, die aus Borsippa südlich von Babylon am unteren Euphrat (nicht, wie Schnabel noch meinte, aus Sippur) stammen. Darunter befindet sich auch ein Keilschrifttext, in dem über fünf Monate hinweg die Positionen von Jupiter und Saturn am Fixsternhimmel im Jahre 7 v. Chr. vorausberechnet sind. Inzwischen sind drei weitere Tontafelfragmente mit denselben Berechnungen (Ephemeriden) für dieses Jahr vorhanden […] Die Texte erwähnen jedoch die drei Konjunktionen von Jupiter und Saturn mit keinem Wort. Es ist nicht einmal sicher, ob die babylonischen Astronomen die dreifache Konjunktion überhaupt bemerkt haben.
Ganz sicher aber haben diese Männer die dreifache Planetenkonjunktion nicht [Hervorh. d. O., kursiv] mit der Geburt des Erlösers in Verbindung gebracht. Der Planet Jupiter ist seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. als Stern Nimrods, eines frühen Königs von Babylon, bezeugt und wird als solcher auch im akkadischen Gilgamesch-Epos erwähnt.“
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 31 f.
Papke bestreitet ferner, dass Saturn einen Bezug zu Israel hatte. Er galt als Stern des Kusch9. Auch das Sternbild der Fische wurde nicht mit dem jüdischen Volk in Verbindung gebracht, sondern mit dem südlichen Zweistromland und dem Persischen Golf10. Aufgrund dieser Fakten ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Konjunktion von Jupiter und Saturn mit dem Stern von Bethlehem identisch ist. Für die Planeten-Konjunktions-These spricht zwar die von Papke angeführte Aussage des rabbinischen Gelehrten Maimonides (1135–1204), dass der „wahre“ Messias erscheinen werde, wenn eine Konjunktion von Jupiter und Saturn im Zeichen der Fische eintreten würde. Aber warum hätte gerade ein jüdischer Rabbiner das Geheimnis des Sternes von Bethlehem lüften sollen? Schließlich erkannten die jüdischen Rabbiner zur Zeit der Geburt Jesu dieses Zeichen offensichtlich nicht.
Die Supernova-These geht davon aus, dass der Stern von Bethlehem eine Nova bzw. Supernova war. Das bedeutet das plötzliche Aufleuchten eines Sternes an einer Stelle des Himmels, wo vorher kein oder nur ein sehr lichtschwacher Stern wahrgenommen wurde. Novae hat es im Laufe der Jahrhunderte viele gegeben, ohne dass man darin das Zeichen der Geburt des Messias sah. Papke geht deshalb davon aus, dass die Nova an einer ganz bestimmten Stelle des Himmels erwartet wurde, nämlich in den ersten zehn Graden des Sternbilds „Jungfrau“. Die Sonne wandert in einem Jahr durch die zwölf Tierkreiszeichen bis sie wieder an ihrem Ausgangspunkt ankommt. Der Weg der Sonne umfasst 360 Grad. Das Sternbild „Jungfrau“ erstreckt sich ungefähr über 30 Grad. Die ersten zehn Grade des Sternbilds entsprechen also dem ersten Drittel. Papke schreibt dazu:
„So schreibt der arabische Astronom Abu Ma ´shar (um 790–886 n. Chr.):
,Im ersten Dekan (in den ersten zehn Graden) des Zeichens der Jungfrau gehtnach den ältesten Überlieferungen der Perser, Chaldäer, Ägypter, des Hermes und des Äskulap ein Mädchen auf, […] eine keusche, reine, unbefleckte Jungfrau […] sie sitzt auf einem Thron und säugt einen jungen Knaben, der einen hebräischen Namen hat und den einige Nationen Jesus nennen und der im Griechischen Christos (im Hebräischen: Messias) heißt.‘
Wenn wir eine moderne Sternkarte betrachten, werden wir an dieser Stelle des Himmels zwischen dem Löwen und Bootes jedoch statt einer ,reinen Jungfrau‘, die einen ,jungen Knaben‘ nährt, das ,Haar der Berenike‘ (Coma Berenices) eingezeichnet finden …"
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 53 f.
Nach Papke liegt das Sternbild Coma Berenices zwischen Bootes und Löwe unterhalb des Großen Bären. Es wurde 246 v. Chr. von dem Astronomen Konon von Samos eingeführt und steht an der Stelle der ursprünglichen Jungfrau.11 Papke geht davon aus, dass die Supernova direkt im Schoße dieser Jungfrau erschien. Aus meiner Sicht spricht für die Supernova-These, dass alle anderen Lösungsansätze vorausberechenbare astronomische Ereignisse sind, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholen. Es ist nur schwer nachvollziehbar, warum gerade bei der Geburt Jesu ein solches Ereignis den Weg zum Messias wies. Die Supernova-These beschreibt ein einmaliges Ereignis, das nicht vorausberechnet werden kann. Ich halte deshalb diese These für die wahrscheinlichste. Kurz nachdem ich Papkes Buch gelesen hatte, wurde ich auf folgendes Zitat eines Schriftstellers aus der Antike aufmerksam:
„Im Lande der Troglodyten und im benachbarten Ägypten sieht man den Großen Bären nicht, hingegen in Italien nicht den Canopus und die sogenannte ,Locke der Berenike‘ wie auch einen anderen Stern, der unter dem göttlichen Augustus den Namen ,Thron des Kaisers‘ erhielt, Sternbilder, die doch in jenen Ländern sichtbar sind.“
Plinius, Naturalis historiae II 178
Der Verfasser dieser Zeilen ist als Plinius der Ältere bekannt. Er wurde im Jahr 23 oder 24 n. Chr. geboren und kam während des Ausbruchs des Vesuvs am 24. August 79 n. Chr. ums Leben. Er erwähnt hier einen Stern, der unter dem Kaiser Augustus den Namen „Thron des Kaisers“ erhielt. Er nennt diesen Stern in einem Atemzug mit dem Sternbild „Locke der Berenike“, womit ohne Zweifel das Sternbild Coma Berenices gemeint ist. Die Glaubwürdigkeit dieser Aussage wird allerdings dadurch in Frage gestellt, dass dieses Sternbild auch in Italien sichtbar ist. Nach dem Atlas der Sternbilder von Slawik und Reichert ist es von 90° nördlicher Breite bis 57° südlicher Breite vollständig sichtbar12, also auf der ganzen nördlichen Erdhalbkugel. Plinius will mit dieser Geschichte die Kugelgestalt der Erde nachweisen. Er wusste vermutlich nicht, welches Sternbild in Ägypten als „Coma Berenices“ bezeichnet wird. Er hat die Geschichte sicherlich nicht erfunden. Es könnte hier um ein ganz konkretes Ereignis gehen, wie das Erscheinen einer Supernova. In Ägypten konnte man es sehen, in Italien nicht. Vielleicht war die Beobachtung in Italien witterungsbedingt nicht möglich oder es wurde einfach nicht beachtet. Bestätigt diese Aussage die These Papkes, dass es sich bei dem Stern von Bethlehem um eine Supernova im Sternbild Coma Berenices handelte? Aber wird die Supernova-These dem gerecht, was die Bibel über den Stern von Bethlehem schildert?
Der Bericht des Matthäus wirft eine sehr wichtige Frage auf. Es ist die Frage, wie es möglich war, dass der Stern von Bethlehem den Weisen vorausgehen konnte. Bethlehem befindet sich südlich von Jerusalem. Fixsterne, Planeten und auch Novae bewegen sich aber analog der Sonne von Osten nach Westen. Fritz Henning Baader (*1929) sieht darin einen Beweis, dass der Stern von Bethlehem ein Komet gewesen sein muss. Er schreibt:
„Der als ,SEIN Stern‘ beschriebene Stern war also weder ein Fixstern noch ein Planet. Es muss ein Komet gewesen sein, da ein solcher Himmelskörper als einziger eine Nord-Süd-Bahn durchlaufen und kurzfristig zum Stillstand kommen kann, wie dies in Matth.2,9 berichtet wird.“
Baader, Chronologie der Bibel, S. 551
Papke versteht die Aussage von Matthäus 2,9 so, dass der Stern ihnen nicht vorausging, sondern sie „geleitete“13, der Stern bewegte sich von Osten nach Westen, während die Weisen Richtung Süden unterwegs waren. Gegen die Meinung Papkes lässt sich einwenden, dass der griechische Begriff „προάγω“ (proago), den Matthäus an dieser Stelle verwendet, durchaus „vorausgehen“ bedeutet. So ist beispielsweise in Mt 21,9 und Mk 11,9 von vorausgehenden und nachfolgenden Mengen die Rede. Der Begriff bedeutet an einigen Bibelstellen allerdings vorausgehen zu einem Treffpunkt. So wollte der auferstandene Jesus seinen Jüngern nach Galiläa vorausgehen, wo sie ihn sehen sollten (Mt 26,32; Mt 28,7; Mk 14,28; Mk 16,7) und die Jünger Jesu sollten mit dem Schiff an das jenseitige Ufer vorausfahren (Mt 14,22; Mk 6,45). Der Treffpunkt konnte sicherlich über einen ganz unterschiedlichen Weg erreicht werden. Dies wird auch durch Walter Bauer bestätigt. Sein „Griechisch-deutsches Wörterbuch“ gibt an, dass der Begriff vorangehen bedeuten kann, aber auch einfach früher gehen oder zuvorkommen.14
Auch bei den letzten Beispielen könnte proago allerdings durchaus den Gedanken der Wegweisung enthalten. Das Wort proago setzt sich aus den Begriffen pro, was „vor“ bedeutet und ago, was den Sinn von „führen“ besitzt, zusammen. Wörtlich übersetzt besitzt proago die Bedeutung von „führen durch Vorausgehen“ beziehungsweise noch allgemeiner „führen, indem man sich auf irgendeine Art und Weise vorausbegibt“. Die Wegweisung besteht in diesen Fällen nicht darin, dass der Führer einige Schritte vorausgeht, sondern dass er sich zuerst zum Ziel begibt und so die später Kommenden den Treffpunkt finden können, weil sie den Vorausgegangenen schon von ferne sehen. Auf den Stern von Bethlehem bezogen könnte der Begriff proago bedeuten, dass der Stern sich von Osten nach Westen zu dem Ort bewegte, wo das Kind war. Der Stern erreichte diesen Ort kurz bevor die Weisen dort eintrafen, die aus nördlicher Richtung kamen. Er wurde so zum Wegweiser für die Weisen. Es ist deshalb nicht notwendig, dass der Stern sich in Nord-Süd-Richtung bewegte und die Weisen dem Stern im Gänsemarsch folgten.
Gegen diese Interpretation scheint zu sprechen, dass in Matthäus 2,9 proago in der Imperfektform verwendet wird. Diese griechische Zeitform wird bei anhaltenden und sich wiederholenden Vorgängen angewendet und scheint auszusagen, dass der Stern die Weisen längere Zeit führte. Manche Bibelausleger nehmen aufgrund der verwendeten Zeitform sogar an, dass der Stern sie von ihrer Heimat bis zum Kind führte. Dieses Argument lässt sich meines Erachtens mit dem angeführten Beispiel von den Jüngern entkräften, die an das jenseitige Ufer vorausfahren sollten. In Matthäus 14,22 und Markus 6,45 wird im Grundtext die Zeitform des Präsens verwendet, die ebenfalls bei anhaltenden und sich wiederholenden Vorgängen gebraucht wird. Jesus ging nicht die ganze Zeit hinter dem Boot her. Lediglich das Vorausfahren zum andern Ufer war ein länger anhaltender Vorgang. Sollte bei diesem Beispiel überhaupt der Gedanke der Wegweisung enthalten sein, dann bezieht sich dies nicht auf den ganzen Vorgang. Erst nachdem seine Jünger das jenseitige Ufer erreicht hatten, wusste Jesus, an welcher Stelle er sie finden konnte. Es ist deshalb nicht notwendig, dass der Stern die Weisen permanent führte, sondern er zog konstant seine Bahn am Himmel bis er kurz vor den Weisen die Stelle erreichte, wo das Kind war. Die Wegweisung kann sich auf den letzten Augenblick beziehen, wenn sie in diesem Fall überhaupt durch den Begriff proago ausgedrückt wird.
Der Bibeltext sagt, der Stern „ging vor ihnen her, bis er kam und oben über der Stelle stand, wo das Kind war“ (Mt 2,9). Das könnte so gemeint sein, dass der Stern über der Stelle stehen blieb, wo sich das Kind aufhielt. Der Text wird meist so verstanden. Die Vertreter der Planeten-Konjunktions-These sehen in dem Stillstand des Sternes über dem Haus einen Beleg für einen Planeten. Papke entgegnet ihrer Argumentation:
„Die Verfechter der Planeten-These berufen sich jedoch darauf, daß der Stern vor den Magiern hergegangen sei, ,bis er gerade über (dem Haus) stand, [Hervorh. d. O., kursiv] wo das Kindlein war‘. Dies könne, so argumentieren sie, nur von dem Stillstand eines Planeten [Hervorh. d. O., kursiv] gesagt werden. Nun ziehen aber Jupiter und Saturn am Himmel so langsam, daß man ihre Ortsveränderung (relativ zu den Fixsternen) erst nach Tagen – wenn überhaupt – wahrnimmt. Die Magier vermochten also in jener Nacht, in der sie von Jerusalem nach dem rund acht Kilometer entfernten Bethlehem zogen, den genauen Zeitpunkt des Stillstands eines [Hervorh. d. O., kursiv] (!) der beiden Planeten (Jupiter und Saturn hatten nicht gleichzeitig den Stillstand) gar nicht festzustellen. Wie also sollen die Magier aufgrund des Stillstands von Jupiter oder Saturn relativ zu den Fixsternen in jener Nacht das Haus in Bethlehem gefunden haben, in dem Maria und Joseph mit dem Knaben Jesus waren? Beide Planeten bewegten sich ja unaufhörlich von Ost nach West am Himmel weiter. Der mit bloßem Auge nicht wahrnehmbare genaue Stillstand eines der beiden Planeten bedeutete ja nicht, daß der Planet nun aufhörte, mit den Fixsternen weiter nach Westen zu wandern, er blieb nicht an einem bestimmten Punkt der Himmelshalbkugel über dem Horizont stehen!“
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 29–31
„Im Evangelium ist jedoch nicht von einem ,Stillstand‘ des Sterns die Rede. Das griechische Wort stenai (στῆναι), das Matthäus hier gebraucht, bezeichnet allgemein das ,Stehen‘ oder den ,Stand‘ eines Himmelskörpers über einem bestimmten Ort. So berichtet der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius (37/38–ca. 100 n. Chr.) in seiner ,Geschichte des Jüdischen Krieges‘ sogar von einem Kometen, der ,über der Stadt stand […]‘ (Bellum Iudaicum VI 5,3). Gemäß dem Bericht des Matthäus ,stand‘ der Messiasstern über dem Haus, in dem das ,Kindlein‘ Jesus war. Der Stern befand sich also senkrecht über dem Haus im Zenit von Bethlehem, was für einen Planeten völlig ausgeschlossen ist.“ [Hervorh. d. O., kursiv]
Papke, Das Zeichen des Messias, S. 31
Der Bibeltext sagt also gar nicht unbedingt aus, dass der Stern über dem Haus stehenblieb. Papke geht davon aus, dass der Stern lediglich zum Zeitpunkt der Ankunft der Weisen am Haus im Zenit stand. Die Interpretation, dass der Stern über dem Haus stehen blieb, resultiert aus der Vorstellung, dass die Weisen dem Stern im Gänsemarsch folgten, was aber der Bibeltext ebenfalls nicht zwingend aussagt.
Der Bibeltext sagt, dass der Stern stand, wo das Kind war. Damit könnte auch Bethlehem oder das Gebiet gemeint sein. Vom Textzusammenhang wird damit aber das Haus gemeint sein, weil davon im übernächsten Vers die Rede ist. Der Bibeltext scheint gegen die These Papkes zu sprechen, da eine Nova in großer Höhe nicht über einem Haus stehen kann, sondern über allen Häusern in der Gegend. Bei einem Stern in 50 Meter Höhe könnte man feststellen, dass er nur über dem einen Haus steht. Bei einem Stern in 500 Meter Höhe wird es schon schwieriger, aber bei einer Supernova in einer sehr großen Höhe ist es nicht möglich. Es ist nicht feststellbar, ob sie mehr im Zenit des einen Hauses steht als im Nachbarhaus, weil der Unterschied so gering ist, dass er nicht wahrnehmbar ist. Zudem bewegt sich der Stern weiter und nach zehn Sekunden ergäbe sich bereits ein anderes Ergebnis. Allerdings sagt der Bibeltext nicht unbedingt aus, dass der Stern nur über diesem einen Haus stand. Aus der Aussage der Bibel, dass der Stern dort stand, wo das Kind war, könnte man den Umkehrschluss ziehen, dass er nur an dieser Stelle und nicht über den anderen Häusern stand. Gegenüber solchen Umkehrschlüssen wurde ich die letzten Jahre immer skeptischer, weil es etliche Beispiele in der Bibel gibt, die zeigen, dass solche Schlussfolgerungen zu einem falschen Ergebnis führen können. Kann man aus der Aussage Jesu „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20) schließen, dass er nach der Vollendung des Zeitalters nicht mehr bei uns ist? Diese Schlussfolgerung wäre völlig falsch. Jesus spricht hier nur über die Zeit bis zur Vollendung des Zeitalters. Ein Umkehrschluss über die Zeit danach ist nicht möglich, weil er über diese Zeit an dieser Stelle gar keine Aussage macht. Ein weiteres Beispiel findet sich in Epheser 1,13. Dort lesen wir „In ihm seid auch ihr, als ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils, gehört habt und gläubig geworden seid, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung.“ Kann man aus der Verwendung des Begriffes „ihr“ den Umkehrschluss ziehen, dass Paulus als Verfasser nicht mit dem Heiligen Geist versiegelt wurde, als er gläubig wurde? Natürlich nicht. Paulus spricht hier direkt die Empfänger des Briefes an. Er spricht nicht von sich und den anderen Christen. Ein Umkehrschluss auf Paulus und die anderen Christen führt zu einem falschen Ergebnis. In unserem Bibeltext spricht die Bibel von dem Stern, den Weisen und dem Haus, wo das Kind war. Die Bibel spricht hier nicht über die anderen Häuser. Sie sagt weder, dass der Stern auch über den anderen Häusern stand, noch dass er nicht über den anderen Häusern stand. Der Bibeltext spricht nur über das Haus mit dem Kind. Ein Umkehrschluss über die anderen Häuser ist eine zweifelhafte Angelegenheit. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass die Aussagen der Bibel häufig Augenzeugenberichte sind und keine naturwissenschaftlichen Abhandlungen. Eine Person, die am Watzmann einen schönen Sonnenaufgang erlebt, kann keine Aussage über den Sonnenaufgang auf der Zugspitze vornehmen. Die Weisen wussten vermutlich, dass die Supernova über allen Häusern in Bethlehem stand, aber als Augenzeugen konnten sie nur eine Aussage über das Haus mit dem Kind machen, da sie sich bei diesem Haus befanden und nicht bei den anderen Häusern. Über die anderen Häuser konnten oder wollten sie keine Angabe vornehmen, weil sie sich nur für das Haus mit dem Kind interessierten. Der Bibeltext kann deshalb auch so gemeint sein, dass der Stern während der Ankunft der Weisen über der Region stand und damit natürlich auch über der Stelle, an der sich das Kind befand. Aber wenn das so gemeint sein sollte, dann führt das unmittelbar zur nächsten Frage.
Wenn die Weisen nicht feststellen konnten, ob der Stern senkrechter über dem einen Haus als über dem Nachbarhaus stand, dann stellt sich die Frage, wie die Weisen das Haus finden konnten. Wenn der Stern über allen Häusern in Bethlehem stand: Wie sollen die Weisen das Kind gefunden haben? Wenn ich Papke richtig verstehe, dann erkannten die Weisen das Haus mit dem Kind daran, dass sie gerade dort ankamen, als der Stern im Zenit von Bethlehem stand und wenige Augenblicke später durch die aufgehende Sonne verblasste.15 Versuchen wir, die Situation aus dem Blickwinkel der Weisen zu betrachten. Sie erreichen das Haus mit dem Kind, als der Stern gerade im Zenit von Bethlehem steht. Sie befinden sich auf ihrem Weg eben vor diesem Haus und nicht vor den anderen Häusern, als der Stern sich über ihnen befindet. Vielleicht ist es das erste Haus oder eines der ersten Häuser aus ihrer Richtung. Der Stern befindet sich nur kurze Zeit im Zenit von Bethlehem. Die Umlaufbahn eines Sternes ist eine komplizierte Angelegenheit. Etwas vereinfacht dargestellt kann man sagen, dass der Stern in vier Minuten ungefähr ein Grad zurücklegt, da er sich in knapp 24 Stunden um die Erde bewegt, also 360° weit.
Unklar ist allerdings, wie die Weisen feststellen konnten, dass der Stern genau senkrecht über ihnen stand. Wir wissen nicht wie präzise die Weisen den Zenit ermitteln konnten. Im Zenit stand der Stern als er sich in einem Winkel von 90° über ihnen befand. Vielleicht konnten sie abschätzen, dass sich der Stern in einem Winkel von 88° bis 92° über ihnen befand. In diesem Winkel stand der Stern etwa 16 Minuten lang über Bethlehem. Dies entspricht ungefähr einer Toleranz von Plusminus vier Vollmonddurchmessern. Vielleicht konnten sie den Zenit sogar mit einer Toleranz von Plusminus einem halben Vollmonddurchmesser oder noch präziser ermitteln. In diesem Winkel befand sich der Stern nur etwa zwei Minuten lang über Bethlehem oder eben noch kürzer. Um den Ortskern von Bethlehem befanden sich vermutlich Gehöfte. Dies geht daraus hervor, dass Herodes die kleinen Jungen von Bethlehem und seinem ganzen Gebiet (Mt 2,16) ermorden ließ. Vielleicht befand sich das Jesuskind in so einem Gehöft, an dem die Weisen auf ihrem Weg zum Ortskern von Bethlehem vorbeikamen. Sie werden bemerkt haben, dass der Stern in diesem Augenblick im Zenit von Bethlehem stand, als sie an diesem Haus vorbeikamen. Wenn sie den Zenit präziser ermitteln konnten als wir uns das vorstellen können, dann hätten sie unter Umständen noch nicht einmal das nächste Haus erreichen können, das möglicherweise 300 Meter entfernt war, solange der Stern sich noch im Zenit der Gegend befand. Vielleicht konnten sie den Zenit gar nicht so präzise ermitteln und der Stern befand sich für 15 Minuten oder länger über ihnen. An dieser Stelle kann man einwenden, dass es kein besonderes Zeichen für sie sein konnte, da sich die Supernova im Zenit aller Häuser der Gegend befand. Das ist zwar richtig, aber die Weisen werden es nicht als Zufall betrachtet haben, dass sich der Stern in dem Augenblick über ihnen befand, als sie gerade bei diesem Haus vorbeizogen. In Laufe dieser Nacht stand nur ein winziger Teil der Sterne im Zenit von Bethlehem. Dass die Supernova sich überhaupt im Zenit der Region befand, wird in ihren Augen schon erstaunlich gewesen sein. Als noch erstaunlicher werden sie empfunden haben, dass sie genau in der Zeit im Zenit stand, als sie das Gebiet Bethlehems erreichten und an diesem Haus vorbeikamen. Als dann wenige Augenblicke später auch noch der Stern durch die aufgehende Sonne verschwand, werden sie gemerkt haben, dass der Stern ihnen zum Kind vorausgegangen ist.
Diese Version stellt sicherlich nur eine Variante dar, die meines Erachtens mit dem Bibeltext vereinbar und auch astronomisch nicht unmöglich ist. Manche Gelehrte gehen davon aus, dass es sich bei dem Stern von Bethlehem um ein Licht oder einen Himmelskörper handelte, der sich in geringer Höhe vor den Weisen herbewegte, bis er über dem Haus mit dem Jesuskind stehenblieb. Auch diese Variante ist möglich, allerdings ist für mich zweifelhaft, ob ein derartiger Himmelskörper von den sternkundigen Weisen als Stern bezeichnet worden wäre, da er sich völlig anders bewegt hätte als jeder andere Stern. Zudem spricht das Pliniuszitat für die Version Papkes, weshalb ich seine Variante für wahrscheinlicher halte.
Bei dem Stern von Bethlehem handelte es sich wahrscheinlich nicht um einen Kometen, da Kometen als Unheilbringer angesehen wurden und ein Komet auch in Jerusalem bemerkt worden wäre. Dagegen fiel der Stern von Bethlehem in Jerusalem nicht auf. Bei dem Stern von Bethlehem kann es sich nicht um die Konjunktionen von Saturn und Jupiter vom Jahr 7 v. Chr. gehandelt haben, weil die Planeten zwei Vollmonddurchmesser voneinander entfernt waren. Im Gegensatz dazu spricht das Matthäusevangelium von einem Stern. Werner Papke vertritt die Ansicht, dass es sich um eine Supernova im Sternbild Coma Berenices handelte. Meiner Meinung nach wird die These Papkes durch eine Aussage des Plinius bestätigt. Er erwähnt das Sternbild „Locke der Berenike “ im unmittelbaren Textzusammenhang mit einem Stern, der in der Zeit des Augustus den Namen „Thron des Kaisers“ erhielt.
4 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 23
5 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 24
6nova stella oder stalle nova: neuer Stern
7 Mucke & Meeus, Canon der Sonnenfinsternisse -2003 bis +2526, S. XXXI
8 Tuckerman, Planetary, lunar and solar Positions 601 B.C. to A.D. 1, S. 330
9 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 32
10 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 35 f.; 38
11 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 54
12 Slawik/Reichert, Atlas der Sternbilder, S. 80 f.
13 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 79 f.
14 Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch, S. 1406
15 Papke, Das Zeichen des Messias, S. 80; S. 116
Es ist noch nicht geklärt, welche Verbindung zwischen dem von Plinius als „Thron des Kaisers“ bezeichneten Stern mit dem Stern von Bethlehem bestehen könnte. Wir wollen in den folgenden Kapiteln dieser Frage nachgehen und uns dazu zunächst mit dem Aufstieg des Augustus zum ersten Kaiser des römischen Imperiums befassen.
Der spätere Augustus wurde als Octavian am 23. September 63 v. Chr. geboren.16 Am 15. März 44 v. Chr. wurde Julius Caesar ermordet. Octavian war der Enkel der Schwester Caesars. Julius Caesar adoptierte Octavian in seinem Testament. Nach römischer Sitte nahm er den Namen seines Adoptivvaters Caesar an und nannte sich nun Gaius Julius Caesar an Stelle von Gaius Octavius17.
„Mit der Übernahme der Erbschaft erwuchsen aber dem Octavian nicht bloß materielle, sondern auch moralische Verpflichtungen, darunter in erster Linie die Aufgabe, Rache zu nehmen an Caesars Mördern.“
Kienast, Augustus, S. 9
Im Jahr 43 v. Chr. kämpfte Caesar (Octavian) im Auftrag des Senats zusammen mit den damaligen Konsuln Hirtius und Pansa gegen Marcus Antonius. Nachdem beide Konsuln in diesem Krieg gefallen waren, zog er mit seinem Heer nach Rom und erzwang seine Erhebung zum Konsul am 19. August 43 v. Chr. Am 27. November 43 v. Chr. wurde ein Triumvirat18 zwischen Lepidus, Marcus Antonius und Caesar (Octavian) geschlossen. Gegen Ende des Jahres 42 v. Chr. besiegten Marcus Antonius und Caesar (Octavian) die Caesarmörder Cassius und Brutus. Nach dem Sieg teilten die beiden das Reich untereinander auf.
Am 2. September 31 v. Chr. besiegte Caesar (Octavian) Marcus Antonius und Kleopatra im Kampf um die Alleinherrschaft in der Schlacht von Actium. Am 1. August 30 v. Chr. eroberte er Alexandria, was mit dem jeweiligen Selbstmord des Marcus Antonius und der Kleopatra endete.
Am 13. Januar 27 v. Chr. verlas Caesar (Octavian) im Senat eine Erklärung. Er führte aus, dass er dem Senat seine ganze Macht zurückgebe. Der Senat war damit nicht einverstanden und bat Caesar (Octavian) um eine monarchische Regierung. Er brachte Octavian schließlich dazu, die Herrschaft anzunehmen. Das soll ohnehin seine wahre Absicht gewesen sein19. Daraufhin wurde Octavian die Bürgerkrone verliehen sowie ein goldener Schild. Darauf waren seine Tugenden verzeichnet, nämlich virtus (Tapferkeit), clementia (Milde), iustitia (Gerechtigkeit) und pietas (Frömmigkeit). Ferner durfte er die Pfosten seines Hauses mit Lorbeer umranken. Am 16. Januar 27 v. Chr. wurde Caesar (Octavian) der Name Augustus verliehen, der ihm nach Aussage von Cassius Dio über das normale Menschenmaß hinaushob, weil die kostbarsten und heiligsten Gegenstände allesamt mit „augusta“ bezeichnet20 wurden.
Die friedlichen Provinzen wurden dem Senat unterstellt und die anderen Provinzen dem Augustus. Er übernahm die Leitung seiner Provinzen für zehn Jahre und versprach, diese nach Herstellung des Friedens dem Senat zurückzugeben21. Von diesem Zeitpunkt an bestand die Monarchie des Augustus, wobei offiziell durch die Rückgabe der Macht an den Senat die Republik als wiederhergestellt galt. Die Römer hatten einige Jahrhunderte vorher die Könige vertrieben und geschworen, dass sie sich nie mehr einem König unterstellen würden. Die Monarchie des Augustus durfte deshalb kein Königtum sein. Seine Macht basierte auf mehreren republikanischen Ämtern. In den Zeiten der Republik wurden diese Ämter unterschiedlichen Personen in der Regel für ein Jahr verliehen. Augustus bezeichnete sich deshalb als „princeps“, was „Erster“ bedeutet. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass er im Senat der „Erste“ unter „Gleichen“ war.
In den ersten Jahren ließ sich Augustus jährlich zum Konsul wählen. Er war in den Jahren 31–23 v. Chr. jedes Jahr Konsul. Mitte des Jahres 23 v. Chr. wurde ihm die Amtsgewalt eines Volkstribunen übertragen. Da diese Vollmachten noch etwas erweitert wurden, benötigte er das Konsulat von diesem Zeitpunkt an nicht mehr.
Die Macht des Augustus basierte auf der Verfügungsgewalt über die Heere der kaiserlichen Provinzen (imperium proconsulare) und der Amtsgewalt eines Volkstribunen (tribunicia potestas). Während er sich die Verfügungsgewalt über die Provinzen zeit seines Lebens immer nur befristet übertragen ließ, wurde ihm die Amtsgewalt der Volkstribunen auf Lebenszeit verliehen.
Nach dem Tod des bisherigen „pontifex maximus“ (obersten Priesters) Lepidus, wurde Augustus am 6. März 12 v. Chr.22 von der Bevölkerung zum pontifex maximus gewählt.
Am 1. Januar 5 v. Chr. wurde Augustus zum zwölften Mal Konsul, um seinen Enkel Gaius Caesar anlässlich dessen Volljährigkeit als Konsul auf das Forum zu geleiten.
Am 1. Januar 2 v. Chr. wurde Augustus zum 13. Mal Konsul, um seinen Enkel Lucius Caesar anlässlich dessen Volljährigkeit als Konsul auf das Forum zu geleiten.
Am 5. Februar 2 v. Chr. wurde Augustus der Titel „pater patriae“ (Vater des Vaterlandes) vom Senat verliehen.
Am 12. Mai 2 v. Chr. oder am 1. August 2 v. Chr. wurden der Mars-Ultor-Tempel und das Augustusforum eingeweiht.
Die Enkel des Augustus waren als seine Nachfolger vorgesehen. Nach dem frühen Tod des Lucius Caesar (20. August 2 n. Chr.) und des Gaius Caesar (21. Februar 4 n. Chr.) adoptierte Augustus am 26. Juni 4 n. Chr. den Tiberius.
Am 19. August 14 n. Chr. starb Augustus in Nola.
Das Kaisertum des Augustus wurde im Jahr 27 v. Chr. aufgerichtet und konnte mit dem Stern von Bethlehem nichts zu tun gehabt haben. Allerdings scheint das Kaisertum zunächst nur eine befristete Einrichtung gewesen zu sein. Das kann man daraus ableiten, dass sich Augustus die Verfügungsgewalt über die Heere immer nur für fünf oder zehn Jahre übertragen ließ.
16 Sueton, Kaiserbiographien, Augustus 5,1
17 Cassius Dio 45,3,2
18Triumvirat: Bündnis von drei Personen
19 Cassius Dio 53,11,4–5
20 Cassius Dio 53,16,6–8
21 Cassius Dio 53,13,1
22 Freis, Historische Inschriften, S. 3; Ovid, Fasti 3,415–420; Augustus, Res gestae 10
Im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Augustus sind die Feierlichkeiten interessant, die für das Jahr 2 v. Chr. geschildert werden. Wir wollen uns in diesem Kapitel damit beschäftigen. Hier sind die wichtigsten Ereignisse zusammengestellt:
1. Januar 2 v. Chr.
Augustus tritt sein 13. Konsulat an
5. Februar 2 v. Chr.
Verleihung des Titels
„Vater des Vaterlandes“
(
pater patriae
) an Augustus
Vmtl. Frühjahr 2 v. Chr.
Augustus geleitet seinen Enkel Lucius Caesar anlässlich dessen Volljährigkeit auf das Forum
12. Mai 2 v. Chr.
Einweihung des Mars-Ultor-Tempels und des Augustusforums
1. August 2 v. Chr.
260 Löwen
werden im Zirkus hingeschlachtet
Gladiatorenkampf, Seeschlacht
zwischen Persern und Athenern wird veranstaltet Evtl. Einweihung des Mars-Ultor-Tempels und des Augustusforums
Es wurden Münzen in großer Zahl geprägt, die die Enkel des Augustus als „principes iuventutis“ (Erste der Jugend) und als „designierte Konsuln“ bezeichnen. Augustus selbst wird auf den Münzen als „pater patriae“ (Vater des Vaterlandes) bezeichnet.
Die Bedeutung des Jahres 2 v. Chr. wird dadurch unterstrichen, dass Augustus im Jahr 2 v. Chr. erstmals die Marsspiele ausrichtete. Diese Spiele wurden später regelmäßig durchgeführt. In Neapel wurden in diesem Jahr erstmals Spiele zu Ehren des Augustus durchgeführt, die danach alle drei Jahre abgehalten wurden.
Es stellt sich folgende Frage. War es einfach ein Jahr voller Feierlichkeiten, weil die Römer gerne feierten oder weil hier das 25-jährige Jubiläum seit Bestehen des Kaisertums begangen wurde oder hatten diese Feierlichkeiten einen anderen Hintergrund?
Meine These besteht darin, dass der Hintergrund der Feierlichkeiten des Jahres 2 v. Chr. die Einrichtung des Kaisertums als eine auch über den Tod des Augustus hinaus bestehende Institution war. Wenn der Stern von Bethlehem von den Ägyptern „Thron des Kaisers“ genannt wurde, dann muss in der Zeit der Geburt Jesu der Kaiserthron des Augustus aufgerichtet worden sein. Das Kaisertum wurde zwar schon im Jahre 27 v. Chr. eingeführt, war aber zunächst zumindest offiziell nur eine befristete Einrichtung und auch auf die Person des Augustus bezogen. Augustus hatte ursprünglich versprochen, die ihm übertragenen Provinzen dem Senat zurückzugeben, sobald sie befriedet waren.
Im Jahre 2 v. Chr. wurde nach meiner Ansicht das Kaisertum als eine dauerhafte Einrichtung eingeführt. Ein früherer Termin war nicht möglich, weil Augustus den Wunsch hatte, dass sein Nachfolger direkt von ihm abstammt. Da er nur eine Tochter hatte, adoptierte er seine Enkel Gaius und Lucius im Jahr 17 v. Chr. bereits kurz nach der Geburt des Lucius. Da sie noch Kinder waren, hätten sie bei einem frühen Tod des Augustus seine Nachfolge nicht antreten können. Im Jahr 2 v. Chr. zog Lucius die Männertoga an, nachdem sein Bruder dies bereits im Jahr 5 v. Chr. getan hatte. Damit verfügte Augustus über zwei potentielle Nachfolger. Er war damit am Ziel seiner Träume. Er wurde der Begründer einer Dynastie, was meines Erachtens durch den Titel „pater patriae“ (Vater des Vaterlandes), durch die Bildsymbolik des Augustusforums und durch die Münzprägung zum Ausdruck gebracht wurde. Meiner Meinung nach wurde im Jahr 2 v. Chr. das Kaisertum als Erbmonarchie eingeführt.
Um diese These zu überprüfen, wollen wir die Feierlichkeiten des Jahres 2 v. Chr. in den nächsten Kapiteln etwas genauer unter die Lupe nehmen. Es geht dabei in erster Linie um die Frage, ob der Hintergrund der Feierlichkeiten des Jahres 2 v. Chr. die Aufrichtung der Erbmonarchie bzw. des Kaiserthrones des Augustus gewesen sein könnte.
Das erste große Ereignis im Jahr 2 v. Chr. war die Verleihung des Titels „Vater des Vaterlandes“ (pater patriae) an Augustus am 5. Februar. Wir wollen die Hintergründe dieses Titels ergründen, um herauszufinden, ob die Verleihung an Augustus meine These bestätigt, dass in diesem Jahr die Dynastie des Augustus aufgerichtet wurde.
Augustus wurde bereits vor der offiziellen Übertragung des Vater-Titels mit diesem auf Inschriften und Münzen geehrt. Augustus selbst betont die Einhelligkeit, mit der er als „Vater des Vaterlandes“ bezeichnet wurde:
„Als ich mein dreizehntes Konsulat verwaltete, gaben mir der Senat, der Ritterstand und das römische Volk einmütig den Titel ,Vater des Vaterlandes‘. Sie beschlossen, dies solle inschriftlich verzeichnet werden in der Vorhalle meines Hauses sowie in der Curia Julia und auf dem Augustusforum auf der Basis des Viergespanns, das mir dort auf Senatsbeschluß hin errichtet worden war.“
Augustus, Res gestae 35
Der genaue Termin geht aus den Fasti Praenestini hervor, die zwischen 6 und 9 n. Chr. entstanden. Dort heißt es:
„5. Febr. Der Concordia auf der Burg. Feiertag auf Grund eines Senatsbeschlusses, weil an diesem Tag Imperator Caesar Augustus, Pontifex maximus, zum 21. Mal (im Besitz der) tribunizischen Gewalt, zum 13. Mal Konsul, vom Senat und dem römischen Volk Vater des Vaterlandes genannt wurde (= 2 v. Chr.).“
Freis, Historische Inschriften, S. 3
Der 5. Februar war der Festtag der Concordia (Einheit). Man hat diesen Tag vermutlich bewusst gewählt, um die allgemeine Zustimmung des Senats und des Volkes zur Verleihung dieses Titels an Augustus auszudrücken. Andreas Alföldi (1895–1981) beleuchtet in seinem Buch „Der Vater des Vaterlandes im römischen Denken“ die Hintergründe dieses Titels ausführlich. Der Eichenkranz (corona civica) wurde Augustus bereits während des Staatsaktes im Januar 27 v. Chr. übertragen. Die Begründung für die Kranzverleihung lautete „wegen der Rettung der Bürger“(ob cives servatos). Alföldi schreibt dazu:
„Höher als alle anderen militärischen Auszeichnungen wurde in Rom der Eichenkranz geschätzt, der dem Retter eines Bürgers in einer Schlacht gebührte und darum corona civica [Hervorh. d. O., kursiv] hieß. Mag der Retter auch nur einfacher Soldat gewesen sein, gebührten ihm doch unter anderem solche Ehrungen, die sonst nur Männern in führenden Stellungen zugebilligt worden sind […] Zu der urtümlichen Zeremonie der Bekränzung des Lebensretters gehörte die Sitte, daß der Gerettete selbst den Bekränzungsakt vornahm, und damit feierlich seine Verpflichtung ihm gegenüber anerkannte […] Die Verpflichtung besteht darin, daß der Gerettete seinen servator23 [Hervorh. d. O., kursiv] lebenslang als seinen parens24 [Hervorh. d. O., kursiv] ehren und als solchen bedienen mußte, wie Polybios (VI 39, 7) ausdrücklich berichtet. […] Daß diese Verpflichtung nicht nur eine Höflichkeitsphrase war, sondern eine lästige Pflicht, bezeugt ebenfalls Polybios (VI 39, 6): denn anscheinend mußten den Geretteten oft die Offiziere aufspüren und ihn zwingen, den Bekränzungsakt vorzunehmen […] Diese Verpflichtung ist grundlegend wichtig auch für das Verständnis der bindenden Kraft des Begriffes parens (pater) patriae. [Hervorh. d. O., kursiv] Es erweist sich nämlich, daß es sich hier nicht nur um einen Ehrentitel des Monarchen handelt, sondern um die stärkste Verpflichtung der Ganzheit ihm gegenüber.“
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 49 f.
Polybios (um 200 bis um 120 v. Chr.) sagt in dem von Alföldi angeführten Zitat auch noch, dass die Geretteten ihrem Retter alles erweisen mussten, was Kinder ihren Eltern tun.25
„Augustus hatte die Ehrung ob cives servatos [wegen der Rettung der Bürger] zuerst in der Form der altrömischen Kranzverleihung angenommen und seine Retterschaft erst später durch das Ehrenprädikat pater patriae titular festlegen lassen.“ [Hervorh. d. O., kursiv]
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 75
Im Laufe der Zeit erfuhr die Errettung einen Bedeutungswandel und wurde zu einem Monopol des Herrschers. Alföldi schreibt dazu:
„Die Errettung des Vaterlandes sank so von einer befreienden Heldentat zum lobenswerten täglichen Handwerk des Politikers herunter.“
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 63
„In dem Moment, als die Retterschaft ein Privileg des Herrschers, ein Reservatrecht wurde, verließ diese Idee den altrömischen Nährboden, aus welchem sie emporgewachsen war; sie wurde ein feierliches Motiv der andächtigen Lobpreisung der übermenschlich verklärten Universalherrschaft.“
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 71
Während ältere Historiker in dem Titel „Vater des Vaterlandes“ einen reinen Ehrentitel sahen, sehen die zeitgenössischen Historiker darin einen offiziellen Bestandteil der Herrschertitulatur.
„Noch A. v. Premerstein hält mit Mommsen daran fest, dass pater patriae [Hervorh. d. O., kursiv] vom Standpunkt des öffentlichen Rechtes aus ein bloßer Ehrenname gewesen, der weiter keine rechtlichen Befugnisse verlieh. Tatsächlich ist es bei Cicero noch dies gewesen, doch nicht mehr bei Cäsar und noch weniger bei Augustus. Daß der Vatertitel seit 2 v. Chr. als cognomen26[Hervorh. d. O., kursiv] aufgefaßt wurde, bezeugt ausdrücklich Sueton. Das cognomen patris patriae [Hervorh. d. O., kursiv] erhält damit den Charakter einer Herrscherbezeichnung, eines kaiserlichen Monopols, dessen Annahme durch andere schon als Majestätsbeleidigung gegolten hätte.“
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 97
Augustus schließt seinen Tatenbericht (res gestae) mit der Verleihung des Titels „pater patriae“ ab. Zeitgenössische Historiker schließen daraus, dass die Verleihung dieses Titels den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn darstellt27. Der Althistoriker Dietmar Kienast (1925–2012) sieht in dem Ehrentitel „pater patriae“ den Schlussstein im Gebäude der neuen Monarchie des Augustus28.
Der Althistoriker Jochen Bleicken (1926–2005) sieht in der Bezeichnung „Vater” ein anderes römisches Wort für den Alleinherrscher29. Andreas Alföldi betrachtet die Retter-Konzeption als Grundstein der Herrschaft des Augustus. Die Retter-Konzeption wird besonders in dem Titel „pater patriae“ zum Ausdruck gebracht.
„Er [Augustus] hält an der Hervorhebung der Retter-Konzeption als Grundlage seines Prinzipates bis zu seinem Lebensende fest, wie er es selbst in den Res gestae [Hervorh. d. O., kursiv] bekundet (3, 1–2) […] Nicht seine Anrede als princeps, [Hervorh. d. O., kursiv] nicht seine überlegene auctoritas, [Hervorh. d. O., kursiv] durch welche man neuerdings einfach seine ganze Herrscherstellung erklären wollte, sondern seine Retterschaft ist wahrer moralischer Grundstein seiner Herrschaft.“
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 70
„Und klug hat er gewartet, bis er nach der Einführung seiner Adoptivsöhne ins öffentliche Leben endlich den Namen pater patriae [Hervorh. d. O., kursiv] annahm. Ja, die endgültige Ausgestaltung der Monarchie hat Augustus anscheinend bewußt auf die Zeit nach seinem Tode verschoben. Den Oberbefehl über die Provinzialarmeen, die eigentliche Grundlage seiner Machtstellung, hat er sich jedenfalls immer nur auf eine befristete Zeit übertragen lassen. Dadurch, daß er sich diese proconsularische Gewalt aber immer von neuem verlängern ließ, schuf er ein Exemplum30für seinen Nachfolger. Und es scheint auf seinen Wunsch zurückzugehen, daß der Senat dem Tiberius das imperium proconsulare31[Hervorh. d. O., kursiv] auf Lebenszeit übertrug.
Wenn der Prinzipat als die neue Form der Monarchie Bestand haben sollte, mußte er von einer breiten Zustimmung aller Schichten getragen sein. Niemand wußte das besser als Augustus, der sich für die Legitimierung seiner Stellung immer wieder auf den consensus universorum32[Hervorh. d. O., kursiv] berief.“
Kienast, Augustus, S. 521
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Hintergründe der Verleihung des Titels „pater patriae“ aus meiner Sicht die These bestätigen, dass im Jahr 2 v. Chr. das Kaisertum als Erbmonarchie bzw. die Dynastie des Augustus aufgerichtet wurde. Der Titel „pater patriae“ drückt aus, dass das Volk Augustus ehren und dienen musste, weil er den Bürgerkrieg beendet und damit den Staat gerettet hatte. Wie ein im Krieg Geretteter seinen Retter als Vater ehren und ihm dienen musste, musste das Volk Augustus ehren und dienen. Der Titel stellt den Schlussstein im Gebäude der neuen Monarchie des Augustus dar. Er war Bestandteil der Herrschertitulatur und sollte zum Ausdruck bringen, dass Augustus und seine Nachkommen dauerhaft über das Reich herrschen sollten.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Aussage Strabos (um 63 v. Chr. bis nach 23 n. Chr.) in seinen „Erdbeschreibungen“:
„Schwer aber ist es, ein so grosses Reich zu verwalten, es sei denn Einem anvertraut, wie einem Vater.Niemals also konnten die Romaner und ihre Verbündeten solches Friedens und Ueberflusses an Gütern theilhaft werden, als Cäsar Augustus ihnen gewährte, seitdem er die selbstständige Gewalt empfing, und als jetzt sein ihm nachfolgender Sohn Tiberius ihnen gewährt, ...“
Strabo, Erdbeschreibungen VI, 4 §3
Alföldi schreibt über diese Aussage Strabos:
„Man kann dafür eine oft angeführte Stelle Strabons in Erinnerung rufen, wonach die riesigen Ausmaße des Reichskörpers es notwendig machten, daß die unumschränkte Macht einem einzigen ὡς πατρi33[Hervorh. d. O., kursiv] übergeben wurde. In den oben gebrachten Zitaten erscheint neben den Machtbefugnissen im hergebrachten Stil der Vatername als ein Oberbegriff, der das ganze Wesen des Prinzeps umfaßt.“
Alföldi, Der Vater des Vaterlandes, S. 93
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (um 58 bis um 120 n. Chr.) beschreibt die Ansicht der Gegner des Augustus über die Gründe für die Einführung des Kaisertums:
„Die Anhänglichkeit gegen den Vater und die schwierige Lage des Staates habe er nur zum Vorwand genommen; in Wahrheit sei es die Herrschsucht gewesen …“
Tacitus, Annalen 1,10
Aus dieser Aussage geht deutlich hervor, dass „die Anhänglichkeit gegen den Vater“ ein sehr wichtiges Argument für die Einführung des Kaisertums des Augustus darstellte. Ich sehe in diesen Zitaten eine Bestätigung für meine These, dass im Jahr 2 v. Chr. die Dynastie des Augustus aufgerichtet wurde. Es war im Jahr 2 v. Chr., in dem Augustus das römische Reich wie einem Vater anvertraut wurde. Augustus warb für die Einführung des Kaisertums offenbar mit der Anhänglichkeit an den Vater. Das im Jahr 27 v. Chr. eingeführte Kaisertum sollte als dauerhafte Einrichtung auch über die Lebenszeit des Augustus hinaus erhalten bleiben.
Ich wies bereits darauf hin, dass im Jahr 2 v. Chr. erstmals von Augustus die Spiele zu Ehren des Mars durchgeführt wurden. Sie wurden danach regelmäßig von den Konsuln veranstaltet34. In Neapel wurden in diesem Jahr erstmals Spiele zu Ehren des Augustus beschlossen bzw. veranstaltet35, die anschließend alle drei bzw. vier Jahre durchgeführt wurden. Augustus wohnte diesen Spielen kurz vor seinem Tod am 19. August 14 n. Chr. bei36. Dies legt nahe, dass die Feierlichkeiten des Jahres 2 v. Chr. nicht lediglich Feierlichkeiten unter vielen anderen waren. Diese Feierlichkeiten brachten zum Ausdruck, dass eine neue Ära begann. Es war die Ära der Erbmonarchie bzw. der Dynastie des Augustus, die in diesem Jahr aufgerichtet wurde.
Der Titel „Vater des Vaterlandes“ ehrte Augustus als den Retter des Staates, der wie ein Vater geehrt und bedient werden musste. Der Titel stellt nach Meinung des Historikers Dietmar Kienast den Schlussstein im Gebäude der neuen Monarchie des Augustus dar. Es wurden verschiedene Spiele im Jahr 2 v. Chr. eingeführt. Dies legt nahe, dass in diesem Jahr eine neue Ära begann.
23servator: Retter
24parens: Vater
25 Polybios, Geschichte VI 39
26Cognomen: Beiname, dritter Namensbestandteil der römischen Namensgebung
27 Simon, Die Selbstdarstellung des Augustus, S. 145–146
28 Kienast, Augustus, S. 133
29 Bleicken, Augustus, S. 638 f.
30Exemplum: Beispiel, Vorbild
31imperium proconsulare: prokonsularische Gewalt; Oberbefehl über die Provinzialarmeen
32consensus universorum: allgemeine Einigkeit
33ὡς πατρi: wie einem Vater
34 Augustus, Res gestae 22
35 Cassius Dio 55,10,9
36 Sueton, Kaiserbiographien, Augustus 98,5; Cassius Dio 56,29,2
„Der Begriff Forum bezeichnet den großen Platz im Zentrum einer jeden römischen Stadt,
