Als du mich sahst - Robinne Lee - E-Book

Als du mich sahst E-Book

Robinne Lee

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Beschreibung

Erst war es nur ein harmloser Flirt zwischen der frisch geschiedenen Solène (39) und Hayes (20), dem Sänger einer angesagten britischen Boyband. Denn Hayes ist zwar jung, aber eben auch charmant, geistreich und sehr sexy. Doch dann wird aus Leidenschaft Liebe — trotz des Altersunterschieds. Als das wahre Leben sie einholt und ihre Liebe trotz aller Vorsicht bekannt wird, bricht die Hölle los. Die Presse belagert sie, die Fans drehen durch. Aber Hayes kämpft um sie.

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Inhalt

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Über dieses Buch

Erst war es nur ein harmloser Flirt zwischen der frisch geschiedenen Solène (39) und Hayes (20), dem Sänger einer angesagten britischen Boyband. Denn Hayes ist zwar jung, aber eben auch charmant, geistreich und sehr sexy. Doch dann wird aus Leidenschaft Liebe – trotz des Altersunterschieds. Als das wahre Leben sie einholt und ihre Liebe trotz aller Vorsicht bekannt wird, bricht die Hölle los. Die Presse belagert sie, die Fans drehen durch. Aber Hayes kämpft um sie.

Über die Autorin

Robinne Lee ist Schauspielerin, Autorin und Produzentin. Sie wuchs im Westchester County im Bundesstaat New York auf und hat einen Abschluss der Yale-Universität sowie der Columbia Law School. Robinne ist aus zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen bekannt, wie z. B. in »Hitch – Der Date Doktor«, »Sieben Leben« an der Seite von Will Smith und »Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe«, so wie »Fifty Shades of Grey – Befreite Lust«. Zurzeit lebt sie mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern in Los Angeles. »It’s got to be you – Als ich dich sah« ist ihr Debutroman.

R O B I N N E  L E E

Als du mich sahst

ROMAN

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Nicole Hölsken

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Idea of You«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2017 by Robinne Lee

Published by arrangement with St. Martin’s Press. All rights reserved.

Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Press durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover, vermittelt.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anne Pias, Köln

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

Umschlagmotiv: © Phatthanit/shutterstock; © Diego Moltissanti/EyeEm/GettyImages

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8643-1

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Für Eric, der mich am meisten liebte

Las Vegas

Wahrscheinlich ist Daniel an allem schuld.

Zwei Tage vor meinem geplanten Ausflug nach Ojai tauchte er im Smoking vor dem Haus auf, unsere Tochter Isabelle im Schlepptau. Das Auto hatte er mit laufendem Motor in der Einfahrt stehen lassen.

»Ich kann nicht nach Vegas«, sagte er und drückte mir einen Briefumschlag in die Hand. »Bei diesem Fox-Deal ist kein Ende abzusehen.«

Anscheinend war mein Blick ungläubig, denn er fügte hinzu: »Sorry. Ich weiß, ich hab’s den Mädchen versprochen, aber ich kann nicht. Nimm du sie mit. Oder ich esse die Tickets auf. Egal.«

Eine verschlossene Packung Da-Vinci-Maestro-Kolinsky-Pinsel lag auf dem Tisch in der Diele. Daneben ein Sechsunddreißiger-Pack Holbein-Wasserfarben. Ich hatte bei Blick ein Vermögen ausgegeben, um mich mit Material für mein Künstler-Retreat auszustaffieren. Die Utensilien waren, genauso wie der Ausflug nach Ojai, mein Geschenk an mich selbst. Achtundvierzig Stunden Kunst, Schlaf und Wein. Und jetzt stand mein Exmann in meinem Wohnzimmer – angetan mit einer förmlichen, schwarzen Fliege – und informierte mich von der Planänderung.

»Weiß sie Bescheid?«, fragte ich. Isabelle war gleich in ihrem Zimmer verschwunden – zweifellos auf der Jagd nach ihrem Handy – und hatte unser Gespräch nicht mitbekommen.

Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte noch keine Zeit, es ihr zu erzählen. Außerdem wollte ich erst mal abwarten, ob du sie auch wirklich nehmen kannst.«

»Wie umsichtig.«

»Fang nicht schon wieder an, okay?« Er wandte sich zur Tür. »Wenn du es nicht schaffst, dann soll sie mich anrufen, und ich mache es wieder gut, sobald die Band das nächste Mal wieder in der Stadt ist.«

Das war wieder mal typisch für ihn. Irgendwie hatte er immer für alles eine Entschuldigung und kam aus jeglicher Verpflichtung heraus, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Wie gern hätte auch ich ein Händchen für so etwas gehabt.

Isabelle und ihre beiden Freundinnen zählten bereits die Tage, bis sie die Band August Moon sehen würden, ein Quintett aus gutaussehenden Jungs aus Großbritannien, die ganz hübsche Popsongs sangen und nach denen die jungen Mädchen ganz verrückt waren. Daniel hatte die Tickets bei der Stillen Auktion der Schule ersteigert. Für vier Flüge nach Vegas und Zimmer im Mandalay Bay sowie die Konzertkarten und ein Meet-and-Greet mit der Band hatte er ein hübsches Sümmchen hingelegt. Das Ganze jetzt noch abzublasen wäre eine Riesenenttäuschung für die Mädchen gewesen.

»Ich habe aber etwas vor«, wandte ich ein, während ich ihm nach draußen in die Einfahrt folgte.

Er umrundete das Heck des BMW und holte eine unförmige Tasche aus dem Kofferraum. Isabelles Fechtausrüstung. »Hab ich mir schon gedacht. Tut mir leid, Sol.«

Er schwieg einen Augenblick lang und musterte mich: Sneakers, Leggins, immer noch verschwitzt von einem Fünf-Meilen-Lauf. Und dann: »Du hast eine neue Frisur.«

Ich nickte, fuhr mit der Hand in den Nacken, plötzlich befangen. Das Haar ging mir jetzt kaum noch bis zu den Schultern. Meine Trotzreaktion. »War eben Zeit für eine Veränderung.«

Er lächelte schwach. »Du bist sowieso immer eine schöne Frau.«

In diesem Augenblick wurde das Fenster auf der Beifahrerseite heruntergekurbelt, ein graziles Wesen beugte sich heraus und winkte. Eva. Mein Ersatz.

Sie trug ein smaragdgrünes Kleid. Ihr langes, honigfarbenes Haar hatte sie zu einem Knoten aufgesteckt. Diamanten baumelten an ihren Ohren. Nicht genug damit, dass sie eine ziemlich junge, atemberaubende halb holländische, halb chinesische Star-Anwältin der Firma war, dass sie jetzt auch noch in Daniels 7er-BMW in meiner Auffahrt saß und mit jeder Faser wie eine Prinzessin wirkte, während ich vor mich hin schwitzte – na ja, das setzte mir echt zu.

»Na gut. Ich nehme sie.«

»Danke«, antwortete er und gab mir die Tasche. »Du bist die Beste.«

»Das sagen sie alle.«

Er hielt inne, zog die aristokratische Nase kraus. Ich erwartete eine Erwiderung, aber er schwieg. Stattdessen lächelte er unverbindlich und beugte sich vor, um mir so ein Verlegenheitsküsschen zu geben, wie Geschiedene es gern füreinander parat haben. Ich nahm sein Eau de Cologne wahr. In all den Jahren unseres Zusammenseins hatte er nie welches benutzt.

Ich sah ihm nach, wie er zur Fahrerseite des Wagens hinüberging. »Wohin wollt ihr? So ganz in Schale …«

»Benefizveranstaltung«, antwortete er und stieg ein. »Katzenberg’s.« Und mit diesen Worten fuhr er davon. Und ließ mich mit dem Gepäck einfach stehen.

Ich mochte Vegas nicht sonderlich: laut, groß, schmutzig. Die Schattenseite Amerikas, gepresst in eine grelle, schreiende Schleuderspur in der Wüste. Vor ein paar Jahren war ich schon mal hier gewesen, bei einem Junggesellinnenabschied, den ich eigentlich lieber vergessen hätte. Dieser Gestank – eine Mischung aus Stripclubs, Billigparfüms und Erbrochenem –, so etwas bleibt einem einfach im Gedächtnis haften. Diesmal aber ging es nicht um mich. Dies war nicht mein Abenteuer, sondern das der Mädchen, und ich war nur die Begleitung. Isabelle und ihre Freundinnen hatten keinen Zweifel daran gelassen.

Diesen Nachmittag verbrachten sie damit, in der Ferienanlage herumzurennen, um ihre Idole aufzuspüren, während ich ihnen pflichtschuldigst folgte. Daran war ich mittlerweile gewöhnt: Wenn meine leidenschaftliche Tochter sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, setzte sie sämtliche Hebel in Bewegung und kämpfte sich unbeirrbar voran. Isabelle und ihr amerikanischer Man-kann-alles-Geist. Sie besuchte eine Trapez-Schule und Kurse für Eiskunstlauf, nahm Musical- und Fechtunterricht … Sie war furchtlos, und das liebte ich an ihr, beneidete sie sogar darum. Es gefiel mir, dass sie Risiken einging, dass sie nicht um Erlaubnis fragte, dass sie ihrem Herzen folgte. Isabelle tat nichts lieber, als Grenzen zu überschreiten.

Eigentlich hatte ich gehofft, die Mädchen zu einer Tour durch das Contemporary Arts Center bewegen zu können. Es wäre schön gewesen, auch ein wenig richtige Kultur in dieses Wochenende zu packen. Diesen noch leicht beeinflussbaren Mädchen einen lohnenswerten Eindruck zu vermitteln. Ich selbst war meiner Mutter als Kind stundenlang auf Schritt und Tritt durch das Museum of Fine Arts in Boston gefolgt. Im Schlepptau ihrer klackernden Vivier-Schuhe, des Dufts ihres individuell für sie angefertigten Parfums, das sie im Sommer immer in Grasse erstand. Ich hielt sie für wahnsinnig klug. Und wahnsinnig weiblich. Damals kannte ich die Räumlichkeiten dieses Museums genauso gut wie das Unterrichtszimmer meiner achten Klasse. Aber Isabelle und ihre Verbündeten waren nicht ganz so kunstbegeistert und wollten nichts von einem solchen Museumsausflug wissen.

»Mom, du weißt, dass ich zu jedem anderen Zeitpunkt Ja sagen würde. Aber hier geht es um etwas ganz anderes. Bitte!«, beschwor sie mich.

Sie waren nur aus einem einzigen Grund nach Vegas gekommen, und nichts sollte ihre Mission vereiteln. »Heute Abend beginnt unser Leben«, hatte Georgia, das Mädchen mit der seidig-braunen Haut, auf dem Hinflug verkündet. Rotschopf Rose stimmte zu, und sehr schnell wurde dies zum Mantra der drei. Keine Erwartung konnte zu hoch sein. Sie hatten schließlich noch das ganze Leben vor sich. Sie waren zwölf.

Das Meet-and-Greet war für sechs Uhr angesetzt. Keine Ahnung, was genau ich erwartete, etwas dezent Elegantes, Zivilisiertes vielleicht, doch weit gefehlt. Man drängte uns in einem von Neonröhren beleuchteten Raum in den Eingeweiden der Arena zusammen. Etwa fünfzig Verehrerinnen in verschiedenen Pubertätsstadien: Mädchen mit Zahnspangen, Mädchen in Rollstühlen, läufige Mädchen. Mit weit aufgerissenen Augen, ergriffen und kurz vorm Ausrasten. Es war gleichzeitig schön und verzweifelt. Irgendwie schmerzte mich die Erkenntnis, dass Isabelle nun ebenfalls zu dieser Sippschaft gehörte, zu diesem bunt zusammengewürfelten Haufen von Mädchen auf der Suche nach dem Glück, das sie in fünf Jungs aus England zu finden gedachten, die sie nicht kannten, nie kennenlernen würden und die ihre Verehrung niemals erwidern würden.

Einige Eltern befanden sich hier und da ebenfalls im Raum. Eine richtige Mittelamerika-Schneise: Jeans, T-Shirts, praktische Schuhe. Die Gesichter von der brutalen Vegas-Sonne gerötet. Mir dämmerte langsam, dass ich mit diesen Leuten in einen Topf geworfen würde. Ich war jetzt auch ein »Augie«, wie die Medien die Fangemeinde getauft hatte. Oder noch schlimmer: eine »Augie Mom«.

Die Mädchen wurden ganz unruhig, als sich eine Seitentür öffnete, und ein massiger Kahlkopf mit einer Anzahl laminierter Passierscheine eintrat. »Wer von euch ist bereit, die Band kennenzulernen?!«

Wildes Kreischen durchschnitt die Luft, und mir fiel plötzlich ein, dass ich meine Ohrstöpsel im Hotelzimmer vergessen hatte. Lulit, meine Geschäftspartnerin und Vertraute in allen vertraulichen Dingen, hatte mir den Tipp am Tag zuvor in der Galerie gegeben. Sie meinte, es sei Wahnsinn, ein Stadion mit Augies ohne Ohrstöpsel zu betreten. Anscheinend war sie mal mit ihrer Nichte bei so einem Konzert gewesen. »Die Jungs sind toll, aber mein Gott, die Fans sind unerträglich laut.«

Neben mir fing Isabelle am ganzen Körper an zu zittern.

»Aufgeregt?« Ich drückte ihre Schultern.

»Kalt.« Sie schüttelte mich ab. Stets die Unnahbare.

»Die Jungs brauchen noch fünf Minuten«, fuhr der Riese fort. »Sie bleiben dann etwa zwanzig. Ich will, dass ihr euch hier links alle in einer Reihe aufstellt. Jeder kommt kurz dran, um ihnen schnell Hallo zu sagen und ein Foto mit der Gruppe zu schießen. Keine Selfies. Unser Fotograf macht die Bilder, und ihr könnt sie später online downloaden. Wir geben euch den Link. Alle verstanden?«

Das alles kam mir so unpersönlich vor. Bestimmt hätte Daniel sein Geld für bessere Dinge ausgeben können. Während sie uns in eine Reihe bugsierten, dachte ich, dass ich mich in meinen Alaïa-Sandalen total overdressed und fehl am Platze fühlte. Dass ich elegant und gepflegt aussah und wieder einmal wohl oder übel aus der Menge herausstach. Dies war, wie die Mutter meines Vaters mir mehrfach erklärt hatte, mein Geburtsrecht. »Tief im Herzen bist und bleibst du Französin. Il ne faut pas l’oublier.« Ich konnte sie auch gar nicht vergessen, meine französische Abstammung. Und ich ließ mich mit diesen anderen Frauen auch nicht gern über einen Kamm scheren, auch wenn sie die gleiche Selbstlosigkeit und Geduld an den Tag legten wie ich. Was tat man nicht alles für seine Kinder! Ich wäre mir wie eine Rabenmutter vorgekommen, wenn ich Isabelle diesen Augenblick nicht gegönnt hätte.

Dann traten sie ein. Alle fünf. Die Menge erbebte, und einige fielen lautstark in Ohnmacht. Rose jaulte leise auf, wie ein Welpe, dem man auf den Schwanz getreten hatte. Georgia warf ihr einen Blick zu. Reiß dich zusammen, Schwester, sollte der wohl bedeuten, und tatsächlich gehorchte Rose.

Sie waren jung – das war mein allererster Gedanke. Sie hatten taufrische Haut, als seien sie auf einem Biobauernhof groß geworden. Außerdem waren sie größer, als ich erwartet hatte, und sehr schlank. Wie die Schwimmer-Mannschaft an der Brown University. Nur hübscher.

»Und wer ist jetzt wer?«, fragte ich, aber Isabelle signalisierte mir, dass ich den Mund halten sollte. Na gut.

Wir rückten bis dorthin vor, wo die Jungs vor einem Banner mit dem August-Moon-Logo positioniert worden waren: große gelbe Lettern vor grauem Hintergrund. Sie schienen glücklich, beinahe ausgelassen zu sein, weil sie sich unter ihre Fans mischen durften. Eine Liebe auf Gegenseitigkeit. Wie sie vor der Kamera ihre Mätzchen machten und den verlegenen Jugendlichen ihre Befangenheit nahmen, die Art, wie sie mit den älteren Fans flirteten, wie sie sich mit den Teenagern befassten und deren Mütter um den Finger wickelten – routiniert, aber ohne eine Grenze zu überschreiten. Das war schon eine Kunst. Und die hatten sie vervollkommnet.

Als wir an der Reihe waren, beugte sich Isabelle zu mir hinüber. »Von links nach rechts: Rory, Oliver, Simon, Liam und Hayes.«

»Verstehe.«

»Und sag bloß nichts Peinliches, okay?«

Ich versprach es ihr.

Dann waren wir dran.

»Na, hallo, Mädels!«, bellte Simon mit weit aufgerissenen Augen und ausgebreiteten Armen. Er hatte eine beeindruckende Spannweite. Isabelle hatte im Flugzeug erwähnt, dass er im Internat in der Rudermannschaft gewesen war. »Kommt schon her, nur keine Scheu!«

Die Mädchen brauchten keine zweite Aufforderung. Georgia stürzte sich in Simons Arme, und Rose schlängelte sich neben Liam, dem Baby der Truppe mit grünen Augen und Sommersprossen. Nur Isabelle zögerte und blickte unruhig von einem zum anderen. Ehne, mehne, muh … wie ein Kind im Süßwarenladen.

»Kannst du dich nicht entscheiden?« Das war der Große ganz außen. »Komm, komm neben mich. Ich beiße auch nicht, versprochen. Rory hier, der beißt schon, und Ollie ist unberechenbar, also …« Sein Lächeln war atemberaubend. Breiter Mund, volle Lippen, perfekte Zähne, Grübchen. Hayes.

Isabelle lächelte und machte sich auf den Weg zu ihm hin.

»Ha! Gewonnen! Gewonnen! … Wie heißt du, Liebes?«

»Isabelle.«

»Ich hab gewonnen, Isabelle!« Beschützend legte er ihr den Arm um die schmalen Schultern und blickte dann zu mir hinüber. »Und Sie sind sicher die große Schwester?«

Isabelle lachte und hielt sich die Hand vor den Mund. Ihre Züge waren zart, wie bei einem kleinen Vögelchen. »Das ist meine Mom.«

»Deine Mom?« Hayes zog eine Augenbraue hoch und sah mir tief in die Augen. »Tatsächlich? Na gut. Isabelles Mom. Wollen Sie mit uns aufs Bild?«

»Nein, schon gut. Danke.«

»Sicher? Ich sorg auch bestimmt dafür, dass es sich lohnt.«

Da musste ich lachen. »Das möchte ich sehen.«

»Das möchte ich Ihnen zeigen.« Er lächelte frech. »Kommen Sie schon. Sie wollen doch eine Erinnerung an unsere wilde Nacht in Vegas haben.«

»Na ja, wenn Sie es so verlockend formulieren …«

Das erste Foto von mir mit Hayes ist also das von uns neunen im Keller des Mandalay Bay. Einen Arm hat er mir um die Schultern gelegt, den anderen um Isabelles. Ich hatte zwei Abzüge bestellt. Ihren würde Isabelle irgendwann zerreißen.

»Beeindruckend, dass sie hier extra für uns hingeflogen sind.« Die Jungs waren total in die Unterhaltung mit meiner Brut vertieft und machten aus unseren neunzig Sekunden das Beste. Liam fragte Rose nach unserer Wanderung nach Sin City, und Simon berührte Georgias Haar.

»Diese Locken gefallen mir.«

»Ach ja?«, fragte Georgia herausfordernd. In Punkto Selbstvertrauen profitierte sie von einer älteren Schwester.

»Ganz schön dekadent, hier für einen einzigen Tag hinzufliegen.« Hayes verwickelte Isabelle in ein Gespräch und lehnte sich wie ein großer Bruder auf ihre Schulter. Als kenne er sie schon sein Leben lang. Ich wusste, dass sie innerlich jetzt tausend Tode starb.

»Zwei Tage«, stellte sie richtig.

»Es war ein Geschenk ihres Vater«, fügte ich hinzu.

»Ihr Vater?« Er sah zu mir herüber. Wieder diese hochgezogene Augenbraue. »Doch nicht etwa Ihr Ehemann?«

»Er war mein Ehemann. Heute ist er nur noch ihr Vater.«

»Na ja …« Er schwieg einen Augenblick. »Glücklicher Zufall, oder?«

Ich lachte. »Was meinen Sie damit?«

»Keine Ahnung. Sagen Sie’s mir.«

Dieser Junge hatte durchaus das gewisse Etwas. Diese Leichtigkeit. Dieser Akzent. Sein selbstbewusstes Lächeln. Entwaffnend.

»Der Nächste!« Unsere Zeit war um.

Auch am Ende des Meet-and-Greet hielt er uns bei Laune. Nachdem jeder seine Fotos gemacht hatte, und die Gruppe Autogramme gab, schlängelten wir uns inmitten eines Ozeans dahinwogender Körper ebenfalls auf ihn zu. Fische, die stromaufwärts schwimmen. Um uns herum das allgemeine Kreischen und Taumeln und »Hayes, darf ich dein Haar anfassen?«. Wobei meine drei Teenager sogar noch einigermaßen zurückhaltend waren. Vielleicht lag es ja an dieser L.A.-Übersättigung. Sie waren nun mal daran gewöhnt, Leute wie die Beckham Boys im Park zu sehen oder in der Auffahrt zur Autobahn »Spiderman« zu erspähen. Um sie aus der Fassung zu bringen, war schon ein bisschen mehr nötig. Trotz der ausgelassenen Expedition im Ferienresort am Nachmittag waren sie jetzt erstaunlich entspannt.

»Ich liebe dieses Petty-Desires-Album«, sprudelte Georgia hervor.

»Ja«, stimmte Rose mit ein. »Die Texte sind so klug. Besonders gefällt mir ›Seven Minutes‹.«

»Echt? Das magst du?« Er sah von dem T-Shirt auf, das er gerade signierte.

»Es ist, als ob … ihr unsere Generation voll durchschaut habt. Ihr sprecht für uns alle.« Isabelle warf ihr Haar zurück, ein Flirtversuch, aber das verkrampfte Lächeln mit zusammengepressten Lippen verriet sie. Dahinter verbarg sich nämlich eine Zahnspange. Oh, meine Süße …

Sie hatte mein Gesicht geerbt. Große, mandelförmige Augen, Schmollmund, hell-olivfarbene Haut. Ihr Haar dicht, braun, beinahe schwarz.

Ich sah, wie Hayes die Mädchen musterte. Seine Augen wanderten von einer zur nächsten, amüsiert. Ich vermutete, dass er an so etwas gewöhnt war. Schließlich landete sein Blick auf mir.

»Wo sitzt ihr Ladies denn?«

Die Mädchen ratterten ihre Sitznummern herunter.

»Kommt nach der Show hinter die Bühne. Ich schicke jemanden los, der euch holt. Nicht weggehen.« Dann sah er mich erneut an. Durchdringende blaugrüne Augen und jede Menge dunkler Locken. Er war bestimmt nicht älter als neunzehn. »Okay?«

Ich nickte. »Okay.«

Wenn man erst eine private Unterhaltung mit einem Mitglied der berühmtesten Boygroup der letzten Dekade geführt hat und dann in eine Arena mit zwölftausend seiner kreischenden Fans geworfen wird, hat das etwas Bewusstseinsveränderndes. Man gerät aus dem Gleichgewicht, fühlt sich losgelöst. Einen Augenblick lang wusste ich gar nicht mehr genau, wo ich war, wie ich hergekommen war und was ich hier sollte. Die Mädchen vibrierten vor Aufregung und beeilten sich, ihre Plätze einzunehmen. Mir war etwas schwindelig. Diesem Ansturm war ich nicht gewachsen: dem Getöse, diesem Gekreische, dem Energielevel so vieler halbwüchsiger Mädchen auf dem Höhepunkt der Erregung. Dass das hier, all das, den Jungs gelten konnte, die wir gerade im Keller zurückgelassen hatten, war einfach unvorstellbar. Sie waren bezaubernd, ja, aber doch immer noch aus Fleisch und Blut.

Das Geschrei begann schon, bevor die Typen auf die Bühne kamen, und hielt ohne Pause während der darauffolgenden zweieinhalb Stunden an. Lulit hatte recht gehabt. Das war eine Dezibelzahl, an die man sich unmöglich gewöhnen konnte. Insbesondere nicht als Frau, die auf die vierzig zuging.

In dem Jahr, als ich sechzehn wurde, sah ich die New Kids on the Block im Foxboro Stadium während ihrer Magic Summer Tour. Dort feierten wir Alison Aserkoffs Geburtstag. Ihr Vater hatte uns Parkettplätze und Backstage-Tickets ergattert. Es war laut und ungemütlich und eigentlich schon damals nicht mein Fall. Boybands waren auf Privatschulen eigentlich kein Thema. Zu unserer Jugendkultur gehörten die Stones, U2, Bob Marley. Zeitlose Musik eben. Deshalb hätten fünf Jungen aus der Arbeiterklasse, die aus Dorchester, Massachusetts, stammten, eigentlich keinen Reiz auf uns ausüben sollen.

Trotzdem hatte das Ganze durchaus etwas gehabt. Der Rausch, die Hormone, die Hitze, die von der Bühne abstrahlte. Die Vorstellung, dass so viele sich nach den Jungen verzehrten und sie begehrten, steigerte ihre Attraktivität entsprechend. Und einen kurzen Augenblick lang glaubte ich damals, ebenfalls loslassen und mich mit in diesen Wahnsinn stürzen zu können. Aber dann kam mir zu Bewusstsein, wie geschmacklos das gewirkt hätte, wie unwürdig. Und ich besann mich auf meine Wurzeln, auf das, was man mir seit meiner Geburt eingetrichtert hatte. Und so gebot ich jeglicher aufkeimenden schamlosen Bewunderung Einhalt, bevor sie sich festsetzen konnte. Lange vor der Zugabe, die die New Kids gaben.

Fast ein Vierteljahrhundert später sah ich mich einer ähnlichen Situation gegenüber.

Trotz des Lärms und der Hormone, die durch Mandalay Bay wogten, bot die Band eine tolle Show – obwohl ich keine Ahnung hatte, ob eine Gruppe sich wirklich als Band bezeichnen durfte, wenn keiner von ihnen ein Instrument spielte. Rory schlug bei ein paar Liedern ein paar Akkorde auf der Gitarre an, und Oliver saß ein- oder zweimal am Klavier, aber abgesehen davon kam die einzige Instrumentalbegleitung von ein paar Musikern im Hintergrund. Die Jungs beschränkten sich aufs Singen und sprangen ansonsten über die Bühne wie junge, vor Männlichkeit strotzende Pogosticks. Sie rauften miteinander, alberten herum, allerdings ohne nennenswerte Choreographie. Doch den Fans schien das nichts auszumachen.

»Ich liebe sie! Ich liebe sie! Ich liebe sie!«, rief Georgia nach einer stürmischen Interpretation von »Fizzy Smile«, dem Titelsong aus dem ersten Album der Band. Tränen strömten ihr über das puppenhafte Gesicht, und ihre Locken begannen sich in der feuchten Luft zu kräuseln. »Sie berühren meine Seele.«

Rose stimmte ihr da offensichtlich zu, kreischte jedes Mal, sobald Liam über die verlängerte Plattform schritt und dann nur noch wenige Zentimeter von uns entfernt war. Isabelle war in ihrer ganz eigenen Trance gefangen, sang und wiegte sich gedankenverloren mit der Musik hin und her. Wie glücklich sie waren! In diesem Augenblick vergab ich Daniel, dass er sich – wie schon so oft – gedrückt hatte, denn nur deshalb wurde ich überhaupt Zeugin dieser Glückseligkeit. Der Anblick war unbezahlbar.

Die letzte Zugabe verklang, die Band schickte sich an, die Bühne zu verlassen, und wie aufs Stichwort tauchte ein bulliger Mann mit Berechtigungsausweis in unserem Bereich auf. Hayes hatte also Wort gehalten.

»Ist eine von euch Isabelle?«

Es rauschte dermaßen heftig in meinen Ohren, dass ich das Gefühl hatte, die Unterhaltung finde unter Wasser statt. Ich konnte ihn kaum verstehen. Trotzdem folgten wir ihm bis zum Gate, wo er jeder Einzelnen von uns Armbänder gab, durch die uns überall Zugang gewährt werden würde.

Auf dem langen Weg hinter die Bühne sprach keiner von uns ein Wort. Ich nahm an, die Mädchen wollten den Augenblick nicht verderben und nicht aus ihrem Traum erwachen. Ihre Mienen waren erwartungsvoll und ernst. Vor lauter Aufregung konnten sie einander kaum ansehen. Heute Abend beginnt unser Leben.

Anscheinend war der Security-Mitarbeiter daran gewöhnt, sich junge Mädchen aus dem Publikum zu pflücken und sie der Band persönlich auszuliefern. Einen Augenblick lang bekam ich Angst: Hoffentlich war das hier kein Fehler. Wohin brachte er uns überhaupt? Ein Trio Zwölfjähriger irgendjemandem zum Vernaschen vorzusetzen stellte sicher eine Art Vergehen dar, wenn nicht gar ein Gewaltverbrechen. Ich beschloss, sie nicht aus den Augen zu lassen. Immerhin waren wir hier in Vegas.

Aber kaum hatten wir die Aftershow-Party betreten, erwiesen sich meine Sorgen als unbegründet. Mädchen zum Vernaschen gab es nur vereinzelt: ein paar unbekannte Models, die Dänin aus der Badeanzugausgabe von Sports Illustrated, ein Reality-TV-Star und eine Schauspielerin aus der neuen Netflix-Serie. Abgesehen davon schienen sich hier vornehmlich Familienmitglieder und enge Freunde zu tummeln: ein paar Briten und Wirtschaftstypen und eine Handvoll gesitteter, glücklicher, junger Fans. Hier fühlte ich mich sicher.

Schließlich tauchte auch die Band auf, frisch geduscht, das Haar noch feucht und ungestylt. Ihr Erscheinen wurde mit Applaus und Pfiffen und dem Knallen von Champagnerkorken quittiert. Ich fragte mich unwillkürlich, ob das jeden Abend so lief. War diese Feierei ein Ritual, mit dem sie sich regelmäßig selbst auf die Schulter klopften?

Isabelle und ihre Freundinnen verloren keine Zeit und scharten sich um Simon und Liam inmitten der Partygäste. Sie hatten ihre Fassung zurückgewonnen und konzentrierten sich wieder auf ihre Mission. Wobei ich nicht wusste, wie diese Mission nun genau aussah. Vielleicht »dieses eine Mitglied von August Moon, das mir am besten gefällt, dazu bringen, dass es sich in mich verliebt«, auch wenn ihnen allen sicher klar war, dass das höchst unwahrscheinlich war. Wie erwartet unterhielt sich Rory mit dem Badeanzug-Model in einer Ecke. Er runzelte die Stirn, rammte die Fäuste tief in seine Hosentaschen, sodass der Bund seiner schwarzen Jeans noch unter das ohnehin schon lächerliche Level rutschte. Der Neigung seines Kopfes und seiner Körpersprache nach zu urteilen stand eines fest: Er wollte sie für sich haben.

Oliver war in eine Unterhaltung mit einem Typen in grau schimmerndem Anzug vertieft, der mutmaßlich von einer Plattenfirma war und ihn anscheinend sogar anbaggerte. Er war der eleganteste der Gruppe, gertenschlank, mit nachdenklichen haselnussbraunen Augen und goldenem Haar. In so einen Typ hätte ich mich auf dem College verliebt, nur um hinterher festzustellen, dass er schwul war. Oder viel zu tiefsinnig, um an so etwas Profanem wie Kunstgeschichte im Hauptfach interessiert zu sein. Auf jeden Fall hätte er mir das Herz gebrochen.

Und dann war da Hayes. Er hielt ebenso wie Simon und Liam Hof, aber auf bewusstere und intensivere Weise. Von meinem Aussichtspunkt am anderen Ende des Zimmers, wo ein Autor von Vanity Fair mit mir zu flirten versuchte, beobachtete ich, wie der lässige Simon und der junge Liam ihre Fans in den Bann zu ziehen versuchten. Hayes jedoch war anders und gleichzeitig schwerer zu durchschauen. Seine Aufmerksamkeit schien aufrichtig zu sein. Selbst aus der Ferne hatte ich den Eindruck, als wäre er ernsthaft an der Unterhaltung mit seinen Verehrern interessiert.

Erst etwa eine halbe Stunde später, als ich schon fast ein ganzes Glas Perrier-Jouët intus hatte und den Autor endlich losgeworden war, kam Hayes zur mir.

»Hallo, Isabelles Mom …«

»Ich heiße Solène.«

»So-lène …« Er sprach es gedehnt aus. »Wie in ›so-lehn-dich-an-mich‹?«

Ich lachte. »Genau.«

»So-lène.« Er nickte. »Ich bin Hayes.«

»Ich weiß.«

»Ja. Was Sie nicht sagen.« Er schenkte mir ein halbes Lächeln, bei dem sich nur der linke Mundwinkel hob. Es zauberte kostbare Grübchen in seine Wangen. Sein Mund war zu breit für sein Gesicht – breit und unverfroren. Aber durch jene Grübchen wirkte er nicht arrogant, sondern charmant. »Amüsieren Sie sich?«

»Ja, danke.«

»Gut.« Er stand da, grinste, die Arme über der breiten Brust verschränkt. Er machte, was große Typen gern tun, stellte sich sehr breitbeinig hin, um mir besser in die Augen sehen zu können. »Hat Ihnen unsere Show gefallen?«

»Sie war … unterhaltsam.«

Sein Lächeln wurde breiter. »Es hat Ihnen nicht gefallen.«

»Es war überraschend laut.« Ich lachte wieder.

»Hat Sie denn keiner vorgewarnt? Das tut mir leid, Solène.«

Wie er meinen Namen aussprach … das hatte etwas: heisere Stimme, unverwandter Blick, dieser Zungenschlag. So … vertraulich.

»Ich war durchaus vorgewarnt, nur offensichtlich nicht genug. Ihre Fans sind …«

»Äußerst erregbar.«

»So kann man es auch formulieren.«

Er lachte, warf den Kopf in den Nacken. Er hatte ein schönes Kinn.

»Ein ganz schön wilder Haufen. Beim nächsten Mal besorgen wir Ihnen Kopfhörer.«

»Beim nächsten Mal?«

»Es gibt immer ein nächstes Mal.« Seine Miene war unbewegt, trotzdem gab mir sein Ausspruch zu denken.

»Wie alt sind Sie, Hayes?«

»Zwanzig.«

»Zwanzig«, wiederholte ich und kippte den restlichen Champagner hinunter. In einem Zug. Na ja, immer noch besser als neunzehn.

»Zwanzig.« Er biss sich auf die Unterlippe und lächelte.

In diesem Augenblick hätte ich mich verabschieden sollen. Ich hätte die Mädchen einsammeln und den Abend beenden sollen. Aber ich sah ihre Gesichter am anderen Ende des Zimmers. Simon tätschelte schon wieder Georgias Haar, und Liam zeigte seine Breakdance-Moves. Die Begeisterung der Mädchen war förmlich greifbar. Wir waren noch keine ganze Stunde hier, ihnen den Rest der Party vorzuenthalten wäre grausam gewesen.

»Sie überlegen, ob Sie gehen sollten, oder?«, riss Hayes’ Stimme mich aus meinen Gedanken. »Bitte nicht. Ich hole Ihnen noch etwas zu trinken.«

»Nein. Ich hatte genug, danke.«

»Unsinn. Wir sind hier in Vegas.« Er zwinkerte, nahm mir die leere Champagnerflöte aus der Hand und machte sich auf den Weg zu der improvisierten Bar.

Nach Daniel hatte ich mich ein paarmal mit einem Vater aus Isabelles Fechtmannschaft getroffen, dann eine zweimonatige Tändelei mit dem Drehbuchautor aus meinem Spinning-Kurs gehabt. Doch mehr als ein Date war nie daraus geworden. Kaum schien es, als wollten sie mehr als einen unverbindlichen Flirt, hatte ich dichtgemacht. Mich verschlossen. Und obwohl die drei Jahre der – unbeabsichtigten – Enthaltsamkeit nicht immer ein Spaß gewesen waren, würde ich jetzt sicher nicht mit einem Popstar ins Bett hüpfen, der kaum halb so alt war wie ich, nur weil er mir bei einer Aftershow-Party zugezwinkert hatte. So klischeehaft würde ich nicht sein.

Aber bevor ich meinen Abgang vernünftig planen konnte, kehrte Hayes mit einem weiteren Glas der perlenden Flüssigkeit und einer Flasche Wasser für sich selbst zurück. Seine beneidenswert dichten, seidigen Locken waren mittlerweile getrocknet. Es gab ganze Blogs, die sich nur mit Hayes’ Haar befassten – davon erfuhr ich allerdings erst später , aber dort, im Backstage-Bereich des Mandalay Bay, widerstand ich der Versuchung, es zu berühren.

»Also, Solène, was machen Sie so, wenn Sie nicht auf unsere Konzerte gehen?«

»Sie sind amüsant, Hayes Campbell.«

»Ha. Sie kennen sogar meinen Nachnamen …«

»Ja, weil ich mit einer Zwölfjährigen unter einem Dach lebe.«

»Aber ihr Exmann lebt nicht dort?«

»Nein, mein Exmann nicht.« Ich lachte. »Ich könnte Ihre Mutter sein.«

»Aber Sie sind es nicht.«

»Aber ich könnte es sein.«

»Aber Sie sind es nicht.« Er hielt meinem Blick stand. Wieder dieses schiefe Lächeln.

Da spürte ich ihn, jenen kleinen Salto in der Magengrube, der mir sagte, dass das, was dieser Zwanzigjährige da mit mir machte, Wirkung zeigte – was immer es war.

»Wollen Sie mir das Glas nun geben? Oder haben Sie es nur hergebracht, um mich zu ärgern?«

»Um Sie zu ärgern«, lachte er, trank einen Schluck von meinem Champagner und reichte es mir dann. »Cheers.«

Ich stand da, starrte ihn an, ohne zu trinken. Genoss es. »Sie sind ganz schön frech …«

»Manchmal …«

»Und wirkt es?«

Er lachte. »Meist schon. Aber jetzt nicht?«

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. »Nicht so gut, wie Sie glauben.«

»Autsch, das tut weh.« Dann blickte er sich suchend um. »Oliver!«

Oliver sah in unsere Richtung. Er wurde immer noch von dem Typ in dem schimmernden Anzug belagert und schien nur darauf zu warten, sich ihm entziehen zu können. Ich sah, wie er sich entschuldigte und zu uns herüberkam.

»Ol, das ist Solène.«

»Hi, Solène.« Er lächelte charmant.

Die beiden standen da und sahen auf mich herab, beide gleichermaßen groß, gleichermaßen selbstbewusst. Einen Augenblick wünschte ich, keine flachen Schuhe angezogen zu haben, denn selbst mit meinen eins achtundsechzig kam ich mir zwischen diesen Jungs klein vor.

»Sag mal, Ol, könnte Solène meine Mutter sein?«

Oliver zog eine Augenbraue hoch und musterte mich bedächtig und ausgiebig. »Ganz und gar nicht.« Er sah Hayes an. »Und dabei ist deine Mutter eine sehr schöne Frau …«

»Meine Mutter ist eine schöne Frau, in der Tat.«

»Aber so sieht sie nicht aus.«

»Nein, tut sie nicht.« Hayes lächelte.

Olivers Augen waren faszinierend. »Was verschlägt Sie denn in eine so schnöde Stadt wie Vegas?«

Da trank ich einen Schluck von meinem Champagner. Na dann los. »Ich habe mich breitschlagen lassen, zu einem August-Moon-Konzert zu gehen. Und Sie?«

Beide schwiegen eine Sekunde lang. Hayes lachte als Erster. »Und obendrein ist sie auch noch eine ganz Schlaue. Ol, du kannst gehen.«

»Du hast mich doch gerade erst hergebeten.«

»Und jetzt schicke ich dich eben wieder weg.«

»Hayes Campbell. Spielt seinen Mitmenschen übel mit«, meinte Oliver todernst.

»Ich hab dich gerade vor dem Wichser in dem furchtbaren Anzug gerettet. Du bist mir was schuldig.«

Oliver schüttelte den Kopf, bevor er mir mit eleganter Geste die Hand hinhielt. »Solène, es war mir ein Vergnügen, wenn auch nur von kurzer Dauer.«

Wenn auch nur von kurzer Dauer? Wer waren diese Jungs? Das verwegene Quintett. Vielleicht hatten Isabelle und die anderen zig Millionen Mädels auf der Welt recht, und sie waren wirklich etwas Besonderes.

»›Spielt seinen Mitmenschen übel mit‹?«, fragte ich, nachdem Oliver sich verdrückt hatte.

»Ich spiele keinem übel mit. Ich teile nur nicht mit anderen.«

Ich lächelte zu ihm auf, hingerissen. Sein Gesicht war ein Kunstwerk. Sein Mund verwirrend. Und dabei hatte ich keineswegs nur Unschuldiges im Sinn.

»Also«, sagte er. »Erzählen Sie mir von sich.«

»Was wollen Sie denn wissen?«

»Was wollen Sie mir erzählen?«

Ich musste lachen. Hayes Campbell, zwanzig, brachte mich ins Schwitzen. »So wenig wie möglich.«

Wieder sein schiefes Lächeln. »Ich bin ganz Ohr …«

»Offensichtlich.« Ich trank einen Schluck aus meinem Glas. »Wo soll ich anfangen. Ich wohne in L.A.«

»Ist das Ihre Heimatstadt?«

»Nein. Ich komme von der Ostküste, aus Boston. Aber ich wohne jetzt schon eine ganze Weile hier, deshalb … ist es so etwas wie mein Zuhause. Zusammen mit meiner Freundin Lulit betreibe ich eine Kunstgalerie.«

»Freundin?« Er zog eine Augenbraue hoch.

»Nicht die Art von Freundin.«

Er lächelte und zuckte mit den Schultern. »Nicht, dass ich das verurteilen würde …«

»Nein, Sie fantasieren nur ein bisschen herum?«

Er lachte lauthals. »Kennen wir uns wirklich erst seit kurzem?«

»Wollen Sie jetzt mehr wissen oder nicht?«

»Ich will alles wissen.«

»Uns gehört diese Kunstgalerie. In Culver City. Wir verkaufen zeitgenössische Kunst.«

Das ließ er kurz sacken. »Unterscheidet sich das von moderner Kunst?«, fragte er dann.

»Der Begriff ›Moderne Kunst‹ umfasst ein breites Spektrum von etwa hundert Jahren und viele verschiedene Strömungen. Zeitgenössische Kunst ist aktuell.«

»Ihre Künstler leben also alle noch, nehme ich an?«

Ich lächelte. »An den meisten Tagen, ja. Also …« Ich brauchte jetzt noch etwas Champagner. »Was tun Sie denn, wenn Sie nicht bei August-Moon-Konzerten sind?«

Darüber lachte er und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich erinnere mich nicht so genau. Die Musik hat mich die letzten paar Jahre meines Lebens voll und ganz in Atem gehalten. Tourneen, Schreiben, Aufnehmen, Publicity …«

»Sie komponieren Ihre Musik selbst?«

»Das meiste.«

»Beeindruckend. Sie spielen Klavier?«

Er nickte. »Und Gitarre. Bass. Ein wenig Saxophon.«

Da musste ich lächeln. Offensichtlich hatte ich die Boygroup unterschätzt. »Gehen Sie je einfach nach Hause und tun gar nichts?«

»Nicht oft. Und Sie?«

»Nicht so oft, wie ich möchte.«

Er nickte bedächtig, nippte an seinem Wasser. »Wie sieht es denn aus? Ihr Zuhause.«

»Modern. Klare Linien. Viel Mobiliar aus der Mitte des Jahrhunderts. Das Haus liegt an der Westside, in den Hügeln. Von dort aus hat man Ausblick auf den Ozean. Die Wände sind teilweise aus Glas, und das Licht wechselt beständig. Die Räume verändern sich im Morgengrauen, in der Abenddämmerung. Als lebe man in einem Farbkasten. Das liebe ich.« Ich schwieg plötzlich.

Er stand da, sah mich auf eine Weise an, wie er mich wahrscheinlich nicht hätte ansehen sollen. Er war so lächerlich jung. Und ich war die Mutter eines dieser Mädchen. Das konnte einfach nicht gut ausgehen.

»Wow«, sagte er leise. »Klingt nach einem ziemlich perfekten Leben.«

»Ja. Abgesehen von …«

»Abgesehen von dem Exmann«, beendete er den Satz für mich.

»Genau. Und abgesehen von allem, was damit zusammenhängt.«

Wie aufs Stichwort hüpfte Isabelle zu uns herüber, die Augen groß und glücklich. »Mom, das ist die beste Party ever! Wir haben eben darüber geredet. Die hier ist sogar besser als Harry Wassermans Bar-Mizwa.«

»Nicht Harrys Bar-Mizwa?« Wo immer Hayes mit seinen Gedanken gewesen war, jetzt war er wieder voll da und schaltete sofort in Teenager-Idol-Modus.

Sie errötete und hielt sich den Mund zu. »Hiiii, Hayes.«

»Hiiii, Isabelle.«

»Du erinnerst dich an meinen Namen?«

»Hab halt gut geraten.« Er zuckte mit den Schultern. »Was treibt denn Liam da drüben? Macht er gerade mal wieder den Wurm? Weißt du eigentlich, dass ich ihm alles beigebracht habe, was er kann? Sollen wir hier mal abwurmen? Liam!«, rief Hayes quer durchs Zimmer. »Abwurmen! Sofort!«

Ich spürte, dass Isabelle beinahe vor Stolz platzte, als Hayes ihr den Arm um die Schulter legte und sie von mir fortführte. »Entschuldigen Sie uns, Solène. Da wartet ein Wettkampf auf mich.«

Der Anblick, wie die beiden, meine verlegene Tochter und der gutaussehende Weltstar, das Zimmer durchquerten, war so bizarr, dass ich lachen musste.

Hayes war ganz in seinem Element. In Nullkommanichts stand er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, lag ausgestreckt auf dem Boden und machte sich bereit, während die anderen Bandmitglieder und Fans sich um ihn scharten. Liams drahtige Gestalt und zuckende Bewegungen zeigten ein tänzerisches Naturtalent, trotzdem hatte Hayes mehr Ausstrahlung. Er besaß eine gewisse Grazie, wie er da in schwarzer Jeans und Boots über den Boden glitt. Er schleuderte die Füße hoch in die Luft, sodass seine Hüften sich immer wieder vom Boden hoben. Mit jedem Stoß spannte er die Armmuskeln an. Ein Streifen nackter Haut war unter seinem dünnen T-Shirt am Bauch sichtbar. Er war der Inbegriff der Männlichkeit, der Anblick war fast schon obszön.

Seine Darbietung wurde mit Johlen und Pfiffen quittiert, und als er sich schließlich wieder erhob, packte ihn Simon und umarmte ihn herzhaft. »Der Kerl ist der Wahnsinn!«, schrie er mit weit aufgerissenen, blauen Augen. Das blonde Haar stand ihm wild vom Kopf ab. »Gibt es eigentlich etwas, das er nicht kann?!«

Hayes warf den Kopf in den Nacken und lachte, das Haar zerzaust, die Grübchen hinreißend. »Nichts.« Er strahlte. In diesem Moment trafen sich unsere Blicke, und die Spannung zwischen uns war so greifbar, dass ich die Augen abwenden musste.

Kurz nach dem »Abwurmen« verließen wir die Party. Nachdem eine schlanke, etwas fragwürdige Brünette sich auf Liams Schoß gesetzt hatte und Rorys Lippen den Nacken des Badeanzug-Models in der Ecke bearbeiteten und mindestens ein halbes Dutzend der Mannschaft sich erst hinausgeschlichen hatten und dann mit glasigem Blick zurückgekehrt waren, fand ich, dass es Zeit war, die Mädchen von hier fortzuschaffen. Der Vanity-Fair-Autor war schon lange verschwunden.

»Wir haben uns prächtig amüsiert. Danke für die Einladung.«

Wir hatten uns an der Tür versammelt: Rose war fix und fertig, Isabelle gähnte, und Georgias Frisur hatte mittlerweile ungeheure Proportionen angenommen.

»Ich kann Sie nicht überreden, länger zu bleiben?«

»Es ist schon spät, und morgen früh geht unser Flug.«

»Sie könnten umbuchen.«

Ich spürte, wie ich unwillkürlich die Augen verengte, eine Angewohnheit, die ich von meiner Mutter hatte.

»Okay, okay, ich sehe ein, das wäre keine gute Idee«, ruderte er zurück.

»Wahrscheinlich nicht. Nein.«

»Das war der beste Abend meines Lebens«, »Fantastisch«, »Total toll«, riefen die Mädchen allesamt gleichzeitig.

»Schön, dass es euch Spaß gemacht hat.« Hayes lächelte. »Das machen wir irgendwann noch mal, ja?«

Meine Begleitung stimmte einhellig zu.

»Also, hmm …« Jetzt war er es, der Zeit schindete. Sein Blick war suchend, und er fuhr sich mit den Händen durch seine üppige Haarpracht. »Wie, sagten Sie, heißt Ihre Galerie? Wissen Sie, wenn ich je in Kalifornien sein sollte und Lust auf zeitgenössische Kunst habe …«

»Marchand Raphel.« Ich lächelte.

»Marchand Raphel«, wiederholte er. »Und könnten Sie …«

»Marchand, das ist sie«, unterbrach Georgia.

»Solène Marchand.« Sein Lächeln wurde strahlend. Seine Zähne waren sehr unenglisch. Groß, gerade, weiß. Da hatte jemand viel Geld investiert. »Dann also bis zum nächsten Mal?«

Ich nickte, und der Samen war gelegt. Wenn die Mädchen nicht dabei gewesen wären …

Als ich den Köder auswarf, war ich mir vollkommen darüber im Klaren, was ich da andeutete, und selbst überrascht, wie wenig ich zögerte: »Es gibt immer ein nächstes Mal.«

Bel-Air

Er rief an.

Fünf Tage nach Vegas hatte ich eine Nachricht auf meiner Mailbox in der Galerie. Seine Stimme: rau und elegant, unterlegt von diesem reizenden britischen Trällern. »Hallo, Solène. Hier ist Hayes Campbell. Ich bin nur für ein paar Tage in Los Angeles. Und ich frage mich, ob Sie Lust hätten, mit mir essen zu gehen.«

Ich hörte es mir bestimmt fünf Mal an.

Hayes Campbell. Auf meiner Mailbox. Trotz seines kalkulierten Charmes in Vegas war ich sehr überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass er sich tatsächlich melden würde. Und was ich dort, im Backstage-Bereich des Mandalay Bay, als harmlosen Flirt abgetan hatte, kam mir unter der Sonne Südkaliforniens plötzlich irgendwie unanständig vor. Essen gehen. Mit einem Zwanzigjährigen. Dem Mitglied einer Boyband. Wie man es auch drehte und wendete, akzeptabel war das nicht.

Ich versuchte, den Gedanken daran zu verdrängen und einfach mit meiner Arbeit fortzufahren. Trotzdem wollte er mir nicht aus dem Kopf gehen. Subtil, verlockend, wie die letzte Praline in der Schachtel, die man sich aufbewahrte. Ein kleines Geschenk, an das ich mich klammerte – nur für mich. Ich erzählte nicht einmal Lulit davon, und ihr erzählte ich normalerweise ziemlich viel.

Wir hatten uns vor fünfzehn Jahren in New York bei einem exklusiven Seminar von Sotheby’s kennengelernt. Obwohl die Besucher des Kurses allesamt ungewöhnlich waren, stach mir Lulit besonders ins Auge. Grazile braune Glieder, lyrischer äthiopischer Akzent, eine Schwäche für Romare Bearden. Ich bewunderte die Art, wie sie gestikulierte, wenn sie sprach, insbesondere dann, wenn es um Kunst ging: »Basquiat ist so wütend, seine Münder sind immer zu klein für die vielen Zähne!« »Tote Schafe in einer Kiste sind keine Kunst! Man füge Brot hinzu, dann ist es wenigstens Abendessen.«

Als wir uns kennenlernten, hatte sie gerade erst ihren BA in Yale hinter sich gebracht, während ich schon meinen Master hatte. Trotzdem hatten wir eine gewisse Sensibilität für zeitgenössische Kunst und das Bedürfnis, Teil von etwas Aufregendem und Unerwartetem zu sein, gemeinsam. Das fanden wir in der wachsenden Kunstszene in L.A.

Es war Lulit, die auf die Idee kam, nur weibliche und farbige Künstler zu repräsentieren. Sie verbrachte drei Jahre in der Abteilung für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s und hielt sich an unser Programm. Ich selbst hatte ein Jahr in der Gladstone Gallery gearbeitet, bevor Daniel und ich nach L.A. zogen. Wir waren ganze fünf Monate verheiratet gewesen, als ich mit Isabelle schwanger wurde und infolgedessen alles unterordnete, was mich ausmachte. Als Lulit an der Westküste anlangte, beherzt und bereit, die Welt der Kunst zu revolutionieren, ließ ich mich bereitwillig von ihrem Eifer mitreißen. Ehe und Mutterschaft hatten meine eigene Begeisterung beinahe abgetötet. »Dann mischen wir den Laden hier mal ein bisschen auf, was?«, hatte sie über einem Sushi im Sasabune ausgerufen. »Du weißt doch, dass weiße Männer ungeheuer überschätzt werden.«

Damals verbrachte ich meine Zeit damit, mich um ein eigensinniges, zwanzig Monate altes Kleinkind zu kümmern, während Daniel 2800 Dollar die Stunde verdiente; deshalb konnte ich ihr nur zustimmen. Innerhalb eines Jahres hatten wir Marchand Raphel aus dem Boden gestampft.

An dem Tag, an dem Hayes Campbell mir die bewusste Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterließ, verkauften wir gerade das letzte Stück unserer aktuellen Ausstellung. Die argentinischstämmige Künstlerin Pilar Anchorena war bekannt für ihre faszinierenden Mixed-Media-Collagen. Tiefsinnige Arbeiten in lebhaften Farben, die stets einen Kommentar zu ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Klasse oder den entsprechenden Privilegien enthielten. Ihre Werke waren nichts für Leute, die zahme, hübsche Bilder suchten, aber ein echter Leckerbissen für den fortgeschrittenen Sammler.

Gemeinsam mit unserem Verkaufsleiter Matt und der Galeriemanagerin Josephine stießen Lulit und ich mit einer Flasche Veuve Clicquot an. Ein wunderbarer Augenblick, in dem wir unsere Leistung feierten, bevor wir uns der Logistik unserer neuen Ausstellung im Mai zuwandten.

Am späten Nachmittag, als die anderen schon nach Hause gegangen waren, schloss ich mich im Büro ein und biss in meine metaphorische Praline. »Sie haben mich also aufgespürt, stimmt’s?«

»Stimmt.« Hayes’ raue Stimme erfüllte mein Ohr.

»Sehr erfinderisch.«

»Ich habe eine Assistentin …«

»Natürlich.«

»Sie heißt Siri. Sie ist recht gut in ihrem Job.«

Ich lachte. »Gut gegeben, Hayes Campbell. Was kann ich für Sie tun?«

»Oh mein Gott.« – Er räusperte sich. – »Vor- und Nachname. Der Todesstoß.«

»Wieso?«

»Zu förmlich.«

»Wie soll ich Sie denn nennen?«

»Hayes reicht.«

»Hayes reicht wozu?« Ich lachte. »War ein Scherz. Tut mir leid. Der Tag war lang.« Ich warf einen verstohlenen Blick auf meine Uhr. Ich hatte noch fünfundvierzig Minuten Zeit, bis ich Isabelle vom Fechten abholen musste. Der Weg ins Fechtstudio konnte von zwölf Minuten bis hin zu einer Stunde dauern. L.A. halt.

»Lassen Sie sich von mir zum Abendessen ausführen.« Das war ein Statement, keine Frage.

Abendessen? Ich hatte viel eher an einen Kaffee bei Starbucks gedacht. Vielleicht noch bei Le Pain Quotidien …

Mein Herz schlug mit einem Mal schneller. »Ich kann nicht … jedenfalls nicht heute Abend. Ist ziemlich kurzfristig, und ich habe keinen Babysitter.« Das war nur zur Hälfte wahr. Isabelle brauchte niemanden mehr, der auf sie aufpasste. Aber ein Abendessen kam mir allzu offiziell vor. Zu ernsthaft.

»Dann gehen wir vielleicht morgen was trinken«, war mein Zugeständnis, doch sofort bemerkte ich meinen Fauxpas. Er war noch nicht einundzwanzig.

Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Morgen kann ich nicht. Wir spielen im Staples Center.«

»Oh.« Ja, natürlich. Das Staples Center. Er sagte es sachlich, ohne jede Arroganz. Wie Daniel, wenn er verkündet hatte, dass er für einen Deal Überstunden machen musste. »Na ja, dann geht’s wohl nicht, oder?«

»Nein.« Er lachte, ein kehliger Laut, der ihn älter wirken ließ als zwanzig. Zumindest redete ich mir das ein. »Davor kann ich mich nur schwer drücken. Wie wäre es dann mit Lunch?«

Am Freitag hatte ich einen Lunch-Termin mit einem Kunden. Das sagte ich ihm. »Frühstück?«

Er konnte nicht. Die Band war für ein paar Morgensendungen gebucht worden. Ich schlug Dinner am Samstag oder Sonntag vor, aber er lehnte ab. Sie spielten vier Abende lang im Staples und würden dann wieder nach San Francisco zurückkehren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie viele kreischende Mädchen notwendig waren, um das Staples Center ganze vier Mal zu füllen. Es war unfassbar.

»Warum vertagen wir unser Treffen nicht einfach auf Ihren nächsten Aufenthalt hier in der Stadt, Hayes?«

»Weil ich Sie jetzt sehen will.«

»Nun, wir kriegen nicht immer, was wir wollen. Oder gelten die normalen Regeln nicht für Sie?«

Darüber lachte er. »Wollen Sie, dass ich Sie anbettele?«

»Nur wenn Sie es für nötig halten.«

Keine Ahnung, warum ich mich auf dieses Spiel einließ. Es war absurd. Wenn ich mutiger gewesen wäre, wenn mir egal gewesen wäre, was die Leute von mir dachten, hätte ich die Vorstellung, eine Affäre mit einem zwanzigjährigen Typen aus einer Boygroup anzufangen, sicher amüsant gefunden. Aber ich war nicht mutig, und die Meinung der anderen war mir nicht gleichgültig. Am aufregendsten war im Augenblick vielleicht nur die Erkenntnis, dass ich mich darauf hätte einlassen können. Ich beschloss, dass wir zusammen zu Mittag essen würden. Nicht mehr und nicht weniger.

Am anderen Ende der Leitung war es ziemlich still, aber ich merkte, dass er noch dran war.

»Na gut«, sagte er. »Dann bettele ich eben. Lunch. Morgen. Bitte.«

Ich sah wieder auf die Uhr. Ich würde zu spät zu Isabelle kommen, nicht das erste Mal. Sie würde in der Turnhalle auf mich warten, inmitten der klirrenden Geräuschkulisse aus Metall, das gegen Metall schlug, dem Murmeln der Fans und dem hochtönenden Summen der Scoring Maschinen. Dem Geschrei der russischen Trainer. Mein kleines Vögelchen an einem fremden Ort. Ihr selbst schien das allerdings überraschend wenig auszumachen. Und ich selbst fand, dass sie niemals anmutiger aussah als im Wettkampf – kontrolliert, kraftvoll, elegant.

»Gut. Dann morgen zum Lunch«, stimmte ich zu. »Ich werde meine Termine verschieben.«

Einem Kunden abzusagen war eigentlich unverantwortlich, aber ich versuchte, es vor mir selbst zu rechtfertigen. Der Kunde war ein alter Freund von Daniel aus Princeton. Der Termin würde sowieso nichts bringen. Außerdem konnte ich doch äußerst zufrieden sein, denn immerhin hatte ich die Werke aus der letzten Ausstellung komplett abverkauft. Nach so einem Erfolg durfte ich doch sicher auch mal einen Nachmittag blaumachen, oder?

»Ja!« Hayes gab einen kleinen Jubelschrei von sich, und ich stellte mir sein Lächeln am anderen Ende der Leitung vor – inklusive der Grübchen und allem anderen. »Gehen wir doch ins Hotel Bel-Air? Halb eins. Ich kümmere mich um die Reservierung.«

Natürlich hatte er ein elegantes und schrecklich romantisches Restaurant ausgewählt. Essen gehen, ja klar.

»Hayes«, sagte ich, bevor er auflegte, »das ist nur ein Lunch.«

Er schwieg eine Sekunde lang, und ich fragte mich schon, ob er mich verstanden hatte.

»Solène … was sollte es denn sonst sein?«

Er war schon da, als ich ankam. Verborgen in einer dieser Nischen zur hinter dem Restaurant gelegenen Terrasse hin, im Rücken ein Glasfenster, von dem man Ausblick über die Gartenanlage hatte. Ich hatte erwartet, dass er zu spät kommen würde, hereingeschlendert käme – ein bezauberndes Lächeln auf den Lippen und mit diesem ganzen Popstar-Getue. Aber er war pünktlich, sogar zu früh. Und sein Anblick – in einem grau-weiß bedruckten Button-Down-Shirt (war das eins von Liberty Floral?) und mit ordentlich gekämmter Frisur – zeigte mir, dass er sich Mühe gegeben hatte. Er war schon in die Speisekarte vertieft und ließ seine Ray-Ban Wayfarer zwischen Daumen und Zeigefinger kreisen, als wir uns dem Tisch näherten. Der Maître hatte nur einen Blick auf mich geworfen und mich mit den Worten »Ms. Marchand, nehme ich an« zu meinem seltsamen Date begleitet.

Oh, Hayes’ Gesichtsausdruck hätte man fotografieren müssen, als er aufsah, um nach mir Ausschau zu halten. Wie ein Kind am Weihnachtsmorgen. Freude, Überraschung, Verheißung und Ungläubigkeit – all das spiegelte sich in seiner Miene wider. Seine blaugrünen Augen leuchteten, und sein breiter Mund verzog sich zu einem überwältigenden Lächeln.

»Sie sind gekommen«, sagte er und erhob sich, um mich zu begrüßen. Bei Tag betrachtet, kam er mir sogar noch größer vor. Bestimmt eins neunzig, schätzte ich … vielleicht sogar noch größer.

»Haben Sie befürchtet, dass ich nicht komme?«

»Möglich wär’s ja gewesen.«

Ich lachte und beugte mich vor, um seine Wange zu berühren. Ein Kuss wie er in der Welt der Künstler üblich ist. Auf der Intimitätsskala einigermaßen niedrig.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie häufig versetzt werden.«

»Ich pflege sonst auch nicht um Dates zu betteln. Es gibt für alles ein erstes Mal.« Er lächelte und machte mir Platz, sodass ich mich ebenfalls in die Nische zwängen konnte.

»Ich hoffe, das Hotel gefällt Ihnen? Erst nach unserem Telefonat fiel mir auf, dass ich keine Ahnung hatte, wo Culver City liegt, und ob ich Ihnen hiermit ein Date am anderen Ende der Welt zumute. Aber in L.A. liegt ja anscheinend nichts nah beieinander …«

»Stimmt. Aber nein, ist schon in Ordnung.«

»Okay, gut. Denn es ist wirklich schön hier. Beinahe wie im Urlaub«, sagte er und blickte auf die Terrasse hinaus, die von der kalifornischen Sonne perfekt ausgeleuchtet wurde. Obstbäume und Palmen in Töpfen, weiße Tischtücher, geschmückt mit purpurnen Dendrobium-Orchideen, Zweige von furchsienroten Bougainvilleen, die sich durch die Ritzen im Dach ergossen.

»Ja, es ist bezaubernd. Das ist die Rockwell Group.«

»Wie bitte?«

»Die Rockwell Group. Sie sind für die neue Inneneinrichtung von Wolfgangs Restaurant verantwortlich. Das harmonische Ineinandergreifen von Innen- und Außenbereich. Haben jede Menge Preise dafür bekommen. Und im Esszimmer hängt ein großartiger Gary Lang. Konzentrische Kreise. Aggressiv. Unerwartet.«

Hayes sah mich wieder an, verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »Aggressive Kreise? Klingt sexy.«

Ich lachte. »Wahrscheinlich. Wenn Sie darauf stehen …«

Er schwieg einen Augenblick lang und musterte mich. »Ich finde es toll, dass Sie so viel über Kunst wissen.«

Oh, mein Kleiner, hätte ich am liebsten geantwortet, wenn ich dir doch alles zeigen könnte, was ich weiß.

»Erzählen Sie mir, was Sie dem Oberkellner erzählt haben«, sagte ich stattdessen. »Wie konnte er wissen, wer ich bin?«

Hayes öffnete und schloss seinen Mund ein paarmal, bevor er lachend den Kopf schüttelte. »Sie sind knallhart.«

»Erzählen Sie es mir.«

»Ich habe ihm gesagt …« Er senkte die Stimme, sprach langsam und bedächtig, beugte sich zu mir vor. »Ich habe ihm gesagt, dass ich mich mit einer Freundin treffe, dass sie dunkles Haar und unvergesslich schöne Augen hat und wahrscheinlich gut gekleidet ist. Dass sie aussieht wie ein klassisch-eleganter Filmstar. Und dass sie einen großartigen Mund hat.«

Ich saß ganz still da. »Großartig oder nur groß?«

»Der Mund?«

»Ja.«

»Beides.«

Er war mir jetzt so nahe, dass ich den Duft seiner Haut wahrnahm. Eine Mischung aus Sandelholz und Zedern. Und Limone. Verwirrend. Genau wie seine Art, mich anzusehen. Das hatte ich nicht geplant. Nicht dass ich überhaupt irgendetwas geplant hatte. Aber ganz sicher hatte ich nicht vorgehabt, mich von diesem Jüngelchen schon in den ersten fünf Minuten unseres Dates aus dem Konzept bringen zu lassen. Wir hatten noch nicht mal etwas zu trinken bestellt.

»Was denken Sie gerade?« Er lächelte entwaffnend.

»Ich will wissen, was Sie vorhaben, Hayes Campbell.«

»Und was haben Sie vor? Sind Sie hergekommen, um mir ein Kunstwerk zu verkaufen?«

»Vielleicht.«

»Hmmm …«, machte er, wobei er den Blickkontakt keine Sekunde lang abreißen ließ. »Na ja … ich bin hergekommen, um zu kaufen, was immer Sie zu bieten haben.«

Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, wie alt er war, oder wie viele jugendliche Fans er um sich scharte. In diesem Augenblick hatte er mich in seinen Bann gezogen. Und eins war klar: Nur zu wissen, dass ich mit ihm eine Affäre haben konnte, reichte mir nicht mehr.

Er nickte, als besiegele er damit einen unausgesprochenen Pakt, blickte wieder zum Esszimmer hinüber und winkte dem Kellner. »Sollen wir bestellen?«

»Wie geht es Isabelle?«, fragte er, nachdem der Kellner wieder verschwunden war.

»Gut, danke.«

»Wie hat sie darauf reagiert, dass wir zusammen essen gehen.«

»Ich habe es ihr nicht erzählt.«

Hayes zog eine Augenbraue hoch. »Ach nein?« Er lächelte.

Ich war nicht stolz auf meine Geheimniskrämerei.

»Na ja, das sagt eine Menge.«

An diesem Morgen hatte ich Isabelle zum Frühstück heiße Schokolade gemacht, so wie damals, als sie noch klein war, und wie meine Mutter früher für mich und deren Mutter für sie. Plötzlich hatte mich eine Flut von Erinnerungen eingeholt: Sommer in Südfrankreich, auf der Terrasse unter den Pinien, heiße Schokolade und baguette et confiture, der Duft der Orangenblüten und des Meeres. Was morgens immer sehr tröstlich war, nachdem mich der Mistral die halbe Nacht wachgehalten und so an den Fensterläden gerüttelt hatte, dass ich Angst hatte, Monster wollten in mein Zimmer eindringen.

»Chocolat.« Isabelles Augen leuchteten, als sie in die Küche kam. »Ist was?«

Ich stand am Ofen und erstarrte. War mein schlechtes Gewissen dermaßen offensichtlich?

Sie hatte mich in die dünnen Ärmchen genommen und mich gedrückt. »Die hast du schon so lang nicht mehr gemacht. Danke.«

»Machen Sie sich etwa über mich lustig?«, fragte ich Hayes jetzt.

»Neiiiin … so etwas würde ich nie tun.« Er hatte die Hände hinter seinem gutaussehenden Kopf verschränkt und lehnte sich auf der Bank zurück. Ich fand es sehr anziehend, dass er sich so wohl in seiner Haut fühlte. Wie entspannt er war. Er war eins mit seinem Körper. Glücklich damit. Jungs waren so anders als Mädchen.

»Wie geht es Ihrer Mom? Was hat sie gesagt, als Sie ihr erzählten, dass wir zusammen zu Mittag essen?«

»Ha!« Hayes warf den Kopf in den Nacken und stieß ein tiefes, volltönendes Lachen aus. »Das war gut.«

»Sie haben ja keine Ahnung, wie gut ich bin.«

»Ach ja …? Flirten Sie etwa mit mir?«

»Das ist Streiten, nicht Flirten.«

»Und woran erkenne ich den Unterschied?«

»Keine Ahnung. Kommt wohl drauf an, wie schlau Sie sind.«

Er setzte sich aufrecht hin. Und dann sagte er ohne jede Arglist: »Sie gefallen mir.«

»Ich weiß.«

»Hayes!« Ein Typ im Anzug kam auf unseren Tisch zu. Anzüge waren in Los Angeles eine Seltenheit. In neun von zehn Fällen handelte es sich bei Anzugträgern um Agenten. In fünf von zehn Fällen konnte man einem solchen Kerl nicht trauen. Jedenfalls, wenn man Daniel Glauben schenkte.

Ich bemerkte den Anflug von Verärgerung auf Hayes’ Gesicht, bevor er sich umwandte, um zu sehen, wer da seinen Namen rief. Und augenblicklich knipste er seinen Charme an.

»Heeeeyy.«

»Max Steinberg. WME.«

»Natürlich. Ich weiß genau, wer Sie sind. Wie geht es Ihnen, Max?«

»Wie geht es Ihnen? Ihre Tournee läuft fantastisch, stimmt’s? Wir sind alle total begeistert. Ich komme morgen Abend ins Staples. Bringe ein paar meiner Nichten mit. Die könnten nicht aufgeregter sein. Und ich hab euch Jungs gestern Abend bei Jimmy Kimmel gesehen. Sie würden euch echt am liebsten auffressen …«

Jimmy Kimmel? War das vor oder nach unserem Telefonat gewesen? Hayes hatte nichts erwähnt. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, hielt mich aber dann doch zurück.

»Ist ganz gut gelaufen, ja.«

»Sie haben euch geliebt. Jeder liebt euch. Diese neue Ballade – ›Seven Minutes‹ – einfach fantastisch. Und in der Show wart ihr einfach toll. Hi, ich bin Max Steinberg.« Der Anzugträger beugte sich vor, um mir die Hand zu schütteln, nachdem ihm endlich aufgefallen war, dass noch jemand anders am Tisch saß.

»Max, darf ich Ihnen Solène Marchand vorstellen.«

Max legte den Eierkopf schief und versuchte offenbar, mich einzuordnen. »Sind Sie bei Universal?«

»Nein.«

»42West?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Solène besitzt eine Kunstgalerie in Culver City.«

»Oh … Nett.« Er tat das, was alle Hollywoodleute machten, wenn sie erfuhren, dass ich nicht in derselben Branche arbeitete: Er schaltete ab. »Na ja, okay, dann will ich Sie nicht weiter stören. Hayes, Ihnen heute Abend viel Glück. Wir sehen Sie morgen, aber dann habe ich zwei kreischende Teenager bei mir. Doch daran sind Sie ja wahrscheinlich gewöhnt, hmm? Nur Mädels … überall … Genießen Sie’s.« Er zwinkerte. »Solène, nett Sie kennengelernt zu haben. Wenn Sie beide noch nicht bestellt haben, nehmen Sie den Heilbutt. Der zergeht auf der Zunge.«

»Max Steinberg also …«, sagte ich, als er außer Hörweite war.

»Max Steinberg.« Hayes lachte leise. »Sorry, das war total unhöflich. Und dieser ›Mädels‹-Kommentar war echt unnötig … keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat.«

»Ich glaube gar nicht, dass er überhaupt gedacht hat«, antwortete ich. »In dieser Stadt laufen jede Menge Männer herum, die Frauen über einem gewissen Alter überhaupt nicht wahrnehmen. Und wenn sie es tun, dann ordnen sie sie entweder in die Schublade ›Mom‹ oder ›Dienstlich‹ ein. Wahrscheinlich denkt er, dass ich für Sie arbeite. Was Ihnen vor Augen führen müsste, wie unpassend das hier eigentlich ist.«

Hayes starrte mich mit offenem Mund an. »Ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll … tut mir leid.«

»Ja, na ja, ist doch gut, dass das hier nur ein Lunch ist.« Ich lächelte. »Oder?«

Darauf gab er keine Antwort. Seine Miene war unergründlich. Ich hätte am liebsten die Hand ausgestreckt und ihm die jugendliche Wange gestreichelt, aber ich ließ es sein. Meine Signale waren schon widersprüchlich genug.

»Was denken Sie gerade, Hayes?«

»Ich überlege nur.«

»Schon gut. Ist nicht zu spät, um einen Rückzieher zu machen.«

In diesem Augenblick kam der Kellner und brachte uns die Teller.

Kaum waren wir wieder allein, sah Hayes mich an. »Schauen Sie, ich wollte Sie nicht fragen, wie alt Sie sind, weil das unhöflich wäre, aber ich betone, dass Sie mich nur schwer von meinem Vorhaben abbringen können. Und es ist mir scheißegal, was Leute wie Max denken. Wenn es mich kümmern würde, hätte ich Sie nicht hergebeten. Also nein, ich mache keinen Rückzieher.«

»Okay.«

»Okay?«

»Okay«, wiederholte ich.

»Gut. Cheers.«

»Neununddreißig. Ein halb.«

Hayes ließ sein Glas Pellegrino sinken und lächelte strahlend.

»Okay. Damit kann ich arbeiten.«

Du liebe Güte, wo ritt ich mich da nur hinein?

»Also«, begann er, kaum dass er sich zwei Minuten lang seinem gegrillten Paprikahühnchen gewidmet hatte. »Wie kam es, dass Ihre ›sehr französischen‹ Eltern in Boston gelandet sind?«

Ich lächelte. Er hatte sich daran erinnert, was ich ihm erzählt hatte. »Das hatte berufliche Gründe. Mein Vater ist Professor für Kunstgeschichte in Harvard.«

»Na, so viel zum Thema Druck.«

»Stimmt genau.« Ich lachte. »Meine Mutter war Kuratorin.«

»Dann ist das also eine Familientradition – die Kunst, meine ich?«

»Irgendwie schon, ja. Und Sie? Ist Musik bei Ihnen auch eine Familientradition? War Ihr Dad einer der Beatles?«

»Eigentlich mehr ein Rolling Stone …« Hayes lachte, sodass sich kleine Fältchen in den Augenwinkeln bildeten. »Nein, nichts ist abwegiger. Ian Campbell ist ein hoch angesehener Kronanwalt. Ich stamme aus einer altehrwürdigen, respektablen Familie. Und zwar von beiden Seiten. Doch bei mir ist dann wohl irgendetwas schiefgelaufen.«

»Lag in Notting Hill irgendwas in der Luft?«

Er lächelte. »In Kensington. Nah dran. Ja, vielleicht. Ich hab irgendwann angefangen zu singen. Und Songs zu schreiben. Sie waren nicht so amüsiert.«

Er verlagerte sich etwas. Sein Bein berührte mein nacktes Knie – beiläufig, aber trotzdem deutlich wahrnehmbar. Einen Augenblick beließ er es dort, dann zog er es genauso beiläufig wieder fort.

»Haben Sie in Harvard studiert?«

»Ich bin auf die Brown gegangen. Und dann auf die Columbia, um meinen Master in Kulturmanagement zu machen.«

»Und der Professor war angepisst?«

»Ein wenig.« Ich lächelte.

»Ich wette, es war immer noch nicht so schlimm, wie eine Chance wie Cambridge auszuschlagen und eine Boyband zu gründen.«

Ich lachte. »Das haben Sie getan? Hat jemand Sie zusammengebracht?«

»Ich habe uns zusammengebracht. Vielen Dank auch.«

»Ernsthaft?«

»Ernsthaft. Sind Sie jetzt beeindruckt? Ich werde mal ein paar Visitenkarten drucken lassen: Hayes ›Ich hab die Band zusammengebracht‹ Campbell.«

Ich lachte wieder und legte Messer und Gabel hin. »Wie haben Sie das denn geschafft?«