Als Gott ein Kaninchen war - Sarah Winman - E-Book

Als Gott ein Kaninchen war E-Book

Sarah Winman

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8,99 €

Beschreibung

Welche Überraschungen hält das Leben wohl für Sie bereit?

Als Gott ein Kaninchen war, war Elly Portman noch ein Kind. Behütet von ihrem großen Bruder Joe, befreundet mit einem seltsamen Mädchen namens Jenny. Die Welt war schön und voller Überraschungen, die Träume noch klein und für jeden zu erreichen, und Süßigkeiten kosteten nur einen Penny. Zusammen konnte man die Klippen des Lebens umschiffen, sich allen Widrigkeiten stellen. Zwanzig Jahre später sind Elly und Joe erwachsen und sich näher denn je. Bis das Schicksal Elly zu einer langen Reise zwingt, denn ihr geliebter großer Bruder braucht ihre Hilfe. Nun ist es an ihr, Joe zurück ins Leben zu holen und endlich ihr eigenes Glück zu finden.

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Sarah Winman

Deutsch von Carolin Müller

Die Originalausgabe erschien 2011

unter dem Titel »When God was a Rabbit«

bei Headline Publishing Group, London

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Sarah Winman

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Limes Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-07408-1

www.limes-verlag.de

Für Dad

Mein Leben lässt sich in zwei Hälften unterteilen, nicht wirklich im Sinne eines Vorher und Nachher, sondern eher zwei Buchdeckeln gleich, die Jahre leerer Grübeleien zusammenhalten, Jahre einer späten Jugendlichen in ihren Zwanzigern, der der Mantel des Erwachsenseins einfach nicht passen will. Wanderjahre, an deren Erinnerung ich keine Zeit verschwende.

Wenn ich Fotos aus diesen Jahren betrachte, dann sehe ich mich zwar, vielleicht vor dem Eiffelturm oder der Freiheitsstatue oder knietief im Meer, winkend und lächelnd; aber all diese Eindrücke, das weiß ich heute, waren getaucht in die fade Farbe der Teilnahmslosigkeit, die selbst einen Regenbogen grau erscheinen ließ.

Sie taucht in diesen Erinnerungen nie auf, und im Nachhinein wird mir bewusst, dass sie die Farbe war, die fehlte. Sie war wie eine Klammer um diese Jahre, an beiden Enden dieser Zeit des Wartens, und als sie an jenem trüben Januarmorgen in die Klasse kam, war es so, als sei sie selbst das neue Jahr; die Sache, die mir Hoffnung auf einen neuen Beginn gab.

Aber nur ich allein konnte das sehen. Andere, von Konventionen bestimmt, fanden sie bestenfalls ulkig oder hielten sie schlimmstenfalls für jemanden, über den man ungestört spotten kann. Sie war nicht von dieser Welt; anders. Aber damals, insgeheim, war ich das ebenso. Sie war mein fehlendes Teil; mein Mitspieler.

Eines Tages wandte sie sich an mich und sagte: »Schau mal«, und zog aus ihrem Unterarm eine neue Fünfzigpencemünze. Ich sah den abgeflachten Rand aus ihrer Haut hervorstehen wie eine Heftklammer. Sie zauberte sie nicht aus der Luft oder aus ihrem Ärmel– all das hatte ich schon gesehen–, nein, sie zog sie tatsächlich aus ihrer Haut heraus, und zurück blieb eine blutige Narbe. Zwei Tage später war die Narbe weg; aber die fünfzig Pence hatte sie noch immer in der Tasche. Und jetzt kommt der Teil, den mir nie jemand glauben wollte. Das Datum auf der Münze war eigenartig. Es lag neunzehn Jahre in der Zukunft: es lautete 1995.

Ich kann mir weder den Zaubertrick erklären, noch ihre urplötzliche Beherrschung des Klavierspielens eines seltsamen Morgens in einer Kirche. Sie hatte nie Unterricht gehabt, doch es war so, als könne sie ihrem Geist durch reine Willenskraft zu Talent verhelfen und durch dieses Wollen plötzliche, flüchtige Fähigkeiten erlangen. Ich beobachtete all das mit Staunen. Aber diese Momente waren allein für meine Augen bestimmt: Eine Art von Beweis, damit ich ihr glauben würde, wenn es einmal nötig wäre.

Erster Teil

1968

Ich beschloss, mich der Welt zu stellen, als meine Mutter nach einer unergiebigen Einkaufstour in Ilford gerade aus dem Bus gestiegen war. Sie war eigentlich losgefahren, um eine Hose umzutauschen. Abgelenkt durch meine ständigen Positionswechsel, konnte sie sich aber nicht dazu durchringen, eine Entscheidung zwischen einer Flickenjeans und einer Samtschlaghose zu treffen. Und aus Angst, ich könnte in einem Kaufhaus zur Welt kommen, trat sie erschrocken die Fahrt zurück in die sicheren Grenzen ihres Postleitzahlengebiets an, wo ihre Fruchtblase dann ausgerechnet in dem Moment platzte, als sich auch die Schleusen des Himmels öffneten. Und während des nur etwa siebzig Meter weiten Marschs bis zu unserem Haus vermischte sich ihr Fruchtwasser mit dem Dezemberregen und verschwand in kleinen Spiralen im Rinnstein, bis der Kreislauf des Lebens folgenschwer, und manch einer würde vielleicht sagen auf poetische Weise, vollendet war.

Entbunden wurde ich von einer Krankenschwester außer Dienst im Schlafzimmer meiner Eltern auf einem Daunenbett, das sie bei einer Tombola gewonnen hatten. Bereits nach zweiundzwanzig Minuten Wehen tauchte mein Kopf auf, und die Schwester rief: »Pressen!« Und mein Vater rief: »Pressen!« Und meine Mutter presste, und ich glitt mühelos in dieses legendäre Jahr. Das Jahr, in dem Paris auf die Straße ging. Das Jahr der Tet-Offensive. Das Jahr, in dem Martin Luther King sein Leben für einen Traum ließ.

Monatelang lebte ich in der friedlichen Welt erfüllter Bedürfnisse. Umsorgt und liebevoll verhätschelt. Bis zu dem Tag, an dem die Milch meiner Mutter versiegte, um der Flut der Trauer Platz zu machen, die sie plötzlich verschlang, als sie erfuhr, dass ihre Eltern während eines Wanderurlaubs in Österreich ums Leben gekommen waren.

Es stand in allen Zeitungen. Der außergewöhnliche Unfall, der siebenundzwanzig Touristen das Leben kostete. Das körnige Foto des zerstörten Reisebusses, der zwischen zwei Pinien hing wie eine Hängematte.

Bei dem Unfall gab es nur einen Überlebenden, den deutschen Reiseführer, der gerade einen neuen Skihelm anprobiert hatte, als das Unglück seinen Lauf nahm– was ihm offenbar das Leben rettete. Von seinem Krankenbett in Wien aus blickte er in die Fernsehkamera, während ihm eine weitere Dosis Morphium verabreicht wurde, und erzählte, dass, auch wenn es sich natürlich um einen sehr tragischen Unfall handle, alle gerade gegessen hätten und somit sicher glücklich und zufrieden gestorben seien. Ganz offenbar hatte das Trauma des Sturzes in die Felsschlucht sein Erinnerungsvermögen verzerrt. Vielleicht hatte sein mit Knödeln und Strudel gefüllter Magen aber auch tatsächlich den Aufprall gedämpft. Wir werden es nie erfahren. Doch die Fernsehkamera blieb beharrlich auf sein geschwollenes, zerschrammtes Gesicht gerichtet, wohl in der Hoffnung auf einen Moment der Feinfühligkeit und des Trostes für die von tiefer Trauer erfüllten Familien zu Hause. Doch er kam nicht. Mein ganzes zweites und weit in mein drittes Lebensjahr hinein war meine Mutter untröstlich. Sie sagte, sie hätte keine Erinnerung an die Zeit, keine Anekdoten meiner ersten Gehversuche oder der ersten drolligen Worte, jene Ereignisse, die einem Aufschluss darüber geben konnten, was aus dem Kind werden würde. Für sie verschwammen die Tage wie hinter einem beschlagenen Fenster, das sauber zu wischen sie keinerlei Interesse hatte.

»What’s Going On«, sang Marvin Gaye, aber keiner kannte die Antwort.

Und doch war das auch der Augenblick, in dem mich mein Bruder bei der Hand nahm und mich beschützend in seine Welt führte.

Zuvor hatte er die Ränder meines Lebens gesäumt wie ein kreisender Mond, schwankend zwischen Neugier und Gleichgültigkeit, und so wäre es vermutlich geblieben, wäre das Schicksal an jenem folgenschweren, tragischen Nachmittag nicht mit einem Tiroler Reisebus kollidiert.

Er war fünf Jahre älter als ich und hatte blondes, lockiges Haar, das in unserer Familie so ungewöhnlich war wie der brandneue Wagen, den mein Vater eines Tages kaufen sollte. Er war anders als andere Jungen in seinem Alter; ein exotisches Wesen, das sich nachts heimlich den Lippenstift unserer Mutter auftrug, nur um mein Gesicht dann mit Küssen zu übersäen, die mich hinterher aussehen ließen, als hätte ich einen allergischen Ausschlag. Das war sein Ausweg aus einer zu konservativen Welt. Die stille Rebellion eines absoluten Außenseiters.

Ich wuchs zu einem wissbegierigen, begabten Kind heran; eines, das im zarten Alter von vier Jahren schon lesen und buchstabieren konnte und Gespräche zu führen vermochte, die eigentlich achtjährigen Kindern vorbehalten waren. Meine Verbündeten waren aber weder Frühreife noch Hochbegabung, sondern dieser ältere Bruder, der inzwischen total verrückt nach Noël Coward und den Liedern von Kander and Ebb war. Er bot eine farbenfrohe Alternative zu einem fest vorgeplanten Leben. Und jeden Tag, wenn ich auf seine Rückkehr aus der Schule wartete, war ich voll gespannter, ja fast körperlicher Sehnsucht. Ohne ihn fühlte ich mich nicht ganz. Tatsächlich würde sich das auch nie ändern.

»Liebt Gott jeden?«, fragte ich meine Mutter und streckte meinen Arm über eine Schale Sellerie, um das letzte Stück Teegebäck zu ergattern. Mein Vater blickte von seinen Akten auf. Er blickte immer auf, wenn jemand Gott erwähnte. Es war ein Reflex, als erwarte er, geschlagen zu werden.

»Natürlich tut er das«, antwortete meine Mutter und hielt beim Bügeln inne.

»Liebt Gott auch Mörder?«, bohrte ich weiter nach.

»Ja«, sagte sie. Mein Vater sah sie an und gab einen missbilligenden Laut von sich.

»Auch Räuber?«

»Ja.«

»Auch Kaka?«

»Kaka ist kein lebendiges Wesen, Schatz«, sagte sie ernst.

»Aber wenn es eins wäre, würde Gott es dann lieben?«

»Ja, ich nehme an, das würde er.«

Das war nicht wirklich hilfreich. Gott liebte alle, wie es schien, außer mich. Ich pulte das letzte Stückchen Schokoverzierung vom Keks und legte die Marshmallow-Marmeladenfüllung frei.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte meine Mutter.

»Ich geh nicht mehr in die Sonntagsschule.«

»Halleluja!«, rief mein Vater. »Da bin ich aber froh.«

»Aber ich dachte, es hat dir dort gefallen?«, sagte meine Mutter.

»Nicht mehr«, erwiderte ich. »Mir hat eigentlich sowieso nur das Singen gefallen.«

»Singen kannst du auch hier«, meinte mein Vater und wandte sich wieder seinen Akten zu. »Alle können hier singen.«

»Gibt es einen bestimmten Grund dafür?«, wollte meine Mutter wissen, die merkte, dass ich etwas zurückhielt.

»Nö.«

»Willst du über irgendetwas reden?«, fragte sie leise und griff nach meiner Hand. (Sie hatte angefangen, ein Buch aus Amerika über Kinderpsychologie zu lesen. Darin wurden Eltern dazu aufgefordert, ihre Kinder zu ermuntern, über ihre Gefühle zu sprechen. Uns brachte es dazu, überhaupt keinen Piep mehr sagen zu wollen.)

»Nö«, sagte ich noch einmal gepresst.

Es handelte sich bloß um ein einfaches Missverständnis. Alles, was ich in der Sonntagsschule angedeutet hatte, war, dass Jesus Christus ein Unfall war, mehr nicht; eine ungeplante Schwangerschaft.

»Ungeplant, ach wirklich?«, brüllte der Pfarrer. »Und woher hast du solch frevelhafte Abscheulichkeiten, du gottloses Kind?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Nur so eine Idee.«

»Nur eine Idee?«, wiederholte er. »Glaubst du vielleicht, der Herr liebt diejenigen, die seinen göttlichen Plan in Frage stellen? Ich sage dir eins, Fräulein, das tut er nicht.« Sein Arm schoss vor und zeigte auf meinen Verbannungsort. »In die Ecke!«, befahl er, und ich ging hinüber zu dem Stuhl, der zur feuchten, bröckelnden Wand gedreht stand.

Dort saß ich und dachte an die Nacht, in der meine Eltern in mein Zimmer geschlichen kamen und sagten: »Wir würden gern etwas mit dir bereden. Es geht um etwas, was dein Bruder immer zu dir sagt. Darüber, dass du ein Unfall warst.«

»Ach das«, sagte ich.

»Also, du warst kein Unfall«, sagte meine Mutter, »nur nicht geplant. Wir haben nicht wirklich mit dir gerechnet. Dass du kommst, meine ich.«

»Wie Mr Harris?«, fragte ich. (Mr Harris war ein Nachbar, der immer zu wissen schien, dass wir uns gerade zum Essen hingesetzt hatten und dann vor der Tür stand und etwas von uns wollte.)

»So ungefähr«, sagte mein Vater.

»So wie Jesus?«

»Genau«, erwiderte meine Mutter leichtsinnig. »Genau wie Jesus. Es war wie ein Wunder, als du kamst, das beste Wunder überhaupt.«

Mein Vater verstaute seine Unterlagen in der abgewetzten Aktentasche und setzte sich zu mir.

»Du musst nicht in die Sonntagsschule oder in die Kirche gehen, damit Gott dich liebt«, sagte er. »Oder damit dich irgendwer liebt. Das weißt du doch, oder?«

»Ja«, sagte ich, ohne ihm zu glauben.

»Wenn du älter bist, wirst du das besser verstehen«, fügte er noch hinzu. Aber solange konnte ich nicht warten. Ich hatte bereits beschlossen, dass ich, wenn dieser Gott mich schon nicht lieben konnte, jemand anderen finden musste, der es tun würde.

»Was wir brauchen, ist ein weiterer Krieg«, sagte Mr Abraham Golan, mein neuer Nachbar von nebenan. »Der Mensch braucht Krieg.«

»Der Mensch braucht Hirn«, widersprach ihm seine Schwester Esther und zwinkerte mir zu, während sie um seine Füße herumsaugte und dabei einen losen Schnürsenkel erwischte, der im Staubsaugerrohr steckenblieb und den Geruch von verschmortem Gummi im Wohnzimmer verbreitete. Ich mochte den Geruch von verschmortem Gummi. Und ich mochte Mr Golan. Mir gefiel die Tatsache, dass er in seinem Alter mit seiner Schwester zusammenwohnte und nicht mit einer Ehefrau und hoffte, dass mein Bruder sich später vielleicht auch einmal so entscheiden würde.

Mr Golan und seine Schwester waren im September in unsere Straße gezogen, und im Dezember hatten sie all ihre Fenster mit Kerzen geschmückt, um ihren Glauben an das Licht zu verkünden. Es war ein milder Spätsommertag, und mein Bruder und ich lehnten an unserer Hauswand und sahen, wie der blaue Pickford Transporter in unserer Straße auftauchte. Wir beobachteten, wie Kisten und Möbel achtlos aus dem Wagen getragen wurden, von Männern mit Zigaretten im Mundwinkel und Zeitungen in der Gesäßtasche.

»Sieht so aus, als wäre irgendwas in diesem Sessel gestorben«, bemerkte mein Bruder, als einer der Männer mit dem Möbelstück an uns vorbeikam.

»Woher willst du das denn wissen?«, fragte ich.

»Weiß ich eben«, erwiderte er und tippte sich an die Nase, um mir zu verstehen zu geben, dass er einen sechsten Sinn für so etwas habe. Und das, obwohl die anderen fünf sich schon oftmals als heikel und unzuverlässig erwiesen hatten.

Ein schwarzer Lincoln Zephyr fuhr vor und parkte ungeschickt auf dem Gehweg vor dem Haus. Ein alter Mann stieg aus, ein Mann, der älter aussah als irgendjemand, den ich je gesehen hatte. Er hatte schlohweißes Haar und trug ein cremefarbenes Jackett aus Cordsamt, das an ihm herunterhing wie schlaffe Haut. Er blickte sich zu beiden Seiten der Straße um, bevor er zur Eingangstür eilte. Als er an uns vorbeikam, blieb er kurz stehen und sagte: »Guten Morgen.« Er hatte einen seltsamen Akzent– ungarisch, wie wir später erfuhren.

»Sie sind aber alt«, sagte ich. (Eigentlich hatte ich »Hallo« sagen wollen.)

»Ich bin so alt wie die Zeit«, erwiderte er und lachte. »Wie heißt du?«

Ich nannte ihm meinen Namen, er streckte mir die Hand entgegen, und ich schüttelte sie ganz kräftig. Ich war vier Jahre, neun Monate und vier Tage alt. Er war achtzig. Und doch löste sich der Altersunterschied zwischen uns so rückstandslos auf wie Aspirin in Wasser.

Bald schon vermied ich es, auf der Straße zu spielen und verbrachte die Zeit stattdessen in Mr Golans verbotener Welt aus Kerzen und Gebeten. Alles dort war ein Geheimnis, und ich hütete jedes einzelne wie ein zerbrechliches Ei. Er sagte mir, dass an Samstagen nichts außer dem Fernseher benutzt werden durfte, und wenn er aus der Schul heimkam, aßen wir exotische Gerichte. Gerichte, die ich noch nie zuvor gegessen hatte, wie Matzenbrot und gehackte Leber und Heringe und Gefilte Fisch– Gerichte, die »die Erinnerung an das alte Land« weckten, sagte er.

»Ah, Cricklewood«, sagte er dann und wischte sich eine Träne aus den blauen, feuchten Augen. Erst später am Abend erfuhr ich von meinem Vater, der bei mir am Bett saß, dass Cricklewood weder an Syrien noch an Jordanien grenzte und dass es gewiss keine eigene Armee hatte.

»Ich bin Jude«, sagte Mr Golan eines Tages zu mir, »aber vor allen Dingen bin ich Mensch.« Ich nickte, als würde ich wissen, was er meinte. Die Wochen vergingen, und ich hörte seinen Gebeten zu, dem Schma Jisrael, und war überzeugt, dass kein Gott so schöne Klänge ignorieren konnte. Oft griff er auch zu seiner Violine und überließ es den Noten, dem göttlichen Herzen die Worte zuzutragen.

»Hörst du, wie sie weint?«, fragte er mich, während der Bogen über die Seiten glitt.

»Ja, ja ich höre es«, antwortete ich.

Ich saß oft stundenlang da, lauschte der traurigsten Musik, die Ohren ertragen konnten, und war dann, wenn ich nach Hause kam, oft nicht in der Lage zu essen, nicht einmal in der Lage zu sprechen, und eine tiefe Blässe lag auf meinen kindlichen Wangen. Dann setzte sich meine Mutter an mein Bett, legte mir die kühle Hand auf die Stirn und sagte: »Was hast du? Bist du krank?« Aber was konnte ein Kind schon sagen, das begonnen hatte, den Schmerz eines anderen zu verstehen?

»Vielleicht sollte sie nicht so viel Zeit mit dem alten Abraham verbringen«, hörte ich meinen Vater vor meiner Zimmertür sagen. »Sie braucht Freunde in ihrem Alter.« Aber ich hatte keine Freunde in meinem Alter. Und ich konnte mich nicht von ihm fernhalten.

»Das Erste, was wir finden müssen«, sagte Mr Golan, »ist ein Grund zu leben.« Er betrachtete die kleinen, bunten Pillen in seiner Handfläche und schluckte sie dann schnell hinunter. Er fing an zu lachen.

»Okay«, sagte ich und lachte auch, obwohl der Schmerz in meiner Magengegend, den ich spürte, Jahre später von einem Psychologen als »Nervensache« erkannt werden würde.

Dann öffnete er das Buch, das er immer bei sich trug, und sagte: »Warum sollte man sich ohne einen Grund damit herumplagen? Existenz erfordert einen Zweck: damit man in der Lage ist, die Qualen des Lebens mit Würde zu tragen, damit wir einen Anlass haben, weiterzumachen. Der Sinn muss unser Herz erfüllen, nicht unseren Kopf. Wir müssen den Sinn unseres Leidens begreifen.«

Ich betrachtete seine alten Hände, die so trocken waren wie die Seiten, die er damit umblätterte. Er sah nicht mich an, er sah zur Decke, als seien seine Ideale bereits dem Himmel verpflichtet. Ich konnte nichts dazu sagen und sah mich gezwungen zu schweigen, gefangen in Gedanken, die so schwer zu verstehen waren. Und bald fing mein Bein an zu jucken; eine kleine Schuppenflechte, die Zuflucht unter meiner Socke gefunden hatte, wurde heiß und schwoll an. Ich musste mich dringend kratzen– erst sachte, aber dann mit einer unersättlichen Vehemenz, die den Zauber aus dem Raum vertrieb.

Mr Golan sah mich etwas konfus an.

»Wo war ich stehengeblieben?«, fragte er.

Ich zögerte einen Moment.

»Leiden«, sagte ich leise.

»Versteht ihr?«, sagte ich später, als sich die Gäste meiner Eltern um den Fonduetopf versammelt hatten. Es wurde still im Raum, nur das Gruyère- und Emmentalergemisch gurgelte leise vor sich hin und verströmte seinen intensiven Geruch.

»Der, der weiß, warum er lebt, kann fast jedes wie ertragen«, sagte ich andächtig. »Das ist Nietzsche«, fügte ich mit Nachdruck hinzu.

»Du solltest längst im Bett sein, statt dir Gedanken über den Tod zu machen«, sagte Mr Harris von Haus Nummer siebenunddreißig. Er war schlecht gelaunt, seit seine Frau ihn vor einem Jahr verlassen hatte, nach einer Affäre mit (getuschelt) »einer anderen Frau«.

»Ich wäre auch gern jüdisch«, verkündete ich, als Mr Harris gerade ein großes Stück Brot in den blubbernden Käse tauchte.

»Darüber reden wir morgen«, sagte mein Vater und füllte die Weingläser nach.

*

Meine Mutter legte sich zu mir aufs Bett. Ihr Parfüm strich mir übers Gesicht wie ein Atemzug, ihre Worte rochen nach Dubonnet und Limonade.

»Du hast gesagt, wenn ich älter bin, kann ich alles sein, was ich will«, sagte ich.

Sie lächelte und sagte: »Das kannst du auch. Aber jüdisch zu werden ist nicht gerade leicht.«

»Ich weiß«, erwiderte ich niedergeschlagen, »ich brauch erst so eine Nummer.«

Plötzlich erstarb ihr Lächeln.

Es war ein schöner Frühlingstag gewesen, als ich ihn danach fragte. Natürlich hatte ich sie schon vorher bemerkt, denn Kindern fällt so etwas auf. Wir waren im Garten, und er krempelte seine Hemdsärmel hoch, und da war sie.

»Was ist das?«, fragte ich und zeigte auf die Nummer auf der dünnen, fast durchsichtigen Haut seines Unterarms.

»Das war einmal meine Identität«, antwortete er. »Im Krieg. In einem Lager.«

»Was für ein Lager?«, wollte ich wissen.

»So etwas wie ein Gefängnis.«

»Hast du etwas Unrechtes getan?«

»Nein, nein«, sagte er.

»Warum warst du dann dort?«, hakte ich weiter nach.

»Ah«, sagte er und hob den Zeigefinger, »die große Frage. Warum waren wir da? Ja, warum waren wir da?«

Ich blickte ihn an, erwartete seine Antwort; aber er gab mir keine. Und dann sah ich wieder auf die Nummer: sechs Ziffern, die scharf und dunkel hervorstachen, als seien sie erst gestern geschrieben worden.

»Es gibt nur eine Geschichte, die aus so einem Ort hervorgeht«, sagte Mr Golan leise. »Eine von Grauen und Leid. Nichts für deine jungen Ohren.«

»Ich würde sie aber gern hören. Ich will über das Grauen Bescheid wissen. Und über das Leid.«

Mr Golan schloss die Augen und legte die Hand auf die Nummer an seinem Arm, als sei sie der Code zu einem Safe, den er nur selten öffnete.

»Dann werde ich sie dir erzählen«, sagte er. »Komm her. Setz dich zu mir.«

Meine Eltern waren im Garten und befestigten gerade ein Vogelhäuschen am kräftigen untersten Ast des Apfelbaums. Ich hörte ihr Lachen und ihre fröhlichen Anweisungen, das »Höher!«, »Nein, niedriger!« ihrer aufeinanderprallenden Blickwinkel. Normalerweise wäre ich mit ihnen da draußen gewesen. Das war eine Aufgabe, an der ich mich früher an einem so schönen Tag mit Begeisterung beteiligt hätte. Aber in den letzten Wochen war ich stiller geworden. Eine Introvertiertheit hatte mich erfasst, die mich immer stärker zu Büchern hinzog.

Ich saß lesend auf dem Sofa, als mein Bruder die Tür öffnete und verlegen im Türrahmen stehen blieb. Er wirkte bekümmert; das konnte ich immer daran sehen, dass sein Schweigen fadenscheinig war und ganz offensichtlich nach einer Störung durch Lärm lechzte.

»Was gibt’s?«, fragte ich und ließ mein Buch sinken.

»Nichts«, erwiderte er.

Ich nahm mein Buch wieder hoch, doch sowie ich es getan hatte, sagte er: »Sie schneiden mir meinen Pimmel ab, weißt du. Oder zumindest ein Teil davon. Sie nennen es Beschneidung. Deshalb war ich gestern im Krankenhaus.«

»Welchen Teil?«, wollte ich wissen.

»Das vorderste Stück«, sagte er.

»Tut das weh?«

»Ja, vermutlich.«

»Warum machen sie es dann?«

»Die Haut ist zu eng.«

»Oh«, sagte ich und muss leicht irritiert gewirkt haben.

»Schau«, sagte er etwas hilfreicher. »Du hast doch diesen blauen Rollkragenpulli? Der, der dir zu klein ist.«

»Ja.«

»Na, und weißt du noch, als du versucht hast, deinen Kopf durchzubekommen und es nicht ging und du steckengeblieben bist?«

»Ja.«

»Na ja, dein Kopf ist wie mein Pimmel. Sie müssen die Haut abschneiden– den Rollkragenteil–, damit der Kopf durchgeht.«

»Und einen Rundhalsausschnitt draus machen?«, sagte ich und klang jetzt schon viel sicherer.

»Ja, so in der Art.«

Tagelang humpelte er und nestelte an seinem Hosenlatz herum wie der Verrückte, der im Park hauste; der Mann, von dem wir uns eigentlich fernhalten sollten, es aber nie taten. Er wich meinen Fragen aus und auch meiner Bitte, es anschauen zu dürfen, aber dann, etwa zehn Tage später, nachdem die Schwellung zurückgegangen war und wir in meinem Zimmer spielten, wollte ich endlich wissen, wie es geworden war.

»Zufrieden damit?«, fragte ich und verputzte meinen letzten Jaffa-Keks.

»Denk schon«, sagte er und versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen. »Ich seh jetzt aus wie Howard. Ich hab einen jüdischen Penis.«

»Genau wie Mr Golans Penis«, sagte ich und ließ mich zurück in mein Kissen sinken, ohne die Stille zu bemerken, die sich unverzüglich im Raum ausgebreitet hatte.

»Woher weißt du, wie Mr Golans Penis aussieht?«

Ein fahler Schimmer legte sich auf sein Gesicht. Ich hörte, wie er schluckte. Schweigen. Draußen das schwache Geräusch eines bellenden Hundes.

Schweigen.

»Woher weißt du es?«, fragte er noch einmal. »Sag’s mir.«

In meinem Kopf hämmerte es. Ich fing an zu zittern.

»Du darfst es niemandem erzählen«, sagte ich.

Er taumelte aus meinem Zimmer und nahm eine Last mit sich, die zu tragen er noch zu jung war. Aber dennoch nahm er sie auf sich und erzählte niemandem davon, wie er es versprochen hatte. Und ich erfuhr nie, was wirklich passiert war, nachdem er in jener Nacht mein Zimmer verlassen hatte. Auch später nicht; er wollte es mir nicht sagen. Aber ich sah Mr Golan nie wieder. Zumindest nicht lebend.

Er fand mich unter der Bettdecke, unter die ich mich verkrochen hatte. Ich war traurig, verwirrt, und ich flüsterte: »Er war mein Freund.« Aber ich war mir nicht mehr sicher, ob das noch meine Stimme war, jetzt, da ich eine andere war.

»Ich besorg dir einen richtigen Freund«, war alles, was er sagte, und er hielt mich im Dunkeln im Arm, so trotzig wie Granit. Und fest zusammengekuschelt taten wir so, als sei das Leben noch genauso wie vorher. Als wir beide noch Kinder waren, und Vertrauen, genau wie die Zeit, noch beständig war. Und selbstverständlich immer vorhanden.

Meine Eltern waren in der Küche und übergossen den Truthahn mit der Bratflüssigkeit. Der Geruch zog durch das ganze Haus und machte meinen Bruder und mich ganz schwindelig, während wir die letzten beiden Schokopralinen aus einer Packung Cadbury Milk Tray verdrückten. Wir standen vor dem Weihnachtsbaum, dessen elektrische Beleuchtung bedrohlich flackerte und knisterte, aufgrund eines defekten Anschlusses irgendwo in der Nähe des Sterns (meine Mutter hatte mich schon eindringlich gewarnt, dort bloß nicht hinzufassen). Wir starrten deprimiert auf die Stapel von ungeöffneten Geschenken, die darunter verstreut lagen; Geschenke, die wir erst nach dem Mittagessen würden öffnen dürfen.

»Nur noch eine Stunde«, sagte mein Vater, der als Elf verkleidet ins Wohnzimmer gehüpft kam. Sein immer noch jugendlich aussehendes Gesicht lugte unter seinem Hut hervor, und mir fiel auf, dass er eher wie Peter Pan aussah als wie ein Elf: eher der ewige Junge als der tückische Waldgeist.

Mein Vater verkleidete sich gern. Und er nahm die Sache ernst. Genauso ernst wie seine Arbeit als Anwalt. Und jedes Jahr überraschte er uns mit einer neuen festlichen Rolle, die er über die gesamten Feiertage beibehielt. Es war so, als wäre ein ungebetener Gast zwangsweise in unser Leben getreten.

»Habt ihr gehört?«, fragte mein Vater. »Nur noch eine Stunde bis zum Mittagessen.«

»Wir sind dann mal draußen«, erwiderte mein Bruder missmutig.

Wir langweilten uns. Alle anderen aus unserer Straße hatten ihre Geschenke bereits ausgepackt und trugen das Nützliche und Nutzlose vor unseren neidvollen Augen zur Schau. Wir saßen niedergeschlagen auf der feuchten Mauer vor unserem Haus. Mr Harris rannte vorbei und präsentierte stolz seinen neuen Trainingsanzug, der unerfreulicherweise einige Stellen zu sehr betonte.

»Den hab ich von meiner Schwester Wendy«, rief er uns zu, bevor er unnötigerweise die Straße hinunterspurtete, die Arme nach einer imaginären Zielmarkierung ausgestreckt.

Mein Bruder sah mich an. »Er hasst seine Schwester Wendy.«

Ich dachte mir nur, dass sie ihn sicher auch nicht gerade gut leiden konnte, während ich zusah, wie der lila-orange-grüne Blitz um die Ecke flitzte und dabei nur knapp Olive Binsbury und ihre Gehhilfe verfehlte.

»Essen!«, rief mein Vater um drei Minuten vor zwei.

»Also dann komm«, sagte mein Bruder. »Auf in den Kampf.«

»Welcher Kampf?«, fragte ich, während mein Bruder mich bereits zum Esszimmer und zum Duft des mit viel selbstlosem Enthusiasmus zubereiteten Essens führte.

Zuerst sah ich nur die Schachtel; den ausgedienten Karton eines Fernsehers, hinter dem der Kopf meines Bruders verschwand. Seine Füße tasteten sich vorsichtig vorwärts wie Blindenstöcke.

»Bin ich schon da?«, fragte er, als er auf den Tisch zusteuerte.

»Fast«, sagte ich.

Er stellte die Schachtel auf dem Tisch ab. Ich konnte feuchtes Heu riechen. Der Karton bewegte sich ruckartig, aber ich hatte keine Angst. Mein Bruder machte die Klappen auf und hob das größte Kaninchen heraus, das ich je gesehen hatte.

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich dir einen richtigen Freund besorge.«

»Ein Kaninchen!«, quietschte ich erfreut.

»Eigentlich ein Hasenkaninchen«, sagte mein Bruder ziemlich väterlich.

»Hasenkaninchen«, hauchte ich, als wäre dieses Wort das Äquivalent zu »Liebe«.

»Wie willst du es nennen?«, fragte er.

»Eleanor Maud«, sagte ich.

»Du kannst es doch nicht nach dir selbst benennen«, sagte mein Bruder lachend.

»Warum nicht?«, fragte ich etwas ernüchtert.

»Weil es ein Junge ist.«

»Oh«, seufzte ich und betrachtete sein kastanienbraunes Fell und seine weiße Blume und die zwei kleinen Köttel, die aus seinem Hinterteil gefallen waren, und dachte bei mir, dass er tatsächlich wie ein Junge aussah.

»Was meinst du denn, wie ich ihn nennen soll?«, fragte ich.

»Gott«, sagte mein Bruder großspurig.

»Lächeln!«, rief mein Vater und hielt mir seine neue Polaroidkamera vors Gesicht. BLITZ! Das Kaninchen zappelte in meinen Armen, und ich wurde für einen Augenblick blind.

»Alles okay?«, fragte mein Vater und klemmte sich die Kamera aufgeregt unter den Arm.

»Ich glaub schon«, sagte ich und lief gegen den Tisch.

»Alle herkommen! Kommt und schaut euch das an!«, rief er, und wir drängten uns um das sich entwickelnde Foto und sagten »Oh!« und »Ah!« und »Da kommt’s!«, während mein verschwommenes Gesicht immer schärfer wurde. Ich fand, dass der neue Kurzhaarschnitt, um den ich gebettelt hatte, seltsam aussah.

»Du siehst hübsch aus!«, sagte meine Mutter.

»Nicht wahr?«, meinte mein Vater.

Aber alles, was ich sehen konnte, war ein Junge, dort, wo ich hätte sein sollen.

Der Januar 1975 war schneefrei und mild. Ein trüber, uninspirierender Monat, in dem Schlitten unbenutzt und gute Vorsätze unausgesprochen blieben. Ich ließ fast nichts unversucht, um meine bevorstehende Rückkehr zur Schule zu verdrängen, aber schließlich trat ich doch durch die schweren, grauen Türen, und die Erinnerung an das vergangene Weihnachtsfest lastete mir schwer auf der Brust. Während ich versuchte, der heimtückischen Trägheit auszuweichen, kam ich zu dem Schluss, dass mir langweilige Wochen bevorstünden. Eintönig und langweilig. Zumindest bis ich um die Ecke bog, denn da war sie, vor meinem Klassenzimmer.

Zuallererst fiel mir ihr Haar auf, wild und dunkel und wollig, das sich aus der Umklammerung des Haarbands befreit hatte, das ihr bis auf die glänzende Stirn gerutscht war. Ihre Strickjacke war zu lang– handgestrickt und von Hand gewaschen–, ausgeleiert vom vielen Auswringen. Sie hing ihr bis zu den Knien und war nur einen Tick kürzer als der graue Rock der Schuluniform, die wir alle tragen mussten. Sie bemerkte mich nicht, als ich an ihr vorbeiging, nicht einmal, als ich hustete. Sie starrte ihren Finger an. Ich drehte mich nach ihr um; ihr Blick hatte sich fest auf die Haut ihrer Fingerspitze geheftet. Sie wandte Hypnose an, wie sie mir später verraten würde.

Ich hielt meinen Klassenkameraden das Bild meines Kaninchens vor die verblüfften Gesichter.

»…und so entschloss sich Gott an Weihnachten schließlich, bei mir zu wohnen«, schloss ich triumphierend meinen Bericht.

Mit einem breiten Lächeln hielt ich inne, voller Erwartung auf meinen Applaus. Aber er kam nicht, der ganze Raum war verstummt und unvermutet plötzlich dunkel geworden; die Deckenbeleuchtung versuchte zwecklos und gelblich gegen die Gewitterwolken anzukommen, die sich draußen zusammenbrauten. Und mit einem Mal fing die Neue, Jenny Penny, zu klatschen und zu jubeln an.

»Sei still!«, schrie meine Lehrerin Miss Grogney, und ihre Lippen verschwanden in einer Linie aus nicht-weltlichem Hass. Ohne dass ich es wusste, war sie der Spross zweier Missionare, die eine halbe Ewigkeit das Wort Gottes in einem unwirtlichen Teil Afrikas gepredigt hatten, nur um dann feststellen zu müssen, dass ihnen die Muslime zuvorgekommen waren.

Ich wollte zu meinem Pult zurückgehen.

»Bleib hier«, sagte Miss Grogney bestimmt, und ich gehorchte. Ich spürte, wie sich ein warmer Druck in meiner Blase aufbaute.

»Glaubst du, es ist angemessen, einen Hasen…«, fing Miss Grogney an.

»Eigentlich ist es ein Kaninchen«, unterbrach Jenny Penny sie. »Man nennt es bloß Hasenkanin…«

»Glaubst du, es ist angemessen, ein Kaninchen Gott zu nennen?«, fuhr Miss Grogney mit Nachdruck fort.

Ich spürte, dass das eine Fangfrage war.

»Glaubst du, es ist angemessen zu sagen: ›Ich habe Gott mit auf einen Einkaufsbummel genommen.‹?«

»Aber das habe ich nun mal«, sagte ich.

»Weißt du, was das Wort Blasphemie bedeutet?«, fragte meine Lehrerin.

Ich sah sie ratlos an. Jenny Pennys Arm schoss hoch.

»Ja?«, sagte Miss Grogney.

»Blasphemie bedeutet blöd«, sagte Jenny Penny.

»Blasphemie bedeutet nicht blöd.«

»Dann eben grob«, riet Jenny.

»Es bedeutet«, sagte Miss Grogney laut, »Gott zu beleidigen oder etwas Heiliges. Hast du das verstanden, Eleanor Maud? Etwas Heiliges. Wenn du das in einem anderen Land gesagt hättest, hätte man dich dafür steinigen können.«

Ich erschauderte, denn ich wusste ganz genau, wer dort dann den ersten Stein geworfen hätte.

Jenny Penny wartete am Schultor, hopste von einem Fuß auf den anderen, spielte in ihrer eigenen spektakulären Welt. Es war eine seltsame Welt, eine, die schon bis zum Ende des Vormittags für gemeines Getuschel gesorgt hatte. Und doch war es eine Welt, die mich faszinierte und meinen Sinn für Normalität mit der Entschiedenheit eines tödlichen Schlags zerschmetterte. Ich sah ihr zu, wie sie eine durchsichtige Plastikregenhaube über die wuscheligen Locken, die ihr Gesicht umrahmten, zurrte. Ich dachte, sie warte nur darauf, dass der Regen nachließe, aber tatsächlich wartete sie auf mich.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagte sie.

Ich wurde rot.

»Danke fürs Klatschen«, sagte ich.

»Es war wirklich gut«, erwiderte sie und bekam dabei kaum ihren Mund auf, weil die Schleife der Regenhaube so fest gebunden war. »Besser als die Geschichten von den anderen.«

Ich öffnete meinen pinken Regenschirm.

»Hübsch«, sagte sie. »Der Freund meiner Mutter kauft mir auch so einen. Oder einen mit Marienkäfern drauf. Also, wenn ich brav bin.«

Aber ich interessierte mich nicht mehr so sehr für Regenschirme, jetzt, da sie eine andere Welt erwähnt hatte.

»Warum hat deine Mutter einen Freund?«, fragte ich.

»Weil ich keinen Vater habe. Er ist abgehauen, bevor ich geboren wurde.«

»Mensch«, sagte ich.

»Aber ich nenne ihn ›Onkel‹. Ich nenne alle Freunde meiner Mutter Onkel.«

»Warum?«

»Ist leichter. Mama sagt, die Leute würden sie verurteilen. Sie beschimpfen.«

»Wie denn?«

»Schlampe.«

»Was ist eine Schlampe?«

»Eine Frau, die viele Freunde hat«, erklärte sie, nahm ihre Regenhaube wieder ab und schob sich Zentimeter für Zentimeter unter meinen Regenschirm. Ich rückte zur Seite und machte ihr Platz. Sie roch nach Pommes.

»Magst du ’nen Bazooka?«, fragte ich sie und streckte ihr den Kaugummi auf der Handfläche entgegen.

»Nein«, sagte sie. »Das letzte Mal wäre ich beinahe an so einem erstickt. Wäre beinahe gestorben, sagt meine Mama.«

»Oh«, sagte ich und steckte den Kaugummi wieder in meine Tasche. Ich wünschte, ich hätte stattdessen etwas weniger Bedrohliches gekauft.

»Aber dein Kaninchen würde ich echt gern sehen«, sagte Jenny Penny. »Mit ihm spazieren gehen. Oder hüpfen«, fügte sie hinzu und krümmte sich vor Lachen.

»Okay«, sagte ich und sah ihr beim Lachen zu. »Wo wohnst du denn?«

»In deiner Straße. Wir sind vor zwei Tagen da hingezogen.«

Ich erinnerte mich sofort an das gelbe Auto, über das alle gesprochen hatten, das mitten in der Nacht angekommen war, einen verbeulten Wohnwagen hinter sich her ziehend.

»Mein Bruder wird in ’ner Minute da sein«, sagte ich. »Du kannst mit uns mitgehen, wenn du magst.«

»In Ordnung«, sagte sie, und ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. »Besser, als allein nach Hause zu gehen. Wie ist dein Bruder so?«

»Anders«, sagte ich, unfähig, ein treffenderes Wort für ihn zu finden.

»Gut«, sagte sie und fing wieder an, von einem Bein aufs andere zu hopsen.

»Was machst du da?«, erkundigte ich mich.

»So tun, als würde ich über Glasscherben laufen.«

»Macht das Spaß?«

»Probier’s doch mal aus, wenn du willst.«

»Okay«, sagte ich und probierte es. Und seltsamerweise machte es wirklich Spaß.

Wir schauten die Spielshow The Generation Game im Fernsehen an und riefen »Kuscheltier, Kuscheltier«, als es an der Tür klingelte. Meine Mutter stand auf und blieb eine Weile weg. Sie verpasste fast den ganzen Fließband-Teil, den besten Teil, und als sie wieder hereinkam, beachtete sie uns gar nicht, sondern ging zu meinem Vater hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er sprang auf und sagte: »Joe, pass kurz auf deine Schwester auf. Wir gehen mal nach nebenan. Es dauert nicht lang.«

»Okay«, sagte mein Bruder, und wir warteten darauf, dass die Haustür hinter meinen Eltern ins Schloss fiel. Dann sah er mich an und sagte: »Komm.«

Es war eine kalte Nacht, die Frost versprach, und viel zu rau, um nur Hausschuhe an den Füßen zu tragen. Im Schatten der Hecke schlichen wir flink bis zu Mr Golans Haustür, deren Schloss glücklicherweise nicht zugeschnappt war. Auf der Türschwelle hielt ich inne– es war drei Monate her, seit ich sie zuletzt überschritten hatte; seither wich ich den Fragen meiner Eltern aus. Mein Bruder nahm meine Hand, und zusammen gingen wir den Flur entlang, in dem es nach alten Mänteln und abgestandenem Essen roch, auf die Küchentür zu, wohin uns das Geräusch von gedämpften Stimmen lockte, wie ein Köder.

Mein Bruder drückte meine Hand. »Alles klar?«, flüsterte er. Die Tür war angelehnt. Esther Golan saß auf einem Stuhl, und meine Mutter telefonierte. Mein Vater stand mit dem Rücken zu uns. Niemand bemerkte unser Eintreten.

»Wir glauben, er hat sich umgebracht«, hörten wir unsere Mutter sagen. »Ja. Da sind lauter Tabletten. Ich bin eine Nachbarin. Nein, vorher haben Sie mit seiner Schwester gesprochen. Ja, wir warten hier. Natürlich.«

Ich blickte meinen Bruder an. Er wandte sich ab. Mein Vater ging zum Fenster, und in diesem Moment sah ich Mr Golan wieder. Er lag auf dem Boden; die Beine geschlossen, ein Arm zur Seite ausgestreckt, der andere quer über der Brust, als wäre er beim Tangotanzen gestorben. Mein Bruder versuchte noch, mich zurückzuhalten, aber ich entwischte seiner Hand und schlich mich näher ran.

»Wo ist seine Nummer?«, fragte ich laut.

Alle fuhren zu mir herum und starrten mich an. Meine Mutter ließ den Hörer sinken.

»Komm da weg, Elly«, sagte mein Vater und griff nach mir.

»Nein!«, sagte ich und machte mich los. »Wo ist seine Nummer? Die an seinem Arm? Wo ist sie?«

Esther sah meine Mutter an. Mutter wandte sich ab. Esther breitete die Arme aus: »Komm her, Elly.«

Ich ging zu ihr. Stellte mich vor sie hin. Sie roch nach Süßigkeiten. Türkischer Honig, vermutete ich.

»Er hatte nie eine Nummer«, sagte sie sanft.

»Hatte er wohl. Ich hab sie gesehen.«

»Er hatte nie eine Nummer«, wiederholte sie leise. »Er hat sie sich immer aufgemalt, wenn er traurig war.«

Und da wurde mir bewusst, dass die Nummer, die immer aussah, als sei sie erst gestern gemalt worden, es womöglich auch war.

»Das versteh ich nicht«, sagte ich.

»Das sollst du auch gar nicht«, sagte mein Vater verärgert.

»Aber was ist dann mit diesen schlimmen Lagern?«, fragte ich.

Esther legte mir die Hände auf die Schultern. »Oh, diese Lager gab es wirklich und auch das Grauen dort, und wir dürfen das nie vergessen.«

Sie zog mich an sich; ihre Stimme zitterte ein wenig. »Aber Abraham war nie dort«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Nie dort… Er war geistig verwirrt«, fügte sie ganz beiläufig hinzu, als spreche sie über eine neue Haarfarbe. »Er kam bereits 1927 in dieses Land und hatte ein glückliches Leben. Manche würden es vielleicht auch selbstsüchtig nennen. Durch seine Musik kam er viel herum und feierte große Erfolge. Solange er seine Tabletten nahm, war er mein guter alter Abe. Aber wenn er sie nicht nahm– nun ja, dann wurde er zum Problem; für sich selbst und für andere…«

»Warum hat er mir dann all diese Sachen erzählt?«, fragte ich, und Tränen liefen mir über die Wangen. »Warum hat er mich angelogen?«

Sie wollte schon etwas sagen, als sie plötzlich abrupt innehielt und mich anstarrte. Heute glaube ich, dass das, was sie in meinen Augen sah und ich in ihren– die Angst– daher rührte, dass sie wusste, was passiert war. Also streckte ich die Hand nach ihr aus, nach ihr, dem Rettungsanker.

Sie wandte sich ab.

»Warum hat er dich angelogen?«, sagte sie hastig. »Schuldgefühle, das ist alles. Manchmal hält das Leben zu viel Gutes für einen bereit. Man fühlt sich dessen nicht würdig.«

Esther Golan ließ mich ertrinken.

Meine Mutter schob es auf den Schock, eine verspätete Reaktion auf den plötzlichen Tod ihrer Eltern. So habe es angefangen mit ihrem Knoten, sagte sie, während sie die Bakewell-Torte auf den Küchentisch stellte und uns Teller reichte. Der Auslöser einer widernatürlichen Energie, sagte sie, die aufgewirbelt werde und immer mehr an Schwungkraft gewinne, bis man es eines Tages, wenn man sich nach dem Baden abtrockne, in der Brust spüre. Und man wisse, dass er dort nicht sein sollte, aber man ignoriere es, und die Monate vergingen, und die Angst lasse ihn noch größer werden, und dann sitze man eines Tages beim Arzt und sage: »Ich habe da einen Knoten gefunden«, während man seine Strickjacke aufknöpfe.

Mein Vater war sich sicher, dass es ein bösartiger Knoten sei. Nicht etwa, weil meine Mutter genetisch dazu veranlagt war, sondern weil er stets auf der Hut war vor dem Saboteur seines wunderbaren Lebens. Nachdem meine Mutter den Knoten gefunden hatte, glaubte er auf einmal, dass das Gute nicht ewig währen würde, und dass selbst ein Glas, das gerade noch halbvoll war, ganz plötzlich halbleer sein konnte. Es war seltsam, mit anzusehen, wie sein Idealismus so schnell dahinschmolz.

Meine Mutter würde nicht lange fort sein, höchstens ein paar Tage für die Biopsie und die genaue Diagnose, und sie packte mit einer gelassenen Zuversicht, als würde sie Urlaub machen. Sie nahm nur ihre beste Kleidung mit und auch Parfüm und sogar einen Roman– einen, den sie als gutes Buch bezeichnete. Die Oberteile wurden sorgsam zusammengelegt, und ein kleines Lavendel-Duftsäckchen wurde zwischen die Baumwolle und das Seidenpapier geschoben, so dass die Ärzte schon bald rufen würden: »Sie riechen aber gut! Das ist Lavendel, oder?« Und sie würde den Medizinstudenten huldvoll zunicken, die sich um ihr Bett versammelt hatten, damit ihr einer nach dem anderen seine Diagnose überbringen konnte, über das Geschwulst, das unerlaubt Zuflucht in ihr gefunden hatte. Sie packte auch einen nagelneuen Pyjama in ihre kleine Reisetasche mit dem Schottenmuster. Ich ließ meine Hand über den Stoff gleiten.

»Er ist aus Seide«, sagte meine Mutter. »Nancy hat ihn mir geschenkt.«

»Nancy kauft dir aber schöne Geschenke, nicht?«

»Sie kommt für eine Weile her, weißt du.«

»Ja, ich weiß.«

»Um Papa zu helfen, auf dich aufzupassen.«

»Ich weiß.«

»Das ist doch gut, oder?«, fragte sie.

(Da war er wieder, der Ratgeber aus Amerika, und das Kapitel hieß: »Wie man Kindern schwierige Dinge mitteilt«.)

»Ja«, sagte ich leise.

Es war seltsam, dass sie wegging. Bisher war sie vorbehaltlos und beständig präsent gewesen. Immer da. Wir waren ihre Karriere, und vor langer Zeit schon hatte sie die andere Welt aufgegeben und sich stattdessen dazu entschlossen, Tag und Nacht für uns da zu sein, in beständiger Wachsamkeit. Ihr Schild, wie sie uns eines Tages anvertrauen würde, gegen den Polizeibeamten an der Tür, gegen den Fremden am Telefon, gegen die düstere Stimme, die verkündete, dass der Lebensfaden wieder einmal gerissen war: gegen diesen nicht zu flickenden Riss, der im Herzen beginnt.

Ich saß auf dem Bett und vermerkte innerlich ihre guten Eigenschaften, auf eine Weise, die sich die meisten Menschen für eine Grabinschrift vorbehalten würden. Meine Angst war so leise wie ihre sich stetig vermehrenden Zellen. Meine Mutter war schön. Sie hatte wundervolle Hände, die ein Gespräch mit ihr zu etwas Höherem erhoben. Wäre sie taubstumm gewesen, dann wären die Gesten der Gebärdensprache bei ihr sicher so elegant wie die Verse eines Dichters. Ich betrachtete ihre Augen: blau, blau, blau; genau wie meine. In Gedanken sang ich die Farbe vor mich hin, bis sie mich überschwemmte wie Meerwasser.

Meine Mutter hielt inne, streckte sich und legte sanft die Hand auf ihre Brust. Vielleicht sagte sie dem Knoten Lebewohl, oder stellte sich gerade den Schnitt vor. Vielleicht stellte ich ihn mir vor.

Ich erschauderte und sagte: »Ich habe auch einen Knoten.«

»Wo?«, fragte sie.

Und ich zeigte auf meine Kehle, und sie zog mich an sich und hielt mich fest, und ich konnte den Lavendelduft riechen, den ihre Bluse verströmte.

»Wirst du sterben?«, fragte ich, und sie lachte, als habe ich gerade einen Witz gemacht, und dieses Lachen bedeutete mir mehr als jedes »Nein«.

Tante Nancy hatte keine Kinder. Sie mochte Kinder, zumindest sagte sie, dass sie uns mochte, doch oft hörte ich, wie meine Mutter sagte, dass in Nancys Leben wirklich kein Platz sei für Kinder. Was ich ziemlich seltsam fand, besonders, weil sie ganz allein in einer ziemlich großen Wohnung in London lebte. Nancy war ein Filmstar; kein Superstar nach heutigen Maßstäben, aber immerhin ein Filmstar. Außerdem war sie lesbisch, und das gehörte genauso zu ihr wie ihr schauspielerisches Talent.

Nancy war die jüngere Schwester meines Vaters, und sie sagte immer, er habe das Köpfchen und das Aussehen abbekommen und sie das, was dann noch übrig war. Aber wir alle wussten, dass das eine Lüge war. Wenn sie ihr Filmstarlächeln aufblitzen ließ, konnte man sehen, weshalb die Leute so verliebt in sie waren, und warum wir dann alle nur noch eine Nebenrolle spielten.

Sie war launisch; ihre Besuche oft flüchtig. Doch dann tauchte sie plötzlich einfach auf– manchmal wie aus dem Nichts–, eine feenhafte Patentante, deren einzige Aufgabe darin bestand, alles zum Guten zu wenden. Wenn sie über Nacht blieb, schlief sie bei mir im Zimmer, und ich hatte immer das Gefühl, das Leben sei irgendwie strahlender, wenn sie da war. Ihre Anwesenheit machte selbst die Stromausfälle wett, unter denen das Land damals litt. Sie war großzügig, nett, und immer roch sie geradezu himmlisch. Ich habe den Duft nie etwas Bestimmtem zuordnen können; es war einfach ihr eigener. Die Leute sagten, ich sähe aus wie sie, und obwohl ich es niemals laut aussprach, liebte ich die Tatsache, dass es stimmte. Einmal sagte mein Vater, Nancy sei zu schnell erwachsen geworden. »Wie kann man denn zu schnell erwachsen werden?«, fragte ich. Er sagte mir, ich solle das ganz schnell wieder vergessen, aber das tat ich nie.

Im Alter von achtzehn Jahren schloss Nancy sich einer radikalen Theatergruppe an. Sie tingelten in einem alten Bus durchs Land und begeisterten die Menschen in Pubs und Clubs mit ihrem Improvisationstheater. Das Theater sei ihre erste große Liebe, verkündete sie später immer in Talkshows. Dann brachen wir, die wir uns vor dem Fernseher versammelt hatten, jedes Mal in Gelächter aus und riefen: »Lügnerin!« Denn wir wussten alle, dass in Wahrheit Katherine Hepburn ihre erste große Liebe war. Nicht die Katharine Hepburn, sondern eine weltverdrossene, korpulente Bühnenmeisterin, die ihr nach der Aufführung des wenig verheißungsvollen Zweiakters Zur Hölle und zurück und das ist auch gut so ihre rückhaltlose Liebe gestand.

Sie waren gerade in einem kleinen Dorf irgendwo vor Nantwich, und Nancys erstes Erlebnis mit einer Frau fand in einer finsteren Seitengasse hinter einem Pub namens Hen and Squirrel statt. Normalerweise wurde der Platz als Klo benutzt, aber in jener Nacht, sagte Nancy, habe nur der Duft der Romantik in der Luft gelegen. Sie schleppten gerade ein paar Requisiten zurück zum Bus, als Katherine Hepburn Nancy plötzlich an die Mauer drückte und sie küsste, mit Zunge und allem, und Nancy ließ die Schachtel mit den Macheten fallen und keuchte angesichts des Tempos dieses weiblichen Übergriffs. Als sie es später beschrieb, sagte sie: »Es fühlte sich so natürlich und sinnlich an. Als würde ich mich selbst küssen.« Was aus dem Mund einer preisgekrönten Schauspielerin das höchste Lob sein musste.

Mein Vater hatte noch nie zuvor eine Lesbe getroffen, und unglückseligerweise sollte Katherine Hepburn die Erste sein. Denn sie entriss ihm seinen liberalen Deckmantel und enthüllte ein ganzes Arsenal von Vorurteilen. Er verstand nie, was Nancy an ihr fand. Doch alles, was Nancy dazu sagte, war, dass sie eine unglaubliche innere Schönheit besaß. Die sie nach Ansicht meines Vaters allerdings ausgesprochen gut verbarg, denn selbst bei einer mehrtägigen archäologischen Ausgrabung wäre sie nur schwer zutage befördert worden. Und irgendwie hatte er recht. Sie verbarg etwas; und zwar eine Geburtsurkunde, auf der Carole Benchley stand. Sie war ein bekennender Filmfreak, deren Fachkunde im Bereich Kino nur von ihrer Fachkunde, was das Innere von psychiatrischen Anstalten betraf, übertroffen wurde. Sie war eine Frau, die auf dem schmalen Zelluloidgrat zwischen Dorothy aus dem Zauberer von Oz auf ihrem gelben Ziegelsteinweg und uns in unseren Betten wandelte.

»Tut mir leid, dass ich zu spät komme!«, rief Nancy eines Tages, als sie in ein Café gerauscht kam, in dem sie mit Katherine verabredet war.

»Offen gesagt, meine Liebe, interessiert mich das einen Dreck«, sagte Katherine Hepburn.

»Dann ist ja gut«, sagte Nancy und setzte sich zu ihr.

Katherine Hepburn sah sich um und fuhr mit lauter Stimme fort: »Von allen Kaschemmen der ganzen Welt kommt sie ausgerechnet in meine!«

Nancy bemerkte, wie alle im Café sie anstarrten.

»Magst du ein Sandwich?«, fragte sie leise.

»Und wenn ich lügen, stehlen, betrügen oder töten muss– Gott ist mein Zeuge: Ich will nie wieder hungern!«

»Das nehme ich jetzt mal als ein Ja«, erwiderte Nancy und griff nach der Karte.

Die meisten Menschen hätten den fröhlichen Pakt mit dem Wahnsinn, der hier am Werk war, wohl sofort bemerkt, aber nicht Nancy. Sie war jung und abenteuerlustig und erlag dem Reiz ihrer ersten amourösen lesbischen Regungen.

»Aber sie war eine tolle Liebhaberin«, pflegte meine Tante zu sagen, und das war dann immer der Punkt, an dem entweder meine Mutter oder mein Vater aufstand und sagte: »Wie auch immer…« Und mein Bruder und ich warteten vergeblich auf den Rest, der niemals kam, jedenfalls nicht, bis wir älter waren…

*

Ich hatte meinen Vater noch nie weinen sehen. In der Nacht, nachdem meine Mutter ins Krankenhaus gegangen war, war es das erste Mal. Ich saß auf dem Treppenabsatz, und während ich das Gespräch zwischen ihm und Nancy belauschte, konnte ich sein Schluchzen zwischen den Worten hören.

»Aber was ist, wenn sie stirbt?«, sagte er.

Mein Bruder schlich sich die Stufen hinunter, setzte sich neben mich und wickelte uns beide in seine noch warme Bettdecke ein.

»Sie wird nicht sterben«, sagte Nancy entschlossen.

Mein Bruder und ich sahen uns an. Ich spürte, wie sein Herz schneller schlug, aber er sagte nichts, hielt mich nur noch fester.

»Schau mich an, Alfie. Sie wird nicht sterben. Es gibt Dinge, die weiß ich einfach. Du musst darauf vertrauen. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen.«

»Oh Gott, ich würde alles tun«, sagte mein Vater. »Alles! Ich würde alles sein, alles tun, wenn sie nur wieder gesund wird.«

Das war das erste Mal, dass ich Zeuge wurde, wie mein Vater mit einem Gott verhandelte, an den er nie geglaubt hatte. Das zweite Mal würde dreißig Jahre später sein.

Meine Mutter starb nicht. Fünf Tage später kehrte sie zu uns zurück und sah besser aus als seit Jahren. Das Ergebnis der Biopsie war negativ und der gutartige Knoten schnell entfernt. Ich bat darum, ihn sehen zu dürfen– ich stellte ihn mir schwarz wie ein Stück Kohle vor–, aber mein Bruder fuhr mir über den Mund, sagte, ich sei seltsam. Nancy fing an zu weinen, als meine Mutter durch die Tür hereinkam. Sie weinte in den merkwürdigsten Momenten, und das war es wohl auch, was sie zu einer guten Schauspielerin machte. Aber als wir später in seinem Zimmer saßen, erzählte mir mein Bruder, der wahre Grund dafür wäre, dass Nancy, seit sie einander das erste Mal begegnet waren, heimlich in meine Mutter verliebt sei.

Er erzählte mir, wie Nancy einst nach Bristol gefahren war, um das Wochenende bei ihrem Bruder (unserem Vater natürlich) zu verbringen, der dort im Abschlussjahr an der Uni war. Sie gingen in den Mendip Hills wandern, und als die Kälte ihnen in die Knochen kroch, kehrten sie in einen Pub ein und setzten sich, noch immer fast taub vor Kälte, vor das prasselnde Kaminfeuer.

Nancy stand gerade am Tresen und bestellte Bier und Limonade, als eine junge Frau, nass bis auf die Haut, hereinpolterte und zu ihr an die Bar trat. Nancy erstarrte. Sie sah zu, wie die junge Frau einen Scotch bestellte, sah zu, wie sie ihn in einem Zug leerte. Sah zu, wie sie sich eine Zigarette ansteckte. Und lächelte.

Schon bald waren sie in ein Gespräch vertieft. Nancy erfuhr, dass die Frau Kate hieß, und beim vollen Klang ihres Namens begann ihr Puls zu rasen. Kate war im zweiten Studienjahr im Fach Englisch und hatte sich in der Woche zuvor gerade erst von ihrem Freund getrennt– einem ziemlichen Hohlkopf, wie sie sagte