Als Julia mir das Pelzchen gab - Elfriede Eckle - E-Book

Als Julia mir das Pelzchen gab E-Book

Elfriede Eckle

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Beschreibung

Mit Hilfe einer spanischen Niederlassung der Firma Siemens gelingt den Jüdinnen Sina und Annemie mit einem von Annemies Kindern 1943 die Flucht aus Hitler-Deutschland. Bei einer Razzia auf ihren Zug in Frankreich kurz vor der spanischen Grenze werden sie verhaftet und in ein Internierungslager für weibliche politische Gefangene gebracht, sämtlich Frauen, die im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Internationalen Brigaden gegen Francos Faschismus gekämpft haben und sich am Ende in ihrem Idealismus getäuscht sehen. Im Lager entsteht eine enge Freundschaft zwischen Annemie und der Balkanjüdin Julia, einer bulgarischen Intellektuellen, die bei ihrer Flucht aus Spanien ihr Kind zurücklassen musste. Nur durch diese Freundschaft und mit Hilfe eines deutschen Offiziers überlebt Annemie das Lager. Auf der Suche nach Julias Kind wird sie mit einem für Spanien schmerzlichen Thema konfrontiert, das gerade heute wieder aktuell ist, erlebt aber auch die großartige Landschaft Zentralspaniens, die Anmut seiner Feste und Folklore und den Beginn einer großen Liebe: eine Begegnung mit dem echten Spanien, von einer Kennerin meisterhaft und zuweilen aus ironischer Distanz erzählt.

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Seitenzahl: 208

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Elfriede Eckle

Als Julia mir das Pelzchen gab

Roman

Bucheinband.de

Das Buch

Mit Hilfe einer spanischen Niederlassung der Firma Siemens gelingt den Jüdinnen Sina und Annemie mit einem von Annemies Kindern 1943 die Flucht aus Hitler-Deutschland. Bei einer Razzia auf ihren Zug in Frankreich kurz vor der spanischen Grenze werden sie verhaftet und in ein Internierungslager für weibliche politische Gefangene gebracht, sämtlich Frauen, die im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Internationalen Brigaden gegen Francos Faschismus gekämpft haben und sich am Ende in ihrem Idealismus getäuscht sehen. Im Lager entsteht eine enge Freundschaft zwischen Annemie und der Balkanjüdin Julia, einer bulgarischen Intellektuellen, die bei ihrer Flucht aus Spanien ihr Kind zurücklassen musste. Nur durch diese Freundschaft und mit Hilfe eines deutschen Offiziers überlebt Annemie das Lager

Auf der Suche nach Julias Kind wird sie mit einem für Spanien schmerzlichen Thema konfrontiert, das gerade heute wieder aktuell ist, erlebt aber auch die großartige Landschaft Zentralspaniens, die Anmut seiner Feste und Folklore und den Beginn einer großen Liebe: eine Begegnung mit dem echten Spanien, von einer Kennerin meisterhaft und zuweilen aus ironischer Distanz erzählt.

Elfriede Eckle

1939 in Nürnberg geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Oberfranken in der Nähe der Zonengrenze zur damaligen DDR.1959 Abitur in Weißenburg/Bay., anschließend Studium der Anglistik und Romanistik (Spanisch und Italienisch) in Erlangen und Tübingen, Bayrische Staatsprüfung als Dolmetscher und Übersetzer in Englisch und Spanisch, wissenschaftlicher Abschluss als Magister Artium (M.A.).

Wegen des familiären Hintergrunds Schwerpunkt beim Romanistikstudium Sprache und Literatur der spanischen Sefarden.

Lehrtätigkeit im Schuldienst von Baden-Württemberg; danach und bis heute Tätigkeit als freie Übersetzerin und in der Erwachsenenbildung.

Bisherige Buchveröffentlichungen:

»Die poetische Darstellung veränderter visueller Wahrnehmung im Zeitalter der Technik« - Eine komparatistische Analyse von Bildern aus Gedichten des englischen Lyrikers Craig Raine, Berlin 1999 (Logos Verlag).

»Die Bäume weinen um Regen« - Roman, erschienen bei Bucheinband.de Berlin 2008.

1. Auflage 2012

© Bucheinband.de, Ines Neumann, Heidenau

Umschlaggestaltung/Layout: Ines Neumann Gesamtherstellung: Bucheinband.de, Heidenau

Germany 2012

www.bucheinband.de

ISBN 978-3-938293-23-2

ISBN 978-3-938293-27-0 als Ebook

Inhalt

Die Verhaftung

Das Verhör

Im Lager

Protokoll einer manipulierten Aussage

Julias Erzählung

Das Haus

Julias Verschwinden

Eine Botschaft von Julia

Abschied vom Lager

Port Bou

Teil IISpanien

Endlich frei

Barcelona

Das andalusische Haus

Die Bibliothek des Sefarden

Ein Lebenszeichen von Doreth und Ellen

Der Diktator entzieht den Widerstandskämpferinnen die Kinder

Das tote Dorf

Eine Nacht im Kerker der Zivilgardisten

Teil I Frankreich

Die Verhaftung

Annemie fuhr zusammen und murmelte halblaut »Entschuldigung«, mechanisch, tonlos, ohne aufzusehen und ohne zu gewärtigen, dass dies ja ein fremdes Land war und niemand sie verstand. Gleichzeitig erschrak sie, denn sie hatten vereinbart, während ihrer Fahrt durch Frankreich nicht deutsch zu sprechen, um ihre wahre Identität nicht zu verraten.

Sie war an etwas gestoßen, nahm jedoch nicht bewusst wahr, dass der Platz gegenüber jetzt besetzt war, so wenig sie es vorher bemerkt hatte, dass er noch leer war. Auch der Mann, der jetzt auf diesem Platz saß, erschrak und zog blitzschnell seinen Fuß zurück. Er fühlte sich ertappt.

Er war in Lyon zugestiegen und hatte sich auf diesen einzigen noch freien Platz gesetzt. Seitdem beobachtete er sie unablässig. Sie musste es bemerkt haben, sonst hätte sie sich nicht bewegt. Er wandte den Blick verlegen weg, unfähig etwas zu sagen und versuchte, diagonal durch das Abteil an den Gesichtern der übrigen Mitreisenden vorbei aus dem Fenster zu schauen. Doch es gelang ihm nicht. Etwas war in ihrem Gesicht, das seinen Blick immer wieder zurücklenkte. Er blickte starr aus dem Fenster, um der Versuchung nicht zu erliegen und dachte angestrengt nach, was es wohl war, das ihn an ihr so anzog. Unwillkürlich schweifte sein Blick wieder in ihre Richtung. Und dann wusste er es. Es war der Ausdruck von Schmerz in ihrem Gesicht, eine dunkle Tragik. Mit einem Mal wusste er auch, wo er diesen Ausdruck schon einmal gesehen hatte.

Damals, als er noch klein war, nahmen ihn seine Eltern einmal im Jahr mit zu einem Kloster hoch in den Bergen Mallorcas. Sie betrachteten diese Reise als Erfüllung eines Gelübdes, das seine Mutter abgelegt hatte, als er schwer krank gewesen war. Später war er dort Internatsschüler und dann Novize geworden. Nach Ablauf des Noviziats legte er mit zehn anderen jungen Männern das Gelübde ab. Damals geschah es. Als er mit den anderen zum Zeichen seiner Unterwerfung vor dem Hochaltar auf dem Boden hingestreckt lag und sich dann langsam wieder erhob, fiel sein Blick auf das Antlitz des Gekreuzigten, und er erkannte darin diesen Ausdruck von unsagbarem Schmerz, der ihn ergriff und sein ganzes Innere erschütterte. Doch das lag Jahre zurück und dazwischen lag so viel. Der Bürgerkrieg, Francos Sieg, die Entrechtung der Verlierer, das Exil in Frankreich, seine Verhaftung durch die Deutschen als angeblicher Kommunist und Inhaftierung in Buchenwald. Dann vor Kurzem die Freilassung, wahrscheinlich auf Intervention seiner Familie. Er wusste es nicht. Heute, während dieser Fahrt durch das von den Deutschen besetzte Frankreich nach Spanien, sah er diesen Ausdruck wieder. Diesmal im Gesicht eines Menschen aus Fleisch und Blut. Im Gesicht der Unbekannten, die ihm gegenübersaß.

Er blickte wieder aus dem Fenster. Die Gehöfte da draußen in der Ebene glichen bereits denen seiner katalanischen und mallorquinischen Heimat. Grau oder ocker, mit grauen flachen Dächern, im Oberstock zum Teil Bogenfenster ohne Verglasung oder durchbrochenes Mauerwerk, manche auch mit einem Säulenumgang. Die Zypressen zur Rechten des Eingangs beugten sich im Wind, der von den Bergen herunterkam und über die Ebene fegte, von den leeren, ausgetrockneten Feldern die feine braune Erdkrume aufwirbelte und durch die Luft transportierte. Es sah aus wie schmutziger, bräunlicher Nebel.

Das Gesicht der Fremden spiegelte sich in der Glasscheibe der Abteiltür. Durch die Doppelung der Linien wirkte es grau und älter als sie wohl sein mochte. Und wieder dieser Leidenszug. Er konnte es nicht mehr ertragen und begann, die Gesichter der übrigen Mitreisenden zu studieren. Niemand im Abteil sprach. Sicher waren es der Krieg und die Besatzung, die sie so stumm machten. Angst allenthalben. Der eine links neben ihm betrachtete angestrengt die Zeichnungen in einem großen Buch, das auf seinen Knien lag. Lauter schematische Darstellungen der menschlichen Zahnreihen. Weit aufgerissene Mäuler wie von Raubtieren. Vielleicht ein Zahnarzt. Die ältere Frau schräg gegenüber nahm eine Thermosflasche aus ihrer Tasche, schraubte den Becher ab und dreht den breiten Verschlusskorken heraus. Dabei hielt sie die Flasche mit ruhiger Hand senkrecht auf ihrem Knie und drehte mit den Fingerkuppen der Rechten feinfühlig an dem kleinen Kolben in der Mitte des Korkens, wodurch sich dieser langsam lockerte, bis sie ihn herausziehen konnte. Sie goss so etwas wie Tee in den Becher und wollte ihn der jungen Frau reichen. Auffallend waren die ruhigen Bewegungen ihrer Hände, während der Zug über den Weichen schottelte und schleifte. Die andere schob die Hand mit dem Becher weg ohne aufzusehen, worauf die Ältere den Becher dem Jungen gab, der am Fenster saß. Erst jetzt merkte er, dass die beiden Frauen und der Junge zusammengehörten und dass sie keine Franzosen waren.

Der Zug näherte sich Perpignan. Der erste Halt seit Lyon, wo er in dieses Abteil zugestiegen war, und der letzte vor der spanischen Grenze. Die beiden Reisenden links von ihm kamen in Bewegung. Wie auf Verabredung. Ehe der eine sein Buch zuklappte, hielt er es einen Augenblick lang so, dass der andere die Abbildung des weit aufgerissenen Mundes mit dem Zahnschema sehen musste. Wenigstens schien es so. Dieser hatte ein kaum merkliches Zucken des Erkennens im Gesicht. Dann machten sie sich hastig fertig zum Aussteigen, zogen ihre Mäntel über und langten nach den Baskenmützen im Gepäcknetz. Fast gleichzeitig schoben sie die Tür zurück, um auf den überfüllten Gang hinauszutreten. Während sie dies taten, schien es, als berühre der eine mit den Fingern den Handrücken des anderen in einer ausgeklügelten Reihenfolge. Es konnte keine zufällige Berührung sein. Eher ein Code. Doch die Hauptsache, sie waren draußen. Er atmete auf. Sicher würde so kurz vor der spanischen Grenze niemand mehr zusteigen. Er konnte es sich gemütlich machen. Er schloss die Augen.

Es war schon dämmerig. Bei ihm zu Hause bereiteten sie im Winter um diese Zeit immer das Nachtessen zu. In Gedanken sah er Merche, die alte Haushälterin vor sich, wie sie das grüne Öl über einen Holzlöffel in die Casserole gleiten ließ, dann den Reis zufügte und kräftig rührte. Im fest gemauerten Lehm­ofen prasselte das Feuer, das sie mit Mandelschalen schürte. Eine große Sehnsucht stieg in ihm auf, ein wohliges Gefühl, so schön, dass es kaum zu ertragen war.

Ein Ausruf der jungen Fremden riss ihn jäh aus seinen Träumereien. Ein Schrei der Verzweiflung, nachdem sie bisher weder auf irgendetwas reagiert noch gesprochen hatte.

»Wir kommen immer noch weiter von zu Hause weg! Wo gehen wir denn hin?«

Die Ältere fasste sie am Arm. »Annemie, du weißt doch wo wir hingehen.«

Er kannte die Sprache. Im Internierungslager in Sète war er mit einem Deutschen zusammen gewesen, der bei den Internationalen Brigaden gegen Franco gekämpft hatte. Wie er. Und dann natürlich Buchenwald. Die beiden Frauen und der Junge waren also Deutsche. Auf der Flucht. Doch wie war es möglich, dass sie so weit hatten kommen können im besetzten Frankreich? Er blickte der jungen Fremden voll ins Gesicht und glaubte, in ihren blauen Augen eine Bewegung wahrzunehmen. Er hatte das Bedürfnis, sie anzusprechen, sie aufzumuntern. Doch wie und in welcher Sprache? Eigentlich gab es nur ein Wort, das sie mit Gewissheit verstehen würde. Der Name der Stadt, auf deren Bahnhof der Zug gerade zufuhr. Perpignan. Der Name leuchtete von den Stellwerkhäuschen. »Perpignan. Perpignan«, sagte er laut und erschrak beim Klang seiner Stimme. Sie wandte den Kopf und sah ihn an. Wieder vermeinte er, in ihren hellen Augen eine Bewegung wie ein Blinken zu sehen. Mitten hinein in diesen Blickkontakt ein Kreischen der Räder auf den Schienen. Der Waggon schottelte, als wolle er aus den Gleisen springen. Dann kam er zum Stehen. Langsam lösten sie die Hände von den Seitenlehnen, die sie im ersten Schreck umklammert hatten und richteten sich wieder auf. Er fasste sich als erster und trat ans Fenster. In der Dämmerung konnte er sehen, dass man den Zug weit draußen zwischen den Stellwerken gewaltsam zum Stehen gebracht hatte. An den Gleisen entlang standen deutsche Besatzungssoldaten in Uniformmänteln. Auch Hunde. Über die Schienen und die Waggons fuhren die Lichtkegel von Scheinwerfern, richteten sich auf die Fenster, auch auf das Fenster, an dem er stand, so dass er erschrocken zurückfuhr.

Die Tür zum Abteil wurde zurückgeschoben. Die beiden Franzosen stolperten wieder herein und beanspruchten ihre alten Plätze. Es war wieder eng im Abteil. Sie schienen die einzigen, die vorausgeahnt hatten, was sich jetzt gleich abspielen sollte. Denn kauend und würgend kamen sie herein, und während sie ihre alten Plätze wieder einnahmen, zupfte jeder von einem Blatt, das er in der Hand hielt und das wohl ein geheimes Dossier gewesen war, ein Stück nach dem anderen ab und schob es in den Mund. In der Hektik verschluckten sie sich, da ihnen nicht genügend Zeit blieb, das Papier ausreichend einzuspeicheln. Auch gaben sie sich keine Mühe mehr, das alles vor den anderen zu verbergen, deren Solidarität sie offenbar voraussetzten. Niemand sprach. Vom Gang her hörte man, wie Waggontüren aufgerissen wurden, Schreie waren zu hören, das Stampfen von Stiefeln, wie es näher kam. Alle im Abteil lauschten voll Angst. Die beiden Franzosen fuhren bei jedem Schrei zusammen, der von draußen hereindrang, kauten und würgten. Die anderen drückten sich tief in ihre Sitze. Jetzt waren die Stiefel ganz nah. Alle hielten den Atem an. Der Ältere der beiden Franzosen blickte lauernd um sich, während er kaute und schluckte, stand dann ruckartig auf, zog das Fenster herunter bis zum Anschlag, stieg auf seinen Sitz, schwenkte das recht Bein über den Fensterausschnitt, wobei er sich mit beiden Händen am Rahmen festhielt. Er saß nun rittlings auf dem herunter geschobenen Fenster, spähte um sich, ließ den Rest des Papiers, den er noch nicht verschluckt hatte, zu Boden fallen, dreht sich auf dem heruntergedrückten Fenster und ließ sich an der Außenwand des Waggons hinabgleiten. Von draußen hörte man Rufen und das Pfeifen von Schüssen. Doch niemand wagte aus dem Fenster zu schauen, ob er getroffen war. Niemand stand auf, um es wieder zu schließen. Sie saßen wie gelähmt.

Zunächst hatte niemand bemerkt, dass auf dem Boden unterhalb des Fensters ein Stück Papier lag. Der junge Franzose erblickte es und erschrak. Er bückte sich und verharrte in dieser Haltung. Als er sich nach einer Weile wieder aufrichtete, kamen aus seinem Hals pfeifende Geräusche, ein röchelndes Kratzen und Schaben. Sein Gesicht lief rot an. Annemie fixierte ihn aufmerksam, angstvoll. Dann sprang sie auf.

»Ich bin Krankenschwester. Helfen Sie mir! Er erstickt sonst!« rief sie dem dunkelhaarigen Mann zu, der ihr gegenüber an der Tür saß und den sie erst jetzt wahrzunehmen schien, obwohl er sie schon seit Stunden beobachtet hatte. Zusammen mit ihm knöpfte sie dem Franzosen den Wintermantel auf. Zu zweit hoben sie seine Arme hoch und streiften das dicke Kleidungsstück ab. Dann versuchte sie mit aller Kraft, seinen Brustkorb zu kneten und zu massieren, um den Krampf in seinen Atmungsorganen zu lösen. Doch das Papier, das er vor der drohenden Gefahr durch die näher kommenden Stiefel verschluckt hatte, saß offenbar bereits zu tief. Wahrscheinlich hatte es sich durch die Einspeichelung zu einem Bällchen zusammengeklebt und war ihm in die Luftröhre gerutscht. Während sie vorn knetete und der Fremde auf den Rücken klopfte, wurde das Geräusch in der Brust des Franzosen hoch und fiepsend. Die alte Frau sprang auf, riss den Jungen an sich und presste sein Gesicht fest gegen ihren Körper. Er sollte diese Sterbeszene, diesen furchtbaren, banalen Tod, nicht sehen. Der Franzose rang nach Luft, und es hörte sich an wie der Krähversuch eines jungen Hahns, begleitet vom rasselnden Reiben des Papiers in seiner Luftröhre. Der Junge versuchte, sich von den schützenden Händen seiner Großmutter loszureißen, so stark war der Bann, der von diesem unwürdigen Sterben ausging. »Großmutter, lass mich!« Er riss sich gewaltsam los, sah, wie der Sterbende würgte, als müsse er sich übergeben, verzweifelt um sich schlug, zappelte und zuckte. Sein Gesicht verfärbte sich bläulich, seine Augen quollen aus ihren Höhlen. Dann erlahmte sein Körper. Er lag ganz still in Annemies Armen. Nur das fiepsende Geräusch in seiner Brust hielt noch reflexartig an.

»Ist er jetzt tot?« Der Junge schluchzte auf und flüchtete verzweifelt in die Arme seiner Großmutter.

Annemie blickt auf und geradewegs in das Gesicht eines Soldaten, der, in der geöffneten Abteiltür stehend, ungerührt auf die Szene herabblickte. Er schien das Ganze als Unterhaltung zu goutieren. Er klopfte mit dem Gewehrkolben auf den Körper des Franzosen, der schlaff in den Polstern hing.

»Der rührt sich nicht mehr. Der ist mausetot.

Steiner, der läuft uns nicht weg. Sorg dann dafür, dass er hier rauskommt. Und jetzt zu euch! Papiere!«

»Mutter, du hast die Pässe.«

Die alte Frau suchte mit zitternden Fingern in ihrer Tasche.

»Wird’s bald?!«

Der junge Mitreisende sprang ihr bei, indem er dem Soldaten seinen Pass hinhielt und die Entlassungspapiere, die er mit einem Griff aus seiner Brusttasche gezogen hatte.

»Miguel del Árbol Navarro.” Der Besatzer buchstabierte den Namen, als müsse er sich die Zunge abbrechen. Der Spanier reagierte reflexartig auf die Verunstaltung seines Namens und stellte sich mit korrekter Aussprache vor. Der Deutsche sah an ihm vorbei, als sei er Luft: »Priester und Kommunist, wie vereinbart sich das? Feines Logis, Buchenwald. Was? Na, wir haben auch was Feines für euch.«

Dann dreht er sich zu seinem Gehilfen um: »Das ist ein Ding! Was, Steiner?« Er klopfte sich auf die Schenkel und lachte, als habe er einen Witz erzählt. Der Gehilfe hinter ihm versuchte ebenfalls zu lachen, in Pflichterfüllung. Oder aus Angst.

»Und dann reisen sie auch noch erster Klasse, die Kommunisten! So Miguel«, er äffte die spanische Aussprache nach. »Wie heißt der Genosse da?« Wieder klopfte er mit dem Gewehrkolben auf den leblosen Körper.

»Ich weiß es nicht.«

»Du kennst deinen Kameraden nicht? Da musst du dir einen Dummen suchen. Mit mir machst du das nicht.

Aber Sie, junge Frau, Sie sagen mir, wer er ist.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Feine Genossen. So, und jetzt die Papiere!«

Er hatte sie unterschätzt und war zornig.

»Wir werden schon noch alles aus euch herausbringen. Verlasst euch drauf. Was, Steiner?«

Ängstlich hielten ihm die Frauen ihre Pässe hin. Aus dem Pass der Älteren fiel ein Kärtchen heraus, ohne dass sie es merkte. Die Soldaten versuchten angestrengt die Namen zu entziffern und bekamen ebenfalls nichts mit. Blitzschnell stellte der Spanier den Fuß darauf, hob es auf und steckte es in seine Jackentasche. Er hatte Mitleid mit den Frauen, dachte an seine Schwestern. Gern hätte er der Jüngeren den Arm schützend um die Schultern gelegt. Doch sein Gelübde verbot ihm, Frauen zu berühren.

»So, jetzt Abmarsch! Vorwärts! Ich verhafte Sie wegen subversiver Umtriebe.«

Sie nahmen diese Mitteilung gefasst entgegen, keiner erschrak. Der Spanier wohl deswegen, weil er das alles schon einmal mitgemacht hatte, die Frauen, weil sie sich Schlimmeres vorstellen konnten. Der Junge blickte interessiert auf die beiden Soldaten.

»Dürfen wir unsere Mäntel noch anziehen?« fragte die Ältere ruhig. »Draußen ist es kalt.« Das klang fast wie eine Entschuldigung.

»Aber sicher. Wir sind doch keine Unmenschen. Was, Steiner?«

Steiner nickte eilfertig.

Der Vorgesetzte fasste den Spanier im Polizeigriff am Arm und ging mit ihm voraus. Die Frauen mit dem Kind überließ er Steiner. Ihnen traute er offenbar eine Flucht nicht zu. Annemie drehte sich um nach dem leblosen Mann, der auf dem Polster zurückblieb wie ein vergessener Gegenstand. Steiners Vorgesetzter knuffte sie in die Seite.

Das Verhör

Annemie fuhr auf aus dünnem Schlaf. Ihre Glieder waren verkrampft von der Kälte, am Kopf und im Nacken spürte sie einen leichten ziehenden Schmerz. Er war wieder da, der Offizier, der sie abgeführt hatte. Fast überlebensgroß stand er vor ihr, während sie aus ihrer Perspektive am Boden unsicher zu ihm aufblickte.

» So, Frau Ana Maria, jetzt wollen wir beide uns unterhalten. Kommen Sie.«

Er war aufgeräumter als noch vor einigen Stunden, als er sie zusammen mit den anderen am Bahndamm entlang zum Bahnhofsgebäude von Perpignan geführt hatte. Wahrscheinlich hatte er inzwischen gut gegessen, denn er fuhr sich mit der Zungenspitze genüsslich über die obere Zahnreihe, die sich an seiner Oberlippe abzeichnete. Sein leicht säuerlich-fruchtiger Atem streifte sie, als er sich zu ihr nieder beugte, als wolle er ihr aufhelfen. Natürlich, sie hatten auch Wein im besetzten Frankreich, vielleicht sogar Sekt oder Champagner.

»Steiner, ihre Ablösung kommt gleich, dann können Sie etwas essen.«

Sein Ton war fast väterlich.

»So, Frau Ana Maria, jetzt zu Ihnen.«

Es war Annemie, als spräche er zu einer fremden Frau. Auch als sie ihm in seinem Dienstzimmer - einem kleinen Raum hinter einem der Fahrkartenschalter - gegenüber saß, hatte sie das Gefühl eines völligen Unbeteiligtseins. Es ging ja gar nicht um sie. Es ging um die Frau, die Ana Maria hieß. Bei jeder Frage zu ihrer Person ließ er sich den Namen auf der Zunge zergehen. Der Name gefiel ihm ganz offensichtlich. Das merkte sie am Klang seiner Stimme. Sie antwortete ihm mechanisch mit den Sätzen, die sie in ihrem Versteck auf dem Dachboden der Ziegelei eingeübt hatten und an denen nichts stimmte, außer dass die alte Frau da draußen ihre Mutter und der Junge ihr Sohn war. Es war nicht ihre Geschichte. Es war die Geschichte jener anderen Frau, die in das Land gehörte, zu dem sie unterwegs waren, und deren Name in dem Pass stand. Es war eine Fiktion.

Die Geschichte müsse zu den Pässen passen, hatte Marie Tauwaldt gesagt. Annemie blickte zum Fenster, vor dem sich eine Tamariske unter dem Wind verbog und sich fast bis zum Boden neigte. »Tramontana«, hatte der mit ihnen reisende Spanier gesagt, in Frankreich »Mistral«. Das war nicht ihr Land. Es war Niemandsland. Es existierte nicht wirklich. So wenig wie jene Frau existierte. Sie wandte den Blick zurück zum Schreibtisch und ihrem Befrager.

»Und jetzt noch mal zurück zu Ihrer Scheidung. Wann war das? Wo?«

»Der Junge da draußen, ist er Ihr einziges Kind?«

Diesmal machte er eine Pause, so dass sie antworten konnte.

»Er ist mein einziges Kind«, sagte sie und war sich bewusst, dass sie log.

»Ein strammer Junge, könnte deutsch sein.« Er blickte sie prüfend an. Annemie schwieg.

»Ein stolzes Volk, die Spanier. Ist es nicht so?«

Er hob das Kinn, als gäbe es eine Teilhabe an diesem Stolz. Annemie nickte. »Ja, so ist es«, und merkte nicht mehr, dass sie log. Die eingeübte Geschichte war wie ein Haus, in dem man von Zimmer zu Zimmer gehen konnte. Sie fühlte sich wieder wohl in ihr. Und dann die Frage. Sie traf aus dem Hinterhalt wie ein Pfeil. Die Geschichte passte nicht mehr. Ana Marias Haus verschwand im Nebel, und Annemie saß in diesem schäbigen Raum. Sie war ja auf der Flucht. Das fiel ihr jetzt wieder ein.

»Dann haben Sie sich also nach Ihrer Scheidung einer kommunistischen Widerstandsgruppe angeschlossen.«

Weil sie nicht reagierte, wiederholte er die Frage. Sie antwortete auch jetzt nicht, saß nur regungslos da, den Blick auf die Schulterstücke und den Kragen seines Uniformrockes geheftet. Er hatte den Rang eines Majors. Wie ihr geschiedener Mann. Auf ein Verhör wie dieses war sie nicht vorbereitet.

»Frau Ana Maria!?« Es klang spöttisch. Sie fuhr auf. »Was? Ich? Nein. Ich habe in meinem Beruf als Krankenschwester gearbeitet.«

»Als Krankenschwester? Ein schwerer Beruf.«

Er beugte sich interessiert vor.

»Wo haben Sie gearbeitet? Im Bürgerkrieg? In den Lazaretten der Republikaner?«

Nein, sie arbeite schon seit fünf Jahren im Hospital der Barmherzigen Schwestern in Barcelona.

Warum sie in Deutschland gewesen sei. Auf Verwandtenbesuch in Kriegszeiten? Das solle er ihr abnehmen?

Die Tante ihrer Mutter sei dort gestorben. Ihre Mutter habe sehr an dieser Tante gehangen.

Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum und zu ihr hin, ganz nahe.

»Jetzt noch einmal. Sie arbeiten im Hospital der Barmherzigen Schwestern.« Pause.

»Warum haben Sie sich scheiden lassen?« Pause.

»Wegen des Priesters da draußen?«

Bis vor wenigen Minuten war das Lügen so leicht gewesen. Jetzt war die Geschichte aus den Gleisen gesprungen.

»Ich habe mich nicht scheiden lassen«, sagte sie leise. »Mein Mann hat sich von mir getrennt.«

In Spanien gäbe es keine Scheidung, hatte Marie Tauwaldt gesagt.

Warum sie gut Deutsch spräche.

Ihre Mutter sei in Deutschland aufgewachsen.

Er trat einen Schritt zurück, fixierte sie abschätzig.

»Warum soll ich das glauben? Die alte Frau da draußen ist nicht Ihre Mutter, der Junge ist nicht Ihr Sohn. Nur eines ist gewiss, der Priester ist Ihr Liebhaber. Und Sie alle gehören der kommunistischen Internationale an. Der Junge ist dabei nur Tarnung.«

»Das ist nicht wahr«, sagte sie leise.

»Ich knöpfe mir den Jungen vor. Er wird uns alles sagen.«

Annemie setzte sich gerade, blickte ihm voll ins Gesicht.

»Ja, es ist wahr. Ich habe für die Republikaner gearbeitet.«

»Sehen Sie, das wollt ich ja nur wissen.«

Seine Stimme klang gönnerhaft.

»Bitte, tun Sie meinem Jungen nichts.«

»Sehe ich denn aus wie ein Unmensch?«

Er führte sie zurück in die kalte Bahnhofshalle. Sie fröstelte. Die Schlafenden und ihr Bewacher waren die einzigen im Raum. Er schien es nicht so genau zu nehmen wie Steiner, denn er saß zusammengesunken auf seinem Stuhl, wenig militärisch, den Kopf auf die Brust gesenkt, als sei er eingenickt. Sie stand da und blickte auf die Gruppe. Sie konnte sich nicht entschließen, zu ihnen hinüberzugehen und sich wieder neben sie zu setzen.