... Als Sonderführer (K) in Warschau - Dietmar Martin Apel - E-Book

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Dietmar Martin Apel

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Beschreibung

Drei Insektenkundler werden als Sonderführer (K) nach Warschau einberufen. Sie werden der neu gegründeten Forschungsgruppe (C) zugeteilt. Jeder der drei Doktoren bekommt einen bewährten Soldaten als Fahrer, Ausbilder und Leibwächter zur Seite gestellt. Absolute Geheimhaltung und scheinbar unbegrenzte Bewegungsfreiheit können aber nicht vergessen machen, dass die Worte ‚Widerspruch wäre sinnlos‘ wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen. Spät, sehr spät erfahren dann alle, dass ihre Forschungen dazu dienen sollen, die B-Waffen-Forschung durch die Deutsche Wehrmacht und Führung des Reichssicherheitshauptamtes zu ermöglichen und in Gang zu bringen. Die Sonderführer und ihre Beschützer ahnen nicht, dass der polnische Widerstand sich seit geraumer Zeit für sie und ihre Arbeit interessiert. Sie leben und arbeiten in ihrem Mikrokosmos scheinbar unangefochten von der Welt um ihr Labor herum. Fast scheint man am Ziel, da bricht 1944 in Warschau der national-polnische Aufstand aus. Die Ereignisse entwickeln sich in rasender Eile und lassen keinen der Beteiligten unberührt.

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Seitenzahl: 636

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Dietmar Martin Apel

… Als Sonderführer (K)in Warschau

Labor

Roman

BAND 2

Bucheinband.de

2015

Die in diesem Roman handelnden Personen sowie die Handlung selbst sind frei erfunden. Die Orte und die originalen geschichtlichen Gegebenheiten sind in den Roman einbezogen worden. Der Autor setzt seine Hauptfiguren bewusst in die Geschichte des 2. Weltkrieges ein. In diesem Buch werden kulturhistorische, militärische und politische Randprobleme angesprochen und literarisch behandelt. Authentisch sind ebenfalls die abgebildeten Dokumente am Ende des 3. Bandes, woraus der Autor seine Inspiration zu diesem Roman zog.

Dietmar Martin Apel wurde 1956 im sächsischen Freiberg geboren. Seine Kinder- und Schulzeit verlebte er in dem Vorerzgebirgsdorf Braunsdorf bei Freiberg.

Die dreijährige Lehrzeit (Rinderzucht mit Abitur) absolvierte er im damaligen Karl-Marx-Stadt.

Dem Militärdienst schloss sich die Tätigkeit in Betrieben des Außenhandels der ehemaligen DDR an, z. B. DEUTRANS und andere Hafenbetriebe.

Aus der 1976 geschlossenen Ehe sind 2 Söhne hervorgegangen. Seit der Wende 1989 lebt Dietmar Martin Apel allein und ist freischaffend tätig.

Das Bemühen, historische Originaldokumente für spätere in der Geschichte fußende Romane zu beschaffen, nahm Jahre in Anspruch.

... Als Sonderführer (K) in Warschau umfasst 3 Bände.

1. Band Einberufung

2. Band Labor

3. Band Aufstand

vollständige Ebook-Ausgabe des gleichnamigen Buches

2. komplett überarbeitete Auflage 2015

Band 2 der Trilogie

© Bucheinband.de, Ines Neumann, Heidenau

© Dietmar Martin Apel

Umschlagbild: Postkarte mit Foto vom Hotel Bristol um 1940

Umschlagentwurf: Ines Neumann

Gesamtherstellung: Bucheinband.de, Heidenau

Germany 2015

ISBN der eBook-Ausgabe 978-3-938293-46-1

Das Einrichten des Labors geht mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit voran. Ein funktionierender Laborbetrieb baut sich auf. Aus dem anfänglich fast vergnüglichen Beginn wird bitterer Ernst, an dessen Ende der Tod steht.

Es wird geforscht, es wird getestet. Erste Ergebnisse werden gewonnen. Die Forschungsgruppe ›C‹, der das Labor angehört, erreicht einen Spitzenplatz im Rahmen des RSHA.

Aber alles muss streng geheim bleiben. Und dennoch – der polnische Widerstand interessiert sich für dieses Labor.

Über Allem liegt der tödliche Schatten der Geheimhaltung. Völlig überraschend bekommen die Forscher Einblick in eine grauenhafte Welt: Sie dehnen auf Befehl ihre Forschungen auf das Warschauer Ghetto aus.

Im Ghetto wird der jüdische Aufstand vorbereitet. Fischer verrennt sich in eine hoffnungslose Liebe zu den Beschitzer-Mädchen und erwägt, ins Ghetto zu gehen, als der Aufstand dann tatsächlich ausbricht.

Labor

1.

»Pass auf, Mensch, die Gläser!«

»Stell doch die Bretter schräger an die Wand!«

Oder: »Wenn wir den Ofen zum Wasser destillieren in ein anderes Zimmer stellen, könnten wir ohne Aufwand den Zwischenraum damit heizen.«

»Ja. Stimmt. Aber genau dieser Raum ist als Nachtkammer gedacht. Und da ist es naturgemäß immer etwas kühler. Fällt also aus.«

»Könnte man nicht etwas anderes destillieren als Wasser?«

»Schnauze, du Halbsoldat! Für dich ist doch wohl schon Leitungswasser ein starkes Getränk!«

Halblautes Gelächter folgte. Draußen aber vor dem Haus, war von all dem nichts zu hören. Seit dieser ganze Verein dem RSHA angehörte, war hier eine eiserne Disziplin eingezogen. Und das alles innerhalb von Stunden. Es wurde weiter eingeräumt. Es wurden Gläser geschleppt, nummeriert, beschriftet und katalogisiert. Obwohl sie leer waren. Aber die Bewohner der Gefäße würden sich bald einfinden. Das stand fest.

Es wurden Bretter gesägt und Stahlregale verschraubt. Das Inventar wurde so ausgerichtet, dass Schussfreiheit nach allen denkbaren Richtungen bestand. Falls Beschuss durch die Fenster erfolgen würde, flögen die Geschosse durch die Türen und würden dann an den nächsten Wänden aufgefangen. Um das zu gewährleisten, wurden an den Wänden hölzerne, aufrecht stehende Kästen angeschraubt, die danach mit Sand gefüllt wurden. Bei einer Dicke von dreißig Zentimetern würden sie die gewünschte Wirkung haben.

»Innendienstleiter!«

Dieser Ruf! Neumann hasste ihn bereits jetzt aus ganzen Herzen. Niemand sprach ihn mehr mit Namen oder Dienstgrad an. Man brüllte Innendienstleiter und er schoss durch die Gänge. Natürlich nur bei den Sonderführern, aber derer waren drei und das reichte vollständig. Die anderen herumwuselnden Gestalten hatten in dieser Bezeichnung, die ja auch noch Dienststellung war, ihren sprachlichen Fixpunkt gefunden. Als Person war er gar nicht mehr im Gespräch. Er war der Innendienstleiter und damit Schluss!

Die Sonderführer schienen eine geheime Freude daran zu haben, ihn mit diesem verfluchten Wort elektrisieren zu können. Um es mit den Worten seines Vaters auszudrücken: Er sauste herum wie ein Furz in der Gesenkschmiede. Es kam bloß darauf an, dass nichts Unvorhergesehenes von oben kam! Und wer hatte jetzt schon wieder Innendienstleiter! gerufen? Doktor Mühle. Neumann begab sich zum Zentrallabor. Meldung und Männchen entfielen für ihn. Dazu war einfach keine Zeit.

»Herr Doktor Mühle?«

»Innendienstleiter, wenn einer Ihrer wackeren Mitstreiter abkömmlich ist, wäre es schön, wenn er sich mit Handfeger und Kehrschaufel versehen auf den Dachboden bemühen würde. Dort fegt er allen verfügbaren Staub auf und füllt ihn in diese Gläser. Nur Staub. Keinen Bodendreck. Dann soll er zusehen, ob er oben bei den Dachbalken morsches Material findet. Das soll er abbröseln und einglasen. Wespennester sind mitzubringen. Natürlich nur, wenn sie leer sind! Sind sie bewohnt, Meldung an mich. Hier drüben ist auch noch ein Kescher. Falls Käfer, Motten, Spanner oder Spinner zu finden sein sollten. Die sind ebenfalls sofort einzufangen und einzuglasen. Haben Sie mich verstanden?«

Mühle lächelte Neumann an. Neumann lächelte zurück.

»Zu Befehl, Sonderführer. Spinner sofort einfangen.«

Diesmal bekam Dr. Mühle ein beziehungsvolles Grinsen von Neumann zu sehen. Mühle war viel zu sehr Mensch geblieben, um diesen Ball nicht sofort aufzunehmen.

»Herr Neumann, Ihre Erfahrung mag bei hübschen Motten und süßen Käfern ausreichen. Aber schon um eine echte Nonne nach Hause zu bringen, bedarf es Verstand. Den ich Ihnen ganz sicher nicht absprechen will. Und Vorsicht! Bei Spannern und Spinnern habe ich gehört, sie erkennen den Kollegen schon am Gesicht!«

Kaum hatte Mühle ausgesprochen, lachte Fischer schon hemmungslos und laut - verbotenermaßen. Er hatte sich vornübergebeugt und beide Hände auf die Knie gestützt. Sein Mühle! Sein Paul Mühle! Fischer konnte sich gar nicht beruhigen. Neumann wiederum wurde das dämliche Gefühl nicht los, dass hier auf seine Kosten gelacht wurde. Er war leicht angesäuert und indigniert und wartete trotzdem ab, ob Mühle nicht noch ein Anliegen haben könnte, was an offensichtlicher Blödheit die anderen Nummern noch überbieten würde. Mühle sprach Fischer an.

»Arthur, höre auf zu lachen. Das alles ist wirklich wichtig. Glaube mir das. Außerdem bist du jetzt auch eine Art Direktor im Zirkus Eberlein.«

Bei Nennung dieses Namens war das Lachen bei Fischer wie weggewischt. Sein – Paul, du hast recht – klang sehr, sehr ernst. Und als wäre dieser kleine Scherz der Letzte gewesen, begann mit Fischer in Sekundenschnelle eine Wandlung. In genau dieser kurzen Zeitspanne war er in die, ihm von Eberlein zugedachte Dienststellung hineingewachsen. Mehr Zeit brauchte er dafür nicht.

»Neumann, mach den maroden Gesellen klar; bei allen Anweisungen handelt es sich um Befehle ihrer militärischen und disziplinarischen Vorgesetzten. Auch wenn sie dämlich anzuhören sein sollten, sie sind auszuführen. Das geht an unser aller Adresse! Sieh zu, dass keine dämlichen Späße gemacht werden. Fahre ihnen übers Maul, wenn es sein muss! Und deck sie ein mit Arbeit! Wenn die Bengels keinen Überblick haben, was hier gemacht werden soll in der Zukunft, so ist das dringend erwünscht. Es gibt keine Fragen und es gibt keine Antworten. Aber das weißt du selbst.

In deiner Eigenschaft als Innendienstleiter wirst du heute nach Dienstschluss deine dir ganz speziell unterstellte Truppe vergattern. Es wäre gut, wenn du einen Taufpaten dabei hättest. Vielleicht Herrn Dr. Mühle? Paul …?«

Natürlich schlägt Mühle seinem Ziehvater nichts ab. Somit wäre auch das geklärt. Fischer bringt aber noch etwas an.

»Neumann, vergiss nicht, die Kameraden sind nicht zur Kur hier. Wenn einmal der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte und sie haben zu viel Zeit, dann übergib deine Gespenster dem Knoch. Der bringt sie wieder zu soldatischem Benehmen. Eigentlich können sie einem leidtun. Die Ruhezeiten sind eisern einzuhalten. Auch wird immer aufgegessen. Wir alle brauchen unsere Nerven und unsere Kraft. Das wäre meinerseits erst einmal alles. Innendienstleiter, es geht los.«

Neumann hatte Fischer aufmerksam zugehört. Schließlich war er ihm ja nun unterstellt. Sofort als Fischer geendet hatte, fragte Dr. Mühle freundlich: »Aber Sie denken auch an mich, ja?«

Neumann hatte gerade ein genauso freundliches »Aber natürlich, Herr Doktor« ausgesprochen, da erklang der ihm bereits bekannte und verhasste Ruf erneut.

»Innendienstleiter!«

Dr. Becker - das der so brüllen kann! Becker war nicht Mühle! Also sofort kehrt und nachgefragt! Und sich exakt aufbauen.

»Sonderführer Doktor Becker!«

Klack! Die Hacken zusammen.

»Einer der Titel reicht völlig, mein Lieber. Aber sagen Sie einmal, ist einer Ihrer Prachtbengels noch verfügbar?«

»Für Sie aber immer doch!«

»Der soll mal bloß kein Moos ansetzen und sich einen Spaten schnappen. Dazu Gläser. Aber solche mit Deckel. Und irgendwo hier im Grünen ein Loch in die Erde hauen. Einen Meter tief. Das wird hart, das weiß ich ja nun selbst. Alles, was nach Engerling, Raupe, Made oder Larve aussieht, wird eingeglast. Mit Umgebungserde. Auffindtiefe notieren. Das bedeutet, der Mann darf kein Hängeohr sein. Kriegen Sie das hin?«

»Jawoll, Sonderführer!«

»Am Besten, Sie fragen, wer ein bisschen gärtnerische Erfahrung hat. Der muss die Erde zerkrümeln. Ein bisschen Wasser dazu und das Glas verschließen. Und wenn er die Gläser voll haben sollte und sie einbringt, dann soll er damit nicht auf die Schnauze fallen. Alles schon passiert! Gut wäre es, wenn er Erdwespen oder Bienen, Hummeln oder gar Hornissen entdecken würde. Sagen Sie ihm, in dem Fall soll er ganz ruhig bleiben, auch wenn es schwerfällt. Warten, bis sich alles beruhigt hat und dann erst hierher kommen. Sonst haben wir hier summenden Besuch. Ein bisschen Mut sollte er schon haben. Ganz wichtig: Es werden keine Tiere erschlagen oder anderweitig abgemurkst. Das wäre dann ganz abscheulicher Kameradenmord! Konnten Sie mir folgen, Innendienstleiter?«

»Jawoll, Sonderführer!«

»Sie haben den Eindruck, als wären Sie hier von lauter Idioten umgeben, habe ich recht?«

»Jawoll, Sonderführer!«

»Da mögen Sie durchaus nicht immer im Unrecht sein, aber glauben Sie mir, das alles hat Methode. Innendienstleiter, Ausführung!«

»Jawoll, Sonderführer!«

»Danke, Herr Neumann. Auch für Ihre Geduld. Wir drei Sonderführer wissen zu schätzen, was Sie hier leisten.«

»Danke schön, Herr Doktor!«

»Ist mir eine Freude. Wie sagen die Schotten? Wenn die Pflicht ruft, gibt es viele Schwerhörige? Nun aber wirklich los!«

Beide nickten einander fast privatim zu und ein jeder ging in seine Richtung. Der eigenen Gedanken voll. Wenn jetzt einer Innendienstleiter brüllt, dann haue ich dem eine in die Fresse!, dachte sich Neumann, der nun endgültig auf dem Wege war, um Beckers und Mühles Befehle auszuführen.

Es kam aber nicht dazu. Lediglich Dr. Neckstein trat an ihn heran und bat darum, dass das Mittagessen und der Kaffee pünktlich zubereitet sein sollten. Aber nur, wenn es sich irgendwie machen ließe. Bei der Anrede sagte Neckstein aber wie aus alter Gewohnheit Herr Neumann zu ihm. Damit war Neumann von seinem eigenen Versprechen, den nächsten Innendienstleiter-Brüller zu verprügeln, erfreulicherweise entbunden. Außerdem fand Neckstein auch noch andere verbindliche Worte des Dankes und der Anerkennung. Darüber war Neumann wieder ehrlich erfreut und er dankte mit ebenfalls aufrichtigen Worten.

Aber schon die nächste Sorge lastete auf seinem Gemüt. Befehlsgemäß sollte er die hier arbeitenden Soldaten vergattern. Das aber hatte er noch nie gemacht. Gab es dafür einen vorgeschriebenen Wortlaut? War er überhaupt berechtigt, diese Vergatterung vorzunehmen? Wen könnte er fragen? Die Sonderführer nicht. Die kamen doch bis jetzt nicht von ihren Umgangsformen los. Was natürlich auch ganz angenehm war.

Er, der Neumann, hat den Sprung geschafft, weg von Garnisons- und Frontruppen, ist nun Innendienstleiter in dieser hochgeheimen Bude und blamiert sich mit einer verpatzten Vergatterung! Undenkbar! Und überhaupt. Fischer, der schlaue Hund! Warum macht der das nicht selbst? Er ist doch der Chef des gesamten subalternen Bereiches! Nicht nur formal, sondern tatsächlich! Oh Fischer, du zeigst wirklich, was du kannst! Ah, da kommt ja einer, der geeignet ist. Neumann hielt ihn an.

»Ebert, du hast einen Auftrag von Dr. Becker bekommen. Aber vorher holst du den Munkel …«

»Funkel, Innendienstleiter.«

»Ja, den. Den bringst du her und ich erkläre euch alles. Ab!«

Genau richtig! Der Ebert ist kein Schwächling. Der kriegt das hin mit Beckers Auftrag. Und der Funkel, der ist klein und drahtig. Der kann auf dem Dachboden herumkriechen und dann dem gesamten Flattervolk dort oben etwas vorniesen. Sonst überrascht den noch die frohe Botschaft vom Endsieg auf dem Klo. Der Drückeberger! Da oben kann er niesen wie ein Schöps. Und aussehen wird er wie eine Sau! Und wenn er durch die Dielen durchkracht? Soll er eben aufpassen, der dürre Hund! Genau!

Bierauto! Bierauto! Bierauto!,

So hämmerte es am Abend und in der Nacht in Knochs Kopf. Alle Schwierigkeiten, die er hatte, wogen gar nichts gegen diesen Künstlernamen. Er hatte sich noch nie in seinem Leben so zutiefst beleidigt gefühlt. Blamiert bis auf die Knochen. Dabei fiel ihm wieder ein, dass seine ganze Familie im heimatlichen Dorf nur die Knochen genannt wurden. Wegen ihrer kleinen Statur. Der Knochenklempner, das war sein Vater. Und niemand dachte sich etwas dabei. Dass sich Vater Knoch allseits eines sehr guten Rufes erfreute, änderte an der Tatsache, dass man ihn gedankenlos beleidigte, nichts. Seine fünf Söhne waren die Knochenjungs. Sie alle traten in Vaters Fußstapfen und wurden Klempner. Fachleute wie ihr Vater.

Aber diese tagtäglichen Diffamierungen hatten noch ein anderes Ergebnis gezeitigt. Die gesamte Familie Knoch wurde hart. Knochenhart. So kam es, dass der älteste Sohn schon in jungen Jahren reif war für den bunten Rock. Das Soldatenglück rief ihn unter die Fahnen des Führers. Er meldete sich freiwillig. Es folgte der Soldatenruhm, durch Auszeichnungen dokumentiert. Als er zum ersten Mal nach Hause kam, bereits mit mehr Auszeichnungen behangen als jeder andere junge Mann aus dem Dorf, hatte seine Mutter geweint. Sie wusste genau wie ihr Mann, wofür es solche Abzeichen gab.

Aber alle wussten auch, dass er einmal aus dem Dorf weggehen musste. Damals. Und dennoch war Vater sprachlos, als er zum Bahnhof ging. Mutter hatte oben auf dem Bett geweint. Das sah er zum ersten Mal. Niemand hatte ihn jemals gefragt, ob er nicht doch lieber bleiben wolle. Aber warum sollte man fragen, wenn man die Antwort schon kennt? Vater Knoch war engagierter Sozialdemokrat. Bei jedem der seltenen Urlaubsbesuche seines ältesten Sohnes wurde er schweigsamer. Er sah die verliehenen Auszeichnungen und die Beförderungen mit wachsender Erbitterung. Wer von seinen Brüdern was machte, konnte er zurzeit gar nicht recht sagen.

Seine Mutter war in einen religiösen Wahn verfallen. Sie saß beim letzten Besuch auf dem Bett und betete und sang halblaut vor sich hin. Der im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Soldat Knoch hatte nie jemanden gehabt, dem er sagen konnte, was er am meisten begehrte und immer am wenigsten hatte: Anerkennung. Seine Kameraden hatten ihn angestaunt und bewundert. Und er hatte es genossen.

Aber bald kam ihm die Erkenntnis, dass sie vor ihm Angst hatten. Sie hatten Angst, weil er schon viele Menschen im Krieg getötet hatte. Gegner, Feinde. Gegner? Feinde? Diese fremden Männer hatten ihn nicht gekannt, nicht bespöttelt. Was mögen die gedacht und gefühlt haben, die er halb bewusstlos über die Frontlinie geschleppt hatte. Diese Frage stellt er sich jetzt.

Wie ein Blitzschlag durchzuckte ihn die Erkenntnis: Ich habe Menschen umgebracht, um Anerkennung zu finden! Ich bin aus Ehrgeiz zum Mörder geworden! Ein Menschenschlächter - nur, weil ich mir Respekt verschaffen wollte. Das bin ich! Ich, Klaus-Peter Knoch! Bierauto! Das ist von all dem geblieben. Das ist die Anerkennung, der Respekt, der mir entgegengebracht wird. Wie oft habe ich mir früher gesagt: Den würdest du für seine unverschämte Boshaftigkeit am liebsten umbringen! Das war aber nur in der ersten hilflosen Wut gesagt. Natürlich! Ja. Vorgeschickt haben mich aber immer die, die mich verachtet haben. Und erst heute habe ich das begriffen.

Das habe ich gebraucht. So richtig auf die Fresse! Eigentlich müsste ich dem Eberlein dankbar sein! Aber das kann ich nicht. Ich bin ihm ausgeliefert auf Gnade und Ungnade. Seiner Macht und seiner Befehlsgewalt und seiner Verachtung für alle anderen Menschen. Vater würde sagen, dass Eberlein als Platzanweiser gearbeitet hat. Er hat mir gezeigt, wo mein Platz ist! Und jetzt bin ich an seiner Seite. Wenn ich überleben will. Sein Kumpan. Ausbilder, Fahrer, Leibwächter, Wachkommandant, Mordgeselle. Wieder einmal. Er braucht nur zu befehlen!

Vater, wenn du das wüsstest! Ich bin dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt. Ich bin Rottenführer! Ein SS-Dienstgrad! Du würdest mir in die Fresse hauen! Und das mit Recht! Verdammt, wie komme ich davon wieder los? Wie komme ich da wieder raus?

Und jetzt auch noch Bierauto! Jeder Dachs grinst mir ins Gesicht! Das bleibt doch nicht geheim! Und an mir würde es liegen, dass der Name Bierauto für andere nach Leichenwagen klingt. Wieder vorgeschickt! Wieder von jemandem, der mich verachtet! Ja, ich will leben. Weil ich wieder nach Hause will. Jetzt will ich wieder nach Hause! Eberlein, ich danke dir!

2.

Pünktlich zur verabredeten Zeit trafen sich Becker, Neckstein und Mühle vor der Tür des Casinos des Hotels ›Bristol‹. Sie sahen sich zum ersten Mal im vorgeschriebenen Gesellschaftsanzug, den die Dienstvorschrift des Heeres für solche Anlässe festgelegt hatte. Und alle machten sich gegenseitig ein unhörbares Kompliment. Ja, es war schon eigenartig; im Speisesaal kam man im Notfall auch in Dienstuniform unter. Nach Anfrage natürlich. Im großen Speisesaal war die Ausgangsuniform zwingend vorgeschrieben. Gesellschaftsuniform war erwünscht. Auch Paradeuniform war gestattet. Aber hier im Casino war die Affenjacke – wie die Gesellschaftsuniform auch genannt wurde – einfach unumgänglich.

Drei Tage länger hatte das Schneidern gedauert. Der Bedarf an Gesellschaftsanzügen war ja auch riesenhaft. Jede Formation des Heeres, der Partei, der Ämter und der Ministerien hatte ihre eigene Uniform und damit ihre eigenen Gesellschaftsanzüge. Und jeder der Uniformierten musste perfekt ausstaffiert sein.

Alle, die in Warschau waren, mussten wenigstens einmal im Casino des ›Bristol‹ ihren Auftritt gehabt haben. Ob beachtet oder nicht. Das war eine Frage der Ehre! Oft gaben nur kleine Aufnäher am Arm oder anderswo Auskunft, zu welcher Formation der Träger der Uniform gehörte. Heer, allgemeine SS, Waffen-SS und Polizei bestimmten aber das Bild im Großen und Ganzen.

Dazu kamen Wehrmacht- und andere Beamte. Reichsarbeitsdienstler, Beamte vom Siedlungs- und Rasseamt, Partei- und Presseleute vervollständigten das Bild. Bezüglich der Weichsel hatten sich unlängst die Herren der Marine in ihren schicken Uniformen die Ehre gegeben. Die Gecken von der Luftwaffe waren öfter hier anwesend. So auch heute.

In Erinnerung geblieben war zum einen der Besuch mehrerer höherer Militärgeistlicher. Diese Glaubenskrieger in ihren geknöpften Talaren machten einen eher erheiternden Eindruck. Katholiken violett. Evangelen grau. Ganz in Seide. Kreuze an der Halskette. Sehr distinguiert und vom tatsächlichen Kriegsgeschehen unberührt. Sie sprachen den geistigen Getränken am Abend wacker zu und mussten nicht gestützt werden, als sie den Saal fast als Letzte verließen. Der Allerhöchste selbst schien sie zu geleiten.

Zum Anderen hatte sich ein Besuch von fünf Offizieren der Marineartillerie im Gedächtnis des Personals gehalten. Grasgrüne Uniformen mit goldenen, ankerverzierten Knöpfen. Das war wirklich verwirrend für die Hotelmitarbeiter, die für den Widerstand und wer weiß noch für wen arbeiteten! Die sahen aus, wie die Leute von der Wehrmachtforstverwaltung, von der man nun auch schon gehört, aber noch keinen zu Gesicht bekommen hatte. Die hatten ja dann möglicherweise auch eine eigene Uniform. Wenn also wieder einmal solche Exoten das Casino betraten, war dem polnischen Personal immer echtes Interesse anzumerken.

Die drei Doktoren waren aber nun strukturmäßige Heeresoffiziere und als solche quasi unauffällig. Becker, der Lange, Schlanke, sah einfach nur gut aus. Diese Gesellschaftsuniform schien nur für ihn entworfen zu sein. Man sah ihm an, dass er das wusste und dass er sich darin wohlfühlte.

Mühle wirkte sehr eindrucksvoll und stattlich. Da war nichts mehr von Nachlässigkeit zu spüren. Aber er fühlte sich nicht ganz so wohl darin wie sein Kollege Becker. Es schien, als hätte er eine andere Haut übergestreift, mit der er selbst nicht richtig einverstanden war.

Neckstein sah ebenso wie Becker richtig gut aus. Aber er fand, dass die Schiffsuniform ihm besser zu Gesicht gestanden hatte. Da war die Erinnerung wieder! Nämlich die geckenhafte Freude an einer exklusiven Uniform. Der Gesellschaftsanzug der Wehrmacht war wirklich elegant. Aber Wehrmacht war in diesem Haus eben Massenware, und das störte Fritz Neckstein ein wenig. Er mochte nicht zur Masse gehören. Nicht mehr!

Und noch etwas kam hinzu. Tagsüber sah er Offiziere in ihrer tagtäglichen Truppendienstuniform. Staubig, zerknittert, abgeschabt und mit Mühe in Ordnung gehalten. Aber das waren ganze Kerle, echte Soldaten! Das gefiel ihm. Und hier im Casino sahen dieselben Männer in ihren knapp sitzenden Gesellschaftsuniformen aus wie die geschniegelten Strichjungen in den bewussten Hotels während der Weimarer Republik.

Nun trug Neckstein aber auch so eine eng anliegende Uniform  … Deshalb fühlte er sich nicht ganz so wohl darin wie Becker. Dr. Becker, der von allen Dreien den erfreulichsten Anblick bot, hielt seinen Kollegen die Tür auf, um als angenehmste Erscheinung als Letzter einzutreten. Nach dem schönen Grundgedanken, dass das Beste immer zuletzt kommt.

Was Neckstein hier zu allererst ins Auge fiel, war, dass die Kellner hier vollständig weiß uniformiert waren, lang und schlank waren und weiße Fangschnüre trugen. Sofort fühlte er sich an seine Schiffsuniform erinnert. Was war die doch flott gewesen! Leider nahm niemand von ihrem glanzvollen Einzug Notiz. Denn unter Stabsoffizieren und den bunt bestickten Goldfasanen, wie die hohen Beamten von Partei und Verwaltung genannt wurden, fielen kleine gewöhnliche Hauptleute nicht auf. Auch zwei Generale waren kurz zu sehen. Sie hatten bereits zu Abend gegessen und betranken sich nun still mit System in einem Chambree separeé.

Dr. Becker sah leicht verärgert ein paar Luftwaffenoffiziere. Verärgert deshalb, weil sie ihn an Chic und Eleganz übertrafen.

Ja, Dr. Becker war doch ein bisschen eitler als er bisher gewusst und für möglich gehalten hätte. Da die Luftwaffenangehörigen alles Offiziere waren, hatten sie natürlich auch die entsprechenden Auszeichnungen an ihren Jacken. Mein lieber Mann!, dachte so mancher Heeresangehöriger. Die Luftkutscher! Das Spanienkreuz, Frontflugspangen, Beobachter- und Fliegerschützenabzeichen. EK beider Klassen. Das verstand sich am Rande. Das Flugzeugführerabzeichen sowieso. Zweimal das Deutsche Kreuz in Gold! Keine Verwundetenabzeichen! Also Schwein haben sie auch noch gehabt! So mancher der Infanteristen dachte bei sich: Wie müssen wir uns schinden, um das ›EK I‹ zu bekommen! Und wie viele von uns bekommen es nie oder posthum! Aber das Deutsche Kreuz in Gold!

Dazu muss man fünf Tapferkeitsleistungen im Rang einer EK I-Leistung erbringen. Wenn es überhaupt als solche anerkannt wird. Und diese jungen Spunde tragen das, als wären es ein Wanderervereinsabzeichen! Diese zwei Oberleutnants sind doch höchstens vierundzwanzig Jahre alt. Na ja, es ist schon so: Bomben und Orden treffen immer die Falschen! Jetzt aber waren sie die Flottesten, am höchsten dekoriert und die Arrogantesten im Casino. Jeder konnte ihre Wortfetzen hören, die ja nun auch laut genug ausgesprochen wurden, damit sie möglichst alle hörten.

»War das nicht über Holland, als …?«

»Da hatten sie doch den Harald über Orleans …«

»… der ist dann in den Kanal gefallen. Leider.«

»… Nein, nein. Mein zehnter Abschuss war über Belgien, am …«

»… mit stehendem Motor ausgesegelt, auf einer Wiese gelandet. Ich darf gar nicht daran denken!«

Die Allgemeinheit im Saal war von diesen Knaben bedient. So jung und schon so die große Schnauze! Das können sie doch auch. Die nächste Auszeichnung, die auf die wartet, ist doch das Ritterkreuz.

»Pass auf, die sind noch keine fünfundzwanzig und haben schon das Eichenlaub oder die Schwerter zum Ritterkreuz! Wirst sehen! Oder sind irgendwo abgeschossen und verbrennen in ihrem Schrotthaufen.«

»Tja, auch möglich. Hast recht.«

So gingen die Bemerkungen über die jungen Flieger hin und her. Die aber störte das alles nicht. Sie wollten den Grabenkriegern zeigen, wer die Meister sind und sie taten es nach Kräften. Aber was soll�s! Die Flughunde waren ja in absehbarer Zeit wieder weg. Eigentlich könnte man sie übersehen, aber man konnte es eben nicht. Lasst sie also prahlen, wir sind ja bei ihnen.

Becker bedeutete Mühle und Neckstein, zu einem fast festlich gedeckten Tisch zu schauen. Dort saß Oberführer Eberlein, der sich mit ihnen für heute Abend unter Vorbehalt angemeldet hatte. Es war aber schon von Anfang an klar gewesen, dass sein Hiersein beschlossene Sache war. Was sie aber doch beeindruckte – Eberlein saß in der schwarzen Uniform da. Ob die allgemeine SS oder die Waffen-SS einen ausgesprochenen Gesellschaftsanzug hatte, wusste hier mit Sicherheit niemand, denn diese Verbände predigten persönliche Bescheidenheit. Offiziell! Eberlein trug die Paradeuniform der allgemeinen SS. Also Schwarz. Dazu die unvermeidlichen Stiefel mit den besonders dicken Sohlen. Aber die vorgeschriebene Körpergröße für SS-Angehörige erreichte er trotzdem nicht. Er blieb sichtbar unter einem Meter siebzig.

Eberlein stand mit gut trainiertem Lächeln auf, machte ihnen eine knappe Verbeugung und lud sie mit ausholender Handbewegung zum Sitzen ein. Gehorsam nahmen alle drei Sonderführer Platz. Irgendwie erinnerte dieses Hinsetzen an einen Dressurakt. Eberlein hatte seine stille Freude daran, wie seine Doktoren beim Hinsetzen zusammenklappten. Und das genau auf sein Zeichen! Sofort begann er mit der Begrüßung.

»Auch hier willkommen, liebe Brüder im Amt. Hier sind Sie im Prinzip auch jeden Abend willkommen, aber ich sähe es nicht so gerne, weil ich annehme, dass Ihre Tage strapaziös genug sein werden. Natürlich müssen Sie zu Abend essen. Und ein Gläschen ist auch legitim, aber dann …

Sie verstehen. Auch hier oder besonders hier unterhalten Sie sich bitte nichtssagend mit Verstand und begründen nur lose Bekanntschaften. Und das ist schon riskant genug. Glauben Sie mir. Wenn ich mich mit meinen Belehrungen – eigentlich müsste man ja sagen Bekehrungen – wiederhole, sagen Sie es mir bitte nicht. Tragen Sie es mit Disziplin und jetzt gibt es etwas zu essen. Da es unser erstes gemeinsames Abendessen im Casino ist, habe ich – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – das heutige Diner organisiert. Das geht dann auch einmal wieder zu Ende, denn das RSHA zahlt nicht immer alles und Sie müssen in Ihre Uniformen passen, meine Herren.

Damit haben wohl nur der Dr. Mühle und ich so ihre Sorgen, wie ich vermute? Der Becker und der Neckstein passen in die Kluft, dass es eine Freude ist, sie anzugucken. Verzeihung, meine Herren!

Weitere Information: Es gibt wahlweise einen echt westfälischen Sauerbraten oder Tafelspitz. Oder wer will, beides zusammen. Aber platzt mir nicht! Dazu drei Glas Bier und zwei Kurze. Mehr erlaube ich Ihnen nicht. Na gut, einen Kurzen zum Vorglühen und dann noch einen Absacker als Steigbügeltrunk. Aber dann ist wirklich Schluss. Und noch eines: Wenn jemand nicht mehr trinken will, bleibt das Zeug stehen! Stellvertretersaufen gibt es bei mir nicht. Ich gebe zu, das trifft mich auch persönlich, aber es ist alles Erfahrungssache. Von wegen, der brave Mann denkt an sich selbst zuerst. Buhähähä! Buhähähä!«

Das Essen war großartig, und da es ja kein Mittagessen gegeben hatte, wurde alles verputzt. Natürlich war es wieder zu viel, aber hier blieben alle Knöpfe der Uniform geschlossen. ›Marscherleichterung‹ fiel hier aus. Das bekam Dr. Mühle zuerst zu erfahren. Er ließ unmerklich die Hand in Richtung Hosenbund und Knopfleiste gleiten. Es war sein Kinderglauben gewesen, der ihn annehmen ließ, dass Eberlein das nicht sehen würde. Aber schon im Ansatz erklang ein halblautes:

»Bleibt zu, lieber Mühle, bleibt zu! Wer zu viel futtert, sitzt im Anschluss noch gerader und atmet durch die Nase. Das hilft. Stellen Sie sich doch einmal vor, ein höherer Vorgesetzter kommt herein. Er tritt an unseren Tisch und wir haben uns laut Dienstvorschrift zu erheben. Mit der Hand am Hosenbund oder weiter unten und müssen erst einmal zuknöppeln. Und alle würden das sehen. Die verschiedenen Truppenteile würden einen solchen Auftritt doch nicht für sich behalten! Es ist schon so, wie Sie es einmal so treffend formulierten, verehrter Herr Dr. Mühle. Sie sind Artisten im Zirkus Eberlein. Aber beileibe keine Clowns!«

Es lag auf der Hand: Mühle bekam die Quittung für ein paar Gedankenlosigkeiten der letzten Tage. Und noch etwas wurde offensichtlich: Eberlein erfuhr alles und vergaß nichts. Und er vergab nichts!

»So und nun die drei Kurzen. Natürlich in Abständen. Auf Ihr Hiersein, auf unsere Zusammenarbeit und auf unseren Erfolg! Sehr zum Wohle, meine Herren!

Und nun zu Morgen. Die Regale bauen Sie mit Ihren Ausbildern auf. Wobei darauf zu achten ist, dass für diese drei Herren die dienstlichen Verpflichtungen fort bestehen. Die Gläser, Aquarien, Terrarien und das Wasser, lassen Sie hereintragen. Die Schreibmaschinen, Messinstrumente, Glasschlangen, Sterilisationsgeräte tragen Sie in das Labor. Das Gleiche gilt für alles andere. Schreibgerät, Papiere, Mikroskope und so weiter. Ich weiß, Sie haben schon Anfangskulturen eingerichtet. Das wird nun exakt katalogisiert und aufgelistet.

Wenn alles geschafft ist – und nicht eher – machen Sie Feierabend und Ihr kampfgestähltes Kleeblatt holt Sie ab. Ein jeder fährt in seinem Wagen! Was Sie im Labor machen, Schnauze! Die fotografischen Ausrüstungen bringen meine Leute. Dafür werden zwei Räume eingerichtet. Notfalls wird in einem großen Raum eine Trennwand eingezogen. Das wird der gute Neumann von Ihnen erfahren müssen, Dr. Neckstein. Ich verlasse mich auf Sie!

Am Nachmittag gegen siebzehn Uhr kommen meine Leute. Dann werden Sie alle drei gegen Unterschrift mit dem Fotozeug vertraut gemacht. Keine Aufzeichnungen! Meine Pfeifen bleiben, bis Sie alles begriffen und intus haben. Bitte, das ist alles höchst ernsthaft gemeint. Im Allgemeinen ist immer einer von Ihnen im Labor. Ihr Fahrer und Ausbilder sitzt, patrouilliert im Vorraum unter Beibehaltung aller dienstlichen Verpflichtungen als Ihr Zerberus1.

Sie werden merken, dass das alles kein Spaß sein wird! Jeder der Drei ist angewiesen, sich nie in der Nähe der Labortür oder davor aufzuhalten. Diese Tür ist immer durch Sie verschlossen zu halten. Das Labor wird ab übermorgen eine Kaffeeküche, eine Toilette und einen Ruheraum haben. Natürlich so klein, wie es geht. Wir brauchen jeden Zentimeter. Bis dahin müssen Sie sich irgendwie behelfen. Wenn irgend jemand versucht, ohne Parole in das Labor einzudringen, müsste er den Knoch, den Fischer oder den Neumann überwinden. Das wird schwer. Es wäre aber möglich. Das bekommen Sie dann auf jeden Fall mit. Spätestens, wenn der Eindringling an der Klinke ruckt und wackelt.

Rechts von der Tür steht ein Beistelltisch. Darauf liegt immer eine durchgeladene Maschinenpistole. Sie gehen seitlich von der Tür in Hüftanschlag und nageln die erste Garbe, breit gefächert, durch die Tür. Auf Ihren Vorzimmerherrn brauchen Sie dann keine Rücksicht zu nehmen, denn in dem Falle hat der Feind bereits mit ihm Schluss gemacht. Die zweite Garbe geht auch breit gefächert durch die Tür, aber ein bisschen tiefer. Sie haben dann immer noch ein knappes halbes Magazin. Nie vor der Tür stehen! Nicht aufmachen und nach dem Rechten sehen! Ein neues Magazin einsetzen, ist klüger. Denn derjenige, der mit Fischer, Neumann oder Knoch fertig wird, ist garantiert kein grüner Junge!

Dann sofort den noch zu installierenden Knopf drücken! Das ist Ihre und unsere Sirene. Schießen Sie bevorzugt schräg nach unten. Da können Sie dem Eindringling das Wegrennen verkümmeln und wir können ihn uns greifen. Sollte er so dämlich umkippen, dass Sie ihn beim zweiten oder dritten Feuerstoß erwischen und er krepiert, dann hat er das selbst so gewollt. Und er hat noch Glück dabei gehabt. Denn wenn wir ihn kriegen, dann kann er zwar nicht mehr gehen, aber es steht ihm dann noch ein ganz, ganz harter Gang bevor. Ja, wenn wir ihn lebend fassen, tritt er an. Zum Examen. Er wird schwatzen, wie ein Star im Frühling. Im Anschluss bekommen Sie einen neuen Hofhund. Für den Anderen ist es hart, aber ungerecht. Aber es ist Krieg. Bin ich verstanden worden, meine Herren?«

Sie sahen sich doch anfangs mit Fliegenkescher und Botanisiertrommel durch die Gegend sausen oder so ähnlich und nun sollten sie im Notfall gegen einen echten Krieger antreten, der ihre Ausbilder von der Platte geputzt haben würde! Sie wollten im biederen Feldgrau Mücken sammeln, Käfer zählen, Fliegen nummerieren und beim Raupenfüttern vom Endsieg überrascht werden. Und nun mussten sie hören, dass die Gegenseite eventuell Kämpfer aufbieten könne, gegen die ihre Ausbilder effektiv chancenlos waren! Hier war doch noch etwas anderes im Busch! Aber was? Was ist, wenn sich zum Beispiel der Neumann mit der Parole irrt? Der hat doch den Kopf voll mit all dem ganzen Mist. Ist er dann schon so gut wie tot oder was?

Neckstein stellte diese Frage. Eberlein hörte zu und nickte bedächtig.

»Doktor, sehr gut. Daran habe ich nicht gedacht. Ja, das kann bei den Dreien passieren. Die haben nun wirklich genug zu tun. Aber Sie kennen doch deren Stimmen. Und vereinbaren Sie zur Sicherheit ein ständiges Klopfsignal für alle drei. Oder lassen Sie sich die Parole vom Vortag nennen. Ich möchte nur ungern jemanden von euch verlieren. Verdammt, ja, Sie haben recht. Danke Ihnen! Noch hilfreiche Gedanken? Los, Männer, es geht um unser aller Leben! Habt ihr das noch nicht begriffen?«

Mühle hob die Hand wie ein Schüler.

»Dr. Mühle, freut mich. Sie haben einen Vorschlag. Raus damit!« Eberlein nickte Mühle zu.

»Oberführer, wenn Sie gestatten, wäre es nicht dienlich, als Parole ein Wort zu nehmen, das für einen Deutschen ganz geläufig ist, für einen Polen aber schwer auszusprechen? Das könnte doch auch helfen, Verluste in den eigenen Reihen, zu vermeiden.«

Eberlein war ganz Aufmerksamkeit.

»Und, Doktor, woran denken Sie dabei?«

»Oberführer, wenn Sie gestatten …«

»Herrgott, lieber Doktor Mühle, im Interesse der Sache ist alles gestattet. Ihnen ist alles gestattet. Also, woran denken Sie?«

»An Bierzipfel, Krautwickel, Paukschläger, Mikroskop­schraube …«

»Also Worte mit wenigstens einem ›R‹. Das ist genial. Mit unseren Rachen-R kommen die nicht klar. Das ist bekannt. Großartig! Dr. Mühle, auch Ihnen Dank!«

Der Oberführer ergriff wieder erklärend das Wort.

»Wir haben Krieg und wir sind in diesem Krieg. Wenn in Ausübung des Dienstes Ihr Leibwächter vor die Hunde geht, ist das nicht geplant, aber eingeplant. Es ist weder gewollt, noch erforderlich. Ganz im Gegenteil. Wenn Sie oder einer von Ihnen draufgehen sollte, ist das ganz große Scheiße und fällt auch auf mich zurück. Wenn aber auch nur ein mit Insekten besetztes Glas oder eine in Inkubation befindliche Kultur beschädigt wird oder verloren geht, das wäre eine Katastrophe und Verrat am Reich! Das darf unter keinen Umständen geschehen. Das wäre dann auch mein Ende und dann könnte man erleben, wie der gute, alte Eberlein zur Wurzelsau mutiert. Da brauchte ich mich gar nicht groß anzustrengen. Wollen Sie mir das glauben, meine Herren?«

Alle drei nickten. Was in einem solchen Falle geschehen mochte, wollten sie sich nicht vorstellen. Dafür hatte der Oberführer schon zu viele Proben seines Könnens und seiner Macht abgeliefert.

»So, Kameraden! Ein Kurzer steht ja noch aus! Und der Absacker. Den Kurzen bezahlt das RSHA und der Absacker geht auf mich. Wenn ihr eure erste Löhnung bekommt, erwarte ich einen gemeinsamen Abend, der von Anfang an aus lauter Absackern besteht. Natürlich unter Beibehaltung der dienstlichen Verpflichtungen! Buhähä!!!

Noch etwas! Schließen Sie auch hier keinesfalls private Bekanntschaften. Vor allem nicht mit dem polnischen Personal. Sehen Sie da drüben, die kleine Kellnerin mit den braunen Augen und der etwas stupsigen Nase? Die gehört garantiert zum polnischen Widerstand! Da bin ich mir hundertprozentig sicher.«

Der nun schon merklich angetrunkene Eberlein wies mit dem Kinn zu einer – der durch die Bank weg – bildhübschen Kellnerinnen. Es machte ihm gar nichts aus, dass alle sahen, welche der Frauen gemeint war. Sein Gesicht glühte vor Gier und Lüsternheit. Die drei Sonderführer waren von diesem Anblick mehr als peinlich berührt.

»Sie ist noch hier beschäftigt, weil wir uns von ihrer Beobachtung etwas versprechen. Stellen Sie sich vor, sie fragte mich doch einmal nach dem Essen, ob es mir geschmeckt hätte. Das hatte es wirklich und mir kam der Gedanke an einen Nachtisch. Und der stand da gerade vor meinem Teller. Also, ich lache sie an und sage, dass es auch für sie gut wäre, wenn sie wenigstens einmal am Tag etwas Festes im Leib hätte. Und die lässt mich glatt abfahren! Das Luder! Aber wenn ich schon einmal einen Therapievorschlag mache, dann habe ich mir doch etwas dabei gedacht! Buhähähä!

Und die lässt mich abfahren. Wo gibt es denn so etwas? Zwei Scharführer haben sie mir dann gebracht. Damit sie sich nicht zu sehr aufregt, wurde sie erst einmal ein wenig ruhiger gestellt. Eventuell hatte sie in ihrer Trance geglaubt, ich wäre der Schornsteinfeger, weil ich noch meine schwarze Uniform anhatte. Aber daran habe ich mich nicht gekehrt und bei ihr den Kamin gekehrt. Das war eine staubfreie Angelegenheit, wie erwartet. Buhähähä! Buhähähä!

Die zwei Scharführer haben sie dann noch halb pennend auf ihre Bude gebracht und die Therapie wurde dort fortgesetzt. Diese Schweinigel! Das war ihnen weder befohlen, noch erlaubt. Aber Schwamm drüber! Und was soll ich Ihnen sagen? Am nächsten Abend erscheint sie wieder zum Dienst! So, als wäre nichts gewesen! Jedes andere Weibsstück hätte doch dieses geehrte Haus nie wieder betreten! Die ja! Die muss einen Auftrag haben! Oder so unter Zwang stehen, dass sie gar nicht anders kann! Ach ja, eine kleine Freude hatte ich auch noch als Mediziner dabei. Ich durfte als Arzt feststellen, dass ihre Blindarmnarbe ganz ausgezeichnet verheilt ist. Wenn Sie mit ihr näher bekannt werden sollten, können Sie das bestätigen. Buhähähä! Buhähähä!«

1 Name des Höllenhundes, ironisch für Leibwächter

3.

Oberführer Eberlein wusste gar nicht, wie recht er hatte. Wenn er es aber gewusst hätte, wäre es Jadwigas Ende gewesen. Ein Ende nach Qualen. So aber stand sie nur unter Beobachtung. Diese Beobachtung war so gut wie nicht zu spüren, aber sie war da. Denn sie musste da sein, wenn man die professionelle Klasse der deutschen SD-Männer nur rein fachlich betrachtete.

Natürlich hatte sie einen Befehl abzuarbeiten. Dieser Befehl bestand aus mehreren Einzelheiten. Deutsche Offiziere kennen lernen, sie irgendwie an sich binden. Ihre Wege und Gewohnheiten zu erforschen, bis sie zur Entführung mit nachfolgendem Verhör reif waren. Ihre spätere, meist sadistische Abschlachtung stand dann bereits in allen Einzelheiten fest. Dafür waren immer schon geheime Verstecke vorbereitet. Die Gruppe, der Jadwiga angehörte, hatte solche Aktionen nicht nur einmal durchgeführt. Die Disziplin innerhalb dieser Formation war eisern und Jadwiga ließ den Gedanken, dass sie von dieser Gruppe faktisch auf den Strich geschickt wurde, gar nicht in sich aufkommen. So groß und so stark war ihr Hass auf die deutschen Okkupanten. Dem ordnete sie alles unter. Alles!

Für die tiefgläubigen Katholiken in ihrer Organisation war sie eine Heilige. Nach kurzer Zeit, wenn die Exekutoren wieder im Walde verschwunden waren, wurde der viehisch verstümmelte Leichnam des deutschen Offiziers im Allgemeinen gefunden. Er musste ja gefunden werden, denn wie sollten die Deutschen sonst wissen, dass noch jemand die Fahne des polnischen Widerstandes hochhielt.

Das hatte wiederum zur Folge, dass zwischen dreißig bis fünfzig polnische Menschen als Geiseln von den Deutschen erschossen wurden. Als Vergeltung. Später wurde diese Zahl auf einhundert erhöht. Ebenfalls als Vergeltung. Wie nüchtern und sachlich das klang. Auf einhundert erhöht! Das Erschießen von dreißig bis fünfzig, später einhundert polnischen Staatsbürgern für einen deutschen Offizier, war einfach Satz geworden. Darüber regte sich niemand auf. Bis auf die Opfer und deren meist ahnungslose Angehörigen. Die Verursacher dieses grenzenlosen Leides waren im Allgemeinen von jeglichen Skrupeln frei. Auf beiden Seiten.

Im Anschluss wurde dann zornerfüllt nach London berichtet. Nach Moskau zu berichten, hatte tatsächlich so gut wie keinen Zweck. Denn die Kremlführung hatte im Prinzip nichts dagegen, wenn die Polen von den Deutschen eins auf die Hörner bekamen. Dass das Massenmord bedeutete, interessierte in Moskau niemanden. Das wusste die sogenannte ›Waldarmee‹, die dann später in der ›Landesarmee‹ der Armia Krajowa‹ aufging, sehr genau. Deshalb hielt sie sich an London und an die dortige polnische Exilregierung. Es gab aber noch die wesentlich schwächere und doch vorhandene ›Volksarmee‹, die ›Armia Ludowa‹. So waren die Abkürzungen mit AK und AL relativ schnell bekannt geworden.

Die Armia Ludowa war kommunistisch orientiert, sehr im Gegensatz zur Armia Krajowa. Deshalb hatte die Armia Ludowa ihre Anlehnung in Moskau. Anlehnung, keine Hilfe. Die Volksarmee hatte mehrere, erbitterte Feinde zu fürchten. Das waren die Deutschen und die Landesarmee. Dazu kamen die NSZ, die nationalen Streitkräfte, die mit faschistischer Härte gegen die Volksarmee und gegen die Juden vorgingen. Diese Gruppierung hielt sich aber weitestgehend für sich. Dazu existierten noch andere national-polnische Verbände mit faschistoider Orientierung oder klerikal-royalistischer2 Ausrichtung. Für sie alle waren die Deutschen noch zu ertragen.

Kommunistische oder jüdische Weltanschauungen und deren Repräsentanten wurden blindwütig bekämpft. Irgendwann hatte einmal ein kluger Mann die Äußerung gemacht, dass die Polen in der Kunst Politiker seien, in der Politik aber Künstler. War das zutreffend? Charmant war es allemal!

Um wie viel klarer und eindeutiger war da doch Bismarcks Satz: Wenn man verhindern will, dass die Polen auf einen grünen Zweig kommen, dann muss man sie sich selbst regieren lassen! Bismarck wusste Zeit seines Lebens immer, wovon er sprach. Nationaler Größenwahn und religiöse Verblendung waren doch gerade in Polen an der Tagesordnung. Dazu kam ein Konservativismus und totale Selbstüberschätzung, die den Fall Polens mit begünstigt hatten. Aber dort, wo die tapferen Kerle mit den viereckigen Soldatenmützen sich in eigener Regie dem Gegner in den Weg stellten, dort hatte der Feind es schwer. Die Kämpfe um die Westerplatte an der Bzura, die Verteidigung Warschaus oder die rasend harten Kämpfe, die die polnische Armee den Russen lieferte, als die Rote Armee in Polen einfiel, um sich im trauten Verein mit Großdeutschland den polnischen Kuchen zu teilen, legen Zeugnis davon ab.

Kein europäisches Volk hat sich so oft und so erbittert gegen in- und ausländische Bedrücker und Ausbeuter zur Wehr gesetzt wie die Polen. Sie wurden geschlagen und besiegt. Sie wurden zusammengeschlagen und noch härter bedrückt. Und doch sind sie wieder aufgestanden, im Wissen, sie werden wieder zusammengeschlagen. Von den Deutschen, den Österreichern, den Russen. Dennoch sind sie wieder aufgestanden, sind sehenden Auges in den Tod gegangen. In der Hoffnung und im Bewusstsein, dass ihre Nachkommen sich an ihrem Opfer aufrichten und die Kraft finden, erneut aufzustehen. Dieser so oft bewiesene Widerspruchsgeist und der unbeugsame Kampfeswille konnte nicht ausgerottet werden. »Noch ist Polen nicht verloren …« Das war ihre Hymne.

Dann wird eben das gesamte polnische Volk vollständig ausgerottet! Das war der für die deutschen Faschisten der logischeSchluss. Begonnen wurde mit der geistig-intellektuellen und militärischen Elite in den deutsch besetzten Gebieten Polens. Im sowjetisch besetzten Teil Polens verfuhren die Russen ebenso. Die Massenmorde von Katyn, bei denen Tausende polnische Militärs, die alle gegen die deutschen Faschisten kämpfen wollten, umgebracht wurden, beweisen das zur Genüge. In ihren Aktivitäten und in Ihren Auswirkungen nicht zu unterschätzen, waren die politisch-strategischen Überlegungen der einzelnen polnischen Gruppierungen. Und so ließ man eben den deutschen Dienststellen eine gezielte Indiskretion oder eine klare Denunziation zukommen, wenn es sich um Juden, Kommunisten oder anderswie missliebige Landsleute handelte.

Die Deutschen wiederum hatten einen Ruf zu verlieren. Sie handelten schnell, zuverlässig und effizient. Da konnte es schon vorkommen, dass der Denunziant gleich mit in der Reihe der zu Erschießenden stand. Man konnte auf diese Weise das Kopfgeld einsparen, denn in ein paar Minuten würde niemand mehr da sein, der es einfordern konnte.

Des Weiteren stand ja wohl fest, dass die Aktion aufgrund solider Ermittlungsarbeit der deutschen Dienststelle erfolgreich war und nicht auf irgendwelchen Petzereien beruhte! Und wen scherte schon ein Pole mehr oder weniger? Zu welchem Verein hat der gehört? Die gibt es auch? Was sind denn das für welche? Wenn da noch einer ankommt, um sich nach dem Verbleib ihres Kumpels zu erkundigen, gleich hoppnehmen! Der wird uns sagen, wo seine Kumpels sind und nicht umgekehrt! Natürlich sind die bewaffnet! Und genau das darf nicht sein! Vielleicht lassen wir ein paar wieder laufen. Aber erst haben wir sie umgedreht. Dann sehen sie zu, wie ihre Kumpels an den Pfahl gebunden werden, damit sie wissen, was mit ihnen geschieht, wenn sie auf Abwege kommen. Und wehe ihnen … oh, oh.

Wie auch immer, die Deutschen brachten die Sache zu Ende. Manchmal bezahlten sie auch gut und ab und an verlangten sie auch einmal ihr Pfund Fleisch. Und sie bekamen es. Oder noch mehr. Den Rest nahmen sie sich. So mancher Pole ist von deutscher Hand gefallen, weil ihn Polen verraten haben. Und das nur wegen Territorialstreitigkeiten, politischen Missverständnissen oder Unstimmigkeiten, wegen Machtgier und Neid und anderer niedriger Beweggründe, die mit dem so oft strapazierten und missbrauchten Begriff des Erringens der Freiheit gar nichts zu tun hatten.

Aber Jadwiga? Wie kam Jadwiga in diese grauenhafte Situation? Sie, die sie ihrer kleinbürgerlich-konservativen Erziehung nach eine liebevolle Mutter und Hausfrau sein wollte. Ihre Mutter und Großmutter nebst Tanten hatten sie in alle Kniffe des Haushaltes eingeweiht. Sie war eine aufmerksame und dankbare Schülerin in diesem Bereich gewesen. Sie war die perfekte Hauswirtin, eine großartige Gastgeberin und eine charmante Gesellschafterin, die man einfach gern haben musste. Und das schon als junges Mädchen. Es gab nichts im Familienhausstand, was nicht vorbildlich oder gar meisterhaft arrangiert war, zwei Dekorateurfirmen hätten sie gerne eingestellt. Auch ohne Lehrzeit. Das war zwar ungewöhnlich, aber ihre Anwesenheit in der Firma hätte wie ein Kundenmagnet gewirkt. Beide Firmeninhaber fragten von Zeit zu Zeit an, ob sie es sich nicht doch überlegen wolle.

Aber sie hatte genug zu überlegen. Vor allem wegen Adam Kowalski. Dieser fröhliche Junge arbeitete auf dem Flugplatz, wie er sagte. Er war entschieden älter, als er aussah, aber sie war ja so schrecklich in ihn verliebt. Und für sein wirklich unglaublich jungenhaftes Aussehen konnte er ja nun tatsächlich nichts. Es war ihr egal, was er auf dem Flugplatz machte. Sie liebte ihn mit und ohne Flugplatz, bedingungslos.

Nach einer gewissen Zeit fragte er sie, ob sie ihn nicht heiraten wolle. Sie sagte zuerst Ja und fragte dann, wovon sie leben würden. Sie versprach, sich sofort um Arbeit bei den Dekorateuren zu kümmern. Adam war von seiner Liebsten immer mehr begeistert. Nein, um Arbeit brauche sie sich nicht zu bemühen. Er besitze einiges Erspartes, weil er kein Verschwender sei und ein Hauptmann der polnischen Luftwaffe, der einen Bomber kommandierte und flog, bekäme ein wirklich auskömmliches Gehalt.

Da war sie ganz starr. Vor Bewunderung, weil ihr Adasch Flieger und Offizier war. Aber dass er Bombenflieger war, das bedrückte sie sehr und wollte ihr nicht gefallen. Überhaupt nicht. Ihre bedingungslos katholische Familie würde einen Bombenflieger überhaupt nicht akzeptieren. Es stand doch geschrieben: »Du sollst nicht töten!« Was aber macht ein Bombenflieger? Verlieren wollte sie ihn nicht und er sie schon gar nicht. Also arbeitete er weiter auf dem Flugplatz und als todschicker Offizier heiratete er in Uniform.

Piotr und Agniezcka kamen zur Welt. Aber die Zeiten waren nicht so, dass aktive und lebensvoll interessierte Menschen ohne Sorgen einschlafen oder aufwachen konnten. Adam durfte tagelang den Flugplatz nicht verlassen. Der Krieg stand fast fühlbar vor der Tür. Aber wie sah er aus, dieser Krieg? Wie würde man leben? Konnte man überhaupt leben? Vielleicht gab es auch keinen Krieg und alle Sorgen waren unbegründet? Aber diese Fragen hatten sich nicht nur die Menschen in Polen gestellt.

Am Abend des ersten September 1939 kam ein Melder im Auto vor ihr kleines Häuschen am Mokotower Stadtrand und informierte sie mit belegter Stimme, dass ihr Ehemann, der Hauptmann der Flieger, sein geschätzter Vorgesetzter und Kamerad, Adam Kowalski mit seiner gesamten Besatzung beim Alarmstart ein paar Meter über dem Boden von deutschen Jagdflugzeugen in Brand geschossen worden war und in der folgenden Explosion mit der Besatzung den Tod gefunden hatte. Der Treibstoff, die Munition und die Bomben hatten alle im Flugzeug befindlichen Menschen zerrissen und verbrannt. Er salutierte in strammer Haltung vor ihr, mit zwei Fingern am Mützenrand, schluchzte laut auf und rannte wieder zu seinem Auto. Er hatte noch mehr Familien die unfassbare Nachricht zu bringen.

Jadwiga hatte gar nicht gehört, wie er sein persönliches Beileid formvollendet ausdrückte und wenn sie Hilfe brauche … Durch das Schluchzen des Soldaten kam sie wieder zu sich und rannte ins Haus. Sie riss die beiden Kinder aus den Bettchen und drückte sie an sich. Sie konnte nicht weinen. Erst als die schlafbenommenen Kleinen zu weinen begannen, weil sie wieder in ihr Bett wollten, schluchzte sie. Erst langsam und verhalten, dann stärker und immer stärker. Sie wollte und konnte ihre Kinder nicht loslassen. Ihre Kinder. Adams Kinder! Ja, Adams Kinder. Für sie musste sie jetzt leben. Für sie musste sie jetzt stark sein!

Langsam begann sie sich wieder zu fassen. Es mochte sein, dass für andere der Hauptmann Kowalski als Held gefallen war, für sie war der Vater ihrer Kinder, ihr Adasch, gestorben und nicht mehr da. Nein, er war nicht einfach gestorben! Wer als Pilot mitten im feindlichen Angriff aufsteigen will, um gegen den Feind zu kämpfen, der ist ein Held! Ihr Mann, ihr Adasch und seine Besatzung waren Helden! Und solange es solche Männer und Soldaten gab, die sich dem Gegner ungeachtet der Gefahr entgegenwarfen, solange war Polen wirklich noch nicht verloren! Soviel, stand fest! Ihre Kinder würde sie so erziehen, dass ihr Vater immer auf sie stolz gewesen wäre und sie würden so lange sie lebten, stolz auf ihren Vater sein! Das war ab heute ihre Aufgabe! Das erkannte sie jetzt.

Und doch, Adam war tot. Nie mehr kam er nach Hause. Nie mehr würde er sie und die Kinder in den Arm nehmen und küssen. Nie mehr! Nie mehr! Wieder wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt. Unendliche Trauer schnürte ihr das Herz ab. Adam! Abgeschossen! Zerrissen! Verbrannt! Unvorstellbar! Was mag er zuletzt gedacht haben? Er hat bestimmt gebebt vor Hass auf die deutschen Flieger, als er seine Maschine vom Boden gelöst hatte. Er hatte ihr mehrfach zu erklären versucht, dass ein Bombenflugzeug gegen einen Jagdflieger effektiv keine Chance im Luftkampf hatte. Trotzdem ist er aufgestiegen.

Hat aber Adam wirklich gehasst? Adam konnte doch gar nicht hassen. Nein. Adam nicht. Aber ich! Ich kann hassen! Die, die uns überfallen, die unsere Flugplätze angreifen und unsere Männer töten. Die kann ich hassen! Die kommen hierher und werfen Bomben und lassen unsere Menschen von Explosionen zerreißen, schlagen alles kaputt und fühlen sich dabei noch im Recht! Die kann ich hassen! Und ich hasse sie und werde sie immer hassen!

Bei diesen Gedanken, die in ihr tobten, wurde sie immer ruhiger, immer gefasster und immer kälter. Sie begann, im Herzen zu gefrieren. Jetzt wusste sie auch wieder, was sie wollte. Dort sein wollte sie. Dort, wo ihr Mann und seine Kameraden und bestimmt noch viele andere ihr Leben verloren hatten. Sie wollte dort sein, wo der Vater ihrer Kinder von fremder Hand sterben musste. An genau dieser Stelle wollte sie stehen. Danach wollte sie die Trauer ablegen und die Mörder bestrafen. Auch, damit sie nicht weiter morden konnten. Diesen Schwur legte sie vor dem Andenken ihres Mannes und Vaters ihrer Kinder ab.

Sie würde alles tun, um die Mörder zu bestrafen. Alles! Nun war sie ganz in eisige Ruhe gehüllt. Sie packte die Kindersachen für warme und kalte Tage ein. Machte den Kleinen eine warme Mahlzeit für die ungewohnte Stunde. Für sich auch ein wenig zu essen. Den Rest packte sie ein.

Für ihre Familie, wo sie die Kinder unterbringen wollte, für die Dauer ihres Aufenthaltes auf dem Flugplatz. Und noch etwas für die Leute, die mit Sicherheit auf dem Flugplatz waren. Wer hatte sich denn um die gekümmert in der letzten Zeit? Die Federbetten waren aufgeladen und die Kinder angezogen. Gegessen hatten sie auch etwas und Jadwiga machte sich mit dem hochbeladenen Handwagen auf den Weg zu ihren Eltern. Die Kinder waren, in den Betten steckend, schon wieder eingeschlafen.

Jadwigas Planung stand fest. Die Kleinen bei den Eltern abliefern. In deren großer Wohnung war Platz genug. Natürlich musste sie Bescheid sagen, dass Adam gefallen war. Ihr Vater würde dann Adams Eltern informieren. Ihre ganze Kraft brauchte sie jetzt für sich selbst und für das, was sie vorhatte. Zum Flugplatz und dann Rache nehmen! Egal wie, aber Rache nehmen! Ihre Eltern reagierten, wie Jadwiga es erwartet hatte. Nur rieten sie ihr ab, auf den Flugplatz zu gehen. Sie solle die Kinder nicht allein lassen, das heißt, die Kinder waren in bester Pflege und Obhut, das wisse sie doch hoffentlich, sagte ihr Vater. Aber ob sie die Kraft haben würde, an der Stelle zu stehen, wo … Und das alles zu Fuß …

Sie ließ sich nicht davon abhalten, sich auf den Weg zu machen. Ihre Eltern sprachen gegen eine Wand. Sie ging zum Flugplatz, weil sie dahin musste. Noch fuhren Busse und Bahnen. Der Warschauer Verkehr hatte auch in der deutschen Belagerung erstaunlich lange durchgehalten. Sie aber lief. Sie wollte mit sich und ihren Gedanken allein sein. Sie hatte keine Angst im Dunklen und die Schritte, die an den Häusern widerhallten, waren ihre eigenen. So konnte sie hören, dass sie lebte. Lebte, und ein Ziel hatte. Im Morgengrauen kam sie an.

Niemand nahm von ihr Notiz. Alle hier wirkten übernächtigt. Schmutzig, wuterfüllt, voller trotziger Energie. Der Flugplatz war schwer getroffen worden. Es gab Tote und Verwundete. Es gab Zerstörungen und kaputte Flugzeuge. Aber der Flugplatz war noch funktionsbereit. Die nicht beschädigten Flugzeuge waren nach Südosten abgeflogen. In Richtung Krakow. In Gefechtsformation und kampfbereit. Natürlich waren alle guten Wünsche mit den Piloten. Aber hier zu verbleiben, war wenig sinnvoll und vielleicht würde doch noch ein konzentrierter Luftschlag gegen die Deutschen erfolgen.

Die Deutschen wussten auch, dass ein Angriff mit relativ wenigen Fliegern nur einen begrenzten Erfolg für sie bringen konnte. Den Flugplatz ganz zu zerstören, war in ihren Augen sinnlos, denn sie wollten ihn ja einnehmen und dann später nutzen. Aber für die Polen durfte er nicht mehr nutzbar sein! Was wiederum bedeutete, sie müssten noch einmal wiederkommen. Doch diesmal würde es aber keine Überraschung für die Polen sein. Also standen die Deutschen im Zwang, schnellstmöglich und stärker wieder über dem Flugplatz zu sein, bevor sich die Polen gesammelt und organisiert hatten. Und was ganz wichtig war, Gott behüte, keine einigermaßen geschulte und funktionierende Luftabwehr aufgebaut hatten. Dass die polnischen Flugzeuge abgezogen wurden, davon gingen die deutschen Flieger aus. Das wäre nur taktisch klug und notwendig. Und sie wurden abgezogen. Umso besser!

Es trafen die ersten Meldungen ein, dass polnische Piloten mit völlig veralteten Maschinen sich aus der Sonne oder aus den Wolken auf die deutschen Fliegerformationen herabstürzen ließen und wie die Irrsinnigen aus einem günstigen Winkel auf die deutschen Flieger schossen. Die Polen ließen in einem einzigen Angriff die Läufe ihrer Maschinengewehre glühen, schossen den Pulk auseinander und erzielten Abschüsse. Deutsche Flugzeuge gerieten in Brand und versuchten, zurückzufliegen. Mancher schaffte es aber nicht mehr, den eigenen Feldflugplatz zu erreichen. Andere mussten umdrehen, weil der Beobachter, der Bombenschütze, der Funker, der Bordschütze tot oder verwundet war.

Es ist eine militärhistorische Tatsache, dass die Deutsche Luftwaffe knapp 120 Flugzeuge über Polen verlor. Polen hatte überhaupt nur insgesamt zwischen 100 bis 120 Flugzeuge.

Jetzt aber war Jadwiga weinend von der Stelle weggegangen, auf der Adams Bomber aufgeschlagen und explodiert war. Obwohl sie weinte, war sie aber voller Hass auf die Männer, die das hier zu verantworten hatten. Der Hass stand in ihrem Gesicht geschrieben. Genau die gleichen Gefühle und Gedanken beherrschten alle hier Arbeitenden, Suchenden, Trauernden. Durch die Spuren von Schweiß und Tränen war der Wille zu sehen, zu kämpfen, diesen Überfall zu rächen. Aber wie? Kämpfen? Aber gegen wen? Durchhalten! Aber wofür?

»Junge Frau, verflucht, runter vom Rollfeld! Mädel, wenn die wiederkommen, dann sind Sie doch gleich erledigt! Wissen Sie das denn nicht!«, schrie jemand unfreundlich und gereizt. Aber auch voll Sorge und Trauer.

Sie schaute in diese Richtung und erkannte den Fähnrich wieder, der ihr die Nachricht von Adams Tod gebracht hatte. Er hatte sich auch vorgestellt. Jelen. Olgierd Jelen. Ja, so hieß er. Auch er hatte sie wiedererkannt und rannte auf sie zu. Noch keuchend und sie zur Seite ziehend, haspelte er schnell noch herunter:

»Gnädigste wollen bitte meinen groben Ton entschuldigen, aber gerade jetzt … Und wenn Frau Hauptmann nochmals mein Mitgefühl entgegennehmen wollen … Ihr Mann, der Hauptmann …«

Sie sah ihn an, sah, wie sich seine Lippen bewegten und hörte und verstand nichts. Zu gegenwärtig war ihr das gestrige Ereignis. Und wieder machte er vor ihr seine Ehrenbezeigung. Diesmal hatte er aber seine Mütze mit dem viereckigen Deckel nicht auf dem Kopf. Sie steckte in seinem Hosenbund. Obwohl ein erwachsener Mann vor ihr stand, wirkte er wie ein großer Junge, der Soldat spielt.

Dass er ihr schwungvoll, mit einer tiefen Verbeugung für die Witwe des Kameraden die Hand küsste, brachte sie wieder zur Besinnung. Du guter Junge, dachte sie. Du hast auch so viel Schweres durchgemacht und versuchst immer noch, galant zu sein! Verwundert war sie indessen nicht. Das war das gute Benehmen eines tadellos erzogenen, polnischen Fähnrichs. Viele von ihnen waren in diesen Tagen hervorragende Renn- und Springreiter. Sie sprachen französisch, was ja unglaublich wichtig war. Sie konnten Säbelfechten, denn sie waren Polen. Sie konnten tanzen und waren galant, bis zur Selbstverleugnung. Das alles hatten sie gelernt. Aber Krieg führen …

Diese Kinder einer untergegangenen Welt mussten das, was sie nicht gelernt hatten, mit einem Höchstmaß an persönlicher Tapferkeit wieder ausgleichen. Nun aber drang Jelens Stimme doch zu ihr durch.

»Jetzt wollen sich Gnädigste doch bitte von hier entfernen. Es ist einfach zu gefährlich. Die können jederzeit wieder hier auftauchen, die gottverdammten Scheißkerle!«

Erschreckt über seinen Ausrutscher in puncto Etikette sah er Jadwiga an. Die aber nickte nur.

»Frau Hauptmann, wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen, ich muss weiter aufräumen. Mehr habe ich jetzt nicht zu tun. Alles andere ist vorbereitet. Wenn Sie Fragen haben, dann fragen Sie mich, aber ich muss weiter machen. Falls Sie am Himmel etwas sehen oder hören sollten, dann springen Sie in diesen kleinen Graben. Dort steht ein Maschinengewehr mit Munitionskisten. Stoßen Sie sich nicht. Wenn es knallt, dann rennen Sie nicht durch die Gegend. Sie bleiben dort und gehen erst wieder nach Hause, wenn hier alles ruhig ist. Was wollen Gnädige Frau überhaupt hier?«

Wie sollte sie ihm das alles erklären? War dazu nicht mehr als ein Wort nötig?

Fähnrich Jelen fragte noch einmal nach:

»Frau Hauptmann, haben Sie mich verstanden?«

»Ja, Fähnrich Jelen«.

Die formvollendete Verbeugung des Fähnrichs, die quasi schon als vorweggenommener Abschied gedacht war, blieb mittendrin stecken. Mit einem Schraubstockgriff fühlte sich Jadwiga gepackt und in Richtung Graben gerissen. Dass Jelen kein Schwächling war, konnte man sehen, aber so eine Kraft hätte sie ihm nie zugetraut. Nie war sie so schnell gelaufen. In ihrem ganzen Leben nicht. Sie wollte sich darüber klarwerden, was denn eigentlich los sei, aber da plumpste sie schon in den Graben und erwischte doch noch mit dem Knie die Kante einer hölzernen Munitionskiste. Ihr Aufschrei ging im rasenden Feuer von Olgierds MG unter. Sie waren wieder da, die Deutschen!

Nein, sie konnten wirklich fliegen, diese so unglaublich jungen Männer aus Deutschland! Die drei Piloten waren zwischen einundzwanzig und noch nicht ganz vierundzwanzig Jahre alt. Aber alle drei waren schon in höheren Feldwebeldienstgraden, womit seitens der Luftwaffe ihr fliegerisches Können und ihre Erfolge gewürdigt worden waren. Ausgebildet waren sie für die ›Ju87‹. Dem berühmt-berüchtigten Sturzkampfbomber, dem ›Stuka‹. Das waren nicht die schnellsten Maschinen der Deutschen Luftwaffe. Aber sie waren tödlich gefährlich! Sie stürzten von weit oben, fast senkrecht auf ihr Ziel herab. Dabei erzeugte die unter den Tragflächen angebrachte Luftdüse einen grauenhaften Heulton, der je nach Geschwindigkeit variierte. Von deutscher Seite wurde diese Einrichtung, ›Jericho-Trompete‹ genannt.

›Die Brüder da unten sollen sich in die Hose machen‹, das war das erklärte Ziel, mit dem diese ›Jericho-Tr0ompete‹ eingesetzt war. Diese jungen deutschen Piloten waren von ihren Maschinen mit ihren wirklich ausgezeichneten Kampfwerteigenschaften und ihrer wirkungsvollen Bewaffnung begeistert und überzeugt. Sie flogen diese Maschinen mit aller kritiklosen Freude am Fliegen und dem Gefühl der absoluten Überlegenheit. Dazu kam ihr Sendungsbewusstsein als Teil der arischen Rasse und der unbeugsame Wille, die Ideen des Führers in die Tat umzusetzen. Sie waren so geschult und ausgebildet, rassisch und völkisch aufgenordet, dass sie mit großer Begeisterung im scharfen Schuss zeigen konnten und wollten, was sie gelernt hatten.

Die Idee, dass sie Unrecht tun könnten, kam ihnen nicht. Und so überflogen sie ungefährdet die polnische Grenze, zerstörten die Flugzeuge der Polen am Boden, weil die es verpennt hatten. Stießen in die Reiterregimenter von oben hinein und machten die Maschinengewehre in die beim Klang der ›Jericho-Trompeten‹ wahnsinnig gewordenen Pferdemassen leer.