Als wir einmal fast erfolgreich waren - Tom Schmieder - E-Book

Als wir einmal fast erfolgreich waren E-Book

Tom Schmieder

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Beschreibung

Spätherbst 1979. Westberlin: Vor dem Hintergrund der niedergehenden linken Bewegung nimmt uns Langzeitstudent Mark auf seinen Schultern mit durch verrauchte Kneipenabende, revolutionäre Aktionen und den persönlichen Kampf gegen Bedeutungslosigkeit. Egal ob er als Linkssektierer oder Abenteurer wahrgenommen wird, zusammen mit Kumpel Kraschno teilt er nicht nur die innere Überzeugung, sondern plant auch unermüdlich den nächsten Schlag gegen das Schweinesystem. Neuestes Projekt: Operation Band 16! – Drei Wochen pendeln zwischen akutem Tatendrang, ziellosem Streben und leidenschaftlicher Tristesse.

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Spätherbst 1979. Westberlin:

»Angekommen in der eingeschlossenen Mauerstadt, atmeten wir den Duft der Freiheit Westberlins. Wir waren, wo wir sein wollten! In der Stadt mit Bewegung und Aufruhr, mit Widerstand und Aktion. Durch eine fette Mauer und 180 km Feindesland geschützt vor den spießigen Ermahnungen unserer Reihenhauseltern, die uns in Drogensucht oder Terrorismus oder beidem gleichzeitig versinken sahen. Und mit Aussicht auf eine nette Zeit.«

Vor dem Hintergrund der niedergehenden linken Bewegung nimmt uns Langzeitstudent Mark auf sei-nen Schultern mit durch verrauchte Kneipenabende, revolutionäre Aktionen und den persönlichen Kampf gegen Bedeutungslosigkeit. Egal ob er als Linkssektierer oder Abenteurer wahrgenommen wird, zusammen mit Kumpel Kraschno teilt er nicht nur die innere Überzeugung, sondern plant auch unermüdlich den nächsten Schlag gegen das ›Schweinesystem‹. Neuestes Projekt: Operation Band 16! – Drei Wochen pendeln zwischen akutem Tatendrang, ziellosem Streben und leidenschaftlicher Tristesse.

Dem Leben nacherzählt.

Älteren zur Erinnerung!

Jüngeren zur Warnung!

1

Wann war es?

Einmal hörte ich im Traum

ihre Stimme und freute mich.

Ach, in Wirklichkeit hab‘ ich

ihre Stimme schon lange

nicht gehört.

Ishikawa Takuboku:

Unvergeßliche Leute 2,20. 1910.

In: Eine Handvoll Sand.

Aus dem Japanischen übersetzt

von Tsutomu Ito, Gifu-City 1986.

DIE BÜCHSE DER PANDORA

Ein Schlag! Mit Urgewalt bricht er los. Der Strom ist reißend, gewaltig. Rasend schnell sucht und findet er sein Bett, seinen Lauf. Ohne Rücksicht auf Hindernisse überspült er Jedwedes, was sich ihm in den Weg stellt, ihm Widerstand entgegensetzt. Er ist stärker, schneller, rücksichtsloser. In atemlosem Tempo strömt er voran. Das Auge schafft es kaum, dieser Rasanz an Geschwindigkeit Folge zu leisten. Es geschieht alles zugleich. Zuvor und Jetzt fallen in einen Augenblick zusammen. Unversehrtheit und Vernichtung sind eins! Und doch bleibt keine Zeit für müßige Betrachtung, für philosophische Reflexion. Denn die rote Flut stürmt weiter vorwärts. Bahnbrechend. Unaufhaltsam. Das Blut der Erde kennt kein Zaudern, kein Zögern! Schon hat der tosende rote Fluss den Rand der bekannten Welt erreicht. Grenzen, Schranken lässt er nicht gelten. Er stürzt hinaus über alles bisher Bewusste, Bekannte, Erfahrene! Hinaus! Und hinab über den Rand in das nie Gedachte, nie Erforschte, gänzlich Unbekannte.

Scheinbar endlos fällt die Substanz von blutiger Farbe, befreit, erlöst von letzten Zwängen durch Welten, Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, um dann ganz am Ende doch anzukommen. Sprühend und spritzend anzukommen, aufzuschlagen. Aufzuschlagen auf dem Küchenfußboden meiner Wohnung.

Schöne Sauerei! Ich hatte das Rotweinglas aus Unachtsamkeit umgestoßen und die Apokalypse ausgelöst. Der Rebensaft hatte sich schnell über die Anrichte ergossen, war dann über die Kante gelaufen und auf den weiß gekachelten Küchenfußboden hinuntergetropft. Eine Rolle Küchentücher half mir, den Tatort zu reinigen.

In der Küche der neuen Wohnung war die zweite Flasche Rotwein schon nicht mehr ganz voll und das Chaos um mich herum unübersehbar: Türme von Umzugskartons. Recht besehen kaum Möbel. Auch ich war mal wieder hart aufgeschlagen im ungewollt Neuen. Das Radio dudelte die Hits der Siebziger und Achtziger.

Meine ganze beruhigende Kleinbürgeridylle hatte sich über Nacht verflüchtigt. Das Häuschen im Grünen, der schöne Garten, die gelegentlich liebevolle Frau – die Kinder waren schon vor einiger Zeit zu Hause ausgezogen – und der leicht übergewichtige Kater, den ich am meisten vermisste, hatten sich über Nacht in Erinnerung verwandelt. Plötzlich war es irgendwie wieder so wie vor ungefähr 40 Jahren, als ich zum ersten Mal in diese Gegend zog. Damals passte alles in einen kleinen roten Alfa Romeo Giulia und war in einigen Stunden, mittels Durchquerung des real existierenden Sozialismus, in meinen neuen Wohnort verbracht worden. Es sollte für die wenigen Monate eines Semesters sein. Es wurde ein ganzes Leben.

Dieses Mal fehlte beim Aufschlag der tiefe Schmerz der Enttäuschung, das Wüten über Unglück und Ungerechtigkeit des Lebens, das Gefühl des Sturzes ins Bodenlose. Routine? Eher ein ungläubiges Staunen. Ein fast amüsiertes Betrachten des eigenen Schicksals, nach so vielen Jahren genauso dazustehen wie vor vielen Dekaden. Beginnende Altersmilde? Vielleicht auch nur die gelebte Erfahrung, dass es schon irgendwie weiter geht, immer, so lange, bis es dann eben endet.

Die diesmaligen Umzugswirren hatten auch einige alte Postpakete ans Licht gebracht, die jede Menge Erinnerungsstücke in sich bargen: Fotos, Briefe, fragwürdige Devotionalien aller Art. Aus Mangel an Beschäftigung, wohin hätte sich auch der Inhalt der Umzugskartons bei dem akuten Mangel an Einrichtungsgegenständen einräumen lassen, nahm ich mir einige dieser Pakete und zerrte sie zu meinem Wein in die Küche. Es waren die reinsten Kramkisten, ohne jede chronologische oder sonstige Ordnung. Und so begann ein zielloses Durchstöbern. Ich suchte nichts außer Zerstreuung. Das erste Paket enthielt im Wesentlichen Fotos, deren neuerliche Betrachtung neben vielen nostalgischen Erinnerungen jede Menge Schmunzeln erzeugte. Das zweite enthielt etliche Konvolute von Briefen. Auch diese ließen jede Ordnung, jedes System vermissen. Ich sah mir Briefumschlag für Briefumschlag an und meine Erinnerung reiste zu fernen Zeiten und alten Freunden. Und dann las ich IHREN Namen. Und zuckte zusammen. Herzschlagfrequenz, gefühlte Körpertemperatur, Gesichtsfarbe wechselten in den Infarktbereich. Was, zum Teufel, war denn jetzt los? Vor langer Zeit hatte ich alle Briefe und Fotos von ihr eingesammelt und in einen großen Umschlag verfrachtet, den nur ihr Namen zierte. Ich machte mir zur Auflage, diesen Giftumschlag nie wieder zu öffnen. Warum hatte ich nicht den Altpapiercontainer gewählt? Bis heute war ich standhaft geblieben. Sollte ich den Umschlag wirklich öffnen? Wollte ich mich dem aussetzen? Etwas, was ich mir aus gutem Grund, so glaubte ich zumindest, Jahrzehnte versagt hatte? War es der Wein, die besondere Stimmung des Abends oder die reine Unvernunft? Egal! Ich öffnete den Umschlag und entnahm ihm einen großen Stapel Briefe und einen Extra-Umschlag mit Fotos. Ich sah ihre Handschrift, Magen und Herz krampften, es war klar: Ohne ein weiteres Glas Wein und eine neue Zigarette war das nicht zu stemmen.

Scheiße aber auch! Mit dem Gefühl, gerade vom Eifelturm gesprungen zu sein, entnahm ich die Blätter des ersten Briefes und begann zu lesen.

32.13.1979

Du Mark, das war echt nett von dir mit dem Paket …

2

Der Anschiss

lauert an jeder Ecke!

Mark Müller: Aphoristik

für Pessimisten.

Diepholz o. J., S. 43.

KÄFERKRABBELN IM DAUERREGEN

Der November zeigte die übliche Witterung. Es regnete seit Tagen mehr oder weniger ununterbrochen. Nicht, dass dieses in anderen Monaten des Jahres hier anders gewesen wäre, aber im November verstärkten niedrige Temperaturen und die wenigen Stunden mit Tageslicht noch den Eindruck, jemand hätte während des Duschens das warme Wasser abgestellt und sich am Sicherungskasten zu schaffen gemacht. Dies und was es auch sonst noch immer an Widrigkeiten geben mochte, änderte nichts an dem einen Faktum: Die Haupttendenz in der Welt ist die Revolution! Ob nun im Fichtelgebirge oder in der norddeutschen Tiefebene, völlig egal. Den Erfolg der Revolution galt es auch bei ungünstigen Witterungsbedingungen zu befördern. Also war es völlig unerheblich, dass es wie aus löchrigen Eimern schüttete, als wir uns gegen zehn Uhr abends an einer zugigen Ecke trafen, um unser Stadtviertel mit Plakaten zu verzieren, die in irgendeiner Weise, welche konkret ist mir entfallen, der Haupttendenz zum mehr oder weniger endgültigen Durchbruch verhelfen sollten. Oder so etwas Ähnliches. Wir, das waren Meier-Deutschland, ein Kumpel und junger Genosse aus unserem Viertel, und Heisenburg, ein aufrechter KBW-Mann, Lehrer an einer örtlichen Schule, was vermutlich nicht mehr lange gut gehen würde, und ich. Heisenburg transportierte eine Rolle Plakate und eine Plastiktüte mit Leim nebst Quaste auf seinem alten Fahrrad, welches er unabgeschlossen zurückließ, als wir uns zum Plakatieren aufmachten. Die Dunkelheit und die späte Uhrzeit waren mit Bedacht gewählt, denn natürlich war unser Tun illegal und insbesondere der KBW-Lehrer ging ein hohes persönliches Risiko ein, sollte uns die Staatsmacht in flagranti erwischen.

Ohne viel Federlesens begannen wir mit der Arbeit. Wildes Plakatieren gehörte zu den Routinetätigkeiten eines aktiven Revolutionärs, so dass alles ohne große Worte vonstatten ging. Auch die Auswahl der zu plakatierenden Stellen, Trafo- und Fernmeldekästen, exponierte Häuserwände, kommerzielle Plakatständer an zentralen Orten wie Bushaltestellen, vor Schulen oder Supermärkten waren uns hinlänglich bekannt. Dabei behielten wir die Straßenfluchten immer im Auge, ob sich etwa ein Streifenwagen oder ein verdächtiges Gefährt mit Zivilbullen nähern würde, wobei sich um diese Zeit kaum noch nennenswerter Straßenverkehr notieren ließ. Unterdessen bedachte uns der Himmel über der Stadt mit unverminderter Zufuhr von Feuchtigkeit, was bei den herrschenden Temperaturverhältnissen von um die fünf Grad Celsius nur sehr bedingt als reizvoll zu bezeichnen war.

Als wir bereits ziemlich am Ende unserer segensreichen Tätigkeit für die gute Sache angekommen waren und durch eine ruhige Nebenstraße wieder in Richtung des abgestellten Fahrrads liefen, fuhr ein Wagen mit ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit an uns vorbei, stoppte abrupt auf dem nassen Asphalt, was in der verschlafenen Gasse für einen gewissen Geräuschpegel sorgte. Galt die Sache uns?

Als unüberhörbar ein anderer Gang eingelegt wurde und der Wagen mit quietschenden Reifen die Rückwärtsfahrt antrat, gab es keinen Zweifel mehr. Zivis waren uns auf den Fersen. Es blieb nicht viel Zeit. Wir befanden uns auf der Höhe einiger einzelnstehender Einfamilienhäuser mit Gärten. Also wuchteten wir uns geschwind über einen niedrigen Gartenzaun und liefen ein Stück auf das Grundstück. Als der Wagen schon auf unserer Höhe war, warfen wir uns, wo wir gerade waren, flach auf den Bauch in die Rabatten. Das war kein Spaß. Durch den wochenlangen Regen stand das kalte Wasser in den Beeten, gepflegte Gartenanlagen, von frühverrenteten Spätheimkehrern kompromisslos umsorgt, hatten sich in traurige Schlammwüsten verwandelt. In Sekundenschnelle drang die Feuchtigkeit durch Hose und Parka, auf meiner Gesichtshaut spürte ich nasse deutsche Gartenerde. Neben mir hörte ich Meier-Deutschland und Heisenburg schwer atmen. Vorsichtig hob ich den Kopf ein wenig hoch. Unmittelbar vor meiner Nase kroch ein dicker schwarzer Käfer, den ich offensichtlich aufgeschreckt hatte, eilig davon, wobei ich für eine Nano-Sekunde das Gefühl hatte, so etwas wie Spott in seinem kleinen Cleopatra-Gesicht zu lesen. Der Wagen stand still. Scheiße, das würde nicht gut ausgehen. Die Fahrertür wurde aufgerissen. Aus dem Wagen drang in ohrenbetäubender Lautstärke Supertramps Take the Long Way Home aus Breakfast in America. Da drang eine Stimme an unsere Ohren, deren Eigentümer offensichtlich heute Abend die große allgemeine Herbstdepression schon mit jeder Menge alkoholischer Getränke bekämpft hatte:

»Ey, Mark, Meier, wo seid ihr? Wollen wir nicht noch ein Bierchen trinken gehen?« Das durfte echt nicht wahr sein! Das war Benny, unser Freund und Kampfgefährte.

Zunächst erhoben sich Meier-Deutschland und ich aus der Matschepampe, Heisenburg folgte nur zögerlich. Und da stand tatsächlich Benny unschuldig grinsend mit Kippe im Mund und Becks-Büchse in der Hand vor seiner geöffneten Wagentür.

»Bist du völlig bescheuert? Uns so zu erschrecken. Schau mal, wie wir ausschauen!«, blaffte ich ihn an, während sich ganze Brocken von nassem Mutterboden von meiner Oberbekleidung lösten.

Benny schien mich nicht zu verstehen und schaute verwirrt. »Ihr seid aber nass«, war alles, was ihm einfiel. Da kam auch Heisenburg über den Zaun geklettert. Er bot ein wahres Bild des Jammers: Er war nicht nur komplett dreckig, zusätzlich hatte er sich so unglücklich auf die Plastiktüte mit Leim geworfen, dass dieser nun durch und von seinem Vollbart lief und auf das Straßenpflaster tropfte. Dazu hatte er unter dem rechten Arm etwas eingeklemmt, was nur Zeugen des ursprünglichen Zustands noch als Plakate mit aufrührender Botschaft identifizieren konnten.

Er schien nicht einmal wütend zu sein. Er schüttelte nur traurig den Kopf und sagte in Richtung Benny:

»So wird das nichts, das sage ich euch, Genossen.«

Ohne ein weiteres Wort des Abschieds und der Erklärung lief er in die Nacht, wobei er versuchte, sich den Kleister aus dem Bart zu wringen.

Meier-Deutschland und ich krochen in den Fond von Bennys Wagen.

»Ich hoffe, du hast noch genug Bier zu Hause«, meckerte Meier-Deutschland.

Benny drehte die Musik etwas leiser, würgte den ersten Gang rein und fuhr unter erneuter übermäßiger Beanspruchung seiner Reifen los.

»Ey, Leute ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe«, begann er zu erzählen, während er noch einen Schluck aus der Bierbüchse nahm.

3

Nur mit Widerstreben lenken sie also ihre Aufmerksamkeit zurück

auf Zeiten verfehlten Lebens und wagen nicht, das wieder anzu-

rühren [...] Niemand lässt sich gern wieder auf die Vergangenheit ein [...] Und doch ist über diesen Teil

unserer Zeit die Weihe des

himmlischen Friedens gebreitet;

ist er doch allen menschlichen

Zufällen entrückt und der

Herrschaft des Schicksals entzogen, gesichert vor Mangel, vor Furcht, vor Krankheitsfällen; er kann nicht gestört werden; sein Besitz ist dauernd und frei von jedem

Angstgefühl.

Lucius Annaeus Seneca

(4 v. u. Z. bis 65 n. u. Z.):

De brevitate vitae.

sTAGNATION UND FÄULNIS

Das Ende der Kartoffelferien war schon einige Wochen her und es wurde wieder einmal Winter in Deutschland. In Bonn gerierte sich ein abgehalfterter Wehrmachtsoffizier als Kanzler einer Teilrepublik und vermeintlicher Weltökonom. Selbst der King war nun schon zwei Jahre tot. Oder auch nicht. Ansonsten war es kalt und dunkel an diesem Morgen.

Als ich aus dem Haus trat, in dem ich die Nacht verbracht hatte, umschloss mich sogleich eine dicke Nebelsuppe. Und das war gut so, denn es ersparte mir den Anblick der tristen Umgebung. Hier versank alles in allgemeiner Belang- und Bedeutungslosigkeit, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass einmal wieder die Sonne scheinen sollte.

Eine quietschende alte Straßenbahn, halbgefüllt mit mürrischen Gesichtern, die ihrer alltäglichen Ausbeutung entgegenfuhren, schuckelte mich und meine kleine Reisetasche vorbei an aufgegebenen Ladengeschäften mit blinden Fenstern, noch betriebenen Handwerkerbuden kurz vor der Insolvenz und der ehemaligen Tankstelle an der Ecke, die jetzt einen gut gehenden Getränkemarkt beherbergte, zum zuvor vereinbarten Treffpunkt. Kurz vor meiner Zielhaltestelle holte ich die rote Packung mit der schwarzen ausgestreckten Hand aus der Jackentasche und steckte mir schon einmal eine ins Gesicht. Einige Blicke wurden noch ein bisschen mürrischer. Um sie nicht zu enttäuschen, steckte ich mir die Zigarette mit meinem alten, silbrigen Benzinfeuerzeug noch im Straßenbahnwagen an, wobei eine hohe Stichflamme wie bei einer lodernden Fackel entstand, da ich den etwas anachronistischen Zigarettenanzünder erst kurz vor dem Aufbruch frisch betankt hatte. Es roch nach verbrannten Haaren und Leichtbenzin. Beim Aussteigen blies ich den Rauch aus meinen Lungen in die dichte Nebelpampe, die immer noch bösartig über der Stadt hing. Betont langsam, desinteressiert an allen Dingen dieser Welt vor mich hin paffend, schlenderte ich die Straße entlang, während irgendwann die Straßenbahn, die sich weiter um den Transport der letzten Übriggebliebenen der Arbeiterklasse der Stadt kümmerte, ebenso teilnahmslos an mir vorüberzog. Ich wusste schon, was ihre Spießerherzen am frühen Morgen daran erinnern konnte, dass es vielleicht ein anderes Leben hinter ihrem Leben gab.

Am Ende der Straße wurde ich bereits an einem ehemals hellblau gestrichenen Garagentor erwartet und auf die übliche Art und Weise begrüßt. Kraschno, ein langer, schlanker Typ, mein Alter, meine Statur und auch sonst von verblüffender äußerlicher Ähnlichkeit, wenn man bedenkt, dass wir vermutlich nicht verwandt waren (selbst mein Vater hatte uns einmal auf einem Parkplatz von weitem verwechselt), ging zum Wagen. Sein Gang wirkte noch etwas steif und ungelenk. Er hatte die Nacht wieder auf seinem Surfbrett in der Garage geschlafen, weil er Krach mit seiner Freundin hatte. Ich wusste von der letzten Nacht nicht mehr allzu viel, nur die Erinnerung an einen kleinen schwarzen Mistkäfer hatte sich noch nicht völlig verflüchtigt. In der einen Hand trug Kraschno seine fertig gepackte Sporttasche, die immer mit frischer Wäsche und anderen nützlichen Dingen neben seinem Bett stand, nur für den Fall der Fälle. Auch nicht gerade das, was man als vertrauensbildende Maßnahme bezeichnete. In der anderen Hand die Autoschlüssel, im Mund eine von diesen ekelhaften Lux-Filterzigaretten.

Er schloss den Wagen auf, öffnete die Beifahrertür für mich und versuchte, den Wagen zu starten. Zu unser beider Verblüffung klappte dies schon beim fünften Mal. Bevor es losging, musste erst noch einem neumodischen Ritual gehuldigt werden. In Anlehnung an eine aufwendige Werbekampagne der letzten Jahre sagten wir: »Klick! Erst garten, dann sturten!«, und schnallten uns an. Der Opel Ascona A 1,9 aus den frühen Siebzigern, dem mit mir völlig undurchsichtigen Manipulationen jede Menge mehr PS entlockt wurden, als die vom Hersteller versprochenen 90 (allerdings um den Preis eines ruinösen Spritverbrauchs – 25 Liter für 100 km waren fast schon Standard), schoss los. Bei Ascona dachte ich an Lago Maggiore im Sonnenschein, Luxus, Reichtum und gepflegte Völlerei und nicht so sehr an ein Auto. Bei Kraschno war das anders. Er hatte die schwarze Lederjacke, die er beinahe Tag und Nacht trug, nicht ausgezogen. »Lohnt nicht«, wie er meinte. Auf der Autobahn angekommen, gleich hinter dem Bremer Kreuz, betätigte Kraschno den linken Blinker, wechselte auf dieselbige Spur und trat das Gaspedal voll durch. Dieses sollte bis auf weiteres so bleiben. Dann schob er Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz von Marius Müller-Westernhagen in den Kassettenrecorder und drehte die Anlage auf. Der Himmel zeigte die Farbe Grau in 25 verschiedenen Varianten. Dazu Nebel und Nieselregen, irgend so eine November-Kacke. So schnell würde sich die Sonne nicht mehr zeigen. Bergwerkszeit bis zum nächsten Frühling. Wir rauchten und schwiegen. Nur bei Dicke nahm Kraschno kurz die Fluppe aus dem Mund und sang den Refrain mit.

Weil gerade wieder einmal alles scheiße war, hatte Kraschno vor kurzem angekündigt, mit nach Westberlin zu kommen, was gut passte, denn wir brauchten für eine kleine nächtliche Spritztour einen Fahrer und Kraschno war einer der besten. Ich hatte dort eine kleine, relativ billige Wohnung im Seitenflügel eines mittelschwer heruntergekommenen Altbaus, einen Studienplatz, einige unbezahlte Deckel und verschiedene Jobs, die mich über Wasser hielten. Mit Studieren, Jobben und der einen oder anderen Aktion gegen das›Schweinesystem‹ verballerte ich die Zeit. Meine Freundin hatte mich jüngst zum Teufel gejagt, warum auch immer, aber wahrscheinlich völlig zu Recht. Nahezu zeitgleich hatte meine Großmutter, die einzige emotionale Wärmestube in meiner Kindheit, ihren ebenso heldenhaften wie völlig sinnlosen Kampf gegen den Krebs verloren. Ich hatte es zwar immer geahnt, aber ich war dann doch einigermaßen überrascht, welch große emotionale Implosion ihr Verschwinden von diesem Planeten in mir ausgelöst hatte. Auch sonst bot die Weltlage wenig Erfreuliches. Die Befreiungskämpfe in der Dritten Welt stockten und stotterten, die revolutionären Kräfte in der BRD erodierten vor sich hin, das rechte Lager der KP in der VR China liquidierte den letzten linken Widerstand in den eigenen Reihen, um dem Sozialismus auch dort das Licht ausblasen zu können. Auch mit den verhassten Revis der DKP und SEW ging es, soweit man wusste, steil bergab, was uns allerdings herzlich egal war. Das aktuelle Lieblingskind rechtschaffener Empörung in unserer vor lauter Pressefreiheit in ewigem Glück und liebesdienerischer Dankbarkeit schwelgenden Medienlandschaft war die Besetzung der US-Botschaft in Teheran durch vermeintlich studentische Anhänger des neuen starken Mannes, Ayatollah Khomeini. Darüber konnte gerade nie genug berichtet, nie genug geschrieben werden. Die Ereignisse im Iran waren auch so ein Trauerspiel der letzten Zeit. Hatten wir im Herbst des letzten Jahres, als das Schah-Regime endlich, endlich ins Wanken geriet, noch große Hoffnung auf die linken Kräfte und die innere Entwicklung des Landes gesetzt, waren in kürzester Zeit die diesbezüglichen Träume perdu. Alle politischen Strömungen, das galt auch für das gesamte bürgerliche Lager, erlebten einen allzu kurzen Frühling, der alsbald nach dem vollständigen Sieg der schiitischen Geistlichkeit in neuer Illegalität und Unterdrückung endete. Auch wenn die neuen Machthaber immerhin die schrankenlose Ausbeutung durch die multinationalen Konzerne des Westens beendeten: Es roch nach Pyrrhussieg … Und in der Bundesliga gewannen immer noch die falschen Vereine.

Wir hatten uns schon richtig gut eingeschwiegen, als auf einem blau-weißen Schild für eine Autobahnabfahrt geworben wurde, die einem unter anderem die Möglichkeit offerierte, nach Visselhövede zu gelangen. Kraschno hob die rechte Augenbraue an und meinte:

»Scheiße, ich hör da seit ein paar Tagen schon wieder ein neues Geräusch. Wir müssen mal wieder bei Günther aufschlagen.«

Günther war der Schrauber bei uns. Ein wahrer Künstler in Sachen fahrbare Untersätze aller Art. Unser Kumpel Georg aus vergangenen Schulzeiten hatte ihn uns vermittelt. Georg war kein Genosse, obwohl er bei der einen oder anderen Aktion dabei war. Kraschno war ein bedingungsloser Günther-Fan, ich war eher ambivalent.

»Ich hör nix, rollt doch gut, wir müssen doch jetzt nicht unbedingt zu diesen Mistschauflern fahren«, entgegnete ich.

»Du hast keine Ahnung! Deshalb hörst du auch nichts! Hat aber eh keinen Sinn, Günther ist unter der Woche auf Arbeit.«

Puh, Glück gehabt! Die Abfahrt Visselhövede blieb für dieses Mal ungenutzt.

Günther, gelernter Landmaschinenmechaniker, hatte seine Werkstatt, wenn man die alte undichte Scheune auf dem Bauernhof seiner Eltern einmal so bezeichnen wollte, nur am Wochenende in Betrieb und bastelte dann an Autos aus dem Bekanntenkreis herum. Der Hof lag in the middle of nowhere. Die Besuche dort ließen mich immer mehr an die Existenz von Paralleluniversen glauben, und dieser Ort war definitiv ein sehr spezieller Teil des Multiversums. Nicht nur in der düsteren Wohnstube, sondern im ganzen Haus starrten einen von den Wänden Köpfe ausgestopfter Tiere des Deutschen Waldes an. Die Zahl der an die Wand gedübelten Geweihe musste im höheren dreistelligen Bereich liegen. Dazu fiel der Blick beständig auf allerlei Kleingetier von Feld und Hain, das wie lebendig gerade auf einen zugeflogen oder angelaufen kam. Der Baummarder beobachtete einen von seinem Ast, der Fuchs lauerte hinter dem Sofa, der Dachs lümmelte argwöhnisch neben dem Sessel, und während der Schwarzspecht mit seinem roten Köpfchen wild den Türrahmen bearbeitete, thronte die tief entspannte Waldeule über allem. Dazu standen in allen Ecken doppel- und dreiläufige Schrotflinten und Jagdgewehre mit und ohne Zielfernrohr, während auf Fensterbänken die kalten Jagdwaffen wie Hirschfänger oder Tüllmesser auf ihren Einsatz warteten. Die enorme Menge an bereitstehenden Feuerwaffen veranlasste Kraschno einmal zu der unbeantwortet gebliebenen Frage, ob sie einen unmittelbar bevorstehenden Überfall der Comanchen befürchteten. Kurzum: Günthers gesamte Sippschaft bestand aus überzeugten Jägern und leidenschaftlichen Waffenfreaks.

In unseren Kreisen gab es im Wesentlichen zwei unterschiedliche Einstellungen zu Waffen. Einmal die Igittigitt-Haltung der friedensbewegten Love-and-Peace-Typen und dann die der revolutionären Linken: ›Ja okay, werden (irgendwann) im revolutionären Prozess benötigt!‹ Nur der Zeitpunkt war umstritten. Einige hielten ihn bekanntlich bereits längst für gekommen. Nur Fetischismus war in der Regel nicht anzutreffen. Mit all diesen Auffassungen hätte man hier bestenfalls Kopfschütteln geerntet. Für unsere hätte man uns, wären wir jemals so todessehnsüchtig gewesen und hätten über sie gesprochen, an das Scheunentor genagelt, und zwar nicht bildlich gesprochen, sondern ganz real. Und vor den Dekorationsarbeiten zum nächsten Erntedankfest hätte man unsere Kadaver auch nicht wieder abgenommen.

Über Politik wurde besser nicht gesprochen. Schon die eine oder andere Bemerkung ließ darauf schließen, dass die NSDAP hier, hätte sie denn kandidiert, auf ähnlich gute Ergebnisse hoffen durfte wie bei den Wahlen 1938.

Also hieß es Schweigen, wenn wir auf unseren Besuchen zur Reparatur des Opels oder eines anderen Autos bei Günthers Eltern auf dem Sofa saßen und warteten, dass die Kiste fertig wurde. Schweigen schien gleichwohl die ortsübliche Form der Kommunikation zu sein, und so galten wir als nette Jungs und bekamen von Günthers Mutter reichlich Kaffee eingeschenkt und Günthers Vater schlug voller Begeisterung auf unsere Schultern, wenn er uns sah, wobei es einem medizinischen Wunder gleichkam, dass dabei Schulterblattfrakturen vermieden werden konnten. Unser Ohrenschmalz wurde ranzig von Heino und Heintje, die uns aus einem fettverschmierten Kassettenrekorder folterten, mit dem sie normalerweise Pommes frittierten, wie Kraschno vermutete, und das otogene Elend wurde auch nicht gelindert, wenn die beiden Sangesbarden durch Truck Stop ersetzt wurden, die allzu gerne Dave Dudley, Hank Snow und Charly Pride auf AFN gehört hätten.

Wir waren dann tief im Sofa eingesunken, nett eingerahmt von einer Unzahl selbst bestickter Kissen, und unsere Lage verbesserte sich auch nicht durch das Abschlabbern, welches uns riesige, aber natürlich ganz liebe Hunde angedeihen ließen, die etwa von der Größe mittlerer Maultiere waren und in der Wohnstube ein- und ausgingen.

Und wenn es an der Zeit war, dass die Bild-Zeitung, Wild und Hund und Die Wochenend beiseitegeschoben wurden und die Teller auf den Tisch kamen, durften wir, nein, mussten wir ordentlich zulangen. Verweigerung von Nahrungsaufnahme wurde als schwerste Beleidigung gewertet und wir wollten lieber nicht wissen, was als Strafmaßnahme gedroht hätte. Leider galt Ähnliches auch für den Genuss alkoholischer Getränke. Eines der Resultate des Alkoholgenusses war dann folgerichtig der Verlust der Fahrtüchtigkeit, was die Ortsansässigen grundsätzlich nicht zu kümmern schien, uns aber wiederholt zu später Stunde eine Nacht bei Günther verbringen ließ. Regelmäßig gesellten sich dann noch Geschwister und Freunde dazu, wobei sich letztere alle auf unerklärliche Art ziemlich ähnlich sahen. Man trank Bier und dazu Korn in jedweder Kombination, die Frauen eher Persico oder Eierlikör-Cola. Und sie tranken viel und ohne Angst vor morgen.

Richtig unterhaltsam wurde es, wenn Opa Hermann auf der Bühne erschien. Er führte grundsätzlich eine ehemals weiße Meerschaumpfeife im Munde, deren Kopf in der Form eines bärtigen Mannes gehalten war. Er sprach von ihr liebevoll als seiner Pipe und fütterte das Gerät unentwegt mit billigstem Zigarettentabak. Solchermaßen unter Dampf prophezeite er den roten Lümmeln in Bonn ein baldiges und schreckliches Ende. Rettung käme in Kürze aus Neuschwabenland. Dort, tief unter dem ewigen Eis der Antarktis, wären noch einige Getreue und Aufrechte verblieben, die bald aus dem 15.000 km entfernten Geheimstützpunkt zurück nach Deutschland kämen und erst den Vaterlandsverräter Frahm (offensichtlich hatte ihm niemand erzählt, dass Willy Brandt schon viele Jahre nicht mehr Bundeskanzler war) zum Teufel schicken und dann den ganzen Saustall hier ausmisten würden. Meist wurde Opa Hermann nach solchen Ausfällen von Günthers Vater mit den Worten: »Ja, ja, Vatern, ist ja gut«, auf sein Zimmer geschickt. Manchmal gelang es uns aber, ihm weitere Details zu entlocken. Und so erfuhren wir, dass Otto Wermuth und Heinz Schäfer mit ihren U-Booten U 530 und U 977 im Sommer 1945 noch einige Führungskräfte, Techniker und SS-Eliten nach Neuschwabenland auf eine zuvor über Jahre vorbereitete große unterirdische Basis gebracht hatten, auf der sie an der glorreichen Wiederkehr des Reiches werkelten. Nachfragen, warum sie denn nun schon über 30 Jahre mit ihrer Rückkehr warteten und ob sie vielleicht alle bereits tiefgefroren wären, wurden überhört. Opa Hermann versicherte uns, seine Informationen stammten aus besten Quellen. Ein Kumpel von ihm, den er, bevor sie ihn hier eingesperrt haben, wie er meinte, regelmäßig in Hamburg auf dem Kiez traf, wäre schon unter Kapitänleutnant Lange an Bord der U 530 gewesen und dort bis zum Ende in Mar del Plata geblieben. Und überhaupt: B-211 sei eine unbestreitbare Realität. Auf Kraschnos Bemerkung, das wäre doch diese Katastrophenstraße bei Brake, wurden wir zurechtgewiesen, wir sollten statt zu zweifeln uns besser überlegen, was wir in Zukunft zur Sache beitragen könnten. Denn Bonn wäre ja nur der Anfang. Danach ginge es dann endlich wieder gegen den Iwan, wie er uns voller Begeisterung verkündete, bevor Wilhelm ihn wieder in seinem Zimmer einschloss: »So, Vatern, nu is genug gesponnen.«

Mittlerweile rasten wir mit unverminderter Geschwindigkeit auf das Walsroder Dreieck zu, wo wir uns auf die A7 einfädelten. Der Kassettenrecorder schwieg, der Nieselregen hatte ein wenig nachgelassen, dafür wurde der Verkehr nun dichter. Kraschno schaute noch ein wenig böser auf die Fahrbahn, wenn sich nun ein LKW oder irgendein Sonntagsfahrer vor ihn auf die linke Spur schob und ihn dazu nötigte, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen oder, schlimmer noch, womöglich zwang, die Bremse zu benutzen. Der Scheibenwischer klackte den immer gleichen Takt: schschschwapptack, schschschwapptack. Ich fuhr als unbeteiligter Passagier einer kommenden Zeit entgegen, der ich jämmerliche Beliebigkeit unterstellte. Stagnation und Fäulnis. Meine Gedanken wanderten zu meiner Großmutter. Wie unbändig hatte ich sie als Kind geliebt. Ich erinnerte mich an einen kleinen Zettel, den ich wie einen Schatz hütete und vor meinen Eltern verbarg, auf dem ich mir nach ausgiebigem Studium des Amtlichen Kursbuches der Deutschen Bundesbahn, welches ich in der lokalen Stadtteilbücherei einsehen konnte, alle Zugverbindungen, die täglich von Bremen in ihren Wohnort führten, notiert hatte. Alle Eil- und D-Züge waren aufgelistet, ebenso die zwei Fernschnellzüge, die beide Städte miteinander verbanden. Das Stückchen Papier war meine Rückversicherung, dass ich theoretisch, wenn ich es zu Hause nicht mehr ertrug, jederzeit zu ihr fliehen konnte. Das Geld für eine Fahrkarte hatte ich immer in der hintersten Ecke meines kleinen Schreibtisches versteckt. Ich kannte schon mit sieben oder acht Jahren den genauen Fahrpreis und wusste, dass D-Züge zwei Mark Zuschlag kosteten, Fernschnellzüge vier. Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr zahlten die Hälfte. Fernschnellzüge übten damals eine große Faszination auf mich aus. Zum einen sicherlich, weil ich noch nie mit einem gefahren war, zum anderen symbolisierten sie für mich Freiheit. Die Freiheit, schnell überall hinzufahren, wohin man auch nur wollte. Darüber hinaus wusste ich, dass Fernschnellzüge Schreibabteile besaßen, aus denen heraus man aus dem fahrenden Zug telefonieren oder angerufen werden konnte. Das fand ich alles enorm aufregend.

Die Gedanken wanderten weiter zu meiner verflossenen Freundin und zu der Erinnerung, wie glücklich, zumindest schien es mir so, wir noch im Sommer gewesen waren, und wie unendlich weh es tun muss, alle und alles für immer verlassen zu müssen, obwohl man nicht will, und wie weh es mir tat, dass beide mich verlassen hatten.

Was sollte nun werden? Aktion würde auf Aktion folgen und ich würde mich ewig leer fühlen. Eine böse November-Depression kam in mir hoch und ein Tsunami von Selbstmitleid überrollte mich. In mir spielte schon seit dem Erwachen Me and Bobby McGee von Janis Joplin, der einzigen, die wirklich gefühlt hatte, was sie sang, und die nicht nur trällerte. Jede Zeile, jedes Wort des Songs hallte wider und wider in meinem Kopf, in meinem Herzen, in meiner Seele. Das Lied lief beständig in meinem Sein, wie in einem Film Hintergrundmusik läuft. Musik spielte immer in mir. Arbeiterlieder, trotzig voll von Widerstand, gaben Stärke, Mut und Zuversicht. Rock’n‘Roll gab Kraft und Energie, ließ die Wut raus, den Hass. Balladen für die Emotionen, zum Heulen, für die Trauer. Immer. Immer wieder.

Um einen peinlichen Anfall von Larmoyanz, der mich zu beherrschen drohte, zu beenden, sang ich aus voller Brust über Freiheit und Bobby McGee, wobei in meiner Vorstellungswelt Bobby weiblich war.

Kraschno schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an und stellte eilig das Autoradio an, vermutlich, um sich vor einem weiteren A-cappella-Anfall zu schützen. Gut, ich kann wirklich nicht singen.

»NDR 2 wegen des Verkehrsfunks«, sagte er. Dank der Gesangseinlage ging es mir schon wieder besser, und dass NDR 2 gerade die Schmalzstulle Tie a Yellow Ribbon Round the Ole Oak Tree spielte, brachte mich endgültig zur Räson. Die Schnulze schlug mein Stimmungstief in die Flucht. Sehnsüchtig wartete ich nun auf die Verkehrsnachrichten als rationales Antidot, die dann, als wir das Autobahnkreuz Hannover-Ost erreichten und auf die A2 wechselten, endlich gesendet wurden. Zwischen Lehrte-Ost und Peine sollte es aufgrund eines Unfalls bei Hämelerwald einen Stau geben. Kraschno stöhnte genervt auf. NDR 2 ließ nichts anbrennen und legte stimmungsmäßig gleich mit Peter Maffays So bist du nach. Nun war ich es, der dem Kassettenrecorder wieder den Vorzug gab. Es dauerte nicht lange und wir fuhren auf das Stauende auf, was Kraschno die Gelegenheit gab, sich intensiver nach der morgigen Aktion zu erkundigen, bei der er der Fahrer sein sollte. Ich setzte ihm den Sachverhalt auseinander, wobei wir über mögliche Risiken und Schwachstellen diskutierten. Kraschno interessierte sich insbesondere für die Grenzübergänge nach Ostberlin, wobei aufgrund des vorgesehenen Zielgebietes nur Checkpoint Charlie und der Übergang Heinrich-Heine-Straße von Belang waren. Kraschno faszinierte, seit wir neulich Meier II (gesprochen: Meier Zwo) kennengelernt hatten, oder er uns, die Idee, bei einer fetten Aktion in Westberlin mit einem überraschenden Abgang in den Ostteil der Stadt die Bullen richtig schön blöd aussehen zu lassen. »Genossen«, hatte Meier II bei unserem Treffen an einem kleinen netten See irgendwo bei Fürstenwalde zum Abschied gesagt, »Genossen, wenn es einmal brenzlig wird, auf uns könnt ihr immer zählen!« Ich war da eher skeptisch und traute Meier II und seinen Mannen nicht über den Weg. Ich war davon überzeugt, dass sie ihr eigenes Spiel spielten, bei dem wir bestimmt nicht gewinnen sollten. Einem Revi, noch dazu so einer Art revisionistischem Geheimdienstbullen, war prinzipiell jedwede Schweinerei zuzutrauen. Seit unserem Abschied von der Welt der K-Gruppen brauchten wir zwar auf ideologische Feinheiten, wie die Feindschaft zu Revisionisten und Sozialimperialisten, nicht mehr allzu penibel zu achten, stand schließlich der Kampf gegen den US-Imperialismus und seine Derivate in all seinen Facetten ganz allgemein wieder mehr im Zentrum unseres Handelns, doch alte Wunden und Schismen waren noch lange nicht verheilt und die Folgen des 20. Parteitages hatten ihre Spuren in der Welt hinterlassen. Ich versuchte, Kraschnos Euphorie zu bremsen und ihm klar zu machen, dass weder die Genossen, für die wir am nächsten Tag im Einsatz sein würden, noch Meier II und seine Kapelle sonderlich begeistert sein dürften, wenn wir einen unangekündigten Besuch im anderen Teil der Stadt veranstalten würden. Außerdem informierte ich ihn über die aktuelle Nachrichtenlage. Erst gestern hatten die Westberliner Bullen von ihrer Seite aus die Übergänge in die DDR kontrolliert. Laut Presseberichten waren sie auf der Jagd nach arabischen Terroristen und Genossen des 2. Juni. Was auch immer sie umtrieb, sie waren nervös und die Lage an den Übergängen war derzeit unberechenbar. Kraschno zeigte sich einsichtig und es blieb bei einer allgemeinen Festlegung, dass wir die Möglichkeit eines eleganten Abgangs in den Arbeiter- und Bauernstaat für den nächsten Tag, aber auch generell, nur als allerletzten Rettungsanker in Erwägung ziehen würden. Option Notausstieg hieß diese Eventualität von nun an bei uns.

Nachdem wir die Unfallstelle passiert hatten, löste sich der Stau auf und Kraschno konnte den Motor bis Helmstedt noch einmal fordern.

4

Der Aufbau geht

so schnell voran,

dass keine Lüge

folgen kann.

Plakattext zum Fünfjahresplan

in der DDR, 1952.

INTERMEZZO INTERSHOP

Bei der üblichen, nicht enden wollenden Warterei während der Abfertigungsprozeduren beider Deutschlands, dachte ich nur kurz an den Gasrevolver im Handschuhfach. Er diente nicht etwa der allgemeinen Volksbewaffnung zur Vorbereitung des ersehnten revolutionären Umsturzes, sondern war Kraschnos unverzichtbares Hilfsinstrument zur Regelung von Meinungsverschiedenheiten im Straßenverkehr. Diverse Versuche, ihn von dieser Unart abzubringen, waren gescheitert.

»Waffen, Munition, Funkgeräte«, war die übliche erste Frage eines Angehörigen der Grenztruppen der DDR, nachdem wir Helmstedt hinter uns gelassen hatten und die GÜSt Marienborn an der Reihe war. Dumme Sprüche wie ›Was haben Sie denn im Angebot?‹ oder ›Danke, wir kaufen nichts‹ sollte man sich besser sparen, denn deutsche Männer in Uniform garantierten Ost wie West eine humorfreie Zone. Als Kraschno die Fensterscheibe wieder hochgekurbelt hatte, sagte er lakonisch: »Sollten sie uns zur Verfügung stellen, dann müssen wir nicht immer alles selber organisieren.«

Dann krochen wir mit 100 Stundenkilometern über die Autobahn bis zur Transitraststätte Magdeburger Börde, kurz vor der Stadt an der Elbe, wo wir regelmäßig auf unseren Fahrten nach Westberlin eine ausgedehnte Rast einlegten. So auch heute. Als wir, mit Pässen, Transitvisa und Fahrzeugschein versehen, den Wagen verließen, nahmen wir sogleich diesen typischen Geruch aus Braunkohlenofenrauch, Zweitaktmotorabgasen und Kohlausdünstungen aus HO-Küchen wahr, wie ihn nur so ein Ort bieten konnte. Wir begaben uns in die Gaststätte und setzten uns in den gesonderten Bereich für die Berufskraftfahrer. Da hatten wir als normale Transitreisende BRD-Bürger zwar nichts zu suchen, aber wir waren als Dauerkunden bekannt und wegen unserer großzügigen Trinkgelder gerne gesehen. Auf einen Blick in die Speisekarte konnten wir verzichten. Wir wussten, was wir wollten: Nach der reichhaltigen Soljanka nahmen wir das Ungarische Gulasch mit Apfelrotkohl und Klößen, dazu einen Apfelsaft. Danach gönnten wir uns ein Kännchen Bohnenkaffee, gefiltert. Der war zwar ziemlich mau, dafür, wie alles andere auch, kostengünstig. Die Zone, wie die Reaktion die DDR gerne diffamierend titulierte, stürzte ja angeblich von einer Hungersnot in die nächste; hätten wir immer so gefuttert wie hier, wären wir schon früh fett geworden. Während christlich-revanchistische Wühler und Pfaffenbengel druckfrische Ausgaben Neues Testament auf der Toilette an bibeltreue Christen der DDR übergaben (und dabei vom Schild und Schwert der Partei nicht erwischt wurden) und Genossen der KPD/ML neueste Ausgaben Roter Morgen, Ausgabe Sektion DDR, auf der gleichen Toilette vergaßen (und erwischt wurden), spielten wir mit zwei Truckern aus Herne eine schnelle Runde Bock-Ramsch um einen Fünfer pro Mann. Die Trucker gewannen.

Next stop: Intershop! Dieser Einzelhandelsladen war ein Teil der Intershop-Geschäfte, die vornehmlich an Grenzübergangsstellen, Rastplätzen der Transitstrecken und Flug- und Fährhäfen der DDR lagen und ein bizarres Konstrukt der internationalen Geschäftswelt darstellten. Man verkaufte hier vornehmlich Waren (Zigaretten, Schnaps, technische Geräte usw.), die in der DDR für den Westen produziert worden waren, gegen Westgeld zu Preisen, die weit unter den üblichen Ladenpreisen des Westens lagen, an Leute, die diese in den Westen mitnahmen und dort konsumierten. Mit Ostgeld konnte man in diesen Geschäften nicht einkaufen, wohl aber bis vor kurzem mit Westgeld, das die DDR über diese Läden abschöpfen konnte. Neuerdings musste man als Bewohner der DDR das Westgeld zuvor in so genannte Forumschecks eintauschen. Eine Forumscheck-Mark entsprach einer Mark Westgeld. Mit der Forumscheck-Mark konnte man nun wieder in den Intershops einkaufen. Alles verstanden?

Wir holten aus dem Intershop zwei Stangen Zigaretten sowie ein paar Flaschen Krim-Sekt und polnischen Wodka. Anschließend ging es zurück zum Wagen, um an den Zapfsäulen der Intertank-Tankstelle neuen Sprit für den Ascona zu bunkern. Intertank war der Intershop für Kraftstoffe. Hier zu tanken war nicht ganz unumstritten. Die Kalten Krieger wetterten, dass man mit einem Besuch einer Intertank-Tankstelle Mauer und Stacheldraht finanzieren würde, die Automobil-Puristen, und die waren in diesem Fall eindeutig in der Mehrheit, bezweifelten die Qualität und Reinheit des Ost-Benzins und befürchteten schwere Schäden für die sensiblen West-Motoren. Kraschno schien diese Bedenken nicht zu teilen.

»Ist denn dieser Scheiß-Tank wirklich schon wieder leer? Bist du sicher, dass er kein Loch hat?«, mokierte ich mich über den exorbitanten Kraftstoffverbrauch von Kraschnos Liebling.

»Leistung braucht jede Menge Saft und Kraft. Das ist wie beim Menschen«, meinte Kraschno und setzte einen seiner Opel-Sprüche hinterher: »Und mit jedem Kilometer wächst die Freundschaft!«

»Ja, und das Loch im Portemonnaie.«

Nach einem ergiebigen Aufenthalt an diesem besonderen Ort deutsch-deutscher Begegnungen wartete Kraschno, bis ihn ein Daimler mit dem großen B auf dem Kennzeichen mit 160 km/h überholte, um uns, im gebührenden Abstand, an ihn ranzuhängen. Einerseits, um die Strecke schnell hinter uns zu bringen, andererseits, um im Falle eines Devisen beschaffenden Radargerätes rechtzeitig auf die Bremse zu latschen und eine Menge Geld zu sparen. Und einen Schwall gut gemeinter Zurechtweisungen. Das klappte wie immer ausgezeichnet.

Während dieser Pseudo-Verfolgungsjagd, einholen ohne zu überholen, hing ich meinen Gedanken nach, die nun endlich etwas klarer zu mir sprachen. Konnte es sein, dass das Betrachten einiger Fotos, neulich abends bei meinem Kumpel Benny, von einer Frau, die schon lange in meinem Leben war, ohne auch nur die kleinste Rolle darin zu spielen, dass das Betrachten dieser schlechten Aufnahmen von längst vergangenen Gruppenfahrten, unscharf, die Farben schon ein wenig verblichen, sie vor einem Reisebus stehend, auf einer anderen Aufnahme ein Eis schleckend, bei mir plötzlich, wie von Geisterhand, eine Sehnsucht nach Nähe, nach Kontakt, aufkommen ließen? Was waren das für seltsame Gefühle? Wo kamen die plötzlich her? Alles nur Biochemie! Aber warum jetzt? Und wieso gab es dazu Wärmeattacken im Bauch? Peristaltische Kontraktionen? Kann man sich, aufgrund solcher alten Bilder an einem typischen Zeittotschlagabend mit Musikhören, Quatschen und Flaschenbier in Bennys winzigem, mit Holz vertäfeltem Zimmerchen unter dem Dach, verlieben? Wer war sie eigentlich, wie ist sie eigentlich? Trotz der vielen gemeinsamen Jahre wusste ich nicht viel von ihr. Aber als ich sie vorletzte Woche kurz bei einem Besuch in einer befreundeten WG sah (auch sie war dort auf einen Kaffee hereingeschneit), wusste ich, dass ich total verknallt war. Und letzte Woche Donnerstag, kurz bevor ich zur Nachtschicht aufbrach, nahm ich allen Mut zusammen, ging in eine Telefonzelle, rief sie in ihrer WG an und gratulierte ihr zum Geburtstag. Das hatte ich noch nie gemacht. Zu meiner freudigen Verwunderung nahm sie den Anruf scheinbar positiv auf. Frisches Wasser auf meine Mühlen. Ich wusste auch, dass demnächst eine Silvesterparty anstand. Ein gigantischer Blödsinn, zu feiern, dass das eine Scheißjahr das nächste Scheißjahr ablösen würde. Verschlimmernd kam hinzu, dass ein neues Jahrzehnt in Angriff genommen werden sollte. Aber egal, sie würde vermutlich auch dort sein und ich begann mich darauf einzustellen, als Gast meine Magenirritationen genauer zu überprüfen.

Kraschno erlöste endlich Marius Müller-Westernhagen, nachdem der sich zum fünften Mal lobend über seinen guten Freund Johnny Walker geäußert hatte, und fummelte am Radio herum, bis er die Frequenz von BFBS gefunden hatte. Begleitet von den aktuellen Top Twenty der britischen Popmusik und dem letzten bisschen Tageslicht fuhren wir an das Ende des nächsten Staus heran. Wir hatten beinahe die GÜSt Drewitz erreicht. Nun hieß es, sich abermals in eine Autoschlange zur nächsten Runde der Kontrolle unserer Transitvisa und Pässe einzureihen. Kraschno nörgelte ein wenig herum:

»Mann ey, so langsam hab ich die Schnauze voll. Ich würd jetzt gern endlich mal da sein.«

»Ja, geht mir auch so. Je nachdem wie das Abfertigungstempo heute ist, denke ich, dass wir in einer guten Stunde aus der Kiste rauskommen müssten.«

»Na, hoffentlich.«

Mit dem Verschwinden des letzten Restes an Tageslicht beschlich mich wieder eine unerfreuliche Melancholie. Ich dachte wieder einmal an meine Großmutter. Ließ ich gewöhnlich keinen Zweifel über meine politische Gesinnung aufkommen, konnte ich ihren ausgiebigen Schwärmereien für den Kaiser, sie hatte ihn mehrfach bei Paraden auf den Straßen Berlins gesehen, immer relativ aggressionsfrei zuhören. Zeitgleich wurde gerne ausgiebig geklagt. Stets aufs Neue wurde der Verlust ihrer drei Brüder thematisiert, die im Ersten Weltkrieg irgendwo auf den zahlreichen Schlachtfeldern grab- und erinnerungslos gefallen waren, ohne auch nur einmal darüber zu reflektieren, ob nicht gerade der Kaiser und sein militaristisch-nationalistisches Unterstützerpack das große Morden des Ersten Weltkrieges mit zu verantworten hatten. Heil Dir im Siegerkranz schien kritischen Geist für immer vertrieben zu haben:

Heilige Flamme, glüh,

glüh und erlösche nie

fürs Vaterland!

Wir alle stehen dann

mutig für einen Mann,

kämpfen und bluten gern

für Thron und Reich!

Klagen über ökonomische Verluste nahmen in den Litaneien ebenfalls großen Raum ein. Ihre Eltern waren strikt dem patriotischen Umtausch von Schmuck und Gold gegen wertlosen Tand aus Eisen unter dem schönen Motto ›Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr‹ gefolgt. Die Erträge dieser höchst lukrativen Transaktionen füllten die Kriegsschatulle der Herrschenden.

Diese mehr oder weniger freiwilligen Verluste beschleunigten den sozialen Abstieg wohlhabender Großbürger, der sich mit den sozialen und politischen Umwälzungen im Nachgang des Ersten Weltkrieges ohnehin vollzog. Wenn dann das Thema auch noch auf Adolf kam, dem sie es vor allem verübelte, dass er den Krieg, wenn er ihn schon begonnen, dann auch noch verloren hatte, wurde es schwieriger, ruhig zu bleiben. Schon der zweite verlorene Krieg in ihrem Leben, wie sie greinte. Und über die Russen, wie sie abschätzig von der Roten Armee der Sowjetunion sprach, und deren Verhaltensweisen 1945 wurde ebenso stundenlang ohne den geringsten Anflug von Nachdenken oder kritischem Rückblick lamentiert. Jeder andere, der dergleichen Dinge erzählt hätte, wäre von mir in der Luft zerrissen worden, nur bei ihr blieb ich halbwegs entspannt. Andererseits konnte dieser Wilhelm-II-Groupie sich meine mehr oder minder heimliche Bewunderung für Ulrike, Gudrun, Andreas und deren konsequenten Weg ohne einen Anflug von Empörung anhören. Das war in jenen Zeiten etwas Besonderes. Vielleicht verstand sie auch nicht, um was es ging?

Als wir dann nach weiteren Wartereien tatsächlich endlich den Kontrollpunkt Drei Linden und Checkpoint Bravo im amerikanischen Sektor hinter uns lassen konnten und in die selbstständige politische Einheit Westberlin einfuhren, war es wie immer. Angekommen in der eingeschlossenen Mauerstadt, atmeten wir den Duft der Freiheit Westberlins. Wir waren, wo wir sein wollten! In der Stadt mit Bewegung und Aufruhr, mit Widerstand und Aktion. Durch eine fette Mauer und 180 km Feindesland geschützt vor den spießigen Ermahnungen unserer Reihenhauseltern, die uns in Drogensucht oder Terrorismus oder beidem gleichzeitig versinken sahen. Und mit Aussicht auf eine nette Zeit. Kraschno und der Opel gaben noch einmal alles, als wir am Funkturm und dem ICC vorbeirasten. Als wir Schöneberg erreicht hatten, kurvten wir im Kiez durch das Straßengeviert rund um unsere Stammkneipe herum, um nach einem freien Parkplatz Ausschau zu halten.

Das Café Jonas war erst vor einem Jahr Anfang Mai eröffnet worden. Es war benannt nach dem Film Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird, welcher vom Schweizer Alain Tanner produziert worden war und besonders von Ökos geschätzt wurde. Die Eröffnung war ein Ereignis, von dem ich vor allem den Ausschank angeblich selbstgemachten Apfelkorns in Erinnerung hatte. Der rasche Erfolg dieses Ladens war schwer zu erklären. Eigentlich wirkte er wie eine dunkle Höhle mit seiner lichtschluckenden Wandverkleidung aus dunkelbraunen unbehandelten Holzbrettern. Die Einrichtung stammte größtenteils vom Sperrmüll, das Personal des Kneipenkollektivs bestand aus blutigen Amateuren, deren Karrieren bislang eher vor dem Tresen stattgefunden hatten. Das galt auch für die zum Teil mitarbeitenden Besitzer des Lokals, die es trotz Kollektivgefasels ganz basiskapitalistisch in Form einer vierköpfigen GbR auch gab. Der Namenszusatz ›Café‹ war auch nicht recht zu deuten, war aber vermutlich dem Umstand zu verdanken, dass der Schuppen ab neun Uhr morgens für Frühstücksgäste öffnete. Nicht selten waren da allerdings noch die letzten Gäste des Vorabends zugegen. Die Berliner Schwindelplörre, die hier aus dem Hahn lief, wenn sie nicht heimlich gegen Fässer billigerer Anbieter ausgetauscht wurde, konnte einem auch nicht die Attraktivität des Lokals erklären. Ebenso bot die Lage des Café Jonas keinen Hinweis darauf, warum es hier jeden Abend knallvoll war und einige Besucher sogar aus weit entfernten Bezirken Westberlins anreisten. Es lag eher versteckt am Ende der im Lokaljargon ›Kleinen Naumannstraße‹ genannten Einbahnstraße auf der verkehrstechnisch schlecht erschlossenen sogenannten Schöneberger Insel, die von drei Bahnlinien, der Potsdamer Bahn, der Anhalter Bahn und der Ringbahn, eingerahmt und umschlossen und nur über Brücken erreichbar ist. Früher nannte man diese Gegend die ›Rote Insel‹, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet war, dass die Bewohner mehrheitlich Anhänger der KPD oder SPD waren. Die Nazis und ihre würdigen Nachfolger, die den Kapitalismus in den Westzonen nach dem Zusammenbruch restaurierten, hatten es zu einem historischen Begriff werden lassen. Von dem Rot war nicht viel geblieben, bis auf die roten Rüben der Bluthochdrucksäufer in den zahlreichen Eckkneipen.

Das Jonas war eine Eckkneipe in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. In den Räumen war früher die Postfiliale des Kiezes untergebracht, wovon an der kleinen Kreuzung mit der Brunhildstraße noch zwei Telefonhäuschen und ein Briefkasten Zeugnis gaben. Eigentlich hätte es dieses alles nicht mehr geben sollen. Der Gesamtbauplan für die Reichshauptstadt von Albert Speer sah für diese Gegend den völligen Abriss vor. Dann hätten wir heute an der Rückseite der Gebäudeungeheuer der gigantischen Nord-Süd-Achse der Welthauptstadt Germania geparkt.

Es regnete immer noch, als wir den schmuddeligen braunen Vorhang, der zum Schutz vor winterlicher Kälte den Eingang bewachte, beiseite schoben. Wir waren da.

Ein paar Gäste waren es schon, die, obgleich erst später Nachmittag oder früher Abend, je nach subjektiver Interpretation, bei elektrischem Licht Zeitung lasen und Kaffee oder Rotwein tranken.

»Freddie, zwei Pils auf die geglückte Heimkehr!«, orderten wir beim Wirt, der schon die zahlreichen Kerzen auf den Tischen und am Tresen entzündete, um den gemütlichen Teil des Tages einzuläuten. Kraschno zog die schwarzen Lederhandschuhe aus, die er während der ganzen Fahrt anbehalten hatte, und schob sich die letzte Lux aus der Packung in den Mund. Der Abend konnte beginnen.

5

Ich glaube, die Ruthe ist [...]

für Denjenigen, der schöne

Menschen bilden will,

der beste Meißel.

Johann Georg Kohl (1808-1878),

Bremer Stadtbibliothekar.

KINNER MIT’N WILLEN KRIEGT WAT VÖR DE BILLEN

Wenige Stunden später war der Laden brechend voll. Wir standen noch immer am Tresen. Um uns herum war es eng geworden. Alle Tische waren besetzt, der Flipperautomat und der Billardtisch umlagert. Es war eine bunte Mischung aus Studenten und Malochern aus Berlin und allen Ecken und Provinzen Deutschlands, Anhängern jeder nur vorstellbaren politischen Gruppe, Unpolitischen, Bundeswehrflüchtlingen, orange gekleideten Sannyasins von Bhagwans Gnaden, AAO-Glatzen, Nachbarn, Säufern, vermeintlichen Künstlern und Dichtern neben Anwälten und überzeugten Taxifahrern, dieses zuweilen sogar in einer einzigen Person vereint. Die Gespräche schwappten hin und her. Scharfe ideologische Diskussionen, gespickt mit schweren Vorwürfen von Links- und Rechtsopportunismus, Revisionismus und anderer Todsünden, Kieztratsch, Bundesliga-Fachsimpeleien, aufarbeitende Beziehungsgespräche neben heftigen Anbandelungsversuchen, semiintellektuelle Seminaristenprahlereien, Sozialarbeitergeseiere, Geschichten aus der alten westdeutschen Heimat, Kochrezepte, aufgebauschte Berichte über Transit-Erlebnisse direkt aus der Hexenküche des Kalten Krieges, Urlaubserinnerungen an 1 Berlin-Kreta oder schlicht nur belanglose Blödeleien. Wir entschieden uns für das letztere Thema.

Die Lila-Latzhosen-Fraktion, die uns Oberschwätzern am Tresen böse Blicke zuwarf, war auch schon da. Immerhin! Auch Verachtung ist eine Form von Aufmerksamkeit.

Zwei Gäste schafften es, in aller Ruhe und Konzentration Schach zu spielen, während Fluchthelfer-Rolf seinen Auftritt hatte. Auch der ›Schöne Günter‹ und der nicht minder schöne Sozialarbeiter-Winfried liefen ein, um sich ihre vielbeachteten Billard-Duelle zu liefern. Sie sahen aus, als hätten sie Anfang des ausgehenden Jahrzehnts in einem mehr oder minder bekannten dänischen Pornostreifen eine handlungsrelevante Rolle gespielt. Damals herrschten noch die guten alten Zeiten, als Aids noch nicht erfunden war und auf der Kneipentoilette kein obligatorischer Kondomautomat hing, sondern nur dumme Sprüche standen, von denen einer es im März des Jahres sogar bis in die Montags-Bild, also den Spiegel geschafft hatte: ›Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen‹. Ein Spruch, der epochenübergreifend durch seine allgemeine Validität überzeugt.

Die Luft war verraucht und das Bier floss wasserfallartig aus den Zapfhähnen. Das Kneipenkollektiv funktionierte erstaunlich gut. Bedient zu werden war eine Gnade und Trinkgelder eigentlich eine Frechheit, was nicht bedeutete, dass sie nicht gerne genommen wurden und schwäbisch-studentische Knauserigkeit geschätzt wurde. Man verstand sich nicht als gewöhnliche Bedienung – was für ein erniedrigendes Wort – oder Servierkraft, sondern als Teil eines Kollektivs! Getränke bekam man als Gast nicht in erster Linie aufgrund von Zahlungskraft, sondern aufgrund von sozialer Akzeptanz. Diese hatten wir, Gott sei Dank, in ausreichendem Maße.

Die Lautsprecherboxen dröhnten Jackson Browne, David Bowie und die Rocky Horror Picture Show. Die Welt da draußen war nur noch eine blasse Erinnerung an böse Zeiten und versank allmählich in der hereinbrechenden Nacht. Hinten, in der Ecke mit den verschlissenen Sofas, kreisten die ersten Joints. Auch wir waren schon ein wenig angeduselt, als die Genossen vom Freien Radio zu uns stießen. Wir hatten verabredet, sie zu unterstützen. Wir sollten am nächsten Abend ihre kleine UKW-Sendestation durch Westberlin karren, mit der sie wieder auf Sendung gehen wollten. Der Sender musste dafür durch Kreuzberg 36, ihrer Hochburg und Heimat ihrer Hörerschaft, gefahren werden. Wir gingen mit Leni, Fritz und Trude vor die Tür in den beschissenen Novemberregen und besprachen die Details.

Zum Hintergrund ist zu bemerken, dass die Genossen vom Freien Radio normalerweise ihre auf Kassette vorproduzierten Sendungen über einen Sender und ein Abspielgerät zu Gehör brachten, welche irgendwo deponiert wurden und ihr Werk sozusagen ohne Personal verrichteten. Bullen und Post, die mit ihren Peilwagen die Sender suchten, konnten so bestenfalls die Technik einkassieren, aber nicht die Macher. Die Sache hatte nur zwei große Nachteile: Zum einen war im Falle der erfolgreichen Peilung die ganze schöne Anlage futsch, was abgesehen von der Spurenfrage auch immer knapp 1.000 Mark Verlust bedeutete. Zum anderen mussten sich stationäre Sender genau aus diesen Gründen mit einer sehr kurzen Sendezeit begnügen, und alles war natürlich Konserve und nicht live, wodurch der Stolz unserer Radiopiraten doch arg verletzt wurde. Daher waren sie kürzlich auf einen mobilen Sender umgestiegen, was aber auch das Risiko erhöhte. Kraschno und Fritz diskutierten die technischen Probleme, von denen ich rein gar nichts begriff. Kraschno dagegen hatte schon in Bremen praktische Erfahrung mit Piratensendern gesammelt und als gelernter Nachrichten- und Geräteelektroniker und gelegentlicher Student der Elektrotechnik war er Experte. Ich, als Geistes- und Sozialwissenschaftler neuester Prägung, von vielen Dingen einen leidlichen Schimmer und von nichts wirklich Ahnung, war eher für die Requisite und Dramaturgie zuständig. Ich bestand auf korrekter bürgerlicher Kleidung für Trude und Fritz, die mit uns fahren sollten, um die Sendung zu schmeißen. Einige Fluchtszenarien wurden, für den Fall des Zugriffs der Bullen, durchgespielt, denn es sollten, wenn überhaupt, so wenige wie möglich einfahren, wobei die drei vor allem um ihr Equipment besorgt waren.

Nach der Besprechung der Choreographie wollte keiner der Hörfunker mehr mit ins Jonas kommen, es war ihnen zu bürgerlich. Echte Kreuzberger eben. Und so entschwanden sie im nun dichter werdenden Nebel. Schweinenass wieder in der Kneipe stehend, bemerkten wir, dass das Kneipenkollektiv gerade zu seiner garantiert viertelstündigen Pause angetreten war, die sich mehrmals am Abend wiederholte. Deshalb bekamen wir von Freddie erst einmal keinen Tequila mit Vitamin-C-Zuschlag, der uns augenblicklich einigermaßen mit unserem Zustand versöhnt hätte.

Wir waren alte Kommies und hatten uns durch K-Gruppen-Zeiten gequält, die gefühlte 25, in Wahrheit aber nur einige wenige, erhitzte Jahre in Anspruch genommen hatten, in denen die Zeit aber so verdichtet erschienen war, dass es zu dieser Diskrepanz bei der Einschätzung der realen Dauer kommen musste. Unter K-Gruppen muss man sich eine beträchtliche Anzahl von Zusammenschlüssen vorstellen, die alle beanspruchten DIE EINE KOMMUNISTISCHE Organisation, wenn nicht gar PARTEI, zu sein und sich alle links und im krassen Gegensatz zur revisionistischen DKP, hier in Westberlin der SEW, befanden, die die Moskauer- und DDR-Linie vertraten, während die K-Gruppen in unterschiedlichen Graden für die Peking-Linie standen. Oder für Albanien. Die Namen dieser Vereinigungen oder präziser gesagt die verwendeten Buchstabenkürzel bildeten für den Außenstehenden einen undurchschaubaren Dschungel. KBW, KB, KABD, KPD/ML, KPD waren diejenigen, die den meisten Zuspruch genossen. Diese waren aber nur die Kaderorganisationen. Zählte man die Bezeichnungen der Untergliederungen auf, die ungetrübt von den Realitäten ›Massenorganisationen‹ genannt wurden, ergab sich eine unübersichtliche Lage: KOB, KSB, KJB, SRK, GUV, KAJB, SSF, RL, KAG, KOV, KJD, KJKD, KHG, KSG, KSV, KJV, KSB/ML, RLB, VSK, GFA, RHD, RGO, Rote Garde, Liga gegen den Imperialismus und dergleichen mehr. Dies lässt zahlreiche Gruppierungen von lediglich lokaler Bedeutung und solche trotzkistischer, anarchistischer oder noch abenteuerlicherer politischer Orientierung außen vor.

Und womit hatten wir die letzten 25 Jahre unsere Zeit gefüllt?

Wir waren selbstverständlich Tag und Nacht auf den Beinen, um der Weltrevolution zum endgültigen Triumph zu verhelfen. Standen morgens, Stunden vor dem Aufwachen, vor Fabriktoren, verteilten Flugblätter und boten, zumeist im strömenden Regen, unsere Zeitungen zum Verkauf an, organisierten ungezählte Demonstrationen zu allen Fragen der Weltgeschichte, klebten Plakate, sprühten Parolen und nutzten überhaupt jede Gelegenheit, um Agitation und Propaganda zu betreiben. Ließen zermürbende, oft nächtelange Zellensitzungen und Stunden währende Schulungen über uns ergehen, allen voran, Karl Marx zur Ehre und als unabdingbare Grundlage für jeden echten Genossen: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band 1–3; aber natürlich auch Diamat-Histomat-Schulungen, die sich ausführlich mit dem historischen und dialektischen Materialismus beschäftigten, gerne Lenin mit Was tun? oder Staat und Revolution. Rauf und runter. In tristen Fußgängerzonen, deren Ödnis allein schon depressiv machte, wurden wir von hysterischen Kleinbürgern angepöbelt, geschlagen und bespuckt. Immer in das Korsett von Disziplin, Kritik und Selbstkritik eingespannt, bei dem eifrigen Bemühen, die Volksmassen von ihrem Elend zu befreien, das sie doch bis auf das Messer verteidigten, weil es ja das Einzige war, dessen sie sich sicher sein konnten. Jahrelang ›Hoch die …!‹, ›Auf zu …!‹, ›Weg mit …!‹, ›Vorwärts mit …!‹ und weiß der Henker was für eine Parole. Dazu das letzte Hemd für den Klassenkampf gegeben. Und das alles ohne wirkliche Resultate, ohne wirklichen Fortschritt. Wir waren noch keine alten Säcke, aber doch schon eine Ewigkeit dabei. Drecksbullen und andere Staatsbüttel hatten uns mittlerweile ähnlich häufig verprügelt wie unsere schlagfreudigen Väter, die für einen unauslöschlichen Eindruck einer glücklichen Kindheit gesorgt hatten. ›Kinner mit’n Willen kriegt wat vör de Billen‹ war ein populärer lokaler Euphemismus dieser Niedertracht. Unsere mutmaßlichen Erzeuger vollführten ihre Züchtigungen unter der mitleidlosen Anfeuerung und dem begeisterten Applaus unserer Mütter, die unfähig zu irgendeiner Empathie gegenüber irgendjemandem waren und gleichwohl bei dem Schlagerliedchen Mama des niederländischen Sangesjünglings Heintje oder, um auch die bildungsbürgerliche Variante zu bedienen, bei der Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven, natürlich interpretiert von Elly Ney, Bäche von Tränen vergießen konnten. Unsere Sammlung von Narben und anderen unschönen Erinnerungen war ins schier Unermessliche gewachsen. Dass wir nicht zu jeder Mahlzeit gefüttert werden mussten, glich einem Wunder, so oft waren Kleiderbügel oder andere für geeignet gehaltene Gegenstände auf unsere Rücken und Schädeldecken gekracht, bis sie sukzessive durch Polizeiknüppel ersetzt worden waren, deren Sollbruchstellen regelmäßig an uns überprüft wurden. Nordhorn-Range, Brokdorf, Grohnde, Fahrpreiserhöhungen und Häuserkampf in Frankfurt, die physische Vernichtung des Guerillero Holger Meins und unsere Reaktion in Hamburg und immer nur auf die Fresse. Den Deutschen Herbst mit Mühe überstanden, die Genossen im Knast, auf dem Rückzug ins private kleinbürgerliche Glück oder in die Resignation, was auf das Gleiche hinauslief, und nichts erreicht! Eigentlich hatten wir die Schnauze voll, aber wir waren schließlich anständige Menschen, Kommies eben, und machten weiter. Was hätten wir auch sonst tun sollen? Das Tischtuch zwischen uns und der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem Staat war zerschnitten. Endgültig. Spätestens seit dem tödlichen Schuss in den Hinterkopf von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und den Begleitumständen, die die Handlungsweisen des herrschenden Staatsapparates ungeschminkt offenlegten. Das Attentat auf Rudi Dutschke und seine Rezeption in der bürgerlichen Presse ein Jahr später war ebenfalls nicht gerade förderlich, um uns mit den herrschenden Verhältnissen zu versöhnen. Als es dann die ersten Toten aus dem neuen militanten Widerstand gab, wurde es naturgemäß nicht besser. Die Liquidierung von Petra Schelm 1971 in Hamburg, die dieser famose Rechtsstaat in der größten Polizeiaktion nach dem Krieg erlegt hatte wie ein in die Enge getriebenes Wildtier, verstärkte nur die Wut und den Hass auf den Staat unserer Väter und Großväter, der zu großen Teilen von alten Nazis geführt und kontrolliert wurde und der eine neue Klasse von Pseudo- und Spezialdemokraten hervorgebracht hatte, deren inhaltliche und methodische Unterschiede zu ihren Vorgängern graduelle, aber keine prinzipiellen waren.

Es waren und sind immer dieselben Drecksbullen. Hatten sie bei der Ermordung von Petra noch schwer gejubelt, weil sie dachten sie hätten Ulrike erlegt, mordeten sie sich fleißig weiter durch die Zivilbevölkerung und die Guerilla. Gestern noch die Nazis bei jedwedem Verbrechen unterstützt, durften sie nun endlich wieder unter allgemeinem Beifall ›menschlichen Abschaum‹ jagen. Gleich 1946, noch vor der Gründung ihres neuen Polizeistaates, hatten sie in Stuttgart, ausgerechnet in einem Lager für Displaced Persons, also verstörten und geschundenen jüdischen Überlebenden aus den unzähligen Vernichtungsstätten des Tausendjährigen Reiches, welches sich zumindest für sie wie tausend Jahre angefühlt haben musste, bei einer rechtlich haltlosen Razzia gegen Schwarzmarktwaren gezeigt, dass sie nichts verlernt hatten und Samuel Danziger, der Ausschwitz gerade überlebt und Frau und Kinder im Lager wiedergefunden hatte, mit einem Kopfschuss getötet. Der Polizeipräsident fand bedauernde Worte. Nicht für Samuel Danziger, sondern wegen des Prestigeverlustes der deutschen Polizei, deren Wüten im Lager durch die US-amerikanische Besatzungsmacht unterbunden wurde. Immerhin konnten bei den Juden einige offensichtlich für Schwarzmarktzwecke gehortete Hühnereier beschlagnahmt werden. Überflüssig zu erwähnen, dass der Todesschütze niemals ermittelt wurde.

Und dieses war und ist beileibe kein ausgemacht deutsches Phänomen. Auch in Frankreich waren es dieselben Bullen, die beim ›La grande rafle du Vel d’Hiv‹ 1942 zigtausende Juden für die Nazis verhafteten, die dann von diesen deportiert und größtenteils im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Genau so wie die Herren Ordnungshüter französischer Nation, die im Oktober 1961 im Massaker von Paris hunderte wehrloser, unbewaffneter Algerier, die friedlich demonstrierten, wenn auch unter Missachtung einer rassistischen Ausgangssperre, erschossen, erschlagen oder in der Seine ertränkt hatten, zum ewigen Ruhme von Gendarmerie und CRS. Immer dieselbe Scheiße.

Das Tischtuch zwischen uns und ihnen war tatsächlich schon lange entzwei oder zumindest äußerst brüchig. Jedenfalls fiel es mir schwer, soweit es mich betraf, mich zu erinnern, wann ich mich jemals im Einklang mit dieser Gesellschaft befunden hatte. Und die Gründe dafür? Millionen Gründe!

Derzeit operierten wir nicht mehr als organisierte Genossen von Kaderorganisationen, sondern machten unsere eigenen Kisten, unsere Dinger, als autonomer Teil der Linksradikalen. Endlich freier, spontaner, unberechenbarer, aber nicht minder bedrohlich für die Herrschenden. Der schwarze Block war da! Die Kochstraße hatte ihre eigene Begrifflichkeit: Politrocker, Chaoten und krimineller Linksmob. Das war viel Lob von ungewohnter Seite.

Denn wir wussten ja, frei nach Mao Tse-tung: Wenn der Feind dich lobt, dann hast du einen Fehler gemacht, wenn er dich aber bekämpft, hasst und in den schwärzesten Farben malt, dann existiert eine saubere Trennungslinie zwischen dem Feind und dir und du hast alles richtig gemacht!

Kraschno und ich hatten aufgrund unseres kleinen Ausflugs den günstigen Tresenplatz verloren und standen nun etwas verloren in dem üblichen Tohuwabohu herum. Ein Typ mit glatten, langen schwarzen Haaren quälte sich mühsam durch das Menschengewirr und hielt ein Exemplar der neuen Zitty in die Höhe. Er suchte Käufer für das Stadtmagazin mit dem Programm für die kommenden zwei Wochen. Es war in politisch korrekten Kreisen völlig klar, dass man die Zitty kaufte und nicht etwa das Konkurrenzblatt Tip, das für ahnungslose westdeutsche Touristen, Pöseldorfer Popper, Zehlendorfer Bürgersöhnchen, BWL-Studenten, Kudamm-Idioten und andere Lackaffen reserviert war. Der Absatz im Jonas war schwunghaft, und gewohnheitsgemäß erwarb auch ich ein Exemplar und überließ dem Verkäufer das Wechselgeld.

»Wir sollten wegen morgen vielleicht noch mal Hascher kontaktieren. Die Freien-Radio-Freaks hatten in letzter Zeit ein bisschen viel Publicity, würd mich nicht wundern, wenn die Pigs was vorbereitet hätten«, brüllte ich Kraschno ins Ohr.

»Ein bisschen knapp mit der Zeit, oder?«, brüllte er zurück.

»Ja, aber besser wäre es schon! Der alte Afghane hockt bestimmt noch in der Mansarde. Er könnte noch rüberkommen, wir instruieren ihn und er kann uns dann morgen immer noch stecken, was Sache ist.«