Alte Freunde - Rafael Chirbes - E-Book

Alte Freunde E-Book

Rafael Chirbes

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Beschreibung

Wie gefährlich es ist, nostalgisch in die eigene Vergangenheit zu tauchen - diese Erfahrung machen die "alten Freunde", die sich treffen, um über alte Zeiten zu plaudern, als man gegen Franco und für die Revolution stritt. Die Jahre nämlich, die vergangen sind, seit Rita, Amalia, Elisa, Carlos, Guzmán, Pedrito und ihre Genossen politische Verschwörungen anzettelten und von einer lichten Zukunft träumten, sie haben ihre tiefen Spuren hinterlassen. Die Freunde von einst sind einander fremd geworden. Aus Revolutionären wurden abgebrühte Bauunternehmer, Medienfunktionäre, Eurokraten, die sich in der modernen Gegenwart bestens zurechtgefunden haben. Einige hat es schlimmer erwischt. Und einige sind gar nicht erst gekommen. Rafael Chirbes ist nach "Der lange Marsch" und "Der Fall von Madrid" mit diesem letzten Teil seiner Trilogie aus dem Nachkriegsspanien in der Gegenwart angekommen.

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Seitenzahl: 343

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Rafael Chirbes

ALTE FREUNDE

Roman

Aus dem Spanischen vonDagmar Ploetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

BEIM VERLASSEN DES RESTAURANTS wird uns die Kälte mit Krallen empfangen, während es vor meinem Häuschen in Denia noch grünt und blüht trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit, Mitte November, daran denke ich; auch daran, wie sanft mich die mildfeuchte Luft heute Morgen umfing, als Pedrito seinen Wagen vor meinem Haus parkte und wir die Reisetasche einluden, in die ich ein paar Hemden gepackt hatte, Unterwäsche, Kulturbeutel, das Nötige für den zweitägigen Ausflug, und er, neben dem Wagen stehend, die rechte Hand auf die Klappe des Kofferraums gestützt, sagte: »Stimmt, das Haus ist klein, aber die Aussicht ist prächtig.« Ins Notizbuch eintragen, welche Empfindung der tiefblaue, von Wolken durchzogene Himmel in mir auslöste, als läge ein Filter über der Landschaft und alles fügte sich zu einer Filmsequenz: die Pinien, die am Wagenfenster vorbeizogen, die steinige Sierra, mit einigen grünen Tupfern versehen seit den ersten Herbstregen, Pinienhaine, die auf den ersten Blick kaum auffallen, schaut man jedoch genauer hin, entdeckt man, dass sie einen beträchtlichen Teil der Landschaft ausmachen, man weiß nicht recht, wo sie stehen, in Mulden, Winkeln, an widerhaarigen Stellen, zum Teil so versteckt, dass man sie erst sieht, wenn die Straße um einen felsigen Brocken biegt, und schon sind sie über dir. Zweige, Felsen, Sträucher, ein paar Stechginsterbüsche, Zwergpalmen, die in Kolonien wachsen; ein paar Feigenkakteen voller Früchte, und keiner pflückt sie, Johannisbrotbäume, die auch die vielen gelegten Brände überlebt haben: resistent gegen das Übel. Ich sage mir, während ich mir mit der Serviette über die Lippen wische, nachdem ich das Glas zum Mund geführt und einen Schluck Wein getrunken habe, dass ich Dinge erinnere und festhalte, die mich gerade einmal beiläufig interessieren, Dinge, die durch dieses Abendessen automatenhaft in meinem Gedächtnis aufgerufen werden und die vielleicht überflüssig sind. Wahrscheinlich wünsche ich mir, dass der Lärm gewisser Gedanken den Klageton anderer überdeckt. Guzmán und Taboada diskutieren über die Politik des Möglichen und über das, was nicht machbar ist. »Die aktiven Politiker, die von heute, die kenne ich«, höhnt Pedrito, »was soll ich euch erzählen?« Und dann, nach einer Pause: »Was haben wir gewonnen? Was haben wir verloren? Scheißleben, oder? Unsere Illusionen«, schließt er spöttisch. Guzmán wehrt sich: »In der Geschichte gibt es keine Pausen, da fällt nicht der Vorhang und hebt sich wieder. Es gibt keine Zwischenakte. Es ist eine fortlaufende Vorstellung.« Und jetzt reden die drei darüber, was sie am Tag von Francos Tod gemacht haben, über Tejeros Putschversuch, die kommunistische Utopie, das abgewrackte Russland, China im Konsumfieber, Amerika, das allein auf dem Tisch der Welt tanzt. Sie diskutieren unter den aufmerksamen Blicken von Guzmáns Söhnen, nur Pedrito schweift einen Augenblick von Guzmáns und Taboadas Erinnerungen ab und wendet den Kopf leicht zur Seite, um besser Amalias Ausschnitt betrachten zu können. Ich bemerke die Bewegung seiner Augen und spüre einen Stich rückgewandter Eifersucht oder einen Stich Wehmut und deshalb, um die Eifersucht zu überwinden und die Wehmut zu zähmen (»Du wirst nie ein Revolutionär, dazu liebst du die Literatur zu sehr«, sagte Pedrito damals zu mir, »und du wirst auch kein guter Liebhaber. Die Literatur steht mit der Liebe und der Revolution auf Kriegsfuß«), denke ich, ein defensiver Rückzug, an mein Haus, daran, dass ich heute Morgen aufgebrochen bin und schon wieder zurück möchte. Als wir Contreras erreichten, hatte es sich bewölkt, und ein paar Kilometer weiter begann es zu regnen. Und hörte nicht auf bis Madrid. Ich erinnere mich an die Bewegung des Scheibenwischers, die Tropfen platzten auf dem Glas, und ich erinnere mich an Pedrito, als wir Kinder waren, eine Kinderfreundschaft, etliche Jahre bevor er mich von der Revolution ausschloss. Die Kindheit ist Balsam: Wir tauschten Comics; ich sammelte Schwarzer Panter, und er sammelte Kleiner schwarzer Panter. Beide kauften wir Hefte von Capitán Trueno und El Jabato. Auf dem Kopf trugen wir bunte Hühner- und Truthahnfedern, die wir aus den Mülleimern fischten und an schwarzen Bändern befestigten, die er seiner Mutter, einer Schneiderin, stahl: Wir waren Sitting Bull und Gerónimo, der mit dessen Schlichen fertig werden musste, mit Sitting Bulls Fähigkeit, hinter einem Waggon unsichtbar zu werden und dann den Feind am Rand eines Wassergrabens zu überrumpeln; Kindheitserinnerungen, schnell, blendend kreisen sie wie ein Karussell im Kopf: als eine Krätzeepidemie die Schule erfasste und uns allen die Köpfe kahl geschoren und mit Schwefel (oder war es Jod?) eingepinselt wurden; als die Schule eine Woche lang geschlossen blieb, weil ein Kind an Meningitis gestorben war. Erinnerungen: die Angst vor den Schwindsüchtigen, vor dem Bauchaufschlitzer; Männer, die mit einem Sack auf dem Rücken durch das Dorf zogen, wir wussten nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen. Manchmal folgten wir ihnen von fern. Wir bündelten alte Zeitungen, die wir uns von Tür zu Tür bei den besseren Familien im Dorf erbettelten oder außerhalb auf den Müllkippen zusammensuchten. Die alten Zeitungen verkauften wir dem Lumpenhändler, um von dem Erlös die Kinokarten bezahlen zu können. Filme mit Gary Cooper, James Cagney, Alan Ladd, Linda Darnell, Virginia Mayo, Shelley Winters oder Janet Leigh. Die nahen Halden, es roch nach Organischem, das sich zersetzt, die Fischernetze, ausgebreitet unter den gekappten Palmen auf der Esplanade am Hafen, auf dem Markt der Gestank nach fauligem Fisch, nach tierischen Exkrementen; der Strand voller Algen, und die Insekten springen dazwischen herum, ein trockenes Knistern, Sandregen. Die Karren, gezogen von schweren Maultieren, werden mit Algen beladen, die man irgendwohin landeinwärts bringt. Ich beobachte gern diese von Tieren gezogenen Karren und versuche mir vorzustellen, wohin sie fahren; Orte, die mir unbekannt sind, die ich mir anders vorstelle als diejenigen, wo ich mich gewöhnlich aufhalte, vielleicht jenen ähnlich, die ich im Kino sehe. Sie liegen hinter den Bergen. Der Geruch von Feuchtigkeit: Laderäume, in die der Dunst des Meeres dringt; es riecht nach Salpeter, nach Karbid, nach Petroleum. Das Knistern der trockenen Algen, wenn wir darauf treten, das matte Rauschen des Meeres, wie ein raschelnder Vorhang. Auch jenseits des Horizonts gibt es unbekannte Orte, denen ähnlich, die wir im Kino sehen. Es gibt ein Paar Nutten, die den Einbruch der Dunkelheit abwarten, um sich hinter den Felsbrocken der Wellenbrecher zu verstecken, Männerschatten, die in einiger Entfernung folgen und auf die Schatten der Frauen fallen, worauf die einen mit den anderen verschmelzen: Wir Kinder beobachten die Schatten aus unserem fernen Versteck, was machen sie; die Schilfrohrfelder außerhalb des Dorfs sind für uns ein heimischer Urwald, in dem man beim Dunkelwerden ebenfalls Knacken, Geflüster und Schritte hört. Die Kindheit, der dichte, urwüchsige Wald, kommt mit dem Geschmack des Weines und dem Geräusch der Unterhaltung auf mich zu. Erreicht mich mit Pedritos Gebärde, als er Amalia Wein nachschenkt. Sie reden alle laut, doch ich höre sie wie von fern. Mich schützt der dichte Vorhang des urwüchsigen Waldes. Er dämpft ihre Stimmen. Die Gefühle der Kindheit sind klebrig, deshalb gelingt es nicht, sich ganz von den Menschen zu lösen, mit denen man sie geteilt hat, deshalb sind diese ein Teil von ihnen: Gefühle wie Kaugummi. Kindheit und Adoleszenz, sumpfiges Gelände für die Gefühle, weder die Festigkeit der Erde noch die Weiche des Wassers, Zwischengelände, obwohl die Adoleszenz die Pflanzschule des Haders ist (»Nein, Carlos, dir kann man nicht trauen. Du würdest Lenin für einen guten Roman verkaufen; sogar deinen Vater würdest du verkaufen, wenn er denn noch lebte«, sagte Pedrito zu mir; da waren wir schon junge Männer, keine Jugendlichen mehr. Ich habe niemanden verkauft, nie etwas verkauft, nur Wohnungen). Die Adoleszenz: Pedrito las Baudelaire und Broschüren, ein Mädchen aus Hamburg, das er sich in Denia angelacht hatte, brachte sie im doppelten Boden ihres Koffers mit und übersetzte sie ihm aus dem Deutschen; Broschüren mit Anleitungen zur Herstellung von Sprengkörpern; Poesie und Revolution; die Poesie eine mit Zukunft geladene Waffe, die Revolution ein Akt der Liebe: Wie man eine Kaserne in die Luft jagt oder die Franco-Statue auf der Plaza del Caudillo in Valencia oder das Kreuz für die Gefallenen an der Puerta del Mar oder das Denkmal für Calvo Sotelo, den Erzmärtyrer des Kreuzzugs zur Befreiung. Wie man das alles in die Luft jagt. Eines nachts in die Hauptstadt, nach Valencia, fahren und alles in die Luft jagen. Alles sprengen, nachts. Pedrito sagte, die Revolution sei das Böse der Nacht. »Lern das, du Schriftsteller. Hättest du wenigstens die Wut von Dostojewski«, sagte er. Er liebte es, mich Schriftsteller zu nennen, und verachtete, was ich machte, weil er meinte, das sei allenfalls hübsch. »Ästhetik«, sagte er, und neben Dostojewski führte er »Die sieben Irren« von Roberto Arlt als Vorbild an. Er sagte: »Die hatten Wut im Bauch, Furor statt Ästhetik«, und wenn er das sagte, schien ihn selbst ein seltsam epileptischer Zorn zu befallen. Wir sahen den Tag anbrechen – das Licht der Sonne wie eine Messerklinge, die über den Steinen der Wellenbrecher im Norden des Hafens breiter wurde –, und wir spürten, dass der Tag die Revolution auslöschte. Wir tranken in jenen Nächten alles, was wir bekommen konnten: Gin, Cognac, Punsch, Whisky, Anis, Kräuterliköre, Ricard oder Pastis; wir rauchten Tabak, Marihuana, Haschisch und aromatische Kräuter, die Pedrito im Montgó sammelte und von deren halluzinogener Wirkung er uns zu überzeugen versuchte. Wenn wir nicht mehr konnten, kotzten wir auf die Steine der Wellenbrecher, und anschließend tranken, rauchten und redeten wir weiter, mit dem Tuckern der vor Tagesanbruch auslaufenden Fischerboote als Geräuschkulisse, bis ein rosafarbener Flecken das Ende der Nacht ankündigte. Die Revolution, ein mächtig aufputschendes Rauschmittel; oder eines jener Bilder, die das Ende der Welt darstellen, das Jüngste Gericht, der Augenblick, in dem der Einbruch des Rechts alles auf den Kopf stellt: Die Gräber öffnen sich, Grabplatten rutschen zur Seite, und Gerippe erscheinen, Skelette, die plötzlich in Bewegung geraten oder dasitzen, die Beine im rechteckigen Loch des Grabes, als säßen sie am Rand eines Schwimmbeckens und sonnten sich; Gerippe, die sich angeregt unterhalten oder einfach diesen Gegensatz auskosten: das kalte Wasser netzt ihre Füße, und die Sonne brennt auf Rücken und Kopf; Skelette in schnellem Lauf, wie in einem Anatomielehrbuch (diese anatomischen Stiche, auf die Baudelaire an den Ständen der Bouqinisten am Quai Voltaire stieß und die von Medizinstudenten und Schülern der Kunstakademie gekauft wurden: eingreifen, darstellen, Manifestationen der Liebe). Skelette – sie gehen, bücken sich, arbeiten, zeigen dabei das Spiel der Gelenke in jeder Phase der Bewegung; sie sitzen zu Pferd, blasen die Trompete, halten eine Sense oder streicheln mit fleischlosen Fingern eine üppige, farbige Frucht, genau wie auf einem Bild von Bosch. Aber auch halb verweste Körper, das Fleisch von Würmern zerfressen, eher dem Barock eines Valdés Leal zugehörig (Elisa hat übrigens eine Arbeit über die Stillleben des Barock geschrieben, über diese extreme Opulenz an der Grenze zwischen reifer Fülle und beginnendem Vergehen. »Du bist, was ich einmal war, und wirst sein, was ich jetzt bin« wählte sie als Motto, ein Satz, der auf einem florentinischen Gemälde von Massaccio steht). Die Revolution: andere ästhetische Maßstäbe, für eine andere Art von Schönheit schwärmen, den Kanon verändern. Zwei Gerippe, die sich küssen, fleischloser Kiefer an fleischlosem Kiefer; die sich umarmen, knochige Hände an knochigen Wirbeln; sie bewegen sich wie beim Geschlechtsverkehr. Revolution: Die Nacht verhängt die Sonne mit einem schwarzen Schweißtuch, so wie man in den Kirchen von Denia Altarbilder und Gemälde verhängte, wenn der Karfreitag kam (ob sie das noch immer tun?), denn Gott war gestorben, und alles war in Trauer und Finsternis gehüllt. Verschneite Landschaften in alten Schwarzweißfilmen, weiße Flecken, schwarze Flecken, die wie aufgescheuchte Ameisen über eine weiße Fläche rennen; Flecken, die manchmal die ganze Leinwand bedecken und sich in menschliche Gesichter verwandeln, schreckgeweitete Augen, sich öffnende Münder; Gesichter, die Edelmut und Güte ausstrahlen (breite Arbeiter- oder Bauerngesichter), oder solche, die Verderbnis und Bosheit verraten (Gesichter von Priestern, Aristokraten, Militärs – borstige Brauen, scharfe Nasen, hängende Mundpartien), Bilder von elenden Hütten, die man sich übel riechend und verräuchert vorstellt, bei deren Anblick man Scham empfindet, schlechtes Gewissen, Schuld, weil man in einem Haus für Leute aus der Mittelschicht wohnt, auch wenn es (wie bei mir, bei Rita, Demetrio und auch Pedrito) Arbeiterhäuschen sind, wo sich Probleme aus der Notwendigkeit ergeben, mit einem sehr niedrigen Lohn das Monatsende zu erreichen, ein Nichts, verglichen mit dem extremen Unrecht, das Revolutionen zeugt: Gesichter, mit Ruß oder Fett verschmiert, nur die Augen umgeben von einem weißen Hof, den die jetzt auf die Stirn geschobene Schutzbrille des Schweißers oder Heizers bedeckt hat; Paläste, die im zitternden Licht der Leinwand zu phosphoreszieren scheinen, Uniformen, dunkle Latzhosen, vermutlich blau oder khakifarben, schwarze Lederjacken. Diese Gestalten, aufgescheuchten Ameisen gleich, auf der großen Treppe am Hafen von Odessa; die Stufen des Winterpalais in Petersburg ersteigend; rennende Gestalten unter riesigen Lüstern, deren Kristalle das Licht brechen und Blitze schleudern, die den Blick blenden. Filme von Eisenstein und Pudowkin, in klandestinen Filmklubs gesehen, die Anfangszeiten der Vorstellungen unter den Eingeweihten weitergeflüstert. Pedrito. Ich höre ihn reden. Nach Shanghai müsse man gehen, nach Moskau, nach Paris, und wenn das nicht ginge, dann wenigstens nach Madrid, auf der Suche nach jenen Extremen, die eine Revolution erfordert: die Paläste, die Freitreppen (in Madrid waren die einen wie die anderen bescheiden; das entdeckten wir später), die Lüster, die endlosen Wagen der Minister, Schieber und Bankiers; die Frauen, gehüllt in weiche Pelzmäntel; und, auch das, die Bettler, die Baracken, die Ratten, sie springen in die Wiegen der Säuglinge und nagen am zartesten Fleisch. In Denia war das Leben zu bescheiden, eine Armut ohne Poesie, ohne jeden Anflug von Heroismus: die Müllkippen, die schmutzigen Strände, die verschmierten Seiten der Comics, die wir uns zum Lesen suchten und den Zigeunern streitig machten, die Penicillinfläschchen, deren Inhalt sich jemand gespritzt hatte und die wir aufhoben, um sie als Gefängnis für Insekten zu verwenden oder als Mehrzweckinstrument für dubiose und erregendere Spiele. Steine, vom Meer umschmeichelt, dazwischen Posidonias, wie die Haare eines Ertrunkenen, gewiegt vom Auf und Ab der Wellen, Wucherungen, Geschöpfe an der Grenze zwischen Mineralien, Tier- und Pflanzenwelt, höckerige Schnecken, mit grünem Moos bedeckt, aus denen sich unruhige Beine strecken; sie rennen über die glitschigen Steine, die von oszillierenden, glibberigen Mähnen bedeckt sind; Geschöpfe, von der Natur wie für einen Maskenball ausgestattet; Strände, bedeckt von getrockneten Algen und Schwämmen, aus denen Insekten springen, herrenlos streunende Hunde; steinige Strände, Höhlen, in die das Wasser Echos setzt, Felsplatten, bevölkert von Seeigelkolonien, schwarz, grünlich, rötlich, bläulich unter dem Laken stillen Wassers, das durchsichtig ist wie Öl, sich plötzlich wellt und sich dann langsam aufbäumt und wild wird; gelber Sand, rote Erde, blutig vom Rost: Felder mit Wein und Orangenbäumen, Fenchelsträucher am Wegesrand; Fischer, Bauern, kleine Kaufleute; und dann: die Kaserne der Guardia Civil, deren Fassade Pedrito mit Hammer und Sichel zu bemalen vorschlug (wir haben es nie gewagt). Zu bescheiden für eine Revolution war diese Armut. Auch wenn an der Fassade des Pfarrhauses noch Reste einer priesterfeindlichen Parole zu erkennen waren, die jemand vergeblich auszulöschen versucht hatte: trotz abgeschmirgeltem Stein und einer Teerschicht waren immer noch Wortfetzen lesbar. Bei uns zu Hause lebte die Erinnerung daran fort, dass der Mann, der diese Invektiven geschrieben hatte, später festgenommen, womöglich erschossen worden war, Geflüster im Haus. Erinnerungen an einen Krieg: Mauerruinen hinter dem Hafen, Gebäude ohne Dächer, die Fenster hohl wie schlaflose Augen. Madrid, eine andere Dimension: Arbeiter in schäbigen Hütten, besonders im Süden, von Atocha abwärts. Sich dort einnisten, sich proletarisieren, zwischen den Hütten herumstreichen, Lenin-Flugblätter, vom Gürtel gehalten, zwischen Haut und Hemd; vom kalten Nebel eines Dezembermorgens umhüllt auf Baugerüste steigen, während sich um die noch brennenden Straßenlaternen ein Dunsthof legt; mit den Händen essen, das Brot mit den Händen brechen und mit der Messerspitze ein Stück Chorizo aufspießen, den man mit den Genossen teilt. Gerechtigkeit, Gleichheit. Revolution heißt, hartnäckig die Not zu suchen, die man nicht leidet. Wir zogen nach Madrid. Wir tauschten Denia gegen Madrid. Madrid, das ist Pedrito, der mir laut Baudelaire vorliest, während die Metro in Richtung Südviertel fährt: »Sich in eine dicke Frau zu verlieben ist manchmal ein entzückender Spleen, die dünne Frau ist eine Grube finsterer Wollust. Lern das, du Schriftsteller.« Mit der Revolution wählten wir die Liebe zu der Grube finsterer Wollust. Pedrito las: »Die Dummheit ist häufig ein Ornament der Schönheit, sie ist das, was den Augen diese friedliche Reinheit dunkler Teiche und die ölige Ruhe der tropischen Meere verleiht.« Pedrito hat es in dem Buch unterstrichen, das ich bei mir zu Hause aufbewahre. Es liegt noch griffbereit: Einige der Passagen, die er angestrichen hat, habe ich in ein Heft geschrieben und ins Spanische übersetzt. »Andere aber hassen ihre Frauen, weil sie verschwenderisch sind, – Republikaner, denen die Grundelemente der politischen Ökonomie fremd sind. Die Laster einer großen Nation sind ihr größter Reichtum.« Die gesammelten Werke von Baudelaire, die Elisa aus Paris mitbrachte. Pedrito las sie gierig und füllte sie mit farbigen Anstreichungen. »Da hast du einen Meister, mein Schriftstellerfreund«, sagte er zu mir, das Buch wie einen Stein oder eine Pistole schwingend. Dieser eine Band barg seine zwei Lieben: die Frau und den revolutionären Dichter der Pariser Barrikaden (Il faut aller fusiller le général Aupick!). Pedrito, die Frau und der Dichter der Revolution, ein ungleichschenkliges Dreieck (»Ich bin die kleinste Seite des Dreiecks«, lachte er), das er einige Monate lang in die Luft zeichnete und das sich dann auflöste, aber die Erinnerung daran besteht fort. Heute Vormittag, während wir durch die verregnete Mancha fuhren, sprach er, wieder einmal, von Elisa: »Die Einzige, weißt du, die Einzige, die ich in meinem Leben wirklich geliebt habe«, und ich dachte an das Haus auf dem Hügel am Meer, wo er wohnt (er hat es mir heute Morgen im Vorbeifahren noch einmal gezeigt, »das mit der Steinmauer«, sagte er), an seine Frau (»Ich habe sie nicht verdient«, hatte er kurz zuvor gesagt), an seine Tochter (»Die bricht ihr Studium nicht ab wie wir, die ist ehrgeizig«, hatte er gesagt). Während wir durch die Mancha fuhren, sagte er: »Ich glaube, ich bin von Madrid zurückgekehrt, weil sie mich nicht liebte und ich den Gedanken nicht ertrug, dass sie irgendwo in der Stadt war, ihre Wohnung hatte und ihr Bett, in das sie sich jede Nacht legte.« Ich dachte: »Guter Satz, Pedrito, an dir ist ein Politiker verloren gegangen – auch wenn dieses Land wahrlich keinen Mangel an Politikern hat.« (All diese Politiker, gegen die er jetzt wettert.) Der Band mit Baudelaires Werken wurde in der Wohnung hinter dem Bulevar de Vallecas, wo wir mit Demetrio wohnten, der gemeinsamen Bibliothek einverleibt, und er fiel mir dann bei der Verlosung zu, mit der wir die Bücher, die Platten und die wenigen Möbel, die sich im Haus angesammelt hatten, unter uns aufteilten, als sich die Zelle nach den Diskussionen, die unserer Verhaftung folgten, auflöste. Wir suchten Schuldige für das, was wahrscheinlich nur unsere eigene Angst und Verunsicherung war. Wir hatten unsere Schwäche entdeckt und wollten sie nicht akzeptieren. Pedrito unternahm nichts, um das Buch, das ihm so wichtig gewesen war, wiederzubekommen. Er hätte mich darum bitten können, und ich hätte es ihm ohne weiteres überlassen, oder er hätte es gegen ein anderes Buch tauschen können, aber er tat es nicht. Baudelaire gefiel ihm nicht mehr, wahrscheinlich weil er mit der Geringschätzung für Baudelaire ausdrücken konnte, Elisa sei ihm nicht so wichtig, wie sie ihm tatsächlich war. Heute Morgen im Auto sagte er: »Der Tod lehrt dich den Wert des Lebens. Das Leben ist das Einzige; das einzig Wertvolle ist, noch am Leben zu sein; und wir lernen, dass dies etwas wert ist, weil der Tod der anderen es uns lehrt. Insofern liebe ich Elisa, insofern. Als Tote ist sie mir von Nutzen. Sie ist der Nullpunkt, von dem aus ich bemessen kann, was ich habe. Leben. Das lehrt sie mich. Und sie lehrt mich auch, dass ich darüber hinaus nichts habe, weißt du, gar nichts. Ich tue etwas, und sie schaut mich an, lacht oder wird wütend und sagt: ›Ich will dich nie mehr wiedersehen‹, und wenn ich sie das sagen höre, bin ich schon wieder verliebt, nein, versteh mich nicht falsch, um nichts in der Welt würde ich meine Frau verlassen, glaub das ja nicht. Um-nichts-in-der-Welt. Davon rede ich nicht. Ich rede von dem, was mir geblieben ist, von Rückständen, oder, um es hübscher auszudrücken, von Ablagerungen. Ich liebe meine Frau, das heißt, ich weiß nicht, ob ich sie liebe, aber ich brauche sie. Wenn sie nicht jedes Mal zu Hause wäre, wenn ich spät nachts betrunken heimkomme, wäre ich froh, aber ich würde sie vermissen, wenn sie für immer gegangen wäre. Ich rede nicht davon, meine Frau zu verlassen, ich rede von dem, was war. Ich rede von einer Toten. Von den Toten. Es gibt das, was es gibt, und damit müssen wir unser Spiel machen, nicht mit dem, was wir gern gehabt hätten. In jenen Jahren haben wir gelernt, dass das, was ist, Scheiße ist, und das war eine hundsgemeine Lektion, weil wir sie, einmal gelernt, nicht mehr vergessen konnten. Wenn man das weiß, ist man endgültig verloren, weil man nichts mehr erwartet.« Pedrito wollte das Buch nicht mitnehmen oder er vergaß, es mitzunehmen. Das Dreieck ging zu Bruch; die Frau in sich gekehrt oder, besser, abwesend, der Revolutionär schwer verletzt und der Dichter gesund und frei, bereit, wieder von Hand zu Hand zu wandern, neue, flüchtige Dreiecksbeziehungen in anderen Cafés einzugehen, in anderen Zimmern, die nach Rauch, Eintopf, zweifelhaft sauberer Kleidung und Bettwäsche rochen. Welches Jahr war das? Einundsiebzig? Zweiundsiebzig? Ein paar Jahre später, als die revolutionäre Welle vom Strand zurückflutete zu den glitschigen Steinplatten in der Tiefe des Meeres: Strandgut. Damals noch nicht: Lumpenhändler, Papiersammler, nächtlich streunende Zigeuner, die auf ihren mit Kartons, alten Matratzen und ausgeweideten Elektrogeräten beladenen Karren die Avenida de la Albufera, den Bulevar de Vallecas hinunterfahren; Kneipen, noch ohne elektrisches Licht, wo ein Mann Wein und klebrigen Anis im flackernden Licht einer Gaslampe ausschenkt oder in denen eine einsame, schäbige Glühbirne, von einem Generator gespeist, spärliches Licht verbreitet; Tresen aus alten Türen, aus Spanplatten, auf andere Holzteile genagelt, die auch von irgendeinem Abriss stammen; es wird Mus gespielt, Poker, Tute in schlecht gelüfteten Zimmern, erfüllt vom Rauch filterloser Zigaretten, Bisontes, Ideales, Celtas, Rumbo. Madrid, neunzehnhundertsiebenundsechzig, neunundsechzig, einundsiebzig, dreiundsiebzig, Revolutionszeit. Magda (keiner weiß, wo Magda geblieben ist; sie ist aus Madrid weggezogen) spielte im Violette noch viele Jahre später für uns die Platten, auf denen Ferrat oder Ferré Gedichte von Baudelaire sangen. »Ma femme est morte, je suis libre! Je puis donc boire tout mon soul.« Der Rausch des Mörders. »Wenn ich ohne einen Centime nach Hause kam, zerrte ihr Geschrei an meinen Nerven. Ich bin glücklich wie ein König; die Luft ist rein, der Himmel wunderbar. Wir haben einen Sommer, ähnlich dem, als ich mich verliebte.« Das Glück des Mörders. Eine ästhetische Volte ins Düstere: Pedrito misstraute den Farbfilmen, so wie er dem Tageslicht misstraute, den sauberen, ordentlichen Lokalen, den Häusern, in denen bei Einbruch der Dunkelheit das Abendessen bereitet wurde, auch wenn es nur ein bescheidenes Essen war: Suppe, ein Stück Tortilla, Kroketten aus den Resten vom Sonntagshuhn; den sauberen Laken misstrauen, den Duftwasserflakons, den bequem gepolsterten Stühlen, den allzu glatt rasierten Männergesichtern und den von irgendeiner Creme berührten Frauenwangen: eine Antiästhetik, die mich heute morgen einholte, als er den Arm ausstreckte, um den Schein für die Autobahnmaut entgegenzunehmen, dann legte er den Pappzettel neben das Handy in das Fach unter dem Aschenbecher, wo auch das Zigarettenpäckchen lag, aus dem er mit einem einzigen geschickten Griff eine Zigarette angelte und anzündete, bevor er die Beschleunigungsspur verließ und den fünften Gang einlegte. Von der Autobahn aus konnte ich durch den Rückspiegel oben, am Berghang, mein Haus erkennen. Es war nur ein Augenblick. Es tauchte auf und verschwand gleich wieder hinter einem grünlichen Fleck, einer Piniengruppe. Am Ende des Asphaltbandes, hinter dem Labyrinth aus Kurven, Steigungen und Gefällen, lag, trostlos und riesig, Madrid vor uns.

 

ZUNÄCHST SCHIEN ES MIR SELBSTVERSTÄNDLICH, nicht hinzugehen, dann überlegte ich es mir noch einmal, rief Carlos an und sagte zu. Ich sagte: »Ich komme. Und ich freue mich.« Kurz davor hatte ich Amalia angerufen und ihr erklärt, worauf ich mich freute. Ich hatte gesagt: »Ich freue mich, die alten Kadaver wiederzusehen.« So drückte ich mich aus: »Ein letzter Blick auf uns, auf diese fast schon begrabenen Toten. Kann doch nicht schaden, noch mal einen Blick auf diese Leichen zu werfen, die man schon ewig nicht mehr gesehen hat.« Dazwischen hatte ich noch mit Rita telefoniert und sie animiert, mich zu begleiten: »Wenn du mitkommst, Dummchen, setzen Amalia, du und ich uns zusammen, und die anderen rutschen uns den Buckel runter«, sagte ich, aber sie sagte, nein, gar nicht dran zu denken, als sie erfuhr, dass Carlos kommen würde, ich glaube jedoch, die Anwesenheit von Carlos lieferte ihr nur die passende Ausrede, denn sie wollte so oder so nicht kommen. »Sag Pedrito, dass ich nicht komme, weil ich es zu heftig finde, Carlos in Gesellschaft zu begegnen und, Aug in Auge, drei oder vier ganze Stunden mit ihm zu verbringen. Das halte ich nicht aus, Demetrio. Ich ertrage ihn nicht. Ich ertrage ihn noch immer nicht.« Um sie etwas zu reizen, warf ich ein: »Es ist Walpurgisnacht. Carlos als lebendige Leiche – keine erregende Vorstellung für dich?« Das war mir einfach so rausgerutscht, ohne dass ich auf meine Stimme geachtet hatte. Ich telefonierte im Wohnzimmer und in eben dem Moment, als ich den Satz ausgesprochen hatte, fiel mir ein, dass Jorge ihn in seinem Zimmer gehört haben könnte. Ein Schauder durchfuhr mich. Ich spitzte tatsächlich einen Augenblick die Ohren, um festzustellen, ob sein Atemrhythmus sich veränderte, aber nein, er klang immer noch abgemessen und hohl, wie Meereswellen, wenn sie in das Innere einer Grotte schlagen, und so klingt das vierundzwanzig Stunden lang, Tag für Tag, seit einigen Monaten. Das ist Jorges Atem: das Meer, die dunklen, feuchten Grotten, Vorspiele dessen, was bald kommen wird. Ich stelle mir den Tag vor: die Fenster aufreißen, die Wohnung lüften, die Matratzen und die Bettwäsche zusammenrollen und sie in einen dieser Container für Sperrgut werfen, die von der Stadtverwaltung aufgestellt werden, sogar die Sprungfedern wegwerfen, das ganze Bett, alles, was seinen Körper in den letzten Monaten umgeben hat, alles, was von seinem Körper gewärmt, durchfeuchtet, berührt, belastet worden ist. Atem des Meeres an dunklen und einsamen Orten. Meereshauch. Ich vermisse das Meer, natürlich, aber jenes Meer, das sich im Sonnenlicht erstreckt oder den Mond auf seiner Oberfläche spiegelt, den Geruch nach Jod, Salz, den Geruch des Wassers, das in einem Felsloch dahinfault, wegtrocknet und eine Salzkruste hinterlässt, den Geruch nach Teer, nassen Tauen und Fisch am Hafen, klar, ich mag das, sehr sogar, auch wenn ich nie nach Denia zurückwollte, um dort zu bleiben. Ich bin hier in Madrid geblieben, wie Rita. Auch Rita ist geblieben, obwohl sie die Einzige der Gruppe war, die allem Anschein nach nur gekommen war, um ein Wochenende hier zu verbringen, um Carlos Gesellschaft zu leisten. Tatsächlich habe ich selbst lange gemeint, dass Rita Madrid nur aus strategischen Gründen ertrug, weil sie sich nicht von Carlos trennen wollte, und doch habe ich mich gründlich geirrt, wir haben uns alle geirrt, selbst Carlos hat sich, glaube ich, geirrt, und ich würde fast sagen, auch Rita mit ihren Plänen: Sie war es, die blieb, sicher ohne das im Voraus zu erwägen; womöglich merkte sie nicht einmal, dass sie geblieben war. Pedrito, Carlos und ich waren gekommen, das Winterpalais (das in Madrid Palacio de Oriente hieß) zu stürmen, wir kamen mit Mauricio, einem Kommunisten, der die KP hasste, und fanden dank der Kontakte, die uns Mauricio zu der Organisation vermittelte, bald unseren Platz in der unermüdlichen Maschinerie der bevorstehenden Revolution – Aufgaben, legale Arbeit und illegale Aktivitäten. Wenn der Palast erst einmal gestürmt war, wollten wir uns wahrscheinlich in einem der zweihundert oder dreihundert Zimmer einrichten, um den weiteren Verlauf der Ereignisse zu überwachen, damit die Revolution nicht von ihren Prinzipien abwiche und all das. Die Rote Garde, die Wächter am riesigen Strand der Revolution, auf dem sich Millionen von Seelen erheben, wie in den endlosen Dünen von Libyen Millionen von Sandpartikeln ruhen. Ehrlich gesagt, es ist mir gut bekommen, Denia zu verlassen. Was hätte ich dort gemacht, geduckt, schuldig? Ich habe mich gleich an die Stadt gewöhnt, an den Schwindel des Auf und Ab. Die Stadt ist vertikal, und dieses Schwindelgefühl zog mich an: das Urbane. Die Provinz diktiert einen anderen Rhythmus der Gefühle, einen flachen Rhythmus, ohne Rolltreppen, die zu dunklen Untergeschossen hinabführen, oder Aufzügen, die dich an Orte verfrachten, wo du die tief hängenden Fransen des Himmels berühren kannst (damals war in Madrid das Höchste der dreißigste Stock: So hoch waren die Torre de Madrid und das Plaza-Gebäude, zu dessen Dachgartencafé wir einige Tage nach unserer Ankunft hinaufstiegen und mit angehaltenem Atem die große Stadt von oben betrachteten. Später hat sich dann das Vertikale auch an der Küste durchgesetzt. Vor kurzem habe ich gelesen, dass von den zweihundert Gebäuden in Spanien, die höher als fünfundsiebzig Meter sind, hundertdreißig in Benidorm stehen). Wahr ist, dass die hysterische Lebenslust der Stadt – besonders auf die Jugendlichen jener Jahre – ansteckend wirkte und Schwindelgefühle verursachte, da diese Lebenslust nämlich in Sekundenschnelle von Traurigkeit abgelöst werden konnte, von dem Wunsch, zu sterben oder endgültig zu erkranken und für immer im Bett zu bleiben. Auf und ab. Stundenlang schnell ausschreiten, ohne fürchten zu müssen, dass einem die Gehsteige ausgehen; ins Bett wie in einen Kokon schlüpfen und dort tagelang liegen bleiben, ohne dass jemand merkt, dass du dich wieder in eine Larve verwandelt hast. Natürlich beflügelte mich in meinem Entschluss, nach Madrid zu ziehen, die Tatsache, dass Ana dort die Galerie Esquema besaß (Ana, Guzmáns seltsame Freundin, viel zu vornehm und zu alt für diesen ungeschlachten Jungen, der sich in der Rolle des Grobians gefiel. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass die beiden heiraten könnten, und erst recht nicht darauf, dass diese Ehe als einzige halten würde. Klar, Geld bindet; die stabilste Ehe: eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung) und dass Ana, als sie sich im Sommer zuvor die Bilder in meinem Atelier (einem verlassenen Schuppen am Hafen, wo die Ratten an der Leinwand nagten) ansah, gesagt hatte, meine Malerei, diese minimalistischen Bilder zwischen zarter Geometrie und Landschaft, seien »von einem leuchtkräftigen Perfektionismus durchdrungen, angesiedelt zwischen dem gelungenen Pinselschwung einer Landschaft von Sorolla, einem dieser kleinen Juwelen des jungen Paul Klee, die man in Bern sehen kann, und den ersten Kandinskys aus dem Münchner Museum, wo die Bilder des Blauen Reiter hängen« (das hat sie gesagt, auch wenn sie sich nicht mehr daran erinnert); begeistert war ich vor allem, weil sie, gleich nachdem sie sich in Denia eingerichtet hatte, einige meiner Bilder an ihre Freunde verkaufte, Bilder, die sie mit Lob überschüttete und die dann an den Wänden von Ferienhäusern landeten, denn mit dem Ernsthaften, Wertvollen umgibt man sich dort, wo man lebt, in Madrid, London oder Rom (heute weiß ich das). Wenn ich ehrlich bin, muss ich bekennen, dass mich die Kunst ebenso stark nach Madrid gezogen hat wie die Revolution. Waren nicht beide dasselbe? Deshalb war ich der Erste, der Pedritos Drängen, Denia zu verlassen, nachgab, er war es, der mich überzeugte, Carlos überzeugte. Pedrito selbst wurde, glaube ich, von Mauricio, dem Senior, überzeugt, der es satt hatte, in Denia auf der Straße schief angesehen und immer nur als ›Der Kommunist‹ bezeichnet zu werden; satt hatte er vor allem, dass die Guardia Civil alle naslang in sein Haus kam, die Zimmer durchsuchte und ihn in die kleine Kaserne abführte. Ich sagte so schnell zu, weil ich meinte, dass ich nicht einmal die Vermittlung des Alten brauchte, um dort leben zu können. Ich würde irgendetwas arbeiten, vor allem aber meine Bilder verkaufen. Sofort würde ich Bilder verkaufen. Wenn ich sie schon in Denia an die wenigen Madrider, die herkamen, verkaufte, wie sollte ich dann keine Käufer unter den Millionen finden, die in Madrid wohnten. Schon nach einfacher Wahrscheinlichkeitsrechnung musste ich etwas verkaufen. Ich hatte in meiner jugendlichen Unschuld noch nicht kapiert, dass die Bilder von Demetrio Rull gerade recht kamen, um sie zwischen einen getrockneten Haifischrachen, montiert auf ein Teakholzbrett, das an die Kajüte einer Yacht erinnert, und ein Schaukästchen mit Seemannsknoten zu hängen, obligate Dekorationsgegenstände im Esszimmer der bürgerlichen Ferienhäuser mit nautischem Flair. Als Ana mich zum ersten Mal einen Autodidakten nannte, war ich bewegt, alles war Frucht meiner Arbeit, meiner Anstrengung, ich war stolz, damit rächte ich mich an einer Kunstakademie, die mir erst ein Disziplinarverfahren angehängt und mich dann ausgeschlossen hatte. »Demetrio kommt aus einer einfachen Familie«, sagte Ana, »er ist Autodidakt. Außerdem ist er der Einzige, der keine abstrakte Kunst machen will.« Nein, das stimmte nicht ganz: Ich hatte ein paar gute Lehrer an der Akademie gehabt und wollte nur nicht das malen, was man, wie alle sagten, malen musste, sondern das, was ich konnte, das, was ich beherrschte und was mich interessierte, denn das andere, worauf die Kommilitonen aus waren, etwas Originelles zu schaffen und endlos zu wiederholen, um als unverwechselbare Künstlerpersönlichkeit aufzufallen, das hielt ich für Betrug und, noch schlimmer, für Selbstbetrug. Ana erkannte mein Händchen fürs Zeichnen und beauftragte mich mit einigen sozialkritische Graphiken, die ihr dabei halfen, ihren Ruf einer engagierten Galeristin zu begründen, Blätter, die dann auch recht erfolgreich unter Gewerkschaftern und Aktivisten linker Parteien verkauft wurden. Das bedeutete aber, dass ich dazu verdammt war, nicht aufzusteigen, Autodidakt zu bleiben, obwohl ich das nicht war; Autodidakt war zum Beispiel Román Alcóllar, dem hat keiner etwas beigebracht, und er hat bis heute nicht viel dazugelernt, dennoch stellt er nun in der Galerie Esquema aus. Er ist jetzt der Künstler, der ich nicht geworden bin. Román Alcóllar, den Ana ein paar Jahre später durch mich kennen lernte und den ich auf nächtlichen Eskapaden zu wenig empfehlenswerten Orten in Valencia und Barcelona kennen gelernt hatte (es gab eine flüchtige Affäre), ihn hat Ana nie als Autodidakten bezeichnet. Ich stellte sie einander vor, und sie waren sogleich voneinander angetan (die Affinitäten der Klasse). Das heißt, mich Autodidakt zu nennen, war eine Form, mir Grenzen zu setzen, mich auf meinen Platz zu verweisen; damit sagte sie mir, ich könne zwar bezaubernd und komisch sein wie der Zöllner Rousseau, aber niemals groß wie Monet. Meine Kunst könnte man für erstaunlich halten, sofern man den sozialen Raum, aus dem ich kam, kannte und berücksichtigte. Natürlich konnte ich damals Román in nichts übertreffen, was nicht das strikt Handwerkliche anging: Zeichnen und Malen. Aber das genügte nicht in einer Zeit, in der die Kunst wieder begann, eine Form der sozialen Praxis, ein Teil des geselligen Lebens zu werden. Alcóllar schickte ihr belgische Pralinen (die Pralinen von Godiva waren Anfang der Achtziger in Spanien noch ein seltener Luxus), Blumen, Postkarten, obwohl er geradezu genetisch geizig war und ist, und wenn seine Eltern nach Madrid kamen, nahmen sie Ana mit zum Essen in die Restaurants, die damals en vogue waren. Sie überließen Ana sogar das Chalet am Meer, bis das Haus so weit war, das Andreu, Carlos’ älterer Bruder, für sie baute (auch den habe ich ihr vorgestellt). Und als Anas Haus fertig war, schlugen sie ihr vor, weil sie doch so gerne Feste veranstaltete und Gäste empfing, doch weiter ihr Ferienhaus zu benutzen und dort Anas Mutter unterzubringen, die an Alzheimer litt (»dann stört sie euch nicht, wenn ihr Besuch empfangen wollt«). Die Alcóllars haben also freiwillig auf ihr Haus verzichtet, damit Ana und Guzmán zwei hätten (die beiden waren bereits verheiratet und hatten sich vermehrt, und die Zwillingen jagten sich mit Knüppeln durch den Garten, in dem sie eine Holzhütte errichtet hatten). Die Alte und ihr Dienstmädchen wandelten durch das dreihundert Quadratmeter große Haus der Alcóllars wie weiland Ludwig II. durch die leeren bayerischen Schlösser gewandelt sein muss, während die Besitzer zwei grauenvolle Sommer in Neubauten ausharrten, die noch nicht verkauft waren und nach feuchter Farbe rochen, mit dem Lärm der Poliermaschinen aus dem nächstliegenden Bungalow in den Ohren. Es kommt mir alles dermaßen abartig vor, dass ich es keinem erzählen, mit keinem darüber sprechen könnte, der diese Jahre nicht hautnah miterlebt hat. Jeder muss glauben, ich denke mir das alles aus. Ana ließ sich ein paar Jahre lang den Hof machen (sie empfing ihre Entourage aus Madrid, während die Alte und ihr Dienstmädchen in dem Chalet saßen), bis Alcóllar ihr die Karte zeigte, die er in seinem Ärmel versteckt hatte. Er hatte ihr bis dahin nie gesagt, dass er sich zum bildenden Künstler berufen fühlte, hatte nur die Sensibilität eines Kunstbetrachters hervorgekehrt, aber keinen schöpferischen Willen. Diese Facette hatte er in der ersten Phase ausgelassen, die hatte es in dieser Bekanntschaft nicht gegeben, bis er Ana eines Nachmittags in sein Studio führte, ihr eine Sammlung der von ihm geknipsten Fotos zeigte (»Rührend: Landschaften im Abendlicht, ja, reichlich Sonnenuntergänge, Kaffeehausstühle, getrocknete Blümchen«, lästerte sie mir gegenüber) und dann mit einem Mal verlangte, sie solle die Fotos in einer Einzelausstellung in ihrer Galerie zeigen. Man weiß ja, die Oberklasse kommt nie durch den Dienstboteneingang. Ich spreche von einer Zeit, lange nachdem sie sich kennen gelernt hatten, von den späten Achtzigern: Román muss schon um die vierzig gewesen sein, war aber ein launisches Kind geblieben. Klar, an diesem Punkt wurde sie hartmäulig (»Zu früh. Jetzt würde das deiner Karriere nur schaden. Man muss so etwas langfristig vorbereiten«). Ana erträgt alles mögliche, nur nicht dass das Image ihrer Galerie angekratzt wird, ihr eigenes Image, ihr Recht, sich ein eigenes Image aufzubauen: Sie weiß, ihr Kapital, ihre Investition besteht darin, dass niemand den Mechanismus kennt, der die Geheimtüren zu ihrem Heiligtum öffnet, obwohl es sich im Grunde um einen ganz einfachen Mechanismus handelt; er heißt Geld, die genaue Funktionsweise verbirgt sie jedoch hinter undurchsichtigen Schleiern und einem genauen Gespür für das Tempo. Sie weiß, ist diese Voraussetzung erfüllt, kann man jedes x-beliebige Gerede anstoßen, allen möglichen Lärm um ein Werk provozieren: Was nicht aufmüpfig ist, ist anrührend, was nicht avantgardistisch ist, ist bewusst eingesetzter Kitsch, was nicht Dekonstruktion ist, ist Konstruktion. Auf alles lässt sich eine Theorie aufpfropfen. Román, derart zurückgewiesen, überhäufte sie mit einer Litanei scheinbar widersprüchlicher Schmähungen, die aber in ihrer Gesamtheit tatsächlich ziemlich genau die komplexe Persönlichkeit von Ana Malta de Thalit trafen. Diese Frau ist ein so komplexes Wesen, dass – obgleich die Liste der Beleidigungen endlos zu sein schien und eine Reihe von Gegensätzen enthielt – immer noch einige ihrer bedauerlichsten Züge ausgeschlossen blieben. Am Ende schleuste sie ihn gewissermaßen heimlich in die Galerie, allerdings erst gegen Ende der Saison, und sorgte diskret dafür, dass möglichst wenige aus der Szene davon erfuhren; eine Absicht, die Alcóllar, wenn auch nur teilweise, durchkreuzte, indem er von sich aus Hunderte von Einladungen für die Vernissage verschickte, die glücklicherweise die Eingeweihten der Hauptstadt kaum erreichten, da er in Madrid keine Beziehungen zur höheren Etage der Kunstkenner besaß. Román wollte die Ausstellung und ein großes Fest, die Weihe in Madrid, und er wollte nach Denia mit einem Zeugnis der Anerkennung zurückkehren, und ich muss zugeben, dass Ana sich noch verhältnismäßig anständig verhielt, als sie ihm sagte, es sei verrückt, mitten in Madrid eine Vernissage zu einem Zeitpunkt auszurichten, an dem die Kunstszene Ferien machte. »Wenn du das weißt, warum hast du dann die Ausstellung auf dieses Datum gelegt?« »Du weißt, ich hatte keine andere Wahl«, rechtfertigte sich Ana und führte frühere und unumgängliche Verpflichtungen an. Trotz der ungünstigen Voraussetzungen bestand er jedoch auf einem »Fest mit allem vom Besten«. Und die Thalit lieferte es ihm, allerdings ohne einen Cent zu investieren. Es gab Dom Perignon, und eine befreundete Stewardess brachte aus Paris einige Foies de Périgord, ein Dutzend Büchsen Kaviar und ein Kistchen mit Käsen aus Androuet. Das Feinste. Das Teuerste, was in Paris aufzutreiben war. Er zahlte, seine Familie zahlte. Dennoch erschien, wie Ana vorausgesagt hatte, niemand. Sie selbst – und sie hatte ihn vorgewarnt – konnte, obwohl theoretisch Gastgeberin, natürlich nicht anwesend sein, unumgängliche Verpflichtungen in New York hielten sie dort den ganzen Monat über fest. Sie schickte ihren Mann, den dicken Guzmán, und den Mann ihrer Freundin, der Malerin Ada Dutruel de Bartos, also Juan Bartos, der damals noch Ästhetikseminare an der Fakultät hielt, ehe er später zu einem Stammgast jener Runden wurde, bei denen über das Für und Wider der Todesstrafe, der Euthanasie oder über abstrakte Kunst diskutiert wurde. Dumm nur, dass die Begleiter des Professors weder Künstler noch Kunstbeflissene waren, sondern Studenten aus seinen Seminaren (das war alles, was er aufbieten konnte, wenn er nicht den Ruf der Galerie kompromittieren wollte), junge Leute in Trainingsjacken und Pudelmützen, mit Motorradhelmen, Jeans und Adidas-Turnschuhen. Román war am Boden zerstört; er hatte von einer Nacht voller Glamour und Luxus geträumt, Schuhe von Blahnik, Jacken von Gaultier, Westen von Montesinos und so weiter, und nicht von einer Gruppe gieriger Lulatsche, die, radikal, wie Jugendliche eben sind, über die spießigen Fotos lachten, die an den Wänden von Esquema hingen, derweil sie sich auf die Kaviarcanapés stürzten, mit dem gleichen Eifer, mit dem die Ameisen der Marabunta sich auf die Wächter stürzten, die auf ihrem Posten eingeschlafen waren. Nachdem die gierigen Jungen verschwunden waren, der Kaviar sich verflüchtigt hatte und der Champagner verdunstet war, füllte ein zähes Nichts die Galerie an. Kein Mensch, an keinem Tag, zu