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Mitteleuropa 1910: Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Monarchie und Demokratie. Reich und Arm. Tradition gegen Freigeist. Zweckbündnisse jedoch müssen halten - bis zum bitteren Ende. Alvine Hoheloh könnte studieren gehen, aber auch das Unternehmen ihrer Familie leiten. Sie könnte den Mann heiraten, den sie liebt, oder einen reichen. Sie könnte frei sein oder Ehefrau. Freundin oder Geliebte. Eine respektable Frau oder glücklich. Alvine will alles.
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Impressum neobooks
Amalia Frey
Alvine Hoheloh – Blaustrumpf
Ein historischer Liebesroman
©2021 Amalia Frey
kakaobuttermandel.de, [email protected]
c/o Amalia Frey
Der Kleinste Buchladen
Reinsberger Dorf
Am Weinberg 1
99938 Plaue
2. Auflage 2021
Lektorat: Juliet May
Korrektorat: Gudrun Altmann
Sensitivity Leserin: Melisa Naomi Harnisch
Buchsatz: Amalia Frey
Coverdesign: Mika M. Krüger
Coverfoto: Depositphoto
ISBN: 978-3-753169-37-8
Mitteleuropa 1910:
Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche.
Monarchie und Demokratie. Reich und Arm. Tradition gegen Freigeist. Zweckbündnisse jedoch müssen halten – bis zum bitteren Ende.
Alvine Hoheloh könnte studieren gehen, aber auch das Unternehmen ihrer Familie leiten. Sie könnte den Mann heiraten, den sie liebt, oder einen reichen. Sie könnte frei sein oder Ehefrau. Freundin oder Geliebte. Eine respektable Frau oder glücklich.
Alvine will alles.
Hinweise zu sensiblen Inhalten (Content Notes) befinden sich auf den letzten Seiten dieses Buches und in ständig aktualisierter Form unter:
https://www.kakaobuttermandel.de/.
Als Mittzwanzigerin rang sich Amalia Frey endlich dazu durch, jene historische Romanreihe zu schreiben, die ihr seit Ewigkeiten im Kopf herumspukte.
Sie hat kein Geschichtsstudium genossen, keine entsprechenden Kontakte oder Vitamin B. Sie musste zu recherchieren lernen, selbst herausfinden, wie sie am besten durch Archive walzte oder wie sie, welche Fragen am Telefon zu stellen hatte, um bereitwillige Auskünfte zu erhalten. Auch musste sie zu forschen erlernen, denn nach hundert Jahren, zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen, waren zwei oder drei der nötigen Dokumente verschwunden. Die allerbesten Voraussetzungen also!
Amalia Frey ist mittlerweile 30-something und traut sich, diese Reihe auf die Welt zu lassen. Sie veröffentlicht außerdem feministische Romance und, unter ihrem Pseudonym Claudi Feldhaus, zeitgenössische Berlinromane und Fantasy.
Sie lebt mit ihrer Familie in Ostberlin.
Meiner Mutter
und allen, die an die wahre Liebe glauben.
Liebe Lesende,
ich erzähle Ihnen die Geschichte von Alvine Hoheloh.
Aber nicht nur von ihr, sondern von allerlei Menschen die in den Jahren, die wir neben der Heldin hergehen, ihren Weg kreuzen werden. Dazu nutze ich eine Perspektive, die ich gerne als die allmächtige Erzählerin bezeichne.
Wenn ich Ihnen das Geschehen schildere, und alle Geschlechter meine, werde ich so gut wie möglich, auf entgenderte Sprache zurückgreifen, liebe Leser*innen.
Wörtliche Rede versuche ich den Kindern der Zeit anzupassen, daher werden die Ihnen einiges im generischen Maskulinum erzählen, auch, wenn das den Lesefluss gehörig stört.
Aber in der Zeit in der Alvine gelebt hat, war vieles noch nicht etabliert, was unser Leben heute so viel angenehmer macht. Frauenwahlrecht, Smartphones oder eben die sprachliche Anerkennung der Existenz von Frauen und nicht-binären Personen. Es war eine harte Zeit …
Hinweise zu den teilweise recht aufwühlenden Inhalten, die möglicherweise auch Trigger aktivieren können, finden Sie als Liste auf den letzten Seiten dieses Buches.
Ihre Amalia Frey
September 1907: Die aufgehende Sonne hing noch hinter den Baumkronen, doch Alvine war bereits wach und kletterte aus dem Bett. Sie riss einen der Vorhänge auf, einzelne Sterne waren noch sichtbar, so verrichtete sie dürftig die Morgentoilette im Schein ihrer elektrischen Nachttischlampe. Keine Zeit für Eitelkeiten, wenn sie die Gunst der frühen Stunde nutzen wollte. Rasch warf sie die von ihr bevorzugte seidige Unterwäsche über, darunter eine knappe Form der neumodischen Unterrockhosen, und sie schnürte ihr Mieder. Zum Reiten trug sie gerne eines. Am längsten dauerte es wie immer, ihrer dunkelbraunen Mähne mit etlichen Bändern und Spangen Einhalt zu gebieten.
Und dann stieg sie in die Unaussprechlichen – in ihre Jungenhosen. Damen von weit niederem Stand bereiteten vor allem ihre Hosen Schnappatmung. Es fiel Alvine schwer, ihren Unmut über die Engstirnigkeit ihrer Mitmenschen zu verbergen, aber wie hieß es doch gleich im Buch ihrer Konfession?
»In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe.«
Demut, Sanftmut, am wenigsten Geduld – keine der drei zählte zu ihren Eigenschaften. Dafür war sie in Liebe aufgewachsen und wollte ihre Familie nie enttäuschen. Fast nie, jedenfalls.
Alvine zurrte noch ein paar Haarbänder fest und entschlüpfte ihren Gemächern, bevor Greta hätte wach werden und sie erwischen können. Sie schlich barfüßig über den Läufer, durch die langen Gänge des Landhauses und schließlich hinaus. Der Gutshof, das Gestüt und einige Gärten zählten zu dem Anwesen, das seit Generationen liebevoll Friedgolds Hof genannt wurde.
Ihr Pferd Strumpf witterte sie, lange bevor sie die Stallungen erreicht hatte. Er stellte die buschigen Öhrchen auf und blies erwartungsvoll Luft aus den Nüstern. Alvine zog ihre kniehohen Stiefel an, und lief aus der Tür. Ihre Absätze klapperten auf dem gepflasterten Boden. Sie musste sich mit all dem Gewicht ihres gertenschlanken Körpers gegen die große Stalltüre pressen, ehe der Spalt breit genug war, sodass ihr Liebling mit ihr hindurchpasste. Der vierjährige Fuchs, der seinen Namen dem schneeweißen linken Vorderbein verdankte, legte genauso wenig Gelassenheit an den Tag, wie die Reiterin selbst, und für beide stellte das Satteln einen rechten Geduldsakt dar.
Als die Sonne langsam die Schatten der Nacht vertrieb und der Hahn krähte, um den restlichen Hof zu wecken, galoppierte Alvine auf Strumpf durch das Gutstor.
Der Nebel hing auf der Wasseroberfläche, der See war ruhig, sodass keine Welle das Boot bewegte. Allein durch das Gewicht Theodors, der in seiner vollen Länge von einsneunzig ausgestreckt auf dem blanken Boden unter den Sitzbrettern lag, drehte es sich langsam im Kreis. Er döste, die klare Luft des Morgens tat ihm gut. Aufgestanden war er, als sich die allerersten zartrosa Streifen über den Baumwipfeln abgezeichnet hatten und die dünne silberne Mondsichel noch deutlich erkennbar gewesen war. Die Kraftanstrengung, die es mit sich gebracht hatte, das Boot ins Wasser zu hieven, den Fluss hinauf zu rudern und dann den halben See zu überqueren, sollte ihn besänftigen.
Warum hatte er sich eingebildet, sich vor dem Wehrdienst drücken zu können? Was könnte ihn verschonen, Kaiser und Vaterland dienen zu müssen? Lautstark hatte er gegen die Einberufung gewettert. Die Mutter hatte geweint und der Vater schickte ihn hierher. In der kleinen Pension, die sie oft besucht hatten, als er noch ein Knabe war, sollte er sich darauf besinnen, wie dankbar er sein könne. Lieber wäre er der drallen Wirtstochter dankbar gewesen, nur leider war die seit dem Frühling schwer verheiratet und ihr Mann außerordentlich humorlos.
So blieb Theodor kaum etwas übrig, als einer seiner Lieblingssportarten nachzugehen und die Seen und Flüsse der Umgebung im Ruderboot zu erkunden, bis die Sonne sein Haar blassblond gebleicht hatte. Doch so sehr die Arme vor gesundem Muskelkater schmerzten, Dankbarkeit wollte sich keine einstellen. Aber wie hieß es schon in dem Buch, mit dem er oft geschlagen worden war?
»In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe.«
Ob er verdient hatte, in Liebe zu leben, wusste er nicht. Die drei Eigenschaften waren jedoch essenzieller Bestandteil seines Charakters. Er wollte sich wie so oft ein Beispiel an diesem Psalm nehmen und sein Schicksal ertragen.
Sein Dösen wurde von wildem Hufgetrappel aus der Ferne unterbrochen, und als er sich erhob, sah er sie am Ufer entlangreiten. Es dauerte einen Moment, bis der Anblick zu seinem bisherigen Weltbild passte: Ein Mädchen, sie mochte so alt sein wie er, mit hellbrauner Haut, breitbeinig und in Hosen, ritt ein stürmisches Pferd. Wer war sie?
Theodor griff nach den Rudern. Ohne über ein Weshalb und Woher nachzudenken, schwang er die Paddel ins Nass und ließ das Boot zum Ufer schießen. Im flachen Wasser angekommen, stieg er barfuß hinaus und befestigte das Halteseil an einem Ast. Er hörte die Hufe näher kommen und stolperte hektisch durch das Dickicht, um auf den Weg zu gelangen.
Der Gaul hatte ihn nicht erwartet und scheute vor ihm zurück. Doch das wilde Springen des Tiers warf das Mädchen nicht aus dem Sattel, denn sie nahm gekonnt Haltung an und so sehr ihr Pferd auch herumwirbelte, sie gab ihm nicht nach.
Nur die zahlreichen Bänder und Spangen konnten dem Schwung nicht länger standhalten: Theodor Fürstenberg sah inmitten des Meeres kastanienbrauner Locken die durchdringenden, bernsteinfarbenen Augen Alvine Hohelohs. Der Duft nach Rosen wehte direkt in seine Nase.
Dann beruhigte sich das Tier und schnaufte verächtlich, als sie es zurück auf den Weg lenkte.
Dem jungen Mann blieben die Worte »Warten Sie, Fräulein!« im Halse stecken, denn sie schnalzte mit der Zunge und verschwand in den Böschungen ebenso flink, wie sie gekommen war.
Teil 1
Blaustrumpf
(1910 – 1913)
1870-1910: Dorothea Friederike Friedgold verstand es seit ihrer Jugend ausgezeichnet zu gesellschaften. Ihr Vater, dritter Sohn einer wohlsituierten Familie, hatte Wälder geerbt, und da er sich wiederum genau darauf verstand, wurde sein Steckenpferd, das Jagen, zu seinem Beruf.
Klein-Dorothea durfte ihn begleiten, wenn er über die Wiesen streifte, durch die Nadelholzreihen pirschte und schließlich das Wild aufspürte. Als sie zehn war, hatte er ihre Bettelei satt und ließ auch sie schießen. Ihr erster Versuch versetzte dem tollwütigen Keiler, den sie seit Tagen verfolgten, einen perfekten Blattschuss, der den Vater mehr als verblüfft zurückließ.
Ihm blieb folgerichtig nichts anderes übrig, als seinem jungen Wildfang Unterricht zu gewähren und sich schließlich auf den zahlreichen Turnieren des Landkreises behaupten lassen. Überrascht von der Aufmerksamkeit so vieler Menschen (im Wald ihres Vaters freilich gab es davon wenig), reagierte sie intuitiv. Auch das war goldrichtig, denn Backfisch Dorothea Friedgold wurde plötzlich zu allerlei Teekränzchen und später zu unzähligen Abendgesellschaften eingeladen. Dem schlossen sich eine ganze Reihe schneidiger Verehrer an, die sich jedoch sogleich aufgescheucht anstellten, als sie ein Wettschießen auf einer gemeinsamen Treibjagd vorschlug.
Nicht so Alfred Hoheloh, ein zahmer Großstädter, der für einige Tage bei Dorotheas Pateneltern wohnte, deren Schuhfabrik kurz vor dem Ruin stand. Dieser älteste Sohn eines Traditionsunternehmens für Lederwaren und Seidenhandel war gesandt worden, um zu begutachten, ob man etwas retten konnte oder ob er andernfalls an Ausschlachtung interessiert wäre. Gewiss hätte man auf so ein Vorhaben abwehrend reagiert, aber das stellte sich als kaum möglich heraus.
Der schlanke braune Teufelskerl machte nicht nur wegen seiner durchdringenden Stimme Eindruck. Und als er zudem dem Hausherrn zusagte, dass er für seine Familie produzieren könne, da waren alle reichlich und positiv erstaunt – mehr noch, als sie von den Konditionen erfuhren.
Trotz seiner jungen Jahre, er befand sich in den frühen Zwanzigern, hatte er einen ausgeprägten Unternehmerverstand. Seine vielen Reisen über den Kontinent, in den Orient oder gar nach Übersee hatten seinen Blick für das Große und Ganze geweitet, und ihn das Kleine noch mehr schätzen lassen. So sah er in dieser kleinen Fabrik die Lösung für die hohe Nachfrage auf grobe Arbeiter*innenschuhe, und seine Familie konnte sich in der großen Stadt getrost weiterhin auf die Herstellung des schicken Schuhwerks konzentrieren, das bei der stetig aufstrebenden Bourgeoisie so beliebt war.
Die Pateneltern nahmen ihn daraufhin zur Abendveranstaltung von Friedgolds Nachbarin mit und dort erblickte er die feingliedrige, dunkelblonde Tochter des ortsansässigen Jägers.
Ohne zu überlegen, denn überlegen schadete von jeher seiner Selbstsicherheit gegenüber der Damenwelt, marschierte er auf sie zu, verbeugte sich gekonnt und bat um einen Tanz.
Erfreut willigte sie ein, und als er sie galant über das Parkett schob und ihr bereits zu lange in ihre bernsteinfarbenen Augen gesehen hatte, da war es um ihn geschehen.
Sie jedoch wirkte noch skeptisch. Zu tief saßen die Wunden, die die vormaligen Verehrer hinterlassen hatten und zu enttäuscht war sie vom Mannsvolk, das so eingeschnappt reagierte, weil sie besser schießen konnte.
Doch im Gegensatz zu eben jenen Männern dachte der Städter sich: »Was hab ich da für ein Prachtweib aufgetan!«, als er sie zu einem Ausritt zu zweit abholte, sie tatsächlich Hosen trug, breitbeinig auf das Pferd aufsaß und schließlich während des Rittes durch die Wälder ihrer Eltern einen Fuchs erschoss.
Und Alfreds Bewunderung imponierte Dorothea. Nie hätte sie zu träumen gewagt, dass einmal ein anderer Mann sie so vergöttern könnte wie ihr Papa.
Sie redeten angeregt miteinander und sie fühlte sich nicht albern, wenn sie ihm erzählte, sie interessiere sich für die Orchideenzucht. »Aber hier draußen … wie wäre es da möglich? 'Eine dekadente Fantasie', sagt selbst Papa.«
Sie sah ihn an und blickte dann wieder hinunter von dem Hochstand, der auf die angrenzenden Felder, Eigentum ihres Onkels, gerichtet war. Klatschmohn und kräftige Kornblumen blitzten zwischen dem Weizen hervor. »Ich werde schon noch lernen, mich mit den Blumen hier zufriedenzugeben«, endete sie.
Waren es denn wirklich nur die Blumen? War es nicht die Sehnsucht, das Fernweh, das der jungen Frau im Herzen saß?
»Ich denke nicht, dass Sie das nötig haben«, entgegnete Alfred, der sie auf angenehme Weise keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, »was man sich vorzustellen vermag, ist auch möglich.«
»Herr Hoheloh … Sie wollen mir Mut machen!«, lachte sie, »Was stellen Sie sich vor?«
»Meine Wünsche sind klein«, gab er zu und blickte nun in die Ferne. Wenngleich seine Stimme ausgeglichen klang, hielten seine Finger nicht still. Ständig strich er sich unsichtbare Flusen von der Kleidung, fuhr sich durch die kastanienbraunen Haare, spielte mit der Reitgerte in seiner Hand.
»Ich will den Reichtum meiner Eltern erhalten, die Fabriken sanieren und meinen Arbeiterinnen und Arbeitern eine sichere Stelle bieten.«
Dorothea hatte dieses Wort in weiblicher Form noch nie aus dem Munde eines Mannes vernommen.
»Dazu muss ich Aufträge heranschaffen …«, endete Alfred.
»Träumen Sie nicht von Familie?«, fragte sie und strich ihre Hose glatt.
»Natürlich, doch das tue ich«, der Gesichtsausdruck, den er ihr schenkte, traf sie mitten ins Herz.
Dorothea nestelte an ihren großen weichen Locken und errötete hold. »Also eine Frau, die Ihnen Söhne schenkt …«
Er hielt noch immer ihren Blick gefangen. »Vor allem Töchter«, entgegnete er.
»So?«
»Gewiss doch. Was nützt mir all der Reichtum, wenn ich keine kleine Prinzessin im Haus habe, die ich beschenken, behüten und umsorgen kann?«
Sie lachte ihre immer schlimmer werdende Nervosität weg, ehe sie vorschlug: »Und was ist mit Ihrer Frau? Beschenken und verziehen Sie die nicht?«
»So eine Frau will ich nicht. Mein Weib soll sicher auch unseren Stand genießen, aber ich möchte, dass sie eine Abenteurerin ist wie ich, sich in erster Linie selbst verwirklicht und, so hoffe ich, mit mir arbeitet. Meinen Kreis, wie ich es nenne, erweitert, die Geschäftsfreundschaften mit mir pflegt, das Unternehmen repräsentiert. Letztlich das tut, was die Aufgabe von Unternehmergattinnen ist: gesellschaften«, sinnierte Alfred.
»Man sagt, ich sei ganz großartig im Gesellschaften.«
»Ist das so?«
Nun erst wurde ihr gewahr, wie das geklungen haben musste. Doch sie lachten zusammen und wechselten das Thema. Als er am nächsten Tag abfuhr, da verkniff sie sich tapfer die Tränen.
Nach einigen Wochen des zehrenden Wartens ereilte sie endlich ein Brief von ihm. Wie angekündigt befand er sich wieder im Orient. Wenige Tage später erhielt sie ein Päckchen, darin zwei Kaschmirschals, Teeblüten und – zu ihrer besonderen Freude – gepresste Orchideenblüten in allen möglichen Varianten. Kurz darauf sandte er ihr ein Buch über Orchideenpflege in englischer Sprache, dazu ein Fachwörterbuch.
Sie musste schallend lachen und sehr zum Ärger ihrer Eltern, umgaben ihren Kopf unsichtbare Luftwurzeln.
»So gerne würde ich Ihnen lebende Orchideen jeder Sorte, Größe, Farbe und Form schicken«, schrieb er ihr. Die Tinte glühte sichtlich. »Aber die Hoffnung, dass die armen Pflanzen diese Reise überleben würden, wäre genauso töricht wie verschwenderisch! Und sicher wären Sie mir am Ende böse, wenn Ihre erste eigene Orchidee bereits vertrocknet bei Ihnen ankäme.«
»Wie könnte ich jemals böse mit Ihnen sein?«, schrieb sie zurück, ihr Herz bis zum Halse schlagend.
»Nie ist mir ein Mensch begegnet, der gütiger und aufgeschlossener auftritt als Sie! Ich kann nicht umhin, es Ihnen zu gestehen – die Enge in den Köpfen der Menschen hier erdrückt mich zunehmend. Vor allem nun, da ich weiß, was dort weit hinter den Feldern meines Onkels liegt. Mir ist bewusst, dass es sündig ist, das zu sagen. Ich liebe doch meine Eltern und die Wälder und ja, auch die Weizenfelder. Aber dennoch bezweifle ich, dass, böten Sie mir an, mit Ihnen zu gehen, ich widerstehen könnte. Wenngleich mein Herz ohnehin schon bei Ihnen weilt – aus der großen Stadt, wollte es erst recht nicht mehr hinaus! Ich will mit Ihnen reisen, möchte für Sie gesellschaften. Ich will an Ihrer Seite arbeiten und die Sicherheit unserer Angestellten wahren. Ich will repräsentieren, fleißig sein, Reichtum genießen. Ich werde Ihre Königin sein und schwöre Ihnen eine kleine kluge Prinzessin zu schenken. Sie wird meine Locken haben und Ihre Haarfarbe und wir werden sie Alwine nennen, nicht wahr, Alfred?«
Sie erwachte nun aus der Entrückung. Ein Traum! Sie schickte diesen Brief nicht ab.
Als er wieder zu Hause war, ließ er per Eilpost Backwaren aus der großen Stadt auf Friedgolds Hof kommen – ausreichend, um ihren gesamten Provinzfreundeskreis sattzukriegen. Und da sie am nächsten Tag gewiss nicht mehr genießbar wären, lud Dorothea sie alle ein.
Ihre Patentante, die natürlich genau wusste, dass eine baldige Verlobung unausweichlich war, nahm sie, an einem Spritzring knabbernd, zur Seite und flüsterte ihr ins Ohr: »Du wirst uns fehlen, Kind.«
Alfred Hoheloh kam einige Wochen später zu Besuch, um die Fortschritte in der kleinen Schuhfabrik zu inspizieren und gedachte daher erst am Nachmittag auf Friedgolds Hof vorzusprechen.
Dorothea stürmte an diesem Tag jedes Mal zum Fenster, wenn der Wind durch die Äste strich, sodass ihr Vater in regelmäßigen Abständen erbost befahl, sie solle sich setzen. Doch das hatte nur zur Folge, dass sie nervös auf dem Sofa hin und her rutschte und beim nächsten Geflatter einer Taube wieder aufsprang.
»Um Himmels willen, Kind!«, polterte nun ihre Mutter, »setz dich gefälligst ans Fenster. Es ist gewiss würdelos, dort zu wachen wie ein Hund, aber allemal besser, als der Tanz den du uns hier aufführst!«
»Fräulein Friedgold«, hauchte Alfred zärtlich, »erlauben Sie mir die Bemerkung, dass Sie noch schöner sind, als ich Sie in Erinnerung habe.«
Missmutig hatten ihre Eltern den beiden einen Spaziergang zu zweit erlaubt, wenn sie in Sichtnähe des Hauses blieben.
Dorothea errötete pflichtbewusst und knickste zum Dank. »Auch Ihnen, das muss ich zugeben, scheint die asiatische Sonne gutgetan zu haben.«
»Ich hoffe, Sie nicht zu brüskieren. Aber zu dieser Hautfarbe hat die Sonne nur wenig beigetragen.«
»Wie darf ich das verstehen?«
»Schon seit hundert Jahren besteht meine Familie aus Handelsreisenden, auch in den Kolonien unserer Nachbarn haben wir Geschäftskontakte … und private Bekanntschaften, wenn Sie verstehen. Meine Großmutter hatte ihre Wurzeln in Ceylon. Ihre Haut war wie Rauchquarz und Gold. Und meine Nase … alle, die ihr abstammten, haben ihre Nase.«
»Wunderschön«, hauchte Dorothea, erhob ihre Hand und war im Begriff seine flachen, breiten Nasenflügel zu streicheln. Doch als sie seinem beseelten Blick begegnete, spürte sie ihre Ohren heiß werden und senkte die Hand.
Beide lachten peinlich berührt und, um abzulenken, fragte sie Alfred nach seiner Reise, der nur erwiderte: »Ich hoffe, meine Geschenke wurden Ihnen nicht lästig. Erst zu Hause, als ich bei der Buchhaltung vorsprechen musste, wurde mir gewahr, wie viele es waren.«
»Herr Hoheloh, ich bitte Sie! Wie könnte es mir lästig sein, durch Sie an einem für mich völlig fremden Flecken der Erde teilzuhaben? Ihre Geschenke sind meine Abenteuer.«
»Das beruhigt mich. Sind Sie also weiterhin einverstanden, wenn ich Ihnen schreibe?«
»Ich wäre hoch erfreut! Ihre Briefe sind das, was mich vor dem Engegefühl der weiten Felder zu retten vermag.«
»Ich verstehe«, gab er schmunzelnd zurück.
»Bitte schreiben Sie mir sooft, wie Sie wollen. Aber lassen Sie es mich wissen, sollten wiederum meine Zeilen Sie stören. Mir ist bewusst, dass es einen Mann von Welt langweilen wird, die Erlebnisse und Gedanken einer Landpomeranze zu erfahren«, sprach sie dann aus, wovor sie sich insgeheim so sehr ängstigte.
»Fräulein Friedgold …«, eine quälende Pause entstand, so überrascht war er. »Ihre Briefe habe ich mir per Eilboten zusammen mit meiner Geschäftspost schicken lassen, sodass ich mich jedes Mal aufs Neue gezwungen sah, Zweiteres zu übergehen, um erst Ihnen zu antworten. Ihre Zeilen sind das, was mein Herz rasten lässt, Ihre Gedanken das, was meinen Geist beflügelt und Ihr Alltag das, was mich herausfordert. Sie beschreiben ein Heimatgefühl, das ich nie hatte.«
Überwältigt zwang sie sich, die Konversation noch einmal abzuflachen, als sie fragte: »Das Reisen wird Ihnen lästig?«
»Das auch. Vor allem der Wunsch nach einer steten Heimat, und sei sie nur im Herzen, ist übermächtig. Ich reise seit meinem fünfzehnten Lebensjahr umher, seit meinem neunzehnten ohne meinen Vater. Es ist einsam, elendig einsam, das Dasein, das ich friste. Wie unersetzbar sind mir da Ihre Briefe. Ich wünsche, dass sie auf ewig meine Begleiter sein werden.«
»Und wie sagten Sie doch?«, hakte Dorothea nun kess nach, »was man sich wünscht, wird auch in Erfüllung gehen, allein weil man es sich vorstellen kann.«
Er stoppte seinen langsamen Gang und sah sie an. Dann nahm er den Zylinder ab, ging vor ihr auf die Knie und trug ihr knapp an: »Fräulein Friedgold, wollen Sie meine Frau werden?«
Er hatte sich vorgenommen, nicht zu überlegen, und war von sich selbst überrascht, wie gut es ihm gelungen war. War dieser Moment doch jener, den er sich in den letzten Wochen sogar vor dem Einschlafen ausgemalt hatte.
»Sie sind früh …«
»Wie viel zu früh?«, fragte er ruhig, als er sich erhob.
»Etwa zwei Wochen …«, gab sie nach kurzer Überlegung zurück und lächelte.
»Das ist noch im Rahmen der Toleranz«, entgegnete er, »mein Werben war bis hierher gewiss zu deutlich, als dass meine Absichten nicht erkennbar gewesen sein könnten.«
Sie lächelte. »So unromantisch sagen Sie mir all das?«
Er biss sich auf die Zunge und sah ihr lange in die Augen: »Verzeihen Sie, ich tue mich wohl allzu schwer. Doch seien Sie versichert, dass ich seit dem ersten Moment tiefe glühende Empfindungen für Sie hege, die mit jedem Blick in Ihr schönes Gesicht stärker werden, liebste Dorothea Friedgold.«
Ihr entglitten die Gesichtszüge und nun war sie wirklich sprachlos. Während er seinen Hut aufsetzte und die Sicht abwandte, sodass sie seinen beschämten Gesichtsausdruck nicht sah, erklärte er: »Ich reise morgen weiter gen Süden und werde binnen einer Woche wieder bei Ihren Pateneltern rasten. Bis dahin erwarte ich Ihre Ant …«
»Ja, ich will!«
Nun war er es, der überrascht blickte.
»Warum siehst du mich so an, Alfred?«
»Ich dachte, du würdest Nein sagen, Dorothea.«
»Und die tiefen glühenden Empfindungen in mir unterdrücken? Ich bin vielleicht eine Landpomeranze, aber nicht auf den Kopf gefallen.«
Statt einer Antwort nahm er ihre Hand und küsste jede einzelne Fingerspitze. Seine Verlobte seufzte unter dieser Berührung. Die Wärme ihrer Haut kribbelte auf seinen Lippen.
Ihre Körper schienen bereits miteinander zu schwingen – sie hatten einander richtig erwählt.
Als er eine Woche später wiederkam, sprachen sie ausgiebig mit ihren Eltern, die sich nur langsam an den Gedanken gewöhnen würden, ihr Kleinod wie befürchtet mit diesem Evangelen davonziehen zu sehen. Das junge Paar schwebte auf Wolken und schmiedete Pläne. In wenigen Monaten, wenn er zu Hause alles vorbereitet hatte, der Nestbau für sie vollzogen war, wollte er sie abholen und sie in seiner Heimatstadt ehelichen.
Diesmal unterdrückte sie die Tränen nicht, als sie ihn am Bahnhof verabschiedete, und sie küssten sich forsch, sehr zur Scham der umstehenden Kleinstadtbevölkerung. Als Letztes drückte sie ihm den niemals abgeschickten Brief in die Hand und am Abend kam ein Telegramm von ihm: »Alwine ist perfekt!«
°°°
Wenige Wochen später brach ein Krieg aus, zu dem Reserveoffizier Alfred Hoheloh wie viele andere junge Männer aufmarschieren sollten.
»Willst du mich auch nach dem Krieg zum Manne nehmen?«, verlautete das Telegramm,
»Nur, wenn du mich zuvor heiratest!«, ihre Antwort.
Daraufhin nahm Alfred gemeinsam mit seinem besten Freund Heinrich, der als Trauzeuge herhalten musste, die nächstmögliche Zugverbindung. Sie trugen bereits die feldgraue Uniform, die Alfred schmeichelte, Heinrichs dickliche und hochgewachsene Erscheinung aber einzwängte, als Friedgolds sie am Bahnhof abholten.
»Heinrich Fürstenberg, viel von Ihnen gehört«, dienerte er vor ihr und schlug so gekonnt die Hacken zusammen, dass Dorothea erschrak.
»Seinem Vater gehören einige kleine Gerbereien vor der Stadt«, erklärte Alfred knapp.
»Ihm die Gerbereien und dir die Schuhfabrik? Alfred, nun veralberst du mich. Das ist ja eine Geschäftsfreundschaft, wie sie im Buche steht.«
Das Liebespaar lachte, aber Heinrich blickte beschämt wenn nicht gar erbost drein.
Die Trauung wurde in einer kleinen Kapelle abgehalten, die sich auf dem Grund ihres Onkels befand. Dorothea trug das lachsfarbene Ballkleid, welches sie an jenem Abend angezogen und somit die volle Aufmerksamkeit Alfreds bis in alle Ewigkeit gewonnen hatte. Dazu den winzigen kaum vergilbten Brautschleier ihrer Mutter.
Für einen gemeinsamen Hochzeitsschmaus und eine kurze Verabschiedung zu zweit im Flur blieb noch Zeit. »Habe keine Angst, mein Liebling«, schnurrte er zwischen drei Küssen, »ich kann gar nicht anders, als wohlbehalten zu dir zurückzukommen.«
»Ich habe keine Angst, Alfred. Kein Bräutigam lässt sich um die Hochzeitsnacht prellen.«
Mit ihrer kessen Weissagung sollte sie recht behalten, denn der Feind sah sich aufgrund eines geheimen Bündnisses einer Übermacht entgegenstehen. Als Dorothea Hoheloh ihren nun einäugigen Ehemann gut 200 Tage später in die Arme schloss, da gehörten ihre Länder einem Kaiserreich an.
Sie ließ ihn sich baden und seine übrigen Kriegsverletzungen gekonnt durch ihren Hausarzt zu Ende verarzten, ehe sie drängte, nun endlich die Ehe zu vollziehen.
Überrascht stellte er fest, wie geschickt sie ihn seiner Männerkleider entledigte. Wie sie ganz ohne Scheu mit ihren zarten Fingern und ihrer heißen Zunge über seine Haut fuhr, die mit seinem terrakottafarbenen Ton einen wunderschönen Kontrast zu ihrem Rosa bildete. Ihn, der noch zermürbt vom Krieg war, konnte es nur erfreuen, wie frei seine junge Frau ihre Lust erforschte, und sein Körper nahm die Zärtlichkeiten dankbar an. Bis zum Morgengrauen dauerte ihr reges Treiben an, und als der Hausarzt erneut nach ihm sah, mussten dem völlig übermüdeten Mann die Verbände neu befestigt werden.
Alfred nahm Dorothea zwei Tage später mit sich in die große Stadt. Er bezog mit ihr ein Haus an einer Seitenstraße, sodass sie sich langsam an den immerwährenden Lärm der Menschenmassen, vielfahrenden Droschken und anderen öffentlichen Verkehrsmittel gewöhnen konnte. Der Unterschied wirkte auf sie wie Tag und Nacht und wochenlang war sie euphorisch wie ein Kind am Heiligabend.
Sie besuchten Theaterstücke, Opern und Kaffeehäuser im Akkord, nachts liebten sie sich ausgiebig und unweigerlich begann Dorothea bereits das Gesellschaften in Alfreds Kreisen, organisierte Teekränzchen und Abendveranstaltungen.
Ihre Schwiegereltern waren begeistert von dem kessen Energiebündel und sagten ihr kurz darauf die erste große Reise zu, die sie mit ihrem Mann, geschäftsfördernd, antreten durfte.
Sie reisten in all den Jahren ständig umher, per Schiff und Bahn, via Kutsche und zu Fuß, zu Pferde und auch auf den Rücken orientalischer Träger. Wenn sie unterwegs waren, schickten sie exotisch anmutende Geschenke an Freundschaften und Familie, und sobald sie zu Hause weilten, kamen sie kaum hinterher, allen Einladungen nachzukommen.
Ihr erster Sohn Eduard Wilhelm wurde in einem Hotel am südlichen Ende des Reiches geboren. Dann folgten zwei Fehlgeburten, ehe Karl Ludwig Hoheloh fünf Jahre später im Orientexpress das Licht der Welt erblickte.
Lange Zeit hieß es nach dieser komplizierten Geburt, Dorothea könne nun gar keinen Kindern mehr das Leben schenken. Aber sie gab nicht auf, ihrem Liebsten den Wunsch nach seiner Alwine zu erfüllen, und forderte nicht ganz uneigennützig sein fortwährendes Beiwohnen ein.
Die Zeit zog ins Land, zwei Kaiser hatte das Volk zu Grabe getragen. Ein halbes Jahr nach dem Abtritt des eisernen Kanzlers gebar Dorothea im Hause ihrer Eltern ein dünnes Mädchen, mit dunklem dichten Haupthaar, Haut, deren helles Braun einen Roséstich trug, und mit grotesk langwirkenden Fingern und Beinen. Der schusslige Provinzstandesbeamte mit der gedrungenen Schrift schrieb in die Geburtsurkunde:
Alvine Friederike Hoheloh
Erst sahen sich die stolzen Eltern um den zweiten Haken zum W betrogen, aber dann fanden sie das V doch sehr hübsch, zumal der Name ihrer Tochter in seiner Originalform schändlich in Mode gekommen war.
Familie Hoheloh zog mit der ersehnten Prinzessin in ein neues hochherrschaftliches Anwesen im reichen Westen der großen Stadt. Ihr Reichtum und Erfolg waren unermesslich und sie gehörten längst zu den angesehensten Dynastien weit und breit.
Diese großbürgerliche Tochter – das war seit ihrer Geburt sicher – würde eine Rekordmitgift in eine Ehe bringen.
Mai 1910: Die Worte ihrer geliebten Gönnerin klangen in Alvines Ohren nach, als sie das Café verließ: »Wie schade, ich hätte Sie so gerne studieren gesehen.«
Sie umklammerte die gelbe Broschüre fester, es sollte ihr letztes Andenken an ihr großes Vorbild sein. Zum Glück hatten sie sich nicht im Bösen getrennt, sogar Albernheiten ausgetauscht und dann hatte sie ihr eine Widmung in ihr Werk hineingeschrieben. Es würde nun ihr Talisman sein: das Buch jener Dame, die hohe Bildung für Frauen in diesem Land möglich gemacht hatte. Wegen ihr eroberten seit zwei Jahren zwar noch wenige, aber dafür sehr vorbildliche Studentinnen die Fakultäten, und ihre guten Noten ließen die männlichen Kommilitonen erblassen.
Es war zu spüren – ein neuer Wind wehte. Jeder Frau sollte bald das Recht zugesprochen werden, zu entscheiden. Ob sie ihre traditionelle Rolle bekleiden, also unter dem Schutz des männlichen Familienoberhauptes ihre Selbstverantwortung abgeben, oder ob sie mit den Männern Seite an Seite die wirtschaftlichen und politischen Vorgänge des Reiches mitbestimmen wollte.
Alvine Hoheloh war ein Blaustrumpf. Was ursprünglich als ein abwertender Begriff für ihresgleichen gelten sollte, hatte sie sich zu eigen gemacht. Sie trug blaue Strümpfe und hatte vor, sehr großen merkantilen Erfolg zu erlangen.
Ihre Gönnerin wusste um die Natur der jungen Kämpferin und hatte ihr ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen, all dies zu erreichen, auch ohne ein ökonomisches Fach zu studieren. Dies in ihrem Herzen zu wissen, bekräftigte sie einmal mehr.
Alvine atmete tief durch und betrat die Straße. Kaum dass sie einige Schritte gelaufen war, meldeten sich die monatlichen Krämpfe von Neuem, was ihre ohnehin schmal gesäte Geduld noch mehr strapazierte. Die Sonne knallte ihr auf den dunklen Schopf, doch sie mochte den riesigen Hut nicht aufsetzen, der ihr von ihrem Vater mitgegeben wurde.
Alfred Hohelohs Haarwuchs war dünn und so vermochte er zeit seines Lebens nicht nachzuvollziehen, dass seiner Tochter die üppig gewachsene Lockenmähne schon schwer genug wog – noch dazu, wenn sie diese hochsteckte.
Zwei Damen, ausladend behütet und mit Sonnenschirm, passierten sie und brachen sogleich in aufgeregtes Getuschel aus. Etwa wegen ihrer lohbraunen Haut? Als wäre sie die einzige feine Person, die von Natur aus mit einem dunkleren Teint gesegnet war! Doch ihr ging auf, dass sie sich wohl sich über das lachsfarbene Kleid mit dem Glockenrock und der kleinen Schleppe lustig machten, weil es aus der letzten Saison war. Sie hingegen wirkten in ihren modisch aktuellen Humpelröcken wie Enten!
Alvine drehte sich zu ihnen um, die sich gerade selbst nach ihr umsahen, und flötete zuckersüß in ihre überraschten Gesichter: »Watschelt eurer eigenen Wege!«
Eine Droschke brachte sie zur voll befahrenen Friedrichstraße, von wo aus sie das letzte Stück zu Fuß ging, um im dichten Stau der Fahrzeuge nicht ausharren zu müssen. Im Menschengewühl Unter den Linden spürte sie die ordinären Blicke und groben Zoten, die ein Fräulein auf sich zog, wenn es allein unterwegs war. Ihr Magen rebellierte vor Ärger und das verschlimmerte die Unterleibskrämpfe. Sie fragte sich unweigerlich, ob sie wohl mehr oder weniger belästigt werden würde, entspräche ihr Aussehen dem gängigen Schönheitsideal.
Würde dieses teure Kleid von einer Blondine mit roséfarbener Haut getragen, deren üppige Form durch ein raffiniertes Korsett bestens betont wäre, würde man ihr ehrerbietig begegnen? Vor allem Männer zollten ihr erst Respekt, vielmehr entwickelten sie ein fast romantisches Interesse, sobald sie ihren Namen und von dem damit verbundenen Erbe erfuhren.
Alvine war darin geübt, trotz ihrer Schmerzen, ein festes Gesicht zu machen und Unflätigkeiten an sich abprallen zu lassen. Sie trug auch heute ihre Nase demonstrativ so hoch, dass kaum einer der Männer sich ernstlich erdreistete, penetrant zu werden.
Einmal streifte eine Hand fühlbar ihre Hüfte und sogleich trat und traf sie in die richtige Richtung: Ein gedämpftes Japsen erklang, der Stimme nach gehörte es einem von den lüsternen Alten, und Alvine drängelte sich zufrieden davon.
Wüsste ihr Vater um seine sich bewahrheitete Prophezeiung, würde er ihr sofort wieder verbieten, ohne Gesellschaft das Haus zu verlassen. Ihr war diese lieb gewonnene kleine Freiheit jedoch so teuer, dass sie ihm um nichts auf der Welt davon erzählt hätte. Und Belästigungen mit unauffälligen Tritten und Zwicke zu begegnen, darin war sie geübt, schon bevor sie auf ihrem ersten Ball eine für sie gefährliche Situation hatte abwenden müssen.
Das Kronprinzenufer erstreckte sich vor ihr, und während sie am Fluss entlangspazierte, erwischte sie eine luftige Brise. Sie genoss den frischen Luftzug, der nur bedingt durch all die Stoffschichten, die ihren Körper bedeckten, drang.
Als sie die Augen öffnete, erblickte sie die leuchtend rote Haarpracht ihrer besten Freundin, die auf einer Bank saß.
»Emmi!«
Wilhelmina Wändler sah von ihrem Buch auf und lächelte sogleich hocherfreut. Sie trug ein – für ihre Verhältnisse – sehr mädchenhaftes Sommerkleid und keinen Hut auf dem Kopf, was gewiss Gift für ihre Haut war. Alvine gehörte jedoch nicht zu diesen Damen, die ihresgleichen gängelten. Wenn Emmi sich verbrennen wollte, so war es allein ihre Entscheidung.
»Wie hast du dich heute davon gestohlen?«, fragte Alvine, auf einen weiteren Gruß verzichtend und setze sich zu ihr.
»Ach, der alte Rupprecht«, antwortete die Gefragte abwinkend, »der gibt sich gar keine Mühe mehr, mich aufzuhalten.«
Alvine nickte wissend.
Als die beiden Mädchen vierzehn gewesen waren, besuchten sie dasselbe Mädchenpensionat und entdeckten bald schon die tiefe Zuneigung und Verbundenheit zueinander. Während die anderen höheren Töchter Taschentücher bestickten oder sich um einen wohlklingenden Sopran bemühten, ritten Emmi und »Winnie« hosentragend alle Pferde des Stalls müde oder ersannen Theaterstücke, die oftmals an der Grenze des guten Geschmacks einer Dame endeten. Alvine übernahm stets die Rolle eines männlichen Helden. Ihre vollen Locken wurden unter Musketierhüten versteckt oder gar festgeflochten und von ihrem Hemd verdeckt. Da sie von jeher sehr schlank und für ihr Alter groß gewesen war, wirkte es auch auf niemanden befremdlich.
Nur als sie mit fast 17 Jahren aus den Sommerferien zurückkehrte und ihr elfengleiche Rundungen gewachsen waren, da sollte es damit vorbei sein. Emmi war schon immer die burschikosere dieses Zweiergespanns gewesen. Obgleich ihre milchweiße Haut zart wie Seide war, ihr glattes Haar glänzte und ihr Körper viel früher als der der anderen weiblich anmutete, so wirkten ihre ruckartigen Bewegungen, die Art wie sie ging und saß und vor allem ihre raue Stimme erschreckend maskulin. Zudem war sie ein Hitzkopf, da nahmen sie und Alvine sich nichts.
»Was hat Frau Lange gesagt?«, fragte Emmi im Hinblick auf Alvines jüngste Begegnung.
»Mehr oder minder ist sie traurig. Das kann ich ihr wohl kaum verübeln.«
»Und … hast du dich erklärt?«
»Das war mir nicht möglich. Ich möchte nicht, dass sie sich gezwungen sieht, mich zu einer Nachprüfung vorladen zu lassen.«
Emmi sah sie scharf an. »Winnie! Du bist die klügste Frau, die ich kenne. Weshalb in Gottes Namen willst du denn nicht studieren?«
Alvine biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte es als Wink der höheren Macht verstanden, dass ihr Vater genau dann krank geworden war, als sie sich für das Studium hätte vorbereiten sollen. Und so, was außerhalb der Familie keine*r wusste, hatte sie die Geschäfte geleitet.
Von Kindesbeinen an hatte Alfred Hoheloh sie mit in die Schuhfabriken genommen, sie unterrichtet, in Zahlen und Kalkulation, in Führung von Angestellten, in Auftreten und Haltung und so ihren Unternehmeringeist gestärkt. Und schließlich übte er mit ihr, seine Unterschrift in smaragdgrüner Tinte zu kopieren. Da diese nur 'A. Hoheloh' lautete, war es nicht einmal eine Sünde.
Gewiss hätte ihre Gönnerin darüber geschwiegen, aber Alvine hatte geschworen und ihrem alten Vater bei der Familienehre gelobt, das Geheimnis zu wahren. So war es am besten für die Geschäfte und ihre Arbeiter*innen.
»Ich will nicht noch weniger Zeit mit meinem Vater verbringen. Vor allem nicht jetzt, da er kränker wird und ich erwachsen genug bin, ihm all die Wertschätzung zu zollen, der ich mich bei ihm schuldig gemacht habe.«
Emmi sah verbissen fort. Ihr Vater, ja, auch ihre Mutter, hatten sie nie großartig wertgeschätzt. Auf die höhere Töchterschule und auf das Lyzeum hatte man sie nur geschickt, weil es ihren Wert auf dem Heiratsmarkt steigern sollte.
Ihr Weg war vorbestimmt: Sie sollte eine gute Partie machen und nur für ihre Familie da sein. Aber sie wollte Lehrerin werden und die Geister der künftigen Generationen formen. Von ihren Eltern wurde dieser Wunsch verlacht und sie hatte keine Unterstützung zu erwarten. Sie sollte heiraten, Kinder kriegen und sich zurückhalten, so verstand ihr Vater die Rolle der Frau.
Vermutlich wurde Emmi nur von Alvine gemocht, von ihrer Winnie. Und von ihrem Dienstboten, dem zwölf Jahre älteren Rupprecht, der seit ihrer frühesten Kindheit im Haus ihrer Eltern angestellt war. Die hatten damals wohl gehofft, dass sich die Kleine vor dem Jüngling mit einer Haut so schwarz wie Kohle fürchten würde. Aber sie hatte in sein Herz geblickt und gewusst, dass sie einen Verbündeten gefunden hatte.
Emmi sah Alvine nun böse an: »Du vertust die Gelegenheit deines Lebens, Winnie! Sosehr dein Vater dich auch liebt, die Fabrik und alles wird er Karl oder eher noch Eduard vermachen und dann musst du doch heiraten.«
»Meine Brüder werden mich einstellen. Wir leiten das Unternehmen zusammen, sollte es, was Gott verhüte, eines Tages so weit sein. Und wie du weißt, gehört mein alter Herr zum zähen Leder, wie jede Hoheloh. Zudem ist mir unser Schwur ernst. Ich gedenke, niemals zu heiraten!«
»Das musst du mir nicht sagen«, schnaubte Emmi verächtlich, mit Blick auf zwei passierende Soldaten in Preußischblau, die sie lüstern anlinsten. »Das Mannsvolk ist durch und durch übel und letztlich sind auch dein Vater und deine Brüder ihresgleichen, wenn sie mir jedoch die kleinsten Übel ihrer Gattung zu sein scheinen.«
»Emmi bei aller Freundschaft: Ich verbiete dir, meine Familie mit denen über einen Kamm zu scheren!«
Alvine deutete mit einem Nicken in Richtung der kleinen Garde, die sich offenbar nicht sattsehen konnte. Damit erhob sie sich und Emmi tat es ihr gleich. Sie suchten eiligst das Weite quer durch die Grünanlagen. Erst am Goldfischteich verlangsamten sie ihre Schritte. Erfahrungen, die sie bis dato mit den geilen Böcken des kaiserlichen Heeres gemacht hatten, würde sie auf ewig zu einem Gefühl des Unbehagens in deren Nähe verleiten.
Alvines Unterleib rebellierte, sie musste sich bald frisch machen. Doch ehe sie eine Toilette aufzusuchen gedachte, wollte sie das Thema mit Emmi klären. So setzte sie gleich zum Nächsten an: »Wie kannst du nur alle Männer für so einfältig halten? Das, da du weißt, dass es Ausnahmen gibt?!«
»Gerade nach den kecken Cochonnerien dieser Kommissköpfe fragst du mich das? Sie sind alle gleich. Dreiste, eitle Pinsel, die alles für sich vereinnahmen wollen«, entgegnete ihr Gegenüber.
»Es ist doch aber genauso verurteilenswert, wie die Art jener Männer, das weibliche Geschlecht als minderwertig, schwachsinnig und hysterisch abzutun!«
»Dein Vater sieht es so, nun gut. Deine Brüder auch, weil sie es ihm nachtun. Aber welcher Kerl bitte sonst?«
»Bebel!«, konterte Alvine.
»Lass den aus dem Spiel. Auf ihn kommen alle Männer des Reiches, die es nicht so sehen.«
»Nun gut, dann: Rupprecht!«
Ihr Gegenüber schwieg und lief ebenso hellrot an wie ihr Haar, das vor Hitze, Schweiß und Zug zerzaust um sie fiel. Ihre Sommersprossen gingen in dieser Färbung unter.
Alvine kam nicht umhin, ihrer Verwunderung einen Gesichtsausdruck zu schenken, der, wie Emmi nun sah, einer höchst undamenhaften Fratze glich. So starrten sie einander an und schließlich brachen sie in schallendes Gelächter aus.
Es folgte eine schwesterliche Umarmung, bei der die eine der anderen ins Ohr flüsterte: »Verzeih, du hast so recht. Deine Männer sind großartig.« Als sie sich voneinander lösten, setzte sie nach: »Ich bin gespannt, wann wir einen Weiteren treffen, der von ähnlicher Größe, sowohl in Intellekt als auch Charakter, ist.«
»Oder einen, der mich erst einmal kennenlernen will und nicht nur meine Mitgift sieht.«
Emmi lächelte zu der einen Kopf größeren Alvine hinauf. Heimlich bewunderte sie sie für die Vielzahl ihrer Verehrer. Aber wie wäre es anders zu erwarten, bei einer so reichen Tochter? Dann schnappte sie sich Alvines Hut und legte ihn ihr haltlos auf die Frisur.
»Vielleicht möchte dein Vater, dass du ihn trägst, weil du damit fast beängstigend erscheinst. Da halten wenigstens nicht die Kleinen um dich an.«
Eine Antwort verstummte unter dem wilden Hufgetrappel, das sich ihnen näherte. Selten, ja eigentlich nie, ritt man dermaßen ungebändigt durch diese Parkanlage und die Flanierer*innen sprangen erschrocken aus dem Weg.
Nur Alvine bemerkte ihn zu spät und so preschte der Reiter nur eine Elle entfernt an ihr vorbei. Ihr schwerer Hut wurde von dem Luftzug mit Leichtigkeit emporgewirbelt, sodass sie schlagartig begriff, welche Kraft dahinter gesteckt hatte und sie wohl knapp dem Tod entkommen sein mochte. Der Hut drehte sich in der Luft ein paar Mal um sich selbst, ehe er hinabpfiff und mit einem seichten Platscher ufernah im Goldfischteich landete.
»Was für ein unverschämter …«, setzte Emmi lautstark an, als ihnen und den Umstehenden gewahr wurde, dass der Gemeinte schlagartig sein Pferd gestoppt hatte und es kurzerhand ins Nass lenkte.
Wie Alvine nun sah, schien er fast zwei Meter hochgewachsen zu sein, sodass es ihm genügte, sich im Sattel sitzend hinab zum Wasser zu strecken und so mühelos eine der vielfach geschwungenen Rüschen zu erwischen. Dann wendete er das überaus hübsche braune Tier gekonnt und ritt durchs seichte Wasser zurück auf sie zu. Er setzte ab, schüttelte den Hut ungelenk aus und sah sie an. Seine bis dahin ungewöhnlich entspannte Körperhaltung zuckte bei ihrem Anblick zusammen und seine blauen Iriden hellten sich sichtlich auf. Obgleich seine Augen auffallend groß waren und sein Gesicht kindlich machten, schätzte Alvine ihn auf etwa zwanzig.
Seine Mundwinkel vibrierten merklich und er schien nach Worten zu ringen. Schließlich und endlich verneigte er sich demütig vor ihr, wobei ihm sein strohblondes, kinnlanges Haar ins Gesicht fiel. Mit einer Hand strich er sich durch seine weiche Mähne und richtete sie, ehe er sprach: »Verzeihen Sie, ich kann nicht in Worte fassen, wie unentschuldbar mein Verhalten war.«
»Da muss ich Ihnen leider recht geben. Sie hätten jemanden ernsthaft verletzen können«, erwiderte Alvine verärgert, allerdings vielmehr fasziniert von seinem auffällig ansehnlichen Gesicht.
Ihr Gegenüber lächelte scheu, bevor er antwortete: »Wohl kaum, ich habe mein Pferd fest im Griff und das habe ich mit meinem Spießrutenritt bewiesen.«
»Ihr Pferd offensichtlich. Aber wen auch immer Sie mit Ihrem Husarenstück zu beeindrucken versuchten – Sie können nie Einfluss darauf nehmen, wie Ihre Mitmenschen reagieren. Ein Kind beispielsweise hätte vielleicht entgegen dem Überlebensinstinkt gehandelt und wäre nicht vorbei, sondern Ihnen genau entgegengesprungen.«
Die Erkenntnis erhellte seinen Gesichtsausdruck und sogleich biss er sich auf die Unterlippe. Erneut senkte er demütig den Kopf und gab ihr recht: »Daran hatte ich beim besten Willen nicht gedacht.«
»Somit war Ihr Handeln nicht nur gefährlich, sondern auch höchst egoistisch, mein Herr!« Alvine konnte sich nicht erinnern, je einem Menschen eine Strafpredigt gehalten zu haben, und nun tat sie es bei jemandem, der ihr doch völlig fremd war.
»Den Hut …«, lenkte er ab, »werde ich reinigen lassen.«
»Machen Sie sich keine Umstände, ich mag ihn sowieso nicht gern.« Jetzt erst nahm sie Emmis hochgezogene Braue aus dem Augenwinkel wahr.
»Aber wie kann ich es wieder gut machen?«, fragte der Hüne höflich lächelnd.
»Ich weiß nicht … vielleicht versprechen Sie, nie mehr gefährdend zu handeln … und kaufen Sie den umstehenden Kindern Zuckerwatte«, gab sie zurück. Auch sie lächelte nun.
Ehe er antworten konnte, wurden sie erneut vom lauten Getrappel wilder Hufe unterbrochen. Eine offene Kutsche näherte sich und Emmi stöhnte auf. Auf dem Kutschbock saß Rupprecht, ein schwarzer gut angezogener Mann von Statur. Er war im Geiste Emmis großer Bruder, Strafvollzugsbevollmächtigter und Beschützer zugleich.
Genau vor ihnen hielt er, und während er abstieg und flink die niedrige Türe zu den Hinterbänken öffnete, rief er: »Liebes Fräulein Emmi, ich bin untröstlich, aber Ihr Vater bestellt Sie auf schnellstem Wege nach Hause.«
Obwohl hörbare Ergebenheit in seiner tiefen Stimme mitklang, erlaubte seine Mimik keine Verhandlung und entgegen ihrer Natur greinte die Angesprochene nicht, sondern nahm seine liebevoll dargebotene Hand und ließ sich in die Kutsche helfen.
»Du kommst doch mit, oder?«, wandte sie sich an Alvine und darauf wie ein bettelndes Kind an Rupprecht: »Nicht wahr, wir bringen erst Winnie nach Hause und dann …«
»So leid es mir tut, liebes Fräulein Emmi, ich habe den Auftrag, Sie unverzüglich heimzuschaffen«, worauf er der Gemeinten hilfreich nur den Arm anbot. »Aber ich werde Ihre Freundin danach gerne fahren, wohin auch immer sie möchte.« Er linste merklich naserümpfend auf den jungen Mann bei Alvine und machte so deutlich, dass er die beiden unter keinen Umständen alleine lassen würde.
Sie lächelte daraufhin und knickste kurz vor dem Fremden, ehe auch sie in die Kutsche stieg.
»Erfahre ich Ihren Namen?«, rief der ihr hinterher, doch ehe sie antworten konnte, ging Rupprecht, auf den Kutschbock steigend, dazwischen: »Das ist wohl kaum im Rahmen des Nötigen.« Er ließ die Peitsche knallen und die Damen entfernten sich in Windeseile aus des Fremden Blickfeld.
Alvine Hohelohs bernsteinfarbene Augen hafteten auf den blauen Iriden des Hünen, der dort noch immer stand, ihren durchgeweichten Hut umklammerte und erneut sein Herz an sie verloren hatte.
°°°
»Alvine, mein Kind, was hast du?«
Immer, wenn Dorothea Hoheloh den Namen ihrer einzigen Tochter aussprach, legte sich ein zutiefst zärtlicher Zug um ihre Lippen. Und mit ebenso viel Liebe blickte sie auf ihr Mädchen, das ihr so ähnlich sah. Die gleiche Statur, die gleichen Augen, nur etwas größer als sie. Doch im Gegensatz zu ihr war Alvine gesegnet mit der zarten rotgoldenen Haut ihres Vaters und mit seinen wunderschönen dunklen Haaren.
Natürlich war die gnädige Frau auch auf das Aussehen ihrer zwei Söhne stolz, hatte jedoch nie hinter den Berg gehalten, dass ihre Tochter eine perfekte Synthese aus Alfred und ihr war.
Das junge Mädchen saß, die langen Locken noch feucht von der wöchentlichen Pflege mit Rosenseife und Sesamöl, im lichtdurchfluteten Wintergarten, umgeben von der reichen Orchideenzucht ihrer Mutter. Sie hatte ein Buch aufgeschlagen, starrte aber schon minutenlang ins Nichts.
»Ich träume nur, Mama.«
»Das sehe ich, doch mir scheint dein Träumen heute eher quälend. Bereits seit gestern Abend bist du so abwesend.«
»Ach Mama, wie lieb, dass du dich sorgst. Vielleicht ist es von allem ein bisschen. Das Unternehmen, Frau Lange, Papa, die Arbeit …«
»Wenn es dir zu viel wird, sag es uns. Niemand verlangt von dir, einer Neunzehnjährigen, all das allein zu bewerkstelligen.«
»Es ist nicht zu viel, ich muss nur ausgiebig darüber nachdenken.«
»Pass nur auf, dass du nicht ins Grübeln gerätst. Dazu neigen wir Damen. Und Grübeln schadet der Heiterkeit.«
»Gewiss, Mama.«
»Ich gehe. Elfriede Fürstenberg lädt zum Kaffee ein.«
Alvine sah verdutzt auf: »Nur ihr beide?«
Über Dorotheas Gesicht huschte ein stolzes Lächeln.
»Oha, wie hast du das geschafft?«
»Nun, du weißt das, Kind …«, und den zweiten Teil sprachen sie gleichzeitig, »man muss die Dinge vom Ende her planen.«
Darauf lachten sie, und Alvine erhob sich und folgte der Mutter durch die weiten Flure in den prunkvollen Eingangssaal vor den breiten Spiegel, wo bereits Alma, Dorotheas Dienstmädchen, stand. Diese half der gnädigen Frau, sich straßenfein zu machen.
Dorothea richtete ihren Blick in ihres und das Spiegelbild ihrer Tochter. Die zierliche und hochgewachsene Alvine wirkte in den hohen Räumen und vor der imposanten Treppe in den ersten Stock immer etwas verloren. Vermutlich mutete aber selbst ein vierschrötiger Stallbursche unterhalb dieser überwältigenden Deckenhöhe winzig an.
Während die Herrin sich von Alma das Haar richten ließ, sagte sie: »Frau Fürstenberg ist bei Weitem nicht so kauzig und verschroben wie ihr Gatte. In unserem Gewerbe ist es üblich, dass sich alle kennen, und somit gelang es mir, sie auf verschiedenen Damenveranstaltungen stückchenweise zu bezirzen. Auf Bällen freilich habe ich mich höflich zurückgehalten, denn ihr Mann lässt sie keine Sekunde aus den Augen, sobald andere Herren in der Nähe sind.«
»Vertraut er ihr nicht?«
»Das kann ich nicht beurteilen. Vielleicht ist er schlicht ein recht eifersüchtiger Narr. Seit ich ihn kenne, schien er mir sehr schüchtern gegenüber Frauen zu sein. Das war er wohl schon, bevor dein Vater und er befreundet waren. Und unsere Hochzeit hat es offenbar zusehends verschlimmert, da es ihm nach dem Krieg schwerfiel, sich in der Damenwelt einen guten Namen zu machen.«
»Und das brachte einen Keil zwischen die beiden? Papa hat mir darauf bisher nie eine rechte Antwort gegeben.«
»Soweit ich weiß, Alvine, war er eifersüchtig, weil ihn während des Krieges eine Kugel ins Bein traf und er seither gehbehindert ist. Er wurde daraufhin aber nicht nach Hause geschickt, sondern musste in der Küche dienen. Zwei Jahre Kartoffelnschälen zerrt wohl an jedermanns Nerven.«
»Was sollen denn die kaiserlichen Küchenhilfen sagen?«, protestierte Alvine und Dorothea lachte vergnügt.
»Das mag richtig sein, aber dergleichen Ausrufe halte bitte in diesen Wänden. Und Eifersucht, mein Kind, ist ein grünes Gespenst, das sich in den Nacken setzt und irgendwann dein Herz erreicht, um von dort aus in die Knochen zu kriechen.«
»Er ist also neidisch, weil Papa NUR ein Granatsplitter traf und er seither so gefährlich aussieht mit seiner Augenklappe?«
»Eifersucht benötigt keine Basis. Das sagt doch schon das Wort: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft«, reimte sie und Alma setzte ihr den riesigen hellen Rüschenhut auf, der wundervoll zu ihrem weinroten Kleid mit dem Glockenrock passte. »Soweit ich weiß, wurden von seinem Bruder damals einige Fehlinvestitionen getätigt, und als Heinrich Fürstenberg wieder das Ruder in die Hand nahm, standen die Gerbereien kurz vor dem Ruin. Bis er sich traute, um eine Frau zu werben, zogen Jahre ins Land. Er war schließlich um die 40, als er endlich heiratete.«
Alvine überkreuzte ihre Arme auf der hohen Kommode neben dem Spiegel und legte nachdenklich das Kinn darauf ab. »Und die Tatsache, dass er den chemischen Fortschritt der Gerbereitechnik nicht rechtzeitig anerkannte und deswegen horrende Einbußen erlebte, tat ihr Übriges?«
»Schlaues Kind!«
»Doch wie konntest du denn dann seine Frau für dich gewinnen?«
»Wie gesagt, sie ist bei Weitem nicht so streitsüchtig wie ihr Gatte. Ich habe eher das Gefühl, dass sie mein Werben genießt und sich gesellschaftlichen Aufstieg erhofft, wenn ich ihre Freundin bin. Ich werde sie heute erleben, wie sie sich ohne die anderen Damen um uns herum gibt. Soweit ich weiß, möchte sie mir auch ihren Sohn vorstellen. Er soll ein Schmucker sein.«
»Offenbar kommt er da nicht nach seinem alten Herrn«, stellte Alvine fest.
Dorothea lachte herzlich und tadelte danach ihre Tochter scherzhaft für ihr ungehaltenes Mundwerk, ehe sie sich mit einem flüchtigen Wangenkuss verabschiedete.
Elfriede hatte sich, seitdem sie den Familiennamen Fürstenberg trug, eine tägliche Tradition geschaffen: Sie sah auf ihren Besitz, auf ihre Reichtümer, die Kleider, die Einrichtung und dann auf sich in den Spiegel. Dort blickte sie von jeher ein hageres Geschöpf, mit dünnen blonden Haaren, mausgrauen Augen und mittlerweile vielen Sorgenfalten an. Und schließlich schaute sie auf ihren Mann Heinrich, dessen gebeugte Haltung, Hinken und schlohweißen Zotteln seine Griesgrämigkeit nur noch bestätigten.
Sodann atmete sie tief durch und sagte sich: »Ich hätte es schlimmer treffen können.«
Das ist viel mehr, als du verdienst!, flüsterten dann die geheimen Stimmen in ihrem Kopf.
Seit frühester Kindheit litt sie unter ihrer schwachen Lunge und es war für eine mäßig attraktive Dame, deren Bildung wahrscheinlich ausreichend gewesen wäre, um Lehrerin zu werden, nicht aber ihre körperliche Kraft, ein Glücksfall, als ihre Eltern ihr mitteilten, dass ein Heiratsantrag für sie vorläge. Erfreut hörte die Achtzehnjährige, dass der Herr ein großes bürgerliches Haus in der Innenstadt und einige Gerbereien um den Ort herum besaß. Doch ihre Freude mäßigte sich, als man sie wissen ließ, dass er fast 20 Jahre älter als sie wäre und auf einem Bein lahmte.
Er ist vermutlich genauso hässlich wie du, wisperten die Stimmen.
Dennoch sagte sie einem Treffen zu und nach einem halbwegs angenehmen Gespräch bei Tee und trockenem Gebäck, bei dem er ihr zusicherte, für die horrenden Kosten ihrer regelmäßigen Unterbringung in Sanatorien aufzukommen, willigte sie ein. Damit verpuffte ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihren Eltern, die bis dahin keine Gelegenheit ausgelassen hatten, ihr zu verdeutlichen, wie sehr sie ihnen auf der Tasche lag.
Elfriede saß heute, über zwanzig Jahre später, mit ihren erwachsenen Söhnen am Mittagstisch, Heinrich Fürstenberg hatte sich wie so oft bis zum Abendbrot entschuldigen lassen. Das kam ihr allerdings durchaus gelegen, denn dass Dorothea Hoheloh zu Besuch käme, war ein wohlgehütetes Geheimnis zwischen ihr, ihrem ältesten Sohn Konrad, Dorothea selbst und dem gesamten Hauspersonal.
Voller Genugtuung sah sie ihre Söhne an. Der Ausdruck »Ich hätte es schlechter treffen können«, wäre ihnen gegenüber eine glatte Untertreibung gewesen. Natürlich hielt jede liebende Mutter ihre Kinder für die Krone der Schöpfung, doch was ihre Brut anging, so bestätigten ihr auch Außenstehende, dass ihr zwei prächtige Burschen geschenkt worden waren.
Konrad, der Ältere, von jeher pflichtbewusst, bescheiden und voll diplomatischen Geschicks, würde eines Tages die Gerbereien erben. Er war 25, hochgewachsen, schlank, sein Teint von einem vornehmen Blassrosa und er trug sein strohblondes Haar kurz.
Am hervorstechendsten sei wohl sein außergewöhnlich hübsches Gesicht zu nennen, mit dem ihm, wenn er Reden schwang, die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, insbesondere der Damen jeden Alters, sicher war. Auch ihr Gatte hielt mit seiner Überzeugung selten hinter den Berg, dass der Ältere einen würdigen Erben hergab.
Schon seit Jahren regelte er sehr zur Zufriedenheit der Eltern die Bankgeschäfte der Familie, hütete die Korrespondenz mit den Notaren und Buchhaltern und überwachte mit Adleraugen die Produktion. Sein Vater befand sich immerhin bereits in seinen Sechzigern und schien dankbar, sich nicht mehr mit Papierkram herumschlagen zu müssen.
Daneben Theodor, derselbe hellhäutige Typ, noch höher gewachsen mit auffallend breiten Schultern jedoch femininerem Gesicht, was sich aber an Attraktivität gegenüber Konrads nichts nahm.
Nur war Theodor bei Weitem weniger pflichtbewusst und immer schon ein Träumer gewesen. Außerdem ließ er sein Haar nie kürzer schneiden als kinnlang und fixierte es auch nie mit Pomade, sodass es ihm ins Gesicht fiel und er es in einer neckischen Bewegung zurückstreichen musste.
Als er klein war, hatte Elfriede zusammen mit ihm bei ihren Eltern gelebt, weil die Luft der immerzu größer werdenden Stadt ihr lange schlecht bekam.
Nach deren Tod verkauften sie das Haus und von dem Geld konnte sie endlich einen monatewährenden-Aufenthalt in einem Sanatorium bezahlen, wo sie ausreichend gesundete, um es außerhalb der extrem heißen Sommermonate zu Hause auszuhalten. Zu ihrem persönlichen Glück hatte der kleine Theo kaum etwas von seinem fröhlichen Gemüt eingebüßt, obwohl er während ihrer Abwesenheit sicher zunehmend unter der Unzufriedenheit des Vaters mit ihm gelitten hatte. Auch mit den Zukunftsplänen seines Erzeugers war der Junge ganz und gar nicht einverstanden, dabei würde er gewiss einen phänomenalen Anwalt abgeben, der die Interessen des aufstrebenden Unternehmens hätte verteidigen können. Allerdings beschäftigte er sich lieber mit Politik und zog es vor, Nationalökonomie zu studieren, wie er seinen Vater wissen ließ. Seit Wochen stritten die beiden nun um dieses Thema und das Ergebnis war bisher nur Stillstand.
Sobald Theodor alt genug geworden war, kam ein Einberufungsbefehl ins Haus, obgleich für Konrad damals keiner gekommen war. Heinrich tat es mit der Begründung ab, dass der Junge so lange mit ihr auf dem Land gelebt hatte und dass Stadtkinder seltener eingezogen würden. »Und dort wird der Nichtsnutz endlich lernen, wie dankbar er für all das sein kann, was ich ihm biete!«
Als Theo vom Wehrdienst zurückkehrte, schien er wie ausgewechselt und schlussendlich doch seinen frohen Charakter verloren zu haben.
Daran bist allein du schuld! Du bist das Unglück deines Kindes!, wisperten die Stimmen immer wieder.
So sehr die Mutter auch drängte, er war nicht bereit, von dieser Zeit zu erzählen.
Theodor blickte aus dem Fenster des Esszimmers, das Gesicht lustlos in seiner großen Hand abgestützt. Wenige Gemälde dekorierten die geweißten Wände. Der Esstisch, verdeckt durch ein blütenweißes Tischtuch bot bequem Platz für acht Personen, für zwölf, wenn sie sich drängten. Ansonsten befand sich nur noch eine Kommode für die Tischwäsche und Besteck im Raum, das Geschirr wurde im kleinen Nebenzimmer, einem Materialraum des Personals, aufbewahrt.
Elfriede fragte sich, ob ihren jüngeren Sohn auch in diesem Frühsommer eine Allergie quälte, wie es neuerdings genannt wurde.
Theodor indes war zu stolz, um seine Beschwerden blicken zu lassen, also überspielte er die Müdigkeit und ignorierte die juckende Nase von jeher.
Konrad redete gerade über aktuelle Verkaufszahlen, wie erfreut er war, den Vater schlussendlich vom Einsatz enzymatischer Beize überzeugt zu haben und davon, dass er demnächst mit den großen Schuhfabrikanten der Umgebung neue Abkommen aushandeln wolle. Seit jeher vermochte er es, seine Worte gewandt zu wählen und seine Absichten hübsch zu verpacken. Dennoch hatte er ausnehmend lange gebraucht, um Heinrich Fürstenberg von den Vorteilen chemischer Entwicklungen zu überzeugen, wohl auch, weil der Alte sich in seinem Stolz gekränkt sah, nicht selbst darauf gekommen zu sein.
»Wir sind endlich wieder auf dem Weg nach vorn«, erzählte Konrad, »Ich trete derzeit mit allen Lederfabrikanten der Stadt und der weiteren Umgebung in Kontakt. Was Vater einmal bewirkt hatte, wird sich wiederholen: Wir werden dem guten Namen unseres Unternehmens erneut Ehre machen und zu altem Glanz aufsteigen. Mir fehlt nur noch die Zusage eines namhaften Geschäftspartners, dann werden andere folgen.«
»Da du gerade davon sprichst, meine Freundin Dorothea kommt zum Kaffee.«
»Ich weiß, Mutter, und ja, ich werde ihr meine Aufwartung machen.«
»Du weißt, wer sie ist, oder?«, lächelte Elfriede wissend.
»Eine Dame aus dem Frauenverband …«, gab Konrad zurück.
»Nein, wer sie außerhalb dessen ist.«
Ihr Ältester blickte auf und jeder sah, wie die Zahnräder arbeiteten. »Mutter … haben Sie Dorothea Hoheloh zu uns eingeladen?«
Sogar Theodor riss es aus seinen Gedanken und beide sahen sie nun erstaunt an.
Stolz lehnte Elfriede sich zurück und nahm einen Schluck Wasser. »Ich denke, du wirst ihr mehr als gerne deine Aufwartung machen.«
°°°
Bevor es Konrad allerdings erlaubt war, vorzusprechen, gedachte die Mutter mit Frau Hoheloh allein einen Plausch zu halten. Solange lief er unruhig im Zimmer seines Bruders auf und ab. Warum wusste er nicht. Es war schon immer seine Angewohnheit in Theodors Gemächern zu weilen, wenn er nervös war, unabhängig davon, ob dieser zuhause war, geschweige denn, ob er stören könne. Er schritt hin und her über den merklich verbrauchten Teppich des Schlafzimmers und über das ausgeblichene Parkett im Arbeitszimmer. Nur das winzige Bad mied er seit jeher.
Es verschaffte ihm Genugtuung, dass die Räume seines Bruders regelrecht ärmlich ausgestattet waren. Zu seinen im oberen Geschoss zählten ein Badezimmer mit Dusche und Wanne und einem separaten Klosett, ein Aufenthaltsraum, ein Arbeitszimmer mit angrenzender Bibliothek und zu guter Letzt sein weiträumiges Schlafzimmer mit begehbarem Kleiderschrank. All dies war gerade erst renoviert und neu eingerichtet worden und sollte Konrad heiraten, stünden seiner Gattin drei weitere Räume in diesem Haus zur Verfügung, die aber noch eine Sanierung nötig hätten.
»Wie hat sie das geschafft?«
Das fragte er gewiss zehnmal, bis der Jüngere, der auf dem Bett lag und desinteressiert in ein Buch starrte, antwortete: »Wahrscheinlich gar nicht. Ich gehe davon aus, Frau Hoheloh hat unsere Mutter umworben, nicht andersrum.«
»Weshalb?«
»Muss ich dir deine Hausaufgaben erklären? Bis über die Grenzen der Stadt ist ihr kommunikatives Genie berühmt. Sie wird genau wie du an der Wiederauferstehung eines Geschäftsverhältnisses interessiert sein.«
»Ja, da sagst du was … aber wie kriegen wir unseren Vater überzeugt?«
»Was fragst du mich das? Wenn du nicht weißt, wie der alte Esel zu überzeugen ist, dann niemand!«
Konrad schnaufte hörbar aus. »Dein Ungehorsam ihm gegenüber wird dir noch mal leidtun.«
»Tut es schon, Bruder. Aber das Einzige, womit er mich noch mehr meiner Existenz wegen strafen könnte als mit dem Wehrdienst, wäre ein Krieg. Jedoch, so hoffe ich, da hören seine Beziehungen auf.«
»Ich bitte dich«, stieß Konrad aus und ließ sich schwer auf das Sofa neben dem Bett plumpsen, »leg diese Überzeugung ab, dass er es dir eingebrockt hat. Er war Küchengehilfe, kein General.«
Theodor schnaubte verächtlich: »Wenn du eine hungrige Kompanie zu leiten hast, funktioniert etliches darüber, wie viele Kartoffeln du dem Einzelnen zuteilst.«
»Lachhaft! Und nun fort mit dieser Bittermiene. Was ist nur aus dir geworden? Ich sage es ja, komm wieder mit ins Bordell und lass dir ordentlich den Schwanz lutschen, dann geht es dir besser.«
Theodor lachte kalt und verkniff sich die Bemerkung, dass er auch gut ohne ihn in der Lage wäre, ein Freudenhaus aufzusuchen: »Wenn Mutter wüsste, wie dreckig dein Mundwerk sein kann, sobald du von den Huren redest, würde sie tot umfallen.«
Konrad wollte antworten, doch in diesem Moment klopfte der Dienstbote, der ihn zu den Damen rufen sollte.
