Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Stefan Zauner ist jung, erfolgreich und vermögend - der Finanzberater Mitte 20 und Workaholic arbeitet wie besessen an seiner Karriere. Er schwelgt im Luxus, hetzt von Terminen zu oberflächlichen Partys zu eben solchen Affären. Als Stefan erfährt, dass der reiche Kunstsammler Maximilian Gerber, eine schillernde Figur des internationalen Jetsets, ein Anwesen in der Stadt kauft und dort ein rauschendes Fest feiern wird, kreisen Stefans Gedanken fieberhaft darum, wie er es - auch ohne Einladung - in die Prunkvilla schaffen kann. Er ahnt dabei nicht, dass er sich damit in Teufels Küche bringt und geradewegs in den Abgrund schlittert ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
INHALT
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREIßIG
EINUNDDREIßIG
ZWEIUNDDREIßIG
Stefan schlug die Augen und blickte geradewegs in den Airbag. Ein hämmerndes Dröhnen sprengte seinen Schädel. Unter Schmerzen kroch er aus dem Wagen und ließ sich auf den dreckigen, feuchten Waldboden fallen. Er hatte alles verloren. Dazu wurde er jetzt von der Polizei gesucht. Das schrille Geschrei der Vögel in den Bäumen wurde übertönt von dem hohen Pfeifen in seinem Kopf. Würde die Polizei ihn hier finden? – war wohl nur eine Frage der Zeit. Wenn nicht, würde er hier im Morast verrecken.
Es war das erste Mal, dass Ralph Meissner auf dem Polizeirevier war. In einem kleinen Zimmer saß er einem hageren Mann in Uniform gegenüber.
»Kommandant Fuchs ist mein Name. Ich leite die Ermittlungen. Danke, dass Sie so schnell hergekommen sind. Würden Sie bitte beschreiben, woher Sie Stefan Zauner kennen und wie Sie zu ihm stehen.«
»Ich kenne Stefan schon lange. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Wir kommen beiden hier aus der Gegend und unsere Väter haben beruflich miteinander zu tun. Zumindest war das damals so, als wir Kinder waren. Jetzt studieren wir beide hier in Freistadt«
Kommandant Fuchs: »Sind Sie befreundet?«
Ralph: »Nein. Wir sind schon auf diesselbe Schule gegangen, da läuft man sich zwangsläufig über den Weg.«
»Was ist Stefan Zauner für ein Typ?«
Nach einer Pause sprach Ralph: »Stefan ist ein Einzelgänger. Er arbeitet viel, immer irre beschäftig. Er ist leicht reizbar, impulsiv...«
»Cholerisch..?«
Ralph nickte.
»Erzählen Sie mir von Anna Weiss.«
»Wir kennen uns durch die Universitätszeitung. Wir arbeiten beide in der Redaktion.«
»Sie und Frau Weiss sind auch privat öfter zusammen?«
»Wir sind befreundet, ja.«
»Sie sind aber kein Paar?«
»Nein.«
»Wie stehen Stefan Zauner und Anna Weiss zu einander..?«
Wieder eine Pause, dann: »Er hat Anna öfters blöd angemacht – wollte sie wohl rumkriegen, doch sie hat das nicht interessiert. Er hat einfach nicht verstanden, dass sie nichts von ihm will.
Stefan benimmt sich oft wie ein stures Kind – was er sich in den Kopf setzt, muss er auch kriegen. Manchmal ist er unausstehlich, ein egoistisches Arschloch...«
Das war freilich nur die Meinung eines einzelnen. Wie Ralph Meissner über Stefan Zauner dachte. Aber wohlgemerkt einer, der Stefan Zauner schon lange kannte, seit seiner Kindheit.
Bevor Stefan Zauner auf der Flucht vor der Polizei war, lief für den erfolgreichen Vermögensberater alles bestens. Beruflicher Erfolg brachte ihm finanziellen Wohlstand. Er war nicht reich, aber für Mitte zwanzig sehr vermögend. Und das zeigte er auch mit diversen Annehmlichkeiten wie einem neuen BMW Sport Cupé, teuren Uhren und maßgeschneiderten Anzügen. Seine Freundin Marie war klug und bildhübsch. Die meisten Leute würden wohl sagen, dieser Mann muss ein glückliches Leben führen. Doch wer nur einmal direkt mit Stefan Zauner zu tun hatte, der merkte, dass er er getriebener, oberflächlicher Mensch war. Gestresst rannte er von einem Termin zum nächsten. Seine Freundin war für ihn nur ein hübsches Acessoire, das er aus der Schublade nahm, wenn es ihm gerade passte. Stefan Zauner hatte keine echten Freunde, die meisten Menschen waren für ihm nur unnötiger Ballast.
Teil 1
An seinem letzten Tag in London wachte Stefan neben einer blonden Frau auf. 10 Uhr. In zwei Stunden ging sein Flug. Stefan zog sich an, machte sich fertig, das Hotel zu verlassen. Er dachte an den Abend des Vortages. Sie hatten eine Menge Spaß. Ihr Name war Liz. Eine Deutsche, die hier als Kellnerin arbeitete. Er verließ das Zimmer.
»Es ist noch jemand oben. Warten sie noch eine Stunde, bevor Sie das Zimmer reinigen«, sagte er an der Rezeption und ließ sich ein Taxi zum Flughafen rufen.
Am Abend besuchte Stefan eine Veranstaltung im Festsaal der Universität in Freistadt. Normalerweise hasste Stefan diese verstaubten Empfänge, die meist anlässlich irgendwelcher Pensionierungen ausgerichtet wurden. Dementsprechend alt waren die Leute, die man dort traf. Doch diesmal hatte er einen triftigen Grund. Gerüchten zufolge hatte der große Maximilian Gerber, ein überaus erfolgreicher Kunsthändler und ein schillernde Figur des internationalen Jetsets, ein Anwesen in der Gegend gekauft. Stefan bewunderte diesen Mann, seit er mit 16 Jahren mit ihm Bekanntschaft gemacht hatte.
Sein Vater – Roman Zauner, ein angesehener Vermögensberater, in dessen Fußstapfen sein Sohn Stefan schließlich treten sollte - hatte jedes Jahr eine Loge auf dem illustren Künstlerball in Freistadt. Stefan war ihm deswegen schon in den Jahren zuvor in den Ohren gelegen. Einlass war ab 18, doch Roman Zauner kannte den Veranstalter schon viele Jahre und so machte er bei Stefan eine Ausnahme.
Gleich neben ihrer Loge war der Bereich für VIP-Gäste. Dort saß – auf einem mit rotem Samt überzogenen, antik anmutenden Stuhl – ein Mann im weißen Smoking, und Stefan konnte nicht aufhören, hinzusehen. Der Mann fiel auf, denn alle anderen Herren trugen schwarz. Er wirkte aber nicht wie ein Fremdkörper. Viel mehr hob er sich ab, der Hüne strahlte eine unglaubliche Erhabenheit aus. Es sah aus, als säße er auf einem Thron. Und neben ihm die schönste Frau, die Stefan je gesehen hatte. Sie war jung, hatte golden schimmerndes, langes Haar und einen Kaffee-braunen Teint. Stefan wandte seinen Blick wieder dem Mann neben der Schönheit zu und wurde sofort rot, denn der sah ihn mit seinen Glutaugen an. Er tauschte ein paar Worte mit der Dame an seiner Seite aus und strich sanft über ihre Rücken. Sie trug ein schulterfreies Kleid aus grüner Seide. Dann winkte er den Jungen in der benachbarten Loge heran. Stefan zögerte, doch als er sicher war, dass der Mann ihn meinte und niemand anderen, stand er auf und ging hin. Er beugte sich über das rote Seil, dass die Bereiche abtrennte - der Tisch des Mannes war direkt an der Absperrung.
»Guten Abend. Wie heißt du, Junge?«
»Stefan Zauner. Guten Abend.« In dem Augenblick hatte er keine Ahnung, dass er gleich seinem späteren Idol die Hand schütteln würde.
»Maximilian Gerber.«
Der Mann beugte sich vor und streckte Stefan seine mit vielen Ringen geschmückte Hand entgegen.
»Das ist Serena.« Die Schöne zeigte ihr perfektes Lächeln.
»Würdest du mir einen Gefallen tun, Stefan?«, sagte Gerber und seine Zähne blitzten auf.
»Würdest du zur Bar runter gehen und Serena einen Gin Tonic besorgen?«
Er winkte mit einem 50-Euro-Schein. Sie beugte sich langsam vor und zog Stefan zu sich heran. Dann drückte sie ihm ihre glänzenden Lippen auf die Wange. Sie duftete herrlich. Ihre samtigen Haare streiften sein Gesicht.
»Bitte«, hauchte sie. Maximilian Gerber zwinkerte ihm zu. Er strich sich eine Strähne seiner Gelfrisur zurück und nickte Stefan zu.
Stefan beeilte sich. Wie es ihm Gentleman in Weiß aufgetragen hatte, bestellte er in Gerbers Namen. Der Kellner nickte und machte sich sofort ans Werk.
»Geht aufs Haus«, sagte er. Stefan bedankte sich und brachte den Drink hoch. Stefan wollte den Geldschein zurück geben.
»Schon gut...für deine Bemügungen.«
Serena nippte an ihrem Gin Tonic.
»Danke«, sagte Stefan.
»Investiere es gut.« Er steckte den Schein in die Tasche und ging zurück zu seinem Platz.
Seit Stefan erfahren hatte, dass Maximilian Gerber eine Villa in den Weinbergen im Nobelviertel von Freistadt beziehen sollte, war er wie besessen von der Vorstellung, auf die Party zu gehen, die dort zu seinem Einzug steigen würde. Denn Maximilian Gerber`s Partys waren legendär. Gäste von internationalem Ruf feierten dort, als gäbe es kein Morgen. Schwerreiche Unternehmer und Größen aus dem Showbusiness und der Politik tummelten sich dort ebenso wie Schriftsteller, Musiker und Maler auf der Suche nach neuen Bekanntschaften, die ihre Werke finanzierten. Es hieß, Millionendeals wurden auf diesen Partys beschlossen. Immer wieder stellte sich Stefan die vielen erfolgreichen Menschen vor, die er auf dieser Party treffen würde.
Und nun war Stefan zu Ohren gekommen, dass der Tierarzt Dr. Friedrich Einseher diese Gerüchte erst in die Welt gesetzt hatte. Und aus vertraulichen Quellen wusste er, dass dieser Herr eben gerade bei der abendlichen Veranstaltung der Universität zugegen sein würde.
»Ich würde gern wieder reingehen.«
Der alte Mann sah mit müden Augen in sein Weinglas. »Genießen wir doch den lauen Abend. Darf ich Ihnen Marie vorstellen..?«, sagte Stefan. Er strich über ihren Arm.
»Gutend Abend«, sagte Dr. Einseher und nahm die zarte Hand der jungen Dame. »Marie liebt Pferde«, sagte Stefan. Sie lächelte kurz.
»Wie ich von Stefan hörte, besitzen Sie ein ganzes Gestüt.«
Der Tierarzt rückte seine Brille zurecht und musterte das Mädchen. Ihre dunklen Haare hatte sie hochgesteckt. Das silberne Collier, das Stefan ihr geschenkt hatte, unterstrich ihr hübsches Gesicht dezent, aber hochwirksam. Ihr schwarzes Chiffonkleid war fast schon zu elegant für einen Empfang wie diesen. Mit aufmerksamem Blick strich sich der Tierarztes über seinen üppigen Bart. »Mittlerweile sind es 10 Stuten und 6 Hengste«, sagte er und trank seinen Wein mit einem Zug aus.
»Meine Mutter hatte ein Pferd. Ich war als Kind oft reiten«, sagte Marie.
»Ich gehe kurz rein an die Bar. Noch Wein für Sie, Dr. Einseher?«, fragte Stefan. Der Tierarzt strich über seine wenigen, weißen Haare. »Ich sollte dann aufbrechen, es ist schon spät.«
»Kommen Sie, trinken Sie was mit mir«, sagte Marie. Der Mann im altmodischen Anzug warf einen flüchtigen Blick auf seine silberne Armbanduhr. »Ein Gläschen kann nicht schaden.« Seine Augen verschwanden in schmalen Schlitzen mit tiefen Falten an den Seiten.
Als Stefan wieder nach draussen kam, sah er Marie am steinernen Treppenaufgang zum Festsaal. Sie unterhielt sich angeregt mit einem jungen Mann. Stefan stellte die Getränke auf die Brüstung. Er zerrte Marie zur Seite. »Was soll das..? - Wo ist Einseher..?«, sagte er gepresst. »Oben«, sagte Marie.
»Was ist los mit dir, ich sagte doch, du sollst bei ihm bleiben.«
»Ich war ja auch bei ihm, nur dann habe ich Freddie hier getroffen.«
»Verpiss dich«, sagte Stefan trocken. Dann wandte er sich wieder Marie zu. Mit festem Griff packte er ihr dünnes Handgelenk.
»Nimm die Getränke. Ich hoffe für dich, dass er noch nicht gegangen ist.«
Der Doktor kam mit langsamen Schritten die Treppen runter, wobei er die Hand nicht von der Brüstung nahm. »Dr. Einseher, Wo gehen Sie hin?«, fragte Stefan. »Nach Hause. Ich muss morgen Früh in die Praxis.«
Der alte Mann ließ sich nicht umstimmen. Marie sah Stefan mit glasigem Blick an.
»Es tut mir Leid. Ich hätte....«
Marie legte ihre Hände auf Stefan’s Brust. Er stieß sie weg. »Du hättest bei ihm bleiben sollen, verdammt noch mal.«
Stefan wurde laut. Hastig lockerte er seinen Kravattenknopf. »Was war daran nicht zu verstehen?«, schrie er. Ein paar Leute drehten sich um.
Der Tierarzt war fast an seinem rostigen Jeep angekommen, als Stefan ihn einholte. »Dr. Einseher! Warten Sie.«
»Ich sagte doch, ich fahre.«
»Ich wollte mich nur entschuldigen wegen Marie.«
Der Tierarzt machte eine wischende Handbewebung und lächelte gezwungen. »Ein reizendes Mädchen. Ich habe mich wunderbar mit ihr unterhalten. Was haben Sie da?.«
Der alte Mann machte einen leichten Buckel und zeigte auf Stefan’s Hände. »Ihr Wein.«
»Ich habe schon zuviel getrunken«, sagte der Doktor. »Was wollen Sie noch von mir?.«
Seine alten Augen sahen Stefan plötzlich scharf an. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken und hob seinen Kopf. »Ich wollte Ihnen nur meine Visitenkarte geben.«
Der Tierarzt hielt diese dicht vor sein Gesicht.
»Anlage- und Finanzberatung«, las er und lachte heiser. »Halten Sie mich für so wohlhabend?«
»Sie haben ihre Pferdekoppel erst vergrößert«, sage Stefan. Er reichte Dr. Einseher sein Glas. »Trinken Sie« Stefan nippte an seinem Whisky. Der alte Mann nahm einen großen Schluck.
»Sie sind gut informiert.«
Die Straßenbeleuchtung ließ seinen fransigen Bart silbrig schimmern.
»Vor Kurzem habe ich zwei zusätzliche Grundstücke gekauft«, sagte er. Seine rundliche Nase zuckte.
»Über einen Makler?«, fragte Stefan. Gedanklich immer noch bei seinen Pferden, nickte der Tierarzt.
»Tomann?«, setze Stefan nach.
»Sie interessieren sich für’s Immobiliengeschäft..?«
»Viktor Tomann scheint gut im Geschäft zu sein«, sagte Stefan.
»Wissen Sie, an wen Tomann das Anwesen auf der Schmid-Höhe verkauft hat?«, fragte Einseher. Seine buschigen Augenbrauen hoben sich und die fliehende Stirn schlug tiefe Falten. Stefan nahm einen tiefen Schluck. »Maximilian Gerber!«, platzte es aus dem alten Mann heraus. »Wirklich?«, fragte Stefan mit gespielter Überraschung und unterdrückter Genugtuung. Die Stimme des Tierarztes überschlug sich in heller Aufregung: »Der Kunsthändler; Sie kennen ihn..? Ich habe mal ein Portrait über ihn im Fernsehen gesehen. Ein schriller Vogel...«
Stefan leerte sein Glas. »Dr. Einseher. Gute Nacht.
Kommen sie gut nach Hause.«
Als Stefan durch die Innenstadt spazierte, war er höchst zufrieden. Die Gerüchte hatten sich bestätigt. Maximilian Gerber bezog ein Haus am Tallenberg. Der große Maximilian Gerber. Sein sagenhaftes Vermögen wird auf 100 Millionen Euro geschätzt. Er besitzt unzählige Anwesen auf der ganzen Welt, einen Fuhrpark mit mehr als 50 Luxuskarossen, einen Privatjet und eine Yacht mit Hubschrauberlandeplatz . Als eine der schillerndsten Figuren der Kunstszene war er so begehrt wie auch unnahbar. Seine Geschäfte ebenso undurchsichtich wie seine Persönlichkeit.
Stefan war so aufgeregt und ekstatisch, dass er seine Wut auf Marie vergaß. Nun kreisten seine Gedanken darum, wie er es anstellen sollte, auf die Party zu gelangen. Dass es eine geben würde, davon war Stefan überzeugt; es war allgemein bekannt, dass Maximilian Gerber eine Haus-Party schmiss, wenn er in eine neue Villa einzog. Und Gerbers Partys waren an Dekadenz und Pracht nicht zu überbieten. Hunderte Menschen würden sich in Gerber’s Prunkschloss versammeln und dort ein ausschweifendes Fest feiern, und ihren geschätzten Gastgeber hochleben lassen. Stefan konnte sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen. Stefan schätzte Freistadt und seine Universität. Doch fanden dort immer die gleichen öden Veranstaltungen statt, mit immer denselben Gesichtern. Stefan war viel unterwegs; New York, London, Shanghai, ... um seinen Tätigkeitsbereich zu erweitern. Auf der Suche nach Neuem. Nach neuen Begegnungen, nach Spaß und Erfolg.
Gerbers Fest am Tallenberg würde alles in den Schatten stellen. Stefan war ganz besessen davon.
Als Stefan am nächsten Morgen aufwachte, öffnete er die Augen einen Spalt. Im Gegenlicht der Fensterfront seines Schlafzimmers sah er Marie‘s Silhuette. Sie war bereits halb angezogen. Er blieb liegen, bis sie seine Wohnung verlassen hatte.
Stefan nahm eine kalte Dusche, rasierte und kämmte sich, zog einen frischen Anzug an und machte sich bereit zu gehen. An der Garderobe warf er noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Dann nahm er seinen schwarzen Aktenkoffer und rief den Aufzug, der ihn direkt von seiner Wohnung ins Ergeschoss des Altbaus brachte.
Er frühstückte bei Giotto, einem kleinen, italienischen Café, nicht weit von seiner Wohnung. Es war ein unscheinbares Lokal. Stefan mochte es, denn man hatte dort seine Ruhe. Der Campus war zwar nicht weit entfernt, die meisten Studenten bevorzugten jedoch die direkt dort gelegenen Lokale.
Alf Giotto, ein kleiner, braun gebrannter Mann mit faltigem Gesicht und grauschwarzen Haaren, stellte ihm einen Espresso an seinen Fensterplatz. Stefan holte sein Tablet heraus und sah seinen Maileingang und die Wirtschaftsnachrichten durch. Wenige Minuten später kam sein Omelette und sein frisch gepresster Orangensaft. Er brauchte nicht zu bestellen. Diese Warterei war ihm irgendwann so auf die Nerven gegangen, dass er mit Alf Giotto vereinbarte, ihm sein Frühstück unaufgefordert zu bringen. Am Ende des Monats bekam Stefan eine Abrechnung an den Tisch und er bezahlte.
Durchs Fenster sah Stefan drei Betrunkene auf der Straße umherwanken. Es waren drei Studenten, die er aus einem Tutorium kannte, das er vor ein paar Wochen gehalten hatte. Sie hatten das Studium zeitgleich mit Stefan begonnen, doch durch ständiges Feiern und ihrem Mangel an Ehrgeiz waren sie weit zurückgefallen. Würden ihre Eltern nicht fleissig in die Universitätsstiftung einzahlen, hätten sie diese Versager längst rausgeworfen, dachte Stefan.
Die drei lungerten an einer Bushaltestelle herum. Einer lag auf einer Bank und schien zu schlafen. Stefan beobachtete sie mit tiefer Verachtung. Wie diese Idioten das Geld ihrer Väter zum Fenster rauswarfen...Wohnen in teuren Miethäusern direkt am Campus... machen jede Nacht Party, anstatt sich um ihr Studium zu kümmern...
Stefan versuchte sich wieder auf das Tablet zu konzentrieren, doch die Partywütigen veranstalteten einen Höllenlärm. Und als wäre das nicht schlimm genug, hatte einer der drei Stefan durch das Fenster erkannt und zeigte auf ihn. Sie weckten ihren Kumpel auf der Bank und kamen über die Straße ins Lokal. Alf Giotto stand mit einem verschlagenen Grinsen hinter dem Tresen. Zwei der Betrunkenen setzten ließen sich auf die Barhocker fallen und bestellten Bier. Der Dritte aber kam zu Stefan an den Tisch. Ein penetranter Mief von Rauch und Alkohol umgab ihn. Sein schwarzer Anzug mit Kravatte und weißem Hemd hatte im Laufe der Nacht einiges abbekommen. Seine Gelfrisur aber hatte sich erstaunlich gut gehalten. »Hey, haste eine Zigarette für mich..?«, sagte der drahtige Bursche lallend. »Ich rauche nicht« Stefan versuchte, den Gestank zu ignorieren. Er sah den Betrunkenen kaum an. Da setzte der sich ihm gegenüber.
»Haben die ein gutes Omelette hier..?«
Seine geröteten Augen starrten auf Stefans Teller.
»Es ist nicht schlecht. Aber wirklich gut ist es gegenüber. Bei Gerri.«
Stefan aß in Ruhe weiter und würdigte sein Gegenüber keines Blickes. Der trommelte auf die Tischplatte. »Du willst uns nicht hierhaben, verstehe...« - Seine dünne Stimme wurde plötzlich kräftig und stark. »Warum; was haben wir getan..?
»Ich will nur in Ruhe frühstücken«, sagte Stefan. »Und ich hätte das gerne ohne den Gestank von Kotze getan.«
»Was machst du da, Hari..?« rief einer seiner Freunde an der Bar. »Komm und trink mit uns.«
Hari wandte seinen Blick nicht von Stefan ab. Als dessen Teller leer war, schob er ihn von sich weg, trank seinen Orangensaft aus und packte seine Sachen in die Tasche. Während er das Lokal verließ, sah er niemanden an. Er war ein paar Meter auf dem Gehsteig gegangen, da sprang Giotto‘s Tür auf. »Hey, was soll das? – Warum beleidigst du mich..?.«
Hari war auf 180. Mit hastigem Schritt stieg er Stefan nach.
»Weil du mich nervst. Und jetzt hau ab, bevor ich die Geduld verliere...!.«
Als Stefan merkte, dass Hari ihm weiter hinterher lief, legte er seine Aktentasche nieder. Er drehte sich um und ließ den groß gewachsenen Burschen an sich heran. Eine widerwärtige Mischung von Schweiß, Bier und Tabak stieg Stefan in die Nase. Die Straße war leer. Bevor Hari ihn packen konnte, schlug Stefan ihn ins Gesicht. Der Betrunkene knickte ein. Bevor er ganz zu Boden sackte, packte Stefan seinen schlaffen Körper und stieß ihn in die Seitengasse nach Alf Giotto‘s Café. Hari wand sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem staubigen Betonboden. Stefan sah auf ihn herab »Du Stück Scheiße widerst mich an.«
Er nahm seine Aktentasche und ging pfeifend weiter.
Am Nachmittag saß Stefan auf der Dachterasse der Mensa. Man hatte von dort einen wunderbaren Blick über den Campus. Im Vergleich mit anderen Universitäten war jene in Freistadt klein und der Campus überschaubar. Die privaten Institute für Wirtschaft, internationales Recht und Management genossen jedoch einen hervorragenden Ruf, auch weit über die Landesgrenzen hinaus. Um einen Studienplatz in Freistadt zu bekommen, musste man einen makellosen Abschluss vorweisen können und sich einem umfangreichen Bewerbungsverfahren stellen. Der Andrang war riesig und um das hohe Niveau zu halten, wurden nur die Besten aufgenommen.
Die Sonne war kräftig, der Mai war heiß. Während er sich auf die Datenblätter eines Anlageplans auf dem Bildschirm seines Laptops zu konzentrieren versuchte, glitten seine Gedanken immer wieder zu Maximilian Gerber ab. Gerade war es ihm gelungen, sich wieder in seine Arbeit zu vertiefen, da setzte sich Ralph Meissner auf den Platz ihm gegenüber. Der schlaksige junge Mann mit Lockenkopf knallte seinen Kaffeebecher auf den Tisch. Stefan tat so, als hätte er ihn nicht bemerkt. »Sagt dir der Name Harald Peiler was..?«, fragte er und Stefan sah vom Bildschirm auf. »Wer?«
Ralph kniff seine kleinen Augen noch weiter zusammen.
»Heute Morgen, so gegen acht, ging ich die Felberstraße entlang. Du kennst doch dieses italienische Café dort..«
»Giotto’s. Ich frühstücke immer dort« sagte Stefan.
Ralph kippte ein Päckchen Zucker in seinen Kaffee.
»Ich war sogar heute dort«, sagte Stefan.
Ralph wurde unruhig. »Ich habe Harald Peiler in einer Seitengasse gefunden. Er lag auf den Boden, halb bewusstlos.«
Stefan lehnte sich gelassen zurück.
»Er wird hingefallen sein – stockbesoffen wie er war.«
»Er hatte ein blaues Auge und seine Nase war gebrochen«, sagte Ralph.
»Worauf willst du hinaus..?« - Stefan hob den Kopf und sah Ralph gelangweilt an.
»Ich habe dich gesehen, Stefan«, sagte Ralph mit dünner Stimme.
Stefan schnaubte verächtlich. Er wandte sich wieder seinem Laptop zu.
»Das ist Körperverletzung!« sagte Ralph mit zitternder Stimme.
»Seltsam. Ich hab dich gar nicht gesehen dort«, sagte Stefan.
Ralph schüttelte entrüstet den Kopf.
»Er hat mich angegriffen, was sollte ich machen..?!«
»Hari trinkt schon mal einen über den Durst. Aber er ist ein friedlicher Typ...«
»Er ist ein Versager, sonst gar nichts..!«
»Psychopath..!« - Ralph’s Stimme überschlug sich. »Es gab Zeiten, da habe ich dich bewundert.«
»Du nervst mich schon seit damals. Hast du endlich erkannt, dass ich nicht der bin, für den du mich hältst.«
Stefan mochte Ralph nicht, seitdem er ihn das erste Mal sah, da waren sie noch Kinder. Im Laufe der Jahre entwickelte sich diese Abneigung in Gleichgültigkeit. Ralph, der ein gutmütiger Mensch war, ärgerte sich, mit welcher Brutalität und Kaltschnäuzigkeit Stefan sein Umfeld behandelte.
Ralph wollte gerade etwa darauf sagen, da bemerkte er jemanden am Selbstbedienungsthresen und hob kurz die Hand. Ein nervöses Lächeln zuckte über sein wütendes Gesicht.
»Was will ein Mädchen wie Anna mit einer Flasche wie dir?«, sagte Stefan ohne sich umzudrehen. Ralph sah ihn fragend an.
»Du hättest deinen dämlichen Gesichtsausdruck sehen sollen«, sagte Stefan. »Zugegeben, Anna sieht nicht schlecht aus und hat auch was im Kopf.
Was mich wieder zu meiner Frage bringt: was will sie mit dir..?«
Stefan grinste Ralph herausfordernd an. Doch Ralph schüttelte nur den Kopf und zog ab.
Mit Genugtuung sah Stefan Ralph nach. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Er hatte diesen Schlappschwanz noch nie leiden können. Diesen Schwächling.
Immer wieder hielt Stefan seiner Mutter vor, dass sie ihm das eingebrockt hatte.
Als Kind konnte Stefan mit Gleichaltrigen nichts anfangen. Ihr kindischer Spieltrieb und ihr ständiger Drang nach Aufmerksamkeit teilte er nicht im geringsten. Stefan war ein stilles Kind, das sich am liebsten mit sich selbst beschäftigte. Er war immer schon ein Einzelgänger, der sich stundenlang in seinen Büchern vergrub. Am wohlsten fühlte er sich, wenn sein Vater währenddessen im Nebenraum seinen Geschäften nachging. Die Tür war meist offen, sodass er seinen Vater hörten konnte, wenn er telefonierte.
Seine Mutter war es, die ständig darum bemüht war, Spielkameraden für Stefan zu finden – gegen den Willen des Jungen. Ein Geschätspartner und guter Freund von Stefan’s Vater war Heinrich Meissner. Ihm gehörte eine kleine Forsthütte im Falkenstein Nationalpark. Diese ursprüngliche Naturlandschaft voll dicht bewaldeter Steilhänge, die durchzogen waren von tiefen Schluchten und Wasserfällen lag eine knappe Stunde von Freistdt entfernt und war ein beliebtes Ausflugsziel. Stefan’s Vater Roman Zauner war ein begeisterter Wanderer und liebte die Natur. Er kam gerne an den Wochenden in den Nationalpark und wanderte auf einem der vielen Wege entlang des Welz-Flusses, der sich seinen Weg durch die gewaltigen Gesteinsmassive bahnte. Als er beim Essen eines Tages erzählte, dass Heinrich Meissner einen Sohn in Stefan’s Alter hatte, war dessen Mutter sofort begeistert. Sie drängte darauf, dass die Geschäftspartner die beiden – damals 10-jährigen - Burschen das nächste Mal mitnehmen in den Nationalpark.
Es war ein sonniger Tag im Herbst, als sich die beiden Männer mit ihren Söhnen aufmachten vom Parkplatz am Fuße der Schlucht. Stefan konnte Meissner’s Sohn Ralph von Beginn an nicht ausstehen. Seine quirrlige Art und sein ständiges Geplapper über die Waldhütte seines Vaters gingen Stefan auf die Nerven. Die beiden Väter gingen vorne und tauschten sich über ihre Arbeit aus, dann plauderten sie über die Zeit ihrer Kindheit, wie sie unbeschwert die Wälder erkundeten.
Stefan stapfte hintendrein, während Ralph um ihn herum tollte wie ein verspielter Welpe, der das erste Mal Ausgang hatte. Überdreht hüpfte er herum und lag Stefan mit seiner sägenden Stimme in den Ohren. Stefan sprach kaum etwas und sah Ralph auch nicht an – in der Hoffnung, dass der Quälgeist irgendwann merkten würde, dass Stefan sich nicht für ihn, noch für den Wald oder diese Scheiß-Forsthütte interessierte. Doch Ralph schien das nicht aufzufallen. In einem endlosen Schwall plapperte er ohne Unterlass. Als sie die Hütte erreichten, die auf einer Anhöhe im Wald an einem kleinen Bach lag, machten sich die beiden Männer daran, Holz für die Feuerstelle vor der Hütte zu sammeln. Erst als die Sonne hinter den schroffen Felsen der Schlucht verschwand, wurde Stefan klar, dass sie in der Hütte übernachten würden. Der Rückweg wäre zu gefährlich in der Dunkelheit.
