Am Grab meiner Liebe: Kriminalroman - Horst Bieber - E-Book

Am Grab meiner Liebe: Kriminalroman E-Book

Horst Bieber

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Der Umfang dieses Ebook entspricht 276 Taschenbuchseiten. Die Studentin Sabine Welter, 25 Jahre alt, möchte endlich mehr über ihren leiblichen Vater Gerhard Welter erfahren, der schon vor ihrem ersten Geburtstag ermordet worden ist. Weil sie etwas Geld geerbt hat, engagiert sie den Privatdetektiv Rolf Kramer, nach noch lebenden Bekannten und Freunden ihres Vaters zu suchen. Kramer fällt es nicht schwer, Sabines Auftrag zu erfüllen und danach interessiert er sich für eine ungeklärte Frage: Wer hat Gerhard Welter ermordet und warum? Nicht allen gefällt sein Eifer, einen 25 Jahre zurückliegenden Mordfall aufzuklären. Oder warum sonst versuchen Unbekannte, sein Auto in einen Abgrund zu stürzen; warum wird auf ihn geschossen? Stück für Stück nähert Kramer sich der Lösung aller noch offenen Fragen – und wenn er nicht aufpasst, schaufelt er sich damit sein eigenes Grab!

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Seitenzahl: 287

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Horst Bieber

Am Grab meiner Liebe: Kriminalroman

Cassiopeiapress Thriller Spannung/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

AM GRAB MEINER LIEBE

Krimi von Horst Bieber

 

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Horst Bieber und Edition Bärenklau, 2015

Cover © by Andrey Kiselev/123RF, 2015

Layout by Steve Mayer

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 276 Taschenbuchseiten.

 

Die Studentin Sabine Welter, 25 Jahre alt, möchte endlich mehr über ihren leiblichen Vater Gerhard Welter erfahren, der schon vor ihrem ersten Geburtstag ermordet worden ist. Weil sie etwas Geld geerbt hat, engagiert sie den Privatdetektiv Rolf Kramer, nach noch lebenden Bekannten und Freunden ihres Vaters zu suchen.

Kramer fällt es nicht schwer, Sabines Auftrag zu erfüllen und danach interessiert er sich für eine ungeklärte Frage: Wer hat Gerhard Welter ermordet und warum?

Nicht allen gefällt sein Eifer, einen 25 Jahre zurückliegenden Mordfall aufzuklären. Oder warum sonst versuchen Unbekannte, sein Auto in einen Abgrund zu stürzen; warum wird auf ihn geschossen? Stück für Stück nähert Kramer sich der Lösung aller noch offenen Fragen – und wenn er nicht aufpasst, schaufelt er sich damit sein eigenes Grab!

 

 

Personen

Sabine Welter (25) - Studentin, möchte ihren Vater kennenlernen

Katinka Erbach (56) - Sabines Mutter, geborene Lachner, in zweiter Ehe verheirateter mit Falko Erbach

Gerhard Welter - Sabines ermordeter Vater, wäre heute 57 Jahre alt.

Falko Erbach (57) - Sabines Stiefvater

Petra Fuhrknecht (48) - war mit Gerhard Welter

liiert.

Martin Ammert (30) - Sabines momentaner Freund

Inge Ammert (33) - Steuerberaterin, Martins

Schwester

Steffanie Zoller (50) - frühere Pressefotografin

Olivia Sterzel (28) - Steffanies Nichte und Patenkind

Edda Maaß (52) - leicht verblühte Schönheit, arbeitet bei der Tellheimer Stadtreinigung.

Willi Scholz (55) - hat eine Führungsposition in der PSMOK (Papier- und Sägemühle Oberkoltern), die früher der Familie Welter gehörte

Leonie Röper (23) - Tochter von Sabines verstorbener Patentante Charlotte Röper

Irene Scholz (50) - Willis unverheiratete Schwester

Julius Scholz (29) - Irenes Sohn, Fotograf am Tellheimer Museum für Vor- und Frühgeschichte.

Herbert Kotowski (57) - kennt sich in einigen Knästen aus, war als Schüler und Lehrling schwer in Petra Fuhrknecht verschossen.

Gesa Tollier (60) - Rechtsanwältin, hat sich in Dortmund bei ihrer Tochter zur Ruhe gesetzt

Irina Melring eine in Mombasa aufgewachsene Blondine.

1.

Nach der langen Auseinandersetzung mit ihrer Mutter hatte Sabine schlecht geschlafen, wüst geträumt und war von den Schreckensbildern mehrmals aus dem Schlaf gerissen worden. Es war eine neue, beunruhigende Erfahrung für sie, bis jetzt hatte sie immer wie ein Murmeltier geschlafen, auch vor wichtigen Prüfungen oder spannenden Feiern oder langen Reisen. Auch unter der Dusche wurde sie nicht richtig wach und gähnte, dass die Mundwinkel schmerzten.

Mutter hatte schon den Tisch gedeckt und betrachtete sie mitleidig.

"Guten Morgen, Bine. Du hast schlecht geschlafen?"

"Guten Morgen, Katinka. Ja, habe ich, sehr schlecht sogar."

Weil sie ihren Stiefvater nicht mit "Vater" anreden wollte, benutzte seit vielen Jahren die Vornamen ihrer Eltern: Falko und Katharina, was alle Welt zu "Katinka" verkürzte.

"Hast du schon gefrühstückt?"

"Ja, mit ihm. Falko wollte nach Hannover zu einer Auktion. Und was machst du heute?" Falko Erbach war, was man früher einen "Rentier" nannte, er hatte die meisten Anteile an seiner Firma verkauft, das Geld gut angelegt und verdiente heute noch sehr ordentlich an der Börse mit Geschäften und Transaktionen, die Sabine nicht recht durchschaute. Aber weil ihr Verhältnis zu Falko ausgesprochen gespannt war, hatte sie sich nie nach Einzelheiten erkundigt. Katinka wusste auch nichts, für sie war alles, was Falko tat, unbezweifelbar richtig und gut. So hatte sie auch noch nie Falkos Liebhaberei getadelt, seine Sammelleidenschaft. Er gab sehr viel Geld aus für Medaillen aller Art aus dem deutschsprachigen Raum.

Mutter und Tochter vermieden es, über den Stiefvater respektive zweiten Ehemann Falko Erbach zu sprechen. Sabine wusste, dass ihre Mutter immer noch blind in Falko verliebt war, obwohl sie - die Stieftochter - inzwischen den Verdacht hatte, dass sich Falko mit mehr als einer Freundin vergnügte. Aber das war erst recht ein Thema, das sie nicht anschneiden durfte. Mutters letzte Frage hatte eindeutig klargestellt, dass sie auch heute Morgen nicht über Ehemann Falko sprechen wollte.

"Heute muss ich im Institut noch einen Lauf ansetzen, mit dem letzten muss was schief gegangen sein. Und vor Mittag möchte ich einmal bei Claudia vorbeischauen."

"Treffen wir uns zum Essen in der Stadt?" Katinka ging gerne shoppen, anders als ihre Tochter Sabine.

"Nicht böse sein, aber ich möchte lieber nicht, die neuen Jeans kneifen schon. Und beim Üben merke ich, dass der Gürtel verflixt stramm sitzt."

"Der Gürtel heißt nicht zufällig Martin mit Vornamen?"

Sabine wusste, dass ihre Mutter unerschütterlich glaubte, die Tochter würde mit ihrem Freund Martin Ammert bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Bett hüpfen. In Wahrheit konnte Sabine bis jetzt ihre sexuellen Begegnungen an den Fingern ihrer Hände abzählen, und für die Male, bei denen es ihr Vergnügen bereitet hatte, genügte sogar eine Hand. Aber Katinka, in ihrer Jugend ein ausgesprochen hübscher und ein, wie sie selber rühmte, sehr aktiver "Feger", beileibe also keine Kostverächterin, konnte sich solche Zurückhaltung schwer vorstellen. Sabine hatte sich schon gefragt, warum sich die Mutter nicht auch einen Liebhaber zulegte, aber das war ein Thema, das die Tochter mit ihrer Mutter ebenfalls nicht bereden konnte.

"Nein, heißt er nicht. Und der Mann, der mir die Einsicht von zu stramm sitzenden Gürteln beschert hat, heißt Franz Anton Rössler."

"Wer ist denn das?", erkundigte sich Katinka Erbach harmlos.

"Ein schon vor langer Zeit verstorbener Mann, der sich als Komponist Antonio Rosetti genannt hat."

"Immer noch das G-Dur-Konzert?"

"Immer noch."

"Tante Charlotte wäre stolz auf dich." Charlotte Röper, eine bekannte und erfolgreiche Harfenistin, war vor fünf Jahren gestorben und hatte ihrer Tochter Leonie und ihrem Patenkind Sabine Welter einiges Geld hinterlassen, allerdings mit der Auflage, dass beide Mädchen darüber erst nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder nach einem fertigen Studium mit Examen oder nach ihrem 25. Geburtstag frei verfügen könnten. Ihren 25. Geburtstag hatte Sabine vor drei Wochen gefeiert und überlegte seitdem immer häufiger, das Haus Leopoldstraße 29 zu verlassen, was, wie sie genau wusste, ihre Mutter sehr betrüben und ihren Stiefvater herzlich erfreuen würde.

Das Grab ihres Vaters auf dem Tellheimer Westfriedhof in Mingenbach besuchte Sabine häufiger erst, seit auch ihr Uni-Institut wegen des Platzmangels aus der Innenstadt an den Stadtrand verlegt worden war. Zum Westfriedhof musste sie nur einen kleinen Umweg fahren; die Blumen kaufte sie in einer Gärtnerei direkt neben dem Haupteingang. Katinka ging selten, Falko nie auf den Friedhof, und aus einem unklaren Gefühl heraus verschwieg Sabine daheim, dass sie fast jede Woche einmal nach dem Grab schaute. Das ging, wie sie fand, niemanden etwas an. Gepflegt wurde es von einer Friedhofsgärtnerei, es sah immer ordentlich aus, aber ohne frische Blumen wirkte es irgendwie vergessen. Auf dem schlichten grauen Stein stand nur "Gerhard Welter. 1954 - 1985".

Mittlerweile war Sabine aufgefallen, dass sie nicht der einzige Mensch war, der noch an Gerhard Welter dachte. Mehrmals hatte sie auf dem Grab frische Blumen in einer Steckvase vorgefunden, und wenn sie mal längere Zeit nicht auf den Westfriedhof kam, hatte die unbekannt Person Sabines verwelkte Blumen fortgeworfen oder halb verdurstete Sträucher und Stauden gegossen. Sabine Welter hatte keine Ahnung, wer das sein mochte, hatte daheim auch über den unbekannten Besucher keine Silbe verloren.

Heute schien sich das Rätsel lösen zu sollen; als sie von dem Hauptweg in den schmalen Weg einbog, der an den Gräbern vorbeiführte, stand eine Frau, die sich an Welters Grab zu schaffen gemacht hatte, schnell auf und lief eilig fort, ohne auf Sabine zu warten, wobei sie - zufällig oder sorgfältig? - darauf achtete, ihr Gesicht nicht zu zeigen. Für eine Frau war sie recht groß, schlank und beweglich; auffällig war ihre Frisur - sie hatte ihre glatten blonden Haare in einem festen Knoten zusammengefasst. Jetzt entfernte sie sich so energisch, dass Sabine ihr nicht zurufen wollte, doch zu warten - es war zu offensichtlich, dass die Blondine nicht mit Sabine zusammentreffen wollte. Sabine schätzte sie nach der Art ihrer Bewegung auf vierzig bis fünfzig, eine aktive Frau mit einer Figur, um die sie auch jüngere beneiden konnten. Sie würde ihre Gründe haben, nicht mit einem Mitglied der Familie Welter zusammenzutreffen. Obwohl - etwas verwunderlich war es schon. Sabine hätte darauf geschworen, dass sie diese Blondine noch nie gesehen hatte, weder auf einem Foto noch auf einem Familientreffen. Überhaupt kannte sie keine Frau, die solche engen, hellen Hosenanzüge trug, ein Kleidungsstück, das sie sich leisten konnte, und das ihr gut stand. Versonnen schaute sie der Blondine nach und überlegte, ob sie ihr zum Ausgang nachlaufen sollte. Dann fiel ihr Blick auf die Blumen, die sie gekauft hatte und die ins Wasser mussten. Hinter dem Grabstein lag eine zweite Steckvase, jetzt staubtrocken. Sie drückte sie in die Erde und holte anschließend die Gießkanne, die auch hinter dem Stein lag, oft auch von den Nachbarn benutzt, aber immer wieder zurückgelegt wurde.

Als sie zur Wasserstelle am Hauptweg ging, sah sie die Blondine noch einmal, die jetzt zügig auf den Hauptausgang zulief. Sabine blieb einen Moment stehen, gerade lang genug, um den kräftigen, dunkelhaarigen Mann zu bemerken, der hinter einer meterhohen Engelsfigur hervorkam und der Blondinen zu folgen schien. Die drehte sich nicht um, und Sabine ging mit der Kanne zum Grab zurück, füllte Wasser in die Vase mit ihren Blumen, goss den Rest über den ewig durstigen Kirschlorbeer und ging langsam zum Ausgang. Der dunkelhaarige Mann und die Blondine waren verschwunden.

Bis zur Wielandstraße fuhr sie noch gut zehn Minuten. Die Straße lag im sogenannten Quellenviertel, in dem es viel Wald, mehrere zum Rodeln geeignete Hügel, tatsächlich auch einige Quellen und einen sehr schönen Park gab, in dem auch Freundin Claudia bald wohl ihren Sprössling spazieren fahren würde. Die Bänke waren Informationsbörsen für junge und werdende Mütter, Hilfsstationen bei fehlenden Windeln und Freiluftschulen für Schwangere oder solche, die vor kurzem ihr Kind zur Welt gebracht hatten. Männer waren in diesen Kreisen nicht sehr gerne gesehen, aber jede Frau, die ersichtlich schwanger oder junge Mutter war, durfte auf einen freundlichen Empfang rechnen.

Um das Haus Wielandstraße Nummer 33 konnte man Claudia und Lars Urban beneiden. Claudias Patenonkel Walther Lytgang hatte es dem jungen Paar zur Hochzeit geschenkt; Umbau und Renovierung musste Urban selbst bezahlen. Was ihm nicht schwer fiel, er war in eine glänzend laufende Anwalts-Kanzlei eingetreten, und würde dort bald Partner werden. Sabine hatte das Haus vor dem Umbau besichtigt und war begeistert, als sie es danach noch einmal sah. Groß, luftig und hell, für drei Personen fast zu viel Platz. Im Moment lebte noch bis zur Geburt Schwägerin Marlene Urban im Haus.

Claudia freute sich aufrichtig, ihre alte Freundin zu sehen.

"Komm rein, ich muss mich nur setzen, der Kerl trainiert schon wieder."

"Welcher Kerl?"

Claudia deutete auf ihren Bauch. "Es gibt doch solche Ironmen. Die hintereinander weg weit schwimmen, Marathon laufen und dann noch meilenweit Rad fahren."

Sabine nickte.

"Also, er will eines Tages an so einem Wettbewerb teilnehmen. Und dafür trainiert er jetzt schon in meinem Bauch, ich kann dir flüstern, ich würde ihm manchmal gerne den Mietvertrag kündigen."

"Wann läuft der denn regulär aus?"

"In knapp einem Monat. Aber komm, setzt dich. Was hast du auf dem Herzen?"

"Du weißt doch, dass ich seit meinem Geburtstag über mein Erbe von Tante Charlotte verfügen kann. Und jetzt überlege ich ernsthaft, mir eine eigene Wohnung zu suchen und einen Fachmann auf die Lebensgeschichte meines Vaters anzusetzen."

Claudia kannte die Geschichte. Die Mädchen hatten sich vor rund zehn Jahren in einem Tennisclub kennengelernt und feste Freundschaft geschlossen, als Claudia auf das Gymnasium wechselte, das Sabine schon besuchte. Wozu auch gehörte, dass man nach einer gewissen Zeit seine Träume und Wünsche, Sorgen und Probleme erzählte. Beide Mädchen hatten Stiefväter, mit denen sie nicht gut auskamen. Claudias leiblicher Vater war bei einem Werksunfall ums Leben gekommen, Sabines Vater war von einem oder einer Unbekannten ermordet worden, als sie noch kein Jahr alt war.

"So, du hast mir doch mal erzählt, dass du einen Privatdetektiv engagiert hast, als es Ärger mit Lars gab."

"Ich besorge nur eben Kaffee für dich und Saft für mich. Dann kann ich in Ruhe alles erzählen."

Sie hatten sich immer viel zu erzählen. Die Geschichte von Claudias Entführung war wirklich kurios. Maskierte Männer hatte sie in ihrer Wohnung überfallen und verschleppt und nach einer Woche freigelassen. Niemand - weder Stiefvater noch Patenonkel Walther noch Freund Lars hatte eine Lösegeldforderung erhalten, niemand hatte gezahlt und trotzdem war sie unversehrt freigekommen. Kein Wunder, dass Freund Lars an einen Entführung nicht glauben wollte, sondern hartnäckig dabei blieb, Nachbarin Claudia sei mit einem neuen Freund durch die Landschaft gezogen und hätte mit ihm Hotelbetten getestet. Claudia hatte schließlich einen Privatdetektiv engagiert und mit seiner Hilfe ihre Geschichte beweisen können. Sie schwärmte regelrecht von diesem Rolf Kramer und hatte darauf bestanden, dass er Trauzeuge wurde. Immerhin gab sie zu, als Sabine nachfragte, dass sie Kramers Rechnung nicht gesehen hatte, die zahlte Patenonkel Walther, den plagte nämlich sein schlechtes Gewissen, weil er seiner Claudia auch nicht geglaubt hatte. Onkel Walther besaß allerdings Geld wie Heu und zahlte Summen aus der Westentasche, für die sich andere monatelang abstrampeln mussten.

Nach einer Stunde brach Sabine auf. Sie hatte einen Namen, eine Adresse und die Telefonnummer eines Mannes bekommen, den Claudia in den höchsten Tönen lobte; aber sie hatte auch Bedenken: So üppige Zinsen warfen Tante Charlottes Erbe und die angelegte Lebensversicherung ihres Vaters nun auch nicht ab, und ihr Honorar für die Mitarbeit am "Projekt Bantu" war nicht der Rede wert.

"Ist was passiert? Oder warum kommst du jetzt mit deiner Vatersuche?"

"Gestern Abend hat es Krach gegeben. Beim Abendbrot habe ich ganz harmlos gefragt, was eigentlich aus Vaters Boot geworden sei? Falko ist regelrecht an die Decke gegangen, als hätte ich ihn mit dem Bratenspieß attackiert. Wenn diese dumme Fragerei und das nervige Gequatsche über Gerd nicht sofort aufhöre, würde er aus dem Haus gehen. Er sei es leid und wolle den Namen Gerd Welter nicht mehr hören."

"Du hast natürlich zurückgebrüllt."

"Na klar doch. Der spinnt doch. Stell' dir vor, der weigert sich rundweg, mir was über meinen Vater zu erzählen, obwohl Falko mit Gerd schon in der Sandkiste gespielt, mit ihm in die Volksschule und später aufs Gymnasium gegangen ist. Sie haben sogar ein paar Semester in Aachen zusammen studiert und Vater hat ihn in die Weltersche Firma geholt. Warum er jetzt so tut, als habe er Vater kaum gekannt oder wolle nicht an ihn erinnert werden, verstehe ich nicht."

Sabine wollte nicht erzählen, dass Falko wutentbrannt aus dem Esszimmer gestürmt war und Katinka ihrer Tochter schwere Vorwürfe gemacht hatte, sie lege es offenbar darauf an, den Stiefvater aus dem Haus zu graulen. Sabine wehrte sich gegen die falschen Anwürfe, der Streit dauerte bis tief in die Nacht und wurde dramatisch, als die Haustür knallte und Sabine fast wider Willen bemerkte: "Da geht er hin und sucht bestimmt Trost bei einer Freundin."

Es hatte nicht viel gefehlt und Katinka hätte ihre Tochter geohrfeigt.

Claudie meinte gegen Ende fast nebenbei: "Bine, das musst du jetzt selbst in die Hand nehmen."

Vom Kekulé-Platz, an dem die neu eingerichteten Institute lagen, bis zur zentralen Mensa am Nordeingang des Herzogenparks war es zu weit zu laufen; die Parkplätze am Park waren fast immer besetzt. Und in der Mensa der Uni-Kliniken waren sie nicht geduldet. Deshalb bevorzugten die meisten Institutsmitarbeiter und viele Studenten Pablos Snackbar gegenüber dem Institut für Anthropologie und Humangenetik. Sabine frühstückte hier oft, weil sie morgens ihrem Stiefvater Falko nicht begegnen wollte. Auf nüchternen Magen war er besonders schwer zu ertragen.

Die Vorlesungen hatten noch nicht wieder begonnen, aber es gab viele, vor allem ältere Semester, die in den Ferien am Ort blieben und rund um den Kekulé-Platz arbeiteten, entweder für sich und ihre Diplomarbeiten und Dissertationen oder um Geld zu verdienen. Sabine hätte auch durchgearbeitet, aber Ende August war ihr Institut für drei Wochen geschlossen worden, weil die alte EDV-Verkabelung herausgerissen und durch eine moderne Glasfaser-Sternverkabelung ersetzt worden war. Der neue Rektor und der Dekan verstanden es, Geld und Drittmittel einzuwerben. Auch Sabine profitierte davon.

Das Humangenetische Institut hatte sich schon immer etwas dazu verdient durch vom Gericht angeordnete Vaterschafts-Untersuchungen, was manchmal wegen der Ergebnisse ganz erheiternd, aber gemessen an den Einnahmen sehr bescheiden war. Berühmt im Institut war die Geschichte von der süßen Susi, die eines Tages mit Kind und einem Mann im Institut erschien und einen genetischen Beweis dafür haben wollte, dass der Mann in ihrer Begleitung der Vater ihres Kindes sei und folglich Alimente zahlen müsse. Der Mann leugnete die Vaterschaft, war aber mit einer DNA-Analyse einverstanden, zahlt sogar freiwillig im Voraus die Rechnung. Er war nicht der Vater. Susi, schwer geknickt, zog ab und erschien gut eine Woche später mit einem zweiten Mann: Ganz sicher, das ist der Vater. Er war es nicht. Auch der dritte war es nicht, und Lorenz, damals der einzige Assistent und ein großer Spötter, bemerkte treffend: "Mir fällt auf, dass der erste Kandidat offensichtlich mehr Geld besaß als der zweite und der zweite wiederum mehr als der dritte." Auch Nummer vier, augenscheinlich etwas weniger betucht als Nummer drei, war es nicht und im Institut bekam man langsam Mitleid mit Susi und mehr noch mit ihrem Sohn. Lorenz halbierte eigenmächtig die Gebühr für eine Analyse. Nummer fünf und sechs schieden auch aus, aber mit Nummer sieben traf Susi ins Schwarze. Er war es, ein Klassenkamerad Susis und ein armer Schlucker, noch in der Ausbildung. Aber immerhin freute er sich über seinen Sohn. Lorenz, der Gutmensch des Instituts, ging mit einer Sammelbüchse herum. Es reichte für einen neuen Buggy und einen Satz Babykleidung.

Mit der neuen, zweiten Assistentin Irina Melring, einer auffällig attraktiven Blondine, vertrug Lorenz sich nicht gut. Er traute ihr nicht, konnte aber keinen Grund für seine Abneigung nennen. Irina betreute das "Projekt Bantu".

Gestern hatte Sabine am Nachmittag noch aus destilliertem Wasser, Aga-Aga und Komplexbildnern ein neues Gel gekocht, an den Topf ein elektronisches Thermometer gehängt und war in den früheren Aufenthaltsraum gegangen, der zu einer Art Spielzimmer für Sophie umfunktioniert war. Sophie war die Tochter ihrer MTA Katrin Loose, die als alleinerziehende Mutter froh war, ihr Kind an den Arbeitsplatz mitbringen zu können. Es würde so schnell in Tellheim kein Kleinkind mehr geben, das so viele Onkel und Tanten zu Spielen und zur Versorgung hatte wie die zutrauliche und fröhliche Sophie. Als die Klingel loslegte, weil das Gel genügend abgekühlt war, hatte Sabine in ihrem Labor die Kartuschen mit den beiden senkrecht nebeneinander stehenden Glasplatten aufgebaut, die in der Mitte zwischen den Glasplatten einen winzigen Spalt offen ließen; das neu gekochte Gel dort so hineinzugießen, dass keine Blasen und Schlieren entstanden oder der Großteil draußen an den Glasplatten hinunterlief, wollte gelernt und geübt sein. Die Platten mit dem Gel-Füllung hatte sie über Nacht in einem Kühlschrank aufbewahrt; sobald sie das Vollblut ihrer Probanten nun so weit zentrifugiert hatte, dass sie das fast klare Serum abpipettieren und je nach gewünschtem Genkomplex mit Chemikalien versetzen konnte, brachte sie Serumtropfen so auf die Kartusche auf, dass sie von oben durch das Gel zwischen den beiden Glasplatten herablaufen konnten. Dazu wurden die Platten in einen Apparat eingestellt, der für eine vorher ausgewählte Zeit eine bestimmte Gleichspannung lieferte, dank derer die Genkomplexe mehr oder wenig weit "liefen" und dort "Bänder" ausbildeten, wo die Gleichspannung sie nicht weiter nach unten zog. Zum Schluss wurde eine Platte mit dem gebänderten Gel angefärbt, fixiert und fotografiert. Nicht benötigtes Blut und Serum wurde bei weit unter hundert Grad minus tiefgefroren aufbewahrt. Danach begann als vorerst letzter Schritt der Elektrophorese, der zeitraubende und mühsame Vergleich der Bändermuster mit den Vorlagen aus Büchern und Arbeitstafeln.

Ganz am Ende ihrer Laborarbeit würde Sabine ihren Freund Martin in Marsch setzen, weil aus den vielen Daten und dem riesigen Zahlenwust berechnet werden musste, wie nah denn die "Blutspender" miteinander verwandt waren und wie viele Spender zu einer Gruppe mit identischen Merkmalen zusammengefasst werden konnten. Theoretisch ließe sich das auch mit Rechenschieber und Logarithmentabelle ausrechnen, die dazu nötige Mathematik beherrschte sie, aber Sabine wollte lieber fertig werden, bevor sie wegen Überschreitung der Studiendauergrenze zwangsexmatrikuliert wurde. Wozu hatte man einen Beinahe-Informatiker an der Hand und gelegentlich im Bett, der auf Computer-Tastaturen so spielte, wie sie auf ihrer Querflöte?

Wozu ihre Arbeit genau diente, wusste Sabine nicht. Zwei Jahrgänge vor ihr hatte ein Examensjahrgang für eine Bevölkerungsgruppe, die in Simbabwe an der Grenze zu Sambia lebte, Mittelwerte für bestimmte Genkomplexe und Allelen gemessen und errechnet. Jetzt verglichen Sabine und zwei Kommilitonen, wie weit anonymisierte Blute aus Afrika diesen gefundenen Mittelwerten entsprachen, wie eng also diese "Blutspender" mit den Bewohnern an der Grenze Simbabwe/Sambia verwandt waren. Warum das jemanden so interessierte, dass er dafür große Summen bereitstellte, hatte man ihnen nicht erzählt, nur, dass sie an einer Großstudie über Völkerwanderungen und Abstammungen beziehungsweise Verwandtschaft schwarzafrikanischer Völkergruppen teilnahmen.

Irina hätte es ihnen sicher erklären können. Sie war die heimliche Leiterin des "Projekt Bantu", eine auffallende Blondine, die zwei Bantusprachen fließend beherrschte, weil sie in Mombasa aufgewachsen war. Dort leiteten ihre Eltern über viele Jahre ein Hotel. Sie hatte Afrikanistik, Ethnologie und Humangenetik studiert, an mehreren Ausgrabungskampagnen teilgenommen und zeichnete jetzt nicht de jure, aber de facto verantwortlich für die Untersuchung, an der auch Sabine beteiligt war. Aus ihrer "Heimat", wie sie Afrika nannte, hatte sie eine unverwüstliche Dauerbräune mitgebracht, zusammen mit den langen blonden Haaren, den blauen Augen und ihrer Marathonläufern-Figur war sie eine Frau, nach der sich alle Männer umdrehten. Irina wusste auf alle Fragen, die mit der Elektrophorese zusammenhingen, eine hilfreiche Antwort; sie war bei den Studenten allgemein beliebt, was ihr aber nicht zu Kopfe stieg. Dem zweiten Assistenten im Institut, Lorenz, ging sie aus dem Weg. Obwohl sie sich mit ihrem Aussehen so ziemlich jeden Mann an der Uni zum Freund hätte aussuchen können, war sie mit einem merkwürdigen Typen fest verbandelt, der mit etwa dreißig Jahren nur noch einen eisengrauen, dünnen Lockenkranz um eine spiegelblanke Glatze besaß, dünn, mager und hager war, nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen schien und irgendwie ärmlich und erbärmlich wirkte. Der Instituts-Flurfunk wollte wissen, dass Irina ihn in Afrika auf einer Ausgrabung am Turkansee getroffen hatte.

Lorenz hatte sich mal länger mit ihm unterhalten und meinte, es stimme halt, Gegensätze zögen sich an, und so komisch er aussehe, er sei doch ein sehr ordentlicher und anständiger Kerl- Attribute, die Lorenz Irina nie zuerkennen würde. Sabine hatte den Waldschrat, wie Lorenz ihn nannte, im Institut häufiger gesehen, aber noch nie länger mit ihm gesprochen. Irina war erstaunlich eifersüchtig und sah es nicht gerne, wenn sich attraktive Studentinnen mit ihrem Julius beschäftigten.

Bei dem Lauf, den sie vor zwei Tagen angesetzt, angefärbt, und fixiert hatte, war irgendwas schief gegangen. Bevor sie sich an Irina wandte und damit einen Fehler oder eine Nachlässigkeit oder ein Missgeschick eingestand, wollte sie lieber den Lauf wiederholen.

Stiefvater Falko war von seiner Auktionsreise bereits zurück, als Sabine nach Hause kam. Er hatte ausnehmend gute Laune, weil es ihm gelungen war, für viel Geld eine ihm in seiner Sammlung noch fehlende österreichische Carl-von-Ghega-Verdienstmedaille für hervorragende Leistungen im k. und k. Eisenbahnbau zu ersteigern, benannt nach dem Mann, der einen schwierigen Abschnitt der Semmeringbahn geplant hatte.

Sabine hätte gerne mit ihrer Mutter unter vier Augen etwas besprochen, auf das sie heute Morgen Claudia gebracht hatte. Die Freundin hatte sich in der Kapuzinergasse, dreihundert Meter Luftlinie vom Dom entfernt, eine kleine Eigentumswohnung gekauft, bevor sie sich in den Nachbar Lars Urban verliebte. Die Wohnung stand nun leer, und Claudia hatte versprochen, dass sie heute Abend mit Lars nachschauen werde, wieviel Miete sie nehmen müssten, um ein kleine noch nicht getilgte Hypothek abzutragen. Verdienen wollte sie an ihrer Freundin nichts. Die Lage und die Wohnung würden Sabine schon reizen, zum Uni-Hauptgebäude konnte sie bequem laufen, zu ihrem Institut notfalls vom Domplatz mit der Flughafen-S-Bahn fahren. Und eigene Möbel besaß sie ja schon.

2.

Rolf Kramer betrachtete seine Besucherin nachdenklich. Er hatte sie schon einmal gesehen, da war er sicher, aber er musste erst nachdenken, wann und wo. Sie hatte sich als Sabine Welter vorgestellt und war auf gut Glück, ohne vorher einen Termin zu vereinbaren, in sein Büro im Ruhlandhaus gekommen: Sie brauche einen Privatdetektiv mit guten Beziehungen zur Polizei. Das war eine eher seltene Vorbedingung, die meisten seiner Kunden legten im Gegenteil großen Wert darauf, dass er nicht mit der Kripo zusammenarbeitete.

"Und wer hat Ihnen meinen Namen genannt?"

"Meine Freundin Claudia Urban.

"Vormals Claudia Frenzen?"

"Ja, wir kennen uns seit der Schulzeit."

Jetzt fiel es ihm auch wieder ein, er hatte seine Besucherin auf der Hochzeit der Urbans getroffen.

"Wie geht es den beiden?"

"Ach du meine Güte. An sich geht es ihnen hervorragend, aber sie tut sich schwer mit der Schwangerschaft."

"Das legt sich spätestens nach dem fünften Kind."

"Wenn ich ihr das so ausrichte, kündigt sie Ihnen die Freundschaft."

Was ihm ausgesprochen leidtun würde. Claudia Frenzen war vor einiger Zeit zu ihm gekommen, weil ihr niemand, ganz besonders nicht ihre nebenan wohnende große Liebe Lars Urban, glauben wollte, dass man sie entführt und ohne Zahlung eines Lösegeldes wieder freigelassen hatte. Fast alle unterstellten ihr, sie sei in ihrer "Haftzeit" mit einem neuen Freund durch die Lande gegondelt. Mit Kramers Hilfe hatte sie ihre Geschichte beweisen können, was Kramer ein fürstliches Honorar einbrachte, außerdem Claudias "ewige Freundschaft" und die Erinnerung an eine sehr schöne Hochzeit, auf der der Trauzeuge Rolf Kramer ein umschwärmter Ehrengast gewesen war.

"Sind Sie auch entführt worden?", fragte Kramer, und sie verzog etwas ärgerlich den Mund. Kramer schätzte sie auf erste Hälfte oder Mitte zwanzig. Eine nette, aber unauffällige Frau, eher apart als hübsch, recht groß und sportlich, in keiner Weise elegant gekleidet - eben wie eine Studentin. Schön waren ihre braunen, von Natur aus gelockten Haare, die sie lang bis auf die Schultern trug, braune Augen, die sehr streng dreinschauen konnten. Sie war nicht schüchtern, aber sehr viel Selbstbewusstsein schien sie nicht zu besitzen. Ihre Kleidung, bequeme weite Jeans, ein kurzärmeliges Shirt, dazu Laufschuhe, war seiner Meinung nach darauf angelegt, damit ja nicht aufzufallen.

"Herr Kramer, ich bin 1984 geboren. Mein Vater ist noch vor meinem ersten Geburtstag ermordet worden, ich habe also keine Erinnerung mehr an ihn, und meine Mutter weigert sich, mit mir über ihren ersten Mann zu sprechen. Ich möchte, dass Sie möglichst viel über meinen Vater zusammentragen, Fotos oder Bilder oder Briefe und, falls es sie noch gibt, Menschen finden, die ihn gekannt haben und mit mir über ihn sprechen würden. Verstehen Sie, es wird höchste Zeit für mich, dass ich meinen Vater endlich kennenlerne und mir ein Bild von ihm machen kann."

Kramer nickte verwundert. An ihren Worten und ihrem Entschluss zweifelte er nicht, aber er fand, er sollte doch einiges klarstellen, bevor er sich auf ein langes Gespräch mit ihr einließ und falsche Hoffnungen weckte.

"Okay, das verstehe ich. Aber wenn Sie mir den Auftrag geben, kann ich Ihnen keinen Erfolg versprechen. Doch unabhängig von Erfolg oder Misserfolg muss ich Ihnen zum Schluss eine Rechnung stellen. Wäre es nicht vernünftiger, Sie würden einmal mit ihrer Mutter sprechen?"

"Ich hab's doch versucht", wehrte sie ab und hörte sich nicht sehr selbstsicher an. "Immer wieder. Aber sie will nicht und weigert sich, das zu begründen. Dann bin ich zu meinem Stiefvater gegangen, der kannte meinen Vater seit der Sandkistenzeit, sie waren Nachbarskinder auf dem Bisiberg in Dohrenbusch. Aber Falko ist regelrecht ausgerastet. Wenn ich mit diesem Gequengel nicht sofort aufhöhen würde, werde er ausziehen."

"Merkwürdig. Falko..."

"Falko Erbach ist der zweite Mann meiner Mutter. Und Mutter hat mich händeringend gebeten, Falko nicht aus dem Haus zu treiben. Sie liebt ihn immer noch, obwohl...."

"Ja? Obwohl Sie was?"

"Obwohl ich eigentlich davon überzeugt bin, dass Falko meine Mutter am laufenden Band betrügt."

"Kennen Sie Falkos Freundin?"

"Nein. Ich hab auch keine Ahnung, wer das sein könnte."

"Und wie stehen Sie zu ihrer Stiefvater? Keine große Zuneigung, was?"

"Nein, ich liebe ihn nicht, ich mag ihn auch nicht." Dann verzog sie den Mund, als sie Kramers skeptischen Blick bemerkte. "Halt, keine Missverständnisse. Er hat nie versucht, sich mir zu nähern oder mich sexuell zu belästigen. Er war immer korrekt und höflich, aber nicht freundlich zu mir, sondern kühl und abweisend. Nicht einmal herzlich, aber oft sehr harsch und streng. Nein, ich könnte dankend auf ihn verzichten."

"Kennen Sie keine Menschen, die Ihren Vater früher gut gekannt haben? Die muss es doch noch geben, Ihr Vater wäre heute wie alt?"

"Gerade mal 57."

"Dann leben doch noch viele seiner früheren Freunde und Bekannten?

"Doch, die gibt es sicher. Einen kenne ich. Er heißt Richard Reiser, wohnt in Rollesheim und hat für mich das Geld verwaltet, das ich aus einer Lebensversicherung meines Vaters bekommen habe."

"Tut er das nicht mehr?"

"Nein, nach meinem achtzehnten Geburtstag habe ich die - wie heißt das so komisch?"

"Verfügungsgewalt?"

"Ja, genau die, für mein Konto und mein gesamtes Eigentum bekommen. Und nach meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag diese... diese Gewalt über das, was mit meine Patentante Charlotte Röper vererbt hat."

"Haben Sie noch andere Namen parat?"

"Nein, keinen Namen, nur eine Personenbeschreibung." Sie erzählte dem staunenden Kramer, was sie auf dem Westfriedhof am Grab ihres Vaters mit der weglaufenden Blondinen erlebt hatte. Er griente; bei dem Wort Westfriedhof hatte es bei ihm wieder geklickt. "Ich habe Sie übrigens schon früher gesehen, und zwar vor der Hochzeit ihre Schulfreundin Claudia Frenzen, Frau Welter."

"Wo und wie das?"

"Ich stelle ab und zu Blumen auf das Grab einer früheren Kollegin und Freundin. Sie ist übrigens auch ermordet worden."

Danach half nichts. Er musste die Geschichte von Petra Auffermann erzählen, die für wenige Wochen seine Geliebte gewesen war, bis ein neuer Geschäftsführer seinen Dienst antrat und sie erst zu seiner Sekretärin und dann zu seiner Freundin und Kumpanin machte. Gemeinsam plünderten sie die kleine Firma aus, bis zum letzten Coup, einer gewaltigen Kardamom-Spekulation, mit der Eberhard Johns, Ejo genannt, die Firma gezielt in die Insolvenz trieb. Diesen letzten Gewinn wollte er nicht teilen, Petra drohte, ihn zu verpfeifen, und er brachte sie um. So geschickt, dass die ermittelnde Oberkommisssarin Caroline Heynen den Ex-Freund Rolf Kramer unbedingt hinter Gitter bringen wollte. Er musste sich wehren und den Täter finden, konnte Ejo überführen, der vor Gericht gestellt und zu lebenslänglich verurteilt wurde.

Sabine hatte wie gebannt zugehört. Zum Schluss holte sie tief Luft: "Und diese Petra Auffermann liegt auch auf dem Westfriedhof?

"Ja."

"Ob Ihr Ejo auch so treu ist und ihr Grab besucht? Oder sitzt er noch?"

"Vermutlich. Ich weiß es nicht, lebenslänglich heißt ja heute in der Regel fünfzehn Jahre. Okay, lesen Sie sich mal diese Kopie sorgfältig durch, während ich das Tonband aufbaue." Er hatte den Eindruck, dass sie ihm mehr vertraute, seit sie wusste, dass auch in seinem Bekanntenkreis ein Mord geschehen war. Bei der Lektüre seiner Honorar- und Spesensätze schluckte sie mehrfach, aber blieb dabei. Er sollte möglichst viel über ihren und von ihrem Vater auftreiben. Doch Stiefvater Falko Erbach und Mutter Katinka dürften nie erfahren, dass sie ihn, den Privatdetektiv Rolf Kramer, damit beauftragt hatte.

Der Vater hieß Gerhard Welter, 1954 in Kassel geboren und in Dohrenbusch aufgewachsen. Er hatte von seinem Vater Gustav Welter eine Sägemühle und eine Spanplattenfabrik in Oberkoltern übernommen und nach Gustavs Tod als einziger Nachfahre geerbt. Die ursprünglich noch dazu gehörende Papierherstellung war, weil unrentabel geworden, aufgegeben worden und hatte nur im Namen überlebt: SPMOK - Säge- und Papiermühle Oberkoltern. Den Großteil des verarbeiteten Holzes hatte Gustav Welter aus eigenen Wäldern bezogen, er war bei seinem Tod einer der größten Waldbesitzer in der Region. Den Wald musste Sohn Gerhard bald nach dem Tod seines Vaters Stück für Stück verkaufen, weil Gustav immense Schulden aufgehäuft hatte, von denen viele am Pokertisch entstanden waren. Als Sabine neun Jahre alt wurde, entschlossen sich Mutter und Stiefvater Falko Erbach, in die Stadt zu ziehen. Dohrenbusch war ein sehr netter Ort, aber klein und verschlafen, es gab kein Gymnasium und Katinka bestand darauf, dass Sabine Abitur mache. Stiefvater Falko hatte anfangs gemeutert und vorgeschlagen, Sabine in ein Internat zu stecken, dann aber klein beigegeben, als Katinka das Dohrenbuscher Haus im Querweg 25 gut verkauft und hier in der Leopoldstraße 29 ein vergleichbar komfortables Haus erworben hatte.

"Dort wohnen Sie also seit Ihrem zehnten Lebensjahr?"

Sie nickte und lehnte sich das erste Mal entspannt zurück. Während der Pubertät begann die große, bald quälende Neugier, mehr über ihren leiblichen Vater zu erfahren, von dem sie einige Fotos, einen kurzen Schmalfilm und drei Urkunden besaß: Doch die Mutter meinte, es sei noch zu früh, und Stiefvater Falko weigerte sich rundweg, über seinen Vorgänger und Freund aus Kindertagen zu reden.

"Zu dem Zeitpunkt waren Ihre Mutter und Erbach schon verheiratet?"

"Ja. Mein Vater ist 1985... gestorben." Drei Jahre später hatte Katinka den alten Bekannten Falko Erbach geheiratet. Dem wurde die Fahrerei zwischen Tellheim und Oberkoltern bald zu beschwerlich, er zog sich aus der Firmenleitung zurück und überließ den Betrieb einem alten Spezi, Willi Scholz. Das Geld, das Erbach aus der SPMOK bezog, legte er sehr günstig an, außerdem gelangen ihm, wie er sich gerne rühmte, mehrere sehr ertragreiche Spekulationen, nein, finanziell hatten Falko und Katinka ausgesorgt - sie auch, wie sie Kramer versicherte, nachdem Patentante Charlotte Röper ihr einiges Geld hinterlassen hatte.

"Warum will Falko Erbach nicht über Gerhard Welter sprechen?"

"Wissen tu ich es nicht, ich müsste raten und wild kombinieren."

"Bitte, tun Sie das!"

Wenn sie alle Bemerkungen, die Katinka so mal nebenbei gemacht hatte, richtig behalten und verstanden hatte, waren die Dohrenbuscher Nachbarskinder Gerhard Welter und Falko Erbach schon als Gymnasiasten im Nachbarort Dehlau Rivalen geworden. Beide hatten sich um Katharina ("Katinka") Lachner bemüht, der es wohl gefiel, von zwei Jungen umworben zu werden. Zwischen Welter und Erbach entstand ein Dauerstreit, die Jungens gingen sich fortan aus dem Wege. Der Zwist wurde wohl erst beigelegt, als sich Gerhard und Falko in der Technischen Hochschule Aachen zufällig wieder begegneten. Katinka entschied sich schließlich für Gerhard Welter, den vor allem Katinkas Eltern dem anderen Bewerber Falko Erbach vorzogen; Falko begann nach seinem Betriebswirt-Diplom-Examen in der Säge- und Papiermühle Oberkoltern (SPMOK) zu arbeiten, wo er rasch zum Geschäftsführer aufstieg. Gerhard Welter war ein ordentlicher Konstrukteur und Maschinenbauer und verstand auch eine Menge von der Forstwirtschaft, aber mit dem Kaufmännischen hatte er es nicht so. Das erledigte mit Erfolg Falko Ehrbach. Nach dem Tod ihres Mannes war die Witwe Katinka auf Falkos Hilfe angewiesen. Es hatte niemanden verwundert, dass sie drei Jahre später Erbach heiratete. Im Gegenteil: Die Belegschaft der PSMOK freute sich, dass so ihre Arbeitsplätze gesichert wurden.

"Und wie ist es Ihnen ergangen?"

Abitur, dann die Frage, was sie studieren sollte. Zu der Zeit spielte sie schon recht ordentlich Flöte, aber sagte sich selbst, dass es für eine Karriere als Berufsmusikerin, gar Solistin, wohl nicht reichen werde. Dann also Psychologie: "Ich wollte endlich herausfinden, wer ich eigentlich bin." Sie fand keine Antworten, entdeckte durch Zufall die Humangenetik. Dank des Erbes ihrer Patentante musste sie sich keine Zukunftssorgen machen. Also Wechsel zur Humangenetik und Anthropologie.

Kramer riskierte jetzt den für ihn entscheidenden Vorstoß: "Wissen Sie etwas über die Umstände, unter denen Ihr Vater ermordet worden ist?"

Sie nickte zaghaft: "Ja, aber nicht viel. In Scholten am Velstersee. Er ist durch das Fenster eines Wochenendhauses erschossen worden."

"Im Jahre 1985?"

"Ja." Kramer rechnete stumm. 1985 war sein heute pensionierter Freund und Skatbruder Jens Rogge noch aktiv in der Mordkommission. Also auf ins Gefecht.

"Sie haben keine Ahnung, wer da geschossen haben könnte?"

"Nein."

"Ist in Ihrer Gegenwart nie ein Verdacht geäußert worden, warum der oder die Unbekannte Ihren Vater umgebrachte hat?"

Sie überlegte eine ganze Weile und meinte schließlich zögernd: "Nein. Nur Onkel Richard hat mal..."

"Onkel Richard?"

"So nenne ich Richard Reiser. Sie wissen schon, der Mann, der mein Geld verwaltet hat."

Kramer schaute auf seinen Notizblock: "Reiser wohnte in Rollesheim, nicht wahr?"

"Genau. Onkel Richard hat mal etwas gesagt, was ich zwar nicht verstanden, aber behalten habe."

"Und was hat er gesagt?“

"Vielleicht hätte Gerhard besser auf eine Anzeige verzichtet. Dann könnte er heute wohl noch leben."

Mit dem kryptischen Satz konnte Kramer auch nichts anfangen, aber vielleicht ergab sich im Laufe der Recherche ein Sinn. Er schaltete das Tonband ab.

"Wenn es Ihnen recht ist, machen wir jetzt einen Vertrag, Frau Welter."

"Einverstanden."

Sie staunte nicht schlecht, als er das Formular auf dem Computer aufrief, und er hatte den leisen Verdacht, dass sie sich trotz ihrer Unterhaltung mit Claudia Urban, geborene Frenzen, einen Privatdetektiv anders vorgestellt hatte, mit der Pistole in der rechten und der Bourbonflasche in der linken Hand. Immerhin unterschrieb sie sofort, steckte die Kopie und das Blatt mit seinen Honorar- und Spesen-Sätzen ein, gab ihm eine Fotografie ihres Vaters, aufgenommen kurz nach seinem Diplom-Examen; sie notierten ihre Handynummern, und als sie ging, weil sie ins Labor musste, wirkte sie fröhlicher und entspannter als bei der Begrüßung.

Kramer telefonierte sofort mit Freund und Skatbruder Jens Rogge, Kriminalhauptkommissar i.R.

"Wie schön, dass es dich noch gibt", flaxte Rogge.

"Nein, umgekehrt."

"Wie meinst du das?"

"Ich freue mich, dass es dich, dein ausgezeichnetes Gedächtnis und die weithin berühmte Handaktensammlung noch gibt."

"Ich ahne das Schlimmste."

"Daran tust du gut. Eben hat mich eine junge Dame verlassen, die durch mich sozusagen posthum ihren Vater kennenlernen will, der 1985 in Scholten am Velstersee ermordet worden ist. Da war meine Mandantin noch kein Jahr alt."

"Du hast ein seltenes Talent, dir die kompliziertesten Klienten an Land zu ziehen. Wie hieß das Opfer denn?"

"Welter, Gerhard Welter aus Dohrenbusch."

"Welter, Gerhard Welter...hm. Sekunde, Rolf, es bimmelt irgendwo im Hinterkopf, aber das liegt ja nun einige Jährchen zurück, wie?"

"Kein Widerspruch."

"Fünfundzwanzig Jahre, hm. Bevor ich etwas Falsches erzähle, wühle ich doch lieber einmal in meinen Handakten, die tatsächlich noch im Keller verstauben. Wenn du heute Nachmittag zu mir kommst, kriegst du einen Kaffee und ein paar Auskünfte."

"Gebucht, lieber Jens."

Der Erste Hauptkommissar Jens Rogge war sehr vorzeitig in den Ruhestand geschickt worden, nachdem er einigen Politikern heftig auf die Zehen getreten war und mit seinen Recherchen einen Innenminister zum Rücktritt gezwungen hatte. Kramer hatte den aktiven Hauptkommissar bei einem Fall kennengelernt, in dem ein Unschuldiger verurteilter worden war und Rogge dem neugierigen Privatdetektiv uneigennützig half, ein Fehlurteil zu korrigieren. Was ihm von den Kollegen, bei denen er ohnehin nicht gut gelitten war, als Nestbeschmutzung ausgelegt und sehr verübelt wurde.