Am Strang - Lennart Beck - E-Book

Am Strang E-Book

Lennart Beck

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Beschreibung

In Berlin wird ein Schüler erhängt im Wohnzimmer seiner Eltern aufgefunden. Alles sieht nach einem Selbstmord aus. Wenn der Polizei nicht eine Frage Kopfzerbrechen bereiten würde: Warum hat sich der Junge vor seinem Tod ausgezogen und seine Kleidung säuberlich auf einen Stuhl gelegt? Hauptkommissar Gabriel Ocker beginnt zu ermitteln. Zur gleichen Zeit verliebt sich der schüchterne Kristian unsterblich in seine neue Nachbarin. Als sie von einem Tag auf den anderen verschwindet, beauftragt er die Privatdetektivin Dana Seeberg, sie zu finden. Die Suche nach ihr wird zu einem Horrortrip in eine Welt voller Angst, Schmerz und Perversion.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lennart Beck

Am Strang

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kristian

Gabriel

Dana

Tabea

Sylvia

Epilog

Danksagung

Impressum

Lennart Beck

AM STRANG

Thriller

© 2021 Lennart Beck

Umschlaggestaltung: Dominik Joswig

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3948128-01-2

MARCHAL: Non… non… c’est ignoble! Je ne veux pas voir…

CLARA: Non, reste… reste près de moi…

MARCHAL: Clara!

CLARA: Tout près de moi… ne me quitte pas… je veux… regarde… comme elle souffre… écoute-la crier… comme elle souffre! Et maintenant le sang coule. Ah! Le sang… le sang… le sang…

Pierre Chaine, André de Lorde. Le Jardin des Supplices

Prolog

In zarten Kristallen taumelten die Flocken zur Erde, bedeckten die Wege, die Tannenspitzen und das faulende Herbstlaub zwischen den Baumstämmen. Minutenlang stand Ines am Fenster und sah ihnen zu.

„Machen wir heute eine Nachtwanderung?“, hörte sie Mona fragen. „Das wär’ doch geil!“

„Viel zu kalt“, murmelte Lena.

„Ja, und?“, rief Martha. „Klar machen wir eine. Aber wir fragen noch die Jungs!“

Da drehte sich Ines langsam um und sagte in ihrer leisen Stimme: „Darf ich mitkommen?“

Nachdem Frau Weyer um kurz nach halb elf ein letztes Mal die Zimmer kontrolliert hatte, standen sie auf und zogen sich an. Sie schlichen durch den Flur, die Treppen hinab und klopften an die wellige Pressholztür des Jungenzimmers. Es dauerte nicht lange, bis Paul und Jan hinausglitten. Gemeinsam gingen sie eine weitere Treppe nach unten und öffneten eine graue Hintertür. Augenblicklich legte sich frostige Kälte auf ihre Gesichter.

„Scheiße, ist das kalt“, flüsterte Mona.

Nach einigen Zentimetern steckte die Tür fest. Hintereinander zwängten sie sich hinaus in die Nacht. Unberührter Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und über ihnen öffnete sich das schwarz glänzende Universum. Ines sog die Luft tief in sich hinein und sah in den finsteren Nadelwald hinauf, der sich keine fünf Meter hinter der alten Jugendherberge bis zum Gipfel des Berges erstreckte. Mit vorsichtigen Schritten folgte sie den anderen in den Wald hinein, roch den Schnee, erspürte die Dunkelheit. Dann blieb sie stehen und berührte mit ihren Fingerkuppen die raue Haut einer Tanne, rieb für einen Moment ihre Wange über das Holz. Gewaltig fühlte sie ein undefinierbares Fernweh durch ihren Körper fließen.

Als Bierdosen geöffnet wurden, zog sie ihr iPhone aus der Tasche, klickte auf Metallica, das schwarze Album, auf Lied 11, My Friend of Misery. Gitarren wehten durch den Winterwald und Ines’ Nackenhaaren stellten sich auf. Die anderen drehten sich zu ihr um. Doch sie schloss die Augen, verschmolz mit dem Augenblick und hörte nicht, wie Jan murmelte: „Cool.“

Sie gingen weiter. Bald standen die Bäume dichter und die dicken Äste schluckten das Mondlicht. Aus seinem Rucksack griff Paul eine Taschenlampe. Der gelbe Strahl irrte durch die Finsternis und erhellte schwarze Stämme, den weißen Schnee auf tief hängenden Ästen. Stumm schritten sie hintereinander, geleitet von der schwermütigen Gitarrengewalt.

Als das Lied endete, steckte Ines ihr iPhone wieder ein. Augenblicklich wurde aus Partystimmung Waldeinsamkeit. Augenblicklich drang in das Bewusstsein der Jugendlichen alles, was sie in Horrorfilmen über den Wald bei Nacht gelernt hatten.

„Lass uns zurückgehen“, flüsterte Martha und griff nach Jans Arm.

„Ja“, raunte Mona, „find’ ich auch. Langsam wird es unheimlich.“

Paul drehte sich um. Dabei schwenkte er die Taschenlampe im Halbkreis. Der Lichtkegel fiel auf Tannen, einen Baumstumpf, auf eine kleine Lichtung. Und auf die schwarze Gestalt, die auf der Lichtung stand. Mona schrie auf, heftig und schrill. Für Sekunden wagte niemand, sich zu rühren. Die Gestalt stand so still wie die Baumstämme um sie herum. Sie war klein und schmal. Stand dort ein Kind?

Dann rannten sie los. Zuerst Mona, Martha, hinein in die Nacht, dann Jan und Paul. Der Lichtstrahl der Taschenlampe zuckte wild zwischen den Baumstämmen hin und her.

Nur Ines blieb stehen. Die Gestalt war wieder hinter der Dunkelheit verschwunden. Steht sie noch dort, dachte Ines. Oder kommt sie hinüber? Kommt sie zu mir? Das heiße Blut rauschte in Ines’ Ohren. Sie spürte ein Kribbeln auf ihren Fingerkuppen. Ganz allein, dachte sie. Du bist ganz allein in diesem Wald. Nur du, die Nacht und deine Angst. Ihr Mund wurde trocken. Knirschten dort nicht Schuhe im Schnee, nur ein paar Meter vor ihr?

Sie hielt die Spannung nicht mehr aus. Als Mona ein zweites Mal schrie, begann auch Ines zu laufen. In einiger Entfernung erkannte sie den gedämpften Schein der Taschenlampe. Sie umrundete Bäume und Sträucher, ein Ast zerriss ihre Jacke. Der Lichtstrahl bewegte sich nicht mehr. Die Taschenlampe steckte im Schnee. Wie Gnome hockten die anderen um sie herum. Zu hören war nichts als Marthas Schluchzen. Aus dem Augenwinkel sah Ines, wie etwas Großes in der Luft hing, nur einige Meter von ihren Klassenkameraden entfernt. Mit klopfendem Herzen hob Ines die Taschenlampe auf und schwenkte sie herum. Der Strahl traf einen nackten Körper, der von einem Baum herabhing. Ines stockte der Atem. Es war ein Mann. Das Kribbeln in ihren Fingerspitzen wurde unerträglich. Das Seil, das seinen Hals zusammendrückte, war straff gespannt. Seine Augen waren weit aufgerissen. Er war noch jung.

Langsam leuchtete sie seinen Körper hinab. Auf seinem Bauch, unterhalb des Bauchnabels, standen Worte. Zunächst glaubte sie, sie seien mit Farbe aufgemalt. Doch als sie näher heranging, erkannte sie: Es war Blut. Auf dem Bauch des Jungen stand: „Das Spiel ist aus“. Mit einem Messer waren die Buchstaben in die Haut geschnitten worden.

Ines leuchtete noch tiefer. Auch sein Penis war verletzt. Auf der Eichel erhob sich im Licht der Taschenlampe ein umgedrehtes Kreuz. Mit der Zungenspitze befeuchtete Ines ihre Oberlippe. Was war diesem Mann angetan worden?

Noch einen Schritt näherte sich Ines dem nackten Körper. Noch einen. Vorsichtig streckte sie ihre Hand nach vorne. Weiter. Berührte seinen Bauch. Und ihr Herz blieb beinah stehen.

Der Körper war noch warm.

Kristian

11. April

Als Kristian Annika kennenlernte, waren keine 24 Stunden seines neuen Lebens vergangen. Die Kartons standen noch genau dort, wohin sie die Studenten von der Umzugsfirma gestellt hatten. Nur seinen Laptop hatte er ausgepackt und angeschlossen.

Genug Zeit, seine alten Ängste auszudünsten, hatte er trotzdem gehabt. Die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Versagen. Vorm Verfetten. Auch den Frust hatte er mitgebracht aus der Provinz. Warum konnte er nicht anders sein? Warum musste er alles zu Grabe sinnieren? Konnte er sich nicht einfach entspannen? Konnte er nicht einfach cool sein?

„Hallo“, sagte Kristian und merkte, wie seine Muskeln steif wurden. Die Beziehung zu den Nachbarn ist wichtig. Also jetzt keinen Fehler machen.

„Hallo“, sagte das Mädchen. Die Frau. Irgendwas dazwischen. Sie sprang mit kurzen Beinen durch den kartongrauen Hausflur und ihre glatten, blonden Haare flogen um ihre großen Ohren.

Für einen Moment sahen sie sich in die Augen. Etwas zu lang, um nichts zu sagen. Etwas zu kurz, um ein Gespräch zu beginnen. Kristian hatte schon seinen Oberkörper zu ihr gewendet, den Mund halb geöffnet für ein erstes, ungezwungenes Gespräch. Doch in dem Moment war sie vorbei, hüpfte auf die Treppenstufen und war auf dem ersten Absatz. Kristian sah ihr nach, sah auf ihren Hintern und ließ seinen Mund noch halb offen, als sie schon aus seinem Sichtfeld verschwunden war.

Er versuchte herauszuhören, in welcher Etage sie ihre Tür aufschloss. Ziemlich sicher die zweite. Also wohnte sie ihm gegenüber.

Schön.

Schön, schön.

12. April

Als Kristian Annika zum zweiten Mal sah, beugte er gerade seinen schwammigen Körper nach vorne, um mit einem zu großen Schraubenzieher das Namensschild neben seiner Wohnungstür anzubringen.

„Hallo“, sagte sie wieder, und Kristian zuckte furchtbar zusammen. Unbemerkt war sie aus ihrer Wohnung gekommen und hatte sich neben ihn gestellt.

Hastig drehte er sich zur Seite, war jedoch zu schockiert, um zu antworten.

„Hallo…“, wiederholte sie und las auf dem Namensschild, „…K. Göbeln. Du heißt Göbeln mit Nachname?“

Jetzt stand sie vor ihm, nur einige Zentimeter kleiner als er, und sah ihm mit großen Augen freundlich ins Gesicht. Schöne Augen hatte sie.

„Ich hab’ dich gar nicht kommen hören“, sagte Kristian und merkte, wie ihm der Schweiß ausbrach.

„Macht nichts, ich bin nicht so laut, wenn ich komme“, sagte sie und lächelte geheimnisvoll.

„Äh, was?“

„Ach, war ein doofer Witz.“

„Witz?“

„Na, macht ja nichts. Du bist der Neue?“

„Äh, ja, ich bin vorgestern eingezogen.“

„Und wie gefällt’s dir so? Kommst du aus Berlin?“

„Nein. Ähm, ich komme aus Husum. Das ist…“

„Ja, klar, kenn’ ich. Ich komm’ auch aus dem Norden. Naja, aus Südniedersachsen.“

Noch immer stand sie vor ihm, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und sah ihm unverwandt in die Augen. Kristian wischte sich die Tropfen von der Stirn und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Hoffentlich stank er nicht nach Schweiß.

„Aha. Und, äh, wie lange wohnst du schon hier?“, fragte er.

„Och, schon ein bisschen. Ist ganz schön hier. Manchmal nervt die Kirchenglocke.“

„Ja, hab’ ich heute Morgen schon gehört. Aber ich war sowieso schon wach.“

„Frühaufsteher?“, fragte sie und schüttelte gedankenlos ihre Haare.

Scheiße, dachte Kristian. Frühaufsteher klang ziemlich langweilig. Er musste jetzt irgendwas Cooles sagen.

„Also, mach’s gut“, rief sie plötzlich, drehte sich um und lief die Treppe hinunter. „Schön, dass du hier eingezogen bist.“

13. April

Der Weg führte an einer langen Mauer entlang. Irgendwo dahinter mussten die Bahnschienen liegen, von Zeit zu Zeit ratterte es eisern und es klang nach Stahl, Rauch und Ruß. Der Gehweg war aufgesprungen, Wurzeln wuchsen durch den Asphalt und versuchten, Kristian zu Fall zu bringen.

Im Gehen kramte er in seinem Rucksack und holte den letzten Snickers hervor. Er hätte sich nicht drei auf einmal kaufen sollen. War doch klar, dass er sie alle sofort essen würde. Tief steckte er sich den braunen Bolzen in den Mund. Fett, dachte er für einen Moment. Du bist so fett.

Sein erster Tag bei seinem ersten Job. War er cool gewesen? Nein. Witzig? Nein. Interessant? Jeder Hundefurz war interessanter als er. Und roch wahrscheinlich noch besser. Alles war genauso gekommen wie vorhergebangt. Die Kollegen freundlich, aber zurückhaltend. Er verkrampft, ängstlich. Belangloses Grinsen, eifriges Nicken. Das war’s dann auch schon gewesen. Wenn das so weiterging…

Sie saß auf den Waschbetonstufen vor der Eingangstür und hatte den Kopf in die schmalen Hände gestützt. Ihr Anblick heiterte ihn augenblicklich auf. Doch irgendetwas stimmte nicht. Von ihrer spontanen Fröhlichkeit war nichts mehr zu spüren. Sie saß nur da, rührte sich nicht. Und wirkte so traurig, wie er sich den ganzen Tag gefühlt hatte. Das dünne Haar fiel ihr zart über die langen Finger. Sie wirkte zerbrechlich wie ein Weidenspross im Herbstwind. Sie bemerkte Kristian nicht, als er auf den Weg bog, der zur Haustür führte, bemerkte nicht, wie er sich Schritt für Schritt näherte. Langsam wurde Kristian unruhig. Wie gerne würde er mit ihr sprechen, in ihre großen Augen schauen oder zumindest auf ihren Hintern.

Doch sie machte nicht den Anschein, als sei sie übermäßig an Gesellschaft interessiert. Kristian konnte die Augen nicht von ihr lassen. Von ihrer angenehm weiblichen Gestalt, leicht rundlich an Bauch und Po, von den kleinen Brüsten, die deutlich den dünnen Stoff ihres Pullovers wölbten. Schon von Weitem spürte er ihre Aura, die traurigsüß fluoreszierte, ebenso frühlingsleicht wie grabesschwer. Nur noch fünf Schritte, dann hatte er sie erreicht. Sein Herz schlug schneller. Was sollte er jetzt tun? Noch vier Schritte. Sollte er etwas sagen? Noch immer sah sie nicht auf. Sollte er einfach vorbeigehen? Noch zwei. Wieder begann er zu schwitzen, öffnete halbherzig den Mund. Doch nichts fiel ihm ein. Er musste etwas tun, jetzt, oder es war zu spät.

Kristian blieb vor den Stufen stehen, schmerzhaft schlug sein Herz gegen die Rippen. Noch immer saß sie reglos wie eine Wachspuppe. Und dann, ohne weiter nachzudenken, setzte er sich neben sie. Er sah zu ihr hinüber, die Unsicherheit zerrte an seinen Nerven. Er sagte nichts, saß nur da, atmete unruhig durch die Nase und fühlte ihre Nähe flammend warm. Mit einem Mal spürte er den Drang, sie zu berühren, über ihre Wangen zu streichen, durch ihr langes Haar. Der Moment wurde, Kristian wusste nicht wie, mit jeder Sekunde mehr zur Magie.

Und dann sah sie auf. Sah zu ihm hinüber, mit einem langen, tiefen Blick. Lächelte vorsichtig und sagte: „Hallo.“

„Hallo“, sagte Kristian, erleichtert.

„Bist du schon lange hier?“

„Nein.“

„Ich weiß gar nicht, wie lange ich schon hier sitze.“

„Ich… ich hab’ dich hier sitzen sehen und du sahst so…“ Durfte er das sagen? „…so traurig aus und da…“

„Ja, du hast recht. Heute…“ Sie verstummte und suchte nach Worten. „Heute ist…“ Sie schüttelte den Kopf, dann sah sie in den Himmel. „…ein schöner Tag zum Traurigsein.“ Gedankenverloren strich sie über ihre Stirn, legte den Kopf schief und atmete tief ein. Kristian betrachtete ihr fein geschnittenes Gesicht, schmale, geschwungene Lippen, ein schmaler Nasenrücken mit breiten Nasenlöchern. Sie sah wieder zu ihm hinüber: „Hast du dich eingelebt in unserer kleinen Hausgemeinschaft?“

„Ja, ich weiß nicht", sagte Kristian. "Ich glaube, ich brauche noch ein bisschen.“

„Bist du wegen der Arbeit nach Berlin gezogen oder wegen einer Frau?“, fragte sie und sah ihn mit großen Augen an.

Plötzlich musste Kristian lächeln. „Wegen der Arbeit.“ Je länger er hier neben ihr saß, umso mehr verflog die Nervosität.

„Warum lächelst du?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht.“

„Wollen wir einen Spaziergang machen?“

„Ja“, sagte Kristian.

Beim Aufstehen stützte sie sich an seinem Oberarm ab.

„Au“, rief sie, „mein Po! Ich wette, jedes einzelne Steinchen von diesen verdammten Platten hat seinen Abdruck hinterlassen.“

Sie rieb sich ihren Hintern und machte ein Gesicht wie Grobi. Wieder musste Kristian lächeln.

„Komm“, sagte sie und sprang mit ihren kurzen Beinen über den Weg zurück zur Straße.

Kristian folgte ihr und gemeinsam gingen sie über aufgeplatzten Asphalt, unter rostigen Eisenbahnschienen hindurch, an alten Pizzaläden vorbei und furchtbar hässlichen Reihenhäusern mit kantigen Balkonen. Ihre Traurigkeit schien mit einem Mal von ihr gewichen, sie sprach von ihrem Kiez, über den sich die Zeit legte wie sich die Spinne über eine Fliege legt. Sie sprach vom Himmel, von den Vögeln und von Kristians großer Nase. Kristian lief neben ihr, umhüllt von ihrer Aura. Und sprach von seiner Heimat, von seiner Mutter, von seinen Freunden. Von seinen Kollegen, von seiner Wohnung. Und von seiner Angst. Sie sprang über Pflastersteine und hörte ihm zu. Er kaufte ihr eine Vanillecola bei einem Spätkauf und sie gab ihm einen Schluck ab. Irgendwann kamen sie an einen langen Park und setzten sich ins Gras. Neben ihnen trommelten dunkelhäutige Trommler einen zügellosen Rhythmus in die Abendluft, sie saßen und lauschten. Immer mehr Leute kamen, setzten sich ins Gras, tranken ihr Bier und betrachteten das schwindende Tageslicht.

Irgendwann gingen sie wieder nach Hause. Als sie vor ihren Wohnungstüren standen, sahen sie sich an und sie lächelte.

„Danke schön“, sagte sie, beugte sich nach vorne und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Nachdem sie ihre Tür aufgeschlossen hatte, drehte sie sich noch einmal um und sagte: „Ich heiße Annika.“

14. April ff.

Die nächsten Tage flogen durch Kristians Leben wie ein Zug Singdrosseln auf dem Weg nach Afrika. Wenn er morgens aufwachte, freute er sich auf den Tag. Bei der Arbeit sprach er lange mit seinen Kollegen. Kurz, bevor er ging am Freitag, bat ihn der Chef in sein Büro und erklärte, er sei mit Kristians erster Woche im Team zufrieden. Weiter so. Als er mit seiner Mutter telefonierte, fragte sie ihn, was los sei. Irgendwie klinge er anders als sonst.

Kristian setzte sich das Wochenende mit einem Buch in den schütteren Garten des Mietshauses, weil er hoffte, Annika zu treffen. Am Sonntag aß er sein Frühstück an den Pfosten der alten Wäschespinne gelehnt, um den Augenblick nicht zu verpassen, an dem sie das Haus verließ. Irgendwann musste sie doch herauskommen. Sie hatte ihm einen Kuss gegeben. Sie hatte den ganzen Abend mit ihm verbracht, ihn aus ihrer Colaflasche trinken lassen. Warum ließ sie sich denn jetzt nicht blicken?

Am Nachmittag schlich er das braune Treppenhaus hinauf, wieder schlug sein Herz gegen die Rippen. Lange blieb er vor ihrer Tür stehen, lauschte hinein. Doch nichts war zu hören. Irgendwann klopfte er. Wartete, während alle Nachbarn, bis hinauf zu der neugierigen Rentnerin im vierten Stock, deutlich seinen Herzschlag hörten. Erst klopfte er leise, dann klopfte er laut. Doch nichts geschah. Beinah hätte er „Ich bin's“ gerufen. Doch in diesem Moment schlich der zottelbärtige Mieter aus dem dritten Stock die Treppenstufen hinunter. Und so zog sich Kristian in seine Wohnung zurück und starrte müde auf die Umzugskartons. Dann holte er sich vom Spätkauf eine Familienpackung Zitroneneis und fraß sie vor dem Abendprogramm in sich hinein.

20. April

Als es an der Tür klopfte, räumte Kristian gerade seine Bücher in die Regale. Er erschrak so sehr, dass ihm die gebundene Herr der Ringe-Trilogie mit der spitzen Seite auf den großen Zeh fiel und er laut aufschrie. Er verharrte in der Bewegung. Wer klopfte um diese Zeit bei ihm an die Wohnungstür? Während er in den Flur humpelte, ersehnte er im Stillen die Antwort und trat alle Hoffnung gleichzeitig von sich fort. Um ihr nicht den Rest des Abends nachtrauern zu müssen. Doch als er die Tür öffnete, stand sie vor ihm. Halb Mädchen, halb Frau, ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie hatte sich verführerisch geschminkt und trug ein fliederfarbenes Kleid, das einen Blick auf ihre Knie und die Ansätze ihrer Oberschenkel erlaubte. Ihre Augen leuchteten unergründlich. Sie sah wunderschön aus. In der Hand hielt sie zwei Flaschen Rotwein.

„Hallo, Kristian“, sagte sie und lächelte ihr geheimnisvolles Lächeln. „Darf ich reinkommen?“

Kristian starrte sie aus großen Augen an und konnte sich nicht rühren. Passierte das wirklich? Ein Mädchen kam zu ihm. Nach Hause! Mit Alkohol! Wieder musste Kristian lächeln, mit seinem ganzen Körper, seiner ganzen Seele. „Ja, klar. Komm rein.“

Sie schob sich an ihm vorbei in die Wohnung. Er roch ihren herbstsüßen Duft, spürte ihre verbindliche Nähe. Für einen Moment merkte er, wie die alten Ängste zurückkehren wollten. Was sollte er sagen? Was sollte er tun? Doch dann erinnerte er sich an ihren tiefen Blick, als er sich neben sie vor die Haustür gesetzt hatte. An den Abend im Park. Und mit einem Mal wurde er ruhiger.

„Du bist noch nicht so zum Ausräumen gekommen, oder?“ Annika stand in der Tür zum Wohnzimmer und ließ ihren Blick über die halb geleerten Kartons, die halb vollen Regale schweifen.

„Ich räum’ gerade die Bücher aus.“

Sie ging zu den Regalen und las die Buchrücken. „Was liest du denn so?“

Kristian folgte ihr. „Gerade les’ ich Die Heimkehr von Bernhard Schlink. Aber eigentlich les’ ich am liebsten Fantasybücher.“

„Die Heimkehr hab’ ich auch gelesen“, rief sie. „Fand ich aber nicht so gut. Kennst du Der Klavierstimmer? Von Pascale Mercier?“

„Nein.“

„Musst du mal lesen. Das ist sehr schön.“

Plötzlich drehte sie sich zu ihm um und hielt die beiden Flaschen in die Luft. „Hast du die Weingläser schon ausgepackt?“

„Ähm. Nee. Aber in irgendeiner von den Kisten müssen sie sein.“

Annika lächelte und schüttelte den Kopf. „Wie lange wohnst du jetzt hier?“

„Zehn Tage.“

„Was du brauchst, ist eine zupackende Frauenhand, die hier mal für Ordnung sorgt“, erklärte sie mit ihrer dunklen Stimme. Kristian spürte das Glück warm in seinen Innereien und grinste dümmlich.

„Na los“, rief Annika. „In welcher Kiste sind sie?“

„Ich nehme an da, wo meine Mutter Küche drauf geschrieben hat“, meinte Kristian und wünschte sich sofort, er hätte seine Mutter nicht erwähnt.

Annika lachte, stellte die Flaschen auf ein Fenstersims und boxte Kristian in die Seite.

„Na, dann los.“ Sie beugte sich herab und lief um die Kisten herum. Ihr Kleid schob sich hoch und gab kurz den Blick auf ihre Oberschenkel frei.

„Was ist mit dir? Stehst du nur da rum und glotzt oder hilfst du mir?“

Kristian wandte sofort den Blick, spürte, wie das Blut in seinen Kopf lief und begann, in Kisten zu kramen. Es dauerte zehn Minuten, bis sie die Gläser gefunden hatten. Annika spülte sie aus, Kristian öffnete die erste Flasche mit seinem neuen Hebelkorkenzieher und dann saßen sie auf Kristians altem Sofa, das er zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte, und stießen die Gläser gegeneinander.

„In die Augen schauen“, rief Annika. „Du weißt doch, was sonst passiert.“

Kristian hatte keine Ahnung und überlegte angestrengt, was sie meinen könnte.

Annika lachte laut auf. „Jetzt siehst du aus wie eine Kuh beim Melken.“ Und nach einer Pause: „Steht dir aber.“ Und dann: „Auf Berlin. Nein, auf dich. Auf dich in Berlin.“

„Auf uns in Berlin“, meinte Kristian mit krächzender Stimme.

„Auf uns in Berlin!“

Sie tranken und schluckten. Sie redeten und tranken. Sie sahen sich an und Annika sprühte vor Lebenslust. Kristian musste aufpassen, dass er sie nicht zu sehr anstarrte, dass er in ihre Augen sah und nicht auf ihren Körper, ihr enges Kleid. Plötzlich lächelte er von einem Ohr zum anderen.

„Warum lächelst du?“, fragte Annika. Der Rotwein hatte ihre Lippen dunkelrot gefärbt.

„Ich weiß nicht“, sagte er. Weil ich glücklich bin. Und dachte nicht, sondern sprach: „Weil ich glücklich bin.“ Weil du hier bist. Und dachte nicht, sondern sprach: „Weil du hier bist.“ Das hatte er noch nie zu einer Frau gesagt. Und dachte nicht, sondern sprach: „Das habe ich noch nie zu einer Frau gesagt.“ Kristians Gesicht glühte im Dämmerlicht.

„Du bist ja ein ganz Schneller“, hauchte Annika und versank zusehends in den durchgesessenen Kissen.

Kristian zuckte unmerklich zusammen. Was meinte sie denn damit? Sie sah ihn mit einem Seitenblick an. Bedeutete das etwas…? Und sprach nicht, sondern dachte: Sollte er sie jetzt küssen? Oder ging er damit zu weit? Was, wenn sie es nicht wollte? Wenn sie ihn auslachte? Und dann war der Moment vorbei. Annika rappelte sich wieder hoch und griff zur Flasche.

„Noch Wein?“

„Ja, klar.“

Sie schenkte ein und stellte die leere Flasche neben das Sofa. Sie stießen an und sahen sich in die Augen. Sie hatte ihre Wimpern mit schwarzer Farbe verdichtet.

„Lebst du gerne?“, fragte sie unvermittelt.

Kristian hätte sich beinahe verschluckt.

„Ja“, sagte er. Und nach einer Pause: „Meistens.“

„Wärst du schon einmal lieber tot gewesen als lebendig?“ Mit einem Mal schien alle Lebensfreude aus ihr gewichen. Mit ernstem Gesicht saß sie neben Kristian, ihre Aura war plötzlich noch stärker als zuvor, doch jetzt war sie düster wie ein frisches Grab. Das schwindende Licht ließ ihr Kleid schwarz glänzen und mit ihrer dunklen Silhouette wirkte sie wie ein Gespenst.

„Ich, äh, keine Ahnung.“ Kristian hatte plötzlich das überwältigende Gefühl, das Zwielicht nicht mehr auszuhalten. „Ja, wahrscheinlich schon. Ich meine, das denkt doch jeder mal. Aber…“

„Manchmal wache ich morgens auf und denke: Vielleicht wäre es besser, wenn ich tot bin“, sagte sie mit dünner Stimme und ein Schauer lief Kristian über den Rücken.

„Das ist doch Quatsch“, rief Kristian. „Ich meine, klar hat man immer mal Phasen, in denen man sich scheiße fühlt und nicht weiß, wie es weitergeht und ob man es schafft und alles. Aber dann wird es doch auch immer wieder besser. Und man muss ja auch an die ganzen anderen Leute denken. Man ist ja nicht alleine auf der Welt. Und oft gibt es viel mehr Leute, die einen lieben, als man denkt. Und außerdem…“

„Ja? Wen denn?“, unterbrach ihn Annika.

„Naja, alle deine Freunde. Deine Eltern…“

„Meine Eltern“, wiederholte Annika mit einem giftigen Spott, der Kristian erschreckte.

Und dachte nicht, sondern sprach: „Und, ähm: Ich!“

Annika sagte nichts. Vor den Fenstern verschwand das Sonnenlicht und alle Farben wurden aus dem Raum gesogen.

„Und schließlich…“, redete er weiter. „Man ist doch später auch noch lange genug tot. Ich hatte schon oft Momente in meinem Leben, wo es mir schlecht ging. Aber danach kamen immer wieder tolle Momente. Und ich bin mir sehr sicher mittlerweile, dass es immer so sein wird. Dass auf jeden schlechten Tag auch wieder ein guter folgt. Und es wäre doch traurig, den zu verpassen.“

„Du bist sehr süß“, sagte sie leise. „Du willst mir wirklich helfen, oder?“ Sie machte eine Pause, Kristian konnte ihre Augen nicht sehen, aber es sah so aus, als schaue sie in eine andere Welt. „Weiß Gott, ich kann Hilfe gebrauchen.“ Wieder eine Pause. „Oder weiß der Teufel.“

„Ja, natürlich will ich dir helfen. Ich finde dich sehr…, also, ich meine, wir kennen uns ja eigentlich noch gar nicht.“ Dachte nicht, sprach. „Aber manchmal ist es ja so im Leben, dass man jemanden trifft und man denkt sich oder man weiß, das ist jemand Besonderes. Und, also, ich weiß jetzt natürlich nicht, wie das bei uns jetzt ist, aber ich bin zumindest sehr froh, dass ich hier eingezogen bin.“

Kristians Atem ging schneller.

Annika streckte ihre Hand aus und streichelte seine Wange. Sie war kalt und zart.

„Darüber bin ich auch sehr froh“, sagte sie leise.

Und dann beugte sie sich nach vorne, ihm entgegen, weiter, drehte behutsam ihren Kopf. Und küsste ihn.

In Kristian explodierten tausend Sonnen. Er begann, am ganzen Körper zu zittern. Doch er küsste sie zurück, presste seine Lippen gegen ihre, legte alles, was er hatte, in diesen Kuss und war der König der Welt. Sie legte ihren Arm um seinen Kopf, kraulte seinen Nacken, biss vorsichtig in seine Unterlippe. Kristian sog gierig alle Gefühle, alle Schauer in sich hinein, merkte sich ihren Geschmack, jede ihrer Bewegungen, dieses einzigartige, einzigartige Gefühl, von einem Mädchen geküsst zu werden.

Für einen Moment ließ sie von ihm ab, sah ihm in die Augen und lächelte. Er lächelte, aus ganzem Herzen, zurück. Dann küssten sie sich weiter, weich und wild. Übermäßig, bedürfnisvoll küsste Kristian ihre schmalen Lippen, ihre Nase, Stirn, spürte ihre duftenden Haare in seinem Gesicht, ihre Zunge in seinem Mund. Er streichelte ihre Hüfte, ganz selbstverständlich ihren Hintern, ihren weichen, runden Hintern, sie streichelte seinen, kniff hinein, kniff in seinen Bauch. Sie saßen und lagen, umarmten sich und Kristian spürte das Leben, dieses süße, großartige Leben so nah und rein, dass es ihm den Atem verschlug. Wenn er seine Augen öffnete, sah er ihre Haut, ihre Haare wie seine eigenen vor sich, konnte nicht glauben, was hier geschah, konnte nicht glauben, was mit ihm passierte und hätte seine Freude, seine Lebenslust, sein unbändiges Glück alle Augenblicke in die Welt hinausschreien können. Er tastete nach ihren Brüsten, rund und weich waren sie, doch schnell führte ihre Hand seine Finger wieder fort. Noch einmal versuchte er es und spürte seine Erektion knochenhart zwischen den Beinen. Wieder lenkte sie seine Finger zurück.

„Ich bin da sehr empfindlich“, flüsterte sie und streichelte seine Wange, küsste ihn lange auf den Mund. Je länger sie sich umarmten, je länger sie sich küssten, umso stärker pochte die Lust in Kristians Lenden. Aber immer, wenn er den Versuch unternahm, mit der Hand unter ihr Kleid zu schleichen, schob sie sie fort. Er streichelte ihr Haar, hätte so gerne ihren nackten Rücken, ihre nackten Brüste berührt, ein nacktes Mädchen, nackte Frau in seinen Armen gehalten.

Doch sie ließ ihn nicht.

Sie streichelten, küssten, liebkosten sich eine lange Zeit. Und irgendwann, als Kristian einen letzten Versuch begonnen hatte, sagte sie: „Kristian, nein. Es ist noch zu früh.“ Und später: „Nicht heute Abend, Kristian, nicht heute.“ Und Kristian merkte, wie ihre Bewegungen langsamer wurden, wie ihre Hände von seinem Körper abließen, wie sich ihre Lippen von seinen zurückzogen und sie, ihr Körper gegen seinen gelehnt, gänzlich zur Ruhe kam.

„Ich möchte nur neben dir liegen“, flüsterte sie in sein Ohr und der Ton in ihrer Stimme duldete keinen Widerspruch. Und so ließ auch Kristian von ihrem Körper ab, während sein Wunsch nach Sex noch immer hart gegen ihren Oberschenkel presste. Kristian fühlte sich schlecht. Warum machte sie denn nicht weiter? Warum wälzte sie sich erst mit ihm durch die Nacht, um dann kurz vor dem großen Moment von ihm abzulassen?

„Es ist schön, in deinem Arm zu liegen“, flüsterte sie und kraulte seine Nackenhaare. Und selbstvergessen: „Einmal keine Angst haben zu müssen.“

„Angst?“, wiederholte Kristian, doch sie reagierte nicht. „Annika?“

„Was?“, fragte sie leise.

„Wovor hast du Angst?“

„Lass uns nicht darüber sprechen. Es ist so ein schöner Moment.“

„Aber ich könnte dir helfen“, hörte Kristian sich sagen und streichelte in der Dunkelheit seines Wohnzimmers vorsichtig ihr Haar. Annika lachte laut auf und für einen Moment klang ihre Stimme dabei fremd und Furcht erregend.

„Lass uns nicht davon sprechen“, wiederholte sie. „Lass uns lieber ein bisschen träumen. Was sind deine Träume, mein süßer Kristian?“

Kristians Herz machte einen Sprung. Wie oft hatte er sich gewünscht, so genannt zu werden?

„Ich weiß nicht. Eine Familie“, sagte er schließlich. „Einen Menschen, den ich liebe, nicht nur manchmal, am Feiertag, sondern jeden Tag, der mir vertraut, dem ich vertraue…“

„Ja, Vertrauen…“, hauchte Annika schwerblütig.

„Du hältst mich bestimmt für spießig.“

„Nein“, sagte sie und fuhr mit ihrer Hand unter sein Hemd, streichelte langsam seinen Bauch. „Ich finde, das klingt schön.“

Sie schwiegen, Kristian lag mit offenen Augen in der Nacht. Irgendwann fragte er sie: „Was ist dein Traum?“

Als er schon dachte, sie sei eingeschlafen, antwortete sie mit einer düsteren Stimme, die nicht ihr zu gehören schien: „Nicht weit von hier gibt es einen Keller. Wenn ich dort bin, dann bin ich ganz bei mir. Dort muss ich keine Angst haben. Wenn ich dort bin, dann ist alles gut. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages aus diesem Keller heraustreten und ein neues Leben beginnen kann.“

„Aber wovor hast du denn Angst?“

„Ich werde dich da nicht mit hineinziehen.“

„Aber ich kann dir helfen. Ich möchte dir helfen.“

„Du kennst die Welt nicht. Du bist nett. Du willst keinem etwas Böses. Aber du weißt nicht, was da draußen für Leute herumlaufen.“

„Wieso? Was soll das heißen?“

„Lass uns jetzt nicht darüber reden.“

„Wieso sagst du solche Sachen? Du bist doch noch so jung.“

Wieder lachte sie auf. „Du bist süß, Kristian. Es ist schön, dass es dich gibt. Vielleicht bist du genau das, was ich jetzt brauche.“

Kristian wusste nicht, was er noch sagen sollte. Auf einmal fühlte er sich unwohl neben ihr. Machte sie ihm nur etwas vor? Wollte sie seine Naivität ausnutzen, um sich wichtig zu machen? Oder hatte sie wirklich Probleme? Er suchte nach den richtigen Worten.

„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie plötzlich und drehte sich zur Seite.

„Jetzt schon?“, fragte Kristian laut. „Willst du nicht noch etwas hierbleiben?“

Sie gab ihm einen warmen Kuss auf den Mund. „Es war schön mit dir.“

„Aber Annika, warum…“ Und schon stand sie neben dem Sofa, strich ihr Kleid glatt.

„Wann sehen wir uns denn wieder?“, fragte Kristian.

„Ich weiß nicht“, sagte sie.

„Darf ich ein Foto von dir machen?“, fragte Kristian.

„Nein.“

„Dieser Abend bedeutet mir sehr viel und…“

„Nein!“, spie sie plötzlich so laut hervor, dass er zusammenzuckte. „Mach keine Fotos von mir!“ Und beugte sich zu Kristian hinunter. „Mach niemals Fotos von mir!“

„Aber warum denn…?“

„Lass es einfach“, zischte sie. Ihre Wut stand plötzlich wie eine Mauer zwischen ihnen. Dann drehte sie sich wortlos um, lief in den Flur, zur Wohnungstür und war verschwunden.

Kristian lag noch lange mit einem dumpfen Gefühl auf seinem zerwühlten Sofa und starrte in die Finsternis.

22. April

Als Kristian den Zettel gelesen hatte, war die Anspannung wie warme Butter von ihm herabgeglitten. Komme morgen Abend um neun zu dir, hatte darauf gestanden. Und darunter, in einer geraden, kontrollierten Schrift: Annika. Wie lange der Zettel halb unter der Wohnungstür gelegen hatte, wusste er nicht. Doch der Rest des Abends war federleicht vergangen.

Am späten Nachmittag des folgenden Tages stand Kristian der Schweiß auf der Stirn. In der Mittagspause war er losgegangen, um ein teures Kochbuch zu besorgen. Unter seinem Schreibtisch hatte er lange herumgeblättert auf der Suche nach einem unvergleichlichen Rezept. Beinahe hätte er seine Mutter angerufen und um Rat gefragt. Schließlich hatte er sich für Loup de Mer mit Apfel-Zwiebel-Risotto entschieden, die Zutaten nach Feierabend im Biomarkt geholt. Und nun stand er seit zwei Stunden in seiner schmalen Küche und schnitt, würzte und kochte. Alle Sinne waren gespannt, doch immer, wenn er für einige Sekunden innehielt, musste er grinsen und fühlte sich flatterig und ruhelos wie ein Kolibri. Annika war in seinem Herzen, seinem Verstand. In seinem Blut, Gedärmen, in seinem Fleisch. Die halbe Nacht hatte er nicht schlafen können, jede Minute des vorletzten Abends hatte er rekonstruiert, jede einzelne ihrer Berührungen, jeden Kuss, jedes Wort. Es war passiert, endlich war es passiert. Sie hatten zwar nicht miteinander geschlafen. Aber sie hatte in seinen Armen gelegen, er hatte sie geschmeckt, in sich hineingesogen. Und sie war es, die ihn nun wiedersehen wollte. War es da nicht nur eine Frage der Zeit, bis sie miteinander schliefen?

Kristian durchmischte das Risotto. Dann klingelte es an der Tür.

Kristian erstarrte, sein Blick hetzte zur Uhr. Es war doch noch viel zu früh. Der Fisch war noch gar nicht fertig. Scheiße, was sollte er denn jetzt machen? Es klingelte noch einmal. In jedem Fall konnte er sie nicht vor der Tür stehenlassen.

Er drehte das Gas aus und lief in den Flur. Vor der Tür verharrte er einige Sekunden. Dann öffnete er.

Annika stand im Dunkeln. Ihre Züge verschwammen mit der Finsternis. Sie stand gebeugt, die Haare fielen in ihr Gesicht, ihre Gestalt wirkte schmaler als sonst. Und noch etwas war anders: Ihre sprühende Aura war wie erloschen. Sie stand im Flur und sagte kein Wort. Kristian lief ein Schauer über den Rücken.

„Annika?“, fragte er endlich und hörte seine eigene Stimme kaum. Nun sah sie zu ihm auf. Ihre Augen waren schwarz wie Kohlensteine. Langsam streckte sie ihren Arm aus. Es klirrte metallisch. Automatisch öffnete Kristian seine Hand und sie legte etwas hinein. Kalt und hart.

„Ich muss weg“, sagte sie. Ihr schmaler Mund war in der Dunkelheit nicht zu erkennen.

Kristian verstand nicht: „Was? Wieso? Willst du nicht…?“

„Kannst du meine Blumen gießen, solange ich weg bin?“

„Annika, willst du nicht…?“

„Machst du es?“

„Natürlich, aber, ich meine… Wann kommst du denn wieder?“

„Ich weiß nicht. In ein paar Tagen.“

„Aber… ich… Ich hab’ doch…“ Er wusste nicht, was er sagen sollte.

Doch Annika hörte ihm ohnehin nicht zu. Wortlos drehte sie sich um und war in Sekunden im Dämmerlicht des Treppenhauses verschwunden. Kristian blieb in der offenen Tür zurück und merkte, wie ihm schlagartig kalt wurde. Schon nach wenigen Sekunden waren ihre Schritte nicht mehr zu hören. Mit einem Mal ergriff Verzweiflung von ihm Besitz, wie er sie noch nie gespürt hatte. Er fühlte sich verlassen, so verlassen, wie sich nur jemand fühlen kann, der gerade erst gefunden worden war.

Plötzlich lief auch er die Stufen hinab. Folgte ihr, ohne zu überlegen, durch das dunkle Treppenhaus, aus der Haustür heraus auf den Waschbetonweg. Hastig sah er sich um. Sie war nirgends zu sehen. Mit langen Schritten lief er zur Straße hinüber, die kalte Frühlingsluft stach in seinen Lungen. Dann sah er sie. Während ein schwerer Güterzug donnernd über die alte Eisenbahnbrücke fuhr, ging sie einsam und klein über den aufgesprungenen Gehweg. Mutlos blieb er stehen. Was könnte er ihr schon sagen, wenn er ihr jetzt hinterherlief und sie an der Schulter herumdrehte? Sie hatte ja recht: Was wusste er schon vom Leben?

Sie war alles, was er hatte in dieser Stadt. In dieser Welt. Aber was würde sie das schon interessieren?

Dann griff er, ohne nachzudenken, in seine Hosentasche, zog sein Handy hervor und machte ein Foto, noch eins und noch eins, bis sie unter der alten Straßenlaterne um die Häuserecke verschwunden war.

23. April

Vorsichtig öffnete Kristian die Tür. Ein feister Geruch nach Moder und feuchter Erde drang ihm entgegen. Noch auf der Schwelle hielt er inne und schloss die Augen. Er fühlte sich, als betrete er eine verborgene Schatzkammer. Für einen Moment hoffte er, sie sei doch nicht verschwunden und erwarte ihn in der Küche. Oder im Schlafzimmer.

Dann trat er hinein. Der Flur war schmal und dunkel. Kristian tastete nach dem Lichtschalter, legte ihn um, doch nichts geschah. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er eine Tür erreichte, unter der mattes Licht hindurchsickerte.

Warum hatte sie ihm ihre Schlüssel gegeben? Sie kannten sich doch kaum. Hatte sie keine anderen Freunde? Und warum war sie nur so sauer auf ihn gewesen, als er sie fotografieren wollte?

Kristian öffnete die Tür. Dahinter lag das Wohnzimmer. Sofort wurde der Modergeruch noch schwerer. Ein Sofa mit weißer Husse stand in der Mitte des Raumes, direkt vor einem breiten Fenster, das den Blick zur Straße und zu den dahinterliegenden Bahngleisen führte. Man sah rostbraune Güterzüge und dürres Gras, das zwischen den Schienen wuchs. In hellen Regalen aus Birkenholz reihten sich hunderte Buchrücken aneinander. An den Wänden hingen impressionistische Drucke, hellblaue Tupfer und verwaschene Szenen an See und Meer. Und dazwischen, überall dazwischen, standen Pflanzen. Standen Blumen, Kräuter, in üppigstem Grün, vereinzelt mit roten, gelben, hellrosafarbenen Klecksen.

Doch irgendetwas stimmte hier nicht.

Kristian ging langsam in den Raum hinein und sah genauer hin. Die Pflanzen waren welk, in ihren Töpfen schwappte modrigschwarzer Schlamm, der sich hier und dort über die Ränder ergossen hatte und nun auf dem nassen Parkettboden klebte. Viele Stängel waren faulig und konnten kaum das Gewicht der Blätter tragen. Und über allem hing ein schwerer Geruch nach Verderben. Je länger Kristian die dampfige Luft einatmete, desto elender wurde ihm. Unwillkürlich ging er zu einer weiteren Tür hinüber, die von der rechten Seite des Raumes abzweigte, und stieß sie auf.

Auch hier, in der Küche, faulten unzählige Pflanzen vor sich hin, dicht an dicht, sich gegenseitig vergiftend. Sie standen auf dem Boden, auf dem Fenstersims, auf Regalen und der Anrichte. Ihre schwarzen Untersetzer waren randvoll mit stinkendem Brackwasser. Über allem flogen fette Fliegen und tauchten ihren Rüssel in die sterbenden Blüten.

Nach einer Weile ging er zu den Fenstern hinüber und riss sie auf, bevor er mit einem Küchenhandtuch wie von Sinnen die schwarzen Fliegen erschlug. Dann ließ er sich in das Sofa fallen, während seine Gedanken, wie die Fliegen, in seinem Gehirn umherschwirrten.

Hatte Annika all diese Pflanzen zu Tode gewässert? Wer sollte es sonst getan haben – schließlich war es ihre Wohnung? Nur weshalb hatte sie es getan? Und weshalb hatte sie ihm dann die Schlüssel gegeben? Ihr war doch klar, dass er es entdecken würde. Plötzlich verspannten sich Kristians Muskeln. In ein paar Tagen würde sie zurückkehren! Wie sollte er dann reagieren? Wie würde sie reagieren? War sie vielleicht manisch-depressiv? War sie schizophren? Sofort erstand ihr Bild in seinem Geiste, eingebrannt im Großhirn für alle Zeiten. Ihre rundliche Gestalt im dünnen Kleid. Die großen Augen. Ihre großen, unergründlichen Augen.

Plötzlich löste sich Kristian aus seiner Erstarrung und sprang aus dem Sofa auf. Er hatte ja noch gar nicht die anderen Räume gesehen. Schon stand er wieder an der Tür und blickte den finsteren Flur hinunter. Langsam, mit weit aufgerissenen Augen, tastete er sich voran. Und hielt inne.

Mit einem Mal sah er sie vor sich stehen, dort hinter der Finsternis, wie sie auf ihn wartete, die Lippen blutrot geschminkt, die Augen im Irrsinn verdreht. Kurz überlegte Kristian, ob er diese Wohnung auf der Stelle wieder verlassen, ob er Annika nicht, so schnell es ging, wieder aus seinem Leben verbannen sollte? Würde sie ihm nicht ausschließlich Probleme bereiten? War es nicht eindeutig, dass etwas mit ihr nicht stimmte? Doch Kristian ahnte, so wie Tiere das Gewitter ahnen, dass sie sich bereits mit Widerhaken in seine Seele gestochen hatte. Ein Zurück würde es nicht mehr geben. Und so tastete er sich weiter voran und verschwand allmählich in der Finsternis.

Ein Hilferuf.

Kristian öffnete die Augen. Das Licht der Straßenlaterne verwandelte sein Wohnzimmer in eine grobkörnige Schattenlandschaft. Er drehte sich auf den Rücken. Seit der Nacht mit Annika schlief er nur noch auf dem Sofa und versuchte, ihren Duft aus den staubigen Kissen in seine Sinne zurück zu fantasieren.

Es war ein Hilferuf, dachte er und war sofort hellwach. Sie hatte ihm die Schlüssel gegeben, weil sie wollte, dass er ihre vermodernden Pflanzen fand. Sie kam nicht mehr zurecht mit ihrem Leben. Sie brauchte Hilfe. Kristian rappelte sich auf.

Natürlich! Jetzt ergab alles einen Sinn. Sie hatte doch selbst gesagt, dass sie mit ihrem Leben nicht mehr klarkam. Dass sie jetzt einen Freund brauchte. Dass er vielleicht genau der Richtige für sie sei. Sie bräuchte jemanden, der zu ihr hielt, der ihr den Glauben an das Leben, an das Gute im Menschen wieder zurückgab. Sie konnte es ihm nicht sagen, deshalb hatte sie es ihm gezeigt. Kristian fuhr sich durch die Haare, biss sich auf die Lippen. Plötzlich stand er im Zimmer, lief von einer Seite zur anderen.

Etwas Geheimnisvolles verbarg sich hinter ihrer aufgekratzten Art. Ihre düsteren Andeutungen, ihre seltsame Wohnung. Die verschlossene Tür am Ende des finsteren Flures, ganz am Ende, noch hinter Badezimmer und Abstellraum, zu der keiner der drei Schlüssel passte, die sie ihm gegeben hatte. Kristian ging mit nackten Füßen in seine Küche, holte ein Berliner Pilsner aus dem Kühlschrank und öffnete es mit einem Feuerzeug. Er nahm einen langen Schluck.

Wenn man ehrlich war, war bisher alles in seinem Leben langweilig gewesen. Seine Klamotten, seine Hobbys, seine Freunde. Keine Frauengeschichte, keine Siege im Sport, keine durchfeierten Nächte. Doch jetzt, endlich, passierte etwas. Und es fühlte sich gut an.

Dieses Mal würde er sich nicht verkriechen!

Er würde Annika helfen!

24. April

Am nächsten Tag kaufte sich Kristian Gartenhandschuhe und Heckenschere, eine kleine Schaufel, Blumenerde und verstärkte Plastiksäcke und begann, faule Pflanzen und stinkendes Wasser zu entsorgen und zu retten, was an Gewächs noch zu retten war in dieser Wohnung. Als die Arbeit getan war, begann er, sich genauer in den Räumen umzusehen. Er inspizierte Schränke und Kommoden, Kühlschrank und Regalwände. Und fand nichts als zartrosa verzierte Teller und einen Vorrat an tiefdunkler Schokolade. Dazu einen welken Apfel und Frauenmagazine. In den Bücherregalen teure, staubfreie Hardcover. L’Invitée von Simone de Beauvoir, Die Titanic und Herr Berg von Kirsten Fuchs, Haroun and the sea of stories von Salman Rushdie, Skyskraperengler von Tove Nilsen. Über Stunden suchte er. Musste es nicht auch Rechnungen geben, Verträge, Fotos? Ein Tagebuch? Unverhohlen spürte Kristian den Wunsch, tief in Annikas Leben einzudringen, darin zu wühlen und ihr Intimstes offen zu legen. Ihr Essen zu essen, ihre Kleider zu berühren, zu sehen, was sie sah, zu fühlen, was sie fühlte. Er kannte die Frauen doch nur aus Büchern, aus Internetpornos. Und nun durfte er ihr so nah sein, wie er noch nie einer Frau nahe gewesen war. Er war ein Voyeur, er war ein Schwein. Er fühlte sich mies. Er fühlte sich großartig.

25. April

Im Baumarkt kaufte sich Kristian in der Mittagspause festen Draht und eine Flachzange. In Annikas Sessel bog er den Draht am Abend unter Schmerzen und riss sich die linke Handfläche auf, bis der Draht halbwegs aussah wie ein Dietrich. Dass er seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, fiel ihm nicht auf.

Dann stand er wieder vor der verschlossenen Tür, Blut gerann auf seiner Haut, und vorsichtig führte er den Draht in das schwarze Schlüsselloch. Lange drehte er ihn zur Seite, Metall kratzte über Holz, über Metall. Schließlich gab der Widerstand mit einem Schlag nach. Kristian öffnete die Tür.

Er hielt den Atem an, als sie in den düsteren Raum hineinschwang, als er sich mit vorsichtigen Schritten in die Mitte des Zimmers stellte. Weinrote Vorhänge verdeckten die Fenster. Die Tür des schmalen Kleiderschranks stand offen und gab den Blick frei auf weiße Kleider, pastellfarbene Röckchen, hellblaue Jeans. Auf der anderen Seite des Zimmers stand das Bett, niedrig war es, breit, die hellblaue Bettdecke zerwühlt. Kristians Atem ging schneller. Er schloss die Augen. Genoss den Moment. Im Schlafzimmer einer Frau. Nicht mit ihr zusammen, nein, intimer noch. Alleine.

Er öffnete die Augen wieder, stellte sich vor, mühelos, wie sie in diesem Bett lag, bekleidet nur mit einem weißen Hemdchen. Wie sie am Morgen aufstand, zu ihrem Kleiderschrank hinüberging, Höschen und BH, Jeans und Oberteil aussuchte. Und dann, die Gardine war ja geschlossen, ihr Nachthemd auszog und nackt, jung, durch die Wohnung lief. Kristians Atem wurde schwer. Vorsichtig löste er sich aus seiner Ecke, ging zum Schrank hinüber und berührte ihre Kleider, der Stoff war sanft und rau, fuhr behutsam mit den Fingerspitzen über die gestapelten Jeans, schloss wieder die Augen und hielt seine Nase durch die offene Tür hinein ins Innere des Schrankes, bis ihn die feinen Kleider an den Wangen kitzelten. Es roch intensiv, ehrlich, wonach, wusste er nicht. Er öffnete eine Schublade im Schrank, entdeckte ihre Höschen und nahm eines von ihnen heraus.

Deutlich spürte er sein Herz schlagen, als er im rötlichen Zwielicht des Zimmers seine Hose auszog und sich vorsichtig in das zerwühlte Bett legte. Hier war der Geruch noch stärker, ein wenig süßlich, ein wenig herb, nach Mensch, überwältigend nach Frau. Kristian merkte, wie er eine Erektion bekam. Er führte ihr Höschen an sein Gesicht, schob vorsichtig eine Hand in seine Unterhose. War er pervers? Noch einmal sah er sich in ihrem Zimmer um, dann schloss er die Augen und, überdeutlich, sah er sie vor sich, ihr sprühender Blick, warme Lippen, wie sie am Morgen ihr Nachthemd über den Kopf zog und ganz selbstverständlich die Nippel ihrer Brüste herausstreckte. Dann schob er seine Vorhaut zurück.

26. April ff.

Annika drehte ihm den Rücken zu. Sie stand am offenen Fenster, das Haar fiel über ihre Schultern. Sie stand starr wie ein Pfahl. Kristian rief ihr etwas zu, wollte zu ihr gehen, doch er konnte nicht. Plötzlich zuckte sie zusammen, schrie etwas, krümmte ihren Rücken, so als habe sie entsetzliche Schmerzen. Kristian wollte ihr helfen, wollte sie umarmen und fortbringen aus dieser kalten Wohnung. Doch er konnte es nicht.

Dann, langsam, hob sie ihre Hand an den Fensterrahmen, ihre eingerissenen, knochigen Finger. Mit einem Bein stieg sie auf die Fensterbank, zog mühsam das andere nach und stand im offenen Fenster. Halt, wollte Kristian rufen, was machst du denn da? Er spürte, wie Tränen seine Wangen herabliefen. Dann drehte sie sich um, langsam zu ihm um, starrte ihm in die Augen. Und Kristian begann zu schreien. Ihr Gesicht war eingefallen, skelettartig. Wie tot. Er schrie noch, als sie sich wieder umdrehte und aus dem Fenster sprang. Schrie noch, als er erwachte.

Hinter den blutroten Vorhängen drang grobkörnig das erste Licht des Morgens ins Schlafzimmer hinein. Entsetzt starrte Kristian gegen die Wand, an der er eben noch gestanden und mit angesehen hatte, wie Annika starb. Warum war sie nur gesprungen? Ekelerregend klebte Kristians Zunge am Gaumen.

Er musste ihr helfen!

Sie war doch noch so jung. Was war bloß los mit ihr? Warum war sie gegangen? Warum kam sie nicht zurück? Kristian spürte das Kribbeln in seinen Augen, die Tränen auf seinen Wangen.

Er liebte sie doch. Er liebte sie doch so qualvoll. So brennend.

Was würde er dafür geben, sie jetzt in seinen Armen halten zu können? Ihr beruhigend ins Ohr zu hauchen. Ich bin bei dir, mach dir keine Sorgen. Mach dir keine Sorgen, meine Süße.

Vorsichtig umarmte er das Kissen. So gerne würde er ihr etwas bedeuten. Was sollte er denn sonst noch in dieser fremden Stadt voller Schlaglöcher, in dieser fremden Welt? Kristian drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.

Um neun Uhr rief er bei der Arbeit an und meldete sich krank. Er wusste, es würde keinen guten Eindruck machen. Aber er konnte nicht anders. Liebeskummer war von der Gesellschaft nicht als Krankheit anerkannt. Aber er tat doch weh. Er tat doch so weh.

Um zehn Uhr lag Kristian noch immer in Annikas Bett. Er betrachtete die schemenhaften Bilder, die er mit seinem Handy gemacht hatte. Zärtlich, sterbenselend. Irgendwann fing er an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Seit fast einer Woche war sie jetzt verschwunden. Warum bloß hatte er sich ihre Handynummer nicht geben lassen?

Kristian blieb den ganzen Tag in Annikas Bett, rollte sich zusammen wie ein angeschossenes Tier und betrachtete, alle Stunde von Neuem, ihre Bilder. Am nächsten Tag ging er wieder ins Büro. Auf dem Heimweg fuhr er in den Supermarkt und kaufte Gemüse, Obst, Konserven. Reis, Spaghetti und Wein. In ihrer Wohnung füllte er die Regale, setzte sich in ihren Sessel und las ihre Bücher. Er kaufte neue, bunte Blumen, kochte sich Spaghetti, trank Rotwein dazu und schaute durch ihr Fenster auf die Gleise. Immer, wenn er aus dem Treppenhaus ein Geräusch hörte, zuckte er zusammen. Doch die Geräusche verschwanden und es wurde wieder still.

Sollte er zur Polizei gehen? Aber was könnte er dort schon sagen? Er wusste ja nichts von ihr. Und vielleicht, dachte Kristian, wollte sie mit der Polizei auch nichts zu tun haben.

Als er in der nächsten Nacht wach in Annikas Bett lag und die kleine Nachttischlampe lange Schatten gegen die kahlen Raufaser- wände warf, rutschte sein Handy zwischen Matratze und Bettgestell. Ohne hinzusehen, tastete Kristian mit der Hand hinterher – und spürte mit einem Mal ein Stück Papier zwischen seinen Fingern. Vorsichtig zog er es heraus und hielt es ins Licht. Es war ein zerknitterter, mehrfach geknickter Zettel. Überrascht und neugierig faltete er ihn auseinander, sah ein beigefarbenes Blatt, blass mit Bleistift beschrieben. Kristian konnte die Schrift kaum entziffern, doch mit wachsendem Entsetzen arbeitete er sich Zeile für Zeile voran und als er zu Ende gelesen hatte, hatten sich seine schlimmsten Befürchtungen erfüllt. Auf einmal fühlte er sich nicht mehr wohl in ihrer Wohnung. Er musste fort von hier, er war hier nicht mehr sicher.

Und er dachte an Annika.

Wo um Gottes Willen war sie nur hineingeraten? Er zwang sich aufzustehen, tastete sich vorsichtig durch die Wohnung, machte überall Licht und sah doch bedrohliche Schatten in jedem Winkel. In seiner Wohnung schloss er zweimal ab, schob eine Kommode vor die Tür und konnte doch die gesamte Nacht nicht schlafen. Noch Dutzende Male las er den Zettel. Und mit jedem Mal wuchs seine Beklemmung. Auf dem Zettel stand:

„Auch heute Nacht kann ich nicht schlafen, schon seit einer Stunde sitze ich hier. Ich habe solche Angst. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich ihn vor mir. Seit Stunden ist er schon fort.“

„Er ist wieder hier. Ich kann ihn hören. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Ich habe meine Schlafzimmertür abgeschlossen. Jetzt ist er auf dem Flur, er kommt zu mir. Er drückt die Klinke. Gott steh mir bei. Ich werde verrückt vor Angst. Was soll ich nur tun?“

„Am Nachmittag habe ich ihn kurz gesehen. Er sieht furchtbar aus. Er wollte mit mir reden, doch ich habe nicht zugehört. Ich glaube, er ist verrückt, er ist gefährlich. Jetzt ist er wieder fort. Heute Nacht habe ich ein Messer mitgenommen. Es liegt neben mir. Draußen wird es dunkel, ich schließe meine Finger um den Griff, aber die Angst geht nicht fort. Ich weiß, er wird wiederkommen, was soll ich nur tun? Ich will keine Angst mehr haben. Ich weiß, etwas Furchtbares wird geschehen. Ich will keine Angst mehr haben. Ich habe einen Plan gefasst. Vielleicht gehe ich fort.“

„Ich habe mich entschlossen. Ich gehe.“

Gabriel

27. April

Als Gabriel den Bahnhof Wittenbergplatz verließ, empfing ihn ein sanfter Nieselregen. Für einen Moment blieb er stehen und atmete tief ein. Er lauschte dem Stimmengewirr, den Motoren und schmeckte den Duft der Stadt auf seiner Zunge. Es schmeckte nach Abgasen und Currywurst. Gabriel hatte diesen Platz mit seiner bröckelnden Dekadenz schon immer geliebt. Es war sein allererster Eindruck von Berlin gewesen, als er mit seiner Klasse kurz vor der Wende die Stadt besucht hatte. Und der erste Eindruck ist immer der stärkste.

Gabriel überquerte die Kreuzung und ging die graue Keithstraße entlang, die das helle Grün der Bäume nur wenig freundlicher erscheinen ließ.

Als er vor der klobigen Hausfront des Landeskriminalamts 1 stehenblieb, musste er lächeln. Endlich war er zurück. Endlich keine kleinen Einbrüche mehr, keine Gespräche beim Sozialpsychiatrischen Dienst, die ohnehin zu nichts führten. „Haben Sie ein Problem mit Ihrer Wut, Herr Ocker?“ Er hatte sich zusammenreißen müssen, um nicht zu lachen.

Langsam arbeitete sich Gabriel das wuchtige Treppenhaus empor. Dann ging er, begleitet von einem leichten Kribbeln im Magen, durch den Flur seiner Abteilung, vorbei an den drei Büros, in denen seine Kollegen saßen. Am meisten Getöse kam wie üblich aus dem Büro von Tobias und Marco, die schon zu dieser frühen Uhrzeit bester Laune zu sein schienen.

„Da ist ja unser verlorener Sohn“, rief Tobias, als er Gabriel sah. „Na, wie war’s in der Provinz?“

„Gut“, murmelte Gabriel und beeilte sich, aus ihrem Sichtfeld zu verschwinden.

Sein Büro lag am Ende des Ganges auf der linken Seite. Er teilte es sich mit Tabea und Johannes. Johannes war ein hagerer Mann Ende fünfzig, der in seinem Leben mehr Leichen gesehen hatte als ein Leichenbestatter. Als junger Mann sei er einer der besten gewesen, hieß es. Dann kam die Scheidung, der Alkohol und nun war ihm nur noch der Zynismus geblieben und ein altes Segelboot am Wannsee. Tabea hatte Psychologie studiert und war in erster Linie an den krankhaften Seelen interessiert, die hinter den meisten Morden steckten. Denn, wie sie gerne sagte, die Fähigkeit zu morden, wohne dem Menschen nicht a priori inne. Sie sei entweder als Mutation angelegt oder durch Traumata erworben. Sie war die Einzige, auf die Gabriel sich gefreut hatte. Sowohl Johannes als auch Tabea telefonierten. Und so ging Gabriel direkt weiter in Klaus’ Büro.

Klaus saß an seinem Schreibtisch und starrte angestrengt auf den Monitor seines Rechners. Als er Gabriel sah, stand er auf und setzte sich auf die vordere Kante seines Schreibtisches, wie es immer tat.

„Gabriel“, rief er etwas zu laut, „gut, dass du wieder da bist. Wie sieht’s aus?“

Klaus war ein untersetzter Endvierziger, der mehr arbeitete, als ihm guttat. Er war mit Leib und Seele Polizist, was ihm im letzten Jahr die Beförderung zum Kriminaloberrat und zum Leiter einer Mordkommission eingebracht hatte. Seitdem arbeitete er noch mehr.

„Gut“, meinte Gabriel.

„Wie war’s in Marzahn?“

Gabriel verzog das Gesicht.

„Ich weiß, es hat dir nicht gefallen“, fuhr Klaus fort. „Aber es sollte dir ja auch nicht gefallen. Es sollte dir zeigen, was passiert, wenn man Scheiße baut. Und es war eine Warnung. Wenn eine solche Scheiße nochmal passiert, bist du hier raus. Ist dir das klar?“

Gabriel nickte mit steifem Nacken. „Ja.“

„Kannst du mir erzählen, so dass ich es glaube, dass eine solche Scheiße nicht nochmal passiert?“

Nein, konnte er nicht. „Ja, kann ich.“

„Sag es!“

„So etwas wie damals in der Kneipe wird nicht noch einmal passieren.“

Klaus sah ihm in die Augen. Schweiß klebte auf seiner Stirn. Irgendwie sah er anders aus als sonst. „Ich muss wissen, dass du wieder voll einsatzfähig bist. Ich muss wissen, dass du deine privaten Probleme im Griff hast. Ich muss wissen, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

Der Nacken steif wie Eichenholz. „Kannst du.“

„Dann ist die Sache für mich erledigt.“ Klaus atmete hörbar aus. Trotzdem wollte die Anspannung nicht von ihm weichen. Er wirkte ausgesprochen nervös. Lag es an dem neuen Fall? An den Morden, über die die ganze Stadt sprach?

„Danke, Klaus“, hörte Gabriel sich sagen. Und dann: „Haben wir den Fall?“

„Welchen Fall?“

„Die toten Brüder von Rosenthal.“ So hatten die Zeitungen die Morde genannt.

„Nein, haben wir nicht“, sagte Klaus. „Und darüber können wir, verdammt nochmal, froh sein. Alle sitzen den Kollegen im Nacken, der Innensenator, die Presse, jeden Tag gibt es Briefe, warum die Polizei den Mann noch nicht gefunden hat. Nichts macht die Leute so wild wie Gewalt an Kindern.“

„Hast du die Leichen gesehen?“, fragte Gabriel.

„Ja, hab’ ich“, meinte Klaus und seine Oberlippe zuckte. „Beschissen. Der große hatte einen kreisrunden, sauber ausgeschnittenen Krater im Bauch, die Rechtsmedizin weiß bis heute nicht, wie der zustande gekommen ist. Der Kleine ist mit einer Zange und Salpetersäure bearbeitet worden. Als er noch am Leben war. Der Mund war zugeklebt, damit die Nachbarn die Schreie nicht hören. Ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser Obdachlose aus Österreich das gemacht haben soll.“

Am Tatort hatten die Kollegen der Spurensicherung Fingerabdrücke gefunden, die niemandem aus der Familie zugeordnet werden konnten. Eine Abfrage in Österreich hatte ergeben, dass ein obdachloser Mann aus Kärnten vor Jahren einen ähnlichen Modus Operandi angewandt hatte: Er war in Schrebergärten eingedrungen, um dort zu übernachten oder Wertgegenstände zu stehlen. Wenn er von den Besitzern des Gartens überrascht wurde, hatte er sie angegriffen und in einem Fall schwer verletzt. So schwer wie bei dem Brudermord von Rosenthal waren die Verletzungen allerdings nicht gewesen. Die Kollegen aus Österreich hatten die Fingerabdrücke des Mannes nach Berlin geschickt und tatsächlich stimmten sie mit denen überein, die am Tatort gefunden wurden. Seitdem jagte „ganz Berlin“, wie es die Boulevardpresse formulierte, den „Ösi-Killer“.

„Wir werden ihn schon kriegen“, meinte Klaus. „Aber das soll nicht dein Problem sein, Ocker. Denn für dich…“ Klaus sah zur Tür hinüber, die einen Spalt offenstand. „Mach mal die Tür zu.“

Mit einem Kribbeln im Magen schloss Gabriel die Tür.

„Setz dich.“

Setzte sich.

„Also, was ich dir jetzt erzähle, bleibt unter uns. Ist das klar?“ Klaus’ Stimme hart wie eine Steinsäge.

Das Kribbeln nahm zu. „Ja, ist klar.“

„Du kennst doch den Meyerbeer von der CDU“, begann Klaus. „Aus dem Senat.“

„Ja, kenn’ ich.“ Meyerbeer hatte sich vor ein paar Monaten vehement für sozialen Wohnungsbau in den teuren Bezirken eingesetzt und war ständig in den Regionalnachrichten gewesen.

„Sein Sohn hat sich aufgehängt“, sagte Klaus und das Blut drückte gegen seine Wangen. „Naja, sagen wir: Er wurde erhängt aufgefunden.“

„Wann?“

„Vor drei Tagen.“

„Und?“

„Ich kenne Meyerbeer von früher. Ich war mit ihm auf der Schule. Als wir noch jung waren, waren wir oft zusammen unterwegs.“ Klaus hielt kurz inne und sah aus dem Fenster. „War eine schöne Zeit, aber wie das so ist mit Familie und Beruf: Keine Ahnung, wie lange wir uns jetzt nicht mehr gesehen haben. Jedenfalls: Die Kollegen von der K11 waren vor Ort. Es gab keine Spuren, weder am Körper des Jungen noch gab es Hinweise, dass jemand in die Wohnung eingestiegen ist. Sah also alles nach Selbstmord aus, ganz typisch. Deshalb haben die die Mordkommission gar nicht gerufen. Das hat aber Meyerbeers Frau nicht eingesehen. Sie macht jetzt Ärger.“

„Ja, und?“

„In sechs Tage ist die Wahl zum Vorsitzenden der CDU in Berlin.“ Klaus stand auf, lief ein paar Schritte und setzte sich wieder. „Meyerbeer kandidiert. Er hat mir erzählt, es sei die Chance seines Lebens. Seit Jahren hat er darauf hingearbeitet. Sein Ziel ist die Bundespolitik. Und er meint, wenn er den Job in Berlin bekommt, hat er gute Karten.“

Klaus sah Gabriel auffordernd an.

„Ja? Und?“, fragte Gabriel.

„Verstehst du nicht? Er will nicht, dass der Tod seines Sohnes an die Öffentlichkeit kommt. Weil er glaubt, wenn die Delegierten erfahren, dass vor kurzem sein Sohn gestorben ist, trauen sie ihm die Parteiführung nicht zu. Aber er will den Job.“

„Und was hab’ ich damit zu tun?“

„Er ist sich sicher, dass sein Sohn Selbstmord begangen hat. Der hatte wohl vorher auch schon so etwas angedeutet. Aber sie sind nicht mehr zu ihm durchgedrungen, meint er. Die K1 meinte ja auch, es war ein Selbstmord. Aber seine Frau spielt dabei nicht mit. Sie will das nicht akzeptieren. Sie sagt, die Mordkommission ermittelt nur deshalb nicht, weil ihr Mann Karriere machen will. Und der Mörder läuft noch da draußen rum. Aber das ist Unsinn. Sie will das nur nicht akzeptieren, weil…“, Klaus suchte nach Worten, „…weil sie glaubt, sie hätte als Mutter versagt, wenn er sich selbst getötet hat.“

Gabriel spürte, wie sich die Unruhe in seinen Muskeln ausbreitete. Grell zuckten die Gedanken hinter seiner Stirn. Was hatte das alles hier zu bedeuten?

„Ich möchte jetzt von dir, Ocker, dass du dir die Sache nochmal anschaust. Unter der Hand, verstehst du? Du sprichst mit der Mutter, mit dem Bruder, schaust dir die Wohnung nochmal an und sagst mir, was du denkst. Aber nur mir! Zu keinem sonst ein Wort! Verstanden?“ Klaus’ Bein begann zu wippen.

„Wieso?“, fragte Gabriel laut. „Die K1 hat doch schon gesagt, es war Selbstmord.“

Klaus presste seine Lippen zu einem Strich zusammen. Sein Blick wurde hart. „Die K1 ist die K1. Und die Mordkommission ist die Mordkommission. Ich will, dass du dir die Sache anschaust.“ Seine Stimme lauter. „Und ich will nicht hören, was dich alles daran stört. Du bist der Letzte, der hier Ansprüche stellen sollte. Du hast Scheiße gebaut und jetzt solltest du froh sein über jede Chance, die ich dir gebe.“