Am Ufer des Styx - Michael Peinkofer - E-Book

Am Ufer des Styx E-Book

Michael Peinkofer

4,4
7,99 €

Beschreibung

Herbst 1884. Ein Gefängniswagen mitten im Moor. Darin ein lebloser Körper. Wie tot. Unter seiner Zunge eine Münze - der Obolus für Charon, den Fährmann ins Totenreich. Die junge Archäologin Sarah Kincaid ist verzweifelt, denn der leblose Mann ist niemand anders als ihr Geliebter Kamal. Doch er ist nicht tot. Es gibt noch eine letzte Möglichkeit, ihn zu retten ... Von den engen Gassen Prags zu den unterirdischen Gestaden des Totenflusses Styx bis auf die einsamen Gipfel der Metora-Klöster: Sarah Kincaids neues Abenteuer garantiert einmal mehr atemlose Spannung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 649




Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

PROLOG

1. Buch

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

2. Buch

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

3. Buch

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

EPILOG

DANKSAGUNG

Fußnoten

Michael Peinkofer, Jahrgang 1969, studierte in München Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft. Seit 1995 arbeitet er als freier Autor, Filmjournalist und Übersetzer. Unter diversen Pseudonymen hat er bereits zahlreiche Romane verschiedener Genres verfasst. Bekannt wurde er durch die Bestseller DIE BRUDERSCHAFT DER RUNEN (Bd. Nr. 15249) und DIE ERBEN DER SCHWARZEN FLAGGE (Bd. 15417). Nach DER SCHATTEN VON THOT (Bd. 15648) und DIE FLAMME VON PHAROS (Bd. 15838) ist dies das dritte Abenteuer um die Archäologin Sarah Kincaid. Michael Peinkofer lebt mit seiner Familie im Allgäu.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe © 2009 by Michael Peinkofer und Bastei Lübbe AG,

Köln

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der

Autoren- und Verlagsagentur Peter Molden, Köln

Lektorat: Stefan Bauer

Zeichnungen: Daniel Ernle

Titelillustration: getty-images/Stephen Alvarez

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN: 978-3-8387-0336-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

FÜR ALOISUND HEDWIG,DIETAPFERSTEN MENSCHEN, DIEICHKENNE

PROLOG

PALASTVON ALEXANDRIAJANUARDES JAHRES 246 v. CHR.

Die Schreie waren leiser geworden.

Der Mann, der sie ausstieß, klammerte sich noch immer mit aller Macht an das Leben. Aber sein Atem wurde zusehends flacher, sodass seine Schreie sich mehr und mehr in gequältes Keuchen verwandelten.

Jenseits der Säulen, die das Schlafgemach nach Nordosten begrenzten, zeichnete sich das Hafenbecken von Alexandrien ab, über dem der große Leuchtturm thronte, als weithin sichtbares Zeichen ptolemäischer Macht. Doch diese Macht war gebrochen, und während im Hafen das geschäftige Treiben weiterging, während Ladungen gelöscht und abgefertigt wurden, während Seeleute, Handwerker, Sklaven und Huren ihrer Arbeit nachgingen, lag der Herrscher über dieses Zentrum des Handels und des Fortschritts, der Wissenschaft und der Kultur, aber auch der Niedertracht und des sittlichen Verfalls, im Sterben.

»A-Arsinoë«, hauchte Ptolemaios und streckte suchend seine knochigen, von goldenen Ringen geschmückten Hände aus. »Meine geliebte Frau und Schwester – wo ist sie?«

Die Männer, die das Bett ihres Herrschers umlagerten – in weite Umhänge gekleidete Generäle sowie Hofbeamte in langen, fließenden Gewändern-, tauschten betroffene Blicke. »D-die Königin ist nicht mehr am Leben«, erklärte einer von ihnen schließlich. »Sie ist Euch vorausgegangen, Herr, schon vor vielen Jahren.«

Ein erneutes Keuchen entfuhr dem König. Erkenntnis flackerte in Ptolemaios’ blutunterlaufenen Augen, und ein Moment der Klarheit vertrieb die Schleier, die der nahe Tod über seinen Geist gebreitet hatte. »Sie hat … mir etwas hinterlassen«, stieß er mühsam hervor. »Eine Phiole … eine Phiole aus blauem Glas …«

»Eure Göttlichkeit haben bereits danach geschickt«, brachte der Hofbeamte vorsichtig in Erinnerung. »Ein Diener ist auf dem Weg, um die Phiole aus Euren Gemächern zu holen.«

»Muss … den Inhalt … trinken«, stieß Ptolemaios zwischen zwei heftigen Hustenanfällen hervor, die seinen gebrechlichen Körper schüttelten. »Das Vermächtnis Arsinoës rettet mein Leben, zum Wohle Ägyptens und zum Ruhm Alexandriens …«

Der Hofbeamte hob die Brauen. Nicht nur, weil mit dem leiblichen Neffen des sterbenden Königs bereits ein geeigneter Nachfolger feststand und also keine Notwendigkeit bestand, mit aller Macht am Alten festzuhalten; sondern auch, weil er sich fragte, weshalb ein Herrscher, der sich zu Lebzeiten nicht um das Gesetz geschert, seine eigene Schwester geehelicht und sich als Nachfolger von Osiris hatte verehren lassen, sich derart vor dem Tod fürchtete …

Ptolemaios hustete erneut. Blutiger Auswurf benetzte das weiße Laken und kündete vom baldigen Ende des Herrschers, doch der alte Mann klammerte sich weiter an die Hoffnung, dass sein Leben weitergehen und er bis in alle Ewigkeit regieren werde.

»Josephos«, hauchte er. »Mein guter Josephos …«

»Ja, Herr?«

Ein hagerer Mann, der einen Bart trug und dessen langes, ergrautes Haar von einem ledernen Stirnband zurückgehalten wurde, trat vor. In der einen Hand hielt er eine hölzerne Tafel, auf die ein Stück Papyrus gebreitet war, in der anderen eine Feder.

»Von allen meinen Hofschreibern und Gelehrten bist du mir immer der liebste gewesen.«

»Ich danke Euch, Herr.«

»Ich weiß, dass du mich dafür gehasst hast, dass ich dich nicht mehr zurückkehren ließ, nachdem du und deinesgleichen die Arbeit beendet und die Worte deines Gottes in die Sprache der Gelehrten übersetzt hatten …«

Der Schreiber widersprach nicht. Zu früherer Zeit hätte solch beredtes Schweigen die Peitsche oder gar den Tod bedeutet. Doch in seinen letzten Stunden schien Ptolemaios Philadelphos milde gestimmt zu sein.

»Ich weiß, alter Freund«, sagte der König. »Deshalb wisse, dass ich dich aus meinen Diensten entlasse.«

»Herr?«

»Es steht dir frei, in deine Heimat und zu deinem Gott zurückzukehren, wenn du es wünschst. Vorher jedoch bitte ich dich um einen Gefallen.«

»Ja, Herr?«

»Ein letztes Mal betätige dich als mein Hofschreiber und zeichne für die Nachwelt auf, was du siehst.« In den von Furcht gezeichneten Augen des sterbenden Herrschers blitzte es. »Wunder werden sich ereignen, mein Freund. Wunder über Wunder, und meine Widersacher werden erkennen, dass es töricht war, sich gegen mich aufzulehnen. Antigonos, dieser nichtswürdige Emporkömmling, ist tot – aber ich habe nicht vor, ihm auf dem Weg in den dunklen Hades zu folgen. Niemals, hörst du? Niemals …«

In einem störrischen Aufbäumen letzter Kraft hatte sich Ptolemaios auf seinem Lager halb aufgerichtet. Seine knochige Rechte hatte den Saum von Josephos’ Gewand gefasst, und er blickte dem Schreiber so tief in die Augen, dass dieser den Wahnsinn darin erkennen konnte.

In diesem Moment erschien der Diener, den man geschickt hatte, ein seidenes Kissen in den Händen, auf dem eine unscheinbare Phiole aus blauem Glas lag.

Trotz seines geschwächten Zustands ließ Ptolemaios einen triumphierenden Laut vernehmen. »Ewiges Leben«, rief er, ehe er seinem Leibdiener befahl, die kleine, mit Wachs versiegelte Flasche zu entkorken und an seine Lippen zu setzen.

Die Flüssigkeit, die sich darin befand, benetzte seine Zunge und seinen Gaumen, und Ptolemaios trank in gierigen Schlucken. Kaum hatte er das Wenige, das sich nach all der Zeit noch in der Flasche befand, hinabgeschluckt, befiel ihn erneut ein schwerer Husten, der seine gebrechliche Gestalt erbeben ließ.

Die Hofbeamten und Generäle tauschten erneut vielsagende Blicke, während sie sich fragten, wie lange der Todeskampf ihres Herrschers, der über eine so lange und wechselvolle Zeitspanne regiert hatte, wohl noch andauern würde. Ein weiterer Diener trat hinzu, um Ptolemaios’ kahles Haupt auf ein frisches Kissen zu betten – der Hustenanfall des Herrschers legte sich jedoch nicht. Keuchend und sich am ganzen Körper schüttelnd, rang er nach Atem. Seine goldberingte Hand fuhr an seine Kehle, während er in wilde Zuckungen verfiel und seine Augen fast aus den Höhlen treten wollten.

In diesem Augenblick begriffen die Hofschranzen des Ptolemaios, dass dies kein gewöhnlicher Hustenanfall war, sondern dass er mit dem Inhalt der Phiole zusammenhing, den der König getrunken hatte. Statt ihm ewiges Leben zu bescheren, wie Ptolemaios wohl gehofft hatte, schien das Serum sein Ableben nur noch zu beschleunigen.

Ptolemaios wand sich vor Schmerzen.

Sein Husten ging in ein Röcheln über, Blut rann ihm aus Mundwinkeln und Nase. Dabei schlug er wild mit den Armen um sich und versuchte, sich aus dem Bett zu erheben, sodass die Hofbeamten sich gemüßigt sahen, vorzutreten und ihn daran zu hindern.

»Arsinoë«, würgte er mit fiebrigem Blick hervor. »Arsinoë, was hast du nur getan …?«

Sein Oberkörper fiel zurück auf das Laken, das sich blutig unter ihm färbte, und indem er einen letzten, heiseren Schrei ausstieß, fand der Herrscher des Ptolemäerreiches vor den Augen seiner Untergebenen und Diener ein grässliches Ende.

So forderte das Wirken Arsinoës, die den Hof von Alexandrien über eine lange Zeit hinweg mit ihren Lügen und Intrigen vergiftet hatte, noch viele Jahre nach ihrem Tod ein letztes Opfer – und ein jüdischer Gelehrter mit Namen Josephus gehorchte der letzten Weisung seines Herrschers und schrieb alles auf, was sich an jenem Tag ereignet hatte, auf dass es der Nachwelt überliefert werde.

1. BUCH

YORKSHIRE & LONDON

1.

UNBEKANNTER ORTSEPTEMBER 1884

Eine Kammer, der Welt entrückt, die keine Fenster besaß und keine gewöhnliche Tür, sodass kein Laut von dem, was innerhalb jener vier Wände gesprochen wurde, nach außen drang.

Die beiden Personen, die sich in der Mitte des Raumes gegenübersaßen, waren sich der Brisanz des Augenblicks bewusst. Je mehr Zeit verstrich, je mehr von dem Geheimnis enthüllt wurde, das sie hüteten, desto wichtiger war es, die Kontrolle zu behalten. Im Verlauf des vergangenen Jahres jedoch war ihnen diese Kontrolle entglitten.

»Kaum zu glauben«, sagte die eine Person und blickte auf die Photographie, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag und eine junge Frau mit langem schwarzem Haar zeigte, das sie – entgegen der landläufigen Mode – in der Mitte gescheitelt und offen trug.

»Wovon sprechen Sie?«

»Ich kann nicht glauben, dass dieses unscheinbare Frauenzimmer zwei unserer Agenten unschädlich gemacht haben soll.«

»Es mag Ihnen schwerfallen, dies anzuerkennen, aber genauso ist es gewesen. Bei allem, was Sie unternehmen, sollten Sie sich daher stets eines vergegenwärtigen.«

»Nämlich?«

»Dass was immer Sie auf dieser Photographie zu erkennen glauben, nur ein Teil der Wahrheit ist. Und dass diese Frau den besten Lehrer hatte, den man sich vorstellen kann.«

»Gardiner Kincaid?« Die andere Person sprach den Namen mit Verachtung aus. »Er hat unsere Organisation verraten.«

»Dennoch war er ein brillanter Forschergeist, ohne dessen Zutun wir nicht soviel innerhalb von so kurzer Zeit erreicht hätten. Und er hat seine Erbin viel gelehrt …«

»Wenn schon. Es gibt immer Mittel und Wege. Es existieren Waffen, gegen die auch Sarah Kincaid wehrlos ist.«

»Darf ich aus Ihren Worten folgern, dass Sie bereits einen festen Plan verfolgen?«

»In der Tat. Ich versichere Ihnen, dass ich nicht versagen werde, wie meine beiden Vorgänger es getan haben. Schon sehr bald wird Sarah Kincaid alles tun, was wir von ihr verlangen – und noch viel mehr. Und das Beste daran ist, dass sie es aus freien Stücken tun wird, genau wie der alte Gardiner. Als er merkte, in wessen Diensten er tatsächlich stand, war es bereits zu spät – Sarah wird es nicht anders ergehen.«

»Tatsächlich? Wie wollen Sie das erreichen?«

»Überlassen Sie das mir. Alles, was ich dazu brauche, ist freie Hand. Ich will in der Wahl meiner Mittel und Möglichkeiten ungebunden sein.«

»Der Wunsch wird Ihnen gerne gewährt – doch seien Sie auf der Hut. Nach allem, was geschehen ist, haben wir Grund zu der Annahme, dass es Verräter in unseren Reihen gibt. Nicht alle unsere Knechte dienen mit derselben Bereitwilligkeit …«

»Keine Sorge – diese Möglichkeit habe ich in Betracht gezogen.«

»Gestatten Sie mir eine Frage?«

»Natürlich.«

»Weshalb glauben Sie, dass Ihnen gelingen wird, was keinem Ihrer Vorgänger gelang?«

»Sehr einfach«, entgegnete die andere Person, und ein überlegenes Lächeln spielte dabei um ihre blassen Züge, »weil ich meinen Vorgängern einen entscheidenden Vorteil voraushabe: Ich bin eine Frau und weiß daher genau, wie Sarah Kincaid fühlt und denkt und folglich auch handelt. Sie werden sehen, Monsieur, dass Sie gut daran getan haben, Ihren erlauchten Kreis für mich zu öffnen …«

KINCAID MANOR, YORKSHIRE16. SEPTEMBER 1884

»Sarah?«

»Ja, Vater?«

»Bin überzeugt … kein Zufall, dass hier … war deine Bestimmung, ebenso wie die meine. Führe meine Mission fort … suche weiter … nach der Wahrheit …«

»Das werde ich«, verspricht sie, was dem Sterbenden ein Gefühl tiefer Erleichterung zu verschaffen scheint. Seine schmerzverzerrten Züge entspannen sich, während er Luft holt, um seine letzten Worte auf Erden zu sprechen.

»Noch etwas, Sarah …«

»Was, Vater?«

»Musst … mir verzeihen …«

»Das habe ich bereits getan.«

»Davon spreche ich nicht.« Er schüttelt den Kopf, Blut sickert über seine Lippen. »Kennst nicht … die ganze Wahrheit …«

»Welche Wahrheit? Worüber?«

»Über das … was gewesen ist … Du bist nicht …«

Jäh reißt seine Rede ab.

Gardiner Kincaids glasige Augen weiten sich, sein Mund öffnet sich zu einem lautlosen Schrei, und er richtet sich halb auf- um sogleich wieder zurückzusinken und reglos liegen zu bleiben.

»Vater?«

Sie erhält keine Antwort mehr.

Stattdessen scheint sich ihre Umgebung aufzulösen. Der flackernde Schein der Fackel, der den Stollen beleuchtet hat, verlöscht und weicht teeriger Schwärze. Dunkelheit, die so vollkommen ist, dass keines Menschen Blick sie zu durchdringen vermag, umgibt sie, und plötzlich hat sie nicht mehr das Gefühl, eine erwachsene Frau zu sein, sondern ein hilfloses Kind.

Zu ihrer Trauer gesellt sich Furcht. Kalt und schneidend fährt sie in ihre Eingeweide, während sie sich angstvoll in der Finsternis umblickt – wissend, dass die Schwärze nicht leer ist, sondern dass zahllose Augen auf sie starren.

»Vater …?«

»Vater, hilf mir …!«

Ihr eigener Schrei riss Sarah Kincaid aus dem Schlaf.

Sie brauchte einige Augenblicke, um herauszufinden, dass sie sich weder in den düsteren Katakomben Alexandrias befand noch von Finsternis umgeben war. Es war nur ein Traum gewesen – jener Traum, der sie seit dem Tod ihres Vaters wieder und wieder verfolgte und dem sie nicht entfliehen konnte, ganz gleich, was sie unternahm.

Wahrscheinlich, sagte sie sich, war es ihr Schicksal, wieder und wieder jene traumatischen Ereignisse nachzuempfinden, die ihr Leben so grundlegend verändert hatten – und mit ihnen den Albtraum einer verlorenen Kindheit, an die sie sich nicht erinnern konnte.

»Alles in Ordnung?«

Es war seine Stimme, die Sarah vollends zu sich brachte und ihr klar machte, dass jene grausamen Dinge zwar geschehen waren, sie jedoch keineswegs mehr allein und hilflos war.

Kamal Ben Nara.

Während ihres letzten Aufenthalts in Ägypten hatte sie ihn kennen und lieben gelernt, als sie sich auf die Suche nach dem Buch von Thot begeben hatte. Als einheimischer Führer war Kamal zu Sarah und ihren Begleitern gestoßen, freilich ohne ihnen zu enthüllen, dass er in Wahrheit Oberhaupt eines Tuareg-Stammes war, dessen Aufgabe darin bestand, jenes sagenumwobene Buch und die darin enthaltenen Geheimnisse zu bewachen. Ereignisse, wie sie dramatischer nicht sein konnten und in deren Verlauf Sarahs enger Freund und Vertrauter Maurice du Gard den Tod gefunden hatte, führten Kamal und sie schließlich in den »Schatten von Thot«, einen rätselhaften Ort inmitten der Libyschen Wüste, wo sie dem Vermächtnis der ägyptischen Gottheit begegneten – und dafür um ein Haar mit dem Leben bezahlten.

Obwohl es für Kamal, dessen Mutter Britin gewesen war und der lange Zeit in London gelebt hatte, mit persönlichen Risiken verbunden war, nach England zurückzukehren, hatte er es Sarah zuliebe getan – und sie genoss es, seine Wärme und Nähe zu spüren. Sie brauchte sich im Bett nur herumzudrehen, um in seine dunklen Augen und seine milden Züge zu blicken, in denen sie stets Trost und Liebe fand.

»Hast du wieder geträumt?«, erkundigte sich Kamal besorgt. Das Mondlicht, das durch das hohe Fenster des Schlafzimmers fiel, beleuchtete sein Gesicht.

Sarah nickte widerstrebend. »Die Geister der Vergangenheit – ich werde sie nicht ganz los.«

»Das braucht Zeit«, erwiderte er leise. »Bei meinem Volk gibt es ein Sprichwort: Ein Herz kann nur hinter sich lassen, was es hinter sich lassen möchte.«

»Was meinst du damit?« Fragend schaute sie ihn an. »Glaub mir, ich möchte vergessen, was gewesen ist. Ich bete jeden Tag dafür.«

»Das glaube ich dir.« Er lächelte und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber Wille und Herz gehen oftmals getrennte Wege.«

»Nicht in diesem Fall«, versicherte sie und beugte sich zu ihm, um ihn zärtlich auf den Mund zu küssen -und einmal mehr fand sie in seinen Armen das ersehnte Vergessen.

2.

PERSÖNLICHES TAGEBUCH SARAH KINCAID

Die Tage vergehen wie im Flug.

Es ist, als wäre ich neu geboren, als wäre ich durch Kamal eine andere Person geworden. Nicht länger gilt mein einziges Interesse der archäologischen Wissenschaft und der Erforschung der Vergangenheit, nicht länger sind meine Gedanken verfinstert von den Schatten dessen, was einst gewesen ist.

Mein Vater und die dramatischen Geschehnisse in Ägypten werden mir immer gegenwärtig bleiben. Aber mit jedem Tag, der verstreicht und den ich in der Gesellschaft Kamals verbringe, glaube ich zu spüren, dass sie mehr und mehr die Gewalt über mich verlieren. Nur des Nachts sind sie noch lebendig als würde die Dunkelheit sie dazu ermuntern, aus jenen finsteren Winkeln der Seele zu kriechen, in die das helle Sonnenlicht und Kamals hingebungsvolle Liebe sie vertrieben haben.

Ein Dreivierteljahr ist seit unserer Rückkehr verstrichen. Der schändliche Verrat Mortimer Laydons, der Tod meines treuen Freundes Maurice du Gard sowie jene unbekannte Macht, die mir und den Meinen nach dem Leben trachtete, sind in den Hintergrund getreten zugunsten einer Gegenwart, wie ich sie mir erfüllter und schöner nicht vorstellen kann. Meine innere Unrast und der Drang zur Suche sind in den Armen eines Mannes zum Erliegen gekommen, der mich fasziniert und bezaubert wie keiner vor ihm. Und dabei sind es nicht die äußeren Merkmale Kamals, die ihn von allen anderen Männern unterscheiden, denen ich in meinem Leben begegnet bin, sondern seine Klugheit, seine Weisheit und seine Geduld. Nicht nur aus seinen Worten, sondern auch aus jedem Blick, aus jeder kleinen Geste scheinen Wohlwollen und Verständnis zu sprechen für das, was ich war, was ich bin und was ich jemals sein werde. Es ist, als würden wir einander nicht erst seit wenigen Monaten, sondern schon sehr viel länger kennen.

Jahre. Zeitalter. Äonen.

Ich vermag nicht genau zu benennen, was es ist, das uns verbindet, aber ich fühle, dass dieses Band stark ist und mit jedem Tag noch stärker wird …

YORKSHIRE, ENGLAND16.SEPTEMBER 1884

»Wer zuerst bei der alten Eiche ist, abgemacht?«

»Sarah, warte!«, rief Kamal – aber Sarah hatte ihrem Pferd bereits die Sporen gegeben.

Der rabenschwarze Hengst schoss davon, schlug seine Hufe in den weichen, von klammer Feuchte durchdrungenen Boden, der von Flecken hellgrünen und gelben Grases bedeckt war. In den Niederungen zwischen den Hügeln, die ihre kahlen, felsgekrönten Buckel aus der weiten Marschlandschaft reckten, sammelte sich Nebel. Weiße Schleier, aus denen knorrige Pappeln und Eichen ragten, die ihr Laub bereits abgeworfen hatten und sich dem grauen Himmel als karge Gerippe entgegenstreckten.

Schon als junges Mädchen hatte Sarah es geliebt, zu Pferd durch diese urwüchsige Landschaft zu jagen -sehr zum Leidwesen ihres Vaters, der dies stets mit großer Sorge um ihre körperliche Gesundheit beobachtet hatte. Aber damals wie heute hatte sie die Gefahr ignoriert und dem Ungestüm nachgegeben, das in ihrer Brust wohnte. Todesmutig lenkte sie ihr Tier auf eine der niederen Steinmauern zu, die das hügelige Gelände durchliefen und ein Grundstück vom anderen trennten, und mit einem weiten Sprung setzte der Rappe darüber hinweg.

Sarah konnte nicht anders und stieß einen grellen Schrei der Begeisterung aus, als das Pferd leichtfüßig landete und seinen wilden Galopp fortsetzte. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr, dass Kamal ein gutes Stück zurücklag – sie würde das Rennen also wohl einmal mehr gewinnen.

Lachend trieb sie ihr Tier den Hang hinab, dem Baum entgegen, den sie als Ziel vereinbart hatten. Sie genoss es, den Wind in ihrem Gesicht zu spüren und sich das Haar von ihm zerzausen zu lassen, sich dabei frei und unabhängig zu fühlen. Alle Verpflichtungen, alle Beschränkungen, alle Erinnerungen schienen in diesen Augenblicken weit weg zu sein, und bisweilen kam es Sarah vor, als wäre sie niemals fort gewesen; als wäre sie immer noch das Mädchen, das in der rauen Wildnis Yorkshires zu Hause war, das den Wert ordentlich genähter Reithosen ungleich höher schätzte als den eines rüschenversetzten Kleides und das darauf brannte, seinen Vater auf die nächste abenteuerliche Exkursion in die Vergangenheit zu begleiten.

Die Wirklichkeit sah freilich anders aus, denn all dies lag lange zurück, und in dem Augenblick, als Sarah die alte Eiche erreichte und ihren Rappen zügelte, kehrte Ernüchterung ein. Schnaubend kam der Hengst zum Stehen, heißen Dampf aus seinen Nüstern blasend, und Sarah drehte das Tier herum, um nachzusehen, wo Kamal geblieben war.

Sie konnte ihn nicht entdecken. Der Nebel, der den alten Baum zunächst nur in zaghaften Schwaden umlagert hatte, war plötzlich dichter geworden, und eine weiße Wand schien Sarah und ihr Reittier auf allen Seiten zu umgeben.

Plötzlich war es still geworden. Als würde der Nebel nicht nur ihre Sicht, sondern auch ihr Hörvermögen dämpfen. Nichts war zu hören außer dem heiseren Atem des Hengstes. Die Hufschläge von Kamals Pferd waren verstummt, ebenso das leise Pfeifen des Windes.

»Kamal …?«

Sarah erschrak über den Klang ihrer Stimme, die sich im Nebel seltsam fremd und unheimlich anhörte. Sie war in Yorkshire aufgewachsen und vertraut mit dem Phänomen plötzlich aufkommenden Nebels, der bei fallenden Temperaturen aus den Moorlöchern kroch. Dennoch war ihr unwohl. Sie hatte den Nebel noch nie gemocht. Der Gedanke, nicht sehen zu können, was sich vielleicht nur wenige Yards von ihr entfernt befand, beunruhigte sie auf eine Weise, gegen die schwer anzukommen war.

Natürlich rief sie sich selbst zur Räson und sagte sich, dass es keinen Grund gäbe, beunruhigt zu sein, dass alles in Ordnung sei und ihre kindische Furcht jeder Grundlage entbehre – aber sie konnte nicht verhindern, dass sich ihrer ein leiser Schauder bemächtigte, der ihren Rücken hinabkroch und sie frösteln ließ.

»Kamal! Wo bist du?«, rief sie in die sie umgebenden Schleier, die mit jedem Augenblick noch dichter und undurchdringlicher zu werden schienen. Sarah erinnerte sich, dass sie sich einmal im Moor verirrt hatte, vor langer Zeit …

Zu ihrem zwölften Geburtstag hatte ihr Vater ihr ein Pferd geschenkt – einen gutmütigen Schecken, auf dem sie sofort ausgeritten war. Den ganzen Nachmittag hatte sie damit zugebracht, ziellos in den Hügeln umherzureiten, ohne Rücksicht auf das arme Tier, das gegen Abend zu lahmen begonnen hatte. Nebel war aufgezogen, und Sarah hatte sich inmitten eines Labyrinths aus weißen Schleiern verloren, aus dem es kein Entrinnen gab.

Die Dunkelheit brach herein, und mit ihr kamen die unheimlichen Geräusche, die das Moor nächtens zu erzeugen pflegt. Plötzlich war auch der Schecke verschwunden, und Sarah war ganz allein. Am Fuß eines Felsblocks kauernd und jämmerlich frierend, hatte sie ausgeharrt und darauf gehofft, dass jemand nach ihr suchen und sie finden würde – und irgendwann, weit nach Mitternacht, war es soweit. Eine Laterne flammte in der verschwommenen Finsternis auf, und ihr Vater tauchte auf, einem rettenden Engel gleich. Ohne ein Wort des Vorwurfs oder des Tadels lud er das weinende Mädchen auf seine starken Arme und trug es davon, zurück in die wärmende Geborgenheit von Kincaid Manor – nach der sich Sarah auch in diesem Augenblick sehnte.

»Kamal …?«

Ihre Stimme war unsicher geworden. Einen Augenblick lang erwog sie, zurückzureiten und nach Kamal zu suchen, aber damit hätte sie den einzigen Orientierungspunkt aufgegeben, der ihr geblieben war. Im Sattel wandte sich Sarah um und blickte an dem alten Baum empor, dessen knorrige, bizarr geformte Äste plötzlich wie die bleichen Gliedmaßen eines Skeletts aussahen.

Sarah schüttelte den Kopf und lachte bitter auf. Was für eine Närrin sie doch war! Es gab keinen Grund, sich zu ängstigen. Was immer sie fühlen mochte, es waren nur die Reflexionen der Vergangenheit, die Furcht eines zwölfjährigen Mädchens, das sich verlaufen hatte und das zurück zu seinem Vater wollte.

Energisch zwang sich Sarah dazu, ihre kindischen Ängste aufzugeben, indem sie sich sagte, dass der Baum keinesfalls anders aussehe als vorhin und dass der Nebel nichts weiter sei als Feuchtigkeit, die sich niederschlug. Es gelang ihr beinahe – als sie plötzlich Geräusche vernahm, Schritte jenseits der Nebelwand.

»Hallo?«, fragte sie zaghaft. »Kamal, bist du das?«

Auf ihren Ruf hin setzte das Geräusch für einen Moment aus. Dann jedoch kehrte es wieder: raschelnde Schritte im Gras.

»Kamal …?«

Mit gehetzten Blicken schaute sich Sarah um. Es war unmöglich festzustellen, aus welcher Richtung das Rascheln drang. Bald kam es von dieser, dann von jener Seite, sodass Sarah das Gefühl hatte, jemand würde sie lauernd umkreisen. Und obwohl sie sich alle Mühe gab, ihre irrationale Furcht zu bekämpfen, fand diese auf verschlungenen Pfaden in ihr Herz zurück.

Auf dem Rücken des Pferdes sitzend, kam sie sich ausgeliefert und schutzlos vor, also stieg sie aus dem Sattel – kein Damensitz, wie es wohl angemessen gewesen wäre, sondern ein gewöhnlicher Reitsattel, der auf dem unebenen Gelände größere Sicherheit bot und einen schnelleren Ritt ermöglichte. Der Hengst schnaubte und stampfte unruhig mit den Hufen. Sarah tätschelte seinen Hals, während sie in das undurchdringliche, milchige Weiß starrte, das sie umgab. Und plötzlich glaubte sie, darin etwas zu erkennen.

Eine Gestalt, auf eine unbestimmte Art menschlich und auch wieder nicht. Sie war von hünenhafter Größe und hatte langes Haar, das ihr bis zu den Schultern reichte – ihre Haltung und ihre Art, sich fortzubewegen, hatten jedoch etwas Unheimliches an sich.

Sarah spürte, wie sich ihr Pulsschlag beschleunigte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Der Anblick jener seltsamen Gestalt berührte etwas tief in ihr, Ängste und Erinnerungen, die sie auf dem Grund ihrer Seele vergraben hatte. Eine Aura unverhohlener Bedrohung ging von dem fremden Schemen aus, die auch der Rappe deutlich zu spüren schien. Unruhig schnaubte das Tier, und die schattenhafte Gestalt fuhr herum.

»Schhh«, sprach Sarah beruhigend auf den Hengst ein und bückte sich, um einen Stein vom Boden aufzulesen, der gerade so groß war, dass er in ihre Hand passte. Kurz entschlossen holte sie aus und warf den Stein von sich. Das klickende Geräusch, das er beim Aufschlag verursachte, ließ den Hünen aufhorchen.

Sarah hielt den Atem an.

Einen quälenden Augenblick stand der unheimliche Schatten unbewegt. Dann wandte er sich ab und entfernte sich langsam in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

Statt sich ein Aufatmen zu gönnen, bückte sich Sarah abermals und hob einen weiteren Stein auf, der diesmal ungleich größer war und eine scharfe Kante hatte. Ein schussbereiter Revolver aus dem Waffenschrank ihres Vaters wäre Sarah als Waffe lieber gewesen, aber es beruhigte sie schon, überhaupt etwas zu haben, womit sie sich ihrer Haut erwehren konnte. Weder wusste sie, wer der Fremde war, noch, was er hier trieb, aber sie fühlte die Gefahr. Ihre schwitzenden Handflächen schlossen sich um den Stein, bereit, damit auf den Hünen einzuschlagen, falls er sie entdeckte und angriff – und schon einen Herzschlag später schien es soweit zu sein.

Als könnte er den Nebel mit Blicken durchdringen, wandte sich der Schattenmann in ihre Richtung.

Sarah musste einen Schrei unterdrücken. Sie rechnete damit, dass der Hüne im nächsten Moment vortreten und sich mit riesigen, schwieligen Pranken auf sie stürzen würde – aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen war die Spukgestalt einen Augenblick später im Nebel verschwunden. Statt ihren stampfenden Schritten war plötzlich dumpfer Hufschlag zu vernehmen, und die Formen eines Reiters schälten sich aus den weißlichen Schwaden.

»Sarah? Bist du das …?«

»Kamal!«

Sarahs Erleichterung darüber, die Stimme ihres Geliebten zu vernehmen, war grenzenlos. Mit einem Seufzen ließ sie den Stein fallen und wollte Kamal entgegeneilen. Ihre Knie waren jedoch noch weich und gaben nach, sodass sie gestürzt wäre, hätte Kamal sie nicht aufgefangen. Froh darüber, dass er sie gefunden hatte, fiel sie in seine Arme und schluchzte leise, nicht unähnlich dem Mädchen, das sich einst im Nebel verirrt hatte und von seinem Vater aufgelesen worden war …

Kamal Ben Nara war über ihre Reaktion nicht wenig überrascht. Er hatte Sarah Kincaid in vielen, auch heiklen Situationen erlebt und mit ihr manche Todesgefahr überstanden. Stets hatte sie dabei jedoch einen kühlen Kopf bewahrt und war ihm niemals auch nur annähernd so furchtsam und verletzlich erschienen wie in diesem Augenblick …

»Sarah«, sagte er, »es tut mir unendlich leid! Ich wollte dir bei unserem Wettrennen ein wenig Vorsprung geben, aber dann kam plötzlich dieser Nebel auf, und ich habe dich aus den Augen verloren. Wenn ich gewusst hätte, dass du dich so ängstigst …«

»H-hast du ihn gesehen?«, erkundigte sie sich flüsternd.

»Ihn gesehen? Wen?«

»Den Hünen.«

»Welchen Hünen?«

»Da war jemand im Nebel. Ein großer Mann, ein Schatten. Er hat nach mir gesucht …«

»Bist du sicher?«

Sie nickte, noch immer von Grauen geschüttelt.

»Nein, Sarah, ich habe niemanden gesehen. Hier draußen sind nur du und ich …«

»Und dieser Fremde«, beharrte sie und löste sich aus Kamals Armen, um sich wachsam umzusehen – aber von dem hünenhaften Schemen, der ihr noch vor wenigen Augenblicken solche Furcht eingeflößt hatte, war weit und breit nichts mehr zu erkennen.

War er tatsächlich da gewesen?

Hatte Sarah ihn wirklich gesehen? Oder war er nur eine Projektion gewesen, eine Phantasmagorie, die ihre irrationale Furcht auf die weiße Nebelwand geworfen hatte? Nun, da der erste Schreck überwunden war und Sarah wieder Atem schöpfte, wusste sie es nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen. Sie fühlte sich an Paris erinnert, an die Gassen des Montmartre, wo sie ebenfalls das Gefühl gehabt hatte, von einer hünenhaften Gestalt verfolgt zu werden, damals vor – so schien es ihr – undenklich langer Zeit, als ihr Vater noch gelebt hatte und die Welt um sie herum in mancher Weise eine andere gewesen war. Was, wenn ihre alte Furcht ihr einen Streich gespielt und ihr etwas vorgegaukelt hatte, das es in Wahrheit gar nicht gab?

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte Sarah solch eine Möglichkeit weit von sich gewiesen und behauptet, dass einem wachen Verstande so etwas nicht passieren konnte. Aber die Dinge, die Sarah Kincaid seither gesehen und erlebt hatte, hatten sie gelehrt, dass es mitunter Dinge gab, die sich mit rationalen Mitteln nicht erschöpfend erklären ließen …

»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Kamal. Er sah die Verwirrung in ihren Augen und schien ehrlich besorgt zu sein.

»Ich nehme es an«, entgegnete sie. »Es ist nur … Ich war mir ganz sicher, dass da jemand war …«

»Im Nebel erscheinen die Dinge oft anders als bei klarem Licht«, gab Kamal zu bedenken. »Ein Fels wird zum Riesen, ein Baum zur Schreckgestalt. Nicht von ungefähr ranken sich unzählige Geistergeschichten um dieses Moor.«

»Du hast Recht«, sagte Sarah und kam sich plötzlich dumm und töricht vor. »Ich habe mich einschüchtern lassen wie ein kleines Kind.«

»Vermutlich ist das der Grund«, meinte Kamal.

»Wovon sprichst du?«

»Tief in unserem Herzen«, erwiderte er, wobei ein Lächeln um seine Züge spielte, »sind wir alle noch Kinder. Unser Verstand mag reifen und unser Äußeres mag altern, aber tief in unserem Inneren wissen wir, wie jung und verletzlich wir noch immer sind.«

»Das ist wahr«, entgegnete sie, dankbar für sein Verständnis.

»Du musst die Vergangenheit hinter dir lassen, Sarah. Ich weiß, dass sie dich noch immer verfolgt, aber du darfst ihr nicht nachgeben. Irgendwann, das verspreche ich dir, wirst du erwachen und all diese Dinge hinter dir gelassen haben.«

»Meinst du?«

»Inschallah«, entgegnete Kamal leise.

Sarah nickte.

Wenn Gott es will.

Es war Kamals Antwort auf so viele Dinge, Ausdruck eines tief verwurzelten Glaubens auf der einen und einer Schicksalsergebenheit auf der anderen Seite, mit der sich Sarah nur zögernd anfreunden konnte. Zwar hatte auch sie die Erfahrung gemacht, dass der Mensch in seinen Entscheidungen keineswegs immer frei war und es Mächte gab, die ihn führten und lenkten, jedoch war sie zu sehr von der Erziehung ihres Vaters und vom Denken der modernen Zeit geprägt, als dass sie Kamals Überzeugung ganz hätte teilen können. Ein Teil von ihr klammerte sich noch immer an die Hoffnung, dass der Mensch zumindest teilweise Herr seines Handelns war. Nach wie vor sah sie für sich darin die einzige Aussicht, die Geister der Vergangenheit jemals wieder abzuschütteln.

»Da draußen ist niemand, Sarah«, sagte Kamal voller Überzeugung. »Es sind nur deine Ängste, die dich verfolgen, aber du musst dich nicht mehr fürchten. Das Buch von Thot wurde vernichtet, Meherets Erben sind nicht mehr. Meine Pflicht ist erloschen, ebenso wie die deine. Für deine Verfehlungen hast du Sühne geleistet, ebenso wie ich – nun wird es Zeit, nach vorn zu blicken.«

»Hilfst du mir dabei?«, fragte sie, während er ihre kalte Hand ergriff und sie zärtlich liebkoste.

»Das werde ich«, versicherte er. »Da ist nichts mehr, was dich ängstigen müsste. Es ist vorbei, hörst du? Ein für alle Mal.«

Sie erwiderte das Lächeln, das er ihr schenkte und an dem sie sich wärmte wie an einem hellen Sonnenstrahl. Dann stiegen sie wieder in die Sättel und ritten in langsamem Trab zurück nach Kincaid Manor. Noch einmal blickte sich Sarah im dichten Nebel um – aber der geheimnisvolle Schemen blieb verschwunden.

KINCAID MANORABENDDES 16. SEPTEMBER 1884

Es war ein üppiges Mahl gewesen. Molly Hackett, die beleibte Köchin aus den Midlands, die auf dem Anwesen bedienstet war, solange Sarah zurückdenken konnte, hatte einmal mehr alle Register ihres Könnens gezogen und ein mehrgängiges Menü aufgetragen, das aus einer kräftigenden Brühe, in Minzsauce gesottenem Hammelfleisch und gebratenen Kartoffeln bestanden hatte.

Nach dem Essen zogen Sarah und Kamal sich in das Kaminzimmer zurück, in dessen offener Esse ein knisterndes, wärmendes Feuer loderte, das einen flackernden Schein auf die holzgetäfelten Wände warf. Ein breites Sofa aus dunklem Leder stand davor, auf dem Kamal Platz nahm, während sich Sarah am Spirituosenschränkchen zu schaffen machte. Ihr Vater hatte darin manch kostbaren Tropfen aufzubewahren gepflegt, allerdings hatte Sarah seit seinem Tod noch niemals Hand daran gelegt. An diesem Abend jedoch überwand sie ihre Scheu. Mit einer staubigen Flasche Scotch und zwei Gläsern aus glitzerndem Kristall kehrte sie zurück und setzte sich neben Kamal.

»Diesen Scotch«, erklärte sie, »hat mein Vater für einen besonderen Anlass aufbewahrt. Er wurde nicht müde zu erklären, dass dieser Tropfen fast zweihundert Jahre alt und im selben Jahr abgefüllt wäre, in dem sich das Massaker von Glencoe ereignete. Auf der ganzen Welt gibt es nur noch eine Hand voll Flaschen davon.«

»Und diesen wertvollen Tropfen willst du heute trinken?«, erkundigte sich Kamal mit hochgezogener Braue.

»Allerdings.«

»Aus welchem Grund?«

»Weil heute ein besonderer Anlass ist«, erklärte Sarah rundheraus. »Es ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Der Tag, an dem ich beschlossen habe, meine Vergangenheit endgültig hinter mir zu lassen und in die Zukunft zu blicken statt immer nur zurück.«

»Eine gute Entscheidung«, lobte Kamal lächelnd.

»Nicht wahr? Und ich verdanke sie ganz allein dir. Du hast mir die Kraft dazu gegeben. Du bist da, wenn ich dich brauche – selbst wenn ich im Nebel verloren zu gehen drohe. Ich liebe dich von ganzem Herzen, Kamal.«

»Und ich liebe dich«, erwiderte er. »Dennoch solltest du den Korken in der Flasche lassen.«

»Weshalb?«

»Weil ich nicht mit dir trinken werde«, erklärte er und deutete zur getäfelten Decke. »Allah verbietet es mir, schon vergessen?«

»Soll das heißen«, fragte sie, während sie Flasche und Gläser auf den Boden stellte, »dass du nicht bereit bist, eine Ausnahme zu machen? Nicht einmal für mich?«

»Nicht einmal für dich«, beharrte er.

Sarah lächelte – sie hatte keine andere Antwort erwartet. »In diesem Fall«, erklärte sie, zum Spaß die Beleidigte spielend, »werde ich dir meine Zuneigung wohl auf andere Weise vermitteln müssen.«

»Inschallah«, erwiderte er mit einer wahren Unschuldsmiene, während sie bereits näher rückte.

Sarahs Atem beschleunigte sich. In Erwartung der Leidenschaft, die sie gemeinsam erleben würden, beugte sie sich vor, bis ihr Gesicht dicht vor dem ihres Geliebten schwebte. Sie konnte seine Wärme spüren, seinen Atem. Sie wusste, auch er genoss diese Nähe, die Schauer freudiger Erwartung, die sie dabei durchrieselten. Sarah spürte, wie ihre Brüste sich strafften, und sie erbebte, als Kamal sanft seine Hand daran legte und sie zart zu liebkosen begann.

Sanft wie ein Wüstenwind strich er über sie hinweg, küsste ihren Hals, ihre Augen und ihre Stirn, ehe sich ihre Lippen begegneten. In gegenseitigem Verlangen rieben ihre Zungen aneinander, und mit zitternden Händen begann Sarah, die Verschnürung ihres Kleides zu lösen. Rauschend glitt der Stoff an ihr herab und enthüllte das Mieder und die Ansätze ihrer kleinen, wohlgeformten Brüste.

Sie ließ sich zurücksinken, während seine erfahrenen Hände sowohl sie als auch sich selbst von allem störenden Stoff befreiten. Sein Gesicht erschien über ihrem, und sie nahm es in beide Hände und liebkoste es, während er langsam in sie eindrang. Sie schloss ihre Beine um ihn und zog ihn an sich. Sie genoss es, ihn in sich zu spüren, ihn ganz zu besitzen, sich für einen süßen Augenblick der Vorstellung hinzugeben, dass er ihr allein gehörte, auf immer und ewig.

An der Wand konnte sie ihre Schatten sehen, die flackernden Silhouetten zweier Menschen, die eins geworden waren. Von den Flügeln der Liebe getragen, fand Sarah Kincaid tatsächlich Vergessen, und ihre Hoffnung, die Schatten der Vergangenheit endgültig hinter sich lassen zu können, schien sich in diesem Moment zu erfüllen.

Der alte Sinnspruch ihres Vaters, demzufolge die Geschichte niemals ruhte, bewahrheitete sich jedoch einmal mehr.

Denn noch in dieser Nacht kehrten die Schatten zurück.

3.

KINCAID MANOR, YORKSHIRENACHTZUM 17. SEPTEMBER 1884

»Aufmachen, sofort! Öffnen Sie die Tür!«

Die heiseren Rufe und das dumpfe Hämmern der Fäuste, mit denen gegen die Pforte von Kincaid Manor geschlagen wurde, rissen Sarah aus dem Schlaf – und diesmal war sie sicher, dass es nicht bloß Geräusche aus einem Traum waren, die sie bis in den Wachzustand verfolgten.

Alarmiert richtete sie sich halb auf.

Ein erneuter schwerer Stoß gegen die Pforte.

»Öffnen Sie sofort die Tür, oder wir werden Gewalt anwenden«, gab jemand lautstark dazu bekannt.

Sarah spürte heißen Zorn in ihre Adern schießen. Wer zum Teufel war so dreist, zu nachtschlafender Zeit gegen die Pforte ihres Anwesens zu hämmern und in so ungebührlicher Weise Einlass zu begehren? Wütend fuhr sie aus dem Bett und schlüpfte in den Nachtrock, der an einem Haken an der Wand hing. Auch Kamal war erwacht, sein Blick verriet Verwirrung.

»Was in aller Welt …?«, wollte er fragen, aber sie winkte ab, war schon auf dem Weg zur Tür.

Kamal beeilte sich, ihr zu folgen. Hastig schlüpfte er in Hemd und Hose und bekleidete sich notdürftig. Das wirre Haar strich er kurzerhand zurück. Sarah war bereits auf dem Weg nach unten. Eine Kerze in der Hand, die sie eilig entfacht hatte, huschte sie die breite, steinerne Treppe zur Eingangshalle hinab, an deren Fuß sie bereits erwartet wurde.

»Madam, ich weiß nicht, was dies zu bedeuten hat«, lispelte Trevor, der ältliche Hausdiener, verstört, dessen weißes Haar in alle Richtungen stand. Sein Nachthemd reichte ihm bis zu den Knöcheln und ließ ihn im flackernden Schein des Kerzenleuchters, den er vor sich her trug, wie ein Gespenst erscheinen. Auch aus Richtung Küche, wo die Kammern des Hausgesindes untergebracht waren, drang jetzt aufgeregtes Geschrei.

»Im Namen Ihrer Majestät, öffnen Sie die Tür«, ließ sich die energische Stimme erneut vernehmen, »oder wir werden sie gewaltsam öffnen!«

»Wer ist da?«, fragte Sarah laut und vernehmlich, sehr zum Entsetzen Trevors, dem anzusehen war, dass er sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte.

»Inspector Lester vom Scotland Yard«, drang es zurück. »Wenn Sie nicht sofort öffnen, zwingen Sie uns, Gewalt anzuwenden.«

Trevor sandte Sarah einen fragenden Blick, worauf sie ihm zunickte. Natürlich hatte es keinen Sinn, den Gesetzesvertretern Ihrer Majestät den Einlass zu verwehren. Die Frage war viel eher, was die Herren um vier Uhr morgens fern von London vor der Pforte von Kincaid Manor zu suchen hatten …

Zögernd, mit einem elenden Ausdruck im Gesicht, trat der Diener vor die Tür und entriegelte sie. Knarrend schwang das schwere Blatt auf, und die wutgeröteten Gesichtszüge eines Mannes erschienen, dessen Alter Sarah auf etwa vierzig Jahre schätzte. Das rote Haar, das unter dem schlanken Zylinderhut hervorstach, war mit Pomade geglättet. Die Blicke des unerwünschten Besuchers stachen umher wie Dolche, und über seinen schmalen, zornbebenden Lippen prangte ein perfekt getrimmtes Oberlippenbärtchen, das wohl Attribut eines Gentlemans sein sollte. Das Gebaren des Fremden war jedoch gegenteiliger Natur …

»Inspector Lester?«, fragte Sarah spitz und trat forsch auf ihn zu.

»Allerdings. Und Sie sind …«

»Lady Kincaid, die Herrin dieses Anwesens«, entgegnete sie barsch. »Sicher können Sie mir erklären, was Ihr seltsamer Auftritt zu nachtschlafender Stunde zu bedeuten hat, Inspector! Sie haben mein Gesinde und mich zu Tode erschreckt.«

»Das lag nicht in unserer Absicht«, erklärte Lester ohne erkennbares Bedauern. »Als wir allerdings von gewissen Sachverhalten erfuhren, mussten wir sofort handeln.«

»Tatsächlich?« Sarahs Augen verengten sich forschend. »Und von was für Sachverhalten, bitte sehr, ist hier die Rede?«

»Wir haben allen Grund zu der Annahme, dass sich unter Ihrem Dach ein gesuchter Mörder aufhält«, eröffnete der Inspektor rundheraus, hinter dem sich mehrere uniformierte und mit Fackeln bewehrte Constables drängten.

»Lächerlich«, beschied ihm Sarah, obwohl sie in diesem Augenblick das Gefühl hatte, als würde die heile Welt, die sie während der vergangenen Monate mühsam um sich errichtet hatte, zerspringen wie stumpf gewordenes Glas. Sie hörte das leise Ächzen, das Kamal von sich gab, und sah aus dem Augenwinkel, wie er langsam zurückwich.

»Sie da!«, zischte Lester, der ihn erst in diesem Moment zu bemerken schien. »Ist Ihr Name Kamal Jenkins?«

»Und wenn?«, kam es unsicher zurück.

»Ich nehme das als Bestätigung«, drang es gleichmütig zurück. »Kamal Jenkins – ich verhafte Sie hiermit wegen dringenden Mordverdachts.«

»Wegen Mordverdachts?«, fragte Sarah erschrocken. »Was genau wird ihm zur Last gelegt?«

»Er wird beschuldigt, in der Nacht vom 7. zum 8. April 1869 den königlichen Grenadier Samuel Tennant erstochen zu haben. Des Weiteren soll er den königlichen Grenadier Leonard Albright vorsätzlich und schwer am Körper verletzt und seiner Männlichkeit beraubt haben.«

Sarah sog scharf die Luft ein.

Bislang waren die beiden Soldaten für sie nur vage Phantome gewesen; sie standen für etwas, das vor langer Zeit geschehen war und das Kamal ihr einst gestanden hatte, in einer einsamen Wüstennacht am Lagerfeuer, als sie einander ihre tiefsten, verborgensten Geheimnisse offenbarten. Zum ersten Mal erfuhr sie nun die Namen der beiden Männer, und es versetzte ihr einen Schock, als sie begriff, dass die Vergangenheit dabei war, ihren Geliebten einzuholen …

Erschrocken fuhr sie zu Kamal herum. An dem maßlosen Entsetzen in seinem Gesicht konnte sie erkennen, dass auch er nicht mehr damit gerechnet hatte, für jene vor so langer Zeit begangene Tat noch zur Rechenschaft gezogen zu werden. Zu der Furcht in seinen Augen gesellte sich jedoch etwas, womit Sarah nicht gerechnet hatte.

Anklage.

Unverhohlener Vorwurf, der niemand anders galt als ihr …

»Wie konntest du nur?«, hauchte Kamal ihr zu, so leise, dass weder die Polizisten noch der Hausdiener es verstehen konnten.

»Was meinst du?«, fragte Sarah entsetzt.

»Niemand wusste es – außer dir. Du hast mich verraten!«

Sarahs Augen weiteten sich, ihre Stimme versagte beinahe. »D-das ist nicht wahr!«, stammelte sie. »Ich habe niemandem etwas verraten …«

»Und ich habe es niemand anders gesagt«, entgegnete Kamal ebenso schlicht wie endgültig, während vier der Constables in die Halle eindrangen. Trevor, der ihnen protestierend den Weg versperrte, stießen sie kurzerhand beiseite. Dann hatten sie den sich heftig zur Wehr setzenden Kamal auch schon ergriffen.

»Lassen Sie ihn los!«, ereiferte sich Sarah und wollte ihrem Geliebten zu Hilfe eilen, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich damit gegen das Gesetz stellte. Die Mündung des kurzläufigen Revolvers, die ihr plötzlich entgegenblickte, belehrte sie jedoch eines Besseren.

»Keine Bewegung«, mahnte Inspector Lester kalt. »Ich möchte kein Blutvergießen, aber ich werde tun, was immer notwendig ist, um diesen gefährlichen Kriminellen seiner gerechten Strafe zuzuführen.«

»Er ist kein Krimineller«, begehrte Sarah auf. »Sein Name ist Kamal Ben Nara, und in seinem Land ist er Häuptling über einen großen und stolzen Stamm.«

»Vielleicht«, beschied Lester ihr kühl und glättete eitel sein Bärtchen, während er die Waffe wieder unter dem Gehrock verschwinden ließ. »Hier in England jedoch ist er ein gesuchter Verbrecher, und genauso wird er auch behandelt. Gentlemen – legen Sie ihm die Handschellen an, und bringen Sie ihn hinaus zum Wagen.«

Durch die offene Eingangstür konnte Sarah jetzt die Kutsche sehen, die im Hof stand – ein von zwei Gaslaternen beleuchteter Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern, der von zwei weiteren Constables bewacht wurde. Man war tatsächlich ausgezogen, um einen Schwerverbrecher dingfest zu machen …

Unter den Blicken, die Kamal ihr sandte, während man ihm Hand- und Fußfesseln aus klirrendem Eisen anlegte, zuckte Sarah wie unter Peitschenhieben zusammen, soviel Enttäuschung lag darin. Fast schien es, als wären alle Liebe und Zuneigung, als wäre jede zarte Empfindung, die er für sie gehegt und die er sie noch vor wenigen Stunden auf so innige Weise hatte spüren lassen, mit einem Mal erloschen.

»Kamal«, sagte sie und streckte die Hand nach ihm aus, aber er wandte sich von ihr ab, und die Constables schleppten ihn nach draußen. Inspektor Lester blieb noch lange genug, um ihr einen Blick zuzuwerfen, der mehr enthielt als die Genugtuung darüber, einen in seinen Augen gefährlichen Kriminellen verhaftet zu haben. Da war auch Schadenfreude – und eine Spur Verachtung.

Indem er sich nur nachlässig an die Hutkrempe tippte, statt den Zylinder zu heben, wie es der Anstand geboten hätte, wandte er sich ab und folgte seinen Männern nach draußen. Sarah blieb zurück, zusammen mit ihrem alten Diener, der ihr ebenso ratlose wie schuldbewusste Blicke zuwarf.

»Es tut mir leid, Madam«, ächzte er hilflos. »Ich wusste nicht, was ich tun sollte.«

»Keine Sorge, Trevor. Du kannst nichts dafür«, beruhigte Sarah ihn tonlos, während sie fassungslos zuschaute, wie ihr Geliebter abgeführt wurde. Zu schnell war alles gegangen, zu groß ihr Entsetzen, nicht nur über Kamals Verhaftung, sondern auch darüber, dass er ihr offenbar die Schuld dafür gab …

Durfte sie ihn so ziehen lassen?

Nein!

In einem jähen Entschluss stürzte sie hinaus, wo die Constables bereits dabei waren, Kamal in den Gefängniswagen zu bugsieren. Die Tür am Heck des hohen Gefährts war offen, unsanft stießen sie ihn hinein.

»Aufhören! Sofort aufhören!«, ereiferte sich Sarah. »Dazu haben Sie kein Recht!«

»Im Gegenteil, meine Teure – wir haben dazu jedes Recht«, beschied Lester ihr betont sachlich und zeigte ihr ein Blatt Papier. »Dieser Haftbefehl, ausgestellt vom Justizminister persönlich, ermächtigt mich, jede erforderliche Maßnahme zu treffen, um den mutmaßlichen Mörder zu fassen und in Gewahrsam zu nehmen.«

»Aber er ist kein Mörder!«, ereiferte sich Sarah, während ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen stürzen wollten. Sie konnte nicht fassen, dass ihr das Glück, das sie für kurze Zeit verspürt hatte, so jäh entrissen werden sollte. »Jene Männer haben seine Frau und sein noch ungeborenes Kind getötet!«

»Dann hätte er sich an die Polizei wenden sollen.«

»Das hat er getan, aber man hat ihm nicht geglaubt.«

»Das gibt ihm noch lange nicht das Recht, Selbstjustiz zu üben. In seinem Land, bei seinem Stamm oder wie immer Sie es nennen mögen, mag das in Ordnung gehen – hier in England jedoch herrscht das Gesetz, und es ist meine Aufgabe, ihm Geltung zu verschaffen. So etwas nennt man Zivilisation.«

»Wenn Sie wüssten«, erwiderte Sarah mit mühsam zurückgehaltenem Zorn, »wie ich Menschen Ihres Schlages verabscheue. Wäre es mit Ihrer Bildung nur halb so weit her wie mit Ihrer Arroganz, so wüssten sie, dass Zivilisation nichts ist, worauf wir das Patent angemeldet haben. In Kamals Heimat wurden Wissenschaft und Kultur gepflegt, als sich unsere Vorfahren noch in Höhlen versteckten.«

»Das ist Ihre Ansicht«, konterte Lester kühl. »Da ich ein Gentleman bin, verbietet sich mir eine angemessene Antwort. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass nicht ich Schuld an Ihrem Schmerz trage, sondern niemand anders als Sie selbst.«

»Wie bitte? Was soll das nun wieder bedeuten?«

»Ich bitte Sie!«, zischte der Inspektor, und seine Gesichtszüge wurden dabei puterrot. »Sie sind eine Lady aus gutem Hause und haben nichts Besseres zu tun, als sich dem nächstbesten Wilden an den Hals zu werfen wie eine billige …«

Weiter kam Lester nicht. Die schallende Ohrfeige, die an seiner linken Wange explodierte, brachte ihn jäh zum Verstummen.

»Das war eine Tätlichkeit«, stellte er fest. »Gegen einen Justizbeamten. Das wird Folgen haben.«

»Das denke ich nicht«, entgegnete Sarah, die mit bebender Brust und geballten Fäusten vor ihm stand. »Ich habe einflussreiche Freunde. Auch bei Scotland Yard.«

»Dennoch stehen Sie nicht über dem Gesetz«, gab der Inspektor zu bedenken, während er seine schmerzende Wange rieb. »Sie können von Glück sagen, dass ich großmütig gelaunt bin, sonst würde ich Sie ebenfalls ergreifen und abführen lassen.«

»So sollte ich Ihnen für Ihren Großmut wohl dankbar sein«, stieß Sarah zornbebend und mit vor Sarkasmus triefender Stimme hervor.

»Von mir aus können Sie tun und lassen, was Sie wollen«, entgegnete Lester, während er sich umdrehte und auf sein Pferd zu trat, das einer der Constables für ihn am Zügel hielt. Der Gefängniswagen war verriegelt worden und bereit zur Abfahrt. »Es ändert nichts daran, dass Ihr farbiger Freund sich vor Gericht verantworten muss.«

»Ich werde dafür sorgen, dass er den besten Verteidiger bekommt, der sich finden lässt«, antwortete Sarah in hilflosem Trotz. »Ich werden Sir Jeffrey Hull engagieren, seines Zeichens Q. C.1 und ehemaliger Anwalt des Temple Bar …«

»Nur zu«, ermunterte Lester ungerührt, während er auf seinen Schecken stieg. »Es ändert nichts an der Sache.«

Damit nahm er die Zügel, drehte sein Pferd auf der Hinterhand herum und gab dem Kutscher des Gefängniswagens ein Zeichen. Die Peitsche knallte, und der Vierspänner setzte sich in Bewegung.

Sarah blieb nichts, als hilflos dabei zuzusehen.

Entsetzt schaute sie zu, wie die Constables ihre Pferde bestiegen und der Gefängniswagen zum Tor hinausrumpelte. Durch das vergitterte Fenster, das in die Hecktür der Kutsche eingelassen war, konnte Sarah Kamals Gesicht sehen. Alle Farbe und jede Empfindung waren daraus gewichen. Kamals Züge waren zur blassen, eisernen Maske erstarrt, nur seine Blicke verrieten Zorn.

»Ich habe dich nicht verraten«, rief sie, während sie der Kutsche nachsetzte, barfüßig wie ein Kind, das einem Zirkuswagen hinterherrannte. »Bitte, glaub mir, Kamal! Ich habe dich nicht verraten! Ich liebe dich! Ich würde niemals etwas tun, das dir …«

Sie unterbrach sich, als sie im feuchten Morast, den die Pferdehufe und Fuhrwerksräder hinterließen, ausglitt und zu Boden schlug. Bäuchlings landete sie im Schlamm, der ihr Gesicht und ihren Mantel besudelte. Sofort drang die Feuchtigkeit durch das Nachtgewand und ließ sie erbärmlich frieren. Am ganzen Körper zitternd, richtete sie sich halb auf – nur um zu sehen, wie die Kutsche mit ihrem Geliebten in Nacht und Nebel entschwand.

Noch einen Augenblick lang waren die Laternen der Kutsche und die Fackeln der Reiter zu sehen – dann waren auch sie verschwunden.

»Ich war es nicht«, flüsterte Sarah mit versagender Stimme. »Ich habe dich nicht verraten …«

Und endlich brachen die Tränen der Verzweiflung sich Bahn.

In gezackten Rinnsalen rannen sie über ihr Gesicht, während sie im kalten Schlamm kauerte und ihre Hände in das feuchte Erdreich grub, bis sie vor Kälte schmerzten – und schlagartig spürte Sarah Kincaid, wie auch die Furcht zu ihr zurückkehrte.

4.

PERSÖNLICHES TAGEBUCH SARAH KINCAIDNACHTRAG

Ich kann es selbst kaum glauben. Nach Monaten vermeintlicher Ruhe, in denen ich alles darangesetzt habe, zu vergessen und die Vergangenheit hinter mir zu lassen, ist sie ebenso unerwartet wie grausam zurückgekehrt und in mein Leben eingebrochen. Dabei vermag ich noch immer nicht zu beurteilen, was schwerer wiegt – die Tatsache, dass mein Geliebter wegen Mordes verhaftet und nach London gebracht wurde, oder dass er mich für die Urheberin dieser schrecklichen Wendung hält.

Sosehr es mich verletzt, dass er solches von mir denkt, kann ich es ihm nicht verübeln. Die Erinnerung an jene Nacht, in der wir einander dem Gesetz der Wüste folgend unsere innigsten Geheimnisse anvertrauten, ist mir noch immer gegenwärtig. Rückblickend glaube ich, dass es jene Nacht war, in der ich, freilich noch ohne es zu ahnen, mein Herz an Kamal verlor. Denn ohne den genauen Grund dafür benennen zu können, fühlte ich, dass wir einander ähnlich sind, verwandte Seelen im Strom der Zeit …

Sollte mich dieser Eindruck getrogen haben?

Der Blick, den Kamal mir durch die Gitterstäbe zugeworfen hat, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt, bis hinein in den Schlaf und in meine Träume. So viel unausgesprochene Anklage lag darin, so viel stummer Zorn. Ist seine Liebe zu mir tatsächlich erloschen? Habe ich für immer verloren, was ich gewonnen zu haben glaubte?

Ich will mich nicht kampflos in dieses Schicksal fügen, denn noch immer bin ich mir keiner Schuld bewusst. Weder habe ich jemandem von Kamals Geheimnis berichtet, noch habe ich etwas anderes getan, das sein Misstrauen rechtfertigt. Ich hoffe inständig, dass es mir gelingen wird, ihn von meiner Unschuld zu überzeugen – andernfalls wird sein Stolz ihm verbieten, meine Hilfe in Anspruch zu nehmen, und ohne eine ordentliche Vertretung vor Gericht scheint mir Kamals Verurteilung schon jetzt besiegelt.

Ich habe mich daher entschlossen, die Geborgenheit von Kincaid Manor einmal mehr zu verlassen und nach London zu reisen, um meinen alten Freund Jeffrey Hull um Hilfe zu ersuchen. Gleichzeitig muss ich herausfinden, woher Scotland Yard die Informationen hatte, die zu Kamals Verhaftung führten, denn nur so kann ich ihm meine Loyalität beweisen …

SCOTLAND YARD WHITEHALLPLACE, LONDON23. SEPTEMBER 1884

Milton Fox hatte sich verändert. Die fein geschnittenen, von einer spitzen Nase beherrschten Gesichtszüge, in denen es ab und zu nervös zuckte, hatten noch immer etwas von dem Tier, dessen Namen er trug. Dennoch war Fox gesetzter geworden und hatte einige Pfunde zugelegt, was möglicherweise der Beförderung zum Superintendent zuzuschreiben war, die er infolge seiner Teilnahme an der Suche nach dem Buch von Thot erhalten hatte.

Zwar hatte die Expedition unter der Leitung Sarah Kincaids offiziell niemals stattgefunden und die Aufzeichnungen darüber wurden in den verborgensten Archiven von Horse Guard, dem Kriegsministerium, aufbewahrt. Da es jedoch auch darum gegangen war, einen leiblichen Neffen der Königin vom Mordverdacht zu befreien, war die Kunde der dramatischen Ereignisse, die sich zunächst in London und später in Ägypten abgespielt hatten, bis in den Palast von St. James gedrungen, was sich für einige der Beteiligten zu ihrem Vorteil ausgewirkt hatte.

Mit gravitätischer Miene und ineinander verschränkten Händen saß Fox hinter seinem großen Teakholzschreibtisch und überflog den Bericht, den er vor sich liegen hatte. Dabei ließ er immer wieder ein rügendes Zungenschnalzen vernehmen, das Sarah das Gefühl gab, ein kleines Mädchen zu sein, das von seinem Lehrer gescholten wurde.

Auf Fox’ Aufforderung hatte sie in einem der beiden lederbezogenen Besuchersessel Platz genommen. Sir Jeffrey, der sie für die Dauer ihres Aufenthalts in London freundlicherweise in seinem Haus aufgenommen hatte, hatte es sich nicht nehmen lassen, sie zum Yard zu begleiten. So saß er neben ihr und wartete nicht weniger gespannt als sie auf das, was Milton Fox zu sagen haben würde.

»Sarah, Sarah«, ließ dieser sich endlich zu einem Kommentar herab und blickte auf. In seinen filigranen Zügen spiegelte sich Besorgnis. »Ich fürchte, Sie haben sich diesmal in arge Schwierigkeiten gebracht. Widerstand gegen die Staatsgewalt, Tätlichkeit gegen einen verdienten Justizbeamten, der lediglich seine Pflicht tat …«

»Er ist ein Schwein«, erklärte Sarah unverblümt und zum Entsetzen nicht nur von Milton Fox.

»Meine Liebe«, ereiferte sich Sir Jeffrey und hob die buschigen, weißen Brauen. »Ich muss doch sehr bitten …«

»Es ist wahr«, beharrte Sarah ungerührt. »Er war auf dem besten Weg dazu, mich eine Hure zu nennen. Ist es das, was Sie unter einem verdienten Beamten verstehen, Milton?«

»Natürlich nicht«, wehrte Fox ab. »Inspector Lester wird dafür eine offizielle Rüge erhalten und einen Vermerk in seiner Dienstakte. Aber das gibt Ihnen nicht das Recht zu einer Tätlichkeit.«

»Inspector Lester«, erwiderte Sarah trotzig, »hat mich in meiner Ehre gekränkt. Wäre ich ein Mann, würden wir diese Diskussion vermutlich nicht einmal führen.«

»Sie sind aber nun einmal, was Sie sind – und es ist eine Tatsache, dass Ihr Verhältnis zu Kamal …«

»Ja?«, bohrte Sarah nach, als Fox errötend nach Worten rang.

»… nicht den landläufigen Vorstellungen von einer legitimen Verbindung entspricht«, wartete er schließlich mit einer Formulierung auf, die er für vertretbar hielt. »Gewisse Menschen könnten sich dadurch verletzt fühlen.«

»Gewisse Menschen?«, wollte Sarah wissen. »Wer zum Beispiel?«

»Meine Teure, muss ich Ihnen das wirklich erklären?« Unbeholfen wedelte Fox mit den Armen. »Sie sind eine Dame aus gutem Hause. Ihr Vater genoss in manchen Kreisen den Ruf eines Helden und hat Ihnen sein gesamtes Vermögen hinterlassen. Sie sind klug und gebildet und – wenn Sie mir die Bemerkung gestatten -überaus attraktiv.«

»Ich sehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat«, knurrte Sarah ungeduldig.

»Nun, ich könnte mir vorstellen, dass einige Menschen der Ansicht sind, dass eine Verbindung mit einem jungen Mann aus gutem britischen Hause Ihrem Stand ungleich angemessener wäre als …«

»Als was?«, hakte Sarah nach, als Fox’ Worte unter ihrem wütenden Blick versickerten wie Wasser im heißen Wüstensand. »Als ein ungebildeter Wilder? Denken Sie in Wahrheit auch so wie Lester?«

»Nun, ich …« Fox errötete, während er auf seinem Sessel geräuschvoll hin und her rutschte. »Sehen Sie, Sarah, persönlich habe ich nichts gegen Kamal. Aber es lässt sich doch nicht leugnen, dass er anders ist als wir.«

»Das ist er«, räumte Sarah ein. »Aus diesem Grund sind wir alle noch am Leben, wenn ich Sie daran erinnern darf.«

»Natürlich, meine Teure … Aber das ändert nichts daran, dass der gute Kamal einer anderen Welt angehört. Einer Kultur, die der unseren – das kann man mit Fug und Recht behaupten – tatsächlich weit unterlegen ist.«

Sarah seufzte.

Sie bebte innerlich vor Wut über soviel Borniertheit und Ignoranz. Aber obwohl sich alles in ihr dagegen empörte und ihre rebellische Natur sich am liebsten auf ein heftiges Wortgefecht eingelassen hätte, widersprach sie nicht mehr. Auch wenn Fox’ Einstellung ihr nicht gefallen mochte und sie ihn im Grunde ihres Herzens für einen Idioten hielt – sie brauchte ihn, wenn sie Kamal helfen wollte …

»Wussten Sie, Milton, dass Kamal nur zur Hälfte Tuareg ist?«, erkundigte sie sich stattdessen.

»Wie darf ich das verstehen?«

»Seine Mutter war Engländerin«, erklärte Sarah. »Er ist hier aufgewachsen, weswegen er nicht nur mit unserer Sprache, sondern auch mit unseren Gebräuchen sehr wohl vertraut ist.«

»Nun, das … das wusste ich nicht.«

»Kamal bezeichnet England als seine eigentliche Heimat, Milton. Ich denke, das sagt sehr viel über ihn aus.«

»Gewiss … Aber warum ist er dann nicht in England geblieben? Weshalb ist er nach Afrika zurückgekehrt, um in all diesem Schmutz und diesem Staub zu leben?«

»Weil er wie jeder von uns seine Wurzeln kennen wollte – und weil er die Nachfolge seines Vaters antreten musste, der ein großer Häuptling der Tuareg war.«

»Das klingt sehr schön, wie Sie das sagen – ich fürchte nur, es entspricht nicht ganz der Wahrheit«, entgegnete Fox. »Unseren Informationen zufolge hat Kamal das Land deshalb verlassen, weil Blut an seinen Händen klebte – das Blut zweier Soldaten in den Diensten der königlich britischen Armee.«

»Das Blut zweier Mörder«, verbesserte Sarah. »Diese Männer hatten zuvor Kamals Braut überfallen und brutal vergewaltigt. Nicht nur sie selbst starb an den Folgen, sondern auch das Kind, das sie in sich trug. Sein Kind.«

»Das mag Ihre Version der Geschehnisse sein«, konterte Fox, »aber es gibt dafür nicht einen einzigen Beweis, ganz im Gegenteil. Ich habe mir die Akten kommen lassen. Der königliche Grenadier Samuel Tennant und der königliche Grenadier Leonard Albright wurden noch in der Nacht dieses angeblichen Mordes gefasst und wenig später vor Gericht gestellt. Kamal jedoch war der Einzige, der sie als Täter identifizierte. Alle anderen Zeugen …«

»Alle anderen Zeugen waren entweder bestochen oder ebenso borniert, wie die meisten Menschen in diesem Land es sind!«

»Sarah! Was fällt Ihnen ein?«

»Die Gerichtsverhandlung war eine abgekartete Sache. Kamals Braut war zur Hälfte Afrikanerin, genau wie er selbst. Es stand von Beginn an fest, dass zwei weiße königliche Grenadiere nicht eines Mischlings wegen im Gefängnis landen würden.«

»Meine Teure«, ließ sich nun auch Sir Jeffrey vernehmen, der bislang kaum etwas gesagt hatte, »bitte seien Sie vorsichtig mit dem, was Sie sagen! Sie zweifeln die Unabhängigkeit der Gerichte an …«

»Nicht grundsätzlich und nicht, solange Menschen mit heller Hautfarbe vor den Schranken dieser Gerichte stehen«, erwiderte Sarah. »In Kamals Fall jedoch konnte von einem fairen Prozess keine Rede sein. Er hat mir erzählt, dass einer der Zeugen hämisch grinste, als der Freispruch verlesen wurde.«

»Kein System ist vollkommen«, räumte Milton Fox ein. »Aber das gab Kamal nicht das Recht, diese Männer auf eigene Faust zu richten, nachdem ein königliches Gericht sie freigesprochen hatte.«

»Was genau soll er getan haben?«, wollte Sir Jeffrey wissen.

»Er wird beschuldigt, im April 1869 zunächst den königlichen Grenadier Samuel Tennant mit zwei Messerstichen ins Herz getötet zu haben. Anschließend verstümmelte er den königlichen Grenadier Leonard Albright, indem er ihn zu einem geschlechtslosen, elenden Krüppel machte. Albright schied aus dem Waffendienst aus und nahm sich ein halbes Jahr nach diesen fürchterlichen Ereignissen das Leben.«