American Crime - Loren D. Estleman - E-Book

American Crime E-Book

Loren D. Estleman

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Beschreibung

Die ersten drei Fälle des hartgesottenen Privatdetektivs Amos Walker! DIE SCHATTEN VON DETROIT: Privatdetektiv Amos Walker schlägt sich seit seiner Rückkehr aus dem Vietnam-Krieg eigentlich mit der Aufklärung von Versicherungsbetrug durch. Doch als er von einem halbpensionierten Gangsterboss angeheuert wird, seine verschwundene Tochter aufzuspüren, bleibt ihm keine andere Wahl, als den gefährlichen Auftrag anzunehmen. Der einzige Hinweis auf Marla Bernsteins Verbleib ist ein pornografisches Foto – ob die Gangstertochter Teil von Detroits berüchtigter Rotlichtszene geworden ist? Walker wird es nur herausfinden, in dem er in die Schattenseite der Stadt eintaucht, einer gefährlichen Spur folgend, die ihn zum Abgrund des Verderbens stößt … DIE TOTEN VON DETROIT: Dem hartgesottenen Vietnam-Veteran und Privatdetektiv Amos Walker ist schon einiges an Fällen untergekommen. Doch sein neuster Fall bringt selbst ihn an seine Grenzen: Ann Maringer, eine angsterfüllte Stripperin mit bestechend schönen Augen, prophezeit ihr eigenes Verschwinden und heuert ihn an, sie aufzuspüren. Kaum hat Walker den kuriosen Auftrag angenommen, erfüllt sich die düstere Vorhersage: Ann ist spurlos verschwunden und hinterlässt nichts als eine trügerische Stille – und einen Toten in ihrer Wohnung … Für Walker beginnt eine erbarmungslose Jagd nach den Entführern, die ihn durch Detroits schmutzigste Viertel und Clubs führt und mit skrupellosen Gestalten konfrontiert, in deren Welt eindeutig das Gesetz des Stärkeren gilt. Plötzlich steht nicht nur Walkers Ruf auf dem Spiel, er muss auch um sein eigenes Leben fürchten … DIE MORDE VON DETROIT: An einem flirrend heißen Sommertag führt ein Routinefall Privatdetektiv Amos Walker auf den Highway nach Ann Arbor. Im Visier hat er einen Trucker, dem Betrug vorgeworfen wird. Nur wenige Meilen außerhalb von Detroit wird Walker jedoch von seiner Zielperson erkannt – und muss feststellen, dass der zwielichtige Mann nicht allein unterwegs ist: Vier Lastwagen haben Walker umzingelt und drohen, den Highway in seine letzte Ruhestätte zu verwandeln…  

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Seitenzahl: 1079

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

DIE SCHATTEN VON DETROIT: Privatdetektiv Amos Walker schlägt sich seit seiner Rückkehr aus dem Vietnam-Krieg eigentlich mit der Aufklärung von Versicherungsbetrug durch. Doch als er von einem halbpensionierten Gangsterboss angeheuert wird, seine verschwundene Tochter aufzuspüren, bleibt ihm keine andere Wahl, als den gefährlichen Auftrag anzunehmen. Der einzige Hinweis auf Marla Bernsteins Verbleib ist ein pornografisches Foto – ob die Gangstertochter Teil von Detroits berüchtigter Rotlichtszene geworden ist? Walker wird es nur herausfinden, in dem er in die Schattenseite der Stadt eintaucht, einer gefährlichen Spur folgend, die ihn zum Abgrund des Verderbens stößt …

 

DIE TOTEN VON DETROIT: Dem hartgesottenen Vietnam-Veteran und Privatdetektiv Amos Walker ist schon einiges an Fällen untergekommen. Doch sein neuster Fall bringt selbst ihn an seine Grenzen: Ann Maringer, eine angsterfüllte Stripperin mit bestechend schönen Augen, prophezeit ihr eigenes Verschwinden und heuert ihn an, sie aufzuspüren. Kaum hat Walker den kuriosen Auftrag angenommen, erfüllt sich die düstere Vorhersage: Ann ist spurlos verschwunden und hinterlässt nichts als eine trügerische Stille – und einen Toten in ihrer Wohnung … Für Walker beginnt eine erbarmungslose Jagd nach den Entführern, die ihn durch Detroits schmutzigste Viertel und Clubs führt und mit skrupellosen Gestalten konfrontiert, in deren Welt eindeutig das Gesetz des Stärkeren gilt. Plötzlich steht nicht nur Walkers Ruf auf dem Spiel, er muss auch um sein eigenes Leben fürchten …

 

DIE MORDE VON DETROIT: An einem flirrend heißen Sommertag führt ein Routinefall Privatdetektiv Amos Walker auf den Highway nach Ann Arbor. Im Visier hat er einen Trucker, dem Betrug vorgeworfen wird. Nur wenige Meilen außerhalb von Detroit wird Walker jedoch von seiner Zielperson erkannt – und muss feststellen, dass der zwielichtige Mann nicht allein unterwegs ist: Vier Lastwagen haben Walker umzingelt und drohen, den Highway in seine letzte Ruhestätte zu verwandeln…

Sammelband-Originalausgabe Februar 2026

Copyright © der Sammelband-Originalausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Eine Übersicht über die Copyrights der einzelnen Romane, die im Sammelband enthalten sind, finden Sie am Ende dieses eBooks.]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Malivan_Iuliia, Neepeen und AdobeStock/prapatsom, Asraful

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mm)

 

ISBN 978-3-96148-623-6

 

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Loren D. Estleman

American Crime

Drei Romane in einem eBook: »Die Schatten von Detroit«, »Die Toten von Detroit« & »Die Morde von Detroit«

Aus dem Amerikanischen von Sigrid Kellner

 

Die Schatten von Detroit

Kriminalroman, Amos Walker ermittelt 1

 

Privatdetektiv Amos Walker schlägt sich seit seiner Rückkehr aus dem Vietnam-Krieg eigentlich mit der Aufklärung von Versicherungsbetrug durch. Doch als er von einem halbpensionierten Gangsterboss angeheuert wird, seine verschwundene Tochter aufzuspüren, bleibt ihm keine andere Wahl, als den gefährlichen Auftrag anzunehmen. Der einzige Hinweis auf Marla Bernsteins Verbleib ist ein pornografisches Foto – ob die Gangstertochter Teil von Detroits berüchtigter Rotlichtszene geworden ist? Walker wird es nur herausfinden, in dem er in die Schattenseite der Stadt eintaucht, einer gefährlichen Spur folgend, die ihn zum Abgrund des Verderbens stößt …

In Memoriam JOHN BANICH für unvergessene Wohltaten

Kapitel 1

 

Gesichter aus der Vergangenheit soll man am besten dort ruhen lassen. Wenn Sie mir am Schluß dieses Bandes darin zustimmen, dürfte sich die Mühe gelohnt haben.

 

Mein Lektion begann, als ich mir an einer Straßenecke – so ziemlich dem einzigen Ort, wo man das noch ungestraft tun kann – eine Winston ansteckte. Oder besser gesagt versuchte, mir eine anzustekken. Um ganz genau zu sein, war es an der Ecke Watson und Woodward, und ein heftiger Novembersturm pfiff hinüber zum Lake St. Clair.

Ich zog mir den Hut tiefer in die Stirn, um ihn daran zu hindern, bis nach Grosse Pointe zu fliegen, wo er garantiert nichts zu suchen hatte, wandte mich mit dem Rücken zum Wind und hatte meinem dritten Streichholz gerade eine Flamme entlockt, als der Mann, zu dem das obenerwähnte Gesicht gehörte, aus dem Hauseingang kam, in den ich mich geflüchtet hatte, mich anrempelte und mir das Streichholz aus der Hand stieß, so daß es in dem Matsch zu meinen Füßen erlosch.

Um etwas weiter auszuholen: Ich war nun schon seit drei Wochen bei der Midwest-Confidential-Versicherungsgesellschaft in meiner Eigenschaft als Privatdetektiv engagiert und hatte während dieser Zeit den Mann beobachtet, der im ersten Stock des Hauses an der gegenüberliegenden Ecke wohnte. Es war dies ein unschönes, rußgeschwärztes Gebäude, das aus den Anfangsjahren der Detroiter Auto-Industrie stammte und sich trotz einer gewissen Verwahrlosung sowie dem Verfall der umgebenden Nachbarschaft eine unleugbare Würde bewahrt hatte, der auch die anreißerische Aufschrift an dem Vordach des Kinos im Erdgeschoß: 24-STUNDEN-NONSTOP-SEX-SHOW. FÜR JUGENDLICHE UNTER 18 JAHREN VERBOTEN nichts anzuhaben vermochte. Zuvor war dort ein Massage-Salon gewesen und noch früher eine Absteige, in dieser Stadt das natürliche Schicksal eines Hotels, das einmal dazu erbaut worden war, den Millionären einer anderen Epoche als Domizil zu dienen.

Der Mann in der Wohnung über dem Film-Theater hatte gegen einen Klienten der Midwest Confidential Klage erhoben wegen einer Sturzverletzung, aufgrund derer er sich angeblich nur noch mit Hilfe von zwei Stöcken und Stahlschienen an den Unterschenkeln fortbewegen konnte. Medizinische Untersuchungen hatten sich als nicht überzeugend erwiesen, und da es zu den Gepflogenheiten der Versicherungsgesellschaft gehörte, alle Ansprüche zu überprüfen, war es mir zugefallen, dem Kläger auf die Schliche zu kommen, vorausgesetzt, er simulierte nur.

Vor allem war bei diesem Unternehmen Geduld gefragt. Manchmal zu Fuß, manchmal auf der gegenüberliegenden Straßenseite in meinem Auto sitzend, hatte ich den größten Teil des Novembers damit verbracht, das Kommen und Gehen George Gibsons im Auge zu behalten in der Hoffnung, ihn eines Tages ohne seine Stöcke zu erwischen. In meiner Tasche steckte eine Kodak Instamatic 20, die beste Erfindung moderner Technologie seit der Möglichkeit, Telefonleitungen anzuzapfen, um ein Ereignis auf der Stelle festzuhalten. Der Nikon in meinem Wagen war natürlich prinzipiell der Vorzug zu geben, nur ließ sie sich leider sehr viel schlechter verstecken. Und lieber nahm ich jederzeit einen Qualitätsverlust in Kauf, als Entdeckung zu riskieren.

Trockener, körniger Schnee von der Art, wie er gewöhnlich in der Stadt fällt, häufte sich auf den Vorsprüngen unbenützter Eingangstüren und säumte in schmalen Bändern die Abflußöffnungen. Vom Wind getrieben, formte er weiße Schlangen auf dem Straßenpflaster, jagte über schmutziges, zerknülltes Zeitungspapier hinweg, riß alte Flugblätter mit Wahlparolen fort und ließ leere Kondom-Packungen und zerbrochene Styropor-Becher gegen die verbeulten Rostlauben prallen, die herrenlos am Bordstein standen. Der Sturm nagte an den brüchigen Ecken der Häuser mit grellfarbigen Schildern, die jede Art von hetero- und homosexuellen Vergnügungen anpriesen, und ließ lockere Bretter klappern, die vor die kaputten Schaufenster verlassener Läden genagelt waren. Mit ihren aus Farbdosen aufgesprühten Totenköpfen und gekreuzten Knochen waren sie als Treffpunkt von Straßenbanden zu erkennen, die man besser mied. Zwei Häuserblocks weiter südlich hatten sich am Fuße des Renaissance-Centers, unweit der Stelle, wo der erste Selbstmörder gelandet war, eine Schar grinsender Menschen versammelt. An einem Backsteinbau forderte mich ein verwittertes Schild mit übergroßen Buchstaben auf, »Detroit einen zweiten Blick zu schenken«. Die Luft war bitter wie eine alte Nutte und roch nach Auspuffgas.

Als mir das Streichholz aus der Hand gerissen wurde, war ich innerlich darauf gefaßt, mich gegen die übliche Gruppe magerer junger Schwarzer zur Wehr setzen zu müssen. Deshalb war ich überrascht, daß ich, als ich herumschnellte, einem wohlgenährten nordischen Typ mit grauen Augen gegenüberstand, unter dessen Mütze aus synthetischem Pelz blonde Haarsträhnen hervorkamen. Noch überraschter war ich, als ich ihn eine Sekunde später erkannte.

Das Erkennen war nicht gegenseitig. Fast ohne mir einen Blick zu schenken, murmelte er eine unterdrückte Entschuldigung und drängte an mir vorbei, um mit steifen, ausholenden Schritten in südlicher Richtung davonzueilen. Ich starrte ihm einen Moment lang nach. Dann warf ich entschlossen meine Zigarette weg, die ich bei dem Zusammenprall beinahe durchgebissen hatte, und nahm seine Verfolgung auf. Es sah nicht so aus, als ob Gibson heute noch einmal herauskommen würde, und der Zufall, im wahrsten Sinne des Wortes, auf jemanden gestoßen zu sein, den ich zuletzt vor sieben Jahren in einer anderen Hemisphäre gesehen hatte, weckte meine Neugier.

Wo immer er hinwollte – er war entweder bereits im Verzug oder wollte sich zumindest nicht verspäten. Zweimal noch prallte er fast mit Fußgängern zusammen, als er sich seinen Weg durch das dichte Gewühl auf den Bürgersteigen bahnte und dabei mit den Augen die Straße nach einem Taxi absuchte. Und einmal war er gezwungen, einen wilden Charleston aufzuführen, um nicht hinzufallen, als er auf einem Stück Glatteis ins Rutschen geriet. Nicht, daß ihn diese Beinahe-Malheurs vorsichtiger gemacht hätten. Eher beschleunigte er noch sein Tempo, wie um die verlorene Zeit aufzuholen. Ich folgte ihm in – wie es in Agenten-Romanen immer heißt – diskreter Entfernung, was bedeutet, daß ich mir fast den Hals verrenkte, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Hätte er ein Taxi erwischt, wäre ich jetzt noch um etliches jünger. Dann hätte ich ihn eben nicht weiterverfolgen können, wäre nach Hause gefahren und hätte später vielleicht von ihm in der Zeitung gelesen. Wahrscheinlich hätte ich noch ein paar Minuten über ihn nachgedacht, und das wäre alles gewesen. Es war schon recht bald, daß ich mir wünschte, die Dinge hätten diesen Verlauf genommen. Aber es waren keine Taxis in Sicht, und ich werde auf ewig den Taxi-Dienst für das verantwortlich machen, was später geschah.

Ich beschattete ihn bis Adelaide, wo er endlich eines der gelben Fahrzeuge erspähte und zum Bordstein trat, um es heranzuwinken, als ein blauer Nova, den ich zuvor gar nicht bemerkt hatte, von der äußeren Fahrspur der Woodward Avenue herüberwechselte und meinen Mann zwischen zwei parkenden Wagen einklemmte. Er zögerte einen Augenblick, machte dann fluchend kehrt und wollte um einen der parkenden Wagen herumeilen, als der Beifahrer des Nova ausstieg und seinen Namen rief. Die nasale Stimme war Rhett Butler in Reinkultur.

Bei dem Klang seines Namens blieb der Mann stehen und drehte sich um. Das gab dem Fahrer des Nova Gelegenheit, ebenfalls auszusteigen, um den parkenden Wagen herumzugehen und sich meinem Mann von hinten zu nähern. Fahrer und Beifahrer sahen sich ähnlich wie Brüder. Beide hatten sie das gleiche fleischige Gesicht und eine große Nase, beide trugen sie dunkle Anzüge mit schwarzen Schlipsen unter grauen Mänteln, und beide hatten sie ihre ziemlich langen schmutzig-blonden Haare mit Pomade zurückgekämmt, so wie es noch im Süden Mode ist. Der Fahrer war älter und größer, aber abgesehen davon hätten sie Zwillinge sein können.

Es entspann sich eine gedämpfte Unterhaltung, in deren Verlauf ich mich – Macht der Gewohnheit – in einen Hauseingang verzog und so tat, als benütze ich dessen Schutz, um mir eine frische Zigarette anzuzünden, während ich die Situation beobachtete. Eine gutangezogene junge Frau, die zufällig vorbeikam, bedachte meine Zigarette mit einem strafenden Blick. Ich nahm einen tiefen Zug und grinste die junge Frau durch den Rauch hindurch an.

»Ziehen Sie keine falschen Schlüsse«, sagte ich mit einem Augenzwinkern. „Das ist Marihuana.« Aber das machte die Sache bei ihr auch nicht besser. Ohne zu antworten, strebte sie weiter.

Ich konnte nicht verstehen, was die drei sagten, doch nach dem Tonfall und den Gesten zu urteilen, war mein alter Bekannter über irgend etwas aufgebracht, und die beiden anderen versuchten ihn zu besänftigen. Nach ein paar Sekunden vergeblichen Hinundhers legte der jüngere der beiden Rotnacken seine Hand auf den Arm des dritten Mannes, wie um ihn zum Wagen zu eskortieren, und letzterer schien ihm auch bereitwillig zu folgen. Aber das schien in der Tat nur so. Ich war drei Jahre lang Militärpolizist gewesen und wußte es besser. Mit diesem Griff an seinem Ellbogen war es meinem alten Bekannten unmöglich, Widerstand zu leisten. Oder er mußte sich damit abfinden, für den Rest seines Lebens einen steifen Arm zurückzubehalten. Der Fahrer hatte sich des anderen Arms mit dem gleichen Griff bemächtigt. Zusammen führten sie den Mann wie einen geprügelten Hund zum Wagen.

Im letzten Augenblick, als die hintere Tür schon geöffnet war und sie ihn hineinschoben, lockerte der jüngere der Entführer seinen Griff, und der Gefangene begann sich zu wehren. Sein Widerstand wurde von seinem Peiniger jedoch sofort mit einem kurzen, wohlgezielten Stoß in die Magengrube gebrochen. Es war ein Boxhieb, der den Gefangenen wirkungsvoll ruhig stellte. Er versteifte sich und klappte vornüber zusammen. Der jüngere Mann stieg neben ihm ein und zog hastig die Tür hinter sich zu, während der andere zur Fahrerseite eilte, sich hinter das Lenkrad setzte und unverzüglich losfuhr. Der Nova verschwand geräuschlos in Richtung Süden.

Die ganze Aktion war Maßarbeit gewesen. Wer nicht ganz genau hingesehen hatte, mußte annehmen, eine der üblichen Fahrgemeinschaften habe auf dem Heimweg einen Mitfahrer eingesammelt. Wahrscheinlich erregte ich selbst, wie ich mitten auf dem Bürgersteig stand und die Nummer des Nova in mein abgegriffenes Notizbuch kritzelte, mehr Aufsehen als der ganze Vorfall. Was ein Kommentar – oder auch nicht – über die Haltung der Detroiter gegenüber Kriminalität sein mochte, je nachdem, ob man für die Zeitungen arbeitete oder für den Bürgermeister.

Ich sah mich meinerseits nach einem Taxi um, aber ich brauche wohl nicht zu erwähnen, mit welchem Ergebnis. Dann steuerte ich zur nächsten Telefonzelle, wozu ich leider ziemlich weit tippeln mußte, und rief die Polizei an. Ich verlangte Lieutenant John Alderdyce zu sprechen, und nachdem ich meine Bitte noch zweimal für irgendwelche Mädchen aus der Telefonzentrale wiederholt hatte, meldete sich die tiefe Stimme des Lieutenants.

»Alderdyce.«

»John, hier spricht Amos Walker. Ich brauche dringend den Besitzer einer Autonummer.«

»Dann ruf die Zulassungsstelle an.«

»Da kenne ich keinen. Deshalb wollte ich dich bitten.«

»Worum handelt es sich denn?«

»Eine Entführung.«

»Wende dich an das FBI.«

»Nun laß die Ausflüchte, John. Es geht wirklich um Leben und Tod.« Wie ich selbst fand, klang das ziemlich melodramatisch. Also unternahm ich einen zweiten Versuch. Aber es gab keine andere Möglichkeit, es auszudrücken. Ich skizzierte Alderdyce, was ich gesehen hatte. Es folgte eine Pause, bevor er sprach. Wer mit ihm telefonierte, hätte nie vermutet, daß er ein Schwarzer war. Auf der West Side in einer Mittelklasse-Gesellschaft aufgewachsen, hatte er an der University of Michigan studiert, wo ihm im Konkurrenzkampf mit weißen Studenten kaum noch etwas von dem lässigen, gedehnten Tonfall geblieben war, den die Generation seiner Eltern während des Zweiten Weltkriegs in den Norden gebracht hatte.

»Kannst du das Opfer beschreiben?« wollte er wissen.

»Besser noch. Ich kann dir seinen Namen geben.«

»Verdammt rücksichtsvoll von ihm, sich vorzustellen.« In seinem Ton schwang leichte Reizbarkeit mit.

»Der Bursche war mein Kompaniechef in Nam. Deshalb bin ich ihm gefolgt. Captain Francis Kramer, etwa vierzig Jahre alt, ungefähr einsfünfundsiebzig, Gewicht neunzig Kilo, blonde Haare, graue Augen. Hast du alles mitbekommen?«

»Wort für Wort.«

Ich beschrieb die Entführer und den Wagen, den sie gefahren hatten. Dann gab ich die Zulassungsnummer durch. »Hör mal«, sagte ich, »wenn du den Wagenhalter nicht für mich ausfindig machen willst, gib die Sache wenigstens an die zuständigen Leute weiter. Ich will schließlich von niemandem einen Gefallen.«

»Wie viele Augenzeugen gibt es außer dir?«

»Gar keine.«

»Gar keine?« Sein Unglauben war mit Ärger gepaart. »Auf der Woodward Avenue um halb sechs Uhr nachmittags? Wen willst du eigentlich auf den Arm nehmen? Menschenleer ist es dort zum letztenmal während der Krawalle gewesen.«

»Ich habe ja auch nicht behauptet, daß keine anderen Leute da waren. Sie haben die Entführung nur nicht gesehen.«

»Aber du.«

»Weil ich besonders darauf geachtet habe. Ich sagte doch bereits, diese Kerle waren Profis.«

»Also gut, ich gebe die Sache weiter.«

»Warum kannst du sie nicht selber übernehmen?«

»Weil ich beim Morddezernat bin. Und weil ich mit der Ermordung von Freeman Shanks alle Hände voll zu tun habe. Aber keine Sorge, ich werde die Kollegen bitten, besonders sorgfältig zu recherchieren, weil du mit Kramer befreundet warst. Wenn unsere Väter nicht Partner gewesen wären, würde ich das allerdings nicht tun. Noch gehst du mir nicht auf den Wecker, Walker, aber das wird sicher noch kommen.«

Seine letzte Bemerkung ließ ich unbeachtet. »Ich war mit Kramer nicht befreundet. Ich sehe es nur nicht gern, wenn Leute am hellichten Tag auf offener Straße entführt werden. Das weckt in mir die Frage, wer als nächster dran ist.«

»Halte dich zur Verfügung. Die Kollegen werden noch mit dir sprechen wollen.«

»Ich habe einen Anrufbeantworter und einen Piepser, falls die Batterien noch funktionieren«, versicherte ich ihm. »Gibt es ihm Fall Shanks schon irgendwelche Hinweise?«

»Mehrere hundert. Deshalb werde ich auch ein angesehenes Mitglied des Detroiter Yacht-Clubs sein, bevor er gelöst ist. Es sei denn, du hättest auch bezüglich Shanks etwas auf Lager?« Es war Ironie, aber aus Verzweiflung geboren. Die Untersuchung der Hintergründe des gewaltsamen Todes des populären schwarzen Arbeiterführers, der im August des Jahres erschossen worden war, zog sich schon drei Monate hin, und sowohl die News als auch die Free Press verlangten nach Aufklärung oder nach den Köpfen gewisser Verantwortlicher.

»Who killed Jimmy Hoffa?« sagte ich.

»Scher dich zum Teufel, Walker.« Dann hatte er aufgelegt.

Kapitel 2

 

Kommen Sie ruhig mal vorbei und besuchen Sie mich in meiner bescheidenen Hütte gleich westlich von Hamtramck. Aber bringen Sie nicht zu viele Polen mit. Die Nachbarschaft ist überwiegend ukrainisch, und alte Animositäten lassen sich nur schwer überwinden. Es ist ein einstöckiges Holzhaus, während der großen europäischen Hungersnot in den zwanziger Jahren gebaut, als die Auswanderer scharenweise hierherkamen, und kann sich eines Bades, eines Schlafzimmers und eines kombinierten Wohn- und Eßzimmers rühmen, das allerdings nur groß genug ist für eines von beiden. Eine Küche ist natürlich auch vorhanden. Es ist nicht gerade die Lobby des Detroit Plaza, aber es bietet doch mehr Platz, als ein einzelner Mensch braucht. Vielleicht werde ich Ihnen, wenn wir uns besser kennen, von der Person erzählen, die es einmal mit mir geteilt hat. Auf alle Fälle genügt es meinen Ansprüchen so lange, bis mich die Steuern bei lebendigem Leibe auffressen.

Ich kam gerade rechtzeitig nach Hause, um die wichtigsten Meldungen der Sechs-Uhr-Nachrichten auf Kanal 4 mitzukriegen, den Teil, der nach dem ersten Werbespot kommt, wenn die »heile Welt«, mit der sie heutzutage so gern beginnen, vorbei ist. Über Francis Kramer war nichts dabei. Auch auf den Kanälen 2 und 7 kam nichts zu diesem Thema, aber im Gegensatz zu Kanal 4 wird dort im allgemeinen mit den härteren Sachen aufgemacht, und ich konnte die entsprechende Meldung verpaßt haben. Die Abendausgaben der News und der Free Press hatte ich mir unterwegs gekauft, aber ich erwartete nicht, Kramer darin zu finden. Seinen Leberhaken hatte er kassiert, als die Blätter schon auf der Straße gewesen waren.

Mein Abendessen war ein Fertiggericht aus der Tiefkühltruhe. Nicht; daß ich etwa nicht kochen kann. Aber ab und zu ist es doch ganz lustig festzustellen, daß irgendwo irgend jemand einem vorgegebenen Muster folgt. Erbsen in der einen Abteilung, Fleisch in der anderen, und in der dritten kleine, runde Kartoffeln, säuberlich aufgereiht wie die Zinnsoldaten. Ich zerstörte die Schlachtordnung mit einem kräftigen Stich meiner Gabel.

Meine Verdauungssäfte waren dabei, sich zur Vernichtung zu sammeln, als ich zum Fernsehgerät zurückkehrte. Die Kanadier übertrugen Eishockey, und ich sah ein paar Minuten zu. Aber dann drehte ich ab, weil sich die Bodychecks häuften. Wenn ich die menschliche Natur in ihren schlimmsten Formen sehen wollte, konnte ich auch zu den Nachrichten zurückschalten. Ich spreche von den Fans, nicht den Spielern.

Ich erwog, eine 78er-Platte aufzulegen, entschied mich jedoch dagegen. Meine Sammlung von Jazz und frühem Rock war eine Quelle des Stolzes für mich gewesen, bevor die Scheidungsmodalitäten mir nur noch einen schäbigen Rest übriggelassen hatten. Eine Platte davon anzuhören, würde mich nur in Depressionen versetzen.

Aus reiner Langeweile überflog ich das ausgedruckte Fernsehprogramm und wurde dabei fündig. Der Zwanzig-Uhr-Film auf Kanal 50 brachte Humphrey Bogart. »Die barfüßige Gräfin«, nicht einen seiner besten, aber immerhin Bogart. Bis Beginn hatte ich noch anderthalb Stunden totzuschlagen. Also ließ ich mich in meinem einzigen Sessel nieder, um mich systematisch und intelligent der Lektüre der Free Press zu widmen. Zuerst las ich den Beetle-Bailey-Comic.

Das Telefon schrillte gerade in dem Moment, als Rossano Brazzi mit Ava Gardners Leiche auf den Armen aus den Büschen trat. Ich ließ es bimmeln, bis der Nachspann über den Bildschirm flimmerte, und meldete mich erst beim siebenten Läuten.

»Amos Walker?« Eine nichtssagende Stimme, nicht jung, nicht alt. Aber eindeutig männlich. Ich bestätigte seine Vermutung.

»Ben Morningstar möchte mit Ihnen sprechen.«

Meine Hand zerdrückte den Hörer nicht. Aber es war nahe daran. Ben Morningstar war nicht jemand, mit dem man telefonierte. Es war ein Name in Newsweek, ein Foto bei der Beerdigung eines Killers mit dem Teleobjektiv quer über die Straße geschossen, ein Paar nervöser Hände, die in den frühen fünfziger Jahren während eines Kongreß-Hearings mit einer Packung Zigaretten gespielt hatten. Er war Anthony Quinn in einer nur wenig verschleierten Rolle, die nie bis in die Kinos gelangt war, weil die Anwälte alle Hebel in Bewegung gesetzt hatten. Er war der Schlagring in der Hand jedes öffentlichen Anklägers, dessen Blick sich auf das Justizministerium richtete. Für Hymie »the Lip« Lipschitz, einen kleinen Alkohol-Schmuggler und Ganoven, längst vergessen, hätte es im Fernsehen nicht die Wiederaufführung der alten Warner-Brothers-Streifen gegeben, war er achtzig Pfund Zement und eine Lunge voll Flußwasser gewesen. Nach ein paar Sekunden, die mir wie ein Stunde vorkamen, hatte ich wieder genug Stimme gefunden, um zu sagen: »Ich höre.«

»Mr. Morningstar benutzt das Telefon nicht«, erklärte die Stimme. »Wir schicken Ihnen einen Wagen.«

»Aus Phoenix?« Das war der Ort, wo er sich laut Newsweek zur Zeit aufhielt.

»Von Grosse Pointe. Halten Sie sich in etwa einer Stunde bereit.«

»Das paßt mir aber gar nicht. Ich muß morgen früh raus. Er kann mich morgen nachmittag in meinem Büro erreichen.« Morgen früh mußte Gibson aus dem Haus, um sich seine Arbeitslosenunterstützung abzuholen. Und wenn er auch nicht dumm genug war, ohne seine Stöcke loszugehen, konnte man nicht wissen, was er tat, wenn er es eilig hatte.

»Wir werden einen Wagen schicken.« Es klickte, und dann kam nur noch das Freizeichen.

Ich hielt noch eine Weile den Hörer ans Ohr, bis eine Stimme vom Band mich aufforderte, den Hörer aufzulegen. Ich gehorchte, bevor das automatische Warnsystem losblöken konnte. Das war auch so etwas, um das uns die Technologie gebracht hatte – das Recht, das Telefon uneingehängt zu lassen. Mein einziger Trost war, daß ich mich in diese Situation, wie immer sie sich erweisen mochte, ausnahmsweise einmal nicht selbst hineingeritten hatte. Jedenfalls soweit ich wußte.

Fünf Minuten vor elf ertönte die Türklingel. Keine schlechte Zeit für die Strecke quer durch die Stadt, aber auch nicht überwältigend. Da die Unruhen von 1967 dem Detroiter Nachtleben, oder was davon noch übriggeblieben war, einen lähmenden Schlag versetzt hatten, war gewöhnlich nach halb elf nichts mehr auf den Straßen los. Bis früh um zwei, wenn die illegalen Pinten mit ihrem Ausschank begannen, konnte man vom oberen Ende der Woodward, ohne irgendwie dabei behindert zu werden, mit einer Kanone einen Volltreffer auf der Cobo Hall landen.

Als ich aufmachte, rechnete ich eigentlich halb damit, ein Paar Galgenvögel in ausgepolsterten Anzügen mit Platz genug für Schulterhalfter vor mir zu sehen, die Nase schief eingeschraubt im Gesicht und mindestens einem Blumenkohlohr. Ich war enttäuscht, einen hochgewachsenen jungen Farbigen auf der Schwelle zu finden, von der Art, wie sie auf Plakaten der United Negro College Fund abgebildet sind, sehr ernst und seriös aussehend, mit Hornbrille und einem blauen Hughes & Hatcher unter dem leichten grauen Mantel. Ein Typ, wie ich ihn eher unten in Wayne State anzutreffen erwartet hätte.

»Mr. Walker?« Eine forsche Stimme mit nur einer entfernten Spur von Alabama bei den R’s. Es war nicht die Stimme, die ich am Telefon gehört hatte. Seine kräftigen, etwas vorstehenden Zähne stachen weiß von der kaffeebraunen Haut ab, wenn er sprach. Mit der Brille erinnerte er mich an Little Stevie Wonder, ein weiteres Detroiter Produkt.

»Wo ist Ihr Kumpel?« fragte ich ihn.

»Mein Kumpel?«

»Tretet ihr nicht gewöhnlich paarweise auf?« Ich kämpfte mich in meinen Mantel, setzte den Hut auf und strich die Krempe zwischen Daumen und Zeigefinger glatt.

Einen Moment lang klopfte er meine Bemerkung von beiden Seiten ab. Dann hellte sich seine Miene auf, und er lächelte, daß mich sein Gebiß blendete. »Sie haben zu viele alte Filme gesehen. Für George Raft bin ich zu schwarz und für Barton MacLane zu mager.« Er trat zur Seite, während ich herauskam, die Tür hinter mir zudrückte und abschloß.

»Ein Schwarzer, der alte Filme kennt«, sagte ich kopfschüttelnd, als wir zusammen zur Straße gingen. Ich schlug meinen Mantelkragen hoch. Der Sturm hatte sich gelegt. Der Himmel war klar wie früher einmal der Lake Michigan, und die Kälte kam direkt aus dem Weltraum. Wenn man atmete, war es, als zöge man geriebenes Glas in die Lungen. »Ich wußte nicht, daß Sie zu den Eingeweihten gehören.«

»Wir verbringen nicht unsere ganze Zeit damit, Schnapsläden auszurauben und weiße Frauen zu vergewaltigen.« Die Art, wie er das sagte, ließ die Temperatur noch um ein Grad sinken. Dann spürte er plötzlich, daß ich es nicht ernst gemeint hatte, und verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Ich bemühe mich, Stepin Fetchit zu vermeiden.«

Ich lachte. »Ich wollte schließlich wissen, mit wem ich es zu tun habe.«

»Prüfung bestanden?«

»Mit Auszeichnung.«

Er reagierte so erheitert, wie es diese Bemerkung verdiente, und öffnete die Beifahrertür eines gelben Pinto für mich. Damit war ich wieder eine Illusion ärmer. Nächstens würde er mir noch erzählen, daß sie ihre Maschinenpistolen gegen Luftgewehre eingetauscht hatten.

Als Autofahrer war er keine Offenbarung, aber wenigstens wußte er, wer an Stopp-Straßen die Vorfahrt hatte – eine Kunst, die allmählich ausstirbt – und besaß die Geistesgegenwart, ein paar Spaßvögeln, die beim Näherkommen nicht abblenden wollten, die Augäpfel zu braten. Nach einem Dutzend Querstraßen fragte ich ihn, wie lange er Taxis gefahren habe.

Auf seinem Gesicht breitete sich langsam ein Grinsen aus. »Woher wußten Sie das?«

»Sie kennen die Abkürzung von Hamtramck nach Grosse Pointe, aber ich wette meinen nächsten Honorarscheck, daß Sie nicht aus dieser Gegend sind. Der Rest war Kombination.«

»Ein richtiger Sherlock Holmes!« Er nahm mit Karacho eine gefährlich nach Glatteis aussehende Kurve.

»In einem von sechs Fällen klappt es.«

»Ich glaube allmählich, der Boss hat gar keine so schlechte Wahl getroffen?«

»Wofür?«

Er wechselte das Thema. »Ein Weißer, der einen Filzhut trägt«, meinte er grüblerisch, den Blick auf die Fahrbahn gerichtet. »Ich wußte nicht, daß Sie zu den Eingeweihten gehören.«

»Neunzig Prozent der Körperwärme entweichen durch den Kopf und die Füße«, erklärte ich. »Wollen Sie mal meine Socken sehen?«

Er gluckste unterdrückt, ohne zu antworten. Die Grenzen waren abgesteckt. Ich fragte ihn nicht über seine Mission aus, und er interessierte sich nicht für meine Garderobe. Blieb nur noch das Wetter, über das es wenig zu sagen gab. Den Rest der Fahrt legten wir schweigend zurück.

Wer immer gesagt hat, alle Menschen seien gleich erschaffen, muß dabei einen Wohnsitz in Grosse Pointe im Auge gehabt haben. In dieser Demokratie kann jeder kleine Junge in der Hoffnung aufwachsen, einmal dort zu wohnen, vorausgesetzt, seine Kreditwürdigkeit ist erstklassig und es macht ihm nichts aus, sich bis über beide Ohren zu verschulden. Vor etwas über hundert Jahren noch befand sich ein recht beträchtlicher Teil dieser Gegend unter der Kontrolle von Billy Boushaw, Chef des Ersten Polizeireviers des Bezirks Nummer eins, dessen alte Kneipe und Matrosen-Absteige an der Nordwestecke von Beaubien und Atwater Street lag. Aber dieses Stück Geschichte wird in den hiesigen Schulen nicht gelehrt. Jetzt ist hier die Domäne der Reichen, wo die meisten Streifenwagen unterwegs sind. Auf Landkarten erscheint sie gewöhnlich grün eingezeichnet.

Das Haus war allerdings eine Enttäuschung. Es hatte nicht mehr als vierzig Räume, und die österreichische Kavallerie hätte sich in Sechserreihen aufstellen müssen, um durch die Eingangstür zu kommen. Eine Steinmauer von zwei Meter fünfzig schirmte ein fünf Morgen großes Parkgelände ab, das von in Hausnähe auf Bäumen montierten Scheinwerfern in grelles, gelbes Licht getaucht war. Im Sommer mußte das verheerende Wirkung auf den Rasen haben. Hier war der Punkt, wo wir die Grenze zwischen öffentlicher Imagepflege und privater Notwendigkeit überschritten.

Der Mann, der, als wir vorfuhren, hinter dem mit Stahlspitzen versehenen Eingangstor erschien, hatte unbedeckte blonde Haare, die ihm bis zum Kragen reichten, und scharfe teutonische Gesichtszüge von der Art, die Jahr für Jahr unverändert aussehen, bis sie schließlich über Nacht zusammenfallen. Im Augenblick brauchte er sich deswegen noch keine Sorgen zu machen. Er war jung, gesund und sonnengebräunt und trug eine dunkelblaue Marinejacke über einem weißen Hemd mit Rollkragen. Ich überzeugte mich davon, daß auch er nicht derjenige war, mit dem ich am Telefon gesprochen hatte, als mein Chauffeur aus dem Wagen stieg, um mit ihm zu reden und er mit einem deutschen Akzent antwortete, der direkt aus Stalag 17 zu stammen schien. Ben Morningstar war ein Arbeitgeber, der auf Chancengleichheit achtete.

Nach einer kurzen Unterhaltung, während der er sich umdrehte, um mich durch die Windschutzscheibe zu mustern, nickte der Germane und entriegelte das Tor. Bis der Schwarze wieder eingestiegen war, hatte er es aufgerissen, und wir fuhren durch. Eine Haarnadel-Auffahrt mit frisch gefegtem Asphaltbelag führte an einem dürftig modernen Vorbau vorbei und verbreiterte sich zu einem Wendekreis vor einer angebauten Garage, die nicht dürftig genannt werden konnte. Wir hielten vor dem Vorbau und stiegen aus.

Die Tür wurde von einem Mann in einem rot-schwarz karierten Hemd geöffnet, dessen Bindfadenkrawatte von einem Hopi-Totem aus Silber mit Türkisen zusammengehalten war. Er hatte ungefähr meine Größe, mochte also etwa ein Meter achtzig sein, und trug ein breites Lächeln zur Schau, das bis zu seinen Augen reichte, tief in Krähenfüße eingebettete Brillanten. Von Natur aus hager, hatte er mit den Jahren einen kleinen Bauch angesetzt, den er durch einen Gürtel mit Rodeo-Schnalle einzuzwängen versuchte. Seine Levis waren so neu, daß sie raschelten, wenn er sich bewegte. Im Gesicht hatte er zahllose kleine Furchen und Fältchen, von einer Sonne eingebrannt, wie es sie in Michigan nicht gab. Er sah aus wie fünfzig, konnte aber ebensogut vierzig oder sechzig sein, und hatte den Kopf voll üppiger schwarzer Haare, die ihm in einer natürlichen Welle über die rechten Augenbraue fielen. Es war ein großer Kopf, viel zu groß für den Rest des Mannes, ausgenommen die Hände. Mit einer davon umschloß er meine Hand in einem Griff wie eine elektrische Stromschiene.

»Sie müssen Amos Walker sein«, bemerkte er und schraubte sein Lächeln noch um eine Spur höher, während er beiseite trat, um uns eintreten zu lassen. Sein Tonfall war reinstes El Paso.

»Und Sie müssen Paul Cooke sein.« Ich bemühte mich, meine Hand freizukriegen und knetete die Knochen wieder an die richtige Stelle zurück.

Sein Blick wurde starr. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

»Sie sind berühmt. Seit die ›Aktuelle Stunde‹ im vergangenen Jahr diese Enthüllungsgeschichte über Ihr Hotel in Tucson gebracht hat. Wie wurde es doch gleich genannt? ›Der Palast des Kleinen Cäsar.‹«

Das Lächeln war ausgelöscht. Es sagte etwas, das ich nicht wiederholen kann, und fuhr dann fort: »Darüber ist das letzte Wort sowieso noch nicht gesprochen. Wissen Sie, daß ich zumachen mußte, nachdem diese Sendung gelaufen war? Keine Buchungen mehr für Tagungen und Kongresse. Die Gäste hatten Angst, in ihren Betten von Maschinenpistolen durchlöchert zu werden. Dabei ist nie irgend etwas Schlimmes passiert in den sechs Jahren, die ich den Laden besessen habe. Nun gut, eine Vergewaltigung vor achtzehn Monaten, aber das Verfahren wurde niedergeschlagen. Es stellte sich nämlich raus, daß die Frau eine Nutte war. Diese Armleuchter in New York werden schon noch merken, wie scharf man solche Verleumdungen bestraft.«

Seine Gesichtslandschaft war jetzt eine Wüste. Kein Lächeln hatte je dort geblüht, noch würde eins irgendwann aufsprießen. Er warf einen Blick auf den Schwarzen, der einen Schritt in meine Richtung machte. Ich las ihm durch die Brillengläser seine Absicht von den Augen ab.

»Ich bin bewaffnet«, sagte ich. »Links an meinem Gürtel. Ein Achtunddreißiger.« Ich knöpfte mit einer Hand mein Jackett auf und breitete dann die Arme aus.

Ohne meinen Blick loszulassen, faßte der Schwarze unter meine Jacke, tastete herum und zog den Smith & Wesson aus dem Halfter unter dem Gurtband meiner Hose. Er reichte die Waffe Cooke, der sie mit Daumen und Zeigefinger am Knauf faßte und zuschaute, wie der Schwarze auch meine Brieftasche herausholte, meine sämtlichen Taschen abfühlte und mit geübter Hand an den Innenseiten meiner Schenkel bis zu den Knöcheln hinabfuhr. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, nahm er mir, als sei ihm das erst verspätet eingefallen, den Hut vom Kopf und unterzog ihn der gleichen sorgfältigen Prüfung. Als er mit mir fertig war, wußte er, wieviel Kleingeld ich bei mir hatte, ohne es gesehen zu haben. Schließlich trat er mit einem kurzen Nicken zurück und gab die Brieftasche an den Texaner weiter. Cooke klappte sie auf, studierte die Fotokopie meiner Berufslizenz und gab die Tasche dann wieder an den Schwarzen zurück, der sie mir aushändigte. Mein Glaube an gewisse Regeln war wiederhergestellt.

»Nicht besonders schlau«, sagte Cooke, meinen Revolver noch immer mit spitzen Fingern wie eine tote Ratte haltend. Es gab etliche in seiner Branche, die keinen Geschmack an Schießeisen hatten. Sie bezahlten andere, für sie Waffen zu tragen.

»Normalerweise ist dies nicht mein Revier«, erwiderte ich ausweichend.

Er gab sich damit zufrieden. »Nachher kriegen Sie das Ding wieder zurück«, meinte er etwas unwillig und streckte den Revolver dem Schwarzen entgegen, der ihn nahm und in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Dann geleiteten mich Stevie Wonder und der Mitternachts-Cowboy ohne weitere Vorreden durch ein mit dicken Teppichen ausgelegtes Foyer zur Audienz.

Kapitel 3

 

Den Leibwächter mußten sie sich von einer Schauspielervermittlung besorgt haben. Eher etwas zu kurz geraten, mit leicht angewinkelten Armen und einem Brustkasten, für dessen Umfang ein Bandmaß nicht ausreichte, gab er keine schlechte Kopie des Felsens von Gibraltar ab, wie er so zwischen den Schiebtüren zur Bibliothek stand, als wir uns näherten. Sein schwarzer Anzug saß ihm wie eine zweite Haut auf dem Körper, und den gestreiften Schlips trug er zu einem Knoten gebunden, den man auch mit Hammer und Meißel nicht aufbekommen hätte. Einen Hals besaß er nicht. Vielleicht hatte er einmal einen besessen und jemand hatte ihm zufällig den Kopf abgeschlagen, um dafür eine braune, grau-gesträhnte Perücke auf den Stumpf zu kleben und letzteren ersatzweise mit Gesichtszügen zu bemalen. Denn aufgemalt hätten seine Züge durchaus sein können, so flach und leblos wie sie waren, mit blasenähnlichem Narbengewebe über den Augen und einem Halbmond toter weißer Haut auf jeder Wange. Entweder er hatte die Ohren von Roderick Usher, oder er hatte uns durch den Türspalt beobachtet, denn wir waren noch nicht ganz herangekommen, als er beide Flügel schon lautlos aufrollen ließ und eine Pose einnahm wie aus »Tausendundeiner Nacht«. Mit dem einen Unterschied, daß er einen Daumen in das Knopfloch seines linken Jackettaufschlags gehakt hatte, wo etwas unter seinem Arm die Linie seines Anzugs verdarb. Im Theater hätte ich über ihn gelacht. Hier nicht.

»Schon in Ordnung, Merle«, versicherte Cooke. »Das ist der Bursche.«

Merle musterte mich zweifelnd. »Hat er eine Waffe bei sich?«

Bingo. Der weiche Wohlklang seiner Stimme stand in solchem Kontrast zu seiner Rausschmeißer-Figur, daß er von mir automatisch als der Mann am Telefon ausgeklammert worden war, bevor er den Mund aufgemacht hatte. Aber das war ein Irrtum gewesen. Ja mehr noch, als ich ihn jetzt gleichzeitig sah und hörte, wußte ich plötzlich, wer er war.

»Nicht mehr. Wiley hat ihn durchsucht.«

»Auch die Socken?«

Cooke nickte und bedachte mich mit einem schiefen Blick. »Das fragt er immer«, erläuterte er. »Seit sich vor zwei Jahren jemand mit einer kleinen Remington in den Strümpfen an ihm vorbeigeschmuggelt hat.«

Ich erinnerte mich an den Vorfall. Zwei Kugeln aus einer Zweiunddreißiger. Eine war in die Brust gedrungen, die andere hatte sich von einem Punkt unmittelbar über der rechten Schläfe unter dem Skalp entlang an der Schädeldecke einen Weg bis zum Nackenansatz gebahnt. Zwei Wochen später war Morningstar aus dem Krankenhaus direkt hinein in einen Schwarm aufflammender Blitzlichter entlassen worden. Seinen Kontrahenten hatten sie noch am Nachmittag der Schießerei im Wohnzimmer des Opfers vom Fußboden abgekratzt. Danach gab es den üblichen politischen Zirkus, die übliche Verhandlung vor einem Geschworenengericht und im Jahr darauf als Konsequenz die üblichen Kongreß-Neuwahlen. Die unerwünschte Publizität hatte Morningstar, wie es hieß, zum Rückzug ins Privatleben gezwungen. Der leere Platz, den er hinterließ, war kurz darauf von jemand mit einem klangvollen mediterranen Namen eingenommen worden.

»Sind Sie nicht Merle Donophan?« fragte ich den Leibwächter.

Er richtete einen ausdruckslosen Blick auf mich. »Und wenn?«

»Sie waren vor drei Jahren noch bei den Detroiter Red Wings. Ich habe Sie ein paarmal im Olympia in Aktion gesehen.«

»Ja?« quetschte er aus dem Mundwinkel hervor und paßte nun wieder besser in mein Weltbild. »Auch beim letzten Spiel?«

»Leider nein. Davon habe ich bloß gehört. Eine tätliche Auseinandersetzung. Sie haben einen Spieler von den Paple Leafs mit Ihrem Stock bearbeitet.«

»Er hat mich zuerst geschlagen. Der einzige Unterschied war, daß ich beide Hände benützt habe und er nur eine. Warum haben sie also mich rausgeschmissen und nicht ihn?«

»Er sitzt noch immer in einer Heilanstalt und starrt die Wände an.«

»Laß sie, um Himmels willen, reinkommen, Merle, und mach diese verdammte Tür zu. Zug ist schlimmer als eine Pistolenkugel.«

Wenn Sie noch nie einen Menschen mit einem Kehlkopfgenerator sprechen gehört haben, kann ich es Ihnen nicht beschreiben. Ein Abfallkipper oder eine automatische Müllvernichtungsanlage, die plötzlich der menschlichen Sprache mächtig geworden sind, trifft als Vergleich nur sehr mangelhaft. Am ehesten dürfte noch Alvino Rey herangekommen sein, als er in der alten »King Family Show« seine elektronische Gitarre reden ließ. Daran mußte ich jedenfalls denken, als der monotone Klang an mein Ohr drang.

Der Raum besaß die ganze Wärme und Geborgenheit eines Wartezimmers beim Zahnarzt. Einzige Lichtquelle war eine jener kupfernen christbaumartigen Stehlampen mit trichterförmigen Metallschirmen, die wie die Blätter von Gummibäumen herabhängen. Wie das bei den meisten gemieteten Häusern, gleich welcher Größenordnung, der Fall ist, ließ das Ganze jede Persönlichkeit vermissen. Die mußte von der Gestalt beigesteuert werden, die neben der Lampe in einem grünen Armsessel kauerte.

Ob Benjamin Morningstar, ohne zweiten Vornamen, auf die Achtzig zusteuerte oder sie bereits hinter sich hatte, wußte niemand, nicht einmal Ben selbst. Die Strafregister-Eintragung seiner ersten Verhaftung im Jahre 1917 hatte 1900 in dem Kästchen mit der Beschriftung »Datum der Geburt« vermerkt, das konnte jedoch durchaus auf der Vermutung eines überarbeiteten Polizisten beruhen. Aber ein paar Jahre rauf oder runter spielten jetzt sowieso keine Rolle mehr.

Er trug einen ausgebeulten senffarbenen Pullover mit Schalkragen über etwas, das vermutlich ein teures weißes Hemd war, aber lappig und ungestärkt viel zu weit an seinem eingeschrumpften Körper hing. Seine anthrazitgrauen Hosen mit Nadelstreifen und Umschlägen, die zu zwei Dritteln die braunen Schuhe bedeckten, saßen ebenso locker. An der rechten Armlehne des Sessels hing ein dicker Spazierstock mit Gummispitze. In Reichweite des Stocks ruhte auf seinem Schoß eine zuckende Hand. Die andere Hand hatte er zum Gesicht gehoben, wo sie einen fleischfarbenen Napf aus perforiertem Plastikmaterial um seinen Mund und seine Nase preßte.

Seine Augen waren große, feuchte Pflaumen, die hinter dicken Brillengläsern schimmerten, als er uns entgegenblickte. Weiter oben, an seinem Stirnansatz, wuchs ihm dichtes, glattes Haar, schwarz und glänzend wie neue Gummigaloschen, durch das sich eine auffallende weiße Furche zog, die den Weg einer Kugel beschrieb, an die außerhalb dieses Raumes niemand mehr dachte. Nicht ein graues Haar war zu sehen. Das ließ Morningstar um so hinfälliger wirken, wie einen schäbigen, alten Stuhl, den man mit einem frisch gestärkten Spitzendeckchen auf der Rücklehne aufgeputzt hat.

Als wir alle eingetreten und die Türen hinter uns geschlossen waren, ließ er den Filter sinken, und ich sah erst jetzt seine Adlernase, über deren Rücken sich straff und glänzend die Haut spannte, die Streifen lockeren Fleisches, die unter seinem Kinn die Narben von seiner Halsoperation bedeckten, und den breiten, ausgemergelten Mund mit den herabgezogenen Lippen. Einen Moment lang zeigte sich als dünner roter Streifen so etwas wie Leben um seine untere Gesichtshälfte, wo der fleischfarbene Napf gegen seine Haut gepreßt war, aber das schwand schnell wieder.

Der Blick seiner wäßrigen Augen blieb sekundenlang auf mir haften und glitt dann zu dem Leibwächter weiter. »Nimm ihm seine Sachen ab, Merle«, befahl er. »Man kann von niemandem erwarten, daß er einem Vorschlag zuhört, wenn er schwitzt wie ein Schwein.«

Erst nachdem er es erwähnt hatte, merkte ich, daß der Raum überheizt war. Die Anlage schien auf volle Pulle zu laufen, und ich konnte die heiße Luft durch die quadratische Reguliervorrichtung im Fußboden hinter mir aufsteigen spüren. Ich zog meinen Mantel aus und reichte ihn zusammen mit meinem Hut dem Ex-Hockeyspieler, der vorgetreten war, um beides entgegenzunehmen.

»Mein Gott, ein Fedora«, rief er aus, noch immer Allen Jenkins. Er konnte das an- und abstellen. »Seit Jahren habe ich niemand unter fünfzig mit einem Filzhut als Kopfbedeckung gesehen.«

Darauf hatte ich meinen Vers schon an den Mann gebracht, also schwieg ich, während er zu einer Tür auf der gegenüberliegenden Seite ging, sie öffnete, meine Sachen auf einem Bett in dem dunklen Schlafzimmer deponierte, um dann wieder auf seinen Platz in der Mitte des Raumes zurückzukehren. Er bewegte sich mit einem gleitenden Schwung, die eine Schulter vorgereckt, als befände er sich noch immer auf dem Eis. Seine Hände waren zusammengepreßt, unbehaarte Knoten von Muskelsträngen mit doppelt soviel Fingerknöcheln, wie ich sie besaß. Zu viele Hockeyschläger hatten in der Hitze des Gefechts unsanft damit Berührung gehabt.

Cooke fing einen Blick des Schwarzen auf und nickte, worauf der Schwarze einen Schritt vortrat und meinen Achtunddreißiger auf die polierte Platte des Tisches neben dem linken Ellbogen des alten Mannes legte.

»Den haben wir bei ihm gefunden«, erläuterte der Texaner.

Morningstar gönnte der Waffe einen Blick. »Gebt ihm das Ding zurück.«

Niemand reagierte. Cooke wollte zu sprechen anfangen, doch der alte Mann schnitt ihm mit einer gereizten Bewegung der rechten Hand das Wort ab. »Könnt ihr nicht sehen, daß er nicht geladen ist, verdammt noch mal?«

Der Texaner zögerte. Dann trat er auf den Tisch zu und nahm den Revolver in die Hand, um ihn zu untersuchen. Durch die Löcher in der Kammer fiel Licht. Er sah mich an.

»Sie haben mich nicht gefragt«, sagte ich.

Er stieß einen unterdrückten Fluch aus und knallte mir den Revolver in die ausgestreckte Hand, daß es schmerzte. Ich schob die Waffe in das Halfter zurück. Die Patrone unter dem Abzugshahn ließ ich unerwähnt. Zuweilen ist es ganz nützlich, andere denken zu lassen, man sei ängstlich bei Waffen.

Wiley, der Schwarze, begann zu schwitzen. Der Schweiß brach ihm in Perlen am Haaransatz aus und lief allmählich über seine Stirn runter. Niemand hatte ihn aufgefordert, seinen Mantel auszuziehen. Lieber wäre er zu einer kaffeefarbenen Pfütze zerschmolzen. Es war so trocken im Raum, daß ein Streichholz die Luft hätte in Brand setzen können. Ich beschloß, es zu riskieren.

»Darf ich rauchen?«

Morningstar nickte. Ich zog eine Zigarette hervor, steckte sie an und sog den kühlen Rauch mit was weiß noch was in meine Lungen. Der Mann in dem Lehnstuhl saß regungslos, nur seine Nasenflügel bebten, als versuche er etwas von dem Aroma meiner Zigarette mitzubekommen.

»Um was für einen Vorschlag geht es?« drängte ich.

Der Mund zuckte wieder. »Sie sind in Ordnung, Walker. Sie besitzen genug Grips, einem alten Mann mit ein bißchen Frechheit zu begegnen. Nicht viele von diesen jungen Kerlen würden das tun.«

Während er das sagte, ließ er seine Augen zwischen seinen Hilfskräften hin und her wandern, um den Blick schließlich auf Cooke zu heften. »Paul, verschwinde hier. Und nimm Wiley mit. Für einen Tag habe ich genug Schwarze gesehen.« Er schaute den beiden nach, bis sich die Tür hinter ihnen schloß. »Das war eine von Pauls Ideen, diesen Farbigen zu engagieren, um hier alles im Auge zu haben. Der Bursche scheint ja ganz in Ordnung zu sein, aber das heißt nicht, daß er mir behagt. Eher gehört er zu den Gründen, warum ich nicht zuletzt diese Stadt verlassen habe. Sie halten mich für einen voreingenommenen Halunken, nicht wahr?« versuchte er mich festzunageln.

»Solange ich nicht bezahlt werde, betätige ich meine Gehirnzellen möglichst gar nicht.«

»In diesem schwulen Aufzug hier herumzustolzieren.« Er schien mich gar nicht gehört zu haben. »In Phönix zieht er sich nicht so an.«

»Wiley?«

»Cooke. Nehmen Sie Platz. Ich habe einen Kehlkopf von Sears & Roebuck, den Magen eines Meerschweinchens, nur noch eine Lunge, und der Rest von mir ist in Labors von hier bis zur Westküste verstreut. Einen steifen Hals brauche ich nicht auch noch.«

Die einzigen verfügbaren Sitzgelegenheiten waren ein Vinylstuhl mit kurzer Rückenlehne, aber ohne Armstützen, und ein bequemer Ledersessel, so üppig gepolstert wie die Reifenreklame von Uniroyal gleich nördlich der I-94. Ich wählte den Vinylstuhl, weil ich während des Gesprächs nicht einschlafen wollte.

»Geh ins Bett, Merle«, sagte der alte Mann.

Der Leibwächter zögerte. »Sind Sie sicher?« Ich las in seinem Blick, daß er mich gewogen und zu leicht befunden hatte.

»Verdammt noch mal, Merle, wenn du diese Fragerei nicht bleiben läßt, werde ich dir eines Tages noch ein Loch in den Hintern brennen.«

Beim Hinausgehen murmelte Merle etwas vor sich hin, was ich nicht verstand.

Morningstar lehnte sich zurück und stieß einen langen, scheppernden Seufzer aus. »Sportler«, sagte er. »Mir ist noch keiner begegnet, dessen Hirn man nicht durch ein Handtuch hätte pressen können.« Er senkte für ein paar Sekunden die Lider, und ich begann mich schon zu fragen, ob er eingenickt war oder womöglich schlimmer, als er sie mühsam wieder hob. »Erzählen Sie mir etwas über sich.«

»Warum? Wenn Sie mich nicht genau überprüft hätten, säße ich jetzt nicht hier.«

»Tun Sie mir den Gefallen.«

»Ich bin zweiunddreißig Jahre alt und stamme aus einer kleinen Stadt zirka fünfzig Kilometer von hier entfernt, die Sie wahrscheinlich nicht einmal dem Namen nach kennen. Ich habe den Bachelor in Soziologie gemacht, aber fragen Sie mich nicht, warum. Dann habe ich mich als Polizist versucht, aber das war nichts für mich, deshalb ließ ich mich zum Militärdienst einziehen. Beim Militär lernte ich, wie man tötet, doch bevor ich meine Kenntnisse in die Praxis umsetzen konnte, fand einer meiner Vorgesetzten heraus, was ich zuvor gemacht hatte, und ich landete bei der Militärpolizei. Bis auf die Uniform gefiel mir der Dienst, und so sah ich mich nach meiner Entlassung nach einer Tätigkeit um, bei der ich dasselbe tun könnte, ohne eine Uniform tragen zu müssen. Ich bin noch immer auf der Suche.«

»Sie haben einen zwölfwöchigen Polizei-Trainingskurs nach elf Wochen abgebrochen. Warum?«

»Wie ich schon sagte, das war nichts für mich.«

»Da erwarte ich denn doch eine etwas überzeugendere Antwort.«

Ich zuckte die Achseln. »Ein Kursteilnehmer machte mir im Duschraum unsittliche Anträge. Er war sehr penetrant, und ich habe ihm die Kinnlade gebrochen.«

»Das war doch eigentlich kein Grund, Sie gleich rauszuschmeißen.«

»Er war der Neffe eines amerikanischen Kongreß-Abgeordneten.«

»Ich verstehe.«

»Das dachte ich mir.«

Es folgte ein kurzes Schweigen. Dann meinte er: »Sie stehen in dem Ruf, ein Mann zu sein, der selbst beim Zahnarzt nicht den Mund aufmacht.«

»Wer sagt das?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Es ist mir ganz lieb, gelegentlich zu wissen, auf wessen Liste ich stehe.«

Morningstar räumte ein, daß dieser Standpunkt vernünftig sei, und nannte mir einen Namen, den ich kannte, aber unwichtig fand. »Ich will offen mit Ihnen sein«, fuhr er dann fort. »Sie sind nicht der einzige, dessen Namen ich hatte, und auch nicht der erste, bei dem ich einen Versuch unternommen habe. Vor Ihnen habe ich mich schon an zwei andere gewandt, aber einer ist angeblich nicht in der Stadt und der andere übernimmt keine derartigen Aufträge mehr. Behauptet er jedenfalls. Ich glaube, beide sind zurückgeschreckt, als sie erfuhren, wer ihr Auftraggeber sein würde. Empfinden Sie es als etwas Ungewöhnliches, für Ben Morningstar zu arbeiten?«

»Es bedeutet, daß ich ein höheres Honorar kassieren kann.«

Wieder dieses Zucken. Allmählich hielt ich es tatsächlich für ein Lächeln. Dann war es verschwunden. »Man hat mir gesagt, Sie seien sowohl auf vermißte Personen wie auf Versicherungsbetrug spezialisiert.«

Es fiel ihm offenbar schwer, zum Punkt zu kommen. Ich schlug die Beine übereinander, schnippte meine Zigarettenasche in den Hosenumschlag und lehnte mich zurück, um die Zigarette zu Ende zu rauchen. Ich studierte sein Gesicht durch den aufsteigenden Qualm.

»Wer wird vermißt?« fragte ich.

Kapitel 4

 

Er zog eine postkartengroße Fotografie aus seiner Hemdtasche und reichte sie mir. Unsere Hände streiften sich, als ich mich vorneigte, um das Foto entgegenzunehmen. Seine Hand hatte sowohl die Temperatur wie die Konsistenz, um zu dem Vergleich mit dem Roquefort-Käse zu passen.

Es war das Schulabschlußporträt eines dunkelhaarigen Mädchens mit noch dunkleren Augen, die selbst auf dem Foto zu leuchten schienen, und einem Teint so glatt und weich, wie einem ein zwölf Jahre alter Scotch die Kehle hinunterrinnt. Sie war anscheinend hübsch, aber Schulfotos können täuschen. Diese Retuschier-Künstler bringen es fertig, das Bildnis des Dorian Gray wie Robert Redford am Strand aussehen zu lassen.

»Eine Verwandte?« Ich behielt das Bild in der Hand. Es zurückzugeben, wäre eine Geste der Ablehnung gewesen. Wenn ich es in meine Tasche steckte, war ich festgenagelt.

»Meine Pflegetochter. Ihr Vater hat sich 1963 erschossen, als ihn die Regierung wegen Drogenschmuggels über die mexikanische Grenze beschuldigte. Ich habe sie großgezogen. Ihr Name ist Marla. Marla Bernstein.«

»Die Tochter von Leo Bernstein?«

Er nickte. »Ich sehe, Sie sind auf dem laufenden, was die Cosa Nostra betrifft. Er war der Sohn von Big Leo Bernstein, dem König der Räuber-Höhle. Aber daran können Sie sich natürlich nicht erinnern, höchstens Ihr Vater vielleicht. So wurde Leo damals jedenfalls von den Zeitungen genannt, als er während der Prohibition unten in Ecorse die »Old Log Cabin« gegenüber von Windsor unterhielt. Dabei war er gar nicht groß, bloß einsfünfundsechzig, und wog kaum mehr als einen Zentner. Sie nannten ihn nur so, weil die Blätter in Chicago Al Capone, diesen Fettarsch, Big Al getauft hatten. Er war mein Partner. Leo, nicht Al. Ich denke, ich kann das jetzt sagen, denn inzwischen ist alles verjährt. Obwohl das nun auch keine Rolle mehr spielt.« Er legte eine kurze Verschnaufpause ein.

»Nachdem meine Frau gestorben war, habe ich mich so gut ich konnte um Marla gekümmert. Und ich scheine meine Sache gar nicht so schlecht gemacht zu haben, weil sie mir nie einen Grund gegeben hat, nicht stolz auf sie zu sein. Jedenfalls nicht bis ...« Er unterbrach sich und machte seinen Kehlkopf mit einem kräftigen Räuspern frei. Es klang wie das Explodieren von Knallerbsen in einem Abflußrohr. »Vergangenes Jahr, als sie in Phoenix den Schulabschluß gemacht hatte, schickte ich sie in ein Mädchenpensionat in Lansing. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen«

»Warum Lansing? Hätte sie nicht in Arizona bleiben können?«

»In Arizona gibt es keine Mädchenpensionate. Sie haben verrückte Freizeit-Ranches, wo überspannte Großstädter Cowboy spielen, und Colleges mit Gigolos vom Dienst und Präservativ-Automaten in den Herren-Toiletten. Ich hatte die Nase voll von diesen Gesundheitsaposteln und Salon-Cowboys, die immer um sie herumschwirrten, als sie noch zu Hause war. Außerdem hatte ich meine kleine Schwester 1928 in dasselbe Pensionat geschickt und war sehr zufrieden mit dem, was sie ihr dort beigebracht hatten. Miss Fordham’s School for Young Ladies hieß das Pensionat damals. Jetzt ist es das Miriam H. Fordham Institute for Women. Die Leiterin ist immer noch dieselbe. Esther Brock. Sie ist mindestens zehn Jahre älter als ich, aber das würden Sie ihr nicht ansehen. Eher würden Sie Esther Brock auf etwa hundert schätzen. Aber sie hat ihre Lehrmethoden beibehalten, und deshalb sollte Marla nach Lansing. Vor etwa einem Jahr hörte sie auf, Briefe nach Hause zu schreiben. Damals dachte ich mir nichts weiter dabei. Die Weihnachtsferien standen bevor, und ich nahm an, sie wolle sich die Neuigkeiten für ihren Besuch aufheben. Als dann aber Weihnachten vorbeiging, ohne daß sie auftauchte, rief ich Miss Brock an.« Er schwieg sekundenlang, bevor er fortfuhr.

»Sie teilte mir mit, Marla habe das Pensionat zwei Wochen vor Beginn der Weihnachtsferien verlassen, und zwar mit der Begründung, sie beabsichtige zu heiraten und wolle mit ihrem Verlobten zurück nach Phoenix, um ihn mir vorzustellen. In das Pensionat käme sie nicht mehr. Danach sah eine ihrer Zimmergenossinnen, wie sie in einen Wagen stieg, der vor dem Schulgebäude parkte und an dessen Steuer ein Mann saß. Sie fuhren los, bevor die Zimmergenossin das Fahrzeug erreichen konnte. Das war das letzte, was man von ihr gesehen hat.«

»Gibt es eine Beschreibung des Mannes oder des Wagens?«

Er schüttelte den Kopf. »Der Wagen war entweder grün oder blau oder vielleicht auch schwarz. Der Mann war im Schatten und trug einen dunklen Anzug und eine dunkle Krawatte. Sie wissen, wie diese jungen Mädchen sind. Nie achten sie wirklich auf etwas.«

»Haben Sie sich an die Polizei gewandt?«

»Das habe ich mir schon vor fünfzig Jahren abgewöhnt, als ich feststellte, daß man die meisten Polizisten mit einem Zwanzig-Dollar-Schein blind machen konnte. Zuallererst hätten sie die Geschichte doch der Presse gesteckt, und dann hätte es überall in den Schlagzeilen geheißen: ›Polizei fahndet nach Pflegetochter von Ganoven-König.‹ Diese Art von Aufsehen wollte ich Marla ersparen.«

»Aber das öffentliche Interesse zu erregen, hätte vielleicht geholfen, sie aufzufinden.«

»Nicht in diesem Fall. Eher im Gegenteil.«

»Was heißt das?«

Sein Gesichtsausdruck alarmierte mich. Wenn er ein schlechtes Herz hatte, und sein Allgemeinzustand ließ darauf schließen, gab diese Grimasse Anlaß, nach einem Krankenwagen zu telefonieren. Aber dann begann er wieder zu sprechen, und ich merkte, daß der Schmerz sehr viel tiefer saß.

»Gleich nachdem sie verschwunden war, engagierte ich in Lansing einen Privatdetektiv. Aber er hatte nicht genug Material, auf das er sich stützen konnte, und resignierte, als seine letzte Spur vor zwei Monaten wieder im Sand verlief. Inzwischen hat er sein Büro aufgegeben und ist nach Kalifornien gezogen, wie so viele andere, die das Klima hier nicht vertragen können. Ich habe erst gestern erfahren, daß er weg ist, als ich ihn zu erreichen versuchte, um ihn über dies hier zu informieren.«

Langsam, sehr viel langsamer als beim erstenmal, faßte er in dieselbe Tasche, aus der er das Schulfoto gezogen hatte, und brachte ein weiteres Stück weißen Fotokartons zum Vorschein, ein bißchen größer als das erste. Er hielt es mir mit einer Bewegung entgegen, als sei das Gewicht viel zu schwer für seine Hand. Ich mußte halb von meinem Stuhl aufstehen, um es ihm abzunehmen.

Er hatte mir einen Schwarz-Weiß-Schnappschuß gegeben, auf steife Pappe gezogen, um eifrigem Befingern besser standzuhalten. Es war keine gute Fotografie. Die Beleuchtung ließ zu wünschen übrig, und auf den ersten Blick war schwer festzustellen, was eigentlich vorging in dem schäbigen Zimmer, an dessen Wand, gerade noch zu erkennen, ein Druck von September Morn hing. Was sich dort abspielte, war sehr viel weniger delikat als des Künstlers Darstellung einer keuschen Badenden. Ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen, nackt bis auf einen schwarzen Strumpfhaltergürtel, Netzstrümpfe und hochhackige Pumps, führte kniend an einem üppig bestückten Mann etwas aus, das vom Obersten Bundesgericht als widernatürlicher Akt bezeichnet wird. Das Mädchen hätte Marla Bernstein sein können. Niemand hatte das Foto retuschiert, und die Schulmütze fehlte.

»Das kann irgendein Mädchen sein«, sagte ich. »Warum sind Sie so überzeugt, daß es Marla ist?«

»Sie ist es. Ich habe sie aufwachsen sehen. Ich weiß es. Und wenn ich noch irgendwelche Zweifel hätte, würde der Leberfleck auf ihrem rechten Schulterblatt sie zerstreuen.«

Ich sah noch einmal hin. Vorher hatte ich das kleine Muttermal gar nicht bemerkt. Es war nicht die Sorte von Foto, auf denen man solche Einzelheiten wahrnimmt.

»Haben die da draußen das Foto gesehen?« Ich deutete mit dem Kopf zu der Schiebetür.

»Sie wissen davon. Sie sind der einzige, dem ich es gezeigt habe, seit ich es vor einer Woche in die Hand kriegte. Ich hatte wenig Lust, es am Schwarzen Brett auszuhängen.«

»Sind Sie Sammler?«

»Keineswegs.« In seinen wäßrigen Augen zuckte ein Funke auf. »Ein alter Geschäftsfreund von mir, der Name spielt keine Rolle, ist an einem Unternehmen beteiligt, das Porno-Läden und Bordelle mit Fotos dieser Art beliefert. Es ist nur ein Nebenzweig. Normalerweise bekommt er das Zeug, das da durchläuft, kaum zu Gesicht. Aber vor zehn Tagen war er zufällig bei dem Mann, der dafür verantwortlich ist, und dieses Foto lag dort auf dem Schreibtisch. Besagter Geschäftsfreund ist oft bei mir zu Hause gewesen und kennt Marla fast so gut wie ich selbst. Er hat sie sofort erkannt und kam zu mir nach Phoenix.«

»Konnte er sagen, wer das Foto gemacht hat?«

»Er hat seinen Mann befragt. Aber der war nicht sicher. Es kann aus einem der zwölf Studios sein, mit denen er hier in Detroit arbeitet, er kann es aber auch zusammen mit einem Packen anderer Aufnahmen von irgendeinem Typ auf der Straße gekauft haben. Über seinen Schreibtisch gehen täglich Hunderte solcher Bilder. Er kann unmöglich die Herkunft jedes einzelnen wissen.«

»Na fabelhaft. Kommt Postbestellung in Frage?«

»Keinesfalls. Das würde mit dem Gesetz kollidieren.«

»Ich brauche seinen Namen.«

Morningstars Gesichtszüge verhärteten sich. »Den meines Geschäftsfreundes?«

»Den des Mannes, der für ihn arbeitet. Außerdem eine Liste der Studios, von denen er die Foto bezieht, sofern Sie die haben. Falls nicht, kann ich mir die Liste von ihm direkt geben lassen.«

»Mit dem Namen des Mannes kann ich Ihnen dienen. Er heißt Lee Q. Story. Das Q ist wichtig. Ich habe mir sagen lassen, er legt größten Wert darauf. Er hat einen Schuppen, der sich Story’s After Midnight nennt, auf der Erskine. Auch wieder ein Schwarzer, aber das brauche ich in dieser Stadt ja wohl kaum extra zu erwähnen. Offen gestanden war ich überrascht zu hören, daß Sie Weißer sind, bei einem Vornamen wie Amos.«

»Ein paar von uns sind noch übrig. Also dann muß ich sie mir wohl von ihm beschaffen.«

»Was beschaffen? Ach so, die Liste. Ja. Ich habe an so was nie Geschmack gefunden. Schlimm genug, daß ich mir im Vorbeifahren diese ganzen Etablissements von außen ansehen muß. In meiner Jugend waren das alles Lichtspieltheater. Wunderschöne Kinos. Paramount, Roxy, Beijou. Clara Bow. Ramon Novarro. Dick Arlen und Buddy Rogers in Wings. Den Film habe ich dreimal gesehen, jedesmal mit einem anderen Mädchen. Wissen Sie, was gerade jetzt im Roxy gespielt wird? Sluts of the Third Reich. Was sind das für Zustände, daß man für so etwas meterhohe Reklameschilder anbringt, die von allen Kindern gelesen werden können?«

Auf seinen Wangen zeigten sich hektische Flecken. Ich versuchte ihn zu unterbrechen, bevor er einen Schlaganfall bekam, aber er war gerade erst richtig in Fahrt gekommen.