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Peter Careys ›Amnesie‹ trifft mitten in den wunden Punkt unseres Jetzt. Die junge Australierin Gaby Bailllieux hackt ein amerikanisches Sicherheitssystem und befreit Tausende Gefangene. Im Fall einer Auslieferung in die USA droht der Hackerin die Todesstrafe. Der Journalist Felix Moore glaubt sofort an eine längst überfällige Racheaktion gegen die USA, die 1975 den australischen Premierminister von der Bildfläche verschwinden ließ. Ein geheimer Staatsstreich, ein Angriff auf die australische Verfassung und keiner spricht davon; bis auf Felix Moore, der seine ganze journalistische Karriere darauf verwendet, gegen Australiens große Amnesie anzuschreiben. Nun soll Moore der geheimnisvollen Nerdin den Kopf aus der Schlinge ziehen und gerät dabei selbst in lebensbedrohliche Bedrängnis. Wusste Gaby, dass sie den USA den Cyberkrieg erklärt oder wollte sie wirklich nur Flüchtlinge aus australischen Internierungslagern befreien? Moores Recherchen führen ihn nicht nur in die Abgründe unseres digitalen Zeitalters, sondern in zutiefst menschliche. Peter Carey schreibt mit seinem neuen Roman ›Amnesie‹ gegen das Verdrängen eines unglaublichen politischen Skandals an – und sagt damit mehr über unsere Gegenwart als ein Roman sollte. Ein ungestümer Mix aus WikiLeaks, Edward Snowden und Chaos Computer Club – voll bösartigem Witz, von atemberaubendem Tempo.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2016
Peter Carey
Roman
Die große Amnesie: Kein Australier spricht über die Ereignisse von 1975, als die CIA die australische Regierung stürzte und den Premierminister von der Bildfläche verschwinden ließ. Nur Felix Moore, der selbsternannte letzte linke Journalist Australiens, wird nicht müde, an den Staatsstreich zu erinnern. Als die junge Hackerin Gaby Baillieux einen Cyberwurm in ein amerikanisches Sicherheitssystem schleust, ist Moore sicher, endlich Zeuge einer späten Rache zu sein. Wusste Gaby, dass sie den USA den Cyberkrieg erklärt, oder wollte sie wirklich nur Flüchtlinge aus australischen Internierungslagern befreien? Moore soll der geheimnisvollen Nerdin den Kopf aus der Schlinge ziehen und gerät dabei selbst in lebensbedrohliche Bedrängnis.
»Als hätte Charles Dickens die WikiLeaks-Geschichte umgeschrieben in eine aufregende Fabel über unser Zeitalter nach Edward Snowden.« The Guardian
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Peter Carey, 1943 in Australien geboren, lebt seit über 20 Jahren in New York. Rund um den Globus sind seine Bücher Bestseller; neben J. M. Coetzee und Hilary Mantel ist er der Einzige, dem der renommierte Booker Prize zweimal verliehen wurde – 1988 für ›Oscar und Lucinda‹ (Fischer Taschenbuch Bd. 18446) und 2001 für ›Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang‹ (Bd. 16017). Zuletzt erschien bei S. Fischer ›Die Chemie der Tränen‹. Bei FTV liegen außerdem vor: ›Mein Leben als Fälschung‹ (Bd. 16246), ›Wrong about Japan‹ (Bd. 16840) und ›Liebe. Eine Diebesgeschichte‹ (Bd. 17405).
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Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel ›Amnesia‹
bei Faber & Faber Limited, London
© Peter Carey, 2014
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: hißmann/heilmann/hamburg
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403422-5
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Widmung
1. Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
2. Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
Für Frances Coady
Es war ein Frühlingsabend in Washington, DC, ein kühler Herbstmorgen in Melbourne; es war genau 22 Uhr Greenwich-Zeit, als sich ein Wurm in die elektronischen Kontrollsysteme zahlloser australischer Gefängnisse schlich und die Schlösser in vielen anderen Einrichtungen des Freiheitsentzugs entsicherte, von deren Existenz der Hacker in einigen Fällen nichts gewusst haben konnte. Weil die australische Gefängnissicherheit im Jahr 2010 überwiegend von amerikanischen Firmen geplant und verkauft worden war, infizierte der Wurm sofort auch 117 US-Bundesjustizvollzugsanstalten, 1700 Landesgefängnisse und mehr als 3000 Bezirkshaftanstalten. Wohin immer er schlich, er bewegte sich unterirdisch, im Dunkeln, wie ein Buschfeuer, das in den Wurzeln der Bäume brennt. Sobald er sein Ziel erreicht hatte, verkündete er: DAS UNTERNEHMEN IST UNTER UNSERER KONTROLLE. DER ENGEL ERKLÄRT EUCH FÜR FREI.
Diese und andere ausgefeiltere Botschaften wurden auf Englisch von Gefängnisdirektoren in Texas gelesen, von Vertragsnehmern in Afghanistan, in Kurdistan, in Abschiebegefängnissen in Australien, in Woomera, in militärischen Geheimgefängnissen in Kimberley, in geheimen Gefangenenlagern in der amerikanischen »Abhörstation« bei Alice Springs. Manche Häftlinge entkamen. Andere wurden erschossen. Verwirrte Afghanen und Filipinos, ein angeschossener indonesischer Teenager, ein britischer Muslim, der am Verdursten war, alle diese bislang unbekannten Personen sah man im Fernsehen über die Straßen des Outback wandern.
Auf den Überwachungsmonitoren im Internierungslager Villawood, Sydney, war zu lesen: DER ENGEL DES HERRN TAT IN DER NACHT DIE TÜREN DES GEFÄNGNISSES AUF UND FÜHRTE SIE HINAUS. Meine früheren Kollegen fragten: Was sagt uns diese Ausdrucksweise über den Täter?
Das war mir vollkommen egal. Ich war dankbar für eine Geschichte, die mich von den Titelseiten verdrängte, auf denen ich schon LÜGEN HABEN KURZE BEINE hatte erleiden müssen. Ich verbrachte meine Tage im Obersten Gerichtshof von New South Wales und zahlte Nigel Willis 500 Dollar pro Stunde, um mir wegen Rufschädigung den Prozess machen zu lassen. Nigels »berechenbare Stunden« häuften sich auch noch an, als längst klar war, dass er ein Vollidiot war und ich keine Chance hatte, aber Kopf hoch: Er war todsicher, dass wir im Berufungsverfahren eine Chance von 3 zu 2 auf Erfolg hatten. Dass mein Anwalt auch ein Rennpferd besaß, spielte keine Rolle.
Unterdessen konnte ich kaum etwas anderes tun als Zeitung lesen. POLIZEI GEHT DAVON AUS, DASS ENGEL EIN AUSSIE-WURM IST.
»Wäre der Angeklagte geneigt, dem Gericht zu erklären, warum er Zeitung liest?«
»Ich bin Journalist, Euer Ehren. Es ist mein Beruf.«
Dann wandte sich die Aufmerksamkeit dem Zustand meines Tweedjacketts zu. Ha, ha, Euer Ehren. Nachdem das Gericht seinen Spaß gehabt hatte, legte es eine Mittagspause ein, und da ich an diesem Tag ohne Begleitung war, schleppte ich mein bekanntermaßen verlottertes Selbst in den Botanischen Garten, wo ich den Daily Telegraph las. Im Rosengarten, neben dem Pferdeäpfeldünger, erfuhr ich, dass der Terrorist, der »offenkundig« ein männlicher christlicher Fundamentalist gewesen war, jetzt zur Tochter einer Schauspielerin aus Melbourne mutiert war. Die Verräterin wirkte sehr blass und viel jünger als die angegebenen dreißig Jahre. Als Fotograf wurde Dick Connolly genannt, doch sein Redakteur hatte sie einer Photoshop-Behandlung unterzogen, denn im wahren Leben sollte sie sich als kompaktes kleines Ding erweisen, mit kräftigen strammen Beinen, überhaupt nicht so wie das verwahrloste Kind im Telegraph. Sie stammte aus Coburg im Norden Melbournes, einem platten, vergessenen, von Industrie geprägten Vorort, in dem sich zufälligerweise einst das Pentridge Prison befunden hatte. Zur Vorführung vor dem Haftrichter erschien sie in einem schwarzen Kapuzenshirt und mit gesenktem Kopf, vermutlich um die Tatsache zu verbergen, dass unsere erste einheimische Terroristin ein schönes Gesicht hatte.
Angel war ihr Deckname. Gaby hieß sie in der »wirklichen« Welt. Angeklagt wurde sie als Gabrielle Baillieux. Ich hatte ihre Eltern vor langer Zeit gekannt – ihre Mutter war die Schauspielerin Celine Baillieux, ihr Vater Sando Quinn, ein Parlamentsabgeordneter der Labor Party.
Ich kehrte zu meinem eigenen Prozess zurück, deprimiert nicht wegen seines vorhersehbaren Ausgangs, sondern weil mir klargeworden war, dass mein Leben als Journalist gerade jetzt zerstört wurde, als ich mit meinem Augenblick in der Sonne hätte rechnen können.
Ich hatte mehrere Bücher veröffentlicht, fünfzig Features, tausend Kolumnen, die überwiegend das traumatische Unrecht betrafen, das unsere amerikanischen Verbündeten meinem Land 1975 angetan hatten. Während meine Kollegen sofort folgerten, dass es der Hackerin nur darum ging, Boatpeople aus australischen Internierungslagern zu befreien, schloss ich mich der Ansicht unserer amerikanischen Verbündeten an, dass es sich um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten handelte. Mir war von Anfang an klar, dass die Ereignisse von 1975 der erste Akt dieser Tragödie gewesen waren und es sich bei dem Engel-Wurm um Rache handelte. Wenn Washington recht hatte, dann war das die Geschichte, auf die ich mich mein Leben lang vorbereitet hatte. Wenn Ihnen »die Ereignisse von 1975« verwirrend oder rätselhaft erscheinen, genau darum geht es. Sie sind Teil der »Großen Amnesie«. Mehr dazu später.
Im Gericht hörte ich zu, wie mein Verleger vom Richter Prügel bezog, und ich sah seine Miene, als er endlich begriff, dass er meine Bücher nicht einmal als Mängelexemplare verkaufen konnte.
»Einstampfen?«, sagte er.
»Einschließlich des Exemplars in Ihrer Hand.«
Ich wurde zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von einhundertzwanzigtausend Dollar verurteilt. War ich versichert, oder war ich nicht versichert? Ich wusste es nicht.
Die Leute vor dem Gericht freuten sich, als wäre es der Tag meiner Hinrichtung.
»Feels, Feels«, rief der Typ von News International. »Schau hierher. Felix.«
Das war Kev Dawson, ein furchtsamer kleiner Kerl, der seinen Lebensunterhalt mit dem Umschreiben von Pressemitteilungen verdiente.
»Schau hierher, Feels.«
»Was hältst du von dem Urteil, Feels?«
Was ich davon hielt: Der einzige verbliebene linke Journalist war aus großer Höhe angepinkelt worden. Und worin bestand mein Verbechen? In der Wiedergabe von Pressemitteilungen? Nein, ich hatte von einem Gerücht berichtet. In der Welt der Erwachsenen ist ein Gerücht so sehr eine »Tatsache« wie Rauch. Den Rauch auszulassen bedeutet, die Gefahr in der Landschaft nicht zu erwähnen.
Für das Oberste Gericht von New South Wales war das Rufschädigung.
»Was wirst du jetzt tun, Felix?«
Eine Bank ausrauben? Mich erschießen? Fest stand, dass niemand mir die Engel-Geschichte geben würde, obwohl ich besser dafür geeignet war (Wired-Magazin aufgepasst), sie zu schreiben, als jedes dieser schlauen Kinder, die mit dem Job beauftragt würden. Aber ich war, wie der Richter erfreut verkündet hatte, in »Ihrem früheren Beruf« nicht länger zu beschäftigen. Ich hatte Leitartikel geschrieben, Kommentare, ich war ein sogenannter investigativer Journalist gewesen. Ich hatte aus dem Parlament in Canberra berichtet, in dem meine »Gerüchte« durchaus zählten. Ich glaube sogar, Alan Ramsay hatte mich gemocht. Mitte der siebziger Jahre habe ich für kurze Zeit das ABCDrivetime Radio moderiert.
Ich war ein alternder Brotverdiener mit einer absurden Hypothek. Deswegen habe ich Drehbücher und am Wochenende Romane verfasst. Ich habe sowohl historische als auch politische Satiren geschrieben, Thriller und investigative Krimis. Die Filmfassung meines Romans Barbie und die Hohlköpfe wurde in einem Workshop in Robert Redfords Sundance Institute erarbeitet.
Doch in dieser ganzen Zeit, während ich katzbuckelte und Kratzfüße machte, um »Startkapital« von der australischen Filmkommission zu bekommen, blieb ich Sozialist und ein Diener der Wahrheit. Ich war achtundneunzig Mal angeklagt worden, bevor sie mich mit diesem Prozess in die Knie zwangen, und unterwegs hatte ich die Machenschaften von Kerry Packer und Rupert Murdoch aufgedeckt (beide übrigens Absolventen des Geelong Gymnasiums), immer eine sehr gefährliche Beschäftigung für einen Mann mit Familie und offensichtlich furchteinflößend für alle, die seines Beistands bedürfen. Nachdem sich die Türen der Mainstream-Medien geschlossen hatten für jemanden, der realitätsfern genug war, um die Wahrheit zu schreiben, veröffentlichte ich weiterhin den »Lo-Tech Blog«, einen auf säurehaltigem Papier gedruckten Newsletter, den alle Journalisten und Abgeordneten im Parlament von Canberra lasen. Fragen Sie nicht, wie wir unsere Stromrechnung zahlten.
Ich war als Journalist in einem Land tätig, in dem der Informationsfluss von drei Konzernen kontrolliert wurde. Ihre Fähigkeit, die »Wahrheit« zu manipulieren, reduzierte das Wahlrecht zur Bedeutungslosigkeit, aber ich war Journalist. Ich tat mein Bestes. Im »Lo-Tech Blog« enthüllte ich die feige Berichterstattung der australischen Presse über die Lügen der Regierung hinsichtlich der Flüchtlinge an Bord der unseligen Oolong.
»Ich kann nicht verstehen, wie echte Flüchtlinge ihre Kinder über Bord werfen können«, sagte unser Premierminister.
Hierbei handelte es sich wieder einmal, wie 1975, um eine Lüge von Goebbels’schem Ausmaß. Der Vierte Stand machte ein ganzes Land glauben, dass die Flüchtlinge Tiere und Schweine waren. Viele glauben es heute noch.
Doch die Flüchtlinge gehörten hierher. Sie hätten sich mit den Besten von uns wohl gefühlt. Wir blicken auf eine Geschichte des Muts, der Ausdauer und des Erfindungsreichtums angesichts von Isolation und tödlicher Bedrohung zurück. Gleichzeitig waren wir leider in erschreckendem Maße zu Feigheit, Arschkriecherei, Kriminalität, Mediokrität in der Lage und haben uns dabei die eigenen Taschen gefüllt.
Ich war übergewichtig und kurzatmig, aber ich war stolz darauf, angeklagt, geschmäht, verachtet und von den Umformulierern von Pressemitteilungen Versager genannt zu werden. Es war mir ein Trost, und das war nur gut so, denn Trost war nirgendwo sonst zu finden. Wie sich in den nächsten Wochen bestätigen würde, sollte keiner meiner alten Kumpels mich von den bleiernen, Seele und Geist zermürbenden Strapazen der Arbeitslosigkeit erretten.
Ein Fünf-Sterne-Hotel mag eine unkluge Ortswahl für einen ungepflegten Ausgestoßenen sein, um seine Wunden zu lecken, doch das Wentworth war die bevorzugte Unterkunft meines alten Freundes Woody »Wodonga« Townes. Meine besten Freunde lieben es leidenschaftlich, zu reden und zu trinken, doch in dieser sehr erlesenen Schar war es Woody Townes, der Schotter und Mumm hatte. Er war jeden Tag im Gerichtssaal gewesen, obwohl er siebenhundert Kilometer von Melbourne hatte herfliegen müssen. In jedem Kampf hatte er an meiner Seite gestanden. Und nachdem ich die Prügel der Presse über mich hatte ergehen lassen, wusste ich, wo er zu finden war; wo er fast jeden grauenvollen Nachmittag gewartet hatte, im sogenannten Garden Court, den massigen Körper in einen kleinen samtenen Sessel geklemmt. Kaum sah er mich, goss er mit der linken Hand Champagner ein. In unverwechselbarer Pose: ein schweres tierisches Bein auf dem glänzenden Oberschenkel abgelegt, den rechten Ellbogen hoch erhoben, um die Aufmerksamkeiten eines beflissenen Kellners abzuwehren.
Ich betrachtete die entblößten weißen Waden meines treuen Freundes, seinen bemerkenswerten Bauchumfang, seine geröteten Wangen und dachte, nicht zum ersten Mal, dass Melbourne das Talent hatte, diese ungewöhnlichen Gestalten wie aus dem 18. Jahrhundert hervorzubringen. In umkämpfteren Verhältnissen hätte das Leben sie zusammengepresst, aber dort unten im Süden, am Pariser Ende der Collins Street, gab es nichts, was ihn daran gehindert hätte, sich auszudehnen und diese Statur anzunehmen. Er war ein Stich von Gillray – Schwelgerei, Überzeugungen, Macht.
Von Berufs wegen war mein Freund »Immobilienentwickler«, und ich nahm an, dass er bisweilen an den fragwürdigen Händeln seiner Kaste beteiligt war. Meine Frau hielt ihn für eine widerwärtige Kreatur, aber sie hatte sich nie die Mühe gemacht, ihn wirklich kennenzulernen. Er war sowohl ein reicher Mann als auch ein furchtloser Kämpfer der Linken. Er war ein verlässlicher Förderer unbeliebter Anliegen und (obwohl er möglicherweise unmusikalisch war) Vorsitzender der South Bank Opera Company. Er unterstützte mindestens zwei atonale Komponisten, die sonst an Schulen hätten unterrichten müssen. Außerdem hatte er mein vom Pech verfolgtes Stück finanziert. Woodys Ausdrucksweise konnte ausfällig sein. Gelegentlich besudelte er seine Menschenliebe, indem er als Gegenleistung kleine Gefälligkeiten einforderte, doch es war auf ihn Verlass, wenn es darum ging, Unrecht körperlich und juristisch die Stirn zu bieten. In einer Zeit, als immer mehr Wirtschaftskarrieristen frisch von der Universität die australische Labor Party bevölkerten, blieb Woody alte Schule – er fürchtete sich nicht vor den Folgen seiner Überzeugungen.
»Idioten alle miteinander«, sagte er und trieb die Champagnerflasche tief ins Eis. Das war in etwa der Inhalt unseres Gesprächs, und drei Flaschen und mehrere Runden extravaganter Häppchen später ließ er die Rechnung bringen, zahlte mit Scheinen aus einer Rolle Fünfzig-Dollar-Noten, setzte mich in ein Taxi und gab mir einen »Fahrgeld«-Voucher, den ich bei Ankunft unterzeichnen musste.
»Gib nicht auf«, sagte er, oder etwas in der Art.
Es war nur eine kurze Fahrt über die Anzac Bridge zu unserem Haus in Rozelle. Hier wartete der beste Teil meines Lebens auf mich, meine Frau und meine beiden Töchter, aber – in dem schmalen Durchgang unseres etwas feuchten Reihenhauses standen dank eines giftigen Zufalls fünf Kartons mit meinem Buch, die aus reiner Bosheit an diesem Nachmittag geliefert worden waren.
Sollte ich sie etwa selbst einstampfen?
War es nicht rasend komisch, dass mein rotgesichtiger Verleger mit seinem großen Haus in Pymble sich die Mühe gemacht, keine Kosten gescheut und die Kartons vor meine bescheidene Tür hatte liefern lassen? Ich musste so lachen, dass ich die Last kaum durchs Haus schleppen konnte. Meine Töchter warfen einen Blick auf mich und scherten sich offenbar so wenig um meine Notlage, dass sie sofort nach oben gingen, um die Kardashians zu sehen. Claire musste irgendwo im Haus sein, aber ich war ihr noch nicht begegnet. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, das Gerichtsurteil auszuführen.
Ich war noch nie in der Lage gewesen, den Grill anzuzünden. Ich hatte keinerlei handwerkliches Geschick. Es war meine sportliche Claire, die die Bohrmaschine betätigte, nicht ich.
Natürlich überkompensierte ich mit den Feueranzündern. Legte ich wirklich in jedes Buch einen gratis Feueranzünder? Sollte das ein Witz sein? Woher soll ich das wissen? Es war nicht notwendigerweise aus Selbstmitleid und pathetisch, dass ich meine eigenen Bücher in Brand steckte, aber es war definitiv dumm oder zumindest schlecht informiert, dass ich einen Liter Benzin über die kleinen Flammen goss. Ich war nicht vorbereitet auf das laute Zischen, das gewaltige Auflodern, das meine Augenbrauen versengte und die unteren Äste unseres geliebten Jacaranda-Baums erfasste.
Als die Flammen von den Ästen zum aufgesetzten zweiten Stock krochen, hätte ich – darauf bestehen die Leute immer wieder – den Gartenschlauch nehmen und sie löschen sollen. Gut und schön, aber diese lieben Freunde haben nicht gesehen, was ich sah. Ich fällte mein Urteil. Ich entschied mich für menschliches Leben und gegen die Immobilie. Ich rannte die Treppe hinauf und zerrte das Publikum von den Kardashians weg. Ja, meine Babys waren Teenager. Ja, sie leisteten Widerstand, doch es war nicht die Zeit für Erklärungen, und ich hatte keine andere Wahl, als grob zu werden. Offenbar roch ich »wie eine Kreuzung zwischen einer Kneipe und einem Rasenmäher«. Ich trieb sie auf die Straße, wo ich sie schreiend stehen ließ.
Ich weiß nicht, was genau als Nächstes geschah, doch der Werbetexter von nebenan raubte meine Mädchen, und bald darauf stieß mich die Feuerwehr von Balmain aus dem Weg und zog ihre dreckigen Schläuche durch mein Haus, und Claire, meine Frau, mein Trost, meine Geliebte, meine Freundin erwartete mich.
Was folgte, sollen unsere Kinder nicht erfahren. Aber ich werde nie vergessen, was für Worte fielen.
Claire war klug, liebenswürdig und lustig. Sie schlief mit dem Laken hochgezogen bis zur Nase wie ein kleines Opossum. Sie erwachte lächelnd. Sie entfernte ein Jahrhundert Farbe von den Geländern und wachste und ölte sie, bis sie glühten. Wenn es gewitterte, stieg sie aufs Dach, um Laub aus den überfließenden Regenrinnen zu holen. Sie ging von Tür zu Tür, um für die Nachwahlen in Leichardt zu werben. Sie war eine von Japanern ausgebildete Töpferin, deren Werke von Museen gesammelt wurden, und doch verging kein Abend, an dem ich von Canberra oder Melbourne oder der Gewerkschaftskneipe in der Sussex Street nach Hause kam und sie nicht auf mich wartete, um zu erfahren, was passiert war.
Sie wurde allgemein als perfekte Mutter betrachtet, während ich dafür bekannt war, untreu gewesen zu sein oder mich zumindest daran versucht zu haben. Von mir hieß es, dass ich dauernd betrunken war und keine Geduld mit anständigen Leuten hatte, deren Politik mir missfiel. Ich war angeblich arbeitsunfähig. Man hielt mich für einen Kommunisten, dem es an der Intelligenz mangelte, einzusehen, dass er historisch überholt war.
Den ganzen Tag lang riss sich Claire die breiten kräftigen Hände an dem körnigen Lehm auf, und aus diesem Opfer erstanden lange Hälse und winzige küssende Lippen. Sie kochte wie die Farmerstochter, die sie war, Lammkeule, Ofengemüse, richtige Soßen. Doch jeden Abend verschlang sie das Leben, das ich mit nach Hause brachte. Mein Schatz war, was allgemein als Politjunkie bezeichnet wird – ein schrecklicher Ausdruck –, aber ich lieferte, was sie sich wünschte. Wir hatten Spaß, viele Jahre lang. Ja, ich legte mir einen Canberra-Bauch zu und schämte mich zu joggen. Sie dagegen blieb, wie jeder bemerkte, schlank und fit. Sie trug Jeans und Windjacken und Sneaker und schnitt sich selbst die Haare, sah von »sexy« Beinen und staksigen Fuck-me-Absätzen ab. Nach dem Brand erfuhr ich, dass bestimmte Kumpel sich gefragt hatten, ob sie vielleicht lesbisch war. Idioten. Keiner von ihnen hatte auch nur die leiseste Ahnung von unserem Liebesleben. Wir waren zärtlich und verrückt auf eine Weise, von der nur wir wussten. Wenn die Schulden nicht gewesen wären, lägen wir auch heute im Bett.
Manche Leute können gut mit Schulden umgehen. Wir konnten es nicht und merkten es so wie Leute, die seekrank werden, ihre Schwäche erst erkennen, nachdem das Schiff abgelegt hat. Wir waren ein Journalist und eine Töpferin, die glaubten, ihre Kinder auf eine teure Privatschule schicken zu können. Sie verstehen den Witz.
Zuvor habe ich beschrieben, wie ich diese Kinder auf dem Gehweg alleinließ. Alleinließ? Um Himmels willen, sie waren nahezu am Ende ihrer Investitionskurve. Wenn man ihnen zuhörte, hätte man nie geglaubt, dass ihre Eltern beide Sozialisten in der dritten Generation waren. Erinnerten sie sich überhaupt noch daran, dass ihr Vater Teekuchen im rauchigen Feuer für sie getoastet hat? Hörten sie noch die wunderschöne Stimme ihrer Mutter, die ihnen Moreton Bay vorsang?
Nenn irgendein Straflager in Neusüdwales
Ich habe in allen gesessen
Port Macqaurie, Castle Hill und Emu Plains
Und Toongabbie nicht zu vergessen
Und eins wie das andere hab ich verflucht
Ein jedes auf ewig und immer
Nur Moreton Bay, das verfluch ich noch mehr
Denn Moreton Bay war noch schlimmer
Das hat sie unseren kleinen Mädchen vorgesungen? Aber selbstverständlich.
Wir hatten den fürchterlichen Fehler begangen, die Mädchen mit den Kindern unserer Feinde in die Schule zu schicken. Wir glaubten, Fiona vor Legasthenie zu retten. Tatsächlich jedoch haben wir ihre Familie ruiniert, indem wir sie einem finanziellen Druck unterwarfen, dem sie nicht standhielt. Nie, nicht eine Sekunde lang hätte ich gedacht, dass ich Claire jemals ängstlich nennen würde. Woher hätte ich wissen sollen, dass Schulden ihr solche Angst einjagten? Unser Kreditlimit betrug 50000 Dollar, und jedes Mal, wenn ich mich wie ich selbst benahm, hasste sie es. Früher hatte sie mich wegen dieser Eigenschaften geliebt: Ich meine damit mein nahezu genetisches Bedürfnis, kein Risiko zu scheuen, auf Prinzipien zu beharren, die Tyrannen aufs Korn zu nehmen. Ich konnte keine Kompromisse eingehen, auch wenn ich – wie so oft – körperlich Angst hatte. Ein Schwert hing über unserem Ehebett, und ich sah es nicht. Ich verweigerte Kompromisse, die einzugehen ein Vater ihrer unausgesprochenen Ansicht nach moralisch verpflichtet war.
Und die Mädchen hatten natürlich keine Ahnung, was auf dem Spiel stand. Wenn sie einen Blick in eine Zeitung warfen, dann nur auf das Lifestyle-Ressort. Ich bezweifle, dass sie auch nur ein von mir geschriebenes Wort gelesen oder eine Vorstellung von meiner Arbeit und meinem Leben hatten. Sie hatten nie die Zeugnisse gesehen, die meine Abwesenheiten rechtfertigten. Wenn ich zuließ, dass Claires Verhältnis zu ihnen das engere war, dann nur, weil ich wusste, wie sehr sie sich wünschte, sie wären »meine Töchter«. Nur ein einziges Mal habe ich ihnen Kleidung gekauft (T-Shirts, mehr nicht). Daraufhin wurde mir erklärt, dass das nicht meine Aufgabe sei und ich es nie wieder versuchen solle.
Vor dieser letzten Verleumdungsklage war Claire der Sozius gewesen, der die Augen schloss und sich festhielt, aber das Urteil des Obersten Gerichts brachte das Fass zum Überlaufen. Als sie die Höhe der Schadensersatzzahlung hörte, brach sie zusammen.
Als Kind hatte sie mitangesehen, wie die Bank die Farm ihrer Familie übernahm. Lag es daran? Lag es an etwas anderem? Jedenfalls glaubte sie mir nicht, als ich ihr versicherte, dass »alles in Ordnung kommen würde«, weil Woody für den Prozess von Melbourne hergeflogen war. Er hatte nichts versprochen. Damit hatte sie recht, aber sie begriff nicht, dass es genau die Art Situation war, in der man sich auf Woody verlassen konnte. Sie verstand nicht, wie einflussreich er war. Es war ihr gleichgültig, dass er mich aus meinem brennenden Auto gerettet hatte. Sie sah nur, dass sein Vater ein Slumlord und Gangster gewesen war.
Ebenso wenig vertraute sie meinem Anwalt Nigel, weil sie, zu Recht, glaubte, dass er mit dem Staatsanwalt befreundet war. Ich erklärte ihr, dass es nicht wichtig sei. Ich hatte recht. Wenn sie mir nur vertraut hätte, wäre ich wieder auf das Motorrad gestiegen und mit hundertfünfzig Kilometern mit ihr durch die Kurven gerast. Ich hätte das Berufungsverfahren gewonnen. Ich hätte die Gerichtskosten aus der Welt geschafft, und wir hätten gefeiert, wie wir viele Male zuvor gefeiert hatten.
»Alles wird in Ordnung kommen«, sagte ich, und der Zorn in ihren Augen war ein schrecklicher Anblick.
Ich stamme aus einer kleinen Stadt in Victoria, aber ich betrachtete das wunderbare, sündhafte Sydney seit fünfzehn Jahren als mein Zuhause. Doch nachdem ich aus der Denison Street, Rozelle, geworfen worden war, erkannte ich, dass ich überhaupt kein Zuhause hatte. Ich wurde in den herzlosen Verkehr auf der Victoria Road und über die schwindelerregende Anzac Bridge getrieben. Ich musste zugeben, dass mich alle meine Freunde verlassen hatten. Darling Harbour erstreckte sich unter mir. Die ganze leuchtende chaotische Stadt. Ich hatte kein Handy. Ich hatte kein Bett. Ich musste auf Klingeln in den östlichen Vororten drücken. Ich kann hier nicht die Einzelheiten meiner Aufnahme beschreiben, aber mir wurde nur so widerwillig Zuflucht gewährt, dass ich mich am Morgen gezwungen sah, den Kaffee meines Gastgebers abzulehnen. Ich wollte keinesfalls auf die Knie gehen und ihn bitten, sein Telefon benutzen zu dürfen.
Ich verbrachte den Tag in Martin Place in der Post, durchkämmte die Telefonbücher von Sydney und ließ mir am Schalter Geld wechseln.
»Kenne ich Sie? Waren Sie gestern Abend nicht im Fernsehen?«
»So ist es.«
Der Mann war ein blasser rothaariger Typ ohne Hintern, die Ärmel aufgerollt, um seinen Bizeps zur Schau zu stellen. Langsam zählte er das Geld ab.
»Felix«, sagte er.
»Ja, genau.«
»Sie sind ein Wichser, Mann.«
Ich ging mit meinem Geld zur hintersten Telefonkabine, drängte mich in die Dunkelheit und versuchte, jemanden aufzutreiben, der meinen Anruf annahm. Ich hatte damit gerechnet, dass meine Kollegen gern mit mir plaudern würden, aber sie reagierten sichtlich nervös angesichts dessen, worum ich sie bitten wollte. So viele befanden sich gleichzeitig nicht an ihrem Schreibtisch, dass sie eine Conga-Line von Pyrmont bis nach Ultimo, von Fairfax bis zur Australian Broadcasting Corporation bilden mussten.
Ich verließ Martin Place, ging unter den dunklen Moreton-Bay-Feigenbäumen durch den Hyde Park, die William Street entlang, am Westfield Tower vorbei, einem hässlichen Bauwerk, in dem sich einst eine höchst amüsante Mischung mächtiger Männer herumgetrieben hatte, nahezu vergessene Gestalten wie Gough Whitlam, Neville Wran, Harry Miller vor und nach seiner Zeit im Gefängnis von Cessnock.
Es wurde früh dunkel, und ich brachte es wirklich nicht übers Herz, noch eine Freundschaft auf die Probe zu stellen, und so fügte ich mich ins Unvermeidliche: Ich ging ins Bourbon and Beefsteak in King’s Cross. Warum liebten wir das B&B? Es war ein schrecklicher Ort, der einem Amerikaner namens Bernie Houghton gehörte. Wir wussten alle, dass Houghton ein Waffenschieber mit nachweislichen Verbindungen zur CIA war. Das hielt uns nicht davon ab, dort spätabends zu essen, und selbst als wir herausfanden, dass Bernie ein Partner der Nugan Hand Bank war, der CIA-Bank, die die Ereignisse von 1975 mitfinanziert hatte, tranken wir weiterhin im Bourbon and Beefsteak.
Meine Frau behauptete, dass ich ein Romantiker sei, dass das B&B mit seinen Prostituierten und Touristen, Zuhältern und Transvestiten, Kriminellen mit guten Verbindungen und Polizisten, die vor Mord nicht zurückschreckten, meinen Vorstellungen von noir entspreche. Sie hatte nicht völlig unrecht damit.
Es war noch nicht dunkel, und ich setzte mich an einen luftigen Tisch nahe der Straße, von wo aus ich bald – etwa eine Dreiviertelstunde nach meiner Ankunft – unseren ramponierten Subaru von der Straße auf den Gehweg fahren sah. Zog ich den Kopf ein? Wahrscheinlich. Aber ich habe mich nicht unter den Tisch geduckt, gleichgültig, was Ihnen Ihre Freunde erzählt haben. Meine Frau hatte ja auch nichts weiter Furchterregendes dabei als eine Plastiktüte, in der sich, wie sich später herausstellte, ein Handy samt Ladegerät, ein gerahmtes Foto meiner Töchter und meine signierte Gesamtausgabe, alle fünf Bände, von Manning Clarks heißgeliebter Geschichte Australiens befanden.
Das Foto lag ganz oben. Das machte mir Hoffnung. Hätte ich meine hochgeschätzten Manning Clarks gesehen, hätte ich gewusst, dass es sich um den Gnadenstoß handelte. Doch in meinem törichten Optimismus dachte ich, süßes Mädchen, sie weiß, dass mein Leben ohne Familie nichts ist. Sie kam geradewegs zu meinem Tisch. Ich dachte, Gott sei Dank, ich wäre gestorben, hätte ich sie verloren.
»Heute Morgen haben sie den Jacaranda gefällt.«
Sie sah so hübsch aus, doch ihre Augen waren rot gerändert, und ihr Mund war ein Strich wie ein Messer. Was sollte ich sagen? Setz dich doch?
»Ruf Woody an«, sagte sie und hielt mir die Plastiktüte hin.
Ich langte nach ihrem Arm. Sie sagte, ich solle sie ja nicht anfassen. Das Ladegerät fiel zu Boden. Als ich die Manning Clarks entdeckt hatte, war sie schon wieder weg.
Und wer sollte Mitleid für mich aufbringen? Hatte ich nicht das Leben meiner Familie riskiert?
Aber ich blieb Optimist. Woody wollte, dass ich ihn anrief, und ich wusste auch, warum. Er hatte mit Claire gesprochen. Er wusste, dass ich in Ungnade gefallen war. Er würde selbstverständlich eine Bleibe für mich finden. Ich rief ihn sofort an, und er nahm ab.
»Du sitzt in der Scheiße.«
»Ja.«
»Wo bist du jetzt?«
»Wo wohl? Im B&B.«
»Verdammter Bernie.« Er lachte.
»Ich dachte, er ist tot.«
»Ja, Kumpel.« Sein Tonfall wurde sonderbar ernst, und ich dachte, dass Woody Bernie Houghton natürlich kannte und wahrscheinlich auch Fran Nugan. Es gab merkwürdigere Freundschaften in dieser Stadt. Erschießen Sie mich dafür, dass ich es sage, aber Sydney, unsere kompakte dunkle Stadt, ist in Wirklichkeit sehr klein.
»Ich hab was für dich«, sagte er. Ich dachte, Gott sei Dank. Ich hätte es nicht ertragen, noch einmal um ein Bett betteln zu müssen.
»Du bist ein echter Freund«, sagte ich.
»Du musst deinen Arsch herbewegen.«
»Wohin?«
»Melbourne.«
»Warum Melbourne?«
»Herrgott, hör auf, mir Fragen zu stellen, Feels. Ich bin dabei, dir wieder einmal das Leben zu retten. Warum Melbourne? Mann. Werd nicht ausfällig.«
»Danke«, sagte ich. »Ich weiß zu schätzen, was du alles für mich getan hast.«
In Melbourne besaß er natürlich die meisten Immobilien und würde am leichtesten eine leere Wohnung für mich finden. Ich sollte sehr, sehr dankbar sein.
»Willst du oder willst du nicht?«
»Ja, ich will.«
»Dann sehe ich dich morgen in meinem Büro. Ich lade dich wie in alten Zeiten bei Moroni’s zum Mittagessen ein.«
Ich hätte den Flug mit unserer gemeinsamen Kreditkarte buchen können, aber ich hatte Claires Gesicht gesehen. Es war Donnerstagabend, die Geschäfte waren länger geöffnet. Ich fuhr mit dem Taxi zu dem angesehenen Buchhändler in der Oxford Street und bot ihm meine Manning Clarks an. Jeder Band war signiert mit »Für Felix mit Hochachtung«. Ich behauptete, wir würden uns gut kennen.
»Ach ja?«
Ich war keiner von Mannings vielen Verehrern, aber ich mochte ihn, und er amüsierte sich unfehlbar über mich. »Er ist Manning Clark«, sagte ich. »Ich bin Felix Moore.«
Der Buchhändler blieb unbeeindruckt, starrte jedoch schrecklich lange den Rücken des ersten Bandes an. Er war ein sanftmütiger, diplomatischer junger Mann. Er nannte mich weder einen Wichser, noch stritt er sich mit mir über den rapide sinkenden Wert meines Namens. Vielmehr deutete er korrekterweise darauf hin, dass der erste Band eine Verbindung mit Rotwein und Kugelschreiber eingegangen war und der fünfte Band Stockflecken aufwies. In Buchhändlermanier bot er mir zweihundert und gab mir die Bücher zurück, als wollte er sagen: Versuch gar nicht erst zu handeln. Selbstverständlich nahm ich das Geld, das gerade reichte: 112 Dollar für das Flugticket, 60 Dollar für ein beschissenes Zimmer im nahen Surry Hills.
Mit blutendem und reuigem Herzen lag ich zwischen den glatten Motellaken und rief meine Frau an.
Zu meiner Freude nahm sie ab.
»Wenn du das noch einmal tust«, sagte sie, »melde ich das Handy ab.«
Nachdem er auch noch das letzte mäusedreckgroße Phosphatvorkommen ausgebeutet hatte, das die Quelle seines sagenhaften Reichtums war, verkaufte sich der Inselstaat Nauru als Internierungslager für Asylanten. Als letztes Geschenk an Melbourne ließ der Nauru Phosphate Royalty Trust zwei bekannte Gebäude in der Collins Street abreißen und ein achteckiges 52 Stockwerke hohes Monument für seine eigene Unfähigkeit und Korrumpierbarkeit errichten.
Wer wollte Büroräume darin mieten? Mein Freund natürlich.
»Wenn ich deine Standards anwenden würde, Feels, würde ich am Strand schlafen. Und außerdem«, sagte er und offenbarte sein wahres Melbourne-Herz, »hast du in Sydney gelebt, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.«
Woodys Büro befand sich im 50. Stock, und von hier schaute er hinauf zu den schnell dahinjagenden Wolken und hinunter auf das Parlament und weiter zu seinen Bauprojekten in den Docklands. Im Süden konnte er bis nach St. Kilda sehen und im Nordosten bis nach Collingwood samt der aufsteigenden Feuchtigkeit in den Häusern, die er geerbt hatte, als sein Vater erschossen wurde.
Dieser Mord war kein Thema, über das ich mit Woody sprach. Seine persönliche Geschichte war in der Welt des »es heißt« abgelegt. Es heißt, dass er ein herausragender Schüler auf der Melbourne High war. Es heißt, dass er gern Professor für Literatur geworden wäre. Es heißt, dass er keine andere Wahl hatte, als den Revolver seines Vaters in die Hand zu nehmen. Es heißt, dass er an dieser Gewohnheit festhielt, lange nachdem andere für ihn die Miete kassierten. Ich weiß, dass Letzteres der Wahrheit entspricht, weil er mich einmal überredet hat, in das schöne alte Restaurant Florentino zu gehen und etwas »abzuholen«, was er dummerweise dort vergessen hatte. Er sagte nicht, dass es sich um eine Pistole handelte, aber mir fiel das bleiche Gesicht des unfehlbar höflichen Raymond Tsindos auf, als er mir eine Schuhschachtel mit der Aufschrift »Mr Townes« überreichte. Draußen vor dem Fenster der berühmten Buchhandlung in der Bourke Street hob ich den Deckel an. Ich habe ihm nie erzählt, was ich sah.
In Melbourne führen die Leute im Allgemeinen keine Schusswaffen mit sich. Ja, es ist ein Straftatbestand. Es mag sonderbar erscheinen, aber statt seinen guten Namen zu beflecken, verlieh die Idiosynkrasie meines Freundes seinem Ruf einen gewissen Schauder. Mäzen der Künste, Sammler von Erstausgaben, Straßenkämpfer, Streiter der Linken und natürlich auch und in erster Linie Immobilienentwickler. In einer anderen Gesellschaft wäre Woody Townes nichts Größeres als ein Spieler im Stadtrat gewesen, doch in unserem trockenen Hartlaubland nistete seine Spezies in der Tat sehr weit oben.
»Ich werde deinen Arsch retten, kleiner Felix.«
»Das ist sehr nobel von dir, mein Freund.«
Er starrte mich an, und ich war verwirrt und gekränkt und traute mich nicht, wegzuschauen wie ein Betrunkener, dem klar wird, dass er Ärgernis erregt hat. Das war nicht Woody im Wentworth, sondern Woody in seinem Büro. Mein Freund hatte furchteinflößende Momente.
»Danke«, sagte ich.
»Ach, Genosse«, sagte er und seufzte, »du weißt, dass ich kein edler Mensch bin.«
»Auf deine Art schon.«
»Du hast gedacht, dass du am Arsch bist«, sagte er. »Dass du bis zum Hals in der Scheiße steckst.«
»So ungefähr, ja.«
»Und jetzt kommst du ganz nach oben.«
Oh, Scheiße, dachte ich, als ich mich ihm gegenübersetzte, er bietet mir eins seiner widerlichen Penthouses am Yarra an. Ich konnte unmöglich ablehnen.
»Nur ein Platz, wo ich bleiben kann, bis ich wieder loslege.«
»Aber womit willst du denn loslegen? Arbeitsmäßig.«
»Kumpel. Ich bin gerade erst angekommen.«
»Vielleicht wirst du schneller als gedacht wieder arbeiten. Du weißt, wer die Mutter des Engels ist?«
»Ja. Und du weißt es auch.«
Er zog die dicken Augenbrauen in die Höhe, grinste, hielt sich zurück.
»Du hast Kontakt zu ihr aufgenommen«, bot ich ihm an.
»Kumpel, ich hatte immer Kontakt zu Celine.«
Die Anspielung war nicht schön formuliert, aber ich wollte glauben, was er andeutete. »Du hast einen Auftrag für mich?«
»Du schreibst die verdammte Geschichte, mein Freund. Exklusiv. Felix Moore. Die Angeklagte will mit niemandem außer mit dir sprechen.«
»Quatsch.«
»Ich habe die Kaution gezahlt. Fünfhundert Riesen«, sagte Woody, als hätte er ein Porträt von William Dobell gekauft. Ich verurteilte ihn nicht wegen seiner Vulgarität. Ich bewunderte ihn. Wer sonst in Australien hätte das an seiner Stelle getan? »Während du dir im Park in Sydney vor Angst in die Hose gemacht hast, habe ich telefoniert. Ich habe den verdammten Engel auf Kaution rausgeholt, bevor die Amerikaner ihn in die Finger kriegen konnten. Wie klingt das? Sie gehört dir.« Er grinste mich an wie ein Breitmaulfrosch. Ich musste ihm nicht sagen, dass ich bereits auf ihrer Seite stand.
»Und sie will, dass ich ihre Geschichte schreibe? Das meinst du doch.«
»Kumpel, sie hat nie von dir gehört.« Das glaubte ich keine Sekunde, und abgesehen davon war es mir egal.
»Das wird keine Zeitung bringen«, sagte ich.
Wodonga warf sein Sandwich in den Papierkorb, und ich erinnerte mich daran, gehört zu haben, dass er sich den Magen hatte verkleinern lassen und diskret in sein Taschentuch kotzte, wenn man mit ihm im Florentino aß. Er setzte sich aufrechter, die schrecklichen elefantösen Hände locker über dem Bauch gefaltet.
»Buch«, sagte er. »Großer Vorschuss. Du kannst deine Berufung verlieren und den Schadenersatz zahlen und Claire außerdem ein sexy Negligé kaufen. Der Vertrag wird gerade aufgesetzt. Aber wenn du den Job nicht willst, dann sag es.«
Das Honorar war phantastisch, obwohl seine Firma das Urheberrecht haben würde und ich keine Tantieme bekäme und nichts dagegen unternehmen könnte, sollte mein Name ohne Rücksprache von der Titelseite entfernt werden. Außerdem erzählte er mir nichts davon, dass er die Gewährsfrau nicht unter Kontrolle hatte. Wochenlang sollte mich die Unerreichbarkeit der fraglichen Person quälen. Wenn er mich gewarnt hätte? Es hätte rein gar nichts geändert. Ich sah mir zu, wie ich einen dicken braunen Umschlag entgegennahm, von dem ich glaubte, dass er ein Taschenbuch enthielt. Woody sagte, es seien zehntausend Dollar, und ich zählte nicht nach.
»Eine Anzahlung auf Treu und Glauben«, sagte er. »Kauf dir einen Anzug.«
»In Ordnung«, sagte ich und dachte, scheiß auf den Anzug, ich kann die Schulgebühren zahlen.
Woody schlüpfte in sein Jackett und nahm einen zierlichen Schirm aus der Schublade.
»Du wirst über eine Verräterin schreiben«, sagte er und sah zu, wie ich den Umschlag in die Jackentasche stopfte. »Trottel, der du bist, wirst du dich in sie verlieben. Das Problem dabei ist: Sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach zum Tode verurteilt werden.« Ich wollte ihn gerade daran erinnern, dass die Todesstrafe in Australien abgeschafft war, doch er zog sich in eine private Toilette in seinem Büro zurück und pinkelte lange und laut, und mir war klar, dass er mit seiner Prostataoperation angeben wollte.
»Ich habe den Tisch bei Moroni’s reserviert«, sagte er, als er wieder herauskam. »Brauchst du einen Kamm?«
»Natürlich nicht.«
Ich brauchte keinen Kamm, um bei Moroni’s eingelassen zu werden. Ich hatte hundertmal dort gegessen – mit Gough Whitlam, John Cain, das heißt mit einem Premierminister und dem Ministerpräsidenten eines Bundesstaats, deren Reden ich in diesem Restaurant geschrieben hatte, zugegebenermaßen unterstützt von Moronis tödlichem Grappa.
Der Oberkellner hieß Abramo. Er sah stets aus wie ein gütiger James Joyce mit perfektem Augenlicht. Abramo hatte guten Grund, mich zu mögen, was er sofort bewies, indem er Wodonga ignorierte und meine verlotterte Wenigkeit herzlich willkommen hieß. Er führte mich zu einem Tisch in der Ecke, an dem eine ungewöhnliche Person saß. Zum einen war sie eine Frau, die einzige in dem stillen Raum voller Anzugträger. Sie trug eine dunkelgraue Shanghai-Tang-Jacke aus Seide mit ziegelrotem Futter, ihr Haarschnitt war eine Million Dollar wert, womit ich kurz, schlicht und getragen von kräftigem, nahezu elastischem silbernem Haar meine. Ich täuschte mich, was ihr Alter betraf, und Ihnen wäre es ebenso ergangen. Ihr gutes Aussehen war von den auffälligen Wangenknochen bestimmt, die Art strukturierte Schönheit, die hundert Jahre Gauloises nicht zerstören können.
Als ich mich näherte, stand sie auf, um mir die Hand zu geben. Sie nannte ihren Namen, aber ich verstand ihn nicht. Ich nahm an, dass sie die Verlegerin war.
»Felix Moore«, sagte ich. Ich hörte Woody stöhnen. Er konnte nicht glauben, dass ich das berühmte Gesicht nicht erkannte.
»Felix«, sagte sie. »Ich bin’s, Celine.«
Ich begann einen Satz, brachte ihn aber nicht zu Ende. Die Mutter der Verräterin beugte sich über den Tisch und küsste mich auf beide brennende Wangen.
Es war nicht einfach nur ein berühmtes Gesicht, das ich nicht erkannt hatte. Wir waren jahrelang befreundet gewesen. Celine und ich waren zwei der 347 Erstsemester der Monash University gewesen. Es gab keine Studenten im zweiten, dritten oder vierten Jahr. Ja, ein Jahr zuvor hatte es noch nicht einmal die Monash University gegeben. Der sogenannte »Campus« war eine Baustelle ungefähr zwanzig Kilometer östlich von Moroni’s. Es gab einen unermesslichen, heißen, schattenlosen Parkplatz, über den eine junge Frau mit Stilettos ging.
Diese Celine war ein Traumbild wie die Rothaarige auf den Streichholzschachteln von Redhead. Sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Frau am Tisch bei Moroni’s. Sie war größer gewesen mit volleren Brüsten. Sie trug gerüschte Röcke und hatte wunderschönes, glänzendes blondes Haar.
Die Frau in Moroni’s war berühmt. Ihre Lippen waren voll, aber auch blass, wie in Seifenstein geschnitzt. Die Neunzehnjährige hatte einen knallroten Mund und war auf dramatische Weise von »Accessoires« umgeben, einer Sammlung sehr gefährlich aussehender junger Männer, die wir heutzutage »Clique« nennen würden. Ich beschloss sofort, dass sie meine Freunde werden mussten. Es waren ein Beatnik, ein Dichter, ein schwuler schlanker Junge, eine Art Hell’s Angel und schließlich ihr Liebhaber, Sandy Quinn, ein älterer Mann in einem Leinenjackett, der bestimmt nicht von der Highschool kam. Es sollte Jahre dauern, bis ich herausfand, dass eine Gewerkschaft für sein Studium bezahlte. Mir fiel keine Traurigkeit in seinem Blick auf. Ich sah seinen Bart, sonnengebleicht, kurz geschnitten und seinem Kiefer angepasst. Sein Schweigen empfand ich sowohl als Ausdruck von Macht als auch von Voreingenommenheit.
»Ich war ein totaler Blödmann«, sagte ich zu ihr, und es stimmte.
»Er war sehr süß«, sagte sie zu Woody.
»Er war also ein scharfer kleiner Köter«, sagte Woody. »Ertappt, Feels.«
Es folgte Schweigen. Ich dachte an mein aufgeblasenes Abenteuer mit dem Foto ihres Vaters. Abramo füllte mein Glas.
Ich hatte barsch und schlampig geklungen dank der nasalen Vokale, die ich in Bacchus Marsh gelernt hatte. Mein Haar war kurz und nicht so sauber, wie es hätte sein können. Ich trug nicht den obligatorischen Schmuddelpullover. Celines Clique war zuerst amüsiert gewesen, dann entsetzt und schließlich stocksauer angesichts meiner Anmaßung – dass ich mich geeignet fühlte, ihr Freund zu sein. Sie sagten Dinge, die einen geringeren Menschen veranlasst hätten, davonzulaufen und zu weinen.
Aber ich war der Sohn eines Mannes, der, wenn nötig, einen ganzen Nachmittag auf einer schlammigen Pferdekoppel stand, um einen Ford zu verkaufen. Das waren meine Gene.
Celine hatte mich nie für süß gehalten. Aber sie sah meine Willensstärke, die meinen anderen Reizen weit voraus und deshalb überwältigend war. In Springvale sagte sie eines Nachmittags zu mir, dass ich der Einzige von ihnen allen sei, aus dem im Leben etwas werden würde. Jetzt war sie dabei, ihre eigene Vorhersage wahr zu machen. Sie würde mir als Einzigem Zugang zu ihrer geächteten Tochter verschaffen. Passt auf, dachte ich, passt auf, wie ich den Rest erledige.
Die Kellner hatten mit Sicherheit meine kurz zurückliegende Demütigung im Fernsehen gesehen, und ich freute mich, dass sie jetzt Zeugen dieser Wiedergutmachung wurden, diese großen verschwiegenen Männer mit den weißen Schürzen und eleganten grauen Schnurrbärten. Jetzt küsste mich die Königin der Bühne und der Leinwand unter ihren Blicken auf die vom Alter gezeichnete Wange.
»Auf Felix«, sagte sie und stieß mit mir an.
»Ich bin in Ungnade«, sagte ich und meinte natürlich LÜGEN HABEN KURZE BEINE, unterstrich damit jedoch auch, auf meine ganz eigene Art, meine soziale Ächtung, die nie wirklich hinnehmbar sein konnte. Ich gab nicht preis, dass ich Dinge über ihr Leben wusste, von denen sie keine Ahnung hatte, aber ich wies auf meine feinsinnige Art überdeutlich darauf hin, dass ein ehrenwerter Schriftsteller auch ein Skorpion sein muss. Ein Autor dient seiner Geschichte. Er wagt es nicht, die persönlichen Konsequenzen zu bedenken.
»Du bist es nicht, der in Ungnade ist«, sagte sie. »Du hast ihnen ein Armutszeugnis ausgestellt, wie immer.« Und ich erinnerte mich an dieses ganz besondere Feuer in ihren grauen Augen, diese typische Erregung bei der Aussicht auf eine kleine Gefahr.
»Du hast vielleicht den Prozess verloren, aber du hast sie so korrupt und käuflich aussehen lassen, wie sie sind.«
Ja, ich hatte mein Leben lang für die gute Sache gekämpft, doch ich war unterwegs auch zu einem schrecklichen Geschöpf geworden.
Der Anfang des akademischen Jahres war sengend heiß gewesen. Es schüttete wie aus Eimern, und der Dampf stieg vom Rasen auf, auf dem ich vor kurzem neben meinem Vater gestanden hatte, als der Rektor der Monash University seine Eröffnungsansprache hielt. Ich war das erste Mitglied meiner Familie, das über die Highschool hinauskam. Ich hätte nicht sagen können, warum ich mich für eine Universität entschieden hatte, die keine Kreuzgänge, keine viereckigen Innenhöfe, keine Fakultäten voller Arschkriecher, keine ehemaligen Internatsschüler mit Triumph TR3s aufweisen konnte. Stattdessen hatte ich das Meer aus Schlamm gewählt, das früher eine Gärtnerei gewesen war. Die Gehwege waren noch nicht gepflastert, der Campus war von Leichtindustrie und den cremefarbenen Ziegelhäusern derjenigen umgeben, die unter diesen Sägedächern arbeiteten. Meine Wahl war nicht politisch motiviert gewesen. Ich hatte keine politische Einstellung, von der ich gewusst hätte.
Das war drei Jahre vor dem Tonkin-Zwischenfall, drei Jahre vor der Einberufung nach Vietnam, sieben Jahre bevor der Monash Labor Club die Revolution erfand, die auch beinhaltete – diese Information wurde mir persönlich überbracht –, an die Wand gestellt und erschossen zu werden.
Wir Studenten bewegten uns auf schmalen Pfaden im Gänsemarsch, wie Kühe unterwegs zum Melken. Wir kehrten zu Vermieterinnen zurück, deren Männer Schlosser und Drechsler waren, die jedoch als Ingenieure vorgestellt wurden. Wir waren Barbaren, die Monash-Schlamm ins Haus brachten (BITTE SCHUHE AUSZIEHEN) und Urin verspritzten (BITTE SITZ HOCHKLAPPEN).
Ich bin nicht sicher, dass Celines Absätze voller Schlamm waren, wie sie später behauptete, aber es gab keinen Zweifel daran, dass sie vor einem Urinal stehend gepinkelt hatte. Alle redeten davon. Ich war beeindruckt von Sandys zerknittertem Leinenjackett und wusste nicht genug, um meine Kleidung gebraucht zu kaufen. Höchstwahrscheinlich bemühte ich mich zu sehr. Ich hörte auf alles, was sie sagten. Infolgedessen fuhr ich mit dem Zug von Clayton zur Flinders Street und fand, nicht ohne Schwierigkeiten, Ulysses und Die Cantos von Ezra Pound. Ich trug diese schweren Bände zurück in mein vorstädtisches Schlafzimmer, das ich mir mit einem Chemiestudenten aus Wonthaggi teilte. Wir hatten nur einen Schreibtisch. Wenn er besetzt war, las ich im Liegen oder schrieb vor meinem Bett kniend. Ich klaute einen teuren Kommentar zu Ulysses und machte am Rand Anmerkungen zum Beispiel zu »Gewissens Bisse«, die eigentlich »Gewissensbisse« hätten sein müssen. Wusste Sandy, dass James Joyce die Rechtschreibung nicht beherrschte? Begriff er, dass »U.P.:up« Urinieren und Erektion bedeutete? Ich kniete. Ich annotierte. Ich lagerte Munition ein. Hinter den traurigen Spitzenvorhängen, die parallel zu meinem Bett hingen, befand sich ein grauer Staketenzaun aus Holz. In eineinhalb Kilometer Entfernung verlief das Straßenbahngleis, ebenfalls parallel. In einem langen schwarzen Cape schlich Barry Humphries durch die Straßen.
Es hätte eigentlich klar sein sollen, dass ich nicht für das Ingenieursstudium geeignet war, aber der Ehrgeiz meines Vaters war es, mich als den Ingenieur von Bacchus Marsh zu sehen. Er kaufte mir einen teuren Rechenschieber, den zu benutzen ich nie lernte. Ich fälschte die Experimente in Physik, indem ich vom richtigen Wert g, der 980 cm pro Sekunde im Quadrat beträgt, rückwärts rechnete.
Ich hatte keine Ahnung, dass ich auf katastrophales Scheitern zusteuerte. Damals schien alles möglich. Celines Freunde studierten Schauspiel, Psychologie, politische Philosophie oder waren Dichter. Sie diskutierten Deskription, Narration, Exposition, Argumentation. Wäre ich dazu in der Lage gewesen, hätte ich auch das imitiert, aber ich hatte ihnen lediglich ein paar kontroverse Fakten zu bieten: Gewissens Bisse. U.P.:up.
Mein schlauer Vater hatte nie das Bedürfnis verspürt, eine Abhandlung zu schreiben oder ein Abstract zu präsentieren. Ebenso wenig waren diese Fertigkeiten in der Highschool von Ballarat von mir gefordert worden. Ich hatte die Abschlussprüfung in der Zuversicht gemacht, dass ich ein Crack in Chemie und Mathematik war, aber ich hatte in vier Fächern lediglich gerade noch bestanden, drängte mich in Celines magischen Kreis und hatte keine Ahnung, wie man ihr Spiel spielte. Sie lasen Frantz Fanon, Simone de Beauvoir, Alfred Jarry. Jeder radikale Gedanke, den ich zu bieten hatte – zum Beispiel, dass es womöglich keinen Gott gab –, langweilte sie, und es war ihnen peinlich, dass ich ihn aussprach. Mich erstaunte, dass sie scheinbar ein Gespräch wiederaufnahmen, das sie Jahre zuvor begonnen hatten, obwohl sie sich erst seit kurzem kannten. Sie wussten alle, dass die Nashörner ein Stück war.
Öfter als einmal meinten sie, ich solle mich verziehen, doch ich hatte sie erwählt, und ich würde bleiben, bis sie meinen Wert erkannten.
Der Motorradfahrer sprach nur selten mit mir. Sandy Quinn hatte die Angewohnheit zu lächeln, wenn ich etwas sagte. Jahre später erzählte er mir, dass er Angst um mich gehabt und nur gelächelt hatte, um mich zu unterstützen.
Celines Körper konnte nicht so gewesen sein, wie ich ihn erinnerte, aber sie war schon immer eine physische Schauspielerin, die einen glauben machen konnte, dass ihre Taille schmaler war oder ihre Beine länger waren als im wirklichen Leben. Sie war nicht so clever, wie ich dachte. Manchmal behandelte sie mich kühl, dann wieder zärtlich. Einmal zerzauste sie mir das Haar in der Öffentlichkeit, und vielleicht stand sie wirklich auf meiner Seite, wie sie später behauptete, doch sie war immer, unfehlbar, unerbittlich amüsiert, wenn sie mich laufen sah, um die Bälle aufzufangen, die mir der Dichter zuwarf. Der Dichter hatte einen langen breitschultrigen Körper und ein sommersprossiges Gesicht, das belanglos wirkte, wenn man nicht wusste, dass er auf seine stille braunäugige Art zu absolut allem fähig war.
»Der Fänger im Roggen«, sagte der Dichter milde. »Du hast gesagt, dass du es gelesen hast, aber du hast es nicht gelesen, oder? Nicht wirklich.« Seine Art war so freundlich. Kaum zu glauben, dass er mich quälte.
Der Lederjunge hatte den Kopf gesenkt und rollte eine Zigarette nach der anderen, reihte sie auf der Tischkante auf und glättete die haarigen Enden.
»Nein, nicht wirklich.«
Der Dichter lächelte, als würde er den Rauch eines Streichholzes einatmen. »Zu amerikanisch, nehme ich an?«
»Hör auf damit, Andrew«, sagte Sandy. »Es reicht.«
»Also, Felix.« Andrew ließ sich nicht beirren. »Für dich heißt es demnach Patrick White. Und Salinger Go Home.«
Patrick White hatte ich ebenso wenig gelesen. »Manchmal ist das notwendig«, sagte ich.
»Was also Literatur angeht, kommt bei dir Australien an erster Stelle.«
Es war an der Zeit, seine Idee aufzugreifen und zu laufen.
»Für mich ist es die Schlacht von Brisbane«, sagte ich, »jeden verdammten Tag, Mann.«
Der Lederjunge schnaubte durch die Nase, aber natürlich hatte nicht einmal Sandy von der Schlacht von Brisbane gehört.
»Es gibt keine Schlacht von Brisbane«, sagte er. »Du meinst die Brisbane-Linie. Wir waren bereit, den Japsen alles nördlich von Brisbane zu überlassen.«
»Nein, Sandra.«
Ich schäme mich noch heute, dass ich ihn so angesprochen habe. Ich war so abwehrbereit, dass mir seine ungewöhnliche Empathiefähigkeit vollkommen verborgen blieb. Ich nannte ihn Sandra, und es war, als hätte ihn ein Spatz angespuckt. Er lächelte matt. »Ich glaube, du wirst feststellen, dass die Japsen 1942 Darwin und Broome bombardiert haben«, sagte er.
Ich war ein streitlustiger kleiner Kerl, und ich glaubte, dass man mich von oben herab behandelte. »Es war keine Schlacht gegen die Japsen«, sagte ich. »Die Amerikaner waren in Brisbane. In Brisbane war MacArthurs Hauptquartier. Und jetzt sag mir, Sandy, was für eine andere Garnison stand 1942 noch in Brisbane?«
»Australier natürlich«, sagte er und legte den Kopf schief. Scheiß auf dich, dachte ich. Du liegst falsch.
»Australische Soldaten haben in den Straßen von Brisbane gegen die Amerikaner gekämpft«, sagte ich. »Das ist bekannt als Schlacht von Brisbane.«
Es kostete mich eine Menge Nerven, das Schweigen andauern zu lassen.
»Okay«, sagte er.
»Nein. Die Sache wurde zensiert. Ich weiß es nur, weil mein Alter eine halbe Hand an eine amerikanische Schrotflinte verloren hat.«
Celine schaute mir in die Augen, und ich wusste nicht, ob ich erfreut oder nervös sein sollte. Es war mein Onkel, nicht mein Vater, der eine Hand wie eine Flosse hatte. Ich wartete. Sie ließ Zucker aus dem gläsernen Zuckerstreuer rieseln und schob ihn zu einem Häufchen zusammen. Wie bei vielen Handlungen gelang es ihr dabei, eine gewisse Hitze zu erzeugen, eine Erwartung, dass sie etwas Wildes und Gefährliches tun würde, und wir wären dazu verdammt, sitzen zu bleiben und zuzusehen. Sie leerte den Aschenbecher auf den Zucker und steckte Streichhölzer hinein. Dann starrte sie mich böse an, und ich begriff, dass ich sie gekränkt hatte, und diese komprimierte und codierte Bosheit galt allein mir.
»Was weißt du schon über die verdammte Schlacht von Brisbane?«
»Ich glaube, das habe ich bereits beantwortet, meine Liebe.«
»Meine Liebe kannst du dir sparen. Was für ein Mist.«
Ich wusste, dass mein Gesicht feuerrot war.
»Hör auf zu grinsen, du großes Baby«, sagte sie. »Es steht nicht mal in den Büchern.«
»Ich glaube, Mr Moore meint die Brisbane-Linie«, sagte Sandy.
Celine riss ihrem Liebhaber die Zigarette aus der Hand und warf sie auf den Boden.
»Nein, Puschel, er täuscht sich nicht.«
Ich sah, wie sehr der Dichter die Preisgabe dieses geheimen Namens genoss, und erkannte einen weiteren Konkurrenten in ihm. Er nahm eine der wunderschönen handgefertigten Zigaretten des Motorradfahrers. »Also, worum ging es bei der Schlacht von Brisbane?«, fragte er mich.
»Es ging um Sex«, antwortete Celine. »Die blöden Australier waren eifersüchtig auf die Yanks. Die Einzigen auf der Welt, die uns helfen wollten, und sie schießen auf sie, weil ihnen australische Mädchen gefallen.«
»Eine Schlägerei.«
»Nein, es war eine verdammte Schlacht. Sie dauerte zwei Tage, es wurde geschossen. Und es war wirklich dumm, weil diese Amerikaner dann nach Neuguinea gingen, um dort gegen die Japaner zu kämpfen.«
»Auf Neuguinea waren keine Amerikaner«, sagte der Motorradfahrer. »Kein einziger, Baby, kein einziger.«
»Blödsinn, Baby«, sagte Celine. »Mein Vater war dort, Baby, Baby.«
»Ich habe die Amerikaner gemeint.«
»Mein Vater war Amerikaner, Baby. Er ist dort verdammt nochmal gestorben.« Sie weinte, stand auf und wandte sich von der Gruppe ab. »Komm, Kleiner«, sagte sie zu mir und nahm meinen Arm.
Sie weinte, und ich war unreif genug, mich deswegen über alle Maßen zu freuen. Sie schluchzte, aber ich hatte gewonnen. Ich hatte mich nicht unterkriegen lassen. Und auf diese Weise kam es zu der bislang unvorstellbaren Situation, dass Sandy und sein Wagen geächtet wurden und ich Celine Baillieux zur Bushaltestelle in der Ferntree Gully Road begleiten durfte.
Ich betrachtete die rissigen nachgedunkelten Porträts kolonialer Niemande an Moroni’s düsteren Wänden und erinnerte mich, dass Sir Robert Menzies einer der beiden Premierminister gewesen war, denen dieser Tisch »gehört« hatte. Paul Keating war der andere. Selbstverständlich war Keating NICHT AUS MELBOURNE, aber er wirkte heimisch im Moroni’s, sein merkwürdig zierliches blasses Gesicht blickte aus dem gleichen Chiaroscuro, das seine dunklen maßgeschneiderten Anzüge aufzusaugen schien. Hier an diesem Ecktisch, an dem ich jetzt mit Celine und Woody Townes saß, hatte die Frau des Premierministers – ich meine Annita Keating – so leidenschaftlich von der »Fadenzahl« ihrer Leintücher gesprochen. Das war wahrscheinlich ein ungefährliches Thema in New York oder Washington oder sogar in Sydney, doch in unseren puritanischen sozialistischen Gewissheiten kränkten uns Fadenzahlen. Oder wir wussten nicht, was Fadenzahlen waren.
Moroni’s Speisekarte hatte sich seit 1970 nicht geändert, dem Jahr des Vietnam-Moratoriums, als wir hinter dem großen Jim Cairns (»Die Verantwortung für gewaltsame Ausschreitungen liegt voll und ganz bei ihm« – The Age) an diesen Fenstern vorbeimarschierten. Wir waren hunderttausend, darunter ich mit meinem gefeierten Plakat NIEDER MIT DEN REICHEN. Vier Monate später war ich zum ersten Mal im Moroni’s und beunruhigte die vornehmen Befindlichkeiten mit meinem explodierenden Haarschopf.
Kalbsschnitzel.
Ossobuco.
Rum Baba.
Damals wie heute. Es konnte kein zweites, auch nur halb ernst gemeintes italienisches Restaurant auf der Welt geben, das so ein Plastikbrot servierte.
Als Abramo mein Glas beflissen nachfüllte, beobachtete ich in dem hohen, schräg hängenden Spiegel an der westlichen Wand einen gewissen »harten Kerl« aus dem Gewerkschaftsvorstand, der sich vom Klassenfeind aushalten ließ. Er wollte mir nicht in die erzürnten Augen schauen.
Woody bot San Pellegrino an, aber auf den kahlen ausgebleichten Koppeln, auf denen mein Vater Fords verkauft hatte, auf den lieblosen, steinigen, von Kaninchen heimgesuchten Farmen von Anakie, wuchs jetzt der strohfarbene Chenin Blanc mit einem leichten Feuersteingeschmack und so komplex wie ein Vouvray. Wer hätte das für möglich gehalten?
»Ich bleibe beim Wein«, sagte ich. »Sprich.«
Celine hatte ein Gesicht, wie wir es auf dem Bildschirm lieben – Gedanken und Emotionen ziehen wie Schatten darüber hinweg, man wird nicht schlau daraus und kann doch nicht wegschauen. Sie sah länger auf mein Weinglas, als höflich war.
Neunundvierzig Jahre zuvor waren sie und ich zur Ferntree Gully Road gegangen und im Haus ihrer Mutter in Springvale gelandet. Später arbeiteten wir zusammen im Büro des stellvertretenden Ministerpräsidenten, und zum letzten Mal hatte ich sie bei einer Weihnachtsfeier gesehen, als sie ihre Tochter stillte.
Jetzt zog sie einen gelben Notizblock hervor, und dank dieser schlichten Handlung wurde sie zu einer Anwältin.
Wie immer lehnte ich es ab, mir Notizen zu machen. Als mein Glas erneut gefüllt wurde, herrschte Schweigen.
»Ich brauche unbeschränkten Zugang.«
Celine blickte zu Woody. Woody wandte sich mir zu. »Alles, was du willst, mein Freund, sie gehört dir. Deswegen hast du ja die Kohle.«
»Nennst du sie Gaby oder Gabrielle?«
»Beides.«
»Ist sie in Melbourne?«
»Das erfährst du, wenn es so weit ist, Kumpel.«
Woody. Was für ein Arsch!
»Ist sie einverstanden?«, fragte ich Celine. »Ausführlich und offiziell mit mir zu sprechen?«
»Kumpel«, sagte Woody, »schaff keine Probleme, wo keine sind.«
Moroni’s berühmter Merlan wurde gebracht, doch Celine rührte ihr Besteck nicht an. »Bevor wir so gutgelaunt vorpreschen«, sagte sie, »können wir diesen Bockmist von wegen Auslieferung klären. Sie ist Australierin, Herrgott nochmal. Warum glauben die Amerikaner, dass alles immer mit ihnen zu tun hat?«
»Sie hat Hunderte ihrer Gefängnisse aufgesperrt.«
»Das hat sie natürlich nicht gewollt. Und wir können sie nicht in ein Land ausliefern, in dem es die Todesstrafe gibt«, sagte Celine zu mir. »Du hast auch Töchter«, beharrte sie. »Du kannst dir doch vorstellen, wie ich mich fühle.«
»Felix’ Job«, sagte Woody, aber Celine schnitt ihm das Wort ab.
»Was hat dir dein toller Anwalt erzählt? Du hast es mir gesagt. Sie können sie nicht in ein Land ausliefern, in dem es die Todesstrafe gibt.«
Woody legte die fleischige Hand auf ihr schmales Handgelenk. »Falls sie tatsächlich einen Angriff auf Amerika vorhatte, dann ist das ein politischer Akt. Das ist gut. Wenn wir beweisen, dass es ein politischer Akt war, darf sie nicht ausgeliefert werden. Felix ist der Mann, um diese Geschichte zu lancieren. Das kann er im Kopfstand.«
»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Sie ist ein couragiertes Kind, aber sie kann nicht getan haben, was ihr vorgeworfen wird. Ich liebe sie, aber so intelligent ist sie nicht.«
»Sando ist ihr Vater«, sagte ich. »Ihre Eltern sind beide sehr intelligent.«
»Ich hatte nur Zweien und Dreien. Und Gaby hat nicht einmal die Highschool abgeschlossen, deswegen hatte sie auch so beschissene Jobs bei IBM. Sie ist nicht in der Lage, zu tun, was in der Anklageschrift steht. Das sollte unsere Verteidigungsstrategie sein«, sagte sie zu Woody. »Sie sollen sie Prüfungen machen lassen. Sie wird durchfallen. Sie hat das Zweier-Dreier-Gen. Sie ist unschuldig.«
»Schön und gut«, sagte ich. »Aber soweit ich weiß, hat sie gestanden?«
»Sie kann gestehen, was sie will.«
»Sie hat damit angegeben, zwölf Firmen zu zerstören. Sie hat sie namentlich aufgeführt. Die Koch-Brüder stehen auf ihrer Liste.«
»Das haben ihre verrückten Fans getan. Sie sind in Chatrooms und denken sich alle mögliche Scheiße aus. Sie projizieren. Sie erfinden. Sie schreiben ihr lesbische Liebesbriefe. Sie sind verrückt, und Gott steh dir bei, wenn du dich gegen sie wendest. Sie vernichten dich.«
