Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Amok Baby - André Bawar

Einer Mordserie in Berlin fallen mehrere Therapeuten und Ärzte zum Opfer. Alle haben mit gehandicapten Kindern viel Geld verdient . . . und sich schuldig gemacht. Nun müssen sie sterben, einer nach dem anderen. Kommissar Piontek ermittelt und kommt Korruption und miesen Geschäftspraktiken auf die Spur. Doch was treibt den Täter an, und was hat es mit der kleinen Friederike Marx auf sich? Der Kommissar und das Mädchen haben scheinbar nichts miteinander zu tun - und sind doch schicksalhaft und todbringend miteinander verbunden…

Meinungen über das E-Book Amok Baby - André Bawar

E-Book-Leseprobe Amok Baby - André Bawar

André Bawar ist in Schleswig geboren und arbeitete nach seinem Studium der Kommunikationswissenschaften und Soziologie zwanzig Jahre als Autor für diverse Fernsehsender. Seit 1986 lebt er in Berlin, mittlerweile mit Familie. Zwischen 2010 und 2012 veröffentlichte er im Emons Verlag eine vierbändige Küstenkrimireihe, angesiedelt in der Hansestadt Wismar und an der deutschen Ostsee. »Amok Baby« ist sein erster überregionaler Kriminalroman und sein fünftes Buch. Weitere Informationen unter: www.moewenkopf.com

Das Schicksal der Friederike Marx beruht auf einer wahren Begebenheit. Aus Gründen der Rücksicht und der Rechtslage sind alle Namen und Charaktere verändert worden, sodass Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig wären. »Amok Baby« ist die Geschichte einer destruktiven Erregung. Eine Erregung über ein Gesundheitssystem zwischen Korruption und Dilettantismus. Alle Diagnosen und Therapien sind real, nichts ist verfälscht worden. Dennoch handelt es sich um einen Roman… und nichts als einen Roman.

© 2014 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv:iStockphoto.com/221A Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Franziska Emons Lektorat: Carlos Westerkamp eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-754-3 Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons:

In dankbarer Erinnerung an meine Eltern

I'm an ordinary man… with a time bomb in my hand.

Iggy Pop (1993)

Wir erschrecken über unsere eigenen Sünden,

wenn wir sie an anderen erblicken.

Johann Wolfgang von Goethe (1775)

EINS

Heute

»Der Tod ist eine Lösung.«

Wer etwas anderes behauptet, ist nicht ehrlich oder mutlos.

Genug gewartet, sieben Jahre lang. Der Tod eines Menschen ist nicht mehr als ein Schlusspunkt und Neubeginn zugleich. Nichts bleibt, alles kehrt wieder– der ewige Kreislauf. Unterbrochen von einer Schrecksekunde. Die ersehnte Befreiung, im besten Fall endgültig.

Der Tod ist eine Erlösung. Den bisherigen Opfern wird er nicht helfen, aber mich soll er befreien. Darauf wird Verlass sein. Was mich da so sicher macht? Erfahrungswerte. Sieben Jahre können eine lange Zeit sein.

Der Mensch, der exekutiert und ins Jenseits befördert wird, schweigt, staunt und sitzt aufrecht hinter einem schweren schiefergrauen Bürotisch. Er trägt keinen standesgemäßen weißen Kittel, der hängt am Garderobenhaken an der fest verschlossenen Zimmertür, sondern er ist– wie eigentlich stets– leger und gut bürgerlich gekleidet. Detlev Bronkhorst. Arzt. Neuropädiatrie. Eine Koryphäe.

Ein selbstsicherer Typ. Bronkhorst kennt seine Wirkung. Doch just in diesem Moment fällt auf, dass irgendetwas anders ist. Etwas stört, vielleicht ist es die stickige Luft… Es riecht. Es riecht nach Schweiß, vermengt mit einem Hauch zu teuren Rasierwassers.

In den letzten sieben Jahren habe ich viel aus Bronkhorsts Milieu erfahren und ertragen müssen. Doch aus unseren verschiedenen Sichtweisen stellen sich die Dinge kurios, verdreht, unvereinbar dar. Das liegt im Charakter der Institutionen begründet: hier ein Krankenhaus, dort ein Elternhaus.

Sein Leben hängt am seidenen Faden, und er verwaltet sein typisch spitzbübisches Lächeln, geradewegs so, als kontrolliere er und nicht ich die Situation. Wir schweigen uns an. Er prüft mein Urteilsvermögen und weiß, dass es mir ernst ist. Nach einem Wimpernschlag des Erstaunens bemüht er sich um sachgerechte Kommunikation.

Die Schusswaffe ist auf ihn gerichtet.

Egal was passiert, Professor Dr.med. Detlev Bronkhorst verliert niemals die Contenance. Ein entspannter, unbefangener Arzt, gnadenlos lässig.

Zu seiner Verteidigung: Niemals hörte ich ihn je ein unfreundliches oder hartherziges Wort gegen einen seiner kleinen Patienten erheben. Weder in seinem einladenden Ordinationszimmer, in dem wir uns jetzt gegenübersitzen, noch auf der weitverzweigten Station seines Kinderklinikums, der sogenannten Rummelsburg, erlebte ich ihn jemals zweifelnd oder gar verzweifelt. Ein Mann, der sein Territorium und vor allem seine Nerven eisern im Griff hat.

Dazu sein gewinnendes Lächeln. Karamellbraune Haare, matter Teint, schmalgliedrige Finger. Einnehmendes Wesen, mit dem er im Film den distinguierten Liebhaber geben könnte. Vielleicht eine Spur zu selbstgefällig; eine kleine Schwäche. Ansonsten ein überaus sympathischer Typ, der nun irritiert registriert, wie ihm eine Schweißperle am Haaransatz herabrinnt.

»Der Tod ist keine Lösung«, versucht er, den Faden wieder aufzunehmen.

Es tut gut, die Dinge zu regeln, bevor es zu spät ist. Da man nichts mitnehmen kann, sollte man den Zierrat aus seinem kleinen Schuhkarton rechtzeitig entrümpeln. Ich bin gewappnet, seit Langem auf alles vorbereitet.

Die Mündung der Pistole zielt auf seinen Kopf. Sporadische Blockierung des Sprachzentrums. Der kleine Tropfen läuft über die Stirn und verfängt sich zwischen seinen zusammengewachsenen Augenbrauen. Höchstwahrscheinlich kitzelt es ihn. Er wagt nicht, es wegzuwischen. Langsam sickert ein verstörendes Gefühl des Ausgeliefertseins in seine Brust. Sein Thorax hebt sich ruckartig, ein stummer Seufzer. Er ahnt: Eine zu hastige Bewegung, und er hätte womöglich verloren. Ausgehaucht– für immer und ewig!

Vorfreude glimmt in mir auf. Meine rechte Hand ist konzentriert und ruhig. Der Lauf richtet sich auf seine Stirn. Ich zähle ihre kurzen, tiefen Falten. Leicht gerötet. Gut durchblutet. Der Schweißtropfen hängt fest.

»Kein Grund zur Sorge. Wenn es geschieht, geschieht es mit Präzision. Die Genauigkeit ist unser gemeinsames Steckenpferd, Herr Doktor! Ich habe Ihnen lange zugehört, exakt zugehört.« Ich tippe mit dem Lauf gegen mein Scheitelbein. »Alles bis ins Kleinste protokolliert. Früher oder später hat jeder von uns die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Den Unterschied macht nur die Dauer der Qual. Im Gegensatz zu den anderen haben Sie großes Glück.«

Er stutzt, besinnt sich, taucht ab in seine vertraute Welt. »Mein Alltag wird fortwährend von Qualen begleitet.« Vorsichtig lehnt er sich in seinen ledernen Sessel zurück. »Todkranke Kinder und ihre verzweifelten Eltern. Töchter, Söhne, Kleinkinder, denen nicht mehr zu helfen ist. Ich habe Menschen gesehen, die weitaus mehr Grund haben, zu leiden, und vielleicht sogar ein Anrecht, Richter zu spielen. Im Gegensatz zu Ihnen. Im Gegensatz zu Ihrer Familie.«

Eine gezielte Provokation, die ich teilnahmslos hinnehme. »Nicht Ihr Niveau, Professor.«

Langsam spanne ich den Abzug. Gefährliches Knarzen in einem sauerstoffarmen Raum.

Mittlerweile schwitzen wir beide. Anfang August, hochsommerliche fünfunddreißig Grad, in einer Betonwüste, die niemals schläft. Flirrende Hitze über einem Kinderklinikum ohne Klimaanlage. Ein heißes Pflaster, wie so viele andere Einrichtungen zum gnadenlosen Sparen verdammt. Ansonsten ein riesiges Haus mit tadellosem Ruf. Die Rummelsburg– zwischen Friedrichshain und Lichtenberg. Kompetenzklotz. Ungeheuerlich beeindruckend. Fast hätte ich mich ihm hingegeben. Totales Vertrauen auf Basis totaler Verunsicherung. Es hat mich vollständig ruiniert. Aber ich gebe keinem die Schuld. Ich räume nur den Professor aus dem Weg. Das ist alles. Dann gehe ich fort. Das große Haus wird weiterleben, seine Kapazität nicht.

»Hören Sie! Sie sollten nach Hause fahren.« Durchdringend schaut er mich an. »Sie sollten sich ausschlafen. Sie sehen müde aus, sie müssen schlafen. Wir vergessen das Ganze, und Sie fahren nach Hause und schlafen sich aus. Was halten Sie davon?«

Jahrelang nicht mehr geschlafen. Mal eine Stunde, mal zwei, mehr nicht. Nachts endlose Phasen des Wachseins. Dann einige wenige Minuten dösen, in seichten Dämmerschlaf versinken, niemals längerer Tiefschlaf. Im Innersten immer hellwach.

Livin' in a world insane. They cut out some heart and some brain…, schießt es mir durch den Kopf. Been filling it up with dirt. Yeah baby, dunno how it hurts… The Saints– australische Punkrockband.… To be stranded on your own. Stranded far from home…

Seit mein Plan gereift ist, schlafe ich wieder. Keine sechs bis acht Stunden, kein Schönheitsschlaf. Aber Stunden, die Kraft geben. Einschlummern wie dahinscheiden. Vorgeschmack auf das letzte Erkalten. Seitdem das Böse von mir Besitz ergriffen hat, gibt es mir die Kontrolle über meine gereizte Seele zurück.

»Sie sehen müde aus«, wiederholt er hohl.

»Ich schlafe gut. Fast wie ein Baby!« Ich lächle den Arzt an. »Wobei Sie wissen, dass das so nicht stimmt. Viele Ihrer Kinder schlafen gar nicht. Oder sie schlafen ein und wachen kurz danach wieder auf– von fürchterlichen Wein- und Schreikrämpfen gebeutelt. Wochenlang. Monatelang. Erbärmlich.«

Wie ein Alptraum, der Wirklichkeit wird und niemals enden will. Die Kraft schwindet. Sie schwindet nur ganz langsam. Aber sie schwindet definitiv.

»Wie viele Kinder haben Sie sterben sehen, Professor? Wie viele? Verraten Sie es mir? Bitte!«

Tränen wollen in meine Augen schießen. Ich blinzele sie weg.

»Bitte!«, dränge ich ihn ein weiteres Mal.

Bronkhorst knetet seine gepflegten Hände. Ihn irritiert die Nachdrücklichkeit meiner Bitte. Er hat den Tod vor Augen, und der bittet ihn um eine Auskunft. Was soll er antworten? Die Wahrheit? Oder findet er keine Antwort? Sein Blick schweift ab, suchend, unschlüssig, um schließlich auf dem eigentümlichen Kunstwerk an der Wand zu seiner Linken zur vorläufigen Ruhe zu gelangen.

Ich folge seinem Blick. Eine modische Collage, auf etwa einem Meter Breite und anderthalb Metern Länge. Die Basisfarbe ist Blau. In der oberen Hälfte ein wilder Mix aus Plakatfetzen, Notenzetteln, zerrissenen Konzertfotografien. Darunter Gitarrensaiten drapiert, einige Plektren verstreut, zwei gekreuzte Drumsticks, die im spitzen Winkel von der Unterlage in den Raum ragen. Engelsgleich umschlungen von kitschigen Flügeln aus goldenen Federn.

Moderne Kunst, nehme ich an.

»Wissen Sie, von wem das ist?« Ein Zwischenton von Überlegenheit schwingt in seiner Stimme. Fatale Haltung. Vermutlich Todesurteil.

Eine unstrittige Kuriosität: Ärzte verehren die Kunst. Immerzu und überall hängen Kunstwerke an ihren Praxiswänden. Alle Welt staunt, niemand versteht den tieferen Sinn. Beim Zahnarzt veredeln afrikanische Holzschnittskulpturen das getünchte Mauerwerk. Der Orthopäde verwendet kunstvolle Raumteiler, besprüht mit surrealen Motiven eines bekannten Graffiti-Sprayers. Bei der HNO-Ärztin sind es zeitgenössische Fotos mit indischen Motiven eines weltberühmten Fotografen. Dagegen wirken die Repliken der Renaissance und des Barock, die die weißen Wände meines Hausarztes schmücken, fast schon peinlich antiquiert.

Der Mediziner empfindet eine Art Seelenverwandtschaft. Die ärztliche Kunst sei ähnlich kreativ. »Ein Meisterwerk, dieseOP, Herr Professor!« Manch ein Heilkünstler rühmt sich für Geschmack und Stilgefühl und orientiert sich am Freigeist des Künstlers. Klingt pathetisch und prätentiös, ändert aber nichts an dem Dilemma, dass sich Spitzenvertreter der Zunft unfehlbar fühlen… ähnlich einem großen, etablierten Künstler. Doch dann der Kunstfehler und der überraschende Karriereknick. Schluss. Ende. Aus. Und die Kunst des Mediziners hinterlässt ihre Opfer…

»Was haben Sie dafür machen müssen?«, frage ich.

»Wissen Sie, von wem das ist?«, wiederholt er nur.

Sein Pech. Kein Auditorium. Nur eine gemeine Waffe, die auf ihn gerichtet ist.

Stranded– I'm so far from home. Stranded– yeah I'm on my own. Stranded– you got to leave me alone.'cause I'm stranded on my own…

Der Song im Kopf führt mich heim zur Klarheit. Netter Ablenkungsversuch, Bronkhorst! Kurzzeitig war mir die Konzentration entglitten. Zurück zum Grund meines Besuches.

Gelassen hebe ich die Schusswaffe um die verloren gegangene Nuance wieder an. Mein Tag ist gekommen. Die Zeit der Verdrängung ist vorüber. Die Phase des Grübelns geht zu Ende.

»Ich habe ein Bild im Kopf… seit sieben Jahren. Mein Bild. Das Bild einer heilen Welt.«

Die Periode des Zorns hat begonnen.

»Rolling Stones!« Er lächelt, schaut mich herausfordernd an. »Ein echter Ron Wood.«

Ich zähle herunter: drei… zwei… eins

ZWEI

2013

Der Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Ideal war ein hundertzwanzig Kilo schwerer Kinderarzt namens Kaspar Wolf. Während seiner zehn Berufsjahre im SPZ hatte Wolf bislang zwölfhundert Kinder durch ihre schwere Kindheit begleitet. Er kannte regelmäßige Auseinandersetzungen mit betroffenen Eltern, scheute sie aber.

In seinem Team duldete er niemanden, der eine andere Meinung vertrat. Sein Job war anstrengend, Loyalität der Kollegen Grundvoraussetzung. Wolf hasste unnötige Kraft- und Zeitvergeudung, seine Einrichtung hatte zu funktionieren– möglichst unauffällig.

Die Leute hatten die Vorstellung, sinnierte er auf der Veranda, während er seinen Blick durch den Garten schweifen ließ, dass ein SPZ in einem Stadtteil mit überproportional hoher Geburtenquote und entsprechend hohem Anteil an Problemkindern lief wie geschmiert.

Bäume und Sträucher waren bereits kahl, die Vorhersage hatte für die kommende Nacht ersten Frost prognostiziert. Es wurde Zeit, die Rosen anzuhäufeln und das Laub zusammenzuharken. Er wollte mit Clemens Kötter reden. Sein zuverlässigster und liebster Mitarbeiter ging ihm nicht nur beruflich, sondern auch privat gern zur Hand.

Ein toller, loyaler Mann, dachte Wolf. Genau der richtige Typ zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Wolf liebte Redewendungen, sie waren leicht abrufbar und kannten selten Widerspruch. Floskeln ersetzten das Denken. Er hob das Glas, genehmigte sich einen Schluck Burgunder und atmete durch.

Vom nahen Teufelssee strömte kühle Abendluft herauf.

Das Verandalicht, das an einen Bewegungsmelder gekoppelt war, erlosch. Die Villa im Grunewald war sein Refugium. Sein Schlupfwinkel auf einer kleinen Anhöhe, von wo er die Lichter des Radargerätes droben auf dem Drachenberg sehen konnte. Mittlerweile bewohnte er das Haus allein. Seine Frau hatte sich vor drei Jahren von ihm getrennt, ohne sich scheiden zu lassen. Sie hatte jemand anderes kennengelernt und war in einer Sommernacht Hals über Kopf und nur mit dem Allernötigsten, das sie in drei Reisetaschen gestopft hatte, ausgerissen und aus Berlin verschwunden. Kaspar Wolf wusste nicht, wohin. Das Scheitern seiner Ehe, davon war er überzeugt, lag in erster Linie an seinen langen Arbeitszeiten. Alles andere war bloßes Gerede.

Doch von nichts kommt nichts, dachte er, wischte mit der Hand über sein schütteres Haar und die düsteren Gedanken fort. Das bittere Finale einer dreizehnjährigen Beziehung hatte seiner Liebe zu den eigenen vier Wänden keinen Abbruch getan. Gelegentlich wunderte er sich darüber. Er wusste, dass das Gegenteil die Norm war. War die Ehe kaputt, war das Heim zerstört. Manch gehörnter Ehemann verscherbelte es dann auf Ramschniveau, wollte nur noch raus aus dem Haus. Doch was sollte er tun? Leiden heucheln, wo kein Leiden war?

Er blinzelte in die tief stehende Sonne, die hinter dem See unterging. Dr.Wolf liebte diesen Anblick, er erfüllte ihn mit Ruhe. Es gab Menschen, die verfielen im Herbst in Selbstmitleid und Depression, doch er mochte die bunteste Jahreszeit. Schneeluft Mitte November– wann hatte es das letztmalig gegeben? Wolf erinnerte sich nicht.

Bis zum See waren es zweihundert Meter. Ein leicht abschüssiger Hang, der in einem kleinen Waldstück unmittelbar vor dem Ufer endete. Zwischen den Baumstämmen hindurch funkelte das Wasser.

Ihn irritierte etwas in diesem Stillleben. Er kniff die Augen zusammen und atmete geräuschvoll durch.

Nochmals nippte er von seinem Wein und fixierte das Panorama, erahnte grob einen Makel. Eine Silhouette? Wie ein missratener Scherenschnitt riss sie eine kantige Fläche in den vertrauten Anblick. Dort stand jemand und rührte sich nicht. Ein Fremdkörper in seiner geliebten Landschaft.

»Hey! Hallo!«, rief Kaspar Wolf verhalten.

Vielleicht ein Tier, das sich aus dem Grunewald hierher verlaufen hatte. Wolf kratzte sich am Kopf, und die Veranda- und Gartenbeleuchtung schaltete sich ein. Er setzte seinen massigen Körper in Bewegung. Bedächtig schritt er bis an die Umzäunung seines Grundstücks. Er konzentrierte sich, schaute, verharrte. Das Gartenlicht erlosch.

Er musste die Dauer erhöhen, überlegte Kaspar Wolf, eine Minute oder besser zwei… Und dann sagte er laut: »Da ist doch einer, dort unten am See. Da beobachtet jemand mein Haus.«

Langsam hievte er seine zweieinhalb Zentner über die niedrige Hecke, die sein Anwesen vom Rest des Hanges trennte. Er erinnerte sich an die Vorbesitzerin, die erzählt hatte, dass die Böschung zum See vor vielen Generationen als Schafweide genutzt worden war. Wolf bemerkte das geleerte Weinglas in seiner Hand, stutzte, wusste nicht, wohin mit dem Gefäß, und hielt inne. Rötlicher Abendhimmel.

»Wer sind Sie? Was machen Sie hier?«, rief er lauter, angespannter.

Die Gestalt bewegte sich unmerklich, ihre Konturen verschoben sich an den Rändern– wie bei einem tiefen Ein- und Ausatmen.

»Egal, was Sie wollen, Sie können mir ruhig antworten!« Wolf stolperte zögerlich den Hang hinunter. Trotz der abendlichen Kühle begann er zu schwitzen. Die fremde Erscheinung war keine zwanzig Meter mehr entfernt. Kein wildes Tier, das wusste Kaspar Wolf jetzt mit Sicherheit und schnaufte durch. Einfach nur ein Mensch aus Fleisch und Blut und Knochen.

Da streckte der Unbekannte seinen Arm aus, als wollte er ihn per Handschlag begrüßen. Wolf zuckte zusammen, wich zurück, lachte kurz auf. »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!«

Gegenüber eisiges Schweigen.

Normaler Wuchs, gängige Statur, Details im Gegenlicht nicht erkennbar. Wolf spürte den weichen Grund unter seinen Schuhen, das Wasser des Sees war nicht mehr weit. Das Antlitz blieb im Schatten, obwohl beide nur noch wenige Schritte getrennt waren. Die Hand, die sich ihm entgegenstreckte, schien schmal und sanft, aber in ihrer Geste unnachgiebig. Auf unerklärliche Weise fühlte sich Kaspar Wolf angezogen. Im Gehen wechselte das Weinglas von seiner rechten in die linke Hand. In einer Mischung aus Neugier und Verblüffung schickte er sich an, die Einladung anzunehmen.

Plötzlich ging alles sehr schnell.

Den Schnitt selbst erfasste er nicht. Auch sein Schrei blieb stumm. Die linke Hand ließ das Glas geräuschlos zu Boden plumpsen. Er blickte auf die schwammige Erde. Dort lag seine Rechte im Ufergras. Steife Finger, die trügerisch zuckten. Aus seinem Armstumpf spritzte es ihm mitten ins Gesicht. Gebrochen durch die Blutgischt erkannte Wolf die fremde Physiognomie…

Am frühen Morgen fand Bond eine Leiche in seinem Revier. Schnüffelnd markierte der schwarz-weiße Husky sein angestammtes Jagdgebiet, stürzte sich spielerisch am Rande des Sees auf den leblosen Körper und schnappte sich anschließend ein abgetrenntes Stück Fleisch. Winselnd tollte er zu seinem Herrchen und ließ eine menschliche Hand aus seinem Maul vor dessen Füße kullern.

Der Zugang zum Fundort war schwierig. Die fünf Fahrzeuge aus dem Abschnitt24 der Polizeidirektion2 in Berlin-Charlottenburg mussten sich abseits der Teufelsseechaussee über einen schmalen Schotterweg schlängeln, um von dort das Equipment der Spurensicherung einen glitschigen Trampelpfad zum See hinunterzutragen.

Während vier uniformierte Beamte um Torso und Tatort eine Absperrung errichteten und einige wenige Schaulustige und die ersten Pressefotografen auf Abstand hielten, schlug sich der kläffende Vierbeiner mit dem berühmten britischen Namen abermals in die Büsche und ins angrenzende Moor.

Auf den See drückte herbstlicher Frühnebel. Der Hundebesitzer gab sich Hauptkommissar Piontek als entfernter Anwohner zu erkennen, der mit Bond seine allmorgendliche Runde um den Teufelssee gemacht hatte.

Auch auf inständiges Bitten traute er sich nicht, den Leichnam genauer anzuschauen, um den Rumpf eventuell identifizieren zu können. Stattdessen zitierte er nervös seinen Hund herbei.

Nachdem Bond artig sein nächstes Geschäft erledigt hatte, zerrte der junge Rüde knurrend einen Kopf aus dem Unterholz. Grotesk und schwer baumelte der Schädel zwischen den Lefzen des Huskys. Der Schock des Nachbarn wuchs sich zu hysterischem Geschrei aus. Der blauäugige Bond freute sich über so viel Anteilnahme, ließ das Haupt zu Boden plumpsen und bellte begeistert. Speichelfäden tropften auf das fahle Antlitz. Das Herrchen versuchte verzweifelt, den Kläffer an die Leine zu nehmen, drehte sich dann abrupt gen Ufer und übergab sich in den See.

»Riecht nach Pisse.« Piontek hockte vor dem grausigen Fund und kräuselte angewidert die Nase. Er deutete auf den abgeschnittenen Schädel. »Vielleicht Hundepisse.«

Piontek galt als cooler Cop. Seit drei Jahren arbeitete er unweit der Spree bei der 9.Mordkommission am Kaiserdamm in Charlottenburg. Seine Ausbildung zum Kripobeamten hatte er im Ruhrgebiet absolviert. In Gelsenkirchen war er aufgewachsen, mit dem FC Schalke04 groß geworden. Seit einem Vierteljahrhundert lebte er in Berlin, hatte verschiedene Kripodezernate durchlaufen, und längst war der 1.FC Union seine sportliche Heimat. Sämtliche Kontakte nach Hause waren abgerissen oder eingeschlafen. Piontek hatte das nie bedauert.

Als leitender Hauptkommissar der neu geschaffenen 9.Mordkommission hatte er bislang dreizehn Todesfälle zu bearbeiten gehabt. Die meisten Tötungsdelikte beruhten auf Streit; Geld oder Liebe hießen die klassischen Motive. Oft waren Alkoholkonsum oder harte Drogen im Spiel. Ein Auftragsmord im organisierten Verbrechen. Alles in allem keine Mysterien, die nicht enträtselt werden konnten. Seine Aufklärungsquote: einhundert Prozent.

»Da ist einer komplett ausgerastet«, meinte Maria Tornow, achtunddreißig, elf Jahre jünger als Piontek und als Oberkommissarin desselben Dezernats einen Dienstgrad niedriger eingestuft.

»Wie man's nimmt«, antwortete der Hauptkommissar, »vielleicht ein Racheakt. Wirkt auf den ersten Blick wie eine Hinrichtung.«

Piontek war ein eher schmächtiger Typ und wirkte stets leicht übernächtigt. Sein Markenzeichen: eine amerikanische Trucker-Mütze über dem nach hinten gekämmten Haar. Im Dutzend hatte er sich die braun-weißen Basecaps aus Florida mitgebracht. Urlaub 1999– eine halbe Ewigkeit her. Die Hälfte der Mützen war noch tadellos. Er bewahrte sie in seinem Metallspind im Büro auf. Er trug sie immer und überall. Nur wenn er in sich gekehrt nachdachte oder vor einer Leiche stand, nahm er die Kappe vom Kopf und knetete ihren Schirm zwischen seinen Händen. Das wirkte wie ein ausgeklügeltes Ritual.

»Identität geklärt?«

»Kaspar Wolf. Arzt. Wohnte in dem Haus den Hang hinauf.«

Gegen Piontek war Tornow eine Sportskanone. Drahtig, durchtrainiert, ohne die weiblichen Reize zu leugnen, die schulterlangen Haare meist zu einem kurzen Zopf zusammengebunden. Wann immer der enge Dienstplan es zuließ, hielt sie sich mit Jogging und Yoga fit. Offensichtlich mit Erfolg. Denn im Gegensatz zum beinahe schon verschlissenen Piontek sah Blondschopf Tornow wie das blühende Leben aus.

Den zerstückelten Leichnam überließen sie dem Rechtsmediziner und den Kollegen in den weißen Einweg-Overalls. Ein Teil der Spurensicherung hatte sich bereits hinauf zu Wolfs Villa begeben.

»Zeugen?«, fragte er.

»Keine«, antwortete sie.

Im Sommer war der Teufelssee ein beliebtes Ausflugsziel im nördlichen Berliner Grunewald. Naturschutzgebiet, am Südufer lag eine Badewiese und an deren Rand erstmals eine Leiche.

In der kalten Jahreszeit verirrten sich nur wenige Spaziergänger oder Jogger hierher. Hunde waren nicht erlaubt, wurden aber toleriert. Eine Runde um den Teufelssee: knapp zwei Kilometer überwiegend durch dichten Mischwald auf einem Pfad mit leichten An- und Abstiegen.

Ein Polizeifotograf machte Bilder, Detailfotos, Übersichtsaufnahmen. Die Berufskollegen von der Presse witterten ihre Chance und hängten sich dran.

»Tatort gleich Fundort«, bemerkte die Kommissarin.

»Täter?«

»Flüchtig.«

»Tatwaffe?«

»Nicht auffindbar. Ein Messer, ein Beil, ein Schwert– wir wissen es noch nicht. Wir werden den Radius vergrößern und mit einer Schutztruppe den Wald durchkämmen.«

Eine Menge Fußstapfen im feuchten Grund. Die Spusi versuchte, verwertbare Abdrücke zu sichern.

»Pius?«

»Ja?«, brummte Piontek.

Die Kommissare duzten sich seit fast drei Jahren, seitdem sie sich kannten. Die Kollegen sprachen ihn mit Nachnamen an. Tornow rief ihn Pius. Dann und wann nannte er sie im Gegenzug Marilyn.

»Was machen wir mit dem Husky und dem Nachbarn?«

»Er soll ihn endlich an die Leine nehmen und nach Hause gehen, wir brauchen sie hier nicht mehr.«

Die Verandatür stand sperrangelweit offen. Im weiten Rund des Wohnzimmers kämpften die Heizkörper auf Hochtouren gegen die klamme Kälte der vergangenen Nacht. Die Spurensicherung hatte Wolfs Privaträume untersucht und anschließend für die Kommissare freigegeben. So früh am Tag hatte Piontek kein Interesse, in fremden Wäscheschränken zu schnüffeln. Diese Aufgabe wollte er dem Kollegen Kannegießer überlassen, der sich wegen eines Gerichtstermins verspätete. Sie traten in den Garten und schauten den Hang zum Teufelssee hinunter.

»Er muss den Täter gesehen haben, ihm entgegengegangen sein. So ergibt der Fundort einen Sinn.«

»Vielleicht war Wolf am Teufelssee spazieren«, gab Tornow zu bedenken, »und auf dem Rückweg…«

»In Hausschuhen?«, widersprach Piontek und stieß sauer auf. Sein Magen rumorte, das kannte er schon.

Nichts deutete auf einen Einbruch in Wolfs Villa hin. Alles schien an seinem ursprünglichen Platz. Eine angebrochene Flasche Rotwein stand auf dem Küchentresen, der Korken halbwegs in den Hals zurückgedrückt. Keine benutzten Gläser. Eine Konfrontation mit dem Täter im Haus oder Garten konnte nach der Beweisaufnahme ausgeschlossen werden. Auch im Anschluss an die Tat schien niemand das Haus betreten zu haben. Die Räume waren bis in den letzten Winkel auffallend clean, wirkten auf die Beamten fast steril.

»Der Mann lebte allein«, stellte Piontek fest.

Der frühe Nebel hatte sich verzogen, über dem Grunewald erstreckte sich ein strahlend blauer Himmel. Irgendwo im Wald zimmerte geräuschvoll ein Specht.

»Er steht auf der Terrasse oder im Garten«, rekapitulierte Tornow, »und entdeckt vis-à-vis am Teufelssee jemanden, der seine Aufmerksamkeit weckt.«

»Der Unbekannte am See ist ihm fremd. Etwas schürt sein Interesse.« Der Kommissar rollte seinen Kappenschirm, setzte die Mütze aufs Haupt und ging neben der Kollegin her. Scheiß-Magen, einmal mehr musste er aufstoßen. Abends weniger trinken, sagte er zu sich selbst.

»Der Täter schlägt seinem Opfer mit einem rasierklingenscharfen Gegenstand die rechte Hand und den Kopf ab.«

»Mit einer Axt oder einer Machete…?«

Sie trotteten den Hang hinunter.

Das beständige Klopfen brach ab, der Specht machte eine Pause. Jäh herrschte Stille am Teufelssee.

»Dazu gehört Übung«, urteilte Piontek. »Zumindest eine Vertrautheit mit dem Mordwerkzeug.«

»Eine Hinrichtung«, sagte Tornow. »Der Mörder vollstreckt ein Todesurteil.«

Bei einer derartigen Exekution werde nichts dem Zufall überlassen, murmelte Piontek. »Sorgfältige Planung. Präzise Ausführung. Gewünschte Wirkung.«

Sie standen am Tatort. Tornow war es, als würde sie in der Ferne Bond bellen hören.

»Welche gewünschte Wirkung?«

»Die Folgen!«, murmelte er. »Was sind die unmittelbaren Folgen der Tat?« Er knetete seine Kappe. »Richter und Henker in einer Person…«

Der Specht setzte seine Arbeit fort.

Der Anruf kam zum Mittagsgericht in die Kantine: männliche Leiche, dritter Stock, Cottbusser Straße4. Kollegen aus Marzahn-Hellersdorf seien vor Ort und kümmerten sich. Sofortiger Einsatzbefehl. Halb geleerte Teller. Stühle rücken. Abmarsch. Der Kommissar machte sich nichts draus, bekam eh kaum etwas herunter, schnappte sich die angebrochene Diät-Cola.

»Du solltest nicht so viel Fastfood essen.«

»Sehr fürsorglich, Marilyn.«

»Fett macht fett.«

»Currywurst schützt nachweislich gegen Krebs.«

»Wenn überhaupt, dann nur das Gewürz!«, sagte sie lachend. »Curryreis wie bei den Thais wäre besser. Wer weiß, vielleicht kann das auf Dauer sogar bei Krankheiten helfen.«

»Hab kaum von der Wurst gekostet«, warf er entschuldigend ein und musste unangenehm aufstoßen.

»Papperlapapp.«

Tornow blickte ihn von der Seite an: Der Chef hatte abgebaut. Er war längst kein cooler Cop mehr. Schuld waren nicht allein seine Essgewohnheiten, auch sein regelmäßiger Alkoholkonsum. Mittlerweile ein offenes Geheimnis.

»Das Opfer?«, fragte er, ohne sie anzuschauen.

Tornow biss sich auf die Lippen und blätterte in ihrem kleinen Notizblock: »Mann, Mitte dreißig, ermordet.«

»Wir haben genug mit dem Doktor zu tun. Warum übernimmt das keine andere Kommission aus dem LKA? Warum ausgerechnet wir?«

Sie ließen die schmutzig graue Steinfassade hinter sich und traten auf den Polizeihof. Berlins 9.Mordkommission gehörte organisatorisch zum Landeskriminalamt, war jedoch mit der Gründung im Jahr 2010 aus Platzmangel nicht im Hauptgebäude des LKAI in Berlin-Tiergarten untergebracht, sondern an den Kaiserdamm ausgelagert worden. Ein finsterer Gebäudekomplex, der einst als Gefängnis diente und heute den Polizeiabschnitt24 und Spezialeinheiten des LKA beherbergte. Die Folge war, dass die9. primär im Einzugsgebiet Spandau, Wilmersdorf und Charlottenburg agierte, also im Großraum westlich der Berliner Mitte bis hin zur Brandenburger Landesgrenze.

»Anweisung von oben.«

»Lehmkuhl?«, fragte Piontek.

»Nee… von ganz von oben.«

»Zemcke!«

»Bingo! Es soll Merkmale geben, die zwischen beiden Morden übereinstimmen.«

»Unser Franzmann!«, stellte der Kommissar spitz fest.

»Wie bitte?«

Sie stiegen in ihr Einsatzfahrzeug, einen anthrazitfarbenen Kombi. Tornow startete den Motor. Piontek stellte das Navigationsgerät an.

»Welche Merkmale?«

»Grad der Brutalität.«

»Reicht nicht«, versuchte der Kommissar abzuwiegeln.

»Das Opfer heißt Clemens Kötter und ist… Kötter war der Assistent vom Doc.«

»Von unserem Dr.Wolf?«

»Angestellter im SPZ Ideal in Friedrichshain. Physiotherapeut, Buchhalter, angeblich rechte Hand vom Boss. Wohnhaft: Cottbusser Straße4, Hellersdorf.«

Er tippte die Adresse in das Gerät ein.

»Chef tot, Assistent tot, und wir sind mittendrin.«

»Hmm… heilige Scheiße«, murmelte Piontek.

Beide verstummten und schauten hinaus in den Verkehr.

Vom ersten Eindruck her schien es, als sei er friedlich entschlafen. Clemens Kötter lag mit gefalteten Händen auf einem frisch bezogenen Bett. Geschniegelt die Frisur und gebügelt der adrette Anzug. Polierte Halbschuhe an den Füßen. Herausgeputzt wie zu einem Opernbesuch.

Für die Spurensicherung stellte vor allem das zerbrochene Glas in den Augenhöhlen des Toten eine komplizierte Herausforderung dar. Jeder noch so kleine Splitter musste mit einer Pinzette aufgelesen, sortiert und anschließend einzeln versiegelt werden, ohne Teile möglicher Fingerabdrücke oder DNA-Spuren zu zerstören oder den Gesamteindruck des Tathergangs zu verfälschen.

Kötters schmaler Oberkörper steckte in einem altmodischen Nylonhemd, bis zum Hals zugeknöpft. Auf dem Laken mischte sich eine Handvoll Rosenblätter mit ebenso tiefroten Lachen. Links vom Herzen trübte ein triefend blutroter Fleck das Perlweiß des Hemdes. Aus der Mitte seines Brustkorbs ragte ein gläserner Stiel.

»Da hat jemandem die Weinverkostung nicht geschmeckt«, spottete Piontek.

Paul Brenner, einundfünfzig, Vollglatze, stoisches Wesen, grinste. Der Hauptkommissar der Polizeidirektion6 in Marzahn-Hellersdorf unterstützte die Tatortarbeit. Sein Distrikt war bekannt für die vielen DDR-Plattenbauten und lag im tiefen Osten Berlins, eingebettet zwischen dem prosperierenden Lichtenberg und dem bürgerlichen Hoppegarten.

Umständlich schaltete Brenner ein Diktiergerät an. »Wahrscheinlich eine Art Kelch. Mehrmals in die Augen gestoßen. So lange, bis das Glas brach und die Scherben in Höhlen und Knochen stecken blieben. Abschließend den Stiel wie einen Nagel in die Brust geschlagen.«

Piontek kannte ihn oberflächlich von einem Fortbildungslehrgang. Er wusste, dass Brenner sich auf eine vakante Stelle der9. beworben und gute Aussichten hatte, bald Kollege beim LKA zu werden.

»Es sieht nicht so aus, als hätte er sich gewehrt«, bemerkte Tornow und hielt sich einen Jackenärmel vor die Nase. In der Wohnung hing bereits fauliger Verwesungsgeruch. Piontek hatte sich längst angewöhnt, an Tatorten durch den Mund zu atmen. »Keine charakteristischen Kampfspuren.«

»Vielleicht war er zu betrunken, um zu kämpfen und sich zur Wehr zu setzen«, fügte Brenner an.

Mit Genugtuung entdeckte Piontek Gudrun Gansel(heimlich nannte er sie Daisy Duck): tomatenrote Kurzhaarfrisur, jetzt unter einem weißen Tyvek-Häubchen versteckt. Die Vierunddreißigjährige hatte Kriminalistik an der Yale Universität in den USA studiert. Deren Spezialität war es, die beiden Wirkungsfelder Forensik und Ballistik in einem gemeinsamen Fachstudium zu kombinieren– an deutschen Hochschulen undenkbar. Nicht selten sparte diese Verknüpfung Zeit, noch häufiger ergaben sich Schnittmengen, die zur Klärung eines Verbrechens beitragen konnten. Eine Kollegin des Kompetenzzentrums Kriminaltechnik in Tempelhof, die der Hauptkommissar nicht nur wegen ihrer speziellen Ausbildung als besondere Bereicherung ansah.

»Schau an! DieKT schickt ihre besten Leute«, begrüßte er sie. »Und? Hatte das Opfer getrunken?«

In ihrem weißen Schutzanzug zuckte Gudrun Gansel erst die Schultern und schüttelte dann den Kopf. Dem Geruch nach eher kein Alkohol, Genaueres könne aber erst eine Obduktion ergeben. Mageninhalt, Blutanalyse. Erste Infos in ein paar Stunden. Der vollständige Bericht komme wie gewohnt aus der Rechtsmedizin der Charité spätestens morgen Mittag.

»Die Glasscherben stecken tief. Ob er durch die gewaltsame Zerstörung der Hirnrinde und der dahinterliegenden Nervenfasern gestorben oder in Folge der Verletzungen an Schädel und Brustkorb verblutet ist, wird erst die Autopsie klären können. Aber wenn Sie mich fragen…«

Sie wartete Pionteks Reaktion ab, der seine Daisy mit einer Geste einlud, fortzufahren.

»Auf mich wirkt die Szenerie wie das Ergebnis eines Rituals.«

Paul Brenner stöhnte auf. Ihm schien es nicht zu gefallen, dass Gansel sich als Profilerin versuchte.

»Wegen der Scherben in den Augenhöhlen. Der Stiel, der wie ein Pflock in die Brust gerammt wurde. Die festliche Kleidung, die zum Gebet gefalteten Hände, die verstreuten Rosenblätter. Das Bild folgt festgelegten Regeln. In der Gesamtheit ein hoher Symbolgehalt.«

Brenner reagierte gereizt. »Bloß keine Psychopathen.«

Piontek stimmte ihm innerlich zu. Täter, die wie aus dem Nichts infernalisch töteten, fürchtete man bei der Polizei. Manche von ihnen zeigten schon unmittelbar nach der Tat äußerlich keinerlei Erregungszustand.

»Vermutlich keine Fingerabdrücke, keine fremden Haare, anscheinend keine relevanten genetischen Spuren«, sagte Gudrun Gansel. »Natürlich eine Menge Blut. Vielleicht finden wir bei der Analyse das Blutbild des mutmaßlichen Täters.«

»Eine Parallele zum Tod des Doktors«, sagte Tornow. »Eine Hinrichtung, zelebriert wie eine Zeremonie.«

»Wir sind sein Publikum«, ergänzte Gansel und begann, ihre Arbeitsmaterialien in einem kleinen Koffer zu verstauen.

»Wer hat ihn entdeckt?«, fragte Piontek.

»Seine Freundin«, antwortete Brenner. »Wartet nebenan. Sie wohnen nicht zusammen. Sie hatte es erst auf seinem Handy versucht und dann im SPZ. Schließlich wurde sie unruhig und fuhr hierher.«

»Vernehmungsfähig?«

»Nach dem ersten Schock scheint mir ihre Verfassung recht stabil.«

Piontek blickte zu seiner Kollegin. »Kümmere du dich um sie!«

Tornow seufzte und verschwand ins Wohnzimmer.

Welche Wellen die Mordfälle in den Medien schlagen würden! Schon auf der Fahrt zum Tatort war ihnen das Fahrzeug eines Nachrichtensenders in unangemessen knappem Abstand gefolgt. Ein Dutzend Reporter lungerte vor Kötters Mietshaus herum. Lehmkuhl und Zemcke würden diesmal kaum mit schriftlichen Stellungnahmen davonkommen.

»Die Öffentlichkeit ist sein Publikum«, brummte der Kommissar und stieß geräuschvoll auf. »Ihre Theorie gefällt mir«, sagte er zu Daisy Duck und wandte sich dann Brenner zu. »Irgendwelche Zeugen?«

»Die alte Dame gegenüber ist taub. Die Leute drüber sind verreist. Die Familien drunter wollen nichts gehört haben. Unsere Treppenterrier grasen grad die weitere Nachbarschaft ab.«

Piontek schaute Brenner in dessen graublaue Augen. Du hast mehr Dienstjahre auf dem Buckel als ich, dachte er, und du hast dich bei uns beworben…

Die Freundin von Clemens Kötter entpuppte sich als schwangere Verlobte, die mit dem Opfer seit zwei Jahren liiert war. Makelloses Gesicht, lange, glatte Haare, schlanke, attraktive Figur, aufreizende Kleidung.

»Wievielter Monat?«, fragte Tornow.

»Erst im dritten«, sagte Christina Hampe. Die Vierundzwanzigjährige strich sich über den Bauch. »Deshalb sieht man noch nichts.«

Aus dem Hintergrund fragte Piontek: »Ihr erstes Kind?«

»Mein erstes… ja.«

Der folgende Tränenausbruch ließ ihn verstummen. Solch jämmerliche Augenblicke waren es, die Piontek dazu brachten, trostspendende Worte seiner Kollegin zu überlassen. Gebrochene Herzen oder trauernde Angehörige waren nicht sein Metier.

Ob der Tod ihres Verlobten mit dem Mord an seinem Chef in Zusammenhang stehe, wollte Christina Hampe plötzlich wissen.

Woher sie denn vom Tod des Dr.Wolf erfahren habe, fragte er im Gegenzug.

»Aus dem Radio.«

»Das könnte sein«, beantwortete Tornow ihre Frage. Ob sie denn einen Verdacht hege?

»Clemens hat große Stücke auf Dr.Wolf gehalten«, begann Kötters Verlobte. Regelmäßig strich sie sich mit den Händen durchs offene kupferbraune Haar. »Die beiden haben sich geduzt, obwohl es im SPZ eine strenge Ordnung und Hierarchie gibt. Clemens ist sogar eingeladen worden… ins Haus von Herrn Wolf. Er hat ihm oft geholfen, im Garten oder wenn es etwas zu reparieren gab. Sie müssen wissen, der Clemens ist technisch total begabt, der kann alles selbst…«

In diesem Augenblick brach sie ab und erneut in Tränen aus.

»Kannten Sie Herrn Kaspar Wolf persönlich?«

»Wie persönlich?« Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

»Sind Sie ihm mal persönlich begegnet? Oder gab es vielleicht eine gemeinsame Einladung in seine Villa am Teufelssee?«

»Nein!«, erwiderte Christina Hampe. Das hätten sie jetzt falsch verstanden. Clemens und sie hätten berufliche und private Dinge stets voneinander getrennt. »Der Doktor war wie ein väterlicher Freund für Clemens, aber trotzdem zuallererst sein Chef. Wenn es etwas zu regeln oder zu besprechen gab, trafen sie sich auch im Grunewald. Aber nicht privat, verstehen Sie? Sondern nur aus beruflichen Gründen…«

»Fanden Sie das nicht merkwürdig?«

In diesem Moment schritten zwei Herren mit einem schlichten Zinksarg vom Hausflur ins Schlafzimmer hinein. Dieser Anblick war für Kötters schwangere Verlobte zu viel. Christina Hampe taumelte ins Bad und hielt sich am Waschbecken fest. Dann schlug sie all die Pflegeutensilien von der Ablage, die dort akribisch aufgereiht gestanden hatten.

Beide Kommissare schauten interessiert hinüber.

»Wie lange arbeitete Kötter für Wolf?«, fragte Piontek seine Kollegin.

»Keine Ahnung.« Tornow rief Richtung Badezimmer. »Wissen Sie, seit wann Clemens für Dr.Wolf gearbeitet hat?«

Christina Hampe stand vor dem Spiegel, überlegte angestrengt und zog sich dabei mit einem Stift die Lippen nach. »Keine Ahnung!«, zischte sie.

»Hmm«, brummte Piontek, »expressive junge Frau.«

»Und? Was machen wir jetzt?«

»Du wirst dir das SPZ vorknöpfen. Unterlagen auswerten, Zusammenhänge ermitteln, Mitarbeiter befragen. Das volle Programm. Aber zackig und knackig. Die Uhr läuft…«

DREI

2007

Friederike war ein Wunschkind, die Schwangerschaft fast eine einzige neunmonatige Vorfreude.

Antonia und Ture kannten sich seit sieben Jahren und hatten in dieser Zeit eine tiefe, vertrauensvolle Verbundenheit entwickelt. Als ihre Frauenärztin ihr die freudige Botschaft übermittelte, beendete die neunundzwanzigjährige Antonia gerade ihr Fachhochschulstudium. Ture, mit vierzig Jahren beinahe schon in der Mitte seines Arbeitslebens angekommen, hatte ein bisschen auf Nachwuchs gedrängt. Nicht, dass ihnen die Zeit davonlief, vielmehr waren beide im perfekten Alter, endlich die ersehnte Familie zu gründen. Seit knapp sechs Jahren lebten sie unverheiratet zusammen in einer Dachgeschosswohnung im beliebten Berliner Familienbezirk Prenzlauer Berg, von dem nicht nur die Anwohner behaupteten, dass dort tagsüber mehr Kinderwagen als Kraftfahrzeuge die Straße kreuzten.

Antonias Schwangerschaft verlief problemlos. Auffällig war allein, dass sich die zukünftige Friederike im Bauch ihrer Mutter ruhiger als andere Föten üblicherweise verhielt. So wurde jedes noch so zarte Boxen des Babys mit großer Freude und Aufmerksamkeit registriert.

Die Geburt rückte näher, und die zukünftigen Eltern gingen gemeinsam und mit steigender Euphorie zu den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Im sechsten Monat wurde eine Ultraschallkontrolle in der Pankower Geburtsklinik »Dornwald« durchgeführt, bei der erstmalig das Geschlecht des Ungeborenen festgestellt wurde.

Ture hatte sich von ganzem Herzen eine Tochter ersehnt, da er in einer überwiegend von Männern dominierten Familie aufgewachsen war. Antonia zeigte keine Präferenz, ihr natürlicher Wunsch: Hauptsache, das Kind werde gesund zur Welt kommen.

Für eine weitere, detailliertere Pränataldiagnostik schickte man die drei in die Kinderklinik der Charité in Berlin-Mitte. Ein Assistenzarzt leitete die Untersuchung. Bei der Sonografie ergab sich eine Irritation. Wiederholt drückte der Arzt den Schallkopf des Ultraschallgerätes auf Antonias schwangeren Bauch. Gemeinsam betrachteten sie die Schwarz-Weiß-Signale auf dem Bildschirm. Der junge Mediziner stotterte etwas von Blutfluss und Gefäßen und einem weißen Punkt im Brustkorb des Fötus. Äußerlich blieben die Eltern gelassen, nichts sollte das allgemeine Hochgefühl trüben. Der Oberarzt wurde konsultiert. Er warf einen Blick auf den Monitor und gab rasch Entwarnung: Alles in bester Ordnung! Alle atmeten erleichtert auf.

Dennoch entstanden beim zukünftigen Vater erste vage Bedenken, dass womöglich irgendetwas nicht gut gehen könnte. Er ließ es sich nicht anmerken, das freudige Ereignis stand unmittelbar bevor.

Das zukünftige Kinderzimmer wurde vorbereitet, das Babybett aufgestellt, das erste Spielzeug gekauft. Darunter ein rundes Glas, in dem sich bunter Kies, eine grüne Wasserpflanze und ein Goldfisch befanden. Antonia hielt diese Anschaffung für verfrüht, aber Ture bestand auf sein erstes Geburtstagsgeschenk.

»Ein Goldfischglas wirkt äußerst beruhigend«, wusste er aus seiner eigenen Kindheit zu berichten.

»Wenn du meinst.« Sie wollte ihm seine Freude nicht nehmen.

Die letzten Wochen der Schwangerschaft sollten in aller Ruhe und weiterhin ohne Beschwerden verlaufen. Selbst der steile Aufstieg in ihr Dachgeschoss war bis zum Schluss mit wenigen Verschnaufpausen zu überwinden. Beide scherzten, dass man bei der Planung eines Nachkommen die Bewältigung von fünf Stockwerken ohne Fahrstuhl nicht bedacht hatte und ein baldiger Umzug