Amsterdam blutrot - Lena Avanzini - E-Book
Beschreibung

Grausame Morde an erfolgreichen Frauen erschüttern das Venedig des Nordens. Die Farben hörende Klavierlehrerin und Hobbykriminologin Maxi Mikulicz mischt sich in die Ermittlungen von Hoofdinspecteur Cornelius Bontekoe ein und folgt einer heißen Spur ins Callboy-Milieu. Dort erwartet sie allerdings kein lustvolles, sondern ein lebensgefährliches Abenteuer . . .

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Seitenzahl:367

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Die Musikerin und Autorin Lena Avanzini studierte einige Jahre in den Niederlanden und lebte dort auf einem Hausboot, bevor sie in ihrer Geburtsstadt Innsbruck sesshaft wurde. Ob im heimischen Keller, im Zug oder in einem »bruin café« in Amsterdam, das Morden geht ihr überall flott von der Hand. Da sie sich in der Wahl der Waffen auf Worte beschränkt, ist sie bisher straffrei ausgegangen.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Dieser Roman wurde vermittelt durch die

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.com/Francesca Schellhaas Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Carlos Westerkamp eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-852-6 Amsterdam Krimi Originalausgabe

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Für Cornelia,

zur Erinnerung an unser Amsterdam-Abenteuer,

eine vergebliche Suche

und eine unerwartete Entdeckung

Mit dem Zeigefinger fuhr Aravind über die Kanten des geschliffenen Steins, immer wieder, und fragte sich, wo der Affe im Curry lag. Bis er sich an einer Unebenheit die Haut aufritzte und zugleich die Erkenntnis in ihn einschlug wie ein Blitz in einen tausendjährigen Banyanbaum. Und da wusste er: Sein siebter Fall war noch nicht gelöst, die Geschichte noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, sie hielt noch eine unliebsame Wendung parat, wie Shiva, der Schreckliche, der höchste Herr, sie nicht arglistiger inszenieren hätte können.

JeanneC.

1

Was war das? Ein erstickter Schrei?

Das Liebesgestöhn hat aufgehört, die Stille, die sich wie ein Leichentuch über den Raum breitet, klingt kalt und schaurig.

Er versucht, die Finsternis zu durchdringen.

Da ist etwas. Ein Schatten im Schatten, eine flüchtige Bewegung im Dunkel, weniger als ein Huschen.

Oder spielt ihm seine Phantasie einen Streich?

Doch kaum hat die Westminster-Uhr im Wohnzimmer begonnen, die volle Stunde zu schlagen–

OLord, our God

Be Thou our guide

That by Thy help

No foot may slide

Dong…

– schält sich eine Schattengestalt aus dem nächtlichen Schemen der Türöffnung, die vom Schlafzimmer in den Ankleideraum führt.

Für Manou ist die Gestalt zu schlank. Ist es ihr Liebhaber? Oder… ein Einbrecher?

Noch während er zu erkennen versucht, wer da Schritt für Schritt heranschleicht, ahnt er bereits, dass dieser Moment sein weiteres Schicksal bestimmen wird. Bis jetzt ist es nur ein Gefühl, vage wie die Konturen eines von Alkohol und Medikamenten aufgedunsenen Gesichts. Erst Wochen später – das altehrwürdige Haus Boerhave wie auch er selbst werden nur einen Steinwurf vom Niedergang entfernt sein– wird er an diesen Augenblick zurückdenken und glauben, die alte Uhr habe mit ihrem ersten »Dong« die tragischen Ereignisse heraufbeschworen, wie ein fallender und damit eine Kettenreaktion auslösender Dominostein.

Als die Gestalt das Fenster passiert, taucht sie in den hellen Streifen ein, den das Mondlicht aufs Parkett malt.

Es ist ein Einbrecher. Er trägt Jeans und ein dunkles Kapuzensweatshirt. Den Kopf verhüllt eine schwarze Balaklava, die nicht nur das Gesicht unkenntlich macht, sondern auch Geschlecht und Alter verschleiert.

Was wollte er in Manous Schlafzimmer? Verwahrt sie ihren Schmuck nicht im Wohnzimmer, im Tresor, der sich hinter Mondrians »Apfelbaum« verbirgt? Und wo bleibt sie eigentlich? Wo um Himmels willen bleibt Manou?

Langsam und lautlos nähert sich das unheimliche Wesen. Geduckt. Lauernd.

Dong.

Es kommt direkt auf ihn zu. Die Schuhe stecken in durchsichtigen Plastikhüllen, als wäre es mit jedem Fuß in einen Gefrierbeutel geschlüpft. Die Hände sind unter Lederhandschuhen verborgen, der rechte Lederhandschuh hält ein Messer.

Es ist ein gewöhnliches Küchenmesser, wie Manous Haushälterin es zum Zerkleinern von Gemüse verwendet. Die Klinge misst achtzehn Zentimeter, schätzt er.

Von der Messerspitze aber tropft eine himbeerrote Flüssigkeit. Kein Fruchtsaft. Während sich wie in Zeitlupe ein Tropfen löst, der Schwerkraft folgt und auf dem geölten Walnussholz des Parkettbodens aufschlägt, fällt ihm, der wie all seine Verwandten ein Faible für Sprichwörter hat, eines ein.

Zugegeben, angesichts der Schicksalhaftigkeit des Augenblicks klingt es banal, dennoch trägt es das Potenzial in sich, zum Sprichwort des Jahres gekürt zu werden:

Nicht alle sind Köche, die lange Messer tragen.

Er kann sich nicht über sein Bonmot freuen, denn das unheimliche Wesen ist bis auf eine Armlänge an ihn herangetreten und starrt ihn durch die Schlitze der Balaklava an, als wolle es in ihn eintauchen.

Ungekannte Panik erfasst ihn. Eine Jahrhundertangst. Hilflos und zur Bewegungslosigkeit verdammt steht er in seiner Ecke, und als die fremden Augen sich in ihn versenken, wünscht er sich, er könne schreien. Oder weglaufen.

Dabei sind diese Augen schön geschnitten, die Iris ist karamellfarben und beinahe durchsichtig. Als hätte Manou den Cognac, den sie sich allabendlich vor dem Einschlafen gönnt, mit der vierfachen Menge Wasser gestreckt. Doch während Manous Cognac – ob pur oder verdünnt– stets einen warmen Ton annimmt, wohnt in diesen karamellfarbenen Augen Kälte.

Und er, der in den einhundertneun Jahren seiner Existenz noch nie einen derartigen Frost in menschlichen Augen gesehen hat, weiß plötzlich ganz genau, wessen Blut da von der Messerspitze tropft.

Dong.

Die unheimliche Gestalt lässt das Messer fallen. Dann hebt sie den Arm zum tödlichen Schlag.

Ein Zittern durchläuft ihn, obwohl das physikalisch vollkommen unmöglich ist. Es fühlt sich an, als ginge ein Beben durch jede Faser seines Kirschholzrahmens, flösse an den geschwungenen Linien und floralen Jugendstilornamenten entlang und führe zu unnatürlichen Spannungen in der mit Silber beschichteten Glasplatte und schließlich zu einem haarfeinen Riss. Einem unsichtbaren Riss, der sich erst Wochen später – das altehrwürdige Haus Boerhave wie auch er selbst werden nur einen Steinwurf vom Niedergang entfernt sein– zu einem hässlichen Sprung auswachsen wird.

Mit dem vierten und letzten Stundenschlag der Westminster-Uhr lässt die unheimliche Gestalt den Arm auf halbem Weg sinken. Der tödliche Schlag bleibt aus, sie wendet den Blick ab, geht. Taucht ein in den nächtlichen Schemen der Türöffnung, die vom Ankleideraum ins Schlafzimmer führt. Verschwindet in den Schatten, eine flüchtige Bewegung im Dunkel, weniger als ein Huschen.

Nein, seine Phantasie hat ihm keinen Streich gespielt.

Er ahnt den Riss in sich und weiß: Sein Ende ist besiegelt. Das Ende des Standspiegels, Baujahr 1905, entworfen vom legendären Henry van de Velde, seit 1912 im Besitz der Familie Boerhave– ein Ende auf dem Sperrmüll.

So unrühmlich wie unverdient.

2

Am Fis hätte sie es merken müssen.

Der Ton, den Maximiliane Mikulicz sonst immer dunkelorange und eiförmig wahrnahm, blitzte an diesem Montag im Mai blutrot und scharfkantig vor ihrem inneren Auge auf. Wie eine gut geschliffene Mordwaffe. Eine benutzte Mordwaffe.

Und als der neunjährige Matthijs zum dritten Mal ein Fis spielte, wo einF vorgesehen war, bohrte sich der blutige Ton in ihren Schädel.

Maxi unterdrückte einen Schmerzensschrei.

Wieder einmal fragte sie sich, ob sie die Eigenheit ihres Gehirns, akustische Reize in bunte Formen zu verwandeln, für eine Gabe oder für einen Fluch halten sollte. An diesem Montag tendierte sie zum Fluch.

Natürlich wusste sie längst, dass es sich dabei nicht um eine farbenfrohe Form von juveniler Demenz handelte, wie sie es als Teenager befürchtet hatte. Eher um ein seltenes Talent, das den Namen Synästhesie trug. Ein halbes Promille der Menschheit war damit geschlagen, es gab die Farbenhörer, die Zahlenspürer, die Formenschmecker und unzählige andere. Maxi gehörte zu den Farbenhörern. Ein Fis – sofern es auf einem Klavier gespielt wurde– sah für sie immer wie ein dunkeloranges Oval aus, nur heute nicht. Heute stach es wie bluttriefender, scharfer Stahl in ihr inneres Auge.

Erste Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn. Und spätestens beim siebten Fis hätte sie merken müssen, dass abgesehen vom falschen Ton etwas ganz und gar nicht stimmte, dass etwas Ungeheuerliches in der Luft lag. Dieses farbverschobene Fis war eine Warnung. Zwischen seinen Obertönen hätte Maxi die Botschaft lesen können: Klavierstunden absagen, Gehörgänge mit Wachs verstopfen, die Jeneverflasche leeren und ab ins Bett! Als wünschte eine höhere Macht, die beginnende Mordserie, von der Maxi nichts ahnte, ginge an ihr vorbei, während sie ihren Rausch ausschliefe, und der im Nebel des Wacholderfusels Gefangenen bliebe es verwehrt, ihre Füße vor das Visier der Bestie zu lenken, die sich gerade warmmeuchelte.

Aber Maxi merkte nichts. Und selbst wenn sie etwas gemerkt hätte, wäre es ihr unglaubhaft erschienen, dass das Schicksal – oder irgendein göttliches Wesen– sich ausgerechnet ihres hoffnungslosesten Klavierschülers bedienen würde, um ihr eine Nachricht zukommen zu lassen.

Natürlich versuchte sie, eine Erklärung zu finden. Dass sie den Ton Fis so scharf und blutig wahrnahm, konnte weder am ungeliebten Wochentag noch an ihrem hormonellen Zustand liegen. Sie schob es also auf ihr angeschlagenes Nervenkostüm und den Restalkohol. Nach der gestrigen Weinprobe, die sich bis in die Morgenstunden gedehnt hatte, und dem Streit mit ihrem Freund Jan, dem Weinhändler, war ihr Geduldsfaden schon von Haus aus dünn und ausgefranst gewesen. Matthijs, dieser talentlose Unglücksrabe, hatte ihn endgültig gekappt.

Das Einzige, was sie also bemerkte, war brodelnde, Blasen werfende Ungeduld. Die Ungeduld wandelte sich in Zorn, der Zorn kochte hoch und suchte sich ein Ventil; fand das Ventil.

»F, zum Donner!«, zischte Maxi und malte sich aus, wie sie Matthijs erwürgen, in fingerdicke Stückchen zerschroten und an die Blesshühner verfüttern würde, die tagein, tagaus vor ihrem Fenster patrouillierten. Natürlich war das nur eine makabre Phantasie, die sie in wenigen Minuten bereuen würde, die aber durchaus ihre Berechtigung hatte. Denn so gelang es ihr, ihren Ärger zu kanalisieren. Als einzige reale Handgreiflichkeit erlaubte sie sich, mit dem Zeigefinger dreimal scharf auf das Notenblatt zu klopfen.

Matthijs ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Er drehte nur den Kopf und sah sie mit hochgezogenen Brauen an.

»Siehst du hier irgendwo ein Fis? Siehst du ein Fis? Na?«

»Glaub nicht.«

»Warum spielst du dann dauernd eins?«

Sein Blick war ein einziger Vorwurf. Maxi entdeckte Enttäuschung und Verwunderung darin und sogar einen Tick Mitleid. Wäre dieser Blick einem Comic entsprungen, hätte in der dazugehörigen Sprechblase gestanden: Die spinnen, die Klavierlehrerinnen.

»Letzte Woche hab ichF gespielt, und es war dir auch nicht recht!«

Sie schlug die Hände zusammen. »Das war ein anderes Stück! Ein Stück in G-Dur. Mit Fis vorn dran. Hier haben wir aber C-Dur. Mit ohne Fis, verstanden?«

Matthijs zuckte mit den Schultern.

»Du treibst mich noch in den Wahnsinn!« Sie verdrehte die Augen. »Also gut, spiel’s noch einmal. MitF jetzt, okay?«

Der Junge nickte. Seine Segelohren wackelten ein bisschen, vielleicht aus Abscheu vor der Ungerechtigkeit der Welt, die so viele verschiedene Tonarten kannte. Und wozu? Einzig und allein, um verzweifelte Klavierschüler wie ihn zu quälen. Er rückte den Hocker zurecht, setzte sich kerzengerade hin, krempelte die Ärmel hoch und starrte mit Todesverachtung auf die Noten.

Dann begann er von vorn.

Der Popsong – eine Kurzfassung von Eric Claptons »Tears in Heaven«, für Klavieranfänger arrangiert, zweistimmig und ohne eine einzige schwarze Taste zu bemühen– klang unter Matthijs’ Fingern holprig, unrhythmisch, lustlos und fad. Mit viel Phantasie konnte man die Melodie erkennen. Spannend wurde es, als die kritische Stelle näher rückte. Takt fünf. Zwei aufeinanderfolgendeF in Achtelnoten.

Maxi hielt die Luft an. Sie versuchte, den ockerfarbenen Kegel herbeizuvisualisieren, als den sie üblicherweise einF wahrnahm, als drei Dinge zugleich passierten:

Erstens, Matthijs spielte wieder Fis.

Zweitens, brüllendes Rot flutete ihr Gehirn; eine rote Lache breitete sich vor ihrem inneren Auge aus, nein, ein See, ein blutroter See, der aus scharfkantigen Kristallen bestand.

Drittens, Rudel betrat das Zimmer. Maxis Untermieter trug nichts als eine geringelte Pyjamahose und auf dem Kopf eine Gasmaske, wahrscheinlich ein Erbstück seines Urgroßvaters, der im Ersten Weltkrieg vor Ypern gefallen war. In der Hand hielt er eine Sprühflasche mit einem aufgemalten Totenkopf. Maxi starrte zuerst auf die Maske, dann auf Rudels nackten Oberkörper. Beim Anblick seiner von Gänsehaut überzogenen Hühnerbrust empfand sie so etwas wie Trost. Beruhigung. Das brüllende Rot ebbte ab, der Zorn über das falsche Fis verflog, ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.

Rudel nuschelte etwas Unverständliches.

»Wie bitte? Nimm doch das Ding ab!«

Er schob die Maske über den Kopf und grinste schief. »Kannst du mir dein Haarspray leihen?«

»Mein… was?« Es sprach für Rudels defizitäres Frauenverständnis, dass er Maxi den Besitz von Haarspray zutraute. Obwohl ihr Kopf einem frisch gemähten Weizenfeld glich, mit dem einzigen Unterschied, dass die Stoppeln nicht blond, sondern schwarz waren; obwohl ihre gesamte Garderobe inklusive Schuhwerk, Duschgel und Zahnbürste in einen kleinen Koffer passte. »Was willst du überhaupt mit Haarspray? Dich als Zombie verkleiden?« Sie malte sich aus, wie Rudel seinen rötlichen Flaum, der sich hinter die ausgeprägte Stirnglatze duckte, stachelförmig auftoupieren würde. Dazu die Gasmaske und das extravagante Beinkleid, und er könnte als untoter Ameisenbär durchgehen.

»Brauch’s für die Vergissmeinnicht.« Er lächelte verzückt. »Damit die Blätter glänzen. Glänzende Blätter sind ein Indiz für die Gesundheit der Pflanzen.«

Maxi verstand nicht viel von Botanik, dennoch bezweifelte sie, dass es sich günstig auf sprießunlustige – um nicht zu sagen marode– Frühjahrsblüher auswirken würde, wenn man die Poren ihrer Blätter mit Haarspray verklebte. Leider hatte Rudel noch weniger Ahnung, obwohl er der leidenschaftlichste Gärtner war, den sie kannte. Gleich nach seinem Einzug hatte er Maxi bekniet, ihm den Dachgarten ihres schwimmenden Heims zu überlassen, um den sie sich nie groß gekümmert hatte. Bloß einige Töpfe mit Küchenkräutern hatte sie aufgestellt, die auch ohne viel Aufhebens prächtig gediehen waren. Seit Rudel mehrere Stunden täglich mit schweißtreibender Gartenarbeit zubrachte, warf der Rosmarin seine Nadeln ab, die Petersilie war ertrunken, der Thymian vergilbt, und der Schnittlauch kümmerte vor sich hin. Auch den Marihuanapflänzchen, die er für den Eigenbedarf zog, den Wildorchideen, Kugeldisteln und Glockenblumen ging es nicht besser.

Vor zwei Wochen hatte er eine Blechbadewanne aufs Dach geschleppt und Kaukasische Vergissmeinnicht eingesetzt. Damals hatten sie üppig geblüht, eine blaue Pracht, von der inzwischen nichts mehr übrig war. Die Blätter hatten trotz Dünger und regelmäßiger Wasserzufuhr bereits eine kränkliche Farbe angenommen, weshalb Rudel jetzt wohl zu rigoroseren Behandlungsmethoden greifen wollte.

»Du besitzt also kein Haarspray?«, hakte er nach.

»Frag doch Tess. Die hat unter ihren Dosen und Tuben garantiert was Passendes.« Die dritte Bewohnerin der »Waterlelie« jobbte als Model, wenn sie nicht über Horoskopen brütete oder sich ihrem Medizinstudium widmete, und war daher in Sachen Schönheitsmittelchen bestens bestückt. Weshalb Tess zwar im kleinsten Zimmer des Hausboots residierte, aber das ganze Badezimmerregal für sich allein beanspruchte. »Sag, wozu brauchst du eigentlich die Gasmaske?«

»Hab die Basilikumstauden gerade mit Schmierseifenlösung besprüht. Gegen Blattläuse.«

Maxi verkniff sich ein Seufzen. Das Basilikum für ihren Mozzarella konnte sie also auch abschreiben. »Und dabei besteht die Gefahr, giftige Dämpfe einzuatmen?«

»I wo. Die Gasmaske ist ja auch undicht!«

Angesichts dieser Logik fiel ihr nichts ein, als den Kopf zu schütteln. Und sie schüttelte ihn gleich ein zweites Mal, als Rudel ihr allen Ernstes einen Joint anbot.

»Prima Gras. Ich dachte mir, du könntest was Beruhigendes gebrauchen. Hast schon ganz rote Ohren.« Er pfiff »Tears in Heaven« mit dem falschen Fis. Zeigte auf Matthijs. Grinste. »Oder hilft es, wenn wir den Zwerg mal ziehen lassen?«

Maxi warf ihren Mitbewohner hinaus. Sie mochte Rudel, mochte die Leichtigkeit, mit der es ihm gelang, sie zum Lachen zu bringen, oft unfreiwillig. Auf Kinder durfte man ihn freilich nicht loslassen.

Lächelnd wandte sie sich Matthijs zu und senkte die Stimme, um ihn in Sicherheit zu wiegen. »Verrätst du mir, was dich diesmal geritten hat, Fis zu spielen? Obwohl wir uns aufF geeinigt hatten?«

Matthijs schwieg. Vielleicht war ihm der neuerliche Fehler peinlich. Vielleicht litt das arme Kerlchen an chronischer Konzentrationsschwäche. Oder hatte er absichtlich…?

»Machst du das womöglich, um meinen Blutdruck in die Höhe zu treiben? Weil du denkst, ich hätte Kreislaufprobleme?«

»Du würdest auch lieber Fis spielen, wenn dasF klebrig ist!«, sagte er. Seine Stimme zitterte vor Empörung.

Maxi stöhnte.

Sie holte ein feuchtes Tuch und wischte damit die Klaviatur ab. Matthijs schickte sie zum Händewaschen ins Bad, danach spielte er den Popsong noch einmal. Nicht weniger holprig, aber diesmal mitF, einem beruhigenden Kegel in lichtem Ocker, der sich dünenförmig hochwölbte und mit seinem Zwillingsbruder zur Vision eines Sandstrandes verschmolz.

Als der letzte Ton verklungen war und Matthijs mit schief gelegtem Kopf auf Maxis Urteil wartete, hätte sie beinahe vor Rührung geweint; oder vor Erleichterung; oder aus schlechtem Gewissen wegen der schlimmen Dinge, die ihre Phantasie vor wenigen Minuten mit dem Kleinen angestellt hatte. Natürlich unterdrückte sie den Gefühlsausbruch und schenkte Matthijs stattdessen eine Sammelkarte von Kenneth Vermeer, dem Torwart von Ajax Amsterdam. Zwar besaß er sie bereits, war aber zuversichtlich, Vermeer gegen den Ajax-Stürmer Viktor Fischer eintauschen zu können.

»Bis nächste Woche spielst du die C-Dur-Tonleiter. Mit marmeladefreien Fingern. Und ohne Fis.«

Matthijs nickte.

Als Maxi ihm einen neuen Song aufgeben wollte, verzog er den Mund. »Kann ich bitte eine Sonatine?«

»Ich dachte, du findest Sonatinen langweilig und hörst lieber Pop.«

Er zuckte mit den Schultern. »Schon.«

»Versteh ich nicht. Warum willst du was spielen, was dir nicht gefällt?«

»Sonatinen sind leichter. Man weiß immer, was kommt, und die Komponisten sind alle schon tot.«

Maxi runzelte die Stirn. So viel Empathie mit verblichenen Tonsetzern hätte sie dem Bengel gar nicht zugetraut. »Wie du meinst. Du musst das Stück üben, nicht ich.«

Matthijs schwieg. Schenkte ihr nur einen verwunderten Augenaufschlag. Üben?, schien sein Blick zu fragen. Das machen wir ja schon in der Klavierstunde!

Sie hätte wetten mögen, dass Matthijs genau das dachte, und war froh, dass er es nicht aussprach. Zum Abschied drückte sie ihm ihren leichtesten Sonatinenband in die Hand, in dem sie ein Werk von Johann Baptist Vanhal angekreuzt hatte, und atmete auf, als die Bootstür hinter der kleinen Nervensäge ins Schloss fiel.

Ihr knurrender Magen führte sie in die Küche. Im Kühlschrank gähnte Leere. Hinter einer Packung Vanillevla versteckte sich ein Marmeladenglas, in dem ein halb präparierter Froschschenkel in Formalinlösung dümpelte. Vla und Schenkel gehörten Tess, und Maxi hätte nicht sagen können, was sie widerlicher fand, die künstlich schmeckende holländische Interpretation von Flüssigpudding oder das Übungs-Leichenteil. Aber nach zweieinhalb Jahren des Zusammenlebens mit einer Medizinstudentin hatte ihre Ekelschwelle ungeahnte Höhen erreicht. Auch der Plastikbecher mit den wuselnden Marienkäferlarven – eine weitere von Rudels Geheimwaffen gegen Blattlausinvasionen– brachte sie nicht aus der Fassung.

Enttäuscht schloss sie den Kühlschrank wieder. Hinter einer uralten Müslipackung entdeckte sie einen Getränkekarton mit Rote-Rüben-Saft, der noch nicht abgelaufen war. Sie füllte ein Wasserglas zur Hälfte, goss großzügig Jenever dazu, würzte den Mix mit Salz und Pfeffer– fertig war die Bloody Maxi. Damit sie diese selbst kreierte Bloody-Mary-Variante nicht in einen nüchternen Magen kippen musste, vertilgte sie eine Scheibe Weißbrot mit Erdnussbutter.

Das Brot, ein grauweißer, rindenloser, in Scheiben geschnittener und in Zellophan verpackter Quader, besaß die Konsistenz eines Marshmallows, schmeckte nach nichts und war im eigentlichen Sinn auch kein Brot. Maxi hätte den Pindakaas genauso gut pur essen können. Sie wollte aber nicht auf das Ritual des Aufstreichens verzichten, das ihr angenehme Erinnerungen an die reiche Brotkultur ihrer österreichischen Heimat bescherte– die einzige heimatliche Errungenschaft, die sie vermisste. Von der knusprigen Handsemmel über Schwarzbrot mit knackiger Rinde, vom Salzstangerl, Mohnflesserl, Laugenbrezerl, Bosniaken, Vinschgerl, Wachauer, Butterkipferl, Müsliweckerl, Striezel bis zum Kornspitz konnte sie alle Geschmacksnuancen beliebig abrufen und sich zum holländischen Einheitsbrot dazudenken.

Den letzten Bissen warf sie aus dem Fenster, einem zerzausten Erpel zu, der ihn in der Luft auffing und verschlang.

Dann der Drink. Maxi zelebrierte jeden Schluck. Und wenn das blutrot mutierte Fis von vorhin sie doch irgendwie irritiert hatte, so löste der Alkohol diese Verunsicherung auf wie Benzin einen Schmutzfleck und spülte die letzten Reste speiseröhrenabwärts. Den Kummer über die verhunzten Tränen des Eric Clapton spülte er gleich hinterher.

Bevor das Nachmittagsprogramm mit vier weiteren Klavierschülern über sie hereinbrach, nutzte Maxi die Mittagspause, um im neuen Kriminalroman ihrer Lieblingsautorin JeanneC.Ramant weiterzulesen. Am Vorabend hatte Jan sie zur Verkostung eines exquisiten Rotweins überredet und dadurch von der Lektüre abgehalten. Jetzt wollte sie endlich wissen, wie Aravind Bhaduri, Inspektor der Mumbai Police, seinen siebten Fall lösen würde, der im Augenblick ziemlich verfahren war, da Aravinds rechter Unterschenkel zwischen den Kiefern eines Leoparden steckte. Genüsslich strich Maxi über die Seiten des Buches.

Sie las, wie Aravind unter seiner Panik hinwegtauchte und in den Schmerz hineinatmete, wie er den Leoparden hypnotisierte und gleichzeitig Vishnu, den Großzügigen, den Erhalter der Welt, um Hilfe anflehte, wie Vishnu ihm die Hilfe versagte, weil er gerade der lieblichen Lakshmi beiwohnte, und wie Aravind – ohne die Hypnose des Raubtiers zu unterbrechen– sorgenvoll die Geier beobachtete, die über ihm kreisten.

Maxi seufzte. Die Frühlingssonne schien auf das Buch, die alltäglichen Geräusche der Gracht wehten durchs gekippte Küchenfenster– Wasserplätschern, das Brummen eines Schiffsmotors, Gesprächsfetzen in fremden Sprachen, das monotone Quäken konkurrierender Blesshühner. Ein Rundfahrtschiff passierte. Die »Waterlelie« schaukelte sanft in seinen Bugwellen, sanft schaukelte der Alkohol in Maxis Blut. Alle Fis dieser Welt, die richtigen und die falschen, die dunkelorangefarbenen und die blutroten, zerknackten zwischen den Kiefern eines Leoparden und waren ihr vollkommen egal. So egal, dass sie einen Wimpernschlag später eingeschlafen sein musste.

Als sie hochschreckte und auf die Uhr sah, war es schon ziemlich spät.

Teufel! Sie musste sich beeilen, um noch rechtzeitig zur nächsten Klavierstunde zu kommen! Sie spritzte kaltes Wasser auf ihre Wangen, schnappte sich den Fahrradschlüssel und raste los.

Der Steg knarrte unter ihren Füßen, das Holz war morsch, und ihr fiel ein, dass sie immer noch nichts unternommen hatte, um ihn zu ersetzen, obwohl sie es seit Wochen wollte. Mit einem Satz sprang sie ans Ufer, beugte sich zu ihrem Rad und sperrte die drei Schlösser auf, die es an die Straßenlaterne fixierten. In ihrem Rücken ertönten internationale Ausrufe der Begeisterung und multiples Klicken. Sie drehte sich um.

Ein Häuflein Touristen stand, hockte oder kniete am Rand der Gracht. Die Objektive ihrer Handys und Kameras hatten die Fotografierwütigen auf die »Waterlelie« gerichtet. Das war nicht weiter verwunderlich. Maxis Schiff war eine Schönheit. Ein ausgedientes Frachtschiff, auf dessen Unterbau die Vorbesitzer einen hölzernen Kubus im Fertighausstil aufgesetzt hatten. Als Maxi das Schiff gekauft hatte, war der dunkelgrüne Lack der Wände schon großteils abgeblättert. Also hatte sie die Holzbretter kurz nach ihrem Einzug abgeschliffen und frisch gestrichen, in frechem Türkis, mit erdbeerroten Fensterrahmen. Ein echter Hingucker und zwischen all den Giebeln und schiefen Häuserfronten ein perfektes Fotomotiv für grachtenbummelnde Touristen.

An diesem Montagnachmittag wurde die Idylle jedoch noch getoppt: Rudel – er hatte seine geringelte Pyjamahose inzwischen mit psychedelisch gemusterten Boxershorts vertauscht, trug aber nach wie vor die Gasmaske– stand auf dem Dach des Hausboots und beugte sich über die Blechbadewanne mit den Kaukasischen Vergissmeinnicht. Offensichtlich war er im Badezimmer fündig geworden, denn er hielt eine Spraydose in der Hand und besprühte jedes einzelne Vergissmeinnichtblatt von oben und unten. Der Wind trug eine Duftwolke ans Ufer, die nach Tess roch, nur hundertfach verstärkt.

Maxi zuckte zusammen. Als sie genauer hinsah, hätte sie schwören können, dass sich die Farbe der Blätter noch während der Behandlung von kränklich zu todgeweiht wandelte. Als Gärtner war Rudel ein hoffnungsloser Fall. Dabei hatte Tess ihm vor Kurzem einen Ratgeber geschenkt, Maxi hatte ihr dabei geholfen, ein deutschsprachiges Exemplar aufzutreiben. Wenn sie sich recht erinnerte, hieß es »Buddhistische Gartenweisheiten« oder so ähnlich. Entweder hatte Rudel noch nicht darin gelesen oder die falschen Schlussfolgerungen gezogen. Vielleicht war das Buch auch nur esoterischer Mist, wie der ganze Horoskop- und Orakelkram, mit dem Tess sich so gern beschäftigte.

Noch während Maxi überlegte, ob sie ihm etwas Handfestes wie die Teilnahme an einem Urban-Gardening-Kurs zum Geburtstag spendieren sollte, ertönte ein Schrei. Am spitzen Kanariengelb erkannte sie, dass es einG sein musste. Ein ersticktes Schreckens-G aus Rudels Gurgel. Sie sah, wie er seine Rechte aus der Badewanne zog, sie schüttelte. Eine cremige braune Masse klebte daran. Seine Linke riss die Gasmaske herunter, und das erstickteG ging nahtlos in eine Kaskade von schwäbischen Schimpfwörtern über, die Maxi nicht verstand. Das war auch unerheblich, denn Rudels Problem lag im wahrsten Sinn des Wortes auf der Hand.

Ginger musste der »Waterlelie« wieder einmal einen Besuch abgestattet haben. Die Nachbarskatze liebte Rudel, vielleicht weil ihr Fell so rotblond war wie sein spärlicher Flaum. Jedenfalls hatte sie seine Vergissmeinnichtpflanzung zu ihrem persönlichen Klo auserkoren.

Maxi riss sich von der Szene los, die von mindestens sechs verschiedenen Smartphones und drei bis vier Digitalkameras eingefangen wurde und schon bald in aller Herren Länder zu bewundern sein würde. Höchste Zeit! Sie schwang sich aufs Rad und trat kräftig in die Pedale.

***

Aus dem Buch »Buddhistische Weisheiten

für Hobbygärtner« von Döndrup Rangjung Rinpoche

(deutsche Übersetzung: Adelbert Hinrichs):

Wenn die Wurzeln nicht vertrocknet sind, ist das Vergissmeinnicht noch nicht tot.

3

Obwohl sie den Weg zum Vondelpark in Rekordzeit schaffte, erreichte sie die Koningslaan, an deren Ende sich die Villa der van der Eijks befand, um zehn Minuten zu spät. Zwar würde sie damit dem elfjährigen Henk, einem ähnlichen Musterschüler wie Matthijs, eine Freude machen, denn für seinesgleichen war eine um zehn Minuten verkürzte Klavierstunde eine gute Klavierstunde. Seine Mutter, die die Stunden bezahlte, sah das vermutlich anders. Freilich tat es Annika van der Eijk, der erfolgreichsten Eisschnellläuferin aller Zeiten, nicht weh, den doppelten Klavierstundentarif hinzublättern und noch einen satten Hausbesuchs-Aufschlag draufzulegen. Die ehemalige Welt- und Olympiasiegerin hatte nach Beendigung ihrer sportlichen Karriere mit einer Fitnesscenter-Kette und dem exklusiven Vertrieb von isotonischen Drinks, Diätshakes, Kohlenhydratblockern, Energy Boostern und Powerriegeln viel Geld gemacht und gehörte heute vermutlich zu den zehn reichsten Menschen der Niederlande. Trotzdem. Der Betrag, den Annika monatlich für die Klavierlektionen ihres Sohnes bezahlte, war so stattlich, dass sie dafür Pünktlichkeit, ein -Paket an Geduld und überdurchschnittliches Engagement von Maxis Seite erwarten durfte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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