Verlag: Limes Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

An einem Tag in Paris E-Book

Ellen Sussman  

3.78260869565217 (46)

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E-Book-Beschreibung An einem Tag in Paris - Ellen Sussman

Geschichten, die die Liebe schreibt!Ein Sonnenstrahl spiegelt sich im Fenster eines Straßencafés, der Duft frischer Croissants liegt in der Luft, an einer Straßenecke verabschiedet sich ein Paar mit einem leidenschaftlichen Kuss: Ein neuer Tag beginnt in der Stadt der Liebe. Drei junge Französischlehrer treffen gleich die Menschen, denen sie heute während eines Spaziergangs durch Paris Sprache und Kultur näherbringen wollen. Ein gebrochenes Herz, der Wunsch nach Glück und eine unbestimmte Sehnsucht begleiten sie dabei. Sie wissen nicht, was das Leben heute für sie bereithält, nur eines ist sicher: Am Ende dieses Tages könnte sich alles verändert haben ...

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E-Book-Leseprobe An einem Tag in Paris - Ellen Sussman

Ellen Sussman

An einem Tag in Paris

Roman

Aus dem Amerikanischen von Veronika Dünninger

Die Originalausgabe erschien 2011unter dem Titel »French Lessons«bei Ballantine Books, New York.

Der Limes Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House.Copyright © der Originalausgabe 2011 by Ellen Sussmann

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Paris-Zeichnungen: © 2011 by Juliette Lemontey.

Used by Permission.

Stadtpläne: © Ilsa Brink

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-06419-8www.limes-verlag.de

Für Gillian und Sophie,meine Pariser Mädchen,und für Neal, mon amour

Die Privatlehrer

Strahlendes Sonnenlicht flutet durch die Fenster der Sprachenschule Vivre à la Française. Es hat seit Tagen – seit Wochen – geregnet, und der plötzliche Sonnenschein, der durch eine Lücke in den Wolken bricht, lässt alle in dem düsteren Büro einen Augenblick lang innehalten und das Gesicht zum Licht hin recken. Es ist früh am Morgen, und noch ist niemand hellwach. Eine junge Frau murmelt: »Bonjour, soleil.« Nico lächelt. Dann knallt die Tür, und jeder rührt sich, mit einem Mal aufgeweckt. Nico sieht sich blinzelnd um, hofft auf ein Anzeichen für das, was er bereits weiß: Irgendetwas ist anders. Es ist nicht nur die Sonne. Es ist der Tag, neu und viel versprechend. Jeder Winkel des Büros erscheint sonnendurchflutet und strahlend. Selbst das geisterhafte Mädchen hinter dem Schreibtisch schenkt Nico ein halbes Lächeln, als sie ihm sein heutiges Arbeitsblatt reicht.

Und richtig, der heutige Unterrichtsauftrag verspricht etwas Neues – Josie Felton. Der Name gefällt ihm. Er klingt so typisch amerikanisch, und Nico stellt sich ein blondes Mädchen mit Pferdeschwanz vor, bereit, Paris zu erobern. Sein Paris. Er wird sie herumführen. Er steckt den Computerausdruck mit ihrem Namen und den Details ihrer Unterrichtsstunde – Uhrzeit, Dauer, Französischniveau, Arbeitsschwerpunkte – in seine Gesäßtasche.

Es ist Zeit, Chantal im Café zu treffen.

Nico tritt aus der Sprachenschule auf die Rue de Paradis. Bevor er zu dem Lokal an der Ecke geht, sieht er die Straße hinunter in die andere Richtung. Irgendetwas ist ihm ins Auge gesprungen – ein Stöhnen, das Rascheln von Stoff, ein nackter Arm. Er blinzelt in die Sonne und kann am Ende der Straße zwei Gestalten erkennen. Eine Frau drückt einen Mann gegen die Wand eines Gebäudes. Ihre Arme, nackt und mit einem tätowierten Blitz, der zickzackförmig über sonnengebräunte Haut verläuft, nageln die Schultern des Mannes fest. Sie beugt sich zu einem Kuss vor, der lange anhält. Irgendjemand drängt hinter Nico durch die Tür und rempelt ihn an.

»Entschuldigung«, sagt er und tritt zur Seite.

Nico sieht noch einmal hin. Die Frau schlendert davon. Der Mann fährt sich mit einer Hand durchs Haar und kommt auf Nico zu. Es ist Philippe. Nicos erster Gedanke gilt Chantal – hat sie den Kuss gesehen? Er sieht zu dem Café hinüber, und da sitzt Chantal an einem Tisch im Freien und liest in einem Buch. Nico holt einmal tief Luft.

Philippe ist im nächsten Augenblick bei ihm und gibt ihm einen Klaps auf den Arm.

»Ich bin spät dran, Mann«, sagt Philippe auf Französisch. »Bestell mir einen Espresso.«

»Mache ich«, sagt Nico.

Philippe verschwindet in die Sprachenschule, und die Tür schwingt hinter ihm zu.

Nico, Philippe und Chantal trinken montags und freitags morgens zusammen Kaffee, nachdem sie ihre Aufträge in der Schule bekommen haben. Es gibt noch andere Französischlehrer, die regelmäßige Kurse geben anstatt Privatstunden, hauptsächlich ältere Männer und Frauen, die mit diesen dreien offenbar nichts gemein haben – auch wenn sich Nico manchmal fragt, was er mit Philippe gemein hat. Vielleicht teilen sie im Grunde nur eines: eine Schwäche für Chantal.

Nico eilt zu dem Café. Er kann Chantals geschwungenen Nacken sehen, während sie sich über ihren Roman beugt, den Schirm an ihrer Seite, die Strickjacke ordentlich zugeknöpft. Er denkt an sie, wie sie letzte Woche im Bett aussah, nachdem sie sich geliebt haben. Ihr Haar lag fächerartig ausgebreitet auf dem Kissen, ihr Körper war schweißbedeckt, ihre Züge zärtlich. Ein anderer Mensch. Er will sie beide.

Er beugt sich vor und küsst sie auf beide Wangen, dann lässt er sich auf dem Stuhl neben ihr nieder. Er riecht ihr Parfüm, irgendetwas, das ihn ans Mittelmeer erinnert, und er hat das seltsame Gefühl, ins kalte Wasser des Meeres zu steigen. Er sieht sich um, in dem Café herrscht viel Betrieb und Lärm, und jedes Gespräch klingt allzu laut und hektisch. Ein Mann brüllt den Fahrer eines Autos an, der zur Antwort auf die Hupe drückt. Nico stellt sich ein anderes Café vor, irgendwo in der Provence. Lass uns ans Meer fahren, würde er gerne sagen.

Er kann die Wärme der neu herausgekommenen Sonne auf seinem Rücken spüren. Chantal legt den Kopf auf die Seite und sieht ihn an, als wolle sie seine Gedanken lesen. Als sie sich geliebt haben, zog sie ihn auf sich, sodass der ganze Raum zwischen ihnen verschwand. Jetzt verspürt er das Bedürfnis, sie zu berühren. Zuerst ihren Mund, den der Anflug eines Lächelns umspielt. Ihre Lippen sind voll, und er sieht, dass sie Lippenstift getragen hat. Trägt sie immer Lippenstift?

»Philippe ist spät dran«, sagt er auf Französisch. »Er wird gleich hier sein.«

»Natürlich«, sagt sie.

»Hast du wieder deinen Amerikaner?«, fragt er.

»Letzter Tag«, sagt sie zu Nico. »Ich bin ein bisschen traurig deswegen.«

»Hat er dir den Kopf verdreht?«

Sie schüttelt den Kopf. »Er hat es gar nicht versucht.«

»Und wenn er es versucht hätte?«

»Er ist ein glücklich verheirateter Mann«, sagt sie. »Davon gibt es nicht allzu viele. Es tut gut, ab und zu einen zu treffen.«

Nico stellt sich Chantal neben sich in einem Cabrio vor, wie eine junge Catherine Deneuve, ein Kopftuch ums Haar gebunden, während das Meer sich hinter der Küste ausdehnt und die Straße sich durch grüne Hügel windet, die Luft erfüllt vom Duft von Lavendel.

Der Kellner kommt. Er ist jung und gelangweilt und riecht nach dem Alkohol des vorherigen Abends. Nico will dem Jungen am liebsten sagen, dass er nach Hause gehen und sich duschen soll. Als er sich in dem Café umsieht, wird ihm bewusst, dass die meisten Gäste jünger sind als er. Er ist zweiunddreißig Jahre alt – wann ist er eigentlich ein alter Kerl geworden? Nico bestellt einen café crème und einen Espresso für Philippe. Als der Kellner geht, fächelt Nico die schale Luft weg.

»Und du?«, fragt Chantal. »Wen hast du heute?«

»Eine Frau. Ich weiß nicht, ob sie jung oder alt ist. Auch Amerikanerin. Hohes Französischniveau.«

»Du Glückspilz.«

»Offenbar ist sie Französischlehrerin an einer Highschool. Wieso braucht eine Französischlehrerin denn einen Privatlehrer für einen Tag?«

»Das wirst du noch früh genug herausfinden.«

Chantal schiebt sich das Haar hinter die Ohren. Auch sie sieht älter aus als die Mädchen, die auf ihren Stühlen im Café hin und her zappeln, von ihren Handys SMS-Nachrichten verschicken, mit ihren Freundinnen kichern. Nico hört die schrille Stimme eines Mädchens – »Mais non, c’est pas possible!« –, und das Mädchen schlägt einem Jungen leicht ins Gesicht. Der Junge beugt sich vor und fährt mit einem Daumen über die Lippen des Mädchens. Nico wendet den Blick ab. Er sieht Chantal an, die ihren Espresso schlürft. Sie ist achtundzwanzig. Sie ist eine Frau, verglichen mit diesen Mädchen. Wieder will er sie berühren. Er betrachtet ihre Finger, die auf dem Tisch ruhen. Sie trägt einen schlichten Silberring, etwas, das mit einem Ehering verwechselt werden könnte.

Er nimmt ihre Hand und zieht sie zu sich. Auf dem Ring ist etwas eingraviert. Schließlich sieht er, dass es eine Weinrebe ist, die ihren Finger umrankt.

»Der gefällt mir«, sagt er zu ihr.

»Er ist ein gebrochenes Versprechen«, sagt sie.

Er wartet darauf, dass sie es erklärt, während er die Wärme ihrer Hand in seiner spürt.

»Philippe hat ihn mir geschenkt«, sagt sie zu ihm, und ihre Hand löst sich von seiner.

Nico sieht über die Straße. Noch immer keine Spur von Philippe.

»Ich habe Neuigkeiten«, sagt er. Er will es ihr erzählen, bevor Philippe kommt. Er beugt sich vor, bereit, sein Geheimnis zu teilen. Er hat es noch niemandem erzählt. »Ich habe gestern meine Gedichtsammlung verkauft!«

»Bravo!«, sagt Chantal, die Augen weit aufgerissen. »Und ich wusste nicht einmal, dass du ein Dichter bist!«

»Ich erzähle es nicht vielen Leuten.« Ehrlich gesagt hat er seine künstlerischen Ambitionen nur seinen Eltern gebeichtet, die daraufhin meinten, er solle sie aufgeben und sich lieber um einen richtigen Beruf kümmern. Daher hat er ihnen gestern Abend nichts von seiner Neuigkeit mitgeteilt. Außerdem ist er sich nicht sicher, wie sie auf die Gedichte reagieren werden, wenn sie sie irgendwann lesen.

»Worüber schreibst du?«, fragt Chantal. Ihre Miene hellt sich auf – das ist die Chantal, in die er sich vor ein paar Wochen verknallt hat, die Frau, die ihm zuhörte, als er ihr eine lange Geschichte von seiner ersten Freundin in der Normandie erzählte, und die ihn auf eine solch freundliche Weise fragte: »Wirst du sie immer am meisten lieben?« »Nein«, hatte er zu ihr gesagt, »ich hoffe nicht.« Er sagte nicht: Vielleicht werde ich dich am meisten lieben.

»Es ist eine Reihe von Gedichten, bei denen es immer um dieselbe Geschichte geht. Ein Junge wird aus seinem Elternhaus entführt. Er bleibt vierundzwanzig Stunden verschwunden. Jedes Gedicht ist eine andere Version dessen, was ihm in diesen vierundzwanzig Stunden widerfährt.«

»Wer wurde entführt?«, fragt Philippe und lässt sich auf einen Stuhl an ihrem kleinen runden Tisch fallen. Er stellt seine Kuriertasche neben sich auf dem Boden ab.

Nico spürt, wie sich seine Brust zuschnürt – er hat die Chance verpasst, Chantal mehr zu erzählen.

»Wurdest du einmal entführt?«, fragt Chantal.

»Es ist nur etwas, das ich geschrieben habe«, sagt Nico. Ein andermal wird er Chantal die Gedichte zeigen. Er wird ihr die Geschichte von seinem Tag im Rübenkeller erzählen. Für einen kurzen Moment spürt er das Entsetzen, mit dem er schon so lange lebt. Er ist ein Kind, das auf einem Berg hölzerner Weinkisten steht. Die Luft riecht nach Erde und Kartoffeln und Wein. Er späht durch eine Ritze oben in der Falltür und kann die Beine von Polizisten sehen, Dutzenden von Polizisten, die mit ihren schwarzen Stiefeln durch nassen Schlamm stapfen. Selbst jetzt, Jahre später, ist er sich nicht sicher, ob er mehr Angst davor hatte, dass sie ihn finden könnten, oder davor, dass sie ihn niemals finden wird.

Er hat niemandem von diesem Tag erzählt. Jetzt hat er dreißig Gedichte geschrieben, die diese eine, einzige Erfahrung seiner Kindheit immer wieder neu erfinden. Gestern Abend sagte die Lektorin am Telefon zu ihm: »Dieses Buch wird ein Geschenk für uns alle sein. Wir anderen haben unsere Kindheitserfahrungen. Aber Sie haben Ihre Kindheitserfahrung und Ihre ausschweifende Fantasie. Jeder Tag kann unzählige Male neu erschaffen werden. Letztendlich wissen wir nicht, was wahr ist. Und doch ist alles wahr, oder? Es ist ein Leben voller Möglichkeiten an einem einzigen Tag.«

Nico wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Jetzt fragt er sich: Wird dieses Buch ihn befreien? Die Erfahrung selbst spielt nach all den Jahren kaum noch eine Rolle. Aber das Geheimnis ist riesig geworden, faulig und verwesend. Jetzt hat er dieses ganze Durcheinander zusammengefegt und Gedichte geschaffen. Kann sie die Gedichte wirklich »entzückend« genannt haben? »Atemberaubend«? Nico will Chantal das alles erzählen.

»Ist es so eine Art Krimi? Ein Thriller?«, fragt Philippe.

»Wen hast du heute bekommen?«, fragt Nico Philippe. Philippe zündet sich eine Zigarette an.

»Bof«, sagt Philippe. »Niemanden. Ich habe meinen festen Termin um elf. Sonst niemanden. Clavère versucht, mich zu verarschen. Er will mich weghaben, aber er wird mich nicht feuern. Deshalb erzählt er mir ständig, er hätte keine Schüler für mich. Ich habe die Schnauze so voll von dieser Schule.« Philippe stößt eine Rauchwolke aus. Seine Wangenknochen werden hohl, und seine Miene verändert sich – einen Moment lang sieht er gequält aus. Dann lächelt er, und er sieht wieder gut und selbstbeherrscht aus. Nico stellt sich vor, dass er aus reichem Hause kommt, trotz seines billigen T-Shirts und der zerrissenen Jeans.

»Wirst du dir einen anderen Job suchen?«, fragt Nico.

»Ich werde mich auf meine Musik konzentrieren. Ich habe Besseres zu tun, als für irgendein amerikanisches Mädchen den Babysitter zu spielen, das nicht mal das Verb être konjugieren kann.«

»Die mit den Titten«, erklärt Chantal Nico.

»Ah-ha«, sagt Nico. Philippe hat ihnen erzählt, dass er seinen zweistündigen Unterricht mit dieser Frau nur wegen ihrer Brüste aushalten kann.

Nico sieht Philippe und Chantal über den kleinen Tisch hinweg an und bemerkt noch etwas anderes: Chantal hat ihren Stuhl ein Stück von Philippe abgerückt. Sie will Philippe nicht ansehen. Hat sie den Kuss gesehen?, fragt er sich.

Philippe und Chantal sind ein Liebespaar, das weiß Nico. Und doch kann er es nicht ganz glauben, jetzt, nachdem er etwas Zeit mit ihnen verbracht hat. Sie sind wie Tag und Nacht. Was kann es sein, das Chantal zu den dunklen Seiten von Philippes Leben hinzieht? Aber dann fällt ihm wieder ein, wie er die beiden das erste Mal zusammen bei einer Versammlung in der Schule gesehen hat. Sie standen ganz hinten im Klassenzimmer an der Wand. Philippe hatte die Arme um Chantal geschlungen, und sie hatte sich nach hinten gegen ihn gelehnt. Sie sahen beide so verträumt und träge aus, als hätten sie den ganzen Tag zusammen im Bett verbracht und erst in letzter Minute rasch etwas übergezogen, um pünktlich zu dem Meeting zu kommen. Während ihr Chef von den Herausforderungen schwafelte, Japaner zu unterrichten, flüsterte Philippe Chantal irgendetwas ins Ohr, und Chantal schloss die Augen, schlang den Arm um Philippes Rücken und öffnete die Lippen, als wäre sie im Begriff, einen Laut von sich zu geben, der zu intim für einen solch öffentlichen Ort war. Nico erinnert sich, gedacht zu haben: Ich will sie kennenlernen.

Jetzt sehen die beiden ihn über den Tisch hinweg an, als ob sie auf etwas warten.

»Hast du denn genügend Gigs, um über die Runden zu kommen?«, fragt Nico. Er weiß eigentlich gar nicht, was Philippe macht, musikmäßig.

»Ich habe gestern Abend eine Leadsängerin vorsingen lassen«, sagt Philippe. »Sie war ein echter Hammer.«

»Und deswegen hast du sie gefickt«, sagt Chantal.

Nico hat Chantal noch nie derb reden hören. Schließlich funkeln sich Chantal und Philippe wütend an. Nico denkt: Ich sollte nicht hier sein.

»Ich habe gestern Nacht von dir geträumt«, sagt Philippe. »Du standest mitten auf der Champs-Élysées. Nackt. Ein Haufen Touristen hat dir zugejubelt und Münzen vor die Füße geworfen.«

»Ich habe letzte Woche mit Nico geschlafen«, sagt Chantal zu Philippe.

Nico sieht Philippe an, sagt aber nichts. Damit hat er nicht gerechnet. Was in jener Nacht zwischen ihm und Chantal geschehen ist, war so persönlich, so privat und in sich geschlossen, dass er nie die Möglichkeit in Betracht gezogen hat, sie könnte es Philippe erzählen.

»Kein Problem, Mann. Das nehme ich dir nicht übel. Sie ist heiß. Sieh sie dir an. Man würde meinen, sie ist eine verklemmte Zicke. Aber sie ist echt heiß.«

»Philippe«, sagt Chantal. Ihre Stimme klingt schwermütig.

Nico erinnert sich, wie verblüfft er über Chantals Haut gewesen war. Er hat Chantal an jenem Abend langsam ausgezogen, während das Boot schaukelte und das Licht des Sommermonds durch das Bullauge hereinflutete. Er hatte sich etwas anderes vorgestellt – weiße Haut, unberührt von der Sonne, einen langen, schmalen Körper. Aber ihre Haut war sonnengebräunt und ihr Körper ein Auf und Ab entzückender Kurven. Sie lag auf der Seite, und sie sahen einander an. Obwohl er darauf wartete, dass sie ihm Einhalt gebot, dass sie ihre Meinung änderte und ihn zu gehen bat, gab sie ihm ihr Einverständnis mit ihren wachsamen Augen, ihrem verspielten Lächeln, ihrem Schweigen. Er glitt mit den Fingern über die Rundungen ihres Körpers, vom Nacken über ihre Schulter zu ihrer Taille und Hüfte bis hin zu ihrem ausgestreckten, herrlich langen Bein. Die Landschaft von Chantal, dachte er.

Rachesex, ruft er sich in Erinnerung. Chantal brauchte diese Situation an der Straßenecke heute Morgen nicht, um bestätigt zu bekommen, was sie bereits wusste.

»Erzähl uns von deinem Buch, Nico«, sagt Chantal.

Er sieht sie verblüfft an. Sie schenkt ihm ein gequältes Lächeln. Hat er sie verloren? Natürlich hat er sie verloren. Er hat sie nie gehabt.

»Nicht jetzt«, sagt er. »Heute Abend. Ich werde im La Forêt eine Flasche Champagner bestellen.«

Nico erinnert sich an die Euphorie, die er nach dem Anruf der Lektorin gestern Abend empfunden hatte. Das werde ich Chantal erzählen, hatte er augenblicklich gedacht. Und die ganze lange, unruhige Nacht hatte er sich ihre Freude über seine Neuigkeit vorgestellt. Er stellte sich ihre behutsamen Fragen vor, ihre Bewunderung, ihren neuen Respekt. Er hatte seine Gedichte mit strengster Verschwiegenheit gehütet, und jetzt verspürt er, anstatt den überschwänglichen Stolz zu genießen, den er erwartet hat, ein seltsames Gefühl von Verlust. Hat er gedacht, er könnte sie mit Gedichten erobern? Hat er törichterweise geglaubt, er hätte sie mit einer Nacht Sex bereits erobert?

»Treffen wir uns um sieben?«, fragt sie. Natürlich. Sie treffen sich immer freitags abends. Aber alles hat sich verändert.

Der Kellner kommt und stellt ihre Kaffeetassen auf den Tisch.

»Du sucre«, sagt Philippe. Der Kellner vergisst jedes Mal, Zucker zu bringen.

»Wirst du auch kommen?«, fragt Chantal Philippe, als der Kellner geht.

»Heute Abend? Wer weiß, was dann ist? Bis heute Abend bist du vielleicht mit deinem Amerikaner durchgebrannt«, sagt Philippe.

»Es reicht.« Chantal tut seine Bemerkung mit einer stillen, leichten Handbewegung ab.

Der Kellner schiebt im Vorbeieilen eine Dose Zuckerwürfel auf den Tisch. Philippe wirft drei Stück in seine Tasse. Sie schlürfen alle ihren Kaffee. Nico schaut zu dem jungen Paar am Nebentisch hinüber, das sich jetzt küsst.

Schließlich sieht Chantal zu Nico hoch und sagt: »Champagner wäre schön.«

»Dann um sieben.«

»Ich werde da sein.« Philippe knallt seine geleerte Espressotasse auf den Tisch.

Nico sieht Chantal an. Sie schenkt ihm ein Lächeln, das voller Geheimnisse ist. Für ihn? Er kennt sie nicht, trotz einer Liebesnacht, seit der er sich jeden Tag nach mehr sehnt. Sehnt er sich nach mehr von ihr? Nicht einmal das weiß er. Er ist ein Hochstapler, ein Dichter, der sein eigenes Verlangen nicht versteht. Sehnt er sich einfach nach dem Verlangen? Nein, was er will, ist Liebe, versichert er sich.

»Ich bin Paris leid«, sagt Chantal.

»Warum?«, fragt er.

»Es ist zu laut. Es ist zu grau. Manchmal habe ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.«

Nico sieht sich um. In der Rue de Paradis kann er einen tabac, eine papeterie und einen plombier zwischen den Wohnhäusern versteckt erkennen. Es ist eine Straße wie fast jede andere in Paris, und doch liebt er die Art, wie das Sonnenlicht auf die hohen Fenster der Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert fällt, die Art, wie sich das Café auf die Straße ausdehnt, die Art, wie die Fußgänger vorübereilen, alle gehetzt und voller Ungeduld. Paris hat ihn immer bezaubert, seit er mit achtzehn aus der Normandie weggegangen und nie wieder zurückgekehrt ist. Er mag sogar den unablässigen Regen. Auch heute rechnet er, obwohl der Himmel klar ist, mit einem erneuten Ansturm von Gewittern. Der Regen ist ihm recht – er sorgt an seinen freien Tagen dafür, dass er zu Hause bleibt, schreibt und Jazz hört. Aber natürlich muss Chantal dieses Wetter hassen. Sie ist für den Sonnenschein gemacht.

»Ich fahre nach London«, sagt Philippe. »Im September.«

»Das hast du mir gar nicht erzählt«, sagt Chantal leise.

»Wir haben da einen Gig – ich weiß noch nicht, aber vielleicht werde ich bleiben. Wir können dort ein Demoband aufnehmen. Mein Schlagzeuger hat einen Freund, der uns ein Studio vermitteln kann.«

»Das ist ja toll«, sagt Nico zu ihm.

Philippe funkelt ihn an.

Nico kramt in seiner Hosentasche nach ein paar Euros, um seinen Kaffee zu bezahlen.

Chantal sieht auf ihre Armbanduhr. Während sie Geld aus ihrer Tasche nimmt, sagt sie: »Ich würde lieber irgendwohin ziehen, wo es warm ist. Und sehr grün.«

Philippe wirft ein paar Münzen auf den Tisch und stürmt davon. Seine Kuriertasche knallt gegen seinen Rücken. Er verabschiedet sich nicht.

»Warum hast du es ihm gesagt?«, fragt Nico Chantal.

»Entschuldige.«

»Ich dachte, das geht nur uns beide etwas an.«

»Das tut es nie.«

»Warum nicht?« Er versucht, ihr in die Augen zu sehen, aber sie hält den Kopf gesenkt und schwenkt den letzten Rest Espresso in ihrer Tasse.

»Wir alle bringen immer so viele Leute mit ins Bett. Wir sind nie allein.«

»Er ist stocksauer.«

»Weil ich die Regeln geändert habe. Ich durfte nicht dasselbe Spiel spielen wie er.«

»Und jetzt? Was spielst du jetzt für ein Spiel?«

Chantal sieht auf. Sie streckt eine Hand aus und berührt seine Wange. »Ich weiß nicht. Philippe hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Ich würde gern wieder an die Liebe glauben.«

Sie hatten im Bett noch lange geredet, nachdem sie sich in jener Nacht geliebt hatten. Als Nico ihr von seiner Jugendliebe erzählte, und wie sie sich beide mitten in der Nacht oft von zu Hause weggeschlichen hatten, um auf dem Heuboden der Scheune zu schlafen, hatte Chantal zu ihm gesagt: »Die junge Liebe lehrt dich, wie man lieben soll. Du kannst dich so glücklich schätzen. Die meisten von uns versuchen jahrelang zu lernen, wie das mit der Liebe geht.« Nico weiß, dass Chantal an die Liebe glaubt. Aber sie war an jenem Abend betrunken, sie hat ihren Freund betrogen, und sie will vergessen, was sie beide getan haben.

Sie steht auf und sammelt ihre Sachen ein. Die Tasche über die Schulter geschlungen, geht sie in Richtung métro-Station. Sie sieht noch einmal zurück.

»Ich habe das alles hinter mir«, sagt sie. »Ich bin bereit für das, was dieser Tag bringen wird, egal was.« Sie schenkt ihm ein strahlendes Lächeln, eines voller Hoffnung auf etwas anderes, jemand anderes.

Nico sieht ihr nach. Er versucht, sie so lange wie möglich im Blick zu behalten. Die Sonne versteckt sich hinter einer Wolke, kommt dann wieder zum Vorschein und taucht die Straße in ein neues Licht. Chantal verschwindet im Eingang der métro. Nico zieht das Blatt Papier aus seiner Gesäßtasche und faltet es auseinander. Josie Felton. Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Es ist Zeit.

Josie und Nico

Josie wundert sich, dass ihr Privatlehrer ein Mann ist, dass er jung ist und verblüffend gut aussieht. Sie überlegt, ob sie zurück zu dem Büro in diesem abscheulichen modernen Gebäude gehen und der verwahrlost wirkenden Frau hinter dem Schreibtisch sagen soll, dass sie einen Fehler gemacht hat, dass sie doch keinen Privatlehrer für den Tag will, dass sie zurück in ihr Hotelzimmer gehen und Orangina mit Wodka trinken will.

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