Ana und die Fische - Gerd Pfeifer - E-Book

Ana und die Fische E-Book

Gerd Pfeifer

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Beschreibung

»Dann und wann dauert es eben etwas länger, sagte Dona Regina, als Ana erst elf Monate nach ihrer Hochzeit einen Sohn zur Welt brachte. Einen Sohn?« Geschichten voller unerklärlicher, manchmal magischer Wunder, andere unbequem und kompromisslos! João wünscht sich ein Paar Turnschuhe, um jeden Preis. Ana zieht sich für die Geburt ihres Sohnes in ein einsames Strandhaus zurück und niemand bekommt ihr Kind zu Gesicht. Dalva, das Dienstmädchen steigt zur Muse eines berühmten Malers auf, der eines Tages unter mysteriösen Umständen verschwindet. Und der Großvater von Tassia versucht herauszufinden, warum sich seine Enkelin so sehr verändert hat.

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Seitenzahl: 141

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Gerd Pfeifer

Ana und die Fische

Erzählungen aus Brasilien

Inhalt

Ein Paar Turnschuhe

Ana und die Fische

Die Muse des Malers

Enkelin Tassia

Erste Auflage eBook

© Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2017

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Vera Eizenhöfer

ISBN: 978-3-943999-82-2 (Buch)

ISBN: 978-3-943999-54-9 (EPub)

ISBN: 978-3-943999-61-7 (mobi)

www.ripperger-kremers.de

Über dieses Buch:

»Dann und wann dauert es eben etwas länger, sagte Dona Regina, als Ana erst elf Monate nach ihrer Hochzeit einen Sohn zur Welt brachte. Einen Sohn?« Geschichten voller unerklärlicher, manchmal magischer Wunder, andere unbequem und kompromisslos! João wünscht sich ein Paar Turnschuhe, um jeden Preis. Ana zieht sich für die Geburt ihres Sohnes in ein einsames Strandhaus zurück und niemand bekommt ihr Kind zu Gesicht. Dalva, das Dienstmädchen steigt zur Muse eines berühmten Malers auf, der eines Tages unter mysteriösen Umständen verschwindet. Und der Großvater von Tassia versucht herauszufinden, warum sich seine Enkelin so sehr verändert hat.

Über den Autor:

Gerd Pfeifer war lange weltweit für Banken tätig, bevor er nach seinem Rückzug ins Privatleben mit dem Schreiben begann. Für »Geneviève – Ein französischer Sommer« erhielt er den Preis der Vontobel-Stiftung in Zürich.

Ein Paar Turnschuhe

Das hast du nun davon! Du bist ein Idiot. Ich bin stärker als du und du bist ein Krüppel. Das wusstest du. Auch, dass ich schon immer Nikes haben wollte. Ich hätte die Treter sogar meiner Mutter geklaut, wenn sie welche gehabt hätte. Dabei ist Mãi der einzige Mensch, dem ich ein bisschen vertraue. Wenn sie nicht gerade einen neuen Liebhaber hat. Dem letzten – oder war es der vorletzte – habe ich die Hose geklaut, als er gerade mit meiner Mutter rummachte. Der hat vielleicht blöd geglotzt. Und sein Steifer hat sich gleich zusammengefaltet, als er nichts mehr fand, das er um seinen Pimpel binden konnte. Mãi hat gelacht. Da hat er sie verprügelt, hat ihr einfach in die Fresse geschlagen. Am liebsten hätte ich ihn getötet. Aber er war größer als ich und gerissener. Darum habe ich mich gar nicht erst blicken lassen und bin abgehauen. Aber die Nikes hätte ich meiner Mutter trotzdem geklaut.

Mein Freund, Carlito, warum wolltest du unbedingt die Nikes behalten? Waren sie das wert?

Der Fahrer des Camião hat tatsächlich angehalten. Bloß weil er so einen verkrüppelten Idioten angefahren hat. Na ja, direkt angefahren hat er ihn nicht. Aber immerhin ist Carlito jetzt tot. Ein Krüppel war er schon immer. Hinkte und konnte nicht schnell laufen. Darum war er ein so guter Kumpel. Sie haben immer nur ihn gekriegt, wenn wir flitzen mussten. Einmal hat ihn ein Quebra-Nozes, ein Nussknacker, der im Freien die Paranüsse mit seiner Machete schält, beim Abstauben von ein paar Nozes erwischt und ihm fast ein Ohr abgerissen. Der Krüppel hatte solche Angst, dass ihm auch noch der Mund schief stehengeblieben ist. Seither konnte er nicht mehr richtig sprechen. Aber das steife Bein und der schiefe Mund haben sich gut bei den Turistas gemacht. Wenn wir am Strand gebettelt haben, bekam er immer das meiste Geld. Das war gut, auch wenn er nicht viel davon gehabt hat. Wir haben es ihm immer gleich wieder abgenommen. Was will ein Krüppel schließlich mit dem ganzen Schotter? Gewehrt hat er sich nicht. Was hätte er tun sollen? Wir waren in der Überzahl. Jetzt muss er sich deshalb nicht mehr ärgern.

Jetzt braucht er sich überhaupt keine Sorgen mehr zu machen. Sorgen, wie ich sie damals hatte, als ich der Cassia, dieser kleinen Puta, zum ersten Mal einen zwischen die Beine geschoben habe. Es war wirklich mein erstes Mal. Ich war schon dreizehn und hatte es vorher noch nie gemacht. Und ich Idiot erzähle ihr das hinterher. Sie war ohnehin unzufrieden mit mir.

»Das ist alles?«, hatte sie gefragt und ihren Rock, den sie kurz hochgehoben hatte, wieder fallen lassen. »Mehr hast du nicht drauf?«

Als ich ihr dann erzählte, dass es für mich das erste Mal gewesen war, hat sie gelacht und sich über mich lustig gemacht. Ich habe ihr die Titten verdreht, auf die sie so stolz war. Aber sie war älter und erfahrener als ich. Sie hat ihr Knie in meine Eier gerammt. Ich konnte mich den ganzen Tag kaum noch bewegen. Vor allem hatte ich Angst, dass sie meine Stümperei herumerzählen würde. Ich weiß nicht, ob sie es getan hat. Wahrscheinlich nicht. Aber die Angst hat mir wochenlang in den Knochen gesteckt. Das waren Sorgen, die Carlito sich jetzt nicht mehr machen muss. Ob ihn wohl schon einmal eine Frau rangelassen hat? Vielleicht eine, die auf Krüppel steht. Die dicke Cíntia soll es am liebsten mit Priestern treiben. Sagt sie. Aber vielleicht gibt sie nur an.

Eigentlich war Carlito ein guter Camarada, kein Rival. Er hat mich sogar bewundert und wenn er sich Mühe gab, konnte er den einen oder anderen gedruckten Satz richtig lesen. Er hat mir beigebracht, João, meinen Namen zu schreiben. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Aber gesagt habe ich das nie. Nachher hätte er sich darauf was eingebildet, oder er hätte geglaubt, er sei was Besseres als ich. Schreiben! Wer muss schon schreiben können?

Hätte er heute Morgen bloß nicht diese Schuhe gehabt.

Er wollte nicht sagen, wo er sie abgestaubt hat. Tat geheimnisvoll. Als ob er eine Quelle aufgetan hätte, wo es noch mehr zu holen gibt. Als er angeschlurft kam, trug er sie. Richtig an den Füßen. Er zog den einen Fuß ja schon immer nach. Aber nun musste er wie ein wahrer Krüppel humpeln, denn die Schuhe waren ihm zu klein. Darum hat er sie später wieder ausgezogen, mit den weißen Bändern, die durch die Löcher gezogen werden, zusammengebunden und sich um den Hals gehängt. Jeder konnte sehen, dass er sie geklaut hatte. Das habe ich ihm gesagt, aber er wollte sie mir trotzdem nicht geben. Nicht einmal zum Anprobieren. Er hatte Angst, ich würde sie nicht wieder hergeben. Genau das hatte ich vor. Er kannte mich gut. Immer wieder habe ich ihn gefragt. Richtig gebettelt habe ich. Aber er hat sich trotzdem geweigert.

Schließlich habe ich ihn vor lauter Frust vor den Camião gestoßen. Und der Idiot fällt genau vor die abgenutzten Reifen und lässt sich überfahren. Estúpido. Zum Glück war ich geistesgegenwärtig genug, mir die Schuhe zu krallen und abzuhauen. Jetzt stehe ich hier und muss mit ansehen, wie sie seine Einzelteile unter dem Lastwagen hervorkratzen. Der Fahrer schimpft und verflucht die Garotoes, die Straßenkinder, die hier herumlungern und anständige Leute, wie er sagt, bestehlen und Rio unsicher machen.

Unsicher. Dass ich nicht lache. Hier mitten in Rio ist nichts unsicher. Soll er doch mal in die Vila Cruzeiro, die Favela, kommen, wo meine Mutter ihre zwölf Quadratmeter große Hütte verteidigt. Dann wüsste er, was unsicher ist. Keine drei Tage würde er überleben, obwohl das seit November eine Vorzeigegegend für fotogierige Politiker geworden ist. Ständig kommen dicke Autos vorgefahren, schusssicher und gepanzert. Erst steigen Polizisten und Männer in Schwarz aus, schwere Waffen in den Händen, glotzen durch die Gegend, scheuchen die Einwohner weg, suchen sich ein paar Mädchen aus, stellen sie vor die Hütten. Dann kommt so ein Politiker mit seiner Frau daher und lässt sich fotografieren. Manchmal nehmen sie die Mädchen mit und die kommen dann mit ein paar Geldscheinen am nächsten Morgen zurück. Oder auch nicht. Oder sie kommen wieder, wenn sie schwanger sind. Weil die Politiker und ihre Capangas nichts als Sex im Kopf haben.

Jetzt hat mich der Lastwagenfahrer gesehen. Er zeigt auf mich. Wahrscheinlich erzählt er gerade, dass ich Carlito gestoßen habe. Merda, ich muss abhauen. Die kriegen mich nicht!

Drei Uniformierte verfolgen mich. Kein Wunder! Hier unten haben sie eine große Klappe. Hier laufen ja auch nur Weicheier rum. Und nichts ahnende Touristen. Die einzigen, die freiwillig ein paar Scheine lockermachen. Oder wir holen sie uns abends, im Dunkeln, in einer einsamen Straße. Dann zittern sie vor Angst. Selbst wenn wir nur Spielzeugpistolen haben. Wenn einer von uns obrigado sagt, sind sie glücklich und holen sich neues Geld von der Bank. Die haben immer Geld auf der Bank.

Ich muss schneller laufen. Die Idioten kommen von allen Seiten. Jemand muss die ganze Stadt alarmiert haben. Alles wegen Carlito, dem toten Krüppel. Als der hier noch rumstolperte, hat sich kein Mensch um ihn gekümmert. Und jetzt dieses Theater. Als ob er davon wieder lebendig würde. Oder soll ich mich einfach unter die Touristen mischen und so tun, als ob die mich engagiert hätten? Aber die Schuhe verraten mich. Wer außer mir läuft hier schon mit einem Paar weißer Schuhe um den Hals herum? Aber Wegwerfen kommt nicht in Frage. Dann wäre Carlito ganz umsonst vor die Hunde gegangen. Ich laufe nach oben in die Dona Marta, in die alte Favela, die jetzt ebenfalls eine Touristenattraktion wird.

Bergauf können die Cabos mir nicht folgen. Die meisten sind zu dick. Vollgefressen. Von dem Geld, das sie uns abnehmen. Falls sie uns kriegen. Mich fassen die nicht.

Jetzt kommen auch noch die Pacis, die Leute von der Polícia Pacificadora, der Befriedungspolizei aus der Dona Marta, um mich zu fangen. Dona Marta ist neuerdings bunt angemalt und die Bosse sind freiwillig gegangen und haben hundert Meter weiter oben eine neue Zentrale eingerichtet. Ich weiß es. Meine Mutter verteilt die Drogen für sie.

Da oben muss ich hin. Die neue Favela ist verbotenes Gelände für Uniformierte. Da regieren wir. Oder vielmehr unsere Comandantes. Ich war lange nicht mehr da oben. Hoffentlich kennen mich meine Leute noch.

Scheiße! Sie kennen mich nicht!

João bleibt stehen. Er ist außer Atem, sieht sich um. Auch die Pacis sind stehengeblieben. Weiter hoch trauen sie sich nicht. Hier oben regiert Lôbo Guzmão; der hat Joãos Vater verschwinden lassen, als er Maria, Joãos Mutter, den Umgang mit den Drogenbossen verbieten wollte. João hat den Comandante nur ein paar Mal aus der Ferne gesehen, wenn er in seinem großen Auto durch den nassen Dreck hochgefahren wurde und die Hütten, die ihm im Wege standen, einfach umgenietet hat. Seine Mutter kennt ihn persönlich. Erzählt sie jedenfalls den Nachbarinnen. Aber mit ihm geschlafen hat sie nicht. Glaubt João.

Jetzt stehen seine jugendlichen Hilfstruppen über João auf dem Hügel und verweigern ihm den Zutritt zu der neuen Favela.

Er verhandelt mit ihnen, zeigt auf die Uniformierten, die darauf warten, dass er wieder umkehrt und ihnen in die Arme läuft. Aber die Kinder – sicher nicht älter als er, nur in der Überzahl und bestimmt nicht weniger skrupellos – lachen nur und schreien:

»Gib uns die Schuhe!«

Aber das will er nicht. Es wäre eine Niederlage. Und Carlito wäre umsonst krepiert.

Er schüttelt den Kopf und steigt langsam nach oben. Die Polizisten unter ihm rufen und fordern ihn auf, zurückzukommen. Er solle sich nicht mit den Kindern über ihm anlegen. Die Kinder bewaffnen sich mit Steinen. Sie drohen ihm. Er bleibt stehen. Er sitzt in der Falle und weiß es.

Ein Stein fliegt auf ihn zu. Zu kurz. João geht ein paar Schritte weiter in ihre Richtung. Sie werden ihn nicht verletzen. Nicht ernsthaft. Er ist doch einer von ihnen.

Dann trifft ihn ein Stein an der Schulter. Es reißt ihn herum. Er stolpert und fällt. Die Kinder lachen.

Die Polizisten stehen auf sicherem Gelände und sehen von unten zu. Machtlos. Gleichgültig.

João steht auf, schüttelt sich. Er ist wütend. Hilflos steht er da, verwirrt zwischen oben und unten.

Wenn der Weg bis zum Anführer über ihm nicht so steil wäre, würde er sich mit ein paar Schritten auf ihn stürzen und mit ihm kämpfen. Er ist erfahren in Prügeleien mit Gleichaltrigen. Ohne brutale Siege hätte er nicht überlebt. Nicht hier. Aber ein Angriff von unten ist aussichtslos.

Wieder trifft ihn ein Stein. Er flucht und droht. Aber die Bande über ihm lacht nur.

Dann steigt er einfach weiter hinauf. Die Kinder werfen Steine. Die meisten fliegen vorbei. Oder er kann ihnen ausweichen. Fast hat er die Clique erreicht. Da trifft ihn ein Stein am Kopf. Ein großer Brocken. Er ist benommen, fällt, bleibt liegen. Immer mehr Steine treffen ihn. Er nimmt es kaum noch wahr, kann sich, will sich nicht mehr bewegen.

»Hört auf!«, sagt eine helle Knabenstimme.

Murmeln. Unwille. Protest.

Der kindliche Anführer nestelt an seinem Gürtel, zieht einen alten Revolver hervor, prüft die Trommel, wendet sich dem Jüngsten der Gruppe zu:

»Fábio, du bist an der Reihe.«

Er überreicht ihm die Waffe.

»Entsichern und abziehen!«

Die helle Stimme ist verhalten, unaufgeregt. Nichts Besonderes, suggeriert sie dem Kleinen, der mit der Waffe im Anschlag den Hügel herabsteigt. João bewegt sich nicht. Seine Augen flattern. Er begreift nicht, was geschieht. Die Polizisten schauen zu. Der Kleine bleibt stehen, zielt, schießt. João wird am Oberschenkel getroffen. Die Gruppe über ihm johlt. Der nächste Schuss geht daneben. Der dritte trifft seinen Kopf. Die Kinder beglückwünschen den Schützen. Er holt sich die weißen Schuhe und steigt wieder zu seinen Kameraden hinauf. Sie lachen und verschwinden hinter den Hütten.

João lebt noch.

Die Polizisten steigen den Berg hinab, zurück in die sichere Favela, die für die ausländischen Touristen geöffnet ist. Mit der künstlerischen Bemalung der zwei Holländer wird sie in wenigen Monaten ein Paradies für Gaffer sein, die jeden Augenblick erwarten, dass gleich für sie geschossen wird. Natürlich nicht auf sie.

Eine Stunde vergeht. Die Sonne brennt. Niemand hat sich um die Schüsse gekümmert. Es ist gesünder, nichts zu hören, nichts zu sehen.

Ein kleines Mädchen, drei oder vier Jahre alt, kommt hinter den Hütten hervor. Sie singt. Zwei Meter über Joãos Kopf hockt sie sich hin. Neugierig beobachtet sie seine Lippen, die sich lautlos bewegen, und lacht über seine ziellos rollenden Augen. Ihr Wasser läuft als dünnes Rinnsal an Joãos Haaren vorbei. Dann steht sie auf, streicht mit schmutzigen Händen über den zerlumpten Stofffetzen, den ihre Mutter Kleid nennt, und hüpft fröhlich den Hügel hinauf.

João lebt noch eine halbe Stunde. Dann stirbt er. Morgen wird ihn der Regen mit dem anderen Müll ein paar Meter weiter nach unten spülen. Die Fliegen werden kommen. Der Gestank und neuer Dreck.

Ana und die Fische

Ana wohnt nicht mehr in der kleinen Stadt am großen Fluss. Lange bevor ihr Sohn – oder wer immer das greinende Wesen in dem weißen Bündel gewesen sein mochte – spurlos verschwand, kaufte sie ein Haus an der Strandpromenade des alten, verfallenden Badeortes, der vor fast einem Jahrhundert den Wohlhabenden der Hauptstadt als Sommerresidenz diente, und erklärte ihn zu ihrem ständigen Wohnsitz.

Das Haus besitzt geschnitzte Türen und bunte Glasfenster und die Architektur erinnert an den europäischen Jugendstil. Leicht abgewandelt und mit mehr als zehn Jahren Verspätung hatte er im damals noch aufblühenden Pará für Aufsehen gesorgt. Heute machen die brasilianischen Fremdenführer auf diese Häuser im Stile des Art nouveau aufmerksam, um mit einem gewissen Stolz daran zu erinnern, dass wenigstens die Arrivierten des Landes bereits vor hundert Jahren wussten, was Wohnkultur ist. Die ausländischen Besucher wundern sich dann und fragen – um die kulturelle Vermessenheit der nördlichen Provinzen Brasiliens in ihre Schranken zu weisen – mit einer nicht zu überhörenden Süffisanz nach dem Wohlergehen der Indios, deren Stammesnamen sie kennen, aussprechen und buchstabieren können, und von denen die Einwohner Parás noch nie etwas gehört haben.

Der altmodische Badeort, in dem nur noch gelegentlich neue Strandhäuser gebaut werden, aber viele Ferienwohnungen leer stehen, liegt nicht unmittelbar am Atlantik. Das scheint nur so, weil der Fluss hier so breit ist, dass bei gutem Wetter bestenfalls die sumpfige Insel inmitten des Stroms, nicht aber das jenseitige Ufer zu sehen ist. Bei Ebbe, deren Wirkung bis weit in den Fluss hineinreicht, ist der weiße Sandstrand mit den vertrocknenden Palmen zweihundert Meter breiter und ein paar schwarze, zerklüftete Felsen, an denen ungeübte Brandungsschwimmer sich Füße und Rücken verletzen können, werden sichtbar. Die rot gebrannten Europäer, die über die angeborene Hautfarbe der tiefbraun gefärbten Strand-Gigolos rätseln und bei auflaufender Flut schwimmen gehen, staunen über den geringen Salzgehalt des vermeintlichen Meerwassers. In Wirklichkeit planschen sie im großen Fluss.