Anders ermittelt – Mord beim ESC - Thomas Mohr - E-Book

Anders ermittelt – Mord beim ESC E-Book

Thomas Mohr

0,0

Beschreibung

Ein schwieriger Fall für den Hamburger Kommissar Anders Lövgren: Er ermittelt vor der Kulisse der größten Unterhaltungsshow der Welt, dem Eurovision Song Contest (ESC). Es gilt die höchste Sicherheitsstufe für die drei Shows, die in der Hansestadt produziert werden: zwei Semifinals und das große Finale am Samstag. Während der ersten Live-Sendung passiert das Unfassbare: Auf der Bühne explodiert ein Sprengsatz. Die Moderatorin der Show kommt dabei ums Leben. War es ein Unfall? Ein Attentat? Getreu dem Motto „The show must go on“ läuft der ganze Wettbewerb weiter. Kommissar Andres Lövgren findet schnell heraus, dass der Anschlag nicht dem tatsächlichen Opfer gegolten hat, sondern dem schwedischen Superstar Lissi Sander. Die Sängerin entgeht weiteren Anschlägen nur knapp; für sie besteht höchste Lebensgefahr. Alles läuft auf einen großen Showdown während des Finales am Samstagabend hinaus, das 200 Millionen Menschen live vor dem Fernseher verfolgen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alle Personen, Songtitel und -texte sind frei erfunden. Einige historische Bezüge sowie die angeführten Beispiele für Korruption, Regelbrüche und daraus folgende rechtliche Konsequenzen sind fiktiv. Bislang gab’s auch keine Drohnen auf der Bühne. Aber das ist doch eigentlich ’ne ganz geile Idee, oder?

Erste Auflage Mai 2018

Lektorat: Rainer Hörmann

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale. Verantwortlich für das Umschlagfoto, die Grafiken auf den Seiten 264-267 sowie das Autorenporträt: Cmok3

ISBN 978-3-89656-648-5

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Kapitel 1

Der Blick auf die Uhr machte Anders schlechte Laune. Er war spät dran. Das ärgerte ihn. Ungeduldig schaute er aus dem Fenster. Doch er sah nur die schwarze Wand des U-Bahn-Schachtes. Noch war keine Station in Sicht. Anders bemerkte nur einen Schmierfilm unbestimmbarer Konsistenz auf der Scheibe, in der sich sein genervter Gesichtsausdruck spiegelte. Normalerweise versuchte Anders öffentliche Verkehrsmittel zu meiden. Er bevorzugte das vertraute Innere seines geliebten Oldtimers. Doch heute Nachmittag musste es unkompliziert und schnell gehen. Deswegen hatte er seinen knapp anderthalb Tonnen schweren Mercedes, Baujahr 1975, in der Garage hinter seinem Wohnhaus stehen lassen. Dort war er besser aufgehoben als mitten in der City.

Beim nächsten Halt musste er aussteigen. Eine Frauenstimme kündigte die Umsteigemöglichkeiten bei der Station Rathaus in deutscher und englischer Sprache an. Wenn er sich sehr beeilte, würde sich seine Verspätung im Rahmen halten. Aber warum sollte er sich überhaupt so unter Druck setzen? Immerhin war er gerufen worden. Kurzfristig. Ohne Vorwarnung. Er stand auf, um sich eine gute Position zum Aussteigen zu verschaffen. Eine Gruppe von fünf Männern, die sich lautstark auf Spanisch unterhielten, versperrte ihm den Weg zur Tür. Alle trugen knallenge Jeans und weiße T-Shirts mit der spanischen Flagge auf der Brust. Anders räusperte sich hörbar, sodass die Männer verstummten und spontan eine Schneise bildeten, durch die er zur Tür gelangen konnte. „Caramba!“, rief einer der Männer und musterte ihn anerkennend von oben bis unten. „¡Hola, guapo!“, sagte der Zweite und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter, als er ihn passierte. Der Spanier zog die Hand schnell weg, als Anders ihm einen bösen Blick zuwarf.

Anders wusste, wie er auf Frauen und Männer wirkte. Er war groß, blond und breit. Je nach Blickwinkel wurde seine kraftvolle Erscheinung für attraktiv oder einschüchternd gehalten. Anders genoss beides. Heute hatte er eine eng geschnittene, recht kurze, braune Lederjacke angezogen, die seine breiten Schultern betonte. Drunter trug er ein leicht zerknittertes, dunkelblaues Hemd. Dazu blaue Jeans und braune Lederschuhe. Anders war gerade einmal zweiunddreißig Jahre alt und vor Kurzem als jüngster Polizist der Stadt zum Hauptkommissar befördert worden. Als die U-Bahn am Hamburger Rathaus hielt, öffnete Anders die Tür. Beim Aussteigen schubsten ihn die Spanier ungeduldig von hinten. Offenbar waren auch sie in Eile. Auf der Plattform blieb Anders stehen und baute sich mit seinen 1,93 Meter vor den Dränglern auf, setzte einen ernsten Blick auf und blickte böse auf die deutlich kleineren Spanier herab.

„Immer locker bleiben!“, brummte er mit gespielter Ernsthaftigkeit und deutete auf seine Polizeimarke, die er mit einem Augenzwinkern ein Stück weit aus seiner Hosentasche zog. Als die irritierten Spanier endlich begriffen, was sie sahen, war Anders schon lächelnd weitergezogen und hörte in seinem Rücken hysterisches Gekreische. Der bärtige Wortführer der Gruppe rief ihm „Arrest me – please!“ hinterher.

Der quadratische Platz vor dem Rathaus war mit Gattern abgesperrt. Anders bahnte sich seinen Weg durch die Menschenmassen, die sich vor den Absperrungen drängten. Bei den meisten handelte es sich um einheimische Schaulustige. Für Anfang Mai war es erfreulich warm. Einige Passanten machten es sich spontan bequem, um neugierig das Spektakel zu verfolgen, das sich auf dem Rathausmarkt ankündigte. Noch war der rote Teppich, der ins Rathaus führte, menschenleer. Mitarbeiter des örtlichen Fernsehsenders testeten einen sehr beweglichen Kran, auf dem eine Kamera montiert war. Anders suchte nach Auffälligkeiten und bemerkte, dass an der rechten Seite des Platzes in der Nähe des Antikriegsdenkmals eine Hundertschaft seiner uniformierten Kollegen eine kleine Gruppe von Demonstranten abschirmte.

Auf dem Weg dorthin erkannte er, dass es sich bei den Demonstranten um Araber handelte. Die bärtigen Männer trugen traditionelle Gewänder, schrien wütend Parolen und hielten Banner in die Luft, die mit arabischen Buchstaben bemalt waren. Unwillkürlich musterte Anders jeden einzelnen. Dann klopfte er einem Polizisten auf die Schulter, zeigte seinen Ausweis und fragte nach dem Grund der Demonstration. Der Angesprochene zog ahnungslos die Schultern hoch und sagte: „Weeß ick nich. Muss ick och nich wissen.“ Offenbar waren sogar Bereitschaftszüge aus Berlin angefordert worden. Die Gelassenheit des Kollegen deutete darauf hin, dass er noch nicht von der neuen Lage in Kenntnis gesetzt worden war.

Die Araber bemerkten gar nicht, dass sich ihretwegen auch eine Gegendemonstration gebildet hatte. Denn vor den Polizisten und den abgeschirmten Demonstranten hielten drei ältere Herren in farblosen Funktionsjacken selbstgemalte Plakate in die Luft und warfen böse Blicke in Richtung der dunkelhäutigen Männer. „Haut ab!“, schrien sie. Ihre Transparente waren mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert und trugen das Logo einer rechtsextremen Partei.

Die mobile Leitstelle der Polizei lag im Innenhof des Rathauses. Umgeben von den prächtigen Fassaden im Stil der italienischen Renaissance hatten die Beamten vom Hof aus zwar keinen direkten Blick auf das Geschehen vor dem Rathaus, jedoch unmittelbaren Zugriff gleichermaßen auf die Kameraüberwachung des Rathauses wie auf die Bilder des TV-Teams, das seinen Ü-Wagen gleich nebenan aufgestellt hatte. Am Nummernschild erkannte Anders auf Anhieb den schwarzen Lieferwagen der Einsatzleitung. Er klopfte gegen die Tür, öffnete sie und stieg die drei Stufen hinauf.

Der Wagen war so groß wie ein geräumiges Wohnmobil. Die ganze Seitenwand des Transporters war vollgestopft mit Technik: Rechner, Funkgeräte, Pulte mit Knöpfen und Reglern. In dem Raum roch es nach abgestandenem Kaffee. Ohne den Neuankömmling zu beachten, verfolgten drei Beamte konzentriert die Bilder, die auf insgesamt vier Monitoren gezeigt wurden: der Rathausmarkt aus allen Perspektiven. Man konnte erkennen, dass sich die Freiflächen rechts und links des roten Teppichs mit Personen füllten.

„Ach, wen haben wir denn da – endlich!“, begrüßte ihn eine ihm bestens bekannte weibliche Stimme. Aus dem Führerhaus des Wagens trat eine schlanke Frau mit dunklen, mittellangen Haaren. Sie war mit zwei goldenen Sternen auf den Schulterklappen ihrer dunkelblauen Uniform die Person mit dem höchsten Dienstgrad in dem Wagen. Die Chefin schaute noch einmal provozierend auf ihre Uhr, um anzudeuten, dass sie bereits lange wartete. Mit Gabriela Donkovic hatte Anders schon an vielen Stationen seiner Karriere zusammengearbeitet. Mittlerweile vertrauten beide einander bedingungslos. Dabei hatten sie einen schlechten Start gehabt. Bei Anders’ erster Station, im Drogendezernat, hatte sie ihn aufgrund seiner Furchtlosigkeit für einen Schläger gehalten, der die Polizei als Tarnung nutzt, um sich mit anderen Männern zu prügeln. Er hatte sie seinerseits wegen ihres Geschlechts unterschätzt. Erst nachdem beide gemeinsam in einer heiklen Mission einen korrupten Vorgesetzten enttarnt hatten, nahmen sie einander ernst.

„Schatz, was willst du von mir?“, fragte Anders und ignorierte die Anspielung auf seine Pünktlichkeit. Er setzte sich auf einen Stuhl und streckte gelassen seine langen Beine aus. „Ich hatte doch explizit gesagt, dass ich nichts mit diesem Eurovisionskram zu tun haben will. Solange kein Mord passiert.“ Anders arbeitete seit seiner letzten Beförderung in der Mordkommission.

„Anders, wir sprechen hier über eine Terrorwarnung. Ich brauche dich.“

Anders merkte, dass Gabriela gerade nicht nach Scherzen zumute war. „Worum geht es genau?“, wollte er schließlich ohne ironischen Unterton wissen.

„Die Informationen stammen von einem ausländischen Geheimdienst. Es sind neue Erkenntnisse. Wir gehen jetzt von einer erhöhten Bedrohungslage aus.“

„Was soll das heißen?“, fragte Anders.

„Tja, wenn ich das wüsste!“, Gabriela zuckte ratlos mit den Schultern.

„Ein Einsatzkommando ist auf dem Weg. Der Einsatzleiter wird mir hier ein Briefing geben. Wir haben den Auftrag, bis dahin alles im Blick zu behalten und verdächtige Entwicklungen zu beobachten.“

„Okay!“, Anders nickte. „Wie gefährlich ist es?“

„Schwer zu sagen. Unsere Dienste hatten bislang keine Hinweise auf eine terroristische Gefahr. Das war die Grundlage unserer Planung. Terror war hier generell noch überhaupt kein Thema. Jetzt stehen wir aber vor einer vollkommen neuen Situation. Ich muss erst mit dem Leiter des Sondereinsatzkommandos sprechen, um eine neue Gefahreneinschätzung zu machen.“

„Alles klar! Was ist mein Job dabei?“

„Du wirst schnell sehen, der Empfang im Rathaus ist nicht so gesichert wie der Veranstaltungsort am Messegelände. Wir haben die Anziehungskraft dieser Veranstaltung offensichtlich unterschätzt. Es handelt sich schließlich nur um einen Willkommensempfang des Bürgermeisters. Außerdem wurde die Veranstaltung wegen eines Staatsbesuchs kurzfristig von Sonntag auf Montag verschoben, was uns die Arbeit auch nicht gerade erleichtert. Alle vierzig Teilnehmer des Eurovision Song Contest werden erwartet. Das Sicherheitskonzept sieht nur recht lasche Personenkontrollen für die Zuschauer am roten Teppich vor. Das heißt, es gibt Sichtkontrollen, aber keine Scanner oder Sicherheitsschleusen.“

„Ach, du Scheiße!“ Damit hatte Anders offenbar nicht gerechnet. „Wenn ich richtig gelesen habe, handelt es sich um die größte TV-Show der Welt. War doch klar, dass da viel los ist. Was sagt denn das Sicherheitskonzept? Dein Sicherheitskonzept?“ Gabriela hatte als Stellvertreterin des Polizeichefs das Sicherheitskonzept geschrieben.

„Es war in den letzten Jahren Usus, dass der Zugang zum roten Teppich von privaten Sicherheitsunternehmen kontrolliert wird – wie bei jeder anderen Großveranstaltung auch. Wir wurden von den politischen Demonstrationen überrascht. Dadurch fehlen uns schon jetzt effektiv einhundert Mann. Und nun auch noch die Terrorwarnung!“ Gabriela ärgerte sich offensichtlich, bei der Planung von vollkommen falschen Voraussetzungen ausgegangen zu sein.

„Und was wollen die Demonstranten?“ Anders griff nachdenklich in seinen blonden Bart.

„Kurz gesagt: dass alle muslimischen Länder nicht an dieser westlichen Veranstaltung teilnehmen. Eigentlich ein Witz, weil weder Türkei noch Aserbaidschan im Wettbewerb dabei sind. Und die Teilnehmer aus Bosnien und Albanien sind orthodoxe Christen.“

„Interessant“, grummelte Anders in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass er log.

„Die einzigen Moslems sind ausgerechnet im deutschen Team. Unsere Beate Sommer tritt mit einem Flüchtlings­chor auf.“

„Flüchtlingschor?“

„Vier anerkannte Asylbewerber singen in ihrem Background: ein Mann und eine Frau aus Syrien, außerdem ein Afghane und ein Flüchtling aus Eritrea.“

„Herrjeh!“, stöhnte Anders und starrte auf einen der Bildschirme im Wagen. Er hatte mit voller Absicht zwei Wochen Urlaub eingereicht, um zu vermeiden, beim Eurovision Song Contest eingesetzt zu werden. Eigentlich hatte er in der freien Zeit an seiner Fitness arbeiten wollen. Dieser Plan war jetzt über den Haufen geworfen worden. Scheiß Personalmangel, dachte er sich. Gabriela umriss kurz Anders Aufgabe: Er solle sich in Zivilbekleidung unter die Fans mischen, die Lage beobachten und die Veranstaltung sichern, bis das Einsatzkommando vor Ort war.

„Warum ist denn überhaupt jetzt am Montag schon so viel los? Die große Show ist doch erst am Samstag!“, wollte Anders wissen.

„Anders, du hast ja offensichtlich gar kein Briefing gelesen!“

„Ich habe Urlaub!“, verteidigte er sich mit gespielter Empörung.

Gabriela erklärte Anders, dass am folgenden Tag das erste und am Donnerstag das zweite Semifinale stattfinden und weltweit übertragen würden. Und dass Deutschland zusammen mit vier anderen großen Ländern – Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien – automatisch für das Finale am Samstag qualifiziert wären.

„Okay, aber warum stehen dann schon heute so viele Leute vor dem Rathaus?“

„Eigentlich geht alles um den roten Teppich, über den alle Teilnehmer laufen. Das ist die Show heute. Sie wird live im Fernsehen übertragen. Journalisten beobachten das. So wie Tausende Fans aus ganz Europa! Auch das ist im übrigen Tradition beim ESC.“

„Es wird im Fernsehen übertragen, wenn vierzig überwiegend unbekannte Leute über einen Teppich laufen? Das verstehe ich nicht!“

„Freu dich über deine erste Lektion heute. Du begreifst sie sicherlich, mein Lieber! Sieh es als Aufgabe: Du wirst dir in den nächsten Tagen erarbeiten, was den Reiz dieser Show ausmacht!“ Die letzte Aussage betonte sie so übertrieben, dass auch die Kollegen vor den Bildschirmen die Ironie verstanden. „Wie gesagt: Wir brauchen dich.“ Jetzt war Gabriela wieder ganz ernst. „Auch wegen deiner sprachlichen Fähigkeiten!“

Gabriela spielte darauf an, dass Anders neben Englisch als Sohn eines Schweden auch noch fließend Schwedisch sprach. Als Einziger seiner Schule hatte er sein Auslandsjahr in Russland verbracht und beherrschte darum zusätzlich Russisch.

„Besorgt euch doch einen Dolmetscher!“, protestierte Anders.

„Wir finden aber einfach keinen, der so hübsch ist wie du!“, lachte Gabriela. Sie hatte vor Jahren versucht, Anders näher zu kommen, war aber gescheitert. Aus alter Gewohnheit machte sie ihm immer noch Komplimente.

„Auch das ist sexuelle Belästigung!“ Anders wischte trotzig und auch ein wenig verlegen eine blonde Strähne hinters Ohr. Weil er begriffen hatte, dass weiterer Widerstand zwecklos war, erhob er sich von seinem Stuhl. Wegen seiner überdurchschnittlichen Größe musste er in dem Wagen beim Zusammenpacken der Ausrüstung den Kopf einziehen. Seine Waffe und seine Schutzweste verdeckte er mit seiner Lederjacke, deren Reißverschluss er bis oben zuzog. Er legte sich das Headset an, über das er Funkkontakt mit Gabriela hielt, stellte die richtige Frequenz ein und machte sich auf den Weg zu seinem Einsatz. Er verließ den Innenhof und ging an der Seite des Rathauses entlang zum Marktplatz. Ihm war etwas mulmig zumute, weil er gar nicht wusste, was ihm bevorstand. Noch wirkte alles um ihn herum überaus friedlich. Bei der Kontrolle zum roten Teppich warteten zwei Fans vor ihm, die von tatsächlich nur einem Kontrolleur überprüft wurden. Anders war schnell an der Reihe.

Der Security-Mann warf einen Blick auf den Ausweis, der Anders Zugang zum Fan-Bereich vor dem roten Teppich verschaffen sollte, und zögerte irritiert. Der uniformierte Glatzkopf verglich nun noch einmal ausführlich Anders’ Gesicht mit dem Bild auf dem Ausweis.

„Gibt’s Probleme?“, fragte Anders humorlos nach. Er hatte von Gabriela zur Tarnung einen auf ihn ausgestellten Ausweis des örtlichen Eurovision-Fanclubs erhalten.

„Du bist ein Fan?“, fragte der Security-Mann misstrauisch nach. Er deutete auf die Menschen, die entlang des roten Teppichs um die besten Plätze drängelten und anschließend auf Anders, der gar nicht begriff, warum seine falsche Identität schon beim ersten Test infrage gestellt wurde. Anders verzog genervt das Gesicht und deutete auf seinen Polizeiausweis, den er zum zweiten Mal heute ein Stückchen aus der Tasche ziehen musste. Der Security-Mann nickte verschwörerisch und ließ Anders passieren.

„Na, das klappte ja schon mal fantastisch!“, lästerte Anders in das verborgene Mikro in seinem Hemdkragen, durch das er per Funk mit Gabriela in der Einsatzzentrale verbunden war. „Sei doch froh!“, antwortete sie prompt. „Unser Sicherheitskonzept funktioniert besser, als du dachtest!“ Anders zuckte kurz zusammen, weil Gabrielas Stimme viel zu laut aus seinem Ohrhörer drang. Mit einem Handgriff reduzierte er die Stärke des Signals.

Anders versuchte, sich zu orientieren. Der rote Teppich war stattliche hundert Meter lang – auf beiden Seiten mit brusthohen Gattern gesichert. Die Sicherheitszone, in der er sich jetzt befand, wurde ausschließlich von privaten Securitys bewacht. Die Polizisten behielten die Lage jenseits der Zäune im Blick. Die Limousinen mit den Künstlern hielten am Anfang des Teppichs. Dort wurden die Stars – für jedermann sichtbar auf einer Bühne – von zwei Moderatoren erwartet, die sie dem Publikum mit einem Interview vorstellten. Das Treiben vor dem Rathaus wurde von insgesamt vier Kameras gefilmt und auf eine große Leinwand übertragen. Von der Bühne aus führte der rote Teppich bis zum Eingang des Rathauses. Der Weg war gesäumt von Journalisten, die auf der linken Seite auf Interviewmöglichkeiten hofften, und von Fans auf der rechten Seite, die laut johlend mit Fahnen ihres Heimatlandes auf sich aufmerksam machten und um ein Autogramm oder ein Selfie mit ihrem Star flehten.

„Warum sind hier denn nur Männer?“, tuschelte Anders in sein Mikro und scannte ungläubig die Menschenmasse vor seinen Augen.

„Warum irritiert dich das?“, fragte Gabriela mit ironischem Unterton. „Beim Fußball sind doch auch überwiegend Männer!“ Anders besaß eine Dauerkarte für den HSV. Er schwänzte aber die meisten Spiele, weil das Team an chronischer Erfolgslosigkeit litt.

„Hier ist es aber anders!“, brummte er ins Mikro und setzte sich in Bewegung, um in der Masse unterzutauchen. Er suchte einen Platz direkt am Gatter, um von dort optimal den ganzen Teppich überblicken zu können. Überrascht stellte er fest, dass das Gatter über die gesamte Breite der hundert Meter von den Fans belagert wurde mit einer Körpersprache, die deutlich signalisierte, dass niemand vorhatte, in den folgenden Stunden auch nur einen Zentimeter zur Seite zu weichen. Diese Plätze waren wohl hart erkämpft und würden unter keinen Umständen für andere freigegeben werden. Anders selbst stand aussichtslos hinter einem dichten Pulk von Menschen. Von hier aus hatte er gar keinen Überblick. Selbst unauffällig in die zweite oder dritte Reihe zu gelangen, bedeutete harte Arbeit.

Na toll, jetzt darf ich wie ein Teenager um den besten Platz kämpfen, dachte sich Anders und machte sich auf ins Getümmel. Zuerst schob er einen feingliedrigen Mittzwanziger zur Seite, der seinen ganzen Körper in die Flagge Zyperns gehüllt hatte. Vor ihm bildeten nun drei stämmige Männer in Schottenröcken einen Block. Sie dünsteten Bier aus und sangen einen melancholischen Schlager. Dabei schwangen sie ihre Arme in einer einstudierten Choreografie. Ihre Hände waren in Puschel gewickelt, wie sie üblicherweise von Cheerleadern getragen wurden. Auf dem Handschmuck der Schotten prangte unübersehbar der rot-weiß-blaue Union Jack – genauso wie auf den gewaltigen Hüten und auf den engen Trikots. Mit diesen Jungs hab ich ein leichtes Spiel, dachte Anders und steuerte selbstbewusst auf die Formation zu, um sie zu durchbrechen und so einen erheblichen Raumgewinn zu erzielen. Doch er hatte sich absolut verschätzt. Je näher er dem Schotten-Block kam, desto mehr schoben sich die Massen zu einer undurchdringlichen Wand zusammen, ohne dabei ihre Choreografie aus den Augen zu verlieren. Ohne Anwendung roher Gewalt war hier kein Durchkommen. Auch rechts und links des Blocks hatten andere Fans die Wege versperrt.

„So wird es nie was!“, krächzte eine raue Stimme direkt in sein Ohr. Anders trat ein Stück zur Seite, um zu begutachten, wer ihn da ansprach. Vor ihm stand ein Mann seiner Größe in Jeans und Fleeceshirt. Er lächelte schüchtern und hob entschuldigend die Schultern. Dann traute er sich, das Gespräch mit Anders fortzusetzen: „Wir haben uns das Treiben einen Augenblick angeschaut“, sagt er mit leiser Stimme. Dazu nickte er aufmunternd, als wollte er sagen: Du schaffst das schon! „Der Weg nach ganz vorn ist schwierig!“, fügte er freundlich hinzu.

„Wer sind wir?“, wollte Anders wissen und musterte sein Gegenüber misstrauisch, bis er entdeckte, dass der Typ eine Handpuppe trug: einen schwarzen Vogel mit rotem Schnabel.

„Bist du blind?“, sagte nun eine krächzende Stimme. „Wir sind doch zwei!“ Der Rabe bewegte dazu seinen Schnabel, die Worte kamen aber aus dem Mund des fast kahlköpfigen Mannes. Offenbar kommunizierte der Mann wahlweise als er selbst oder als Rabe. Er beherrschte allerdings nicht die Technik des Bauch­redens.

„Das ist“, Anders rang um Fassung „offensichtlich. Ihr seid zu zweit! In der Tat!“

„Folge mir!“, sagte nun der Mann. „Ich demonstriere dir, wie du die schottische Festung hinter dir lässt!“

„Vielen Dank für die freundliche Unterstützung. Aber ich komme schon allein zurecht“, sagte Anders. Er hatte nicht vor, sich von diesen schrägen Vögeln helfen zu lassen. Es konnte ja wohl nicht so schwierig sein, eine Menschenmenge zu durchqueren. Anders unternahm einen weiteren Angriff auf den britischen Block. Als er einen der Kerle fest an der Schulter packte, warf dieser ihm einen bösen Blick zu, wandte sich ab und – wie von Zauberhand gelenkt – verschloss die kurz aufgerissene Lücke erneut. Anders erwog, seine Kenntnisse im Kampfsport einzusetzen, um die Kerle ordentlich zu vermöbeln, verwarf diese Idee jedoch.

Amüsiert wurden seine vergeblichen Mühen von dem Mann mit dem Raben beobachtet. Er hob den Zeigefinger, wie um Anders zu signalisieren: So geht es! Er ging auf den außen stehenden Engländer zu, schob bestimmt seine rechte Schulter nach vorn und presste seinen massigen Körper in die sich auftuende Lücke. Mit einem Winken signalisierte er Anders, ihm zu folgen.

„Du musst dich zu einem Teil der Masse machen!“, dozierte der Fan, während er seinen Körper immer weiter schob. Anders folgte ihm widerwillig und presste seinen Körper zwischen die britischen Hinterteile und eine gesichtslose Masse in deren Rücken. „Go with the flow“, krächzte sein Reiseleiter nun, während der Rabe seinen Schnabel dazu bewegte. Und nach einem weiteren Schubser spuckte die Masse Anders und seinen Begleiter, beziehungsweise seine beiden Begleiter, in der zweiten Reihe hinter dem Gatter aus – mit bestem Blick in beide Richtungen, zu den Künstlern auf dem Teppich wie gleichermaßen auf die Fans hinter dem Zaun.

„Vielen Dank!“, sagte Anders kurz und wandte sich ab. Doch der Mann im Fleeceshirt ließ nicht locker. „Nach diesem Gemeinschaftserlebnis ist es an der Zeit, sich einander vorzustellen, denke ich!“, prustete der Fan heraus – noch atemlos von dem Erlebten. „Ich bin Gunnar aus Bochum! Und er hier trägt den Namen Khan!“ Er deutete auf den Raben, der die Aufmerksamkeit mit heftigem Nicken quittierte.

„Sehr freundlich!“, bedankte sich Anders zum zweiten Mal und wandte sich abermals ab, um weiterzuziehen.

„Alter, so kommst du nicht davon!“, schrie ihm der Rabe nach. „Du bist uns zumindest deinen Namen schuldig.“ Anders blieb stehen und sah ins enttäuschte Gesicht des Fans. Selbst sein Rabe schien traurig zu gucken.

„Ich bin Anders!“, antwortete er aus Mitleid.

„Das sind wir alle – hoar, hoar, hoar!“ Der Rabe lachte über seinen Witz.

„Anders Lövgren!“

„Ah, ein Deutscher mit schwedischen Wurzeln! Wie eurovisionär!“

„Mein Vater ist Schwede.“

„Ah, daher die gute Portion ESC in deinem Genpool!“

Anders ignorierte diese Bemerkung, um seine Ahnungslosigkeit zu verbergen.

„Du hast keinen Schimmer, wo du hier gelandet bist, oder?“, krächzte der Rabe.

Anders’ gestammelte Antwort wurde vom plötzlich anschwellenden Geräuschpegel verschluckt. Die Masse schob Anders und seine Begleitung in Richtung des roten Teppichs, wo gerade eine stattliche Frau mittleren Alters in die Kameras lächelte.

„Donka! We love you!“, schrie ein Mann in Anzug und Fliege – gemessen an seiner moderaten Kleidung klang seine Stimme unangemessen schrill. Die in die Jahre gekommene Diva suhlte sich in der Zustimmung wie unter einer warmen Dusche und strahlte über das ganze Gesicht, als die Fans einen Streit darüber anzettelten, wer zuerst ein Selfie mit der Lady schießen durfte. Ein gestandener Deutscher mit dunkelbraun gefärbten Haaren machte das Rennen, knipste routiniert das Foto und bedankte sich bei dem Star mit einem aufrichtig klingenden Kompliment: „I love your song! Top five – at least.“ Die Sängerin Donka streichelte dem Mann liebevoll über das braune Haar und sagte: „I love you!“ Danach richtete sie den Blick in die Gruppe von Fans vor sich und rief: „I love you all!“

„Wow!“, sagte Anders zu Gunnar aus Bochum und seinem Raben. „Die Lady scheint ja große Favoritin zu sein!“

Gunnar zog die rechte Augenbraue hoch, als er antwortete: „Ihr Song heißt: The Love of a Mother! Sie besingt die Liebe zu ihrem frisch geborenen Baby!“

„Ach, wirklich!“ Anders musterte irritiert die Diva, die sicher schon vor Jahren altersbedingt die Hoffnung auf Nachwuchs hatte begraben müssen.

„Sie sollte den Tag heute genießen!“, krächzte der Rabe Khan. „Morgen Abend darf sie Koffer packen!“

„Khan möchte damit sagen, dass die Bulgarin – Donka Dimitrova ist ihr korrekter Name – keine großen Chancen hat, das morgige Semifinale zu überstehen.“

„Kanonenfutter!“, ergänzte der Rabe.

„Aber warum der Spruch mit ‚Top five‘?“, gab sich Anders nachdenklich. „So was kann man doch nicht machen! Ich dachte jetzt wirklich, dass es sich bei der Dame um eine Favoritin handelt!“

„Welcome to the bubble! Willkommen in der ESC-Blase!”, sagte Gunnar verlegen. Der Rabe öffnete zu den Worten einladend seine Flügel. „Den Song jedes einzelnen Künstlers als Favoriten zu bezeichnen, gehört hier einfach zum guten Ton!“

„Dabei ist sie Kanonenfutter!“, wiederholte der Rabe hämisch und blickte suchend nach den Künstlern, die als Nächstes auf dem roten Teppich folgen würden. „Kanonenfutter! Genauso wie die folgenden zwei, nein, drei Künstler!“ Anders stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu taxieren, welche Künstler sich gerade ihrer Position näherten. Zuerst sah er vier Männer in Wikinger-Kostümen und Trommeln vor dem Bauch.

„Ich tippe mal: Island!“, sagte Anders unsicher.

„Korrekt!“, bestätigte Gunnar anerkennend. „Die Band nennt sich überraschenderweise The Vikings.“

„Und ihr Song Slave to the Drums verursacht Ohrenkrebs“, ergänzte der Vogel.

Als Nächstes entdeckte Anders einen nachlässig gekleideten, aber ungemein selbstbewusst auftretenden Mann mit Tattoos am ganzen Körper, selbst im Gesicht. Eben reichte ein Fan ihm eine rote Flagge mit einem Adler, die der Mann theatralisch in die Höhe riss und anschließend küsste. Anders hatte keinen Schimmer, woher der Mann kam.

„Montenegro“, flüsterte Gunnar ihm ein, als hätte er die Ahnungslosigkeit gerochen. Natürlich konnte Khan dies nicht einfach so stehen lassen:

„Bei den Wetten liegt MC Dragan auf dem letzten Platz. Nach dem Wettbewerb wird er aus gekränktem Stolz behaupten, der ESC sei eine verschwuchtelte Scheißveranstaltung. Recht hat er – hoar, hoar, hoar!“ Das Lachen des Raben hatte etwas Dreckiges.

Anders überlegte einen Augenblick und traute sich, die Frage zu stellen, die ihn seit Minuten bewegte: „Sind hier denn eigentlich alle schwul?“

„Oh, nein, selbstverständlich nicht!“, beschwichtigte Gunnar ihn. „Die Vorsitzende unseres Fanclubs ist eine heterosexuelle Frau!“ Gunnar deutete auf eine Person in Poncho und extraweitem T-Shirt, die sich gerade in einer hitzigen Diskussion mit zwei Männern befand, die Sonnenblumen im Haar trugen.

„Gladys!“, rief Gunnar so laut, dass sich die Lady im Poncho angesprochen fühlte, sich umdrehte und seinen Gruß mit einem fröhlichen Winken beantwortete. Anders war von ihrer glamourösen Erscheinung überrascht. Sie hatte lange, schwarze Haare und trug ein tailliertes blaues Dirndl. Von dem amerikanischen Vater hatte Gladys ihre schwarze Haut geerbt, von der bayerischen Mutter die Liebe zur zünftigen Lebensart. Gladys trug den Nach­namen Gallenberger.

„Nicht schlecht!“, bekannte Khan offenherzig. „Ich bin im Übrigen auch keine Schwuchtel!“ Offenbar war es ihm wichtig, dies zu betonen. „Ich steh auf Chicks! Auf die da zum Beispiel!“ Er deutete mit dem Schnabel auf ein hübsches junges Mädchen, das ein weißes, mit Strass besticktes Kleid trug. „Jolanda-Schatzi, hier bin ich!“, schrie er in ihre Richtung und warf ihr einen Kussmund zu.

„Jolanda Marcelli ist erst einundzwanzig und tritt zum dritten Mal nacheinander für San Marino an!“ Gunnar hatte seine Aufgabe darin gefunden, Anders die neue Welt zu erklären.

„Dreimal! Wow!“, kommentierte Anders. „Haben die denn da niemand anderes, der singen kann?“

„Könnte man denken. Aber die Geschichte ist eine andere.“ Gunnar setzte eine bedeutungsvolle Miene auf und deutete zu der Künstlerin und ihrer Entourage. Direkt neben ihr ging ein alter Mann in dunklem Anzug, der seine ineinander gefalteten Hände siegessicher in die Menge streckte und dann der 21-Jährigen in einem Anfall von Pathos in die Arme fiel. Als er sich aus der Umarmung löste, hatte er Tränen in den Augen. Er deutete auf das junge Mädchen und rief auf Deutsch in die Menge: „Das Mädchen ist etwas ganz Besonderes!“ Er schüttelte sich vor Rührung über die eigenen Worte. Dann schloss er die Augen, um sich zu sammeln, als müsste er sich auf eine große Aufgabe vorbereiten, und schritt erhobenen Hauptes heldenhaft voran.

„Aber ihn kennst du doch wohl hoffentlich, oder?“, fragte Gunnar flehentlich. Anders beobachtete wortlos, wie sich der Mann im Anzug selbst anfeuerte und die kleine Jolanda abermals mit seinem riesigen Körper so massiv in eine Umarmung verwickelte, dass sie nach Atem ringen musste.

„Auch Kanonenfutter?“, wollte Anders wissen.

„Hey, der Typ gefällt mir!“, lachte Khan. „Er lernt schnell!“

Anders schüttelte fassungslos den Kopf. „Warum machen die das alle?“, fragte er nach einer Pause in die Runde. „Wenn es klar ist, dass sie alle nicht gewinnen, warum geben sie sich dafür her?“

Gunnar und der Rabe kicherten.

„Guck sie dir doch einmal an!“, sagt Gunnar und deutete auf Jolanda, den Rapper aus Montenegro und die Wikinger, die gerade gemeinsam für ein Gruppenbild posierten. „Jeder Einzelne hofft inständig, den Wettbewerb zu gewinnen. Nur für den Sieg sind sie hier. Und diese Veranstaltung hier auf dem roten Teppich nährt diese Hoffnung. Nach hundert freundlichen Interviews und zweitausend Selfies glaubt jeder Einzelne, er sei der Favorit der Show und habe gute Chancen auf den Sieg.“

Anders starrte auf die Gruppe von Künstlern, die den Blitzlichtern ihr strahlendstes Lächeln präsentierten. „Was für ein trauriges Bild!“, sagte er und schüttelte den Kopf.

„Dude, das ist der ESC!“, analysierte der Rabe altklug. „Der Contest produziert eben nur einen Sieger. Und neununddreißig Verlierer!“

Alle Fans und Journalisten richteten nun ihre Aufmerksamkeit in Richtung Bühne. Fast alle applaudierten, um der Gruppe, die sich dort formiert hatte, ihre Anerkennung auszudrücken. Dank Gunnars fach­kundiger Erläuterungen begriff Anders, worum es ging. Die beiden in Deutschland sehr prominenten Moderatoren Kaja Gonzales und Andreas Braun, die auch die ESC-Shows im Fernsehen präsentierten, forderten die Aufmerksamkeit der Menge, um ihre beiden Gäste auf dem Podest ins rechte Licht zu setzen: Maria Marlonne, vor einem halben Jahrhundert die erste Gewinnerin des Wettbewerbs, sowie der erfolgreichste Teilnehmer aller Zeiten, Danny O’Brian, der den Contest zweimal als Sänger und einmal als Komponist gewonnen hatte. Trotz ihres hohen Alters trug Maria Marlonne ein figurbetontes Kleid aus Brokat-Stoff. In jedem Interview erzählte sie – nach Gunnars Worten – stolz, dass ihr noch immer das Siegerkleid aus den fünfziger Jahren passen würde. Sie winkte würdevoll in die Menge, die wohlwollend applaudierte.

Dem Mann daneben fehlte eindeutig die Klasse der Lady. Danny O’Brian wirkte wie ein aus der Form geratenes Überbleibsel aus den achtziger Jahren: Sein glitzerndes Hemd spannte über dem Bauch, er hatte das ausgebeulte Sakko bis über die Ellenbogen hochgekrempelt. Sein rotes Gesicht ließ vermuten, dass er bei irischem Whiskey ausgiebig besseren Zeiten nachgetrauert hatte. Aber heute war sein Tag. Irische und britische Fans stimmten ihm zu Ehren zaghaft seinen größten Hit an.

Moderator und Show-Profi Andreas Braun, der selbst einmal für Deutschland am Contest teilgenommen hatte, witterte die Gelegenheit, einen emotionalen Augenblick zu erzeugen. Er war Vollblutmusiker mit einem sicheren Instinkt für Unterhaltung. Andreas Braun ergriff Dannys Hand, riss sie hoch und stimmte ebenfalls den Klassiker an, um den mittlerweile verstummenden Fan-Chor zu stützen. Und mit einem Mal sangen alle auf dem Platz: Fans, Journalisten und sogar die teilnehmenden Künstler. Danny schaute gerührt in die Menge und bewegte nur die Lippen zu seinem Song, dessen Text augenscheinlich jeder auf dem Platz beherrschte. Um die liebevolle Aufmerksamkeit vollends genießen zu können, zog er seine Frau Bonnie mit auf die Bühne. Arm in Arm schunkelten die beiden selig im Takt mit, bis der letzte Ton erklang und in einen tosenden Applaus mündete.

„Er sollte diese fünf Minuten Ruhm genießen. Vielleicht waren es seine letzten! Hoar, hoar, hoar!“

„Was bist du für ein böses Wesen!“, stieß Anders empört aus. Ihn hatte das vorangegangene Schauspiel mehr berührt, als ihm lieb war.

„Wieso? Seine Nachfolgerin ist doch schon auf der Bühne!“

Eine schlanke, ganz in Leder gekleidete Frau mit langen blonden Haaren hatte sich der Gruppe auf der Bühne angeschlossen und fiel Danny O’Brian in die Arme.

„Das ist Lissi Sander aus Schweden!“ Gunnar lieferte wie gewohnt den Ton aus dem Off zum jeweiligen Bild. „Sie hat bereits zweimal den Eurovision Song Contest gewonnen. Aber das ist schon lange her. Trotzdem. Diesmal kann sie Danny überholen und zur erfolgreichsten Eurovisionskünstlerin aller Zeiten werden.“

„Und der arme Danny würde seinen einzigen Job des Jahres verlieren. Was heißt eigentlich Sozialhilfe auf Englisch? Hoar, hoar, hoar!“

Lissi Sander hatte offenbar vor wenigen Minuten den roten Teppich erreicht. Und anstatt zu warten, bis sie dran war, eroberte sie sogleich und ungefragt die Bühne. Sie hielt Dannys Arme in die Höhe und verteilte Luftküsse ans Publikum.

Anders sah Lissi Sander zum ersten Mal. Aber er kannte ihre großen Hits seit Kindertagen. Sein Vater war ein großer Fan von ihr. Sowohl ihr erster Hit Starlight als auch ihr zweiter Siegersong Passionen waren während ihrer Sommerurlaube an der schwedischen Ostseeküste sehr oft im Radio gelaufen. Auch auf den Mix Tapes, an denen der kleine Anders mit großer Leidenschaft gebastelt hatte, waren diese beiden Songs zu hören. Nach seiner Kindheit hatte er die Karriere von Lissi Sander aus den Augen verloren. Er hätte allerdings nie damit gerechnet, dass der Star aus Kindertagen immer noch erfolgreich war. Fasziniert beobachtete er, wie Lissi Sander mit wenigen Bewegungen die Bühne zur ihrer machte. Mit einem strahlenden Lächeln umarmte sie erst Maria Marlonne, dann Danny O’Brian und führte die Herrschaften an den Rand der Bühne, damit sie abgehen konnten. Sie drehte sich um und nutzte den gewonnenen Raum, um einer Katze gleich zur Spitze der Bühne zu schreiten. Sie lachte ins Publikum, drehte sich mit einem Ruck um und winkte fordernd in die Richtung der Moderatoren. Dabei handelte es sich nur scheinbar um eine flüchtige Geste. In Wirklichkeit bedeutete der Wink die klare Ansage: Legt los, ich hab nicht ewig Zeit!

„Okay, Andreas, jetzt sollen wir wohl aktiv werden!“, sprach Kaja Gonzales etwas pikiert ins Mikro, trat zaghaft ins Zentrum der Bühne, wechselte dann aber routiniert vom Deutschen ins Englische. „Nun gut, ihren Applaus hat Lissi Sander schon selbst eingefordert! Wir sagen vielen Dank, Lissi!“ Der schwedische Popstar warf seine lange Mähne in den Nacken und stellte sich strahlend neben die Moderatorin. Auch Andreas Braun drängte sich zu den Frauen, überließ aber seiner Kollegin das Wort.

„Lissi ist schon so lange im Business. Man glaubt es kaum: Seit dem letzten Jahrhundert!“ Kaja Gonzales forderte Applaus vom Publikum. Lissi quittierte das vergiftete Kompliment mit einem süßlichen Lächeln. Doch Kaja Gonzales setzte ihre Lobeshymne unbeirrt fort. „Du bist eine Legende wie Maria Marlonne und Danny O’Brian. Ich war noch nicht einmal geboren, als du zum ersten Mal den ESC gewonnen hast! Und bei deinem zweiten Sieg war ich ein kleines Baby! Es ist nahezu ein Wunder, dass du dein so langes, wertvolles Leben mit einem dritten Sieg krönen könntest!“

Lissi lächelte ihre Gesprächspartnerin eisern an und griff zum Mikro, um sich für das Lob zu bedanken. Doch Kaja Gonzales dachte nicht daran, es herzugeben, und fuhr unbeirrt fort: „Du bist so bekannt und so beliebt. Man braucht dir keine Fragen zu stellen, denn wir kennen dich. Und wir lieben dich!“ Zum Abschluss breitete die Moderatorin die Arme aus, ging auf Lissi zu und gab ihr Küsse auf die Wangen. Auf dem Teppich wurde Lissi Sander von ihren beiden Tänzern und den Background-Sängern in Empfang genommen. Zu fünft stürzten sie sich nun in das Bad in der Menge rechts und links des roten Teppichs.

„Gabriela, hier ist schon ordentlich was los. Wie weit ist das Sondereinsatzkommando? Weißt du schon mehr?“ Anders hatte sich von den anderen weggedreht, damit niemand bemerkte, wie er mit seiner Vorgesetzten sprach.

„Das SEK ist noch unterwegs. Nichts Neues!“, sagte Gabriela. „Es wird wohl noch einige Minuten dauern, bis sie da sind.“

„Irgendwelche Infos zu Tätern oder Gefährdern?“, fragte Anders nach.

„Fehlanzeige! Halt einfach die Augen offen, ja?“

„Okay!“, antwortete Anders etwas zerknirscht. Er hätte einen konkreten Auftrag vorgezogen. Nun blieb ihm keine andere Wahl, als die schlichte Anweisung seiner Chefin zu befolgen.

„So! Jetzt bist du aber mal dran!“ Gunnar brach sein Schweigen. Er hatte gebannt das Treiben auf der Bühne verfolgt.

„Was meinst du?“, fragte Anders unsicher.

„Dein erstes Selfie!“

„Nein, nein, ich guck nur zu!“

„Hey, du bist Fan!“ Gunnar deutete auf den Clubausweis, der an einer Kordel vor Anders’ Brust baumelte. „Du musst deine Rolle ausfüllen!“

„Lee-Strasberg-mäßig!“, ergänzte Khan.

„Meine Rolle?“, fragte Anders scheinheilig. Gunnar blickte ihn vorwurfsvoll an. Auch Khan mischte sich nun ein und zischelte leise: „Alter, schwing deinen hübschen Hintern zum Gatter. Sonst sag ich den Leuten hier mal, was Sache ist.“ Dann rief er laut: „Hallo, Leute, der Typ hier, der gibt vor, ein Fan zu sein. In Wirklichkeit ist er P…“ Anders drückte Khans Schnabelhälften so lange aufeinander, bis er verstummte.

„Okay, okay!“, sagt er. „Ich mache es.“ Khan nickte zustimmend. Gunnar suchte den roten Teppich nach einer passenden Beute ab. Als er fündig wurde, zeigte er auf eine sehr attraktive Frau mit langen dunklen Haaren.

„Oh ja. Dort! Zlata Proschenko aus der Ukraine. Ihr beiden seid doch ein schönes Paar!“, sagte Gunnar, klopfte Anders aufmunternd auf die Schulter und ließ seine Hand dort einen Augenblick zu lang verweilen.

„Die Alte ist außerdem rattenscharf“, ergänzte Khan.

„Geht es auch etwas weniger frauenfeindlich, Kumpel?“, grummelte Anders, als er sich aus Gunnars Umarmung wand.

Mit der bereits erprobten Technik mogelte er sich in die erste Reihe und suchte den Blickkontakt mit der ukrainischen Künstlerin. Zlata Proschenko unterhielt sich gerade mit Fans aus ihrer Heimat. Hinter ihr stand ein schlecht gelaunt wirkender Mann und hörte bei jedem ihrer Worte konzentriert zu. Dank seiner guten Russisch­kenntnisse konnte auch Anders verstehen, was sie mit treuem Augenaufschlag sagte: Natürlich sei der ESC ein unpolitischer Wettbewerb. Das respektiere sie. Sie singe auch ein unpolitisches Lied. Und sie widme ihren Song ihrer Familie, genauer gesagt ihren Angehörigen, die unter der Okkupation der Krim litten. Schlaues Mädchen, dachte Anders. Und hübsches Mädchen. Aus der Nähe sah er, dass sie deutlich jünger als zwanzig war. Das gewellte Haar fiel ihr engelsgleich ins unschuldige Gesicht. Als sie Anders’ Blick traf, lächelte sie freundlich.

„Dobryi djen!“, sagte er mutig.

„Oh, du sprichst meine Sprache!“, entgegnete sie entzückt. Zlata ging auf ihn zu und widmete sich ganz der Konversation mit Anders. Der streng blickende Herr blieb ihr dicht auf den Fersen und warf Anders einen misstrauischen Blick zu.

„Ich spreche leider nur Russisch“, sagte Anders. „Ich hoffe, das ist kein Problem!“

„Ich verstehe dich gut!“ Sie lächelte ihn an.

„Wollen wir ein Foto machen?“

„Aber gern doch. Hast du dein Smartphone dabei?“

Während Anders sein Handy aus der Tasche fingerte, suchte er krampfhaft nach einem Gesprächsthema.

„Ich mag deinen Song! Wirklich!“

„Oh, das freut mich sehr!“ Sie hörte nicht auf, ihn freundlich anzulächeln, was Anders irritierte. Kurz vorm Auslösen lächelte auch er schüchtern zurück und sagte mit fester Stimme: „Das wird eine Platzierung in den Top 3. Mindestens!“

Zum Dank strahlte die ukrainische Teilnehmerin besonders freundlich in die Kamera. Mit dem Foto fand die Begegnung ihr natürliches Ende. Zlata warf Anders noch einen feurigen Blick zu und widmete sich dann dem strengen Beobachter. Dieser zog Zlata von Anders weg und schob sie auf die andere Seite des Teppichs, wo mehrere Fotografen um Aufmerksamkeit buhlten.

„Okay. Der Herr ist in der Bubble angekommen!“, sagte Gunnar nicht ohne Triumph.

„Geht’s noch?“

„Ich mag deinen Song! Wirklich!“, Khan imitierte nun – kratzig zwar, dennoch unverkennbar – Anders’ Tonfall. „Oh, du süßes Mäuschen, das wird eine Platzierung in den Top 3! Hoar, hoar, hoar.“

Der Rabe lachte sich schlapp. „Top 3, Alter? Ernsthaft? Wir prognostizieren eine Top 5, um den Promis zu schmeicheln. Du dazu: Das kann man doch nicht machen. Jetzt bist du runter von deinem hohen Ross. Kaum kommt ein cooles Chick, und du kochst die Alte mit einer Top 3 weich! Ich fasse es nicht!“

„Halt den Schnabel, du Vogel!“

„Mit wem redest du eigentlich die ganze Zeit?“ Anders hatte fast vergessen, dass Gabriela per Funk zuhören kann. Die letzten Worte kamen aus dem Sender in seinem Ohr. Und auch die folgenden: „Und hab ich das richtig mitbekommen? Du hast mit einer hübschen Ukrainerin ein Selfie gemacht?“

„Ach, halt auch du bitte den Mund! Es sei denn, es liegt etwas Relevantes an.“

„Ja, deswegen melde ich mich. Der Einsatzleiter des SEK ist da. Ich bin für ein paar Minuten weg. Außerdem: Geh doch mal zwanzig Meter in Richtung Rathaus-Eingang. Ich hab den Eindruck, dass da jemand über das Gatter klettern will. Oh, ja! Er ist schon fast drüber. Schnell. Südländer. Schwarzer Vollbart. Beeil dich!“

Anders rannte los, schob dabei jeden, der ihm im Weg stand, rücksichtslos beiseite. Dass er dabei der einen oder anderen Person Schmerzen zufügte, nahm er billigend in Kauf. Einige Männer schrien auf, andere riefen ihm aufgebracht wüste Beschimpfungen nach. Von Weitem sah Anders den bärtigen Südländer, der sich an dem Gatter zu schaffen machte. Einige Meter dahinter posierte die deutsche Sängerin Beate Sommer vor den Kameras der Journalisten. Hinter ihr hatte sich der Chor aufgestellt. Die vier Asylbewerber trugen jeweils die Flagge ihres Heimatlandes in der einen, die deutsche Flagge in der anderen Hand. Niemand aus der Gruppe bekam mit, was in ihrem Rücken vor sich ging.

„Zurück! Stop!“, schrie Anders laut, um den Südländer aufzuhalten. Und er brüllte „Polizei!“ hinterher. Der bärtige Mann hing schon mit einem Bein auf der Absperrung und zog den Rest seines Körpers nach. Mit einem Sprung erreichte Anders in dem Augenblick das Gatter, als der Bärtige auf der anderen Seite zu Boden plumpste, sich aufrichtete und triumphierend die Hände in die Höhe riss. Entschlossen griff Anders an die Metallstangen und sprang drahtig auf die andere Seite, was den Zuschauern ein anerkennendes Raunen entlockte.

Auf dem roten Teppich angekommen, zögerte er keinen Augenblick, den Südländer mit einem Hechtsprung zu Boden zu reißen. Als Anders dem Mann seine Knie auf die Brust presste, sah er zuerst die spanische Flagge auf dem weißen T-Shirt des Mannes und dann das Gesicht des spanischen Fans, dem er Minuten zuvor in der U-Bahn seinen Polizeiausweis gezeigt hatte. Als der Spanier seinerseits den Polizisten aus der Bahn wiedererkannte, fragte er mit einem frechen Grinsen: „Will you arrest me now?