Andreas Maier trifft Wilhelm Raabe - Friedmar Apel - E-Book

Andreas Maier trifft Wilhelm Raabe E-Book

Friedmar Apel

0,0
5,99 €

Beschreibung

Der von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk vergebene Wilhelm Raabe-Literaturpreis wurde Andreas Maier am 14. November 2010, einen Tag vor Raabes hundertstem Todestag, in Braunschweig überreicht. Der Sonderdruck enthält außer Andreas Maiers Dank- und Friedmar Apels Lobrede eine Einleitung von Hubert Winkels sowie einen Aufsatz Katrin Hillgrubers über Außenseiter bei Raabe (Altershausen) und Maier (Das Zimmer). Raabe und Maier – eine auch für Raabe glückliche Paarung, denn Maier liebt und versteht Raabes Werk, wie schon sein Nachwort zu Altershausen (Insel Bücherei) gezeigt hat. In seiner Rede formuliert er, was Raabelektüre an aktuellen Ansinnen für uns bereit hält. »Raabe ist der Systematiker des Verlusts nicht deshalb, weil er bewahren will. Aber es gibt einen Grund dafür, warum gerade in seinen letzten großen Werken immer mehr in die Kindheit zurückdrängt, sei es im Stopfkuchen, sei es in den Akten des Vogelsangs, sei es in Altershausen. Der Grund liegt nicht in der Kindheit, sondern in der Gegenwart oder, um ein anderes Wort für Gegenwart zu verwenden, in uns.« Andreas Maier

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 39

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Andreas Maier trifft Wilhelm Raabe

Der Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2010

Herausgegeben von Hubert Winkels

Suhrkamp

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012

© Suhrkamp Verlag Berlin 2011

Originalausgabe

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag gestaltet nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt

eISBN 978-3-518-78430-3

www.suhrkamp.de

Inhalt

Hubert WinkelsVorwort

Katrin HillgruberZwei und zwei Außenseiter Wilhelm Raabes Ludchen Bock und Andreas Maiers Onkel J.

Friedmar ApelAugenschein und AbglanzLaudatio auf Andreas Maier

Andreas MaierZusammenkalmäusert: RaabeDankesrede

Hubert Winkels

Vorwort

»Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst«, sagt Ernst Bloch.

»Ich war einmal«, heißt ein Buch von Arnold Stadler.

»Ich war einmal, heißt es bei Arnold Stadler«, heißt es bei Andreas Maier.

Vom Werden handelt eine Philosophie der Utopie, vom Werden vom Ich zum Wir.

Von den Verlusten des Werdens, den Kosten des Wandels, dem Preis der Zivilisation handeln Stadler und Maier.

Dass Andreas Maier zitiert, statt zu behaupten, ist kein rhetorischer Trick oder gar Zufall. Der Erzähler als gelernter Philosoph, bei Karl Otto Apel trainiert auf das Erkennen performativer Selbstwidersprüche, weiß, dass das Paradies verriegelt, der Weg zurück versperrt, der Blick in die Vergangenheit gelenkt ist von den Erfahrungen und Erwartungen der Gegenwart. Der Rückblick trifft entweder auf Idiotie oder auf Philologie. Im ersten Fall ist es jemand, der auf den Kopf gefallen ist und die ganzen Mätzchen der rationalen Selbst- und Weltkontrolle nicht draufhat: der sympathische Barbar. Im anderen Fall ist es ein literarischer Text, der den Verlust, ohne ihn zu beschönigen, bereits verwandelt hat in etwas Schönes. Im ersten Fall sind es Ludchen Bock bei Raabe oder Onkel J. bei Maier. Im zweiten Fall ist es Wilhelm Raabe, als einer der wichtigsten Schriftsteller für Andreas Maier.

So fügte sich alles gar wundersam und vor allem wunderbar für alle Beteiligten, als Andreas Maier 2010 den Wilhelm Raabe-Literaturpreis erhielt. Soeben hatte er sein emphatisches Nachwort zu Raabes Alterswerk Altershausen veröffentlicht. Die Raabe-Kennerin Katrin Hillgruber, Mitglied der Literaturpreisjury, hatte zuvor schon die Verwandtschaft von Raabe und Maier ausführlich beschrieben, ja gefeiert, und sie an den beiden Figuren Ludchen Bock und Onkel J. gezeigt, was sie jetzt auch schriftlich fixiert hat für dieses Buch. Und der Schriftsteller und Philologe Friedmar Apel hatte auch sofort das Raabe und Maier über mehr denn ein Jahrhundert Verbindende im Sinn: Raabe, die Epoche der Industrie, der Beschleunigung und der Invisibilisierung der Zusammenhänge in ihren Anfängen skeptisch aufnehmend, und Maier, sie als ein Ganzes summierend und heiter beklagend oder auch traurig feiernd, die Form und die Motive suchend, in denen der Verlust komisch und elend zu fassen wäre.

Alles fügte sich also schön und sinnreich rund um den 15. November 2010, das Bezugsdatum der Preisverleihung, genau hundert Jahre nach dem Tod Wilhelm Raabes, in dessen Lebensstadt Braunschweig. Andreas Maier verfügte sich gar zum Friedhof hin, um dem langen Dunklen seine Reverenz auch physisch zu erweisen. Es fügte sich auch für die Veranstalter des Preisgeschehens, insofern es exakt das zehnte Jahr des neuen Raabe-Preises war, den die Stadt Braunschweig und der Deutschlandfunk seit der Jahrhundertwende vergeben, damals, 2000, mit dem leicht geschockten Rainald Goetz als erstem Preisträger. Der Preis selbst ist einer der ältesten in Deutschland. Man kann ihn auf die frühen dreißiger Jahre zurückdatieren, als er nationales Weihefestspiel war in der Stadt, die Hitler eingebürgert hatte; oder auf 1944, als mit der Preisträgerin Ricarda Huch, nach Jahren nationaler Hochstimmung bei den Verleihungen, noch im Krieg! neue Zeichen gesetzt wurden.

Er hat also einiges auf dem Buckel, dieser Preis im Namen Raabes, und jetzt, da er so besonders lange durchgehalten hat, wird sichtbar, dass der Namensgeber immer wieder neu aus Verlesen und Verfälschen, aus Verkennung und Vergessen auftaucht; dass er im Kern resistent ist gegen Konjunkturen und Korrekturen wie nur je ein großer Schriftsteller, und das schönste Zeichen dafür sind die vielen Autoren, die in den letzten Jahren geradezu leuchtende Bekenntnisse zum Forsetzungsromanschreiber Raabe abgelegt haben, wodurch dieser ironischerweise als historisch adoptierter writers’ writer erscheint in den Deutungen von Arno Geiger, Katja Lange-Müller, Klaus Modick, Brigitte Kronauer, Gustav Seibt, Jochen Missfeldt, Heinrich Detering, Christof Hamann oder eben Andreas Maier.

Und da sich das Fügen gerade so gut fügt, ein Weiteres: In diesem Jahr hatte die Raabe-Beschwörung, die nicht jeder Festakt ist, auch etwas Programmatisches, nicht eben Bloch-revolutionär-Programmatisches, aber doch etwa etwas Anti-Bloch-innehalten-Programmatisches.