Androidenträume - John Scalzi - E-Book

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John Scalzi

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Beschreibung

Kann ein Schaf die Menschheit vor der Vernichtung bewahren?

Das späte 21. Jahrhundert: Auf ihrem Weg ins All ist die Menschheit einer Reihe von Alien-Völkern begegnet, mit denen sie Handelsbeziehungen aufnimmt und politische Bündnisse schmiedet. Doch dann kommt es auf einer interstellaren Konferenz zu einem folgenschweren Vorfall: Durch ein Missverständnis stirbt ein Außerirdischer vom Volk der Nidu. Eine kriegerische Auseinandersetzung droht – und nur Harry Creek, genialer Programmierer und Kriegsveteran, kann diesen Krieg verhindern …

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Seitenzahl: 586

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Inhaltsverzeichnis
 
Der Autor
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
 
Danksagung
Copyright
Das Buch
Die Zukunft: Die Menschen haben das Weltall besiedelt, Kolonien gegründet und sind mit den zahlreichen Alien-Spezies, auf die sie dabei gestoßen sind, Handelsbeziehungen und politische Bündnisse eingegangen. Dann jedoch kommt es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall: Während einer Konferenz tötet ein menschlicher Diplomat sein Gegenüber vom Volk der Nidu und plötzlich sehen sich die Bewohner der Erde am Rande eines Krieges. Für Harry Creek ist diese Entwicklung ein wahr gewordener Albtraum. Sein Arbeitgeber, das irdische Außenministerium, betraut ihn mit der Aufgabe, die eine Sache zu finden, die den Planeten und seine Bewohner retten kann – ein Schaf. Und ganz nebenbei soll er auch noch die attraktive Robin Baker beschützen, in deren Vergangenheit der Schlüssel zum intergalaktischen Frieden zu liegen scheint …
 
Der Autor
John Scalzi, geboren 1969, arbeitet als Journalist, Kolumnist und Schriftsteller. Sein Debüt-Roman »Krieg der Klone« machte ihn auf Anhieb zum Shooting Star der amerikanischen Science Fiction. Scalzi lebt mit seiner Familie in Bradford, Ohio. Weitere Informationen unter: www.scalzi.com
Dieses Buch ist Kevin Stampfl gewidmet, seit Jahreneiner meiner besten Freunde und jemand, den manunbedingt kennen sollte, sowohl vor als auch nach demZusammenbruch der Zivilisation.
 
Und es ist für Cory Doctorow, Justine Larbalestier, NickSagan, Charlie Stross und Scott Westerfeld, mein erstesLive-Publikum als Science-Fiction-Schriftsteller. Dankefür eure damalige Anwesenheit und heutige Freundschaft.
1
Dirk Moeller war sich nicht sicher, ob er einen größeren diplomatischen Konflikt herbeifurzen konnte. Aber er war bereit, es zu versuchen.
Moeller nickte geistesabwesend seinem Assistenten zu, der ihm den Zeitplan für die heutigen Verhandlungen vorlegte, und rückte sich schon wieder auf seinem Stuhl zurecht. Das Gewebe um den Apparat herum juckte, aber schließlich konnte man es nicht einfach ignorieren, wenn man mit einer zehn Zentimeter langen Röhre aus Metall und Elektronik im Dickdarm herumlief, nur ein paar Zentimeter tief eingeführt. So etwas verursachte nun einmal ein gewisses Unbehagen.
Das war Moeller bereits klar geworden, als Fixer ihm den Apparat präsentiert hatte. »Das Prinzip ist ganz einfach«, sagte Fixer und reichte Moeller das leicht gekrümmte Ding. »Sie erzeugen wie gewohnt Darmwinde, aber nun wird das Gas nicht mehr aus Ihrem Körper entweichen, sondern vom vorderen Teil des Geräts aufgenommen. Es schließt sich und gibt das Gas an den zweiten Teil weiter, wo bestimmte chemische Komponenten hinzugefügt werden, abhängig von der Botschaft, die Sie übermitteln wollen. Dann wird das Ganze in den dritten Abschnitt des Apparats geleitet, wo es dann auf Ihr Signal wartet. Lassen Sie den Korken knallen, wird es gesendet. Sie steuern das Ganze über ein drahtloses Interface. Alles funktioniert reibungslos. Sie müssen es sich nur noch einsetzen lassen.«
»Tut das weh?«, fragte Moeller. »Es sich einsetzen zu lassen, meine ich.«
Fixer verdrehte die Augen. »Sie lassen sich ein Miniatur-Chemielabor in den Arsch schieben, Mr. Moeller. Natürlich tut das weh.« Und so war es.
Nichtsdestotrotz war es ein beeindruckendes technisches Erzeugnis. Fixer hatte es auf der Grundlage von Blaupausen konstruiert, die er im Nationalarchiv gefunden hatte und die aus der Zeit stammten, als die Nidu und die Menschen vor Jahrzehnten erstmals Kontakt miteinander aufgenommen hatten. Der ursprüngliche Erfinder war ein Chemiker gewesen, der die Idee hatte, die beiden Völker durch ein Konzert zusammenzubringen, bei dem Menschen mit einem solchen Apparat in der Luftröhre parfümierte Friedensbotschaften rülpsen sollten.
Das Vorhaben scheiterte, weil kein seriöser menschlicher Chor mit diesem Konzert in Verbindung gebracht werden wollte. Und die Kombination der Notwendigkeit anhaltender Eruktation mit der chirurgischen Implantation der Apparate schreckte zusätzlich ab. Kurz darauf wurden gegen besagten Chemiker polizeiliche Ermittlungen wegen der angeblich gemeinnützigen Stiftung eingeleitet, die er zwecks Organisation des Konzerts gegründet hatte, und schließlich landete er wegen Betrug und Steuerhinterziehung in einer Justizvollzugsanstalt. Der Apparat ging in den Wirren verloren und geriet in Vergessenheit, um darauf zu warten, dass ihn jemand für einen neuen Verwendungszweck wiederentdeckte.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, Sir?«, sagte Alan, Moellers Assistent. »Sie wirken bedrückt. Geht es Ihnen immer noch nicht besser?« Alan wusste, dass sein Vorgesetzter gestern wegen einer Darmgrippe zu Hause geblieben war. Er hatte seine Anweisungen für die heute anstehenden Verhandlungen per Konferenzschaltung erhalten.
»Mir geht es gut, Alan«, versicherte Moeller. »Nur leichte Bauchschmerzen, mehr nicht. Vielleicht habe ich zum Frühstück irgendwas Falsches gegessen.«
»Ich könnte mich erkundigen, ob jemand etwas gegen Sodbrennen dabeihat«, erbot sich Alan.
»Das wäre das Letzte, was ich im Moment gebrauchen könnte«, entgegnete Moeller.
»Dann vielleicht einen Schluck Wasser?«
»Kein Wasser«, sagte Moeller. »Aber ein kleines Glas Milch wäre jetzt nicht schlecht. Ich glaube, das könnte meinen Magen beruhigen.«
»Ich frage mal in der Kantine nach«, sagte Alan. »Uns bleiben noch ein paar Minuten, bis es losgeht.«
Moeller nickte Alan zu, der sich sofort auf den Weg machte. Netter Junge, dachte Moeller. Nicht besonders helle und noch recht neu in der Handelsdelegation, aber genau das waren zwei der Gründe gewesen, warum er ihn für diese Verhandlungen als Assistenten eingestellt hatte. Ein Assistent, der aufmerksamer und schon länger mit Moeller bekannt gewesen wäre, hätte sich vielleicht erinnert, dass er eine Laktoseintoleranz hatte. Schon die kleinste Menge Milch führte bei ihm unvermeidlich zu gastrischer Unruhe.
»Laktoseintoleranz? Toll!«, hatte Fixer nach der Implantation gesagt. »Trinken Sie ein Glas Milch und warten Sie ungefähr eine Stunde. Dann müsste es losgehen. Sie können es auch mit den üblichen gaseerzeugenden Lebensmitteln probieren – Bohnen, Brokkoli, Blumenkohl, Weißkohl, rohe Zwiebeln, Kartoffeln. Äpfel und Aprikosen wirken genauso. Auch Pflaumen, aber die haben wahrscheinlich mehr Feuerkraft, als Sie gebrauchen können. Nehmen Sie zum Frühstück eine gute Gemüsemischung zu sich, und warten Sie einfach ab.«
»Kein Fleisch?«, hatte Moeller gefragt. Er schnappte immer noch ein wenig nach Luft, nachdem der Schmerz fast verflogen war, der mit der Einführung des Apparats ins Auspuffrohr und der Verschweißung mit der Darmwand verbunden war.
»Aber sicher doch«, bemerkte Fixer. »Vor allem fettes Fleisch – Schinken oder sonstiges gut marmoriertes rotes Fleisch. Mit Corned Beef und Kohl bekommen Sie von allem etwas. Mögen Sie kein Gemüse?«
»Mein Vater war Metzger«, sagte Moeller. »Als Kind habe ich sehr viel Fleisch gegessen, und ich mag es immer noch.«
Mehr als nur das, um genau zu sein. Dirk Moeller entstammte einer langen Ahnenreihe von Karnivoren, und er nahm stolz zu jeder Mahlzeit Fleisch zu sich. Die meisten Leute taten das heutzutage nicht mehr. Und wenn sie doch einmal Fleisch aßen, entschieden sie sich meistens für eine Tube mit Zuchtfleisch, das aus kultiviertem Gewebe erzeugt wurde, ohne dass ein lebendes Tier geschlachtet werden musste. Häufig hatten diese Produkte, abgesehen von ihren mythischen Ursprüngen, überhaupt keine Beziehung zu Tieren mehr. Das meistverkaufte Kunstfleischerzeugnis auf dem Markt war Kingstons Bison-Eber®, entstanden aus einer unheiligen Vermengung von Rinder- und Schweinegenen, die auf einem knorpeligen Gerüst in einer Nährbrühe gezüchtet wurden, bis sie eine fleischartige Masse bildeten, die kein Fleisch war, bleicher als Kalb, magerer als Eidechse. Es war so tierfreundlich, dass selbst strenge Vegetarier sich nicht scheuten, gelegentlich einen Bison-Eber-Burger® zu verspeisen, wenn sie in entsprechender Stimmung waren. Das Firmenlogo von Kingston war ein Schwein mit Bisonpelz und Hörnern, das auf einem Hibachi Burger briet, den Kunden im Dreiviertelprofil zuzwinkerte und sich voller Vorfreude auf sein eigenes fiktives Fleisch die Lippen leckte. Dieses Vieh konnte einem eine Gänsehaut bereiten.
Moeller hätte lieber seine eigene Zunge auf einem Spieß geröstet, als jemals Kunstfleisch zu essen. Gute Metzger waren in diesen Zeiten nur noch schwer zu finden, aber Moeller hatte außerhalb von Washington in der Vorstadt Leesburg einen entdeckt. Ted war Freizeitunternehmer, wie heutzutage alle Metzger. Tagsüber arbeitete er als Ingenieur. Aber er kannte sich mit dem fachgerechten Zerlegen aus, was nicht mehr alle seine Berufskollegen von sich behaupten konnten. Jedes Jahr im Oktober füllte Ted einen begehbaren Gefrierschrank in Moellers Keller fast bis obenhin mit Rind, Schwein und Reh sowie vier Sorten Geflügel: Huhn, Truthahn, Strauß und Gans.
Weil Moeller sein bester Kunde war, legte Ted gelegentlich auch noch etwas Exotischeres obendrauf, meistens irgendeine Reptilienart. Zurzeit hatte er sehr viel Alligatorfleisch im Angebot, nachdem Florida ganzjährig die Jagd auf die äußerst vermehrungsfreudigen Hybriden freigegeben hatte, die von der Umweltbehörde ausgesetzt worden waren, um die Alligatoren in den Everglades wieder heimisch werden zu lassen. Aber hin und wieder besorgte Ted auch ein oder zwei Säugetiere, über deren Herkunft er wohlweislich keine Angaben machte. In einem Jahr hatte Ted ihm zehn Pfund Steaks geliefert und »Frag nicht!« auf das Einwickelpapier gekritzelt. Moeller hatte sie bei einem Grillabend mit ehemaligen Kollegen vom Amerikanischen Institut für Kolonisation serviert. Alle Anwesenden hatten die Mahlzeit genossen. Mehrere Monate später war ein Metzger – nicht Ted – verhaftet worden, weil er mit Fleisch von Zhang-Zhang gehandelt hatte, einem Panda, der eine Leihgabe für den Nationalzoo gewesen war. Der Panda war ungefähr um die Zeit verschwunden, als Ted wie in jedem Jahr neues Fleisch geliefert hatte. Im nächsten Jahr hatte Ted wieder Alligator im Angebot gehabt. So war es wahrscheinlich das Beste für alle, höchstens mit Ausnahme der Alligatoren.
»Alles fängt mit Fleisch an«, hatte sein Vater häufig zu Dirk Moeller gesagt, und als Alan mit einem Kaffeebecher zurückkehrte, der zu 2 % gefüllt war, sinnierte Moeller über die Wahrheit dieses einfachen Satzes nach. Seine derzeitige Tätigkeit, die letztlich dazu geführt hatte, dass er Gase in seinem Verdauungstrakt akkumulierte, hatte in der Tat mit Fleisch angefangen. Genauer gesagt, mit dem Fleisch in Moellers Metzgerei, dem Geschäft, das Dirks Vater in dritter Generation betrieb. In dieses Geschäft war vor inzwischen fast vierzig Jahren Faj-win-Getag gestürmt, der Botschafter der Nidu, gefolgt von einer Entourage aus niduanischen und menschlichen Diplomaten. »Hier riecht etwas richtig gut«, hatte der Botschafter gesagt.
Diese Erklärung des Botschafters war äußerst bemerkenswert. Neben ihren zahlreichen körperlichen Fähigkeiten verfügten die Nidu über einen Geruchssinn, der um mehrere Größenordnungen feiner war als der einer menschlichen Nase. Aus diesem Grund – und aus weiteren Gründen, die mit dem niduanischen Kastensystem zusammenhingen, das die japanische Gesellschaft des 16. Jahrhunderts wie ein Paradebeispiel für Toleranz, Laisser-faire und Gleichberechtigung aussehen ließ – hatten die höhergestellten diplomatischen und politischen Nidu-Kasten eine »Sprache der Gerüche« entwickelt, die bestenfalls mit der »Sprache der Blumen« vergleichbar war, wie sie einst der europäische Adel kultiviert hatte.
Ähnlich wie die aristokratische Blumensprache war auch die Duftsprache niduanischer Diplomaten keine Sprache im engeren Sinne, insofern als sich mit den Gerüchen kein Gespräch führen ließ. Außerdem konnten Menschen nicht viel mit dieser Sprache anfangen. Der menschliche Geruchssinn war so schwach entwickelt, dass ein Nidu, der ein olfaktorisches Signal sendete, vom Empfänger die gleiche Reaktion erhalten würde wie von einer Schildkröte, der man eine Arie vorsang. Doch unter sich konnten die Nidu ein Gespräch auf beeindruckende Weise eröffnen, wenn sie es mit einer besonderen Note der subtilen Art unterlegten (sofern Gerüche als subtil bezeichnet werden konnten), die die gesamte weitere Konversation prägte.
Wenn ein Nidu-Botschafter durch eine Ladentür stürmte und verkündete, dass etwas gut roch, war das eine Aussage, die mehrere unterschiedliche Ebenen hatte. Eine davon war, das etwas wahrscheinlich einfach nur gut roch. Doch auf einer zweiten bedeutete sie, dass etwas im betreffenden Laden einen Geruch hatte, mit dem ein Nidu gewisse positive Assoziationen verband. James Moeller, der Betreiber von Moellers Metzgerei und Dirks Vater, war kein besonders weltkluger Mann, aber ihm war sofort klar gewesen, dass das wohlwollende Urteil des Nidu-Botschafters für ihn den Unterschied zwischen geschäftlichem Erfolg und Misserfolg ausmachen konnte. Es war schon schwer genug, in einer größtenteils vegetarischen Welt eine Metzgerei zu betreiben. Aber nachdem immer mehr von den ohnehin recht wenigen Fleischliebhabern das neue Zuchtfleisch aßen, wurde die Situation zunehmend prekärer. Zudem weigerte sich James hartnäckig, das Kunstzeug in seinem Laden anzubieten, und war sogar so weit gegangen, einen Vertreter von Kingston mit einem Hackbeil aus dem Geschäft zu jagen. Die Nidu waren überzeugte Karnivoren, wie James Moeller wusste. Von irgendwoher mussten sie ihre Nahrung beziehen, und James Moeller war Geschäftsmann. Solange sie zahlten, waren in seinen Augen alle seine Kunden gleichwertig.
»Ich habe es schon auf der Straße gerochen«, fuhr Faj-win-Getag fort, während er sich dem Verkaufstresen näherte. »Es riecht frisch. Es riecht anders.«
»Der Botschafter hat eine gute Nase«, sagte James Moeller. »Hinten im Lager habe ich Hirschfleisch, das erst heute aus Michigan eingetroffen ist.«
»Ich kenne Hirsche«, sagte Faj-win-Getag. »Große Tiere. Sie werfen sich mit großer Häufigkeit gegen Fahrzeuge.«
»Genau die«, sagte James Moeller.
»Aber sie riechen nicht so, wenn ich sie am Straßenrand rieche«, sagte Faj-win-Getag.
»Ganz bestimmt nicht!«, sagte James Moeller. »Möchten Sie das Hirschfleisch aus der Nähe riechen?« Als Faj-win-Getag zustimmend nickte, sagte James zu seinem Sohn Dirk, dass er etwas davon holen sollte. Dann präsentierte James es dem Nidu-Botschafter.
»Das riecht wunderbar«, sagte Faj-win-Getag. »Es ähnelt sehr stark einem Duft, den wir nach unseren Gepflogenheiten mit sexueller Potenz gleichsetzen. Dieses Fleisch müsste sich bei unseren jungen Männern großer Beliebtheit erfreuen.«
James Moeller grinste so breit wie der Potomac River. »Es wäre mir eine Ehre, dem Botschafter etwas Hirschfleisch zu schenken, mit meinen besten Empfehlungen.« Er scheuchte Dirk noch einmal ins Lager, um noch mehr davon zu holen. »Und es wäre mir eine große Freude, Ihre Artgenossen beliefern zu dürfen, die es ebenfalls genießen möchten. Wir haben recht viel auf Lager.«
»Ich werde auf jeden Fall meine Mitarbeiter informieren«, versicherte Faj-win-Getag. »Sie sagten, Sie beziehen das Hirschfleisch aus Michigan?«
»Aber sicher«, antwortete James. »Es gibt ein großes Reservat in Zentralmichigan, das von den Nugentianern betrieben wird. Sie erlegen Hirsche und andere Tiere bei der rituellen Jagd mit Pfeil und Bogen. Nach ihrer Legende hat der Gründer dieser Sekte ein Exemplar jeder nordamerikanischen Säugetierspezies mit dem Bogen erlegt, ehe er starb. Im Reservat ist seine Leiche in einem Mausoleum aufgebahrt. Er trägt nur einen Lendenschurz. Das ist etwas Religiöses. Es sind Leute, mit denen man auf einer persönlichen Ebene nicht allzu viel Zeit verbringen möchte, aber ihr Fleisch ist das beste im ganzen Land. Es kostet etwas mehr, aber das ist es wert. Und sie haben genau die richtige Einstellung zu Fleisch. Es ist die Grundlage einer wahrlich gesunden Ernährung.«
»Die meisten Menschen, denen wir begegnet sind, essen nicht viel Fleisch«, bemerkte Faj-win-Getag. »Was ich in Ihren Zeitungen und Zeitschriften lese, deutet darauf hin, dass die meisten Menschen es als ungesund betrachten.«
»Glauben Sie kein Wort davon«, sagte James Moeller. »Ich esse zu jeder Mahlzeit Fleisch. Ich habe doppelt so viel physische und mentale Energie wie die meisten Männer, die nur halb so alt sind wie ich. Ich habe nichts gegen Vegetarier. Wenn sie die ganze Zeit nur Bohnen essen wollen, habe ich damit überhaupt kein Problem. Aber wenn sie schon längst im Bett liegen und schlafen, bin ich immer noch fit. Das macht das Fleisch. Alles fängt mit Fleisch an – das sage ich auch ständig zu meinen Kunden. Und das sage ich auch zu Ihnen.« Dirk kam mit mehreren Fleischpaketen aus dem Lager zurück. James packte sie in eine stabile Tasche, die er auf einen Tisch neben dem Tresen stellte. »Es gehört Ihnen, Sir. Genießen Sie es.«
»Sie sind überaus großzügig«, sagte Faj-win-Getag, während ein Diener aus seinem Gefolge die Tasche an sich nahm. »Wir fühlen uns immer wieder durch solche Gesten der Gastfreundschaft von Seiten Ihres Volkes beglückt. Die Menschen sind sehr gütig. Besonders freut es uns, dass wir bald in der Nähe sein werden.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte James Moeller.
»Die Nidu haben verschiedene neue Verträge und Handelsvereinbarungen mit Ihrer Regierung getroffen, was zur Folge hat, dass wir unsere Präsenz auf Ihrer Welt beträchtlich vergrößern werden«, sagte der Botschafter. »Wir werden unsere neue Vertretung in diesem Stadtteil errichten.«
»Das ist ja großartig«, sagte James Moeller. »Wird sich die Botschaft in der Nähe befinden?«
»In sehr großer Nähe«, sagte Faj-win-Getag und nickte zum Abschied. Dann verließ er zusammen mit dem Hirschfleisch und seinem Gefolge den Laden.
James Moeller verschwendete keine Zeit. In der folgenden Woche bestellte er bei den Nugentianern dreimal so viel Hirschfleisch wie sonst und schickte Dirk in die Bibliothek, damit er so viel wie möglich über die Nidu und ihre kulinarischen Präferenzen in Erfahrung brachte. Das führte dazu, dass James Kaninchen, Kobe-Fleisch, aus Schottland importiertes Haggis und zum ersten Mal in der drei Generationen währenden Geschichte der Metzgerei Frühstücksfleisch orderte. »Das ist kein Zuchtfleisch«, sagte er zu Dirk. »Es ist nur Fleisch in Dosen.«
Innerhalb einer Woche hatte James Moeller seine Metzgerei auf die Bedürfnisse der Nidu abgestimmt. Dann geschah es, dass die verdreifachte Lieferung Hirschfleisch von den Nugentianern genau am gleichen Tag eintraf wie eine Benachrichtigung per Einschreiben, dass das Gebäude, in dem sich Moellers Metzgerei befand, mit sofortiger Wirkung von der Regierung konfisziert wurde, genauso wie alle anderen Gebäude des betreffenden Häuserblocks, um für die neue und größere Nidu-Botschaft Platz zu schaffen. Überdies fiel die Zustellung dieses Schreibens an James Moeller mit einem schweren Herzinfarkt zusammen, der James so schnell tötete, dass er schon nicht mehr lebte, als er auf dem Boden aufschlug, den Brief immer noch in der Hand, das Hirschfleisch immer noch unverarbeitet im Kühlraum seines Geschäfts.
Dr. Atkinson bemühte sich, Dirk zu versichern, dass der Schock über die Konfiszierung allein nicht ausgereicht hätte, den Herzinfarkt seines Vaters auszulösen. James’ Aorta war mit Fettablagerungen vollgepackt wie eine Teigtasche, das Endresultat von 53 Jahren täglichen Fleischkonsums. Dr. Atkinson hatte James immer wieder ermahnt, sich etwas ausgewogener zu ernähren oder ihm zumindest zu gestatten, antisklerotische Nanobots in seine Arterien zu injizieren. Doch James hatte nicht auf ihn gehört. Es ging ihm gut, er liebte Fleisch, und er wollte keine Behandlung vornehmen lassen, die seiner Krankenversicherung den nötigen Vorwand verschaffte, seine Beiträge zu erhöhen. Stattdessen hatte James’ Herzinfarkt nur auf einen geeigneten Vorwand gewartet. Wenn es nicht zu diesem Zeitpunkt geschehen wäre, dann in naher Zukunft. In sehr naher Zukunft.
Dirk wollte nichts davon hören. Er wusste genau, wer verantwortlich war. Er hatte seinen toten Vater gefunden, hatte die Benachrichtigung gelesen und wenig später erfahren, dass einen Tag nach dem Besuch des Botschafters in Moellers Metzgerei eine Delegation der Nidu zum Reservat der Nugentianer in Michigan geflogen war, um einen Vertrag über die direkte Belieferung mit Hirschfleisch abzuschließen, wobei sie die Informationen nutzten, die James Moeller im Gespräch gutgläubig preisgegeben hatte. Als der Nidu-Botschafter durch die Ladentür getreten war, hatte er bereits gewusst, dass Moellers Metzgerei schon in wenigen Tagen den Geschäftsbetrieb einstellen würde. Trotzdem hatte er sich von Dirks Vater mit Fleisch und Informationen beschenken lassen, ohne auch nur den leisesten Hinweis auf die bevorstehende Entwicklung zu geben.
Vielleicht war es sogar besser so, dass sein Vater zu diesem Zeitpunkt gestorben war, dachte Dirk für sich. Spätestens wenn er gesehen hätte, wie das Geschäft seines Großvaters abgerissen wurde, hätte er auf jeden Fall einen Herzinfarkt erlitten.
In der Geschichte und der Literatur wimmelte es von Helden, die sich berufen fühlen, den Tod ihrer Väter zu rächen. Auch Dirk machte sich mit grimmiger Entschlossenheit an diese Aufgabe und verfolgte sie über eine Zeitspanne, neben der sich Hamlet wie der Archetypus der zwanghaften Tatkraft und gehetzten Ungeduld ausgenommen hätte. Mit der Entschädigung, die die Regierung für Moellers Metzgerei gezahlt hatte, schrieb sich Dirk an der Johns Hopkins University ein Stück die Straße hinunter in Baltimore ein und machte einen Abschluss in interplanetarer Politologie. Der Studiengang an der Hopkins gehörte zu den besten dreien des Landes, neben Chicago und Georgetown.
An letzterer Uni graduierte Moeller und wurde zum äußerst begehrten Fach zugelassen, indem er sich einverstanden erklärte, sich auf die Garda zu spezialisierten, ein saisonal intelligentes Volk von Röhrenwürmern, deren derzeitige Botschaft auf der Erde sich auf dem ehemaligen Gelände des Marine-Forschungsinstituts befand. Doch kurz nachdem Moeller mit seinem Studium begonnen hatte, setzte bei den Garda die Saison der Inkompetenz ein, eine Phase der Völlerei, der Paarung und der verringerten Hirnaktivität, die mit dem Beginn des Uuuchi zusammenfiel, einer herbstlichen Jahreszeit auf Gard, die nach irdischen Begriffen drei Jahre und sieben Monate lang anhalten würde. Da Moeller nur für einen sehr kurzen Zeitraum mit den Garda zusammenarbeiten konnte, wurde ihm gestattet, eine zweite Forschungsrichtung zu wählen. Er entschied sich für die Nidu.
Nachdem Moeller seine erste größere Arbeit abgeliefert hatte, eine Analyse der Rolle der Nidu in der Zeit, als sie den Vereinten Nationen der Erde geholfen hatten, einen Sitz in der Großen Konföderation zu erringen, kam Moeller in Kontakt mit Anton Schroeder, dem UNE-Beobachter und ersten offiziellen Repräsentanten in der GK. Später hatte Schroeder diese Funktion aufgegeben und war zum Leiter des Amerikanischen Instituts für Kolonisation geworden, ein außerhalb von Arlington ansässiges Expertenkollegium, das die menschliche Besiedlung anderer Planeten förderte, ob nun mit oder ohne Zustimmung der Großen Konföderation.
»Ich habe Ihre Arbeit gelesen, Mr. Moeller«, hatte Schroeder ohne weitere Einleitung gesagt, als er Moeller auf seinem Bürokommunikator anrief. Schroeder ging (korrekterweise) davon aus, dass Moeller seine Stimme wiedererkannte, die durch Tausende von Ansprachen, Nachrichtensendungen und Talkshows berühmt geworden war. »Sie haben bemerkenswert viel Mist geschrieben, aber dieser Mist ist auf sehr interessante Weise bemerkenswert, und ein Teil davon kommt – rein zufällig, wie ich behaupten möchte – den wirklichen Verhältnissen zwischen den Menschen und den Nidu beziehungsweise der Großen Konföderation sehr nahe. Würden Sie gerne wissen, welche Punkte das sind?«
»Ja, Sir«, sagte Moeller.
»Ich schicke jetzt einen Wagen zu Ihnen«, sagte Schroeder. »Er wird in einer halben Stunde da sein und Sie hierherbringen. Vergessen Sie nicht die Krawatte.«
Eine Stunde später trank Moeller aus dem informativen und ideologischen Feuerwehrschlauch, der Anton Schroeder war, der einzige Mensch, der die Nidu besser als alle seine Artgenossen kannte. Im Laufe der Jahrzehnte, die er mit den Nidu zu tun gehabt hatte, war Schroeder zu folgender Erkenntnis gelangt: Die Nidu verarschen uns. Es wird Zeit, dass wir es ihnen heimzahlen. Er musste Moeller nicht zweimal fragen, ob er dabei mitmachen wollte.
»Da kommen die Nidu«, sagte Alan und erhob sich von seinem Sitz. Moeller schluckte den Rest der Milch hinunter und stand ebenfalls auf, gerade noch rechtzeitig, um zu spüren, wie eine Gasblase seine Eingeweide verknotete. Moeller biss sich in die Wange und bemühte sich, den Krampf zu ignorieren. Es wäre nicht gut, wenn er die Nidu-Delegation auf seine Verdauungsbeschwerden aufmerksam machte.
Die Nidu marschierten in einer Reihe in den Konferenzraum, wie sie es immer taten, zuerst diejenigen, die die niedrigste Stellung in der Hackordnung hatten. Sie steuerten ihre zugewiesenen Plätze an und nickten ihrem jeweiligen menschlichen Gegenüber auf der anderen Tischseite zu. Niemand machte Anstalten zum Händeschütteln. Die Nidu mit ihrer klar geschichteten Gesellschaftsstruktur neigten nicht zu innigem schamlosem persönlichem Körperkontakt. Die Stühle wurden besetzt, von außen nach innen, bis nur noch zwei Personen neben den mittleren Plätzen auf den gegenüberliegenden Seiten standen: Moeller und der ranghöchste anwesende Handelsvertreter der Nidu, Sral-win-Getag.
Bei dem es sich zufällig um den Sohn von Faj-win-Getag handelte, dem Nidu-Botschafter, der vor knapp vierzig Jahren in Moellers Metzgerei erschienen war. Doch in Wirklichkeit war der Zufall gar nicht so groß, denn alle niduanischen Diplomaten auf der Erde entstammten der win-Getag-Sippe, einer mütterlichen Nebenlinie der gegenwärtigen Herrscherdynastie der auf-Getag. Faj-win-Getag war für seine Fruchtbarkeit berühmt, selbst für einen Nidu, so dass es im diplomatischen Corps auf der Erde von seinen Kindern nur so wimmelte.
Doch für Moeller war es die perfekte Genugtuung, dass der Sohn von James Moeller dem Sohn von Faj-win-Getag zurückzahlte, was er ihm schuldig war. Moeller glaubte nicht an Karma, aber er glaubte an dessen schwachsinnige Cousine, die Idee, dass »alles, was sich dreht, wieder zurückkommt«. Und jetzt waren es die Moellers, die endlich wieder zurückkamen.
Die Sache hatte noch einen weiteren ironischen Beigeschmack, dachte Moeller, als er darauf wartete, dass Sral-win-Getag die Begrüßungsformel sprach. Diese Runde der Handelsgespräche zwischen den Nidu und den Menschen hätte eigentlich schon lange vor diesem Stadium abgebrochen werden sollen. Moeller und seine Landsleute hatten seit Jahren heimlich geplant und intrigiert, damit es zu einem Bruch in den Beziehungen zwischen den beiden Völkern kam. In diesem Jahr hätten die Handelsbeziehungen eingefroren werden sollen. Die Allianz hätte sich auflösen und es hätte zu Anti-Nidu-Demonstrationen kommen sollen. Und die von Menschen bewohnten Planeten hätten den Weg zur wirklichen Unabhängigkeit außerhalb der Großen Konföderation beschreiten sollen.
Ein neuer Präsident und eine Nidu-freundliche Regierung hatten die Pläne vermasselt. Der neue Handelsminister hatte zu viele Delegierte ersetzt, und die neuen Delegierten waren allzu bereit gewesen, auf berechtigte Ansprüche zu verzichten, um die Beziehungen zu den Nidu wieder zu normalisieren. Jetzt waren die Verhandlungen schon viel zu weit fortgeschritten, um noch einen diplomatischen Konflikt anzuzetteln. Alle konflikttauglichen Ansätze waren ein oder zwei Ebenen tiefer aus dem Weg geräumt worden. Jetzt war etwas ganz anderes nötig, um die Verhandlungen platzen zu lassen. Vorzugsweise etwas, das die Nidu in einem schlechten Licht erscheinen ließ.
»Dirk«, sagte Sral-win-Getag und verbeugte sich knapp. »Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen. Sind wir bereit, mit dem heutigen Daumendrücken zu beginnen?« Er lächelte, was bei einem Nidu ziemlich scheußlich aussah, wenn er sich innerlich über seinen eigenen Scherz amüsierte. Sral-win-Getag hielt sich selbst für recht witzig, und seine Spezialität bestand darin, Malapropismen zu ersinnen, die auf der menschlichen Umgangssprache basierten. Er hatte einmal gesehen, wie ein Alien in einem Film aus der Ära vor dem Kontakt genau das getan hatte, und fand diese Art von Sinnverdrehung sehr clever. Es war genau die Sorte Witz, die sehr schnell langweilig wurde.
»Auf jeden Fall«, sagte Moeller und erwiderte die Verbeugung, wobei er einen neuen leichten Krampf in Kauf nahm. »Unsere Daumen sind bereit.«
»Exzellent.« Sral-win-Getag setzte sich und griff nach der Tagesordnung. »Beschäftigen wir uns immer noch mit landwirtschaftlichen Quoten?«
Moeller blickte zu Alan, der die Tagesordnung erstellt hatte. »Bis um zehn sprechen wir über Dessert- und Kochbananen, und dann stürzen wir uns bis zur Mittagspause auf Wein- und Tafeltrauben«, sagte Alan. »Am Nachmittag legen wir mit Viehquoten los. Mit Schafen fangen wir an.«
»Määänen Sie, dass das eine gute Idee ist?«, sagte Sral-win-Getag und zeigte Moeller wieder sein scheußliches Lächeln. Auch an Wortspielen fand der Nidu immer wieder großen Gefallen.
»Das ist sehr amüsant, Sir«, sagte Alan tapfer.
Vom unteren Ende des Tisches flötete ein Nidu: »Wir machen uns leichte Sorgen wegen des Prozentsatzes an Bananen, die laut Vertrag aus Ecuador kommen sollen. Wie wir hörten, hat ein Bananenvirus dort im vergangenen Jahr einen großen Teil der Ernte vernichtet.« Von der anderen Tischseite antwortete ein Mitglied der Menschendelegation. Die Verhandlungen plätscherten in der folgenden Stunde an den äußeren Enden des Tisches dahin. Alan und seine Leute würden sich bemühen, ihre Gegenseite im Zaum zu halten. Sral-win-Getag war schon jetzt gelangweilt und rief mit seinem Datenschirm Sportergebnisse ab. Moeller war zufrieden, dass seine aktive Teilnahme über einen längeren Zeitraum nicht nötig war, und tippte dann seinen eigenen Schirm an, um den Apparat hochzufahren.
Es war Sral-win-Getag persönlich gewesen, der die Anregung zur Konstruktion des Apparats gegeben hatte. Er war, um es vorsichtig auszudrücken, in seinem Metier nicht allzu erfolgreich. Seine Leistungen waren mittelmäßig, während die meisten seiner Geschwister viel höhere Stellungen errungen hatten. Man vermutete, dass der einzige Grund, warum Sral-win-Getag überhaupt ein mittelmäßiger Verhandlungsführer geworden war, darin bestand, dass er für seine Familie viel zu wichtig war, um ihn auf einen anderen Posten zu versetzen. Es wäre eine Beleidigung seiner ganzen Sippe gewesen, wenn er versagt hätte.
Deshalb wurde Sral-win-Getag von Assistenten überwacht, die merklich intelligenter waren als er, und man betraute ihn niemals mit brisanten Aufgaben. Größtenteils längst festgesetzte landwirtschaftliche Produktionsquoten waren beispielsweise genau seine Kragenweite. Zum Glück war Sral-win-Getag nicht einmal so intelligent, dass er erkannt hätte, wie er von seiner Regierung ins Abseits manövriert wurde. Somit war alles bestens für alle Beteiligten geregelt.
Wie die meisten intellektuellen Mittelfeldspieler war Sral-win-Getag jedoch sehr empfindlich, wenn es um Angelegenheiten des persönlichen Status ging. Außerdem konnte er ziemlich aufbrausend werden. Ohne die diplomatische Immunität hätte es in seiner Personalakte von Ermahnungen wegen tätlicher Angriffe, schwerer Körperverletzung und zumindest in einem Fall versuchten Mordes gewimmelt. Es waren genau diese Umstände, die die Aufmerksamkeit von Jean Schroeder geweckt hatten, dem Sohn des kürzlich verstorbenen Anton Schroeder und dessen Nachfolger als Leiter des Amerikanischen Instituts für Kolonisation.
»Hören Sie sich das an«, sagte Jean, der aus einem Bericht vorlas, den sein Assistent zusammengestellt hatte, während Moeller in seinem Garten für sie beide Steaks grillte. »Vor sechs Jahren besuchte Sral ein Spiel der Capitals und musste daran gehindert werden, einen Zuschauer in der Toilette des Stadions zu erwürgen. Mehrere Leute mussten sich buchstäblich auf ihn stürzen und sich auf seinen großen Reptilienarsch setzen, bis die Polizei eintraf.«
»Warum wollte er den Mann erwürgen?«, fragte Moeller.
»Der Kerl stand neben Sral am Waschbecken und benutzte ein Atemspray«, erklärte Schroeder. »Sral roch es und drehte durch. Er sagte zu den Polizisten, der Geruch des Atemsprays hätte bedeutet, er würde sich damit vergnügen, Analverkehr mit seiner Mutter zu betreiben. Die Ehre gebot es ihm, sich für diese Beleidigung zu rächen.«
Moeller stach in die Steaks und drehte sie um. »Eigentlich hätte ihm klar sein müssen, dass die meisten Menschen nicht den leisesten Schimmer haben, was Gerüche für die oberen Zehntausend der Nidu bedeuten.«
»Es hätte ihm klar sein müssen, war es aber nicht«, sagte Jean und blätterte im Bericht. »Oder es interessierte ihn nicht, was wahrscheinlicher klingt. Er genießt diplomatische Immunität. Er muss sich keine Gedanken darüber machen, ob er sich zurückhalten sollte. Auch bei zwei weiteren Beinahe-Verhaftungen ging es um Streitigkeiten wegen Gerüchen. Hier, diese Geschichte ist gut: Wie es scheint, griff er einen Blumenverkäufer auf einem Marktplatz an, weil einer der Sträuße ihm sagte, er würde Babys mit Füßen treten. Das war erst vergangenes Jahr.«
»Wahrscheinlich waren Gänseblümchen im Strauß«, sagte Moeller, der sich weiterhin um die Steaks kümmerte. »Der Duft von Gänseblümchen bedeutet ›Kinder‹. Was wollen Sie damit anfangen, Jean?«
»Nächste Woche beginnen Ihre Verhandlungen mit Sral«, sagte Schroeder. »Inzwischen ist es zu spät, die Agenda zu ändern. Aber Sie verhandeln mit jemandem, der entweder ziemlich dumm oder ziemlich labil ist und der die aktenkundige Neigung zu Wutausbrüchen hat, wenn er glaubt, durch einen Geruch beleidigt zu werden. Daraus muss sich doch etwas machen lassen.«
»Ich wüsste nicht, wie.« Moeller spießte die Steaks auf und legte sie auf einen Servierteller. »Im Handelsministerium gilt die Regel, dass man den Empfindlichkeiten der Nidu mit großem Respekt begegnen soll. Die Verhandlungen finden nur in Räumen mit speziellen Luftfiltern statt. Wir verzichten auf Parfüm und Rasierwasser – wir sollen nicht einmal duftende Deodorants für die Achselhöhlen benutzen. Verdammt, wir bekommen sogar Spezialseife, die wir beim Duschen verwenden sollen! Und wir nehmen das alles sehr ernst. Während meines ersten Jahres im Handelsministerium habe ich erlebt, wie ein Mitglied unserer Delegation nach Hause geschickt wurde, weil er sich am Morgen mit Kernseife gewaschen hat. Er erhielt tatsächlich einen offiziellen Verweis.«
»Anscheinend können Sie nicht mit einer Sprühflasche hereinkommen, in die wir die Essenz von ›Leck mich am Arsch‹ abgefüllt haben«, sagte Jean. »Aber es muss eine Möglichkeit geben, etwas in dieser Art zu bewirken.«
»Hören Sie«, sagte Moeller. »Srals Vater hat bei meinem Vater einen Herzinfarkt ausgelöst. Nichts würde mich glücklicher machen, als diesen Mistkerl aus dem Konzept zu bringen. Aber wir werden es nicht schaffen, ihn insgeheim so sehr anzustinken, dass er in Wut gerät.«
Zwei Tage später schickte Jean ihm eine Nachricht. Sie lautete: Etwas riecht interessant.
Am Verhandlungstisch hatten die Nidu die irdische Delegation dazu gebracht, die ecuadorianischen Bananen aus dem Vertrag zu nehmen und sie durch den gleichen Prozentsatz an Bananen zu ersetzen, die von der Philos-Kolonie geliefert werden sollten. Damit waren alle glücklich, weil die Philos-Kolonie dem Planeten Nidu viel näher war als die Erde. Außerdem würden die Plantagenbesitzer von Philos einen geringeren Preis für ihre Bananen akzeptieren, und die Erde wollte sowieso den kolonialen Handel fördern. Moeller gab mit einem Nicken seine Zustimmung. Sral-win-Getag grunzte seine Einwilligung, und dann widmete man sich dem Thema brasilianische Bananen.
Moeller öffnete auf seinem Schirm das Fenster für die Software des Apparats und tippte den Befehl für »Nachricht senden« an. Das Fenster listete sofort vier Kategorien auf: leichte Beleidigung, sexuelle Beleidigung, Beleidigung der Intelligenz und schwere Beleidigung. Fixer, der den Apparat konstruiert hatte und die beste frei verfügbare Software angepasst hatte, um ihn zu steuern, hatte in der wissenschaftlichen Bibliothek der UCLA ein chemisches Wörterbuch für die niduanische Geruchssprache gefunden. Selbstverständlich hatte er alles rausgeworfen, was keine Beleidigung war, denn Moeller hatte nicht vor, Sral-win-Getag mitzuteilen, dass er hübsch aussah oder dass es Zeit für seine Pubertätsriten war. Außerdem löschte Moeller sofort sämtliche Beleidigungen, die die Intelligenz seines Gegenübers in Zweifel zogen, da sich Dummköpfe niemals die Frage stellten, ob sie vielleicht weniger intelligent als andere waren. Fangen wir klein an, dachte sich Moeller und wählte die Option »Leichte Beleidigung«. Ein neues Fenster mit vierzig Beleidigungsvorschlägen öffnete sich. Moeller tippte auf diejenige, die in der Liste als Erste angeführt wurde und ganz simpel »Du stinkst« lautete.
Auf dem Touchscreen erschien eine Sanduhr, und Moeller spürte leichte Vibrationen in seinem Dickdarm, als sich der Apparat aktivierte. Dann wurde ein Dialogfenster angezeigt. »Verarbeitung jetzt möglich«, stand darin. »Feuern Sie, wenn Sie bereit sind.«
Moeller war praktisch im nächsten Moment feuerbereit. Die Verbindung von Milch und seinem Frühstück mit Gemüse und Schinken hatte in seinem Verdauungstrakt wahre Wunder bewirkt. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, bewegte sich Moeller vorsichtig auf seinem Sitz, um den Vorgang zu unterstützen. Er spürte, wie das Gas ein paar Zentimeter tief in die erste Kammer des Apparats eindrang. Das Dialogfenster änderte sich: »Verarbeitung erfolgt.« Moeller spürte eine neue Vibrationsfrequenz im Apparat, als die mittlere Kammer aktiv wurde. Nach etwa fünf Sekunden hörten die Vibrationen auf, und wieder änderte sich der Dialog: »Bereit. Wählen Sie automatische oder manuelle Freisetzung.« Moeller wählte die automatische Freisetzung. Daraufhin zeigte das Fenster einen Countdown an.
Zehn Sekunden später verließ das leicht komprimierte Gas den Apparat und bewegte sich auf den letzten Ausgang zu. Moeller machte sich keine besonderen Sorgen über die Geräuschentwicklung, denn niemand arbeitete jahrzehntelang im diplomatischen Corps, der nicht gelernt hatte, während der endlosen Sitzungen und Verhandlungen lautlos Druck abzulassen. Moeller beugte sich ein klein wenig vor und ließ das Gas entweichen. Es roch entfernt nach Petersilie.
Etwa zwanzig Sekunden später reagierte Sral-win-Getag, der bis jetzt den Eindruck erweckt hatte, als würde er jeden Moment einnicken. Mit einem plötzlichen Ruck richtete er sich auf und erschreckte seine Assistenten links und rechts von ihm. Eine Assistentin beugte sich zu ihm herüber, um in Erfahrung zu bringen, was ihren Vorgesetzten so beunruhigte. Sral-win-Getag zischte sie leise, aber eindringlich an. Sie hörte ihm ein paar Minuten lang zu, dann hob sie die Nase und schnupperte kurz, aber unübersehbar. Dann blickte sie Sral-win-Getag an und antwortete mit der niduanischen Entsprechung eines Schulterzuckens, als wollte sie sagen: Ich rieche nichts. Sral-win-Getags Augen funkelten wütend, und dann sah er zu Moeller, der die ganze Zeit mit dem Ausdruck höflicher Langeweile den Tisch angestarrt hatte, während die Bananen-Diskussion weiterging. Die Luftreiniger waren schon dabei, den Geruch zu neutralisieren. Allmählich beruhigte sich Sral-win-Getag wieder.
Ein paar Minuten später ließ Moeller die Botschaft Du paarst dich mit Unreinen fliegen. Sral-win-Getag stieß einen Grunzer aus und schlug so heftig mit einer Faust auf den Tisch, dass das gesamte Möbelstück erschüttert wurde. Eine Verhandlungspause trat ein, als alle Anwesenden zu Sral-win-Getag blickten, der inzwischen von seinem Sitz aufgesprungen war und hektisch mit der recht nervös wirkenden Assistentin an seiner Seite flüsterte.
»Gibt es ein Problem?«, fragte Moeller den zweiten Assistenten zu Sral-win-Getags Linken.
Dieser Nidu schien die Ruhe selbst zu sein. »Der Repräsentant ist offensichtlich über die Qualität brasilianischer Bananen besorgt«, lautete sein Urteil.
Sral-win-Getag schaffte es, sich wieder zu setzen. »Ich entschuldige mich«, sagte er und blickte am Tisch auf und ab. »Etwas hat mich überrascht.«
»Wir können über eine Änderung des prozentualen Anteils brasilianischer Bananen verhandeln, wenn Ihnen dieser Punkt so sehr am Herzen liegt«, sagte Moeller freundlich. »Ich bin mir sicher, dass Panama gerne seinen Anteil erhöhen würde, und wir könnten Brasilien auf andere Weise für den Ausfall entschädigen.« Er griff nach seinem Bildschirm, als wollte er sich eine entsprechende Notiz machen, obwohl er in Wirklichkeit den Befehl eingab, die Mitteilung Du badest in Erbrochenem zu senden.
»Das ist akzeptabel«, sagte Sral-win-Getag mit tiefem Knurren. Moeller gab Alan mit einer Geste zu verstehen, dass er die Diskussion fortsetzen sollte, wobei er gleichzeitig dafür sorgte, dass ihm die letzte Botschaft entfuhr. Zwanzig Sekunden später bemerkte Moeller, wie Sral-win-Getag schwer atmete und sich bemühte, nicht zu explodieren. Seine Assistentin tätschelte seine Hand, wenn auch etwas hektisch.
Moeller konnte sich nicht erinnern, in seinem Leben schon einmal mehr Spaß gehabt zu haben als in der nun folgenden Stunde. Ohne jede Rücksicht verhöhnte er Sral-win-Getag und wiegte sich vollkommen sicher in seinem Anschein ausdruckslosen Desinteresses an den Details der Verhandlungen, in der sichtlichen Abwesenheit von allen duftabsondernden Gegenständen im Konferenzraum und in der Überzeugung der Nidu, dass sich Menschen mit ihrem primitiven Geruchssinn unmöglich absichtlich über sie lustig machen konnten. Mit Ausnahme von Sral-win-Getag gehörten die anwesenden Nidu solchen Kasten an, die nur vage mit der Geruchssprache vertraut waren und deshalb den Zorn ihres Chefs nicht nachvollziehen konnten. Und mit Ausnahme von Moeller hatte die Menschendelegation nicht die leiseste Ahnung von den Gründen für Sral-win-Getags Verhalten. Ihnen entging nicht, dass irgendetwas den Nidu nervös machte, aber sie kamen nicht darauf, was es sein könnte. Die einzige Person, die etwas Ungewöhnliches wahrnahm, war Alan, der allein dadurch, dass er direkt neben ihm saß, bemerkte, dass sein Chef unter Blähungen litt. Moeller jedoch wusste, dass der ehrgeizige kleine Pimpf nicht im Traum daran denken würde, auch nur ein Wörtchen darüber zu verlieren.
In diesem Garten der Ahnungslosigkeit bestürmte Moeller den Nidu mit unaussprechlichen Beleidigungen bezüglich seines Sexualverhaltens, seiner persönlichen Eigenschaften und seiner familiären Beziehungen, oftmals in einer Kombination aus allen drei Bereichen. Fixers Apparat enthielt eine ausreichende Menge der chemischen Komponenten, um in Verbindung mit Moellers eigenen körperlichen Ausdünstungen theoretisch noch mehrere Tage lang sinnvolle gasförmige Botschaften von sich zu geben. Moeller experimentierte, um herauszufinden, welche Unterstellungen Sral-win-Getag am meisten ärgerten. Wie erwartet veränderte sich seine Atemfrequenz kaum, wenn seine berufliche Kompetenz in Frage gestellt wurde, aber Andeutungen sexueller Potenzdefizite schienen ihn richtig auf die Palme zu bringen. Moeller glaubte schon, Sral-win-Getag würde platzen, als die Botschaft Deine Partnerinnen lachen über deinen Spermienmangel zu ihm hinüberwehte, aber er konnte sich gerade noch zusammenreißen, hauptsächlich dadurch, dass er die Tischkante so fest umklammerte, dass Moeller befürchtete, er würde einen Teil davon abbrechen.
Moeller hatte gerade Du schlemmst Exkremente freigesetzt und aus dem Menü Deine Mutter verkehrt mit Algen ausgewählt, als Sral-win-Getag endlich genug hatte und sich dem Wutausbruch hingab, von dem Moeller gehofft hatte, dass er die Verhandlungen unterbrechen würde. »Es reicht jetzt!«, brüllte er und sprang über den Tisch auf Alan zu, der angesichts des Schocks, dass ein großes, intelligentes Reptilienwesen ihn angriff, in absoluter Regungslosigkeit erstarrte.
»Sind Sie das?«, verlangte Sral-win-Getag zu wissen, während seine Assistenten nach seinen Beinen griffen, um ihn wieder auf ihre Seite des Tisches zu ziehen.
»Was soll ich sein?«, brachte Alan mit Mühe heraus. Er war hin und her gerissen zwischen dem Drang, vor diesem bissigen Geschöpf zu fliehen, und dem Wunsch, seine diplomatische Karriere nicht zu gefährden, indem er dem Leiter der niduanischen Handelsdelegation auch nur einen Kratzer zufügte, wenn er versuchen sollte, dem drohenden Tod zu entkommen.
Sral-win-Getag ließ Alan los und befreite sich mit ein paar Fußtritten von seinen Assistenten. »Einer von Ihnen hat mich seit über einer Stunde pausenlos beleidigt! Ich rieche es ganz genau!«
Die Menschen starrten Sral-win-Getag ganze zehn Sekunden lang völlig verdutzt an. Dann brach Alan das Schweigen. »Also gut, Leute«, sagte er und blickte sich am Tisch um. »Wer hat parfümiertes Deo benutzt?«
»Ich rieche kein Deodorant, Sie kleiner Scheißer!«, knurrte Sral-win-Getag. »Jemand von Ihnen spricht zu mir. Er beleidigt mich. Das werde ich auf gar keinen Fall dulden!«
»Sir«, sagte Alan. »Wenn jemand während der Verhandlungen etwas gesagt hat, das Sie als Beleidigung verstanden haben, dann verspreche ich Ihnen …«
»Was wollen Sie mir versprechen?«, brüllte Sral-win-Getag zurück. »Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie alle in vierundzwanzig Stunden in einem Supermarktlager Kisten schleppen werden, wenn Sie nicht …«
Püüüüüüüüüüüüüü.
Stille. Moeller wurde plötzlich klar, dass er von sämtlichen Anwesenden angestarrt wurde.
»Entschuldigung«, sagte Moeller. »Das ist mir sehr peinlich.«
Danach herrschte für einen kurzen Moment wieder Stille.
»Sie!«, blaffte Sral-win-Getag schließlich. »Sie waren es! Die ganze Zeit!«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, entgegnete Moeller.
»Dafür werden Sie Ihren Job verlieren!«, tobte Sral-win-Getag. »Wenn ich mit Ihnen fertig bin...« Plötzlich verstummte der Nidu irritiert. Dann sog er ein letztes Mal schnaubend die Luft ein. Jetzt war Moellers letzte Botschaft durch den Raum bis zu ihm vorgedrungen.
Sral-win-Getag nahm den vollen Umfang der Botschaft wahr, verarbeitete sie und beschloss, Dirk Moeller auf der Stelle umzubringen, mit seinen eigenen Händen. Zum Glück hatten die Nidu ein Ritual, mit dem sie ihre berechtigte Absicht kundtaten, dass sie einen Erzfeind töten wollten, und es begann damit, dass sie einen lauten, markerschütternden Schrei ausstießen. Sral-win-Getag sammelte sich, holte tief Luft, richtete den Blick auf Dirk Moeller und begann mit dem mordlustigen Gebrüll.
Ein interessanter Aspekt außerirdischen Lebens besteht darin, dass es in allen Fällen, mag es noch so fremdartig sein, bestimmte körperliche Eigenschaften aufweist, die als Beispiele für parallele evolutionäre Entwicklungen auf den unterschiedlichsten Planeten gelten. Zum Beispiel besitzt nahezu jede intelligente Lebensform ein Gehirn, irgendeine Art von Zentralrechner, ganz gleich, in welcher Form sich das Nervensystem und die Sinnesorgane entwickelt haben. Der Sitz des Gehirns variiert, aber meistens ist es in irgendeiner Art Kopf untergebracht. In ähnlicher Weise verfügen nahezu alle komplexeren Lebensformen über irgendein Kreislaufsystem, mit dem Sauerstoff und Nährstoffe im Körper verteilt werden.
Die Verbindung dieser zwei allgemeinen Eigenschaften bedeutet, dass auch gewisse medizinische Phänome weit verbreitet sind. Zum Beispiel Schlaganfälle, die dadurch verursacht werden, dass die Transportkanäle des wie auch immer gearteten Kreislaufsystems im wie auch immer gearteten Gehirn platzen. Und genau das geschah in Sral-win-Getags Gehirn, nachdem er seine gebrüllte Mordankündigung eine knappe Sekunde lang von sich gegeben hatte. Sral-win-Getag war genauso überrascht wie alle anderen, als sein Schrei plötzlich abbrach und von einem feuchten Gurgeln abgelöst wurde, worauf er im nächsten Moment tot zu Boden stürzte, als die Schwerkraft die Oberhand über sein Körpergewicht erlangte. Die Nidu eilten sofort zu ihrem Vorgesetzten, und die Menschen starrten fassungslos auf ihre Verhandlungspartner, die nun ein klagendes Gejammer ausstießen, während sie versuchten, Sral-win-Getag wiederzubeleben.
Alan wandte sich Moeller zu, der immer noch auf seinem Platz saß und völlig ruhig das Geschehen beobachtete. »Sir?«, sagte Alan. »Was hat das zu bedeuten? Was geht hier vor sich, Sir?«
Moeller sah Alan an, öffnete den Mund, um sich mit einer absolut plausiblen Lüge herauszureden, und brach dann in schallendes Gelächter aus.
Eine weitere allgemeine Eigenschaft zahlreicher Lebensformen ist eine Hauptpumpe für das Kreislaufsystem – mit anderen Worten: ein Herz. Diese Pumpe verfügt für gewöhnlich über die kräftigsten Muskeln des gesamten Körpers, da die Kreislaufflüssigkeit ständig in Bewegung bleiben muss. Doch genauso wie jeder andere Muskel kann auch dieser geschädigt werden, vor allem, wenn das betreffende Lebewesen die Voraussetzungen für eine reibungslose Funktion seiner Kreislaufpumpe missachtet. Wenn es zum Beispiel viel fettes Fleisch isst, dessen Rückstände die Gefäße verstopfen, die den Muskel daraufhin nicht mehr ausreichend versorgen können.
Und genau das geschah in Dirk Moellers Körper.
2
Außenminister Jim Heffer betrachtete das Röhrchen auf seinem Schreibtisch. »Das ist es also?«, fragte er seinen Assistenten Ben Javna.
»Das ist es«, sagte Javna. »Frisch aus seinen miefenden Gedärmen.«
Heffer schüttelte den Kopf. »Was für ein Arschloch!«
»Eine äußerst treffende Bezeichnung«, sagte Javna.
Heffer seufzte, wollte nach dem Röhrchen greifen, hielt dann jedoch kurz davor inne. »Es ist doch nicht wirklich frisch, oder?«
Javna grinste. »Es wurde zu Ihrem Schutz desinfiziert, Sir. Es war in Moellers Enddarm eingepflanzt. Sämtliche organischen Beimengungen wurden entfernt. Innen und außen.«
»Wer weiß alles von der Existenz dieses Dings?«
»Abgesehen von den Unbekannten, die es Moeller implantiert haben? Sie, ich und der Gerichtsmediziner. Der Arzt hat sich einverstanden erklärt, vorläufig Stillschweigen zu wahren, obwohl er den Wunsch geäußert hat, dass das Außenministerium einen Vetter aus Pakistan in die Staaten einreisen lassen sollte. Und Alan hat natürlich einen mehr oder weniger vagen Verdacht. Deshalb hat er mich angerufen, kurz nachdem es zu diesem Zwischenfall kam.«
»Ein ehemaliger Mitarbeiter, der sich ausnahmsweise als nützlich erweist«, sagte Heffer. Er nahm das Röhrchen in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. »Haben wir schon herausgefunden, woher dieses Ding stammt?«
»Nein, Sir«, sagte Javna. »Aber wir haben noch gar nicht mit der Suche begonnen, weil es offiziell gar nicht existiert. Bislang ist offiziell nur bekannt, das Moeller und der Vertreter der Nidu zufällig gleichzeitig aus unterschiedlichen medizinischen Gründen tot zusammengebrochen sind. Was sogar die Wahrheit ist, wenn man es genau nimmt.«
Nun war es Heffer, der grinste. »Und wie lange dürften wir diese Geschichte aufrechterhalten können, Ben?«
»Natürlich wackelt sie schon jetzt«, sagte Javna. »Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es da draußen nur Gerüchte und Spekulationen. Wir fangen jetzt an, nach Plänen dafür zu suchen …« – Javna zeigte auf das Röhrchen – »… und Ihnen dürfte klar sein, dass das nicht unbemerkt bleiben wird.«
»Ich glaube, wir könnten die Sache aus den Medien raushalten«, sagte Heffer.
»Es sind nicht die Medien, um die wir uns Sorgen machen müssen. Sie wissen, dass Pope und seine Knallköpfe im Verteidigungsministerium sich darauf stürzen werden, und sie finden bestimmt irgendeine Möglichkeit, das Ganze so aussehen zu lassen, als wäre alles nur die Schuld der Nidu.«
»In gewisser Hinsicht wäre das ja ganz nett«, sagte Heffer.
»Klar, aber nur bis zu dem Punkt, wo wir anfangen, auf die Nidu zu schießen, und sie uns daraufhin kräftig in den Arsch treten werden.«
»So würde es in der Tat ablaufen«, musste Heffer einräumen.
»Das würde es«, bestätigte Javna.
Heffers Interkom meldete sich. »Mr. Heffer, Minister Soram ist da«, sagte Jane, Heffers Terminverwalterin.
»Schicken Sie ihn rein«, sagte Heffer, stand auf und wandte sich zu Javna um. »Da kommt der Idiot«, sagte er.
Javna grinste.
Handelsminister Ted Soram trat durch die Tür, mit energischen Schritten, einem Grinsen im Gesicht und ausgestreckter Hand. »Hallo, Jim«, sagte er. »Ich habe dich am Wochenende in meinem Haus vermisst.«
Heffer beugte sich über den Schreibtisch und schüttelte Soram die Hand. »Hallo, Ted. Das Wochenende habe ich in der Schweiz verbracht. Nahost-Friedensverhandlungen. Vielleicht hast du etwas darüber gelesen.«
»Autsch«, sagte Soram mit gutmütiger Miene, und am Rande seines Gesichtsfeldes bemerkte Heffer, dass Javna die Augen verdrehte. »Na gut, ich gebe zu, dass es eine gute Entschuldigung für deine Abwesenheit ist. Diesmal. Wie sind die Verhandlungen gelaufen?«
»Wie immer.« Heffer gab Soram zu verstehen, dass er sich setzen sollte. »Bis zum obligatorischen Kamikaze-Bomber in Haifa, als wir die Tagesordnung zur Hälfte abgearbeitet hatten.«
»Sie lernen nie dazu«, sagte Soram und machte es sich in einem Sessel bequem.
»Wahrscheinlich nicht.« Heffer setzte sich ebenfalls. »Aber im Augenblick mache ich mir viel weniger Sorgen um die Friedensverhandlungen im Nahen Osten als um die Handelsgespräche mit den Nidu hier auf der Erde.«
»Was ist damit?«, fragte Soram.
Heffer warf einen Blick zu Javna, der kaum merklich mit den Schultern zuckte. »Ted«, sagte Heffer, »hattest du heute schon Kontakt mit deinem Stab?«
»Ich war seit Sonnenaufgang in Lansdowne«, sagte Soram, »mit dem Botschafter der Kanh. Er spielt dort gerne Golf, und ich habe eine Mitgliedschaft. Ich habe versucht, seine Zustimmung zu bekommen, mehr Mandeln zu importieren. Wir haben gerade eine Schwemme. Also dachte ich mir, dass ich mal ein wenig Lobbyarbeit mache. Meine Mitarbeiter wissen, dass sie mich nicht stören dürfen, wenn ich an einer solchen Sache dran bin. Ich hätte deinem Mäuschen fast die Hölle heiß gemacht, bis mir klar wurde, dass es aus deinem und nicht meinem Büro angerufen hat.«
Heffer fragte sich wieder einmal, welches politische Kalkül dahintersteckte, dass Präsident Webster ausgerechnet Soram zum Handelsminister ernannt hatte. Die Kanh reagierten äußerst allergisch auf Nüsse. Der erste Staatsempfang für die Kanh hätte fast mit einer Katastrophe geendet, weil man in der Küche versehentlich Erdnussöl für eine der Vorspeisen verwendet hatte. Zwei Drittel der teilnehmenden Kanh erlitten Risse in ihren Verdauungsblasen. Die Tatsache, dass Soram die Kanh bewegen wollte, Mandeln zu importieren, war ein deutliches Zeichen für seine völlige Ahnungslosigkeit und für die Bereitschaft des Kanh-Botschafters (der alles andere als ahnungslos war), Sorams Unwissenheit auszunutzen, um ein paar Runden lang auf einem der besten Golfplätze des Landes spielen zu können.
Nun gut, wir brauchten Philadelphia, und er hat dort für uns die Wahl gewonnen, dachte Heffer. Jetzt ist es zu spät, sich deswegen Sorgen zu machen. »Ted«, sagte Heffer. »Es hat einen Zwischenfall gegeben. Einen ziemlich ernsten. Ein Mitglied unserer Delegation ist heute während der Verhandlungen gestorben. Genauso wie einer der niduanischen Repräsentanten. Und wir glauben, dass unser Mann den Nidu ermordet hat, bevor er selber umkam.«
Soram lächelte unsicher. »Ich kann dir nicht folgen, Jim.«
Heffer schob Soram das Röhrchen über den Schreibtisch zu. »Das hat er benutzt«, erklärte Heffer. »Wir sind uns ziemlich sicher, dass dieses Gerät dazu dient, chemische Signale zu senden, die die Nidu riechen und mit ihrem Duftkode interpretieren können. Wir glauben, dass unser Mann das Gerät heimlich in den Konferenzraum geschmuggelt hat. Er wollte gezielt den Verhandlungsführer der Nidu in Rage versetzen, bis er einen Schlaganfall erleidet. Er selbst hatte unmittelbar danach einen Herzinfarkt. Er starb lachend, Ted. Das alles hat keinen guten Eindruck gemacht.«
Soram nahm das Röhrchen in die Hand. »Wo hat er es versteckt?«, fragte er.
»In seinem Arschloch«, sagte Ben Javna.
Soram zuckte zusammen und ließ das Ding zu Boden fallen. Dann lächelte er verlegen und legte es wieder auf den Schreibtisch. »Entschuldigung«, sagte er. »Woher weißt du das alles, Jim? Das ist eine Angelegenheit des Handelsministeriums.«
Heffer nahm das Röhrchen und verstaute es in einer Schreibtischschublade. »Ted, wenn einer von deinen Leuten einen Nidu-Diplomaten umbringt, wird das zwangsläufig zu meiner Angelegenheit, ob es nun um Handelsfragen geht oder nicht. Wir im Außenministerium haben ein berechtigtes Interesse daran, dass die Handelsgespräche mit den Nidu reibungslos ablaufen. Und ich weiß, dass du als Handelsminister nicht unbedingt für hartes Durchgreifen bekannt bist. Also haben wir von hier aus verfolgt, wie sich die Sache entwickelt.«
»Ich verstehe«, sagte Soram.
»Vor diesem Hintergrund betrachtet«, fuhr Heffer fort, »muss ich zugeben, dass mich diese Angelegenheit sehr überrascht hat. Im Handelsministerium wimmelt es von Leuten, die gegen die Nidu sind, und zwar schon seit Jahren und auch nachdem die gegenwärtige Regierung gewählt wurde. Aber so etwas war uns neu. Wir haben damit gerechnet, dass irgendwelche kleineren Funktionäre ein paar Steine in den Weg legen. Darauf waren wir vorbereitet. Aber wir waren nicht darauf gefasst, dass einer von deinen Leuten bereit war, zum Mörder zu werden, um die geleistete Arbeit zunichtezumachen.«
»Wir haben die größten Unruhestifter rausgeschmissen«, versicherte Soram. »Wir haben uns jeden einzelnen Namen auf der Liste vorgenommen und sie einen nach dem anderen herausgepickt.«
»Einen habt ihr übersehen, Ted.«
»Wer war es?«, wollte Soram wissen.
»Dirk Moeller«, sagte Javna. »Kam während der Griffin-Regierung an Bord. Davor hat er für das Amerikanische Institut für Kolonisation gearbeitet.«
»Von ihm habe ich noch nie gehört.«
»Tatsächlich?«, erwiderte Javna mit ironischem Unterton.
Selbst Soram entging es nicht. »Versuch nicht, mir die Schuld daran zu geben! Wir haben die meisten erwischt. Aber ein paar mussten einfach durchs Netz schlüpfen.«
»Eine Anstellung beim AIK hätte eigentlich ein rotes Tuch sein müssen«, beharrte Heffer. »Dort wimmelt es von Knallköpfen, die gegen die Nidu wettern.«
Wieder meldete sich der Interkom. »Sir, Minister Pope ist eingetroffen«, sagte Jane.
»Wo wir gerade von Anti-Nidu-Knallköpfen sprechen«, sagte Javna leise.
»Er sagt, es sei dringend«, fuhr Jane fort.
»Schicken Sie ihn herein, Jane«, sagte Heffer und wandte sich dann an Javna. »Reißen Sie sich zusammen, Ben.«
»Ja, Sir.«
Jede Regierung schlug eine Brücke über den Graben und ernannte einen Minister aus den Reihen der Opposition. Robert Pope, ein Kriegsheld und sehr beliebter Exsenator aus Idaho, war das Appetithäppchen, das die Wähler umstimmen sollte, die noch nicht überzeugt waren, dass die Webster-Administration auch in Verteidigungsfragen kompetent war, und der nötigenfalls dem Druck der Großen Konföderation standhalten würde, vor allem, wenn er durch die Nidu ausgeübt wurde. Nach Heffers Geschmack ging Pope etwas zu leidenschaftlich in dieser Rolle auf.
»Bob«, sagte Heffer, als Pope zusammen mit seinem Assistenten Dave Phipps in den Raum trat. »Wolltest du auf dem Rückweg ins Pentagon schnell bei mir vorbeischauen?«
»So könnte man es ausdrücken«, sagte Pope und blickte dann zu Soram. »Wie ich sehe, hast du bereits deinen Krisenstab um dich versammelt.«
»Am Wochenende habe ich dich vermisst, Bob«, sagte Soram.
»Ted, du weißt, dass ich nicht einmal als Leiche an einer deiner Partys teilnehmen würde«, erwiderte Pope. »Also wollen wir gar nicht erst so tun, als könnte es jemals passieren. Wie ich hörte, gab es bei den heutigen Verhandlungen eine kleine Unregelmäßigkeit.«
»Jim war gerade dabei, mich auf den neuesten Stand zu bringen«, erklärte Soram.
»Gut«, sagte Pope. »Es freut mich, dass wenigstens einer versucht, den Überblick über das Handelsministerium zu behalten. Auch wenn er hier im Außenministerium sitzt. Seltsam, dass zwei Verhandlungsführer im Abstand von wenigen Sekunden ums Leben kommen, nicht wahr?«
»Das Universum ist voller erstaunlicher Zufälle, Bob«, bemerkte Heffer.
»Und du glaubst, dass es sich hier um einen solchen Zufall handelt?«
»Zumindest ist das im Moment unser offizieller Standpunkt«, sagte Heffer. »Obwohl wir dich natürlich sofort informieren werden, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Wir hoffen, die Sache in den Griff zu bekommen, solange es sich noch um einen geringfügigen diplomatischen Zwischenfall handelt, Bob. Ihr im Verteidigungsministerium müsst euch deswegen nicht die geringsten Sorgen machen.«
»Das beruhigt mich sehr, Jim. Nur dass es dazu vielleicht schon zu spät ist.« Pope nickte Phipps zu, der Dokumente aus seiner Aktentasche zog und sie an Heffer weiterreichte.
»Was ist das?«, fragte Heffer, während er nach seiner Brille griff.
»Abgehörte Mitteilungen aus dem Büro des niduanischen Militärattachés. Die Kommunikation fand sechsunddreißig Minuten nach dem Ableben der beiden Verhandlungsführer statt. Und wir wissen, dass etwa zwei Stunden danach zwei niduanische Zerstörer der Glar-Klasse neue Befehle erhielten.«
»Wisst ihr, wie diese Befehle lauten?«, wollte Heffer wissen.
»Sie waren verschlüsselt«, sagte Pope.
»Also könnte es um sonst was gehen, auch um etwas, das nicht das Geringste mit unserem kleinen Problem zu tun hat«, stellte Heffer fest.
»Das könnte es«, räumte Pope ein. »Da ist nur der winzige Haken, dass diese neuen Befehle direkt vom Oberkommando der Nidu kamen.«
»Was bedeutet das?«, fragte Soram.
»Das bedeutet, dass nicht die übliche Befehlskette eingehalten wurde, Ted«, erklärte Heffer. »Das bedeutet, was auch immer die Nidu vorhaben, sie wollen es schnell durchziehen.« Heffer wandte sich an Javna. »Sind die Nidu in andere außerplanmäßige Konflikte verwickelt, die erforderlich machen könnten, dass diese Zerstörer neue Befehle erhalten haben?«
»Aus dem Stand heraus fällt mir nichts ein«, sagte Javna. »Es gibt da einen schwelenden Grenzkrieg mit den Andde, aber an der Front herrscht schon seit Monaten Waffenstillstand. Es ist unwahrscheinlich, dass die Nidu wieder aktiv werden, ohne dass die Andde vorher eine Dummheit begehen. Aber ich werde mich trotzdem erkundigen.«
»In der Zwischenzeit muss ich von der Annahme ausgehen, dass die heutigen Ereignisse einen Konflikt auslösen könnten«, sagte Pope. »Und dass die Nidu vielleicht etwas vorbereiten, das mehr als nur eine diplomatische Reaktion darstellen würde.«
»Hast du schon mit dem Präsidenten darüber gesprochen?«, wollte Heffer wissen.
»Er ist in St. Louis und liest in einem Kindergarten Geschichten vor«, erwiderte Pope. »Ich habe Roger über alles informiert. Er schlug vor, dass ich auf dem Rückweg ins Pentagon hier vorbeischaue und dich vorwarne. Er meinte, dass die Angelegenheit nur in einem persönlichen Gespräch geklärt werden könne.«
Heffer nickte. Roger hatte Pope wahrscheinlich auch vorgeschlagen, dass er sich kurz danach mit ihm beriet, was zweifellos der einzige Grund war, warum Pope höchstpersönlich in seinem Büro erschienen war. Das war einer der Vorteile, wenn man einen Schwager hatte, der für den Präsidenten als Stabschef arbeitete. Wenn Roger zuließ, dass er in Schwierigkeiten geriet, würde seine Gattin ihm damit auf ewig in den Ohren liegen. Die Heffers waren ein sehr loyaler Familienclan.
»Kann ich diese abgehörten Mitteilungen sehen?«, fragte Soram.
»Später, Ted«, entgegnete Heffer. »Bob, was beabsichtigst du mit diesen Informationen anzustellen?«
»Das kommt darauf an«, sagte Pope. »Natürlich kann ich nicht einfach die Hände in den Schoß legen. Wenn zwei Nidu-Zerstörer zu uns unterwegs sind, müssen wir darauf vorbereitet sein, im Ernstfall reagieren zu können.«
»Vergiss nicht, dass die Nidu unsere Verbündeten sind«, sagte Heffer. »Das sind sie seit vielen Jahrzehnten, auch wenn es in letzter Zeit immer wieder Versuche gab, etwas daran zu ändern.«
»Jim, die politischen Konsequenzen dieser Situation sind mir scheißegal«, sagte Pope, und Heffer bemerkte, wie Javna erneut die Augen verdrehte. »Mir geht es nur darum, wohin diese Zerstörer unterwegs sind und was sie vorhaben. Wenn du etwas weißt, was ich nicht weiß, dann kläre mich unbedingt auf. Aber von meinem Standpunkt sieht es so aus, dass zwei tote Verhandlungsführer plus zwei Nidu-Zerstörer die Summe ergeben, dass die Nidu etwas tun werden, weswegen ich mir große Sorgen machen sollte.«
Erneut piepte Heffers Interkom. »Sir, der Botschafter der Nidu ist hier. Er sagt, es wäre …«
»… dringend, ich weiß«, führte er den Satz zu Ende. »Sagen Sie ihm, dass ich ihn gleich empfangen werde.« Er schaltete den Interkom aus und erhob sich. »Meine Herren, ich brauche dieses Zimmer. In Anbetracht der Situation schlage ich vor, dass Sie es durch den angrenzenden Konferenzraum verlassen. Es könnte den Botschafter nervös machen, wenn er sieht, dass der Handels- und der Verteidigungsminister durch die Tür meines Büros treten.«
»Jim«, beharrte Pope. »Wenn du etwas weißt, muss ich es erfahren. Je früher, desto besser.«
»Ich verstehe, Bob. Gib mir etwas Zeit, um an diesem Problem zu arbeiten. Wenn die Nidu mitbekommen, dass wir uns für einen Kampf wappnen, würde das die Angelegenheit verkomplizieren. Nur noch ein wenig Zeit, Bob.«
Pope blickte zu Soram und dann zu Javna, bevor er sich wieder Heffer zuwandte. »Ein wenig Zeit, Jim. Aber pass auf, dass ich dem Präsidenten nicht erklären muss, warum zwei Nidu-Zerstörer unsere gute alte Erde umkreisen und wir nichts haben, was wir ihnen entgegensetzen könnten. Die Erklärung, die ich ihm geben müsste, würde dir ganz und gar nicht gefallen. Meine Herren!« Pope und Phipps gingen durch die Hintertür in den Konferenzraum.
Soram stand auf. »Was soll ich jetzt tun?«, fragte er. Normalerweise war Soram ein Paradebeispiel für selbstbewusste Ahnungslosigkeit, aber nun war selbst ihm klar, dass er in dieser Sache auf dem Schlauch stand.
»Ted, du musst unbedingt Stillschweigen über das wahren, was wir heute in diesem Raum besprochen haben«, sagte Heffer.
Soram nickte.
»Je länger wir die Sache offiziell als reinen Zufall verkaufen können«, fuhr Heffer fort, »desto besser wird es uns gelingen, das Problem wieder hinzubiegen. Ich werde ein paar Leute vorbeischicken, die sich in Moellers Büro umsehen sollen. Sorg dafür, dass niemand etwas berührt, bis sie eintreffen. Und ich meine wirklich niemand, Ted! Ben wird alles veranlassen und dir die Namen nennen, damit es keine Missverständnisse gibt. Bis dahin bleib ruhig, erwecke den Eindruck der Unbesorgtheit, und denk nicht zu viel darüber nach.«
»Seien Sie einfach nur Sie selbst, Mr. Soram«, sagte Javna.
Der Handelsminister lächelte matt und verließ das Büro.
»Netter Vorschlag, Ben«, sagte Heffer zu Javna.
»Mit allem gebührenden Respekt, Sir«, erwiderte sein Assistent. »Aber das Letzte, was Sie jetzt gebrauchen könnten, wäre der unwahrscheinliche Fall, dass Soram plötzlich ein Gehirn wächst. Sie haben schon genug Ärger mit Pope.«