Angstmädchen - Jenny Milewski - E-Book

Angstmädchen E-Book

Jenny Milewski

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Beschreibung

Die junge, schüchterne Malin zieht in ein Studentenwohnheim ein. Zu ihrer großen Freude bekommt sie das einzige Zimmer, das über eine Badewanne verfügt. Doch dann erfährt sie, dass sich darin ein Mädchen namens Yuko die Pulsadern aufgeschnitten hat. Kurz darauf findet Malin Haarbüschel, die nicht von ihr stammen können, und als sie eines Nachts eine blasse Gestalt sieht, wird ihr klar, dass etwas in ihr Leben getreten ist, das sie nicht mehr loswird. Etwas, das ihr Angst macht – das auf sie wartet – wo immer sie auch hingeht …

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Das Buch

Die junge, schüchterne Malin zieht in ein Studentenwohnheim ein. Zu ihrer großen Freude bekommt sie das einzige Zimmer, das über ein Badewanne verfügt. Doch dann erfährt sie, dass sich darin ein Mädchen namens Yuko die Pulsadern aufgeschnitten hat. Kurz darauf findet Malin Haarbüschel, die nicht von ihr stammen können, und als sie eines Nachts eine blasse Gestalt sieht, wird ihr klar, dass etwas in ihr Leben getreten ist, das sie nicht mehr loswird. Etwas, das ihr Angst macht – das auf sie wartet –, wo immer sie auch hingeht …

Die Autorin

Jenny Milewski, geboren 1971, liebt Thriller und Horror. Sie arbeitet in der Werbebranche und hält neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit Vorträge über Spannung in Literatur und Film. In der schwedischen Szene hat sie bereits einen Namen und steht seit ihrem Debütroman Skalpelltanz für eine neue Thrillergeneration. Jenny Milewski lebt in Malmö.

JENNY MILEWSKI

ANGSTMÄDCHEN

THRILLER

Aus dem Schwedischen

von Max Stadler

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe YUKO erschien 2015 bei Styxx Fantasy

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Vollständige deutsche Erstausgabe 02/2017

Copyright © 2015 by Jenny Milewski

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Nike Karen Müller

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von © shutterstock/Subbotina Anna

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-19481-9V001

www.heyne.de

Singen wir vom glücklichen Tag des Abiturs,

lasst uns fröhlich sein im Frühjahr der Jugend!

Noch klopft das Herz mit frischen Schlägen,

und die strahlende Zukunft gehört uns.

Keine Stürme wohnen noch in unseren Sinnen,

die Hoffnung ist unser Freund,

wir glauben an ihre Versprechen,

wenn wir einen Bund schließen im Hain,

wo die herrlichen Lorbeeren wachsen,

wo die herrlichen Lorbeeren wachsen!

Hurra!

Traditionelles Verabschiedungslied

der Abiturienten in Schweden

1

Es ist 06.35 Uhr, und die Sonne ist noch nicht über den Häusern auf der anderen Seite des Yoyogi-Parks aufgegangen. Aber man kann trotzdem erkennen, dass der Morgen anbricht. Die nächtliche Finsternis löst sich an den Rändern auf, und die Neonschilder scheinen mit jeder Minute, die vergeht, schwächer zu leuchten. Der Verkehr verdichtet sich, und das Echo der unzähligen Autohupen hallt zwischen den Häuserwänden zu mir empor.

Wenn ich den Oberkörper nach vorn neige, kann ich den Strom früh aufgestandener Pendler aus den U-Bahn-Aufgängen herauswogen sehen. Wie ein Schwarm schwarzer Insekten warten sie im Halbdunkel an der Fußgängerampel, bis diese auf Grün schaltet und sie weiterkrabbeln wie jeden Morgen, ein langer Arbeitstag liegt vor ihnen.

Fünfundzwanzig Stockwerke befinden sich zwischen mir und den Menschen da unten. Fünfundzwanzig Schichten aus Zimmerdecken und Böden in puppenkleinen Wohnungen trennen mich vom Rest des Lebens in dieser Stadt. Es hätte genauso gut ein ganzes Universum sein können.

Hier oben auf dem Dach ist alles anders. Die aufsteigende Sonne wirkt viel heller und der Wind frischer. Das Volumen meiner Sinne ist voll aufgedreht, sie pressen das Maximum aus allen Eindrücken an diesem letzten Morgen heraus.

Ich spüre, wie der raue Beton die nackte Haut meiner Füße kitzelt und wie der Wind mir die Haare ins Gesicht weht, bis ich nur noch Streifen vom Himmel in den Ritzen des schwarzen Haarvorhangs sehen kann. Ich hatte noch nie so lange Haare wie jetzt. Zehn Jahre lang habe ich sie wachsen lassen im Warten auf diesen Tag.

Am liebsten hätte ich die Hand gehoben und die Haare zur Seite gestrichen, um den letzten Sonnenaufgang voll und ganz wahrzunehmen. Aber ich will mich nicht rühren, will nicht riskieren, das Gleichgewicht zu verlieren; ich will nicht, dass der Wind meine Kleidung packt und mich mitzieht. Noch nicht.

Ich schiebe mich ein paar Millimeter nach hinten und stemme die Fersen gegen die Betonkante, die das Dach umrahmt. Wende das Gesicht der aufgehenden Sonne zu und schließe die Augen.

»Das hier kann der Augenblick sein, der unsere Leben auf immer verändert«, flüstere ich dem Wind, der Sonne und dem Himmel zu.

Das pflegte der Amerikaner immer zu sagen.

Der Amerikaner wohnte in Bungalow Nummer 4. Er wohnte schon dort, als ich ankam, und war noch da, als ich vor zwei Tagen von der Insel wegfuhr. Vermutlich wird er noch lange dortbleiben.

Er war ein typischer Überwinterer, der Amerikaner. Einer, der früher ein normaler Tourist gewesen war. Der nur Urlaub machen wollte, aber aus irgendeinem Grund hängen geblieben und abseits gelandet war. Abseits des Tourismus, des Lebens und der Zeit an sich. Während andere wieder nach Hause fuhren und die Reise in verstaubten Fotoalben verblassen ließen, blieb der Überwinterer da; in denselben ausgebleichten Khakishorts, Surferhemden und falschen Marken-Flipflops wie zuvor. Im Laufe der Zeit immer grauer und schwerer, aber im Grunde derselbe, der er immer gewesen war.

Der Amerikaner erzählte nie, wie alt er war. Und das Alter von Leuten wie ihm ist immer schwer zu bestimmen. Auch seinen richtigen Namen kannte ich nicht. Nur das »Mr. America«, das die Jungen im Hafen ihm hinterherzurufen pflegten, wenn er vorbeiging. Manchmal fuhr er auf einem Taucherboot mit den Ausbildern aufs Meer hinaus und half ihnen mit der Ausrüstung, und abends stand er in einem der Strandrestaurants am Grill. Ein bisschen was verdiente er dabei vermutlich, aber seine hauptsächliche Versorgung musste er sich anderweitig organisieren. Wie, wusste ich nicht.

Bungalow Nummer 4 war unmittelbar an meinen angebaut, und die Wände waren sehr dünn. Deshalb wusste ich, dass der Amerikaner nachts auch nicht schlief. Manchmal hörte ich ihn nebenan herumfuhrwerken und bald darauf die Tür öffnen und hinausgehen, um einen Spaziergang zu machen. Dann wartete ich, bis er zurück war, bevor ich selbst hinausging. Ich vermute, dass er es genauso hielt.

Aber manchmal geschah es, dass wir die Türen gleichzeitig öffneten und auf unsere kleinen Veranden traten. Dann brachten wir es nicht über uns, wieder hineinzugehen, sondern unternahmen unseren nächtlichen Spaziergang gemeinsam.

Man verirrte sich leicht, wenn man sich nachts auf der Insel fortbewegte. Auf unserer Seite der Insel erreichte die Flut in der Nacht ihren Höhepunkt, und der tagsüber sehr breite Strand verschwand vollkommen. An manchen Stellen musste man ins Meer hinauswaten und sich an herabhängenden Büschen vorbeizwängen, während einem das Wasser bis zu den Knien reichte. Und dann war da die Finsternis. Die Dieselgeneratoren, die in den abgelegeneren Teilen der Insel die Stromversorgung sicherten, wurden meistens um Mitternacht abgestellt, um Brennstoff zu sparen, und dann gab es keine Lichter mehr, an denen man sich orientieren konnte. Ohne Taschenlampe war es fast unmöglich, wieder zurückzufinden. Ich dachte oft, dass die Nächte auf der Insel ebenso schwarz waren wie eine Winternacht im Wald hinter dem Haus meiner Eltern. Nur wärmer und schwüler.

Der Amerikaner und ich wechselten kaum ein Wort während unserer nächtlichen Spaziergänge. Wir gingen schweigend nebeneinander her und lauschten dem Rauschen der Kokospalmen, dem Gesang der Zikaden und den Rufen der Geckos. Dreimal hintereinander quäkte ein Gecko. Immer dreimal. Wenn man einen Gecko weniger oder öfter quäken hört, bringt das Unglück, sagt man. Ich weiß nicht, ob das stimmt, und es ist mir auch egal. Ich weiß bereits, woher mein Unglück kommt.

Nein, wir redeten nicht viel, der Amerikaner und ich. Ich fragte ihn nie, weshalb er nachts nicht schlief. Und er fragte mich nicht. Daher weiß ich auch nicht, ob er meine Schreie durch die Wand hören konnte.

Manchmal gingen wir auf die andere Seite der Insel zu einer Felsformation, die angeblich, so steht es in den Reiseführern, einem sitzenden Buddha ähnelt. Dort setzten wir uns in den weißen Sand oder auf eine Sonnenliege, die jemand dort vergessen hatte, und warteten auf den Sonnenaufgang. Von unserer Seite der Insel konnte man den Sonnenaufgang nicht sehen. Man konnte ihn sich nur vorstellen.

Wenn der erste Streifen des Sonnenplaneten den Horizont erklomm, sagte der Amerikaner immer:

»Das hier kann der Augenblick sein, der unser Leben für immer verändert.«

Nur auf Englisch natürlich.

Ich habe nie begriffen, warum er das sagte. Vielleicht war es eine Art Anmache, die ich nicht kapierte. Ich habe seit Langem alles vergessen, was ich einst von dem Spiel zwischen Männern und Frauen wusste. Oder es war ein Zitat aus einem Film, den ich nicht gesehen hatte.

Ich antwortete nie, wenn er das sagte, und der Amerikaner schien auch keine Antwort zu erwarten.

Ich habe manchmal darüber nachgedacht. Ob es wirklich solche Augenblicke gibt, die ein ganzes Leben verändern können; Gelegenheiten, bei denen man hätte innehalten und sagen können:

»Genau jetzt wird mein Schicksal besiegelt. Bis hierhin konnte alles Mögliche passieren. Aber dieser eine Augenblick wird mein Leben für immer verändern.«

Ich glaube nicht. Ich denke, dass unser Leben von einer ganzen Perlenkette aus Ereignissen und Entscheidungen geformt wird. Manche sind so unbedeutend wie Kieselsteine, die von einem Fluss mitgerissen werden, ohne etwas zu bewirken. Andere sind wie Felsblöcke, die die Richtung des Stroms auf immer verändern. Aber was ein Kieselstein ist und was ein Steinblock, weiß man nicht immer so leicht. Und die Folgen unserer Entscheidungen, getroffen nach bestem Wissen und Gewissen und mit allen in dem Moment zugänglichen Informationen, werden uns zumeist erst im Nachhinein bewusst. Wenn alles zu spät ist.

Daher weiß ich auch nicht sicher, wann meine Geschichte anfängt. Zu welchem Zeitpunkt sich der Felsblock meines Lebens in Bewegung setzte und der Weg in Richtung Ende unwiderruflich eingeleitet wurde. Vielleicht beginnt sie an einem kalten Dezemberabend auf einem Friedhof außerhalb von Linköping. Oder als ich zum ersten Mal den Schlüssel in das Schloss des Zimmers in der Ryds Allé 23 steckte. Oder als der Annahmebescheid der Universität in dem Briefkasten vor dem Haus meiner Eltern landete. Oder aber mein Ende war bereits unerschütterlich vorherbestimmt, als ich geboren wurde.

Ich weiß es nicht, und es spielt auch keine Rolle mehr, wann die Geschichte anfängt. Ich weiß nur, dass sie genau hier endet, am 10.März 2003, auf einem Dach in Tokio in der Morgendämmerung.

Man sagt, der Weg in die Hölle sei gepflastert mit guten Vorsätzen. Und ich bin sicher, dass keiner von uns etwas anderes als gute Vorsätze hatte. Trotzdem landeten wir alle miteinander in der Hölle. Für manche von uns ging es schnell, bei mir dauerte es über ein Jahrzehnt.

Es ist zehn Jahre und drei Monate her, dass ich Schweden verlassen habe. In zehn Jahren passiert viel auf der Welt. Die Handys sind gekommen, und das Internet – sogar auf der Insel gab es eine Verbindung über Satellit, wenn man Glück hatte. Der Jahrtausendwechsel kam und ging, und vor anderthalb Jahren krachten zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York. Sie sagen, dass die Welt nie wieder dieselbe sein wird – und das stimmt sicherlich. Aber für mich ist das egal. Auch ich bin abseits von Zeit und Leben gelandet. Ich bin ein Überwinterer geworden, genau wie der Amerikaner.

Aber jetzt ist es bald vorbei. Die ersten Sonnenstrahlen klettern über die Dächer der Hochhäuser vor mir und wärmen mein Gesicht, dem Himmel zugewandt. Ich weiß, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber jetzt ist mein Warten endlich vorüber. Ich spüre, wie ihr langes schwarzes Haar meinen Nacken kitzelt und wie ihre feuchten Finger über meinen Rücken gleiten.

Sie ist jetzt da. Yuko.

2

Am 16. November 1992 kam ich zum ersten Mal in die Ryds Allé 23.

Es war ein Montag in der tristen Zeit zwischen Herbst und Winter, wenn man über das Wetter morgens beim Aufwachen nur eins wusste, nämlich, dass es ungemütlich sein würde. Graue Wolken hingen über den Hausdächern und drohten, jederzeit ihre Last aus Schnee oder Regen oder einer Mischung aus beidem abzusondern. Die Zweige der Bäume reckten sich wie kahle Finger in den Himmel, und es war schwer, sich vorzustellen, dass es irgendwann wieder Sommer sein würde.

»Jetzt bist du froh, hm?«, sagte Johanna und schlug mich neckend mit dem Fäustling auf den Arm. Wir standen bibbernd auf der Straße, meinen gesamten Besitz zu Füßen. Es war nicht besonders viel. Mit vereinten Kräften hatten wir alles eine halbe Stunde zuvor in Lambohov in den Bus gehievt.

Vor uns lag ein dreistöckiges Gebäude aus weißem Kalksandstein mit schwarzen Fensterrahmen, das alles andere als einladend aussah. Es war Ende der Siebziger gebaut worden und hätte eine Renovierung nötig gehabt. Links vom Haus befand sich ein kleiner Parkplatz, und rechts davon lagen mehrere weiße Schuppen, voneinander abgetrennt durch asphaltierte Wege und winzige Grünflächen. Hinter dem Parkplatz mühte sich ein kleines Wäldchen vergebens, das Gefühl von »Nähe zur Natur« zu wecken, das in der Informationsbroschüre der kommunalen Wohngenossenschaft versprochen wurde. Ein Stück entfernt konnte man die grauen Betonbunker des Einkaufszentrums erkennen, und jenseits davon erstreckte sich der Rest des Studentenwohnviertels, die Quelle der unendlichen Karawane von Rad fahrenden Studenten, die jeden Morgen die Fahrradwege in Richtung Uni bevölkerten, bei Sonnenschein und bei Regen, bei Hitze und bei Kälte – und bei ständigem Gegenwind.

Ob ich froh war? Ich war überglücklich. Ich liebte das alles bereits, die schmutzig graue Fassade, die kleinen Balkons mit ihren verwaisten Grillapparaten und rostigen Balkonmöbeln und das fleckige Wellblechdach des Fahrradstellplatzes vor dem Eingang. Davon hatte ich jeden Abend geträumt, bevor ich auf dem buckligen Klappsofa in meinem engen Übergangszimmer mit Pelargonien auf dem Fensterbrett und Leinwanddrucken an den Wänden einschlief. Zwei Monate lang hatte ich jeden Tag gehofft, dass endlich ein Brief der Wohngenossenschaft auf dem Spitzentuch des kleinen Flurtisches liegen würde, wenn ich von der Uni zurückkam. Hatte auf die Nachricht gewartet, dass ich endlich eine Wohnung zugewiesen bekommen hatte und angewiesen wurde, innerhalb von fünf Tagen zu antworten, sonst würde »das Objekt an den nächsten Bewerber vergeben, weitere Angebote können nicht garantiert werden«. Jetzt war dieser Tag endlich da, die Pelargonien und Leinwanddrucke lagen für immer hinter mir, und der Schlüssel zu meinem eigenen Studentenzimmer brannte fast ein Loch in meine Tasche. Nun würde das richtige Studentenleben beginnen.

Ich packte meine Koffer und folgte Johanna. Sie war bereits die Stufen zum Eingang hinaufgestapft, in jeder Hand einen Pappkarton. Noch bevor ich die Tür zum Flur im dritten Stock aufschloss, wusste ich genau, wie es aussehen würde. Ein langer Korridor mit Türen zu sechs Zimmern, drei auf jeder Seite. Am Ende des Korridors ein gemeinsamer Aufenthaltsraum mit einem zerkratzten und fleckigen Esstisch, einem gebraucht gekauften Fernseher und einem durchgesessenen Sofa aus zweiter Hand, vermutlich mit braun gestreiftem Stoff bezogen. Im Aufenthaltsraum würde sich auch die Küche befinden: mit zwei Kühlschränken, zwei Herden und zwölf Küchenschränken, zwei pro Bewohner. In den Kühlschränken würden jedem Bewohner zwei Fächer zugeteilt sein, und in einem davon würden seit Langem vergessene Essensreste liegen, auf denen sich Schimmel breitmachte. Und an der Wand in der Küche würde ein handgeschriebener Zettel hängen, auf dem entweder »Deine Mama arbeitet hier nicht!« oder »Wer sein Zeug nicht abspült, wird sterben« stand.

Johanna und ich traten in den kleinen Vorraum hinter der Eingangstür und zogen unsere Schuhe aus. Schmutz in den gemeinsamen Bereich zu bringen war eine der Todsünden im WG-Leben, das hatte ich gelernt. Die Miete schloss nur das Säubern des Treppenhauses und der Waschstuben ein. Die Schuhablage war mit Turnschuhen, Stiefeln und Hausschuhen vollgestopft. Fast feierlich schob ich ein Paar Birkenstock beiseite, um Platz für meine Winterstiefel zu schaffen. Johanna sah mir zu und lächelte.

Mein Zimmer lag rechts vom Eingang in der Mitte mit je einem Zimmer zur Linken und zur Rechten. Bevor ich die Tür aufschloss, öffnete ich den Brief der Wohngenossenschaft und nahm den kleinen Plastikstreifen heraus. Ich zog die Schutzhülle ab und befestigte das Schild mit meinem Namen an der Tür. »Jetzt gehörst du mir«, flüsterte ich lautlos.

Johanna und ich trugen das Gepäck hinein und stellten es auf dem Boden ab. Das Zimmer sah genauso aus, wie ich es erwartet hatte. Linoleumboden und Hutablage aus Metall. Standardbett, Standardschreibtisch, Standardbücherregal, alles aus lackiertem Fichtenholz. Ein Standardvorhang vor dem Fenster und eine weiße, biegsame Metalllampe, die an der Schreibtischplatte festgeschraubt war. Alles stimmte mit den Inventarangaben auf der Innenseite der Tür des Standardkleiderschranks im Eingangsbereich meines Zimmers überein.

Es war nichts Besonderes, ein Studentenzimmer wie Tausende andere schwedische Studentenzimmer. Aber vor dem Fenster würde eine große Linde ein Natur-Feeling wecken, wenn der Frühling kam. Und mit meinen Bildern an den Wänden und der warmen Decke meiner Großmutter auf dem Bett konnte es hier richtig gemütlich werden.

»Schönes Zimmer«, meinte Johanna und sah sich um. »Größer als meines, glaube ich. Nur schade wegen dem Baum, ohne den wäre es heller. Aber man kann nicht alles haben.«

Ich trug einen von den Kleiderkoffern zum Kleiderschrank. Am besten fing ich sofort mit dem Auspacken an, sonst würden die Sachen wochenlang kreuz und quer herumliegen – wenn ich mich selbst richtig einschätzte.

Johanna wühlte ziellos in den Pappkartons. Ich musste innerlich über ihre Rastlosigkeit grinsen. Johanna war eine gute Freundin. Sie hatte keinen Augenblick gezögert und mir beim Umzug geholfen, obwohl ich wusste, dass sie viel lernen musste. Es war mir schon immer schwergefallen, Freunde zu finden, und nach drei Monaten im ersten Semester war Johanna noch immer die Einzige, der ich vertraute. Dabei waren wir sehr unterschiedlich. Johanna war immer ungeduldig, ständig irgendwohin unterwegs; hin zu neuen Abenteuern und neuen Revieren, die es zu erobern galt. Im Gegensatz zu mir.

»Ich danke dir sehr für deine Hilfe, Johanna«, sagte ich. »Aber ich denke, jetzt komme ich allein klar. Wenn du noch was anderes vorhast, meine ich.«

Johanna schob sofort die Kartons weg und trat zu mir.

»Bist du sicher? Ja, ich sollte wohl los. Ich hab’ ja bald die Wiederholungsprüfung in externer Buchführung«, sagte sie und verzog das Gesicht. »Ich muss nur noch mal kurz aufs Klo. Jemand muss ja schließlich dein neues Badezimmer einweihen, nicht wahr?«

Nach ausführlichem Herumkramen in einem Karton förderte ich eine Rolle Toilettenpapier zutage, und Johanna ging ins Bad und schloss die Tür hinter sich.

Johanna ist in mein Bad gegangen, dachte ich, zog den untersten Schub des Kleiderschranks heraus und fing an, meine selbstgestrickten Pullover hineinzulegen. Bald wird sie die Spülung meiner Toilette betätigen, und dann wäscht sie sich die Hände an meinem Waschbecken. Meinem Waschbecken, das mir gehört. Schöne Gedanken.

Ein paar Sekunden darauf hörte ich Johannes erregte Stimme durch die Badezimmertür:

»Nein, das kann doch nicht wahr sein!«

»Was ist los?«, rief ich.

»Diese Drecksäcke. Haben mir eiskalt ins Gesicht gelogen.«

Ich erhob mich schwerfällig und ging ins Bad. Johanna stand gleich hinter der Tür und deutete vorwurfsvoll Richtung Wand.

»Schau hin!«

»Ja, was denn? Das ist eine Badewanne«, sagte ich.

»Genau. Eine Badewanne«, erwiderte Johanna und klang höchst beleidigt. »Du hast eine Badewanne. Die von der Vermietung haben mir gesagt, dass es keine Studentenzimmer mit Badewanne mehr gibt. Lügner! Ich will auch eine Badewanne und nicht nur eine blöde Dusche.«

Wir traten näher heran und schauten uns die verhasste Wanne genauer an.

»Sie ist ganz klein«, sagte ich und linste zu Johanna hinüber, die mit schmollend vorgeschobener Unterlippe und vor der Brust verschränkten Armen dastand. »Und ganz abgenutzt. Schau da, am Boden ist es ganz zerschrammt.«

»Aber es ist trotzdem eine Badewanne«, antwortete Johanna stur.

»Die bestimmt eine Ewigkeit braucht, bis sie vollgelaufen ist und keinen dichten Ablauf hat. Und schau da am Boden, die Fugen hier sind ganz verdreckt. Bei dir ist es total praktisch, du hast einen Kunststoffboden, in den der Abfluss eingelassen ist. Richtig schick, kackbrauner Kunststoffboden ist der letzte Schrei, hab’ ich gehört.«

Johanna kicherte und bohrte mir ihren Ellenbogen in die Seite.

»Ach, du kannst gern deine versiffte alte Badewanne haben, du kleine Spinnerin. Jetzt raus mit dir, damit ich endlich pinkeln kann.«

Johanna ging nach einer festen Umarmung und dem Versprechen, dass ich ihr das nächste Mal, wenn wir ausgingen, als Dank für die Hilfe einen Martini spendieren würde. Ich muss so nervös ausgesehen haben, wie ich mich fühlte, denn bevor sie verschwand, strich sie mir aufmunternd über den Arm und sagte:

»Es wird alles gut, du wirst schon sehen. Wenn ich weg bin, drehst du eine Runde im Flur, spionierst ein bisschen in den Kühlschränken und schaust dir alle Namensschilder an. Damit du vorbereitet bist, wenn die anderen nach Hause kommen. Leute in einem Wohnheim muss man nicht treffen, um sie kennenzulernen, es reicht, wenn man die Zeichen deuten kann. Wie bei ihm da zum Beispiel.«

Johanna deutete auf die geschlossene Tür gegenüber von meinem Zimmer. »Per Holmberg« stand auf dem Namensschild, und die Tür wurde fast gänzlich von einem Plakat bedeckt, das Werbung für das Konzert einer Band machte, von der ich noch nie gehört hatte. Am Türgriff hing ein Schild mit dem Text »Do not disturb. History is being made«. Und auf dem Boden neben der Tür stand ein Paar große schmutzige Schuhe aus weißem, perforiertem Leder mit dicken Sohlen.

»Studiert irgendwas mit Verwaltungsrecht oder besucht verschiedene Kurse in Soziologie. Ungefähr zwei Meter groß, wirres Haar und kariertes Hemd. Hat einen Nebenjob als Koch, vermutlich im Flamman. Bestimmt ein netter Typ.«

Johanna grinste, als sie meine verblüffte Miene sah, und zuckte die Achseln.

»Vorurteile, mein lieber Watson. Vorurteile und Erfahrung. Und die da.« Sie deutete auf die weißen Schuhe.

»Solche Schuhe haben nur Köche oder Krankenschwestern. Und bei der Schuhgröße dürfte da drin kaum ein Zwerg hausen.«

Dann ging sie und ließ mich allein in meinem neuen Heim zurück.

3

Eine Stunde später blieben von dem Einzug nur noch zwei leere Reisekoffer und eine Papiertüte mit Küchenutensilien, die ich später in die Küche bringen wollte.

Was sollte ich mit den Koffern machen? Im Kleiderschrank gab es keinen Platz, und unter das Bett passten sie auch nicht. Hatte ich vielleicht eine Art Abstellraum? Ich holte den Brief der Wohngenossenschaft hervor. Tatsächlich, darin lag ein Extraschlüssel, auf dem »Kellerabteil C 305« vermerkt war. Das erste Kellerabteil meines Lebens.

Bevor ich die Tür öffnete, ging ich ins Bad und stellte mich vor den Spiegel. Ich spritzte mir ein wenig Wasser ins Gesicht, trocknete mich mit einem Handtuch ab und blickte mir tief in die Augen.

»Hallo, ich heiße Malin«, sagte ich zu mir und übte ein Lächeln. Aber als ich in den Flur trat, waren die anderen Türen noch immer geschlossen, und aus der Küche drangen keine Geräusche.

Auf dem Weg in den Keller blieb ich kurz stehen und las die Namensschilder, wie Johanna es mir geraten hatte. Links neben meinem Zimmer wohnte »Camilla Larsson«, und im Zimmer rechts von mir »Richard Hanselius«. Weder die Ausstattung der Türen noch die Namen auf den Schildern weckten bei mir irgendwelche Assoziationen.

Der Keller des Hauses bestand aus einer langen Reihe von rechteckigen Abschnitten, die mit Hasendraht unterteilt waren. Die mit Hängeschlössern versehenen Türen zu den Räumen waren ebenfalls aus Hasendraht. Die meisten Abstellräume waren bis zum Platzen mit Fichtenmöbeln der Wohngenossenschaft, Umzugskartons, Golftaschen, Skiausrüstungen und anderen Besitztümern vollgestapelt, die in den Zimmern des Wohnheims keinen Platz hatten. Als ich auf den Lichtschalter drückte, wurde der Keller von einem grellen Neonlicht erhellt, das mehrere Furcht einflößend blinkende Röhren an der Decke verbreiteten. Ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm.

Das Abteil, das zu meinem Zimmer gehörte, lag fast ganz am Ende gleich unter der am heftigsten blinkenden Leuchtröhre. Es war leer. Oder fast leer.

Nachdem es mir gelungen war, das Hängeschloss zu öffnen, und ich meine Koffer auf den Boden stellte, bemerkte ich, dass hinten im Raum zwei Kartons an der Wand standen. Zwei braune Umzugskartons, übereinander, in dem sonst leeren Kellerabteil.

Zuerst starrte ich reglos die Kartons an. Vermutlich lag das nur an dem unbehaglich blinkenden Licht der Neonröhre, aber der Anblick erfüllte mich mit Angst, als könnten sich die Kartons öffnen und ein brüllendes Monster daraus hervorspringen.

Schließlich riss ich mich zusammen. Ich trat auf die Kartons zu und machte den oberen auf. Natürlich geschah nichts, kein Monster sprang heraus, und kein Leichengeruch schlug mir entgegen, als ich die Deckel aufklappte. Ich schaute hinein. Der Karton schien voller Papiere, Bücher und anderer Dinge zu sein, die man in einem Umzugskarton in einem Kellerabteil vermuten würde. Dinge, die ein früherer Mieter hinterlassen haben konnte. Ich seufzte genervt. Typisch. Jetzt musste ich die Wohngenossenschaft anrufen und mich beschweren. Ausgerechnet ich, die so etwas verabscheute.

Ich verschloss den Karton wieder und stellte meine leeren Koffer in die andere Ecke, möglichst weit weg von den fremden Kartons.

Als ich wieder in mein Stockwerk kam, war eines der Studentenzimmer nicht mehr geschlossen.

Ich blieb kurz mit dem Rücken an die Eingangstür gelehnt stehen und redete mir ins Gewissen, nicht so bescheuert zu sein. Wie albern war es denn, allein bei dem Gedanken, einen unbekannten Flurnachbarn grüßen zu müssen, feuchte Hände und Bauchkneifen zu bekommen? War es nicht das, wonach ich mich die ganze Zeit über gesehnt hatte? In einem Wohnheim zu leben bedeutete, neue Menschen kennenzulernen, so war es ganz einfach. Und war ich nicht wenige Monate zuvor bei der Einführungsveranstaltung des neuen BWL-Jahrgangs genauso nervös gewesen, bevor ich Johanna getroffen hatte? Es galt schlicht, den Stier bei den Hörnern zu packen und es hinter mich zu bringen.

Es war die Tür zu dem Zimmer gegenüber von meinem, die offen stand; wo Per Holmberg mit dem Konzertplakat und den Kochschuhen wohnte. Während ich vor meiner Tür nach dem Schlüssel kramte, schaute ich mich verstohlen um und lugte in sein Zimmer. Ich konnte niemanden sehen, aber ich glaubte, aus der Küche ein vergnügtes Pfeifen zu vernehmen. Mein neuer Nachbar bereitete sich ganz offenbar ein frühes Abendessen zu.

Bevor ich besagten Stier bei den Hörnern packte, ging ich in mein Zimmer, tauschte meine ausgewaschene Jogginghose gegen eine Jeans und fuhr mir mit einer Bürste durchs Haar. Einen Moment lang erwog ich, mich auch zu schminken, beschloss aber, es sein zu lassen. Es wäre dumm, einen Standard zu setzen, den ich später nicht mehr erreichen würde.

Ich nahm die Tüte mit meinen Küchenutensilien und trat wieder auf den Flur. Ich kam an den geschlossenen Türen der Zimmer in der Nähe der Küche vorbei. Sie gehörten einem Torbjörn und einer Rebecka. Dann betrat ich den Aufenthaltsraum. Er sah in etwa so aus wie in allen anderen Wohnheimen, die ich schon besucht hatte. Ganz vorn stand eine ramponierte Sofagruppe hinter einem dunkel gebeizten, flachen Tisch, auf dem Fernbedienungen und alte Fernsehzeitschriften lagen. Dem Sofa gegenüber stand ein altertümlicher Fernseher mit dazugehörigem Videogerät, und an der Wand zur Küche hin ein Esstisch aus Fichte, um den sich sechs Stühle reihten. Die einzige Verzierung war eine Collage aus Fotos an der Wand über dem Esstisch.

Ich ging auf das Scheppern der Töpfe zu und trat in die Türöffnung, die zur Küche führte. An einem der Herde stand ein großer junger Mann mit blonden, halblangen Haaren. Er drehte mir den Rücken zu und briet eine Wurst. Er trug eine Jeans und – genau wie Johanna weisgesagt hatte – ein kariertes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln.

Ich blieb in der Türöffnung stehen und hoffte, er habe mich kommen hören und würde sich bald umdrehen, ohne dass ich so tun musste, als würde ich husten, oder etwas anderes ähnlich Doofes. Aber am Ende musste ich aufgeben.

Bei meinem Husten zuckte er zusammen und fuhr herum. Als er mich erblickte, riss er die Augen auf und ließ seine Gabel zu Boden fallen. Er schien vor Schreck wie gelähmt zu sein.

»Oh entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken«, stammelte ich und machte ein paar Schritte rückwärts, um meine Ungefährlichkeit zu unterstreichen. Mein dümmliches Lächeln verblasste. »Ich wollte nur hallo sagen. Ich heiße Malin und bin heute hier eingezogen.«

Zunächst schien er mich nicht zu hören und starrte mich weiterhin mit aufgerissenen Augen an. Aber dann schüttelte er den Kopf und erwiderte mein Lächeln.

»Tut mir leid, ich dachte …«, setzte er an, hielt abrupt inne und lächelte verlegen. »Ach, das spielt keine Rolle. Herzlich willkommen, Malin. Ich bin Pelle. Ich hoffe, du wirst dich hier wohlfühlen.«

Pelle zeigte mir, welche Küchenschränke für mich waren, und ich räumte meine Sachen ein. Er war ein redseliger Typ, und bald wusste ich, dass er nicht Soziologie studierte, sondern Informatik, und dass er in der Tat nebenher als Koch arbeitete. Jedoch nicht im Flamman, wie Johanna vermutet hatte, sondern im Herrgår’n, dem Studentenpub mitten in Ryd.

Nach einer Weile kam ein blondes Mädchen mit einer Plastiktüte vom Supermarkt in der Hand in die Küche und stellte sich als Camilla vor, ehe sie die Waren in den Kühlschrank räumte. Ich kannte sie. Sie war ein Jahr über mir und betreute als Patin einen Jungen in meinem Kurs. Sie und die anderen Paten hatten mit uns Neulingen in den ersten Wochen des Semesters Partys veranstaltet, und ich erinnere mich, dass ich sie für eine dumme Kuh gehalten hatte. So fröhlich und keck und positiv, wie ich selbst nie sein würde. Ich bemühte mich, mir das nicht anmerken zu lassen, als ich ihr hallo sagte, man muss den Menschen ja eine ehrliche Chance geben. Camilla ihrerseits schien mich überhaupt nicht wiederzuerkennen – oder tat zumindest so. Als Pelle uns einander vorstellte, war ihr Lächeln angespannt, und ihr »Oh, wie nett« klang ein bisschen zu schrill. Der Klumpen in meinem Magen, der mir sagte, dass ich nicht hierher gehörte, machte sich bemerkbar.

Als ich Camillas Tüte mit Lebensmitteln sah, ging mir auf, dass ich auch einkaufen sollte, ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und fing an, ordentlich hungrig zu sein. Also entschuldigte ich mich bei Per und Camilla und ging ebenfalls in den Supermarkt im Einkaufszentrum von Ryd.

Als ich eine halbe Stunde später zurückkam, hatte Per aufgegessen und war in sein Zimmer zurückgegangen. Camilla saß mit einem Salat und einem Glas Wasser vor sich an dem Tisch im Aufenthaltsraum.

Neben ihr hockte ein kleiner, blasser Typ, der wie die Karikatur eines nerdigen Ingenieursstudenten aussah. Er hatte eine Frisur, die zu einem Zwölfjährigen gepasst hätte, und trug eine Brille, die zu niemandem gepasst hätte. Am rechten Arm trug er eine digitale Armbanduhr der Marke Casio, und er hatte einen weißen Pullover an, auf dessen Brust das Logo der Uni prangte.

Als der Typ mit der Brille mich sah, lief er sofort rot an und blickte auf seinen Teller herab. Camilla grinste und stieß ihn in die Seite.

»Na, Torbjörn, jetzt sag mal hallo zu Malin. Sie ist heute hier eingezogen.«

Torbjörn öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Aber bevor er einen Laut hervorgebracht hatte, redete Camilla weiter:

»Ja, in das leere Zimmer, meine ich.« Sie betonte jede Silbe und sah ihm in die Augen, als wäre er ein ungehorsames Kindergartenkind.

Torbjörn schloss den Mund wieder und begnügte sich mit einem freundlichen Nicken. Ich beschied währenddessen, dass Camilla definitiv die Chance verwirkt hatte, bei mir einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sie war wirklich eine dumme Kuh.

Ich wandte mich demonstrativ direkt an Torbjörn und sagte:

»Hallo Torbjörn. Schön, dich kennenzulernen.« Dann nahm ich die Tüte mit meinen Einkäufen und ging in die Küche. Camilla rief mir nach:

»Rechter Kühlschrank. Die zwei untersten Fächer sind deine, und das oberste im Gefrierschrank.«

Ich folgte ihren Anweisungen und stopfte Milch, Butter und Käse in den Kühlschrank sowie zwei Pizzen in mein Gefrierfach. Dann stand ich einen Moment lang da und starrte auf mein Essen, das von Dingen umgeben war, die andere Menschen gekauft hatten; andere Menschen, die ich noch nicht kannte, mit denen ich aber von nun an den Alltag teilen würde. Es war ein merkwürdiges Gefühl.

4

Später am Abend hockte ich auf dem Sofa im Aufenthaltsraum zwischen Pelle und Torbjörn und schaute Eine schrecklich nette Familie. Am Esstisch hinter uns saß Richard Hanselius und aß ein Sandwich. Er war eine halbe Stunde vorher in der Küche aufgetaucht, und ich hatte schon jetzt die Nase voll von ihm. Richard hatte sich mit einem schlaffen Händedruck vorgestellt und umständlich erzählt, dass er ein Urlaubssemester genommen hatte, um als Vertrauensperson in einer der Studentenorganisationen zu arbeiten. Bislang hatte Richard Hanselius sämtliche meiner Vorurteile über Studentenpolitiker bestätigt. Hochnäsig, arrogant und ziemlich nervig.

»Ich kapiere nicht, wie ihr euch jeden Abend so einen Mist ansehen könnt. Jede Folge ist wie die andere, und dieser Ted Bundy ist doch kein bisschen komisch, nur behämmert. Um neun müssen wir auf jeden Fall zu den Nachrichten umschalten, nur, damit ihr Bescheid wisst. Ich will hören, was Bengt Dennis zur Verteidigung der Krone zu sagen hat.«

Pelle seufzte hörbar und flüsterte mir theatralisch »Verbindungsfuzzi« ins Ohr.

»Er heißt Al Bundy, nicht Ted Bundy. Ted Bundy war ein amerikanischer Serienkiller, der vor drei Jahren hingerichtet wurde, hätte echt gedacht, dass du das weißt, Richard. Du bist doch sonst immer so gut informiert. Aber ja, wir schalten nachher zu den Nachrichten um neun. Wir können ja alle nicht schlafen, wenn wir nicht gehört haben, was der Chef der Riksbank zur Bankenkrise erzählt«, sagte Pelle und blinzelte mir zu. Ich fragte mich, ob sie sich wirklich nicht mochten oder ob das nur ein freundschaftliches Scharmützel war.

Bevor Richard antworten konnte, ertönte das Klingeln eines Telefons aus dem Flur. Alle hielten inne und lauschten gespannt, um es dem richtigen Studentenzimmer zuzuordnen.

Das Telefon klingelte noch zweimal, bevor Pelle mich mit dem Ellbogen anstupste und sagte:

»Willst du nicht rangehen, Malin?«

Ich lief mit knallroten Wangen zu meinem Zimmer. Wie peinlich. Ausgerechnet ich, wo ich doch so glücklich über meinen Besuch in dem Laden von Televerket in der Kungsgatan gewesen war; meine erste eigene Telefonnummer und das neue schwarze Telefon auf dem Schreibtisch. Ein eigenes Telefon mit einer eigenen Telefonrechnung. Keine Eltern, die sich wegen zu langer Gespräche beklagten und keine kleine Plastikdose mit der Aufschrift »1 Krone pro fünf Minuten. Vergiss bitte nicht zu bezahlen!« wie bei meinen Vermietern in Lambohov.

Ich erreichte meinen Schreibtisch, als das sechste Klingeln verhallte, und hoffte, dass der Anrufer noch nicht aufgelegt hatte.

»Hallo, hier ist Malin«, antwortete ich außer Atem.

Erst war nur ein seltsames Rauschen in der Leitung zu hören, wie das Geräusch von Elektrizität, die sich durch die Telefonleitungen zwängte. Es war ein unbehagliches Geräusch, und ich war gezwungen, den Hörer ein Stück weit vom Kopf wegzuhalten, um keine Ohrenschmerzen zu bekommen.

»Hallo? Sie sprechen mit Malin Granström. Ist da jemand?«, versuchte ich es erneut und runzelte die Stirn. Verdammtes Televerket, konnte nicht auch mal etwas auf Anhieb funktionieren?

Ich lauschte weiter. Das Geräusch war noch immer da, aber dann vernahm ich ein schwaches »Hallo«. Es war die Stimme meiner Mutter, sonderbar verzerrt und übertönt von dem Rauschen. Es folgte ein verwirrtes Hin und Her von »Hallo, hörst du mich?« und »Bist du dran, Liebes?«. Aber dann verschwand das merkwürdige Geräusch auf einmal, und ich hörte die Stimme meiner Mutter so klar und deutlich, als würde sie neben mir sitzen.

»Hallo Mama, jetzt höre ich dich endlich«, sagte ich. »Televerket hat die Freischaltung offenbar nicht so gut hingekriegt.«

»Ja, das war ein ordentlicher Lärm«, sagte meine Mutter. »Aber sie hat ja irgendwann aufgelegt.«

»Sie? Von wem redest du?«

»Von dieser anderen Person in der Leitung. Manchmal passiert das ja, dass andere Gespräche irgendwie dazwischenfunken. Hast du das nicht gehört?«

»Nein, nur eine heftige Störung. Und du hast Stimmen gehört? Komisch.«

»Nur eine Stimme. Es war eine Frau, aber sie sprach nicht Schwedisch, ich habe kein Wort von dem verstanden, was sie gesagt hat. Aber genug davon. Wie geht es dir, Liebes? Ging alles gut beim Umzug?«

Ich erzählte von der Busfahrt von Lambohov und dem fragenden Blick des Fahrers, als er meine Tüten und Koffer gesehen hatte, von der Vermieterin, die einen Zuschuss auf die letzte Miete forderte, weil ich die Pelargonien in meinem Zimmer zu viel gegossen hatte, und von der Badewanne, um die mich Johanna so beneidete.

»Dabei hasst du ja Badewannen«, sagte meine Mutter.

»Ich weiß«, antwortete ich. »Aber ich muss wohl lernen, sie zu mögen. Jetzt, wo ich eine habe.«

»Und die anderen in deinem Stockwerk? Hast du sie schon kennengelernt?«

»Ja, fast alle. Außer einem Mädchen, das Rebecka heißt.«

»Und sind sie nett?«

»Schon. Aber …« Ich hielt inne und hoffte, dass meine Mutter nicht mitbekam, wie meine Stimme zitterte. »… ich fühle mich hier noch nicht so richtig zu Hause.«

Die Stimme meiner Mutter wurde weich.

»Das wird schon, du wirst sehen. Erinnerst du dich noch an den Abend, als du mich aus dem Supermarkt angerufen hast?«

Natürlich erinnerte ich mich daran, obwohl ich am liebsten überhaupt nicht mehr daran dachte. Es war mein allererster Tag in Linköping gewesen. Ich war den ganzen Weg von Lambohov ins Zentrum geradelt, war unterwegs an den kargen Siebzigerjahre-Bunkern der Universität vorbeigekommen und war den lieben langen Tag in der Stadt umhergeirrt, ohne mit einem einzigen Menschen zu reden. Am Abend war ich einkaufen gegangen und planlos an den Regalreihen entlanggewandert, völlig überwältigt von der Einsicht, dass ich selbst bestimmen konnte, was ich zum Abendessen machen wollte und welchen Käse ich kaufen würde. Es gab einen Telefonautomaten hinter der Kasse, und dort heulte ich dann meiner Mutter die Ohren voll, während ich auf einem wackeligen Schemel hockte, die Einkaufstüte zwischen den Knien. Meine Mutter hatte mir geduldig zugehört und schließlich vorgeschlagen, dass ich zumindest bis nach der Einführungsveranstaltung am nächsten Tag bleiben solle. Und wie ein braves Mädchen tat ich das, was sie mir geraten hatte, und blieb noch einen Tag. So lernte ich dann Johanna kennen.

»Ja, es wird sicher alles gut, ich muss mich nur daran gewöhnen«, sagte ich. »Kommst du mit Papa nächstes Wochenende, wie wir ausgemacht haben? Mit meinen CDs und Büchern?«

Es herrschte kurz Stille am anderen Ende.

»Tut mir leid, Liebes, aber das geht leider nicht. Papa tut der Rücken wieder weh, er kann nicht so weit fahren. Und außerdem hat deine Schwester ein Turnier. Vielleicht in zwei Wochen. Aber es ist ja auch bald Weihnachten, und da sehen wir uns sowieso, oder?«

»Klar. Macht nichts«, sagte ich und versuchte, ebenso heiter zu klingen wie sie. »Ich habe ja in der Zwischenzeit meine Kassetten.«

Dann hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen.

Als ich in den Aufenthaltsraum zurückkehrte, hatten die Nachrichten schon begonnen. Richard hatte meinen Platz auf dem Sofa eingenommen und hörte gebannt zu, während die Finanzministerin Anne Wibble zu den letzten Entwicklungen in Schwedens Finanzkrise befragt wurde. Ich setzte mich auf einen der Stühle am Esstisch und verfolgte Richards und Pelles Diskussion darüber, wer von Anne Wibble und der Journalistin weniger Ahnung von Schwedens wirtschaftlicher Lage hatte. Ich hoffte, dass keiner von beiden erwartete, dass ich als angehende Ökonomin mit einer scharfsinnigen Analyse zu ihrer Unterhaltung beitragen konnte. Obwohl das hier eigentlich mein Spezialgebiet war, hatte ich absolut nichts dazu zu sagen.

Das Interview war gerade zu Ende, als draußen im Gang die Tür zum Flur krachend ins Schloss fiel, und wir vernahmen das Geräusch von klackernden Absätzen auf dem Linoleumboden. Auf halbem Weg etwa hielten die Schritte plötzlich inne, nur um kurz darauf umso schneller weiterzumarschieren, und gleich darauf tauchte die Urheberin der Schritte im Türrahmen auf.

Sie war größer als ich und sah ein paar Jahre älter aus. Bekleidet mit schwarzen Jeans, schwarzer Lederjacke und einem Paar hohen schwarzen Stiefeln, die sie nicht in das Schuhregal am Eingang gestellt hatte, wie man es tun sollte. Aber eigentlich war es völlig uninteressant, was sie anhatte. Jedenfalls im Vergleich mit ihrem Aussehen. Ihre Haare waren lang und dunkelbraun und so unglaublich natürlich gelockt, wie es keine Dauerwelle auf Erden nachahmen konnte. Sie hatte leuchtende grüne Augen und zum Sterben schöne Wangenknochen, und ich spürte, wie ich zu einer unansehnlichen kleinen Maus schrumpfte, als sie in den Raum trat.

Ja, Rebecka war furchtbar schön an jenem Abend, an dem ich sie zum ersten Mal sah. Und furchtbar wütend.

Sie stand mit vor der Brust verschränkten Armen in der Türöffnung, und ihre Augen blitzten vor Zorn. Es war, als gefriere der ganze Raum zu Eis und wartete auf die Erklärung für ihre Wut. Nur der Nachrichtensprecher im Fernseher redete weiter über feste Währungskurse und Zinssätze.

»Wer zum Teufel hat meine Dr. Martens durch die Gegend geschmissen?«, fragte sie und blickte nacheinander anklagend zu Pelle, Richard und Torbjörn, der sofort hochrot anlief und aussah, als wolle er im Boden versinken. Mich ignorierte sie vollkommen. Ich hatte noch nie von Dr. Martens gehört, aber da sie ein Paar robuste Stiefel in der einen Hand hielt, nahm ich an, dass sie die Schuhe meinte.

»Sie lagen mitten im Flur«, sagte sie und fuchtelte mit den Stiefeln in der Luft herum. »Ihr wisst haargenau, dass ich sie für verdammt viel Geld in London gekauft habe und verdammt gut auf sie achtgebe.«

»Jetzt komm mal runter, Rebecka«, sagte Pelle ruhig. »Warum sollten wir absichtlich deine Stiefel durch die Gegend werfen? Wahrscheinlich ist nur einer von uns aus Versehen mit dem Fuß dagegen gestoßen. Deshalb muss man sich doch nicht so aufregen.«

Rebecka antwortete nicht.

»Fass dich lieber mal an die eigene Nase«, sagte Richard. Er lehnte sich auf dem Sofa zurück und lächelte überlegen. »Hättest du deine Schuhe ordentlich ins Schuhregal gestellt wie wir anderen, anstatt sie daneben in die Ecke zu pfeffern, hättest du sie später nicht im Flur gefunden.«

Rebecka hatte dafür nur ein verächtliches Schnauben übrig. Dann drehte sie sich um und stapfte wieder aus dem Aufenthaltsraum.

»Aber Rebecka, willst du nicht unsere neue Mitbewohnerin begrüßen?«, rief Pelle ihr nach. Entweder hörte sie ihn nicht, oder sie hatte keine Lust, mich zu begrüßen. Eine Sekunde darauf krachte ihre Tür ins Schloss.

Es wurde still im Aufenthaltsraum. Schließlich wandte Pelle sich zu mir um und lächelte verlegen.

»Du musst entschuldigen, Rebecka ist eigentlich ganz okay. Sie hat nur … ein wenig Temperament.«

Richard schnaubte und stand auf, um sein Geschirr in die Küche zu bringen.

»Ich habe jedenfalls keine Schuhe durch die Gegend geworfen«, sagte Torbjörn und starrte zur Tür, als würde Rebecka noch dort stehen. »Und bin auch nicht gegen welche gestoßen. Warum sollte ich?«

Es waren die ersten Sätze, die ich Torbjörn hatte sagen hören. Seine Stimme war merkwürdig hoch für einen erwachsenen Mann, als wäre er nie richtig in den Stimmbruch gekommen.

»Ach, du weißt … Rebecka«, sagte Pelle, ohne zu erklären, was er damit meinte. Weder er noch Torbjörn schienen mehr über die Sache sagen zu wollen, und kurz darauf schalteten wir den Fernseher aus, wünschten einander gute Nacht und gingen in unsere Zimmer.

Es dauerte lange an diesem Abend, bis ich einschlafen konnte, und das lag nicht nur daran, dass ich es nicht mehr gewohnt war, in einem richtigen Bett zu liegen anstatt auf einem Klappsofa. Oder am Licht von der Straßenlaterne, das durch die Ritzen im Vorhang hereinfiel. Rebeckas Wutanfall und Richards Boshaftigkeiten schwirrten mir noch im Kopf herum. Auch wenn niemand auf mich wütend gewesen war, bekam ich von der schlechten Laune anderer immer Magenschmerzen. Ich war an so etwas nicht gewöhnt. Dort, woher ich kam, wurde nie gestritten, es wurde sich nie angeschrien und niemals dreimal in ein- und demselben Satz geflucht. In meiner Familie war man sich immer einig gewesen, zumindest an der Oberfläche.

Aber Pelle war ja nett und Torbjörn auch, zumindest auf seine Art. Camilla war zwar eine blöde Kuh und Richard ein nerviger Streber, aber im Großen und Ganzen waren die vier nicht übel.

Und dann war da noch Rebecka. Bei ihr wusste ich nicht recht, wie ich sie einschätzen sollte. Trotz ihrer miesen Laune und der Tatsache, dass sie mich wie Luft behandelt hatte, faszinierte mich etwas an ihr. Vielleicht, weil ich mir wünschte, eines Tages selbst in ein Zimmer rauschen zu können und dort Leute wegen eines Paars herumliegender Stiefel zu beschimpfen.

Als ich an diesem Abend doch noch einschlief, hatte ich das Bild von Rebeckas wütenden grünen Augen vor mir. Und den Gedanken, dass ganz bestimmt keine schwarzen Stiefel im Flur herumgelegen hatten, als ich aus meinem Zimmer gekommen war, und das war nur kurz vor Rebeckas Auftritt im Aufenthaltsraum gewesen.

5

Den Großteil des Campus von Linköpings Universität nahm eine breite, mit Zementplatten belegte Durchfahrt für Fahrräder und Fußgänger ein, genannt der Korso, die zu beiden Seiten von nichtssagenden Gebäuden gesäumt wurde, deren Fassaden entweder aus dunkelrotem Wellblech oder fleckigem Rohbeton bestanden. Im Zentrum des Korsos lag das Verbindungshaus der Uni, das aussah wie ein Boot.

Das zumindest war die Vision des Architekten gewesen, als er das Gebäude entworfen hatte. In Wirklichkeit war es ein vage schiffförmiges Haus mit einigen wenigen Bullaugen, einer unbenutzten Kommandobrücke ganz oben und einem Wallgraben rund herum. Oder besser gesagt einem tiefen, mit Gras überwucherten Graben, über den die Hausmeister vermutlich jedes Mal ausführlich fluchten, wenn sie im Sommer den Rasen mähen mussten. Aus der Vision des Architekten resultierte auch ein symbolischer Anker, der aus einem starken Tau bestand, das sich von einem Metallring mitten an der Fassade über den Wallgraben bis zu dem asphaltierten Platz vor dem Eingang erstreckte – und über den mehr als nur ein nicht mehr ganz nüchterner Student im Laufe der Jahre gestolpert war. Aber das Merkwürdigste von allem war eine große metallische Erhöhung im Fußboden des Erdgeschosses, welche die Bootsschraube darstellen sollte. Und über die noch mehr nicht ganz nüchterne Studenten gestolpert waren.

Um kurz nach zehn am Tag nach meinem Umzug saß ich mit Johanna in der Cafeteria des Verbindungshauses, wo wir uns nach dem Seminar in volkswirtschaftlicher Mikrotheorie mit Kaffee und Schokoladenkugeln stärkten. Das hatte ich bitter nötig. Unser Professor in VWL stand kurz vor der Pension und liebte es, einen Studenten nach dem anderen an die schwarze Tafel zu rufen und diese dort unter Zeitdruck Nachfragekurven aufzeichnen zu lassen. Heute war ich an der Reihe gewesen und hatte es vollkommen verbockt. Ich errötete noch immer, wenn ich an den herablassenden Ton des Professors dachte: »Aber du kriegst es doch wenigstens hin, die y- und x-Achse zu zeichnen?« Während ich mit einer totalen Denkblockade an der Tafel stand.

VWL war wirklich nicht mein Ding. Die einführenden Kurse im Herbst waren halbwegs gut gelaufen, und ich hatte bislang alle Prüfungen bestanden, wenn auch nur knapp. Aber jetzt, wo nur noch eine Woche bis zur Prüfung in Mikroökonomie blieb, erschien mir die Lage hoffnungslos. Die Angst vor dem Versagen machte mich fertig, und ich hatte angefangen zu bezweifeln, ob das Wirtschaftsstudium wirklich etwas für mich war. Nicht, dass ich jemals davon überzeugt gewesen wäre. Die Wahl war in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass ich ohne groß zu überlegen am Gymnasium Wirtschaft als Leistungskurs belegt hatte. Und weshalb ich damals am Gymnasium Wirtschaft gewählt hatte, wusste ich nicht mehr. Ich war nur sicher gewesen, dass ich in Uppsala studieren wollte, umgeben von einer ahnenreichen Geschichte und mächtigen Ziegelgebäuden mit efeuberankten Mauern. Aber meine Noten waren zu schlecht gewesen, man hatte mich nicht genommen.

Am Tisch saßen auch Pernilla und Ulrika, die in unserem Jahrgang waren und zu der Clique von Wirtschaftsmädels gehörten, die zusammen lernten und feierten. Es waren auch zwei von denen, die ich vermutlich als meine Freundinnen bezeichnen würde, wenn mich jemand fragte. Falls jemand sie danach fragte, war ich nicht sicher, ob sie mich nennen würden.

»Na, wie fühlt es sich an, in einem Wohnheim zu wohnen, Malin?«, fragte Pernilla.

»Ganz gut«, sagte ich. »Glaube ich jedenfalls. Ich wohne ja erst seit einem Tag da.«

»Hoffentlich hast du nettere Mitbewohner als ich«, sagte Ulrika und legte ihr halb gegessenes Thunfischsandwich auf den Tisch. »Heute war der ganze Küchenboden mit Bier überflutet. Ich habe kaum mein Frühstück runtergekriegt, so grauenhaft hat es gestunken. Ich kann nicht fassen, wie manche Leute so wenig Rücksicht nehmen können. Aber deine sind in Ordnung, oder?«

»Ja, sie scheinen nett zu sein.« Ich hatte keine Lust, die Sache näher zu erläutern.

»Und sie hat eine Badewanne«, ergänzte Johanna.

»Ooh«, sagten Pernilla und Ulrika im Chor. Offenbar fand nicht nur Johanna, dass der Besitz einer Badewanne imponierend war.

»Ja, aber es wäre angenehmer, wenn ich heute früh nicht als Erstes den Abfluss hätte reinigen müssen«, sagte ich.

Denn so war es. Nach dem Frühstück hatte ich beschlossen, die Dusche in meinem Bad einzuweihen und mir vor dem Seminar die Haare zu waschen. Zu Hause bei meinen Eltern hatte es nur eine Duschkabine gegeben, und es war ungewohnt, zum Duschen in eine Badewanne klettern zu müssen. Ich bekam nicht einmal den Duschkopf an. Als ich den Wasserhahn aufdrehte, schoss ein eiskalter Strahl auf meine Füße. Bis ich endlich austüftelte, was ich tun musste, hatte ich schon das Bild vor Augen, wie ich verzweifelt in der Wanne kniend versuchte, mir das Shampoo aus den Haaren zu waschen, den Schädel unter den Wasserhahn gedrückt. Schließlich fand ich aber den Hebel und wurde mit einem eiskalten Wasserstrahl in den Nacken belohnt.

Als ich fertig geduscht hatte und wieder aus der Wanne steigen wollte, merkte ich, dass ich knöcheltief in schäumendem Wasser stand. So sehr ich auch mit den Füßen trat, es wollte nicht abfließen. Schließlich wusste ich mir keinen anderen Rat, als mich hinzukauern und die Finger in das Loch des Badewannenabflusses zu stecken. Als ich sie wieder herauszog, klebte ein großes Büschel schwarzer, langer Haare an meiner Hand.

»Was? Warum hast du so viele Haare verloren? Bist du krank?«, fragte Pernilla, nachdem ich das alles erzählt hatte.