Angstschrei - James Hayman - E-Book

Angstschrei E-Book

James Hayman

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Beschreibung

Eine gefrorene Leiche, eine flüchtige Zeugin und ein sadistischer Mörder …

Ein bronzefarbener BMW auf einem Anlegesteg. Im Kofferraum die nackte, gefrorene Leiche der schönen Anwältin Elaine Goff. Eine Augenzeugin – von Stimmen verfolgt, die sonst keiner hören kann und auf der Flucht vor dem Mörder. Ein Ermittlerteam, das sich auf die Suche nach Mörder und Zeugin macht und dabei auf zu viele potenzielle Täter trifft …

Der neue Fall für Michael McCabe und Maggie Savage – eine packende Story mit einer überraschenden Wendung!

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Seitenzahl: 595

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Buch

Portland, Maine. Der Januar hält die Stadt im eisigen Griff. In einem BMW, der seit Tagen im absoluten Halteverbot am Pier steht, wird die nackte, festgefrorene Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Identifikation des Opfers erfolgt prompt: Es ist die Anwältin Elaine Goff. Doch wie lange ist sie bereits tot? Die Kälte macht die genaue Bestimmung der Tatzeit unmöglich …

Detective Sergeant Michael McCabe und seine Partnerin Maggie Savage beginnen, das Leben des Opfers zu durchleuchten. Elaine arbeitete ehrenamtlich als Anwältin für das »Sanctuary House«, eine Einrichtung für minderjährige Ausreißer, und beschäftigte sich vor allem mit weiblichen Missbrauchsopfern. Überdies strebte die ehrgeizige junge Frau die Teilhabe der Anwaltskanzlei an, in der sie seit einigen Jahren arbeitete: ein Ziel, das sie mit rücksichtsloser Beharrlichkeit verfolgte, was ihr nicht wenige Feinde einbrachte …

Und dann ein erster Durchbruch bei den Ermittlungen! Es gab eine Augenzeugin für den Mord – die schizophrene Abby Quinn, die von Stimmen verfolgt wird und die seit der Tat spurlos verschwunden zu sein scheint. Was McCabe von ihrem behandelnden Arzt erfährt, ist alarmierend: Abby ist hochgradig suizidgefährdet, vermutlich völlig verstört und allein in der bitteren Kälte Portlands auf der Flucht. Er muss sie finden, bevor sie der Witterung, sich selbst – oder dem Mörder zum Opfer fällt …

Autor

James Hayman wurde in New York geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach einem Studium an der Brown University wurde er Creative Director in einer führenden New Yorker Werbeagentur, verließ New York jedoch 2001, um sich in Portland, Maine ganz dem Schreiben widmen zu können. James Hayman ist verheiratet und lebt auch heute noch in Portland.

Von James Hayman bei Blanvalet bereits erschienen:

The Cutting (37357)

James Hayman

Angstschrei

Roman

Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm

Die Originalausgabe erschien 2010unter dem Titel

»The Chill of Night« bei Minotaur Books, a division of St. Martin’s Press, published by Macmillan, New York

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe November 2011 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2010 by James Hayman

Copyright © 2011 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München

Published by Arrangement with James Hayman

Dieses Werk wurde im Auftrag der

Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Umschlaggestaltung: ©Johannes Frick, [email protected]

unter Verwendung eines Motivs von

Plainpicture (© plainpicture/Anja Weber-Decker)

LH· Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-06170-8

www.blanvalet.de

Für Kate und Ben

Für eure Liebe und beharrliche Unterstützung

1

Portland, Maine

Freitag, 23. Dezember

In New York mit all seinen Wolkenkratzern wäre das Hochhaus am Monument Square Nummer zehn niemandem aufgefallen. Nicht einmal in Boston. Aber in einer Stadt wie Portland war es eins der prägenden Merkmale der Skyline. Zwölf Stockwerke aus rötlich braunem Granit, schwarze Fenster zwischen vertikalen Pfeilern, so thronte Nummer zehn hochmütig über der Ostseite des Platzes, eine große Nummer in einer kleinen Stadt. Von der Gebäudespitze verkündeten riesige weiße Buchstaben jedem, der es wissen wollte, dass es sich hier um den Hauptsitz von Palmer Milliken handelte, der größten und prestigeträchtigsten Anwaltskanzlei der Stadt. Nach Aussage der Teilhaber von Palmer Milliken war sie außerdem eine der besten in ganz Neu-England, und zwar– darauf legten sie ausdrücklich Wert– einschließlich Bostons. Die 192 Rechtsanwälte der Kanzlei mitsamt den dazugehörigen Mitarbeitern nahmen insgesamt zehn der zwölf Stockwerke des Gebäudes für sich in Anspruch.

Um 19.42 Uhr am Freitag vor Beginn des langen Weihnachtswochenendes stand eine junge Frau am Fenster ihres bescheidenen Büros im sechsten Stock und blickte auf das bunte Treiben unten auf dem Platz. Elaine Elizabeth Goff, von allen, die sie etwas näher kannten, Lainie genannt, war schon seit Jahren als Rechtsanwältin bei Palmer Milliken tätig. Ihre Arbeit– die Überprüfung der Verträge für den bevorstehenden Zusammenschluss zweier kleinerer Banken in Maine– hatte sie bereits erledigt. Ein halbes Dutzend Mal war sie die Unterlagen durchgegangen, hatte hier und da ein paar kleinere Korrekturen vorgenommen und vor einer Stunde ihre Empfehlungen auf den Weg gebracht. Sie war nun bereit, in ihren Winterurlaub zu starten. Zwei Wochen lang würde sie in dem kleinen, eleganten Bacuba Spa & Resort an der Südwestküste Arubas die beißende Kälte Portlands hinter sich lassen. Nur zwei Dinge standen dem Beginn ihres Urlaubs noch im Weg. Ein FedEx-Päckchen, das heute Abend noch rausgehen musste, und ein Telefonanruf, der bereits vor zwölf Minuten hätte eintreffen sollen. Die Verspätung machte sie unruhig.

Ihr Abschluss an der Cornell Law School in Ithaca, New York, lag bereits sechs Jahre zurück, und trotzdem war sie erst Ende zwanzig, wenn auch, wie ihr in letzter Zeit immer häufiger bewusst wurde, nicht mehr lange. Doch obwohl der gefürchtete Dreißigste mit Riesenschritten näher kam, war sie voller Stolz nach wie vor der Überzeugung, dass sie, Lainie Goff, die kleine Stipendiatin aus Rockland, Maine, demnächst eine der jüngsten Teilhaberinnen in der fünfundsiebzigjährigen Geschichte von Palmer Milliken werden würde. Man hatte ihr zwar noch kein konkretes Angebot unterbreitet, aber es war zum Greifen nah, so nah, dass sie es förmlich riechen konnte. Sie hoffte, heute Abend noch von der Aufnahme in den lukrativen Kreis der Teilhaber zu erfahren, und zwar während des Telefonats, das sie so sehnlich erwartete. Wenn doch bloß das verdammte Telefon endlich klingeln würde. Sie hatte ihr ganzes Leben auf dieses Ereignis ausgerichtet. Hatte angefangen, Geld auszugeben, das sie noch gar nicht besaß. Die Schuhe von Jimmy Choo für 500 Dollar, in denen jeder Schritt schmerzte. Das funkelnagelneue BMW-Cabrio, ein 325i für 40 000 Dollar, das unten in der Garage auf sie wartete. Nicht leuchtend rot, wie sie es sich insgeheim gewünscht hatte, sondern Platinbronze metallic, weil ihr das für eine Anwältin irgendwie angemessener erschienen war. Und jetzt noch der teure Urlaub auf Aruba. Ein Haufen Geld, das sie in Erwartung der einen oder anderen unmittelbar bevorstehenden Bonuszahlung bereits auf den Kopf gehauen hatte.

Dabei war Lainie nicht einmal eine überragend gute Anwältin. Sicherlich waren ihre geistigen und juristischen Fähigkeiten hervorragend, jedoch nicht besser als die eines halben Dutzends anderer ambitionierter Rechtsanwälte, die bei Palmer Milliken angestellt waren. Doch im Rennen um den ersten Platz besaß Lainie einen entscheidenden Vorteil gegenüber all ihren Mitbewerbern. Sie war nicht nur eine fähige Rechtsanwältin, sondern darüber hinaus eine außergewöhnlich schöne Frau mit schulterlangen dunklen Haaren, einer schlanken, sportlichen Figur und durchdringenden blauen Augen, die die meisten Menschen, ganz besonders aber Männer, einfach nicht mehr aus dem Kopf bekamen. Und sie schlief mit ihrem Chef.

Lainie warf einen Blick auf das altmodische Leuchtschild auf dem Dach des Time & Temperature Building. 19.46 Uhr. Vier Minuten seit dem letzten Blick. Minus zehn Grad Celsius. Drei Grad weniger als noch vor einer Stunde. Seit vier Wochen hatte die Kälte die Stadt fest im Griff, und sie machte keine Anstalten nachzulassen. Genau die richtige Zeit, um in die Sonne zu fliegen. Die richtige Zeit, um zu feiern. Zumindest, wenn Hank endlich seinen Arsch hochbekommen und sie anrufen würde. Henry C. »Hank« Ogden, geschäftsführender Teilhaber des lukrativen Geschäftsfeldes »Firmenfusionen und Übernahmen« bei Palmer Milliken. Ihr Mentor. Ihr Vorgesetzter. Ihr Liebhaber. Elegant, reich, dreiundfünfzig Jahre alt und sehr, sehr verheiratet.

Hank hatte gesagt, er werde um halb acht anrufen. Sie hatte keine Ahnung, warum er so spät dran war, aber es verursachte ihr ein ungutes Gefühl. Die Sitzung des Komitees, das über neue Teilhaberschaften befand, hätte schon vor Stunden beendet sein sollen. Sie trommelte mit ihren langen Fingernägeln auf die Fensterbank. Vielleicht hing Hank einfach in einer anderen Sitzung fest. Dann würde er sich melden, sobald er fertig war. Vielleicht. Das war die gnädigste Erklärung. Die beste von drei Möglichkeiten. Die zweite lautete, dass er sie nur zum Spaß auf die Folter spannen wollte. Um sie noch ein bisschen nervöser zu machen. Eines seiner beliebten Machtspielchen. Um ihr zu demonstrieren, wer hier die Fäden in der Hand hielt. Idiotisch und sinnlos, wie ein kleiner Junge, der mit einem Stöckchen in seinem Hamsterkäfig herumstochert. Nun, sagte sie sich, mit diesen Spielchen konnte sie umgehen. Ganz sicher. Sie war aus einem härteren Holz geschnitzt. Weniger sicher war sie, was die dritte Möglichkeit betraf, das Katastrophenszenario– nämlich dass die Teilhaber in ihrer unendlichen Weisheit, und obwohl Hank sich, wie versprochen, mit aller Kraft für sie eingesetzt hatte, beschlossen hatten, ihr kein Angebot zu unterbreiten. Falls das der Fall sein sollte, dann meldete Hank sich nicht, weil er sich vor ihrer Reaktion fürchtete. Er verabscheute Szenen, in der Öffentlichkeit ebenso wie im Privaten, und er wusste, dass eine Szene in diesem Fall nicht ausbleiben würde. Sie holte tief Luft. Zehn Minuten würde sie ihm noch geben. Dann würde sie ihn anrufen.

Sie schob die Ängste, die sich um das Teilhaber-Komitee drehten, beiseite und beschloss, stattdessen an ihren bevorstehenden Urlaub zu denken. Das war sehr viel erfreulicher. Sich zwei Wochen lang in der Sonne verwöhnen lassen. Zwei Wochen, in denen sie entweder ihren Triumph feiern oder ihren Stolz wiederherstellen konnte. Massagen. Gesichtsbehandlungen. Schlammbäder. Am Strand liegen, ganz allein, nur mit ein paar Schundromanen. Na ja, vielleicht auch nicht ganz allein. Sie würde sich schon jemanden suchen, mit dem sie sich ein bisschen vergnügen konnte. Jemanden ohne jede Verbindung nach Maine oder zu Palmer Milliken. Ein Europäer wäre nicht schlecht. Womöglich eine Gelegenheit, ihr Französisch aufzupolieren. Patti La Belles »Lady Marmalade« ertönte in ihrem Kopf.

Voulez-vous coucher avec moi ce soir?

Voulez-vous coucher avec moi?

Falls er gute Neuigkeiten hatte, würde Hank vermutlich auf einem »Leistungsnachweis« bestehen. Wahrscheinlich würde er so oder so darauf bestehen. Er fand diesen Begriff lustig. Miss Goff, könnten Sie vielleicht so gegen, sagen wir, halb sechs, bei mir vorbeischauen? Es ist mal wieder Zeit für einen Leistungsnachweis. Vielen Dank. Der Nachweis fiel in der Regel nicht einmal besonders ausführlich aus. Vierzig Minuten Gegrapsche und Gefummele auf der Ledercouch in seinem Büro. Mehr war nicht dran an dieser sogenannten Affäre. Das und die gelegentlichen Schäferstündchen in ihrer Wohnung oder ganz selten einmal eine Geschäftsreise in irgendein abgelegenes Hotel. Lainie wollte mehr. Sie wollte eine echte Beziehung. Wenn das mit Hank möglich war, gut. Wenn nicht, auch gut. Es gab noch andere Männer, die sie interessierten. Besonders einen, mit dem sie gelegentlich ihre Zeit verbrachte. So oder so war sie sich nicht sicher, wie lange sie diesen ganzen Mist noch mitmachen konnte.

Angefangen hatte es vor einem Jahr, auf einer Geschäftsreise nach East Millinocket, wo sie eine zum Verkauf stehende Papiermühle bewertet hatten, als One-Night-Stand nach ein paar Drinks. Aber schon bald war das Ganze zur Regel geworden. Für ihn, das wusste sie, war es ein vollkommen zwangloses Arrangement. Bei ihr lagen die Dinge etwas komplizierter. Mit Hank zu schlafen, um etwas Bestimmtes zu erreichen, das war kein Problem. Sie hatte schon immer eine Schwäche für ältere Männer, einflussreiche Männer gehabt, und wenn genügend Zeit war, dann konnte Hank ein geschickter und sehr aufmerksamer Liebhaber sein. Intelligent. Charmant. Attraktiv. Sie wusste, dass er sie gern hatte. Manchmal kam ihr der Gedanke, sie könnte ihn vielleicht sogar dazu kriegen, Nägel mit Köpfen zu machen. Wäre das nicht ein Brüller? Lainie Goff, die zweite Mrs. Henry Ogden. Elaine Elizabeth Goff Ogden. Das Trophäenweibchen. Diese Rolle könnte sie ihr Leben lang spielen, und sie hätte auch noch Spaß daran.

Doch tief im Innersten war Lainie klar, dass das immer ein Traum bleiben würde. Eine Scheidung käme für Hank niemals in Frage. Er war verheiratet, an guten wie an schlechten Tagen, bis dass der Tod euch scheidet, und zwar mit der langweiligen, pummeligen, unfassbar vermögenden Barbara Milliken Ogden, der einzigen Enkelin von Edward A. Milliken, einem der Gründer der Kanzlei. Sobald die Teilhaberschaft in trockenen Tüchern war, würde sie anfangen darüber nachzudenken, wie sie diese Beziehung beenden konnte, ohne dass ihre Karriere dadurch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Vorstellung, frei zu sein, sich neuen Abenteuern hingeben zu können, gefiel ihr sehr.

Lainie sah zum Fenster hinaus. Auf dem von schmutzigen Schneewehen umrandeten Monument Square drängten sich die Menschen. Kleine Grüppchen, meist aus zwei oder vier Leuten, huschten in die Geschäfte und Restaurants, die die Fußgängerzone am südlichen Ende des Platzes säumten. An diesem letzten Freitag vor Weihnachten hatten sie alle geöffnet und viel zu tun. In der Platzmitte, unweit des Denkmals, stand eine zwanzig Meter hohe Blautanne in weihnachtlicher Festbeleuchtung. Ein großer und wunderschön geschmückter Baum. Aber kein Weihnachtsbaum. Das hatte Lainie einem Artikel im Press Herald entnommen. Heutzutage wurde ein Weihnachtsbaum nicht mehr Weihnachtsbaum genannt. Eine Rathaussprecherin hatte verlauten lassen, dass man in Portland Festtagsbaum sagte. »Wir möchten die religiöse Neutralität wahren«, hatte sie erklärt. »Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen.« Lainie schnaubte. Sie hasste dieses dämliche politisch korrekte Getue.

Am Fuß des Baumes hatte sich ein kleiner Kinderchor in viktorianisch anmutenden Kostümen aufgebaut und sang Weihnachtslieder. Ein paar Dutzend Menschen waren stehen geblieben, um zuzuhören und mitzusingen. Die meisten hatten sich zum Schutz vor der Kälte in mehrere Kleiderschichten gehüllt und sahen von Lainies Beobachtungsposten im sechsten Stockwerk aus wie kleine, runde Michelin-Männchen und-Frauen. Manche hielten die behandschuhten Hände noch kleinerer Michelin-Kinder fest. Nahe beim Eingang zum Buchladen Longfellow Books entdeckte sie Kyle. Er stand hinter seinem mobilen Hotdog-Stand und hatte sein Markenzeichen, die weiße Schürze, über eine dicke Wolljacke gestreift. Auf dem Kopf trug er eine Fliegermütze aus Leder, und die Ohrenschützer bedeckten seine grauen Haare. Das Geschäft mit Gyros, Hotdogs und gegrillten Schweinswürstchen schien gerade gut zu laufen.

Lainie lächelte. Kyle war ihr Kumpel. Er erkundigte sich immer, wie es ihr ging, wann sie endlich Teilhaberin würde und, begleitet von einem augenzwinkernden Lächeln, wann sie endlich mal mit ihm auf sein Boot käme. Er sprach viel von seinem Boot. Eine achteinhalb Meter lange Chris-Craft. Um sich so ein Ding leisten zu können, hätte er wahnsinnig viele Hotdogs verkaufen müssen. Aber er hatte auch andere Waren im Angebot, die eine deutlich höhere Gewinnspanne boten. Lainie wusste das, weil sie seine Kundin war. Eine Prise Lebensfreude gefällig? Ein bisschen Sonne im Alltag? Dann komm einfach zum Hotdog-Mann. Es machte ihr jedenfalls Spaß, mit ihm zu flirten, und sie genoss seinen lockeren, irischen Charme. Manchmal, wenn sie etwas kaufte, ertappte sie ihn dabei, wie er sie etwas zu direkt ansah. Manchmal wandte er sich dann ab. Manchmal auch nicht. Ein, zwei Mal hatte er, begleitet von seinem typischen, schiefen Lächeln, schon gesagt, dass er ihr vielleicht ein, zwei Tütchen umsonst überlassen könnte. Oh Gott, was für eine Vorstellung. Lainie und der Hotdog-Mann. Nie im Leben würde sie das zulassen. Weder jetzt noch irgendwann. Obwohl er gar nicht mal schlecht aussah.

Wie alt er war, konnte sie nicht genau sagen, schätzungsweise Anfang fünfzig. Ein Alter, das sie attraktiv fand. So alt wie Hank. So alt wie ihr Vertragsrechts-Professor an der Cornell, von dem sie die Eins bekommen hatte, die sie brauchte, um ins Redaktionsteam des Law Review aufgenommen zu werden. Ungefähr so alt, wie ihr Stiefvater heute sein musste.

Lainie hatte in letzter Zeit viel an Albright gedacht, obwohl sie ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und auch jetzt wanderten ihre Gedanken zurück zu der Zeit in dem alten Haus in Rockport. Ungefähr ein Jahr, bevor seine berufliche Karriere Fahrt aufgenommen hatte. Zwei Jahre, bevor er sich von ihrer Mutter scheiden ließ und auszog. Ohne sein Einkommen konnte ihre Mutter das Haus nicht mehr halten. Sie verkaufte es und erwarb von einem Teil des Erlöses das kleinere, schäbigere Häuschen in Rockland. Den Rest legte sie an.

Sie hatte das Gesicht des Dreckschweins jetzt klar und deutlich vor Augen. Des gut aussehenden, brillanten Wallace Stevens Albright. Ein Rechtsanwalt, von seinen Eltern nach einem Dichter benannt, obwohl sie nie einen Menschen mit weniger Poesie in der Seele kennengelernt hatte. Er ließ sich niemals mit Walt oder Wally oder einem anderen Spitznamen ansprechen. Immer nur mit Wallace. Oder Mr. Albright. Lainie war sieben, als er ihre Mutter heiratete und sie bei ihm einzogen. Er wollte, dass sie ihn Daddy nannte. Das hatte sie nie getan, obwohl sie wusste, dass es ihn wütend machte. Aber er war nicht ihr Vater. Er wollte sogar, dass sie seinen Nachnamen annahm, dass sie nicht mehr Goff, sondern Albright hieß. Auch dagegen hatte sie sich gewehrt. Gott sei Dank war ihre Mutter in diesem Punkt auf ihrer Seite gewesen, und so war alles beim Alten geblieben. Sonst hätte Lainie den Namen dieses Drecksacks womöglich immer noch am Hals.

Er legte Wert auf eiserne Disziplin und war ein sturer Perfektionist– Wallace Stevens Albright strebte, wie er selbst sagte, nach Höherem. Lainie verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. Ja, genau. Nach Höherem. Wie zum Beispiel, ihr als Kind bei der kleinsten Verfehlung die Hose herunterzuziehen und den Hintern zu versohlen. Aufgegeilt hatte er sich daran, der Schweinehund. Oh, aber wie selbstgerecht er sich immer aufgeführt hatte. Nie konnte sie ihm etwas recht machen, nie bekam sie ein Lob, ganz egal, wie sehr sie sich bemühte. Und sie bemühte sich wirklich, obwohl sie ihn hasste. Irgendwie erschien es ihr wichtig, ihn für sich zu gewinnen, ihn zu beeindrucken. Wichtig, aber unmöglich. Sie wusste noch, wie sie einmal in der neunten Klasse in einer Algebra-Prüfung fünfundneunzig Prozent richtige Lösungen erzielt hatte. Die halbe Klasse war komplett durchgefallen, sogar viele von den eigentlichen Musterschülern. Als sie ihm stolz davon berichtete, da lachte er sie aus. Ach was, tatsächlich? Fünfundneunzig Prozent? Und was ist mit den restlichen fünf? Als sie an diesem Abend ins Bett ging, fühlte sie sich, als hätte sie versagt. Schon wieder. Scheißkerl.

Dann, mit fünfzehn, ging die richtig kranke Scheiße los. Am Tag, als sie gegen Belfast Fußball gespielt hatten. Lainie machte die Augen zu, und die Erinnerung war sofort wieder da, ganz lebendig. Die zehnte Klasse an der Highschool. An der Camden Regional Highschool, nicht der in Rockland, die sie nach der Scheidung besuchen musste. Es war ein Nachmittag Ende Oktober. Einer dieser kalten, regnerischen Herbsttage, die in Maine den herannahenden Winter ankündigen. Sie hatten ein Auswärtsspiel gehabt, und es hatte mehr oder weniger den ganzen Tag geregnet. Das Spielfeld war eine einzige Schlammfläche gewesen. Die Mädchen rutschten und schlitterten darauf herum, und nach Spielende waren sie alle von Kopf bis Fuß von einer langsam trocknenden, braunen Dreckschicht bedeckt. Lainie schoss zwei Tore und hätte beinahe noch ein drittes erzielt, wäre der Ball nicht vom linken Außenpfosten ins Spielfeld zurückgeprallt. Wenn sie Wallace davon erzählte, das war ihr klar, dann würde er nur den Fehlschuss registrieren. Wenn du ein bisschen härter trainiert hättest, Lainie, vielleicht hättest du’s dann geschafft. Man kann sich immer steigern. Man kann immer danach streben, besser zu werden. Ja, ja, ja. Genau wie du, liebster Daddy.

Nach dem Spiel hatte Annie Jespersons Mom Lainie und einer anderen Freundin, Maddie Mitchell, angeboten, sie nach Hause zu fahren. Die Mädchen hatten das Angebot angenommen. Es war sehr viel bequemer als die Fahrt im Mannschaftsbus, und außerdem wurden sie so nicht erst zur Schule gekarrt und mussten von dort aus zusehen, wie sie nach Hause kamen.

»Steigt ein«, sagte Mrs. Jesperson, während sie eine Plane über die Rückbank warf. »Nur passt bitte auf, dass ihr keinen Matsch auf die Polster schmiert. Der Wagen ist nagelneu, und wir wollen, dass er noch eine Weile so aussieht.«

»Klar, wir passen auf«, erwiderten sie und stiegen ein, wobei sie Dudley, Annies tranigen Golden Retriever, über die Sitzlehne in den Kofferraum scheuchen mussten. Auf der Rückfahrt kicherten die Mädchen unentwegt, schnitten Grimassen, schmierten sich Matschklumpen in die Haare und wehrten Dudleys begierige Versuche ab, an dem ganzen Spaß teilzuhaben. Mrs. Jesperson ließ Lainie als Erste raus, direkt vor ihrem Haus. Dem großen, weißen Kolonialbau mit der umlaufenden Veranda und den schwarzen Jalousien in der Mabern Street in Rockport. Dem Haus, das sie bewohnten, als sie noch Geld hatten.

Bei ihrer Ankunft war es fast schon dunkel. Nirgendwo im Haus brannte Licht. Ihre Mutter und Wallace waren also noch bei der Arbeit, ihre Mutter in ihrem Antiquitätenladen in Camden und Albright in seiner stetig wachsenden Anwaltskanzlei. Er blieb fast jeden Tag bis spätabends im Büro. Sonst erreichst du nichts, Lainie, sonst bringst du es nie zu etwas. Du musst bereit sein, viele, viele Stunden in die Arbeit zu investieren. Sie holte den Schlüssel vom Haken unter der Hintertreppe und schloss die Haustür auf. Noch an der Tür zog sie die Schuhe und sämtliche Kleider aus und warf die völlig verdreckten Sachen ins Wäschezimmer. Dann ging sie nackt durch das Halbdunkel des Hausflurs die Treppe hinauf und steuerte das Badezimmer im ersten Stock an.

Auf halber Strecke im Korridor des ersten Stocks ging plötzlich die Schlafzimmertür auf, und ihr Stiefvater kam heraus. Lainie verschlug es den Atem. Mit dem rechten Arm bedeckte sie ihre Brüste und mit der linken Hand ihre Scham. Er hatte sie noch nie zuvor nackt gesehen, nicht einmal als kleines Kind, und sie wusste nicht, wo sie sich verstecken sollte. Albright stand einfach nur da, mit verdutztem Gesicht, und starrte sie an. Er versperrte ihr den Weg ins Badezimmer. Versperrte ihr auch den Weg in ihr eigenes Zimmer. Sie drehte sich um und überlegte, die Treppe hinunterzurennen. Aber wohin sollte sie gehen, splitterfasernackt? Sie wandte sich wieder zurück und sah, wie sein Gesichtsausdruck sich wandelte, wie die Verblüffung etwas ganz Anderem wich. Sie hörte, wie sein Atem plötzlich schneller ging. Ihr war klar, dass sie das bewirkt hatte. Und zwar nicht bei irgendeinem Klassenkameraden aus der Highschool. Sondern bei ihm. Bei Wallace Stevens Albright. Dem Perfektionisten. Dem Mann, der nach Höherem strebte. Zum ersten Mal, seit er in ihr Leben getreten war, verspürte Lainie so etwas wie Macht. Es war verblüffend. Berauschend. Es hielt nicht einmal eine Sekunde an.

In der kurzen Zeitspanne, die Albright brauchte, um seinen Mund zu schließen und seine Lippen zu einem schmalen, hässlichen Lächeln zu verziehen, verwandelte sich das Gefühl der Macht in Angst. Und dann in Panik. Sie stürzte auf ihre Zimmertür zu, in der blinden Hoffnung, sie vor ihm zu erreichen. Irgendwie nach drinnen zu gelangen, die Tür zuzuschlagen, ihn auszusperren.

Sie hatte nicht die geringste Chance. Als sie die Hand nach der Türklinke ausstreckte, packte er sie am Arm, wirbelte sie herum, schlang seine Arme um ihre Hüften und zog sie mit dem Rücken an sich. Durch den Stoff seiner Hose konnte sie seine Erektion spüren, pulsierende Stöße an ihrem Po. Sie wollte sich losreißen, konnte aber nicht. Er hob sie hoch und trug sie, zappelnd und um sich tretend und laut schreiend, in ihr Zimmer. Quer über den ovalen Teppich, den Grandma Horton extra für sie geknüpft hatte. Er warf sie auf das Bett, mitten zwischen all die Stoffbären und Häschen, die noch das Kopfende bevölkerten. Sie unternahm einen plötzlichen Fluchtversuch in Richtung Tür. Er packte sie und drückte sie wieder auf das Bett. Sie kreischte. Er versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. Der Schmerz war wie eine Explosion, markerschütternd. »Mach das ja nicht noch mal.« Er spie die Worte aus, mit leiser Stimme, die dennoch– oder vielleicht gerade deswegen– überaus bedrohlich klang. »Das ist ganz allein deine Schuld, Lainie. Alles deine Schuld. Du hast darum gebettelt, und jetzt kriegst du, was du verdienst.« Er ohrfeigte sie noch einmal. Sie spürte das Blut als dünnes Rinnsal von ihrer Nase tropfen.

Sie schloss die Augen und drängte sich in die Ecke. Noch nie im Leben hatte sie eine solche Angst gehabt. Sie zog die schlammigen Knie an den Körper, umschlang sie mit beiden Armen, drückte sie fest an ihre Brust. Als sie es wagte die Augen zu öffnen, zog er gerade den Reißverschluss seiner Hose auf und ließ sie über seine hochgezogenen schwarzen Socken hinabgleiten. All ihre Gedanken kamen zum Stillstand. Das war doch nicht möglich. Nicht in ihrem eigenen Zimmer. Nicht auf ihrem Bett. Er zog die Unterhose aus, faltete die Anzughose fein säuberlich entlang der Bügelfalten zusammen und legte sie sorgfältig über die Rückenlehne ihres Schreibtischstuhls. Wahrscheinlich, so dachte sie, braucht er sie morgen wieder fürs Büro. Die Unterhose blieb auf dem Boden liegen. Das Hemd und die schwarzen Socken ließ er einfach an.

Auch aus einer Distanz von fünfzehn Jahren konnte die erwachsene Lainie immer noch ganz genau sehen, wie Wallace Stevens Albrights steifer kleiner Schwanz vorwitzig zwischen den Zipfeln seines blau gestreiften Brooks-Brothers-Hemdes hervorlugte. Sie weinte jetzt. Schluchzte leise. Und spürte, wie seine weichen weißen Hände ihre Knöchel packten, sie aus der Ecke zerrten, ihr die Beine spreizten. Dann schob er ihre Knie nach oben und auseinander und kniete sich dazwischen. Er beugte sich über sie, sodass sie nur noch sein Hemd sehen konnte. Sie erinnerte sich so genau an dieses Hemd. An das Gefühl der gestärkten Baumwolle, den Geruch. All seine Hemden besaßen ein kleines blaues Monogramm auf der Brusttasche. Ein W auf der einen und ein S auf der anderen Seite. Ein großes blaues A in der Mitte. Das war alles, mehr konnte sie nicht sehen. Sie fühlte, wie er sie mit den Fingern öffnete und sich in sie schob. Bis heute erstaunte es sie, dass solch ein kleiner Schwanz solch große Schmerzen verursachen konnte.

Danach lächelte er und redete mit sanfter Stimme auf sie ein. Dass sie ihre Sache sehr gut gemacht habe. Es war das erste, ja vielleicht sogar das einzige Mal, dass er sie lobte. Falls sie ein blaues Auge bekäme, weil er sie geschlagen hatte, dann sollte sie sagen, dass sie einen Fußball ins Gesicht bekommen habe. Anschließend zwang er sie, ins Badezimmer zu gehen, um sich auszuwaschen. Er stellte sich in die Tür und sah ihr dabei zu. Und schließlich sagte er, ohne seinen sanften Tonfall im Geringsten zu verändern, dass er, falls sie jemals auch nur ein Sterbenswörtchen gegenüber ihrer Mutter oder sonst irgendjemandem verlauten ließ, sie alle beide umbringen würde. »Das schwöre ich dir«, sagte er. Sie hatte keinen Zweifel daran.

In dieser Nacht und vielen weiteren Nächten »besuchte« er sie in ihrem Zimmer. Es lief jedes Mal genau gleich ab. Nur manchmal fickte er sie nicht, sondern zwang sie auf die Knie, damit sie ihm einen blasen konnte. Und jedes Mal sagte er ihr beim Abschied, dass alles ihre Schuld sei. Dass er tat, was er tat, weil sie ein verdorbenes kleines Mädchen sei, das ihn in Versuchung geführt habe. Und dann drohte er wieder damit, sie und ihre Mutter umzubringen. Manchmal fragte sie sich, ob ihre Mutter wusste, was er vorhatte, wenn er mitten in der Nacht aufstand. Nach unten gehen, um noch eine Kleinigkeit zu essen? Um ein Buch zu lesen? Nein. Ihre Mutter wusste Bescheid, sie musste Bescheid gewusst haben, aber nie brachte sie den Mut auf, etwas dagegen zu sagen oder zu unternehmen. Wollte überhaupt nie über Wallace reden. Und Lainie fragte auch nie nach. Zwei Jahre später schließlich verließ er ihre Mutter. Er hatte eine jüngere Frau gefunden, die reich und schön war, und beantragte die Scheidung. Er überließ ihrer Mutter das weiße Haus in Rockport. Sie verkaufte es und zog mit Lainie in das kleine, einfache Häuschen in Rockland. Es war vorbei. Aber der Makel blieb haften. Er ließ sich nicht abwaschen. Mittlerweile war ihre Mutter tot. Sie hatte Selbstmord begangen, zwei Jahre nachdem Lainie die Highschool abgeschlossen hatte und aufs Colby College gegangen war. Hatte eine Handvoll Xanax gegen die Angst geschluckt und sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschlitzt. Doch Wallace Stevens Albright war immer noch da draußen. Immer noch verheiratet. Mit zwei eigenen kleinen Töchtern. Geachteter Rechtsanwalt. Oft genannter Kandidat für einen Sitz am Bundesgericht. Kinderficker. Scheißkerl.

Erneut warf Lainie einen Blick auf das Time & Temperature Building. 19.55 Uhr, und Hank hatte sich immer noch nicht gemeldet. Sie hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und verspürte Hunger. Obwohl– oder vielleicht auch weil– sie sich für gewöhnlich streng an ihren Diätspeiseplan, bestehend aus gegrilltem Fisch oder Hühnchen und grünen Salaten, hielt, bekam sie jetzt riesige Lust auf eine von Kyles dicken, knoblauchhaltigen Schweinswürsten, bedeckt mit gedünsteten Zwiebeln und Kyles selbst gemachter Spezialsoße. Von ihrem Ausguck hier oben im sechsten Stock konnte sie die Würstchen zwar nicht sehen, aber sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie in der eiskalten Luft über der rot glühenden Holzkohle vor sich hin brutzelten. Sie hatte sogar beinahe den Geschmack des ersten heißen Fettspritzers im Mund, der folgte, nachdem man mit den Zähnen die Wurstpelle durchbissen hatte.

Lainie merkte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Kurz überlegte sie, ob sie der Versuchung nachgeben, hinunterlaufen und sich eines von diesen verdammenswerten, aber köstlichen Dingern besorgen sollte. Und vielleicht gleich noch ein bisschen Koks dazu. Zwei zum Preis von einem. Wahrscheinlich eine blöde Idee. Aber es würde nur eine Minute dauern. Auch nicht länger als ein Abstecher auf die Toilette. Möglicherweise verpasste sie Hanks Anruf, aber er würde ihr eine Nachricht hinterlassen. Wenn sie Hank allerdings mit ihrem Zwiebel-und-Knoblauch-Atem von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, dann würde er das womöglich abstoßend finden. Na und? Mundgeruch war schließlich kein Grund, jemandem eine Teilhaberschaft zu verweigern, oder? Und vielleicht ersparte sie sich so das Intermezzo auf dem roten Ledersofa. Andererseits: In weniger als vierundzwanzig Stunden würde sie nur mit einem winzigen Bikini bekleidet an einem wunderschönen Strand in der Sonne liegen. Da sollte nicht einmal der Hauch einer Wölbung ihre nahezu perfekte Figur ruinieren. »Ach, was soll’s«, sagte sie schließlich. Sie nahm den FedEx-Umschlag vom Schreibtisch, um ihn in den Briefkasten vor dem Haus zu werfen, und machte sich auf den Weg zum Fahrstuhl. Sie würde einfach das Abendessen ausfallen lassen.

Als sie mit dem Koks in der Tasche und einer heißen Wurst in der Hand von ihrem kurzen Spurt quer über den Platz zurückkam– sie hatte dazu nicht einmal ihren Mantel angezogen–, da hatte Hank immer noch nicht angerufen. Lainie legte die langen, schlanken Beine auf den Schreibtisch und biss herzhaft in ihren saftigen Imbiss. Sie stöhnte quasi laut vor Wonne. Das war besser als Sex. Viel besser. Sie kaute, und dabei kamen ihr die Chorsänger unten auf dem Platz in den Sinn. Plötzlich verspürte sie den drängenden Wunsch nach einem eigenen Kind, einem Kind, mit dem sie Weihnachten feiern konnte. Das sie lieben und beschützen konnte. So, wie ihre Mutter sie beschützt hatte? Nein, besser als sie. Viel besser. Keines ihrer Kinder würde jemals die Hölle erleben, die sie hatte durchmachen müssen. Dafür würde sie sorgen. Kein Kind auf der ganzen Welt sollte so etwas erleiden müssen. Zumindest würde Lainie alles in ihrer Macht Stehende tun, um es zu verhindern. Nun, im Moment erschien ihr das alles ziemlich weit weg. Irgendwann würde es vielleicht so weit sein, aber jetzt musste sie Härte zeigen. Das Streben sollt aus härterem Stoff bestehen, hieß es bei Shakespeare.

Ja, dachte sie, das Streben sollt aus härterem Stoff bestehen. Besaß sie die Härte, die nötig war, um sie dahin zu bringen, wo sie hinwollte? Lainie Goff aus Rockport, mit Umsteigen in Rockland. Die Überfliegerin und Superstudentin. Die Jahrgangsbeste ihrer Highschool und Gewinnerin eines fast hundertprozentigen Stipendiums für vier Jahre am Colby College und danach noch einmal drei Jahre an der Cornell Law School. Lainie Goff, die alle, einschließlich Hank, nur als brillante, gnadenlose, selbstbewusste Siegertype kannten. Lainie Goff, die alles schaffen, die sich sogar bis ganz nach oben vögeln konnte. Besaß sie wirklich die nötige Härte? Sie war sich nicht sicher. Bis jetzt war es ihr zumindest gelungen, alle anderen zu täuschen. Nur sie selbst kannte die Wahrheit. Lainie, der Superstar, war ein Phantom. Die wahre Lainie war eine Frau, die keiner Liebe würdig war, nicht einmal ihrer eigenen. Eine Frau, die den Erfolg, nach dem sie so verzweifelt strebte, nur auf dem Rücken liegend erreichen konnte, mit gespreizten Beinen und heruntergelassenem Höschen. Wallace Stevens Albright wäre mächtig stolz auf das, was er geschaffen hatte. Er hatte gewollt, dass sie ihn Daddy nannte. Und wieder einmal hatte er bekommen, was er wollte. Sie war durch und durch seine Tochter.

Das Telefon klingelte. Lainie schluckte den letzten Bissen Wurst hinunter und nahm den Hörer ab.

Kurz vor neun. Lainie Goff presste die Zähne in stiller Wut fest aufeinander, während sie durch die Tiefgarage von Palmer Milliken zu ihrem Wagen ging. Das Klacken ihrer Absätze auf dem Beton unterlegte ihren Zorn mit einem rhythmischen Trommelwirbel. Er hatte sie nicht direkt abblitzen lassen. Nein. Dafür war er viel zu glatt. Zuerst hatte er eigentlich gar nichts Konkretes von sich gegeben. Hatte sie bloß mit der Möglichkeit, abgelehnt zu werden, gepiesackt, so lange, bis er auf seine Kosten gekommen war. Aber dann, während sie immer noch halb nackt vor ihm stand, zog er ihr den Boden unter den Füßen weg.

»Lainie, ich fürchte, du musst dich noch ein bisschen gedulden«, sagte er.

Sie erwiderte nichts. Stand nur da, vor Wut kochend. Starrte ihn mit genau dem hasserfüllten Blick an, der einst Albright vorbehalten gewesen war.

»Bloß noch ein paar Monate«, fuhr er fort, machte den Reißverschluss zu, zog die Sockenhalter hoch. »Ich arbeite daran. Wird schon werden. Versprochen. Wir haben da noch ein paar aussichtsreiche Kandidaten. Janet Pritchard. Bill Tobias.«

Sie fragte sich, ob er die Pritchard auch vögelte. Ob Janets Leistungsnachweise genau so gut ausfielen wie ihre.

»Du weißt genauso gut wie ich«, sagte er, »dass das Komitee eigentlich niemanden zum Teilhaber macht, der nicht mindestens sieben Jahre zur Kanzlei gehört. Und davon bist du ja noch ein ziemliches Stück entfernt. Wahrscheinlich wird man euch Dreien gleichzeitig eine Offerte machen.«

Hatte der Kerl eigentlich gar nichts kapiert? Sie wollte nicht warten, bis die anderen auch mit ins Boot geholt wurden. Sie wollte ihre Anerkennung als Erste bekommen. Sofort! Aber was, verdammt noch mal, konnte sie daran ändern? Schreien? Kreischen? Den Atem anhalten, bis sie blau im Gesicht wurde? Kündigen konnte sie jedenfalls nicht. Sie brauchte den Job. Sie musste die Raten für ihr Auto bezahlen. Außerdem würde sie ihren Traum von einer Teilhaberschaft bei Palmer Milliken ganz sicher nicht einfach in den Wind schießen. Aber jetzt wusste sie endlich, woran sie war. Solange Hank ihr mit diesem Versprechen nur vor der Nase herumwedelte, ohne es tatsächlich wahr zu machen, so lange hatte er sie genau da, wo er sie haben wollte. Im wörtlichen Sinn genauso wie im übertragenen. Auf den Knien, den Mund über seinen Schwanz gestülpt. Aber sobald es so weit wäre: Scheiß auf den Kerl. Dann konnte er sich eine andere ehrgeizige Rechtsanwältin als Fickmaus suchen.

Ihr Wagen stand auf ihrem Parkplatz. Die Garage war bis auf ihren BMW und Hanks Mercedes leer. Alle anderen waren schon längst in den Weihnachtsferien. Sie drückte auf den kleinen Knopf an ihrem Schlüsselbund. Die Scheinwerfer blinkten. Die Türen wurden entriegelt. Abgelenkt, wie sie war, fiel ihr nicht auf, dass das sonst übliche Klacken nicht zu hören war. Sie ließ sich auf den Fahrersitz gleiten, saß eine Minute lang einfach nur da und gab sich ihrer Wut hin, bis sie schließlich den Zündschlüssel drehte. Der Motor erwachte schnurrend zum Leben. Sie blickte in den Rückspiegel.

Und erstarrte.

»Hallo, Lainie«, murmelte eine vertraute Stimme. »Wir hätten da noch das ein oder andere zu besprechen.«

2

Portland, Maine

Freitag, 6. Januar

McCabe goss das Glas mit einer Hand fast bis zum Rand voll. Zwölf Jahre alter Single Malt, ein Macallan. Kein Eis. Kein Wasser. Milder, teurer Whiskey, nichts für Säufer, eher etwas für Genießer. Aber das war ihm im Augenblick egal. Es war das erste Glas des Abends. Man musste dazu allerdings sagen, dass der knappe Viertelliter, den er sich da eingeschenkt hatte, beinahe die dreifache Menge war wie ein Glas im Tallulah’s– und Tallulah behandelte ihre Kundschaft ausgesprochen großzügig. Trotzdem ging McCabe davon aus, dass er mehr als dieses eine leeren würde. Vielleicht sogar sehr viel mehr. Wahrscheinlich so viele, wie er brauchte, um zu verstehen, was da gerade mit Kyra abgelaufen war und warum er sich jetzt so beschissen fühlte. Man konnte es nicht einmal einen Streit nennen, eigentlich. Aber irgendwie doch. Wie auch immer. Es hatte ganz normal angefangen, ein Pas de deux, den sie schon mehrfach miteinander getanzt hatten. Er fragte. Sie lehnte ab. Vertraute Worte. Eine vertraute Melodie. Aber dieses Mal hatte er, weil er etwas anderes hören wollte als sonst, die vertraute Umgebung verlassen und war in unbekanntes Territorium vorgestoßen. Terra incognita, wo Monster wohnten und Schiffe über den Rand der Erdscheibe stürzten.

Er trug eine Trainingshose und nichts darunter. Die Hose war rot, ausgefranst und hatte Löcher an beiden Knien. Am einen Bein zog sich der Schriftzug LAUFTEAMST. BARNABAS entlang, ein letztes verbliebenes Zeugnis aus McCabes Zeit als Mittelstreckenläufer an seiner Highschool in der Bronx. Er trank einen großen Schluck Scotch, tapste auf Socken über den dunklen Holzfußboden seines Wohnzimmers und ließ sich auf das breite Sims des Fensters sinken, das auf Portlands Eastern Prom hinauszeigte. Den Rücken an die eine, die Füße an die andere Seite der Fensterwölbung gestützt, die Knie angewinkelt, so saß er da und schaute hinaus. Fünf Uhr nachmittags an einem kalten Januartag. Draußen war es bereits dunkel. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt, vielleicht sogar einen Schneesturm, aber bis jetzt war noch kein Wölkchen zu sehen. Der beinahe volle Mond hing tief am Himmel. Auf der Straße fuhren ein paar Autos vorbei. Die Äste der jungen Bäume auf der anderen Straßenseite waren gerade noch zu erkennen. Dahinter lag eine weite Fläche, bedeckt mit schmutzigem Schnee, der zum Teil zu gigantischen Hügeln aufgetürmt war. Und dahinter die noch wesentlich weitere Fläche der Casco Bay. Ein langer Streifen Mondlicht brachte die Wasseroberfläche zum Glitzern wie Juwelen. Ein paar silberne Eisbrocken schwammen im Wasser herum. In der Mitte der Bucht waren die charakteristischen geduckten Umrisse von Fort Gorges erkennbar, einem riesigen, sechseckigen Bollwerk aus Steinen und Lehm. Es stammte noch aus der Zeit des Bürgerkriegs und war gebaut worden, um den Hafen von Portland gegen die Angriffe der Konföderierten zu verteidigen. Über das Wasser hinweg waren sogar die Lichter einiger Häuser auf Harts Island zu erkennen.

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