Ankunft in der Fremde - Gérard Scappini - E-Book

Ankunft in der Fremde E-Book

Gérard Scappini

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Beschreibung

»Ankunft in der Fremde« ist ein lyrischer Roman über eine Episode im Leben des jungen Franzosen Pascal: seine Militärzeit in Freiburg. Es ist das Zeitzeugnis einer längst vergangenen Epoche, aus ungewöhnlichem Blickwinkel erzählt. Dabei eröffnen sich Schlaglichter auf ein Erwachsenwerden, die das Werk auch zu einer historischen, interkulturellen Coming-of-Age-Geschichte werden lassen.

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Gérard Scappini

Ankunftin der Fremde

Von Toulon nach Freiburg

Haben sie etwas zu verzollen,

fragte mich der Grenzbeamte.

Ja, antwortete ich, meine Heimat!

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

1

Sprühregen

speichelt auf meine Schultern.

Ich zuckele zum Bahnhof,

eskortiert von meinem Vater.

Nach Deutschland muss ich, sechzehn Monate

der Patrie dienen.

Meine krausen Gedanken fauchen dieses fremde

Land an,

lechzen nach einer Antwort.

Ich jongliere mit drei Namen:

Goethe

Hitler

und

Beckenbauer.

Mein Vater kräuselt die Stirn,

steckt mir einen Geldschein in die Hand,

nuschelt wegen der langen Reise

und spendiert gar einen Kaffee

in der naheliegenden Kneipe.

Steif

werkelt er an seiner Tasse,

mir pappen Worte auf der Zunge.

2

Vater verabschiedet sich,

warum zu zweit auf den Zug warten,

wenn nur einer wegfährt.

Ich muss zum Büro, sagt er verlegen,

und schreib deiner Mutter,

sobald du angekommen bist,

du weißt ja, sie sorgt sich immer.

Ja, verspreche ich.

Der Regen hat aufgehört.

Ohne sich umzudrehen, geht er die Straße

hinunter, Richtung Stadtmitte,

sein Kopf wackelt leicht, beide Hände

in den Gabardinetaschen versteckt.

Weint er?, frage ich mich.

Am Gleis zwei fährt mein Zug nach Marseille.

In zwanzig Minuten. Erst.

Vaters Verständnis für Pünktlichkeit.

Und da bin ich jetzt.

Ich trippele auf und ab. Am Bahngleis entlang.

Als Einziger.

Mit meinem kleinen braunen Koffer.

Omas Geschenk.

Den brauche ich nie, hat sie gesagt.

Die Sonne scheint wieder hervor,

streift schüchtern mein Gesicht.

Meine wirren Gedanken passen sich meinem

Lauftempo an, nur in Kreiseln.

Zum ersten Male verlasse ich meine Familie,

sechzehn Monate lang.

Was erwartet mich in Deutschland?

Auf alle Fälle Schnee! Und bittere Kälte, lachte

Jacques.

Und ausgerechnet Jacques habe ich vergessen,

fällt mir gerade ein,

Auf Wiedersehen zu sagen.

Er will demnächst nach Paris zum Studieren.

Auf einmal wird mir eins bewusst:

Ich bin nichts. Ich habe nichts. Null nachweisen kann ich:

Keinen Beruf erlernt.

Kein Schulzeugnis.

Keine Freundin.

Nicht einmal den Führerschein habe ich!

Nur Prévert:

seine Gedichte in der Jackentasche.

Wie oft habe ich hier am Gleis eins gesessen,

geträumt von anderen Städten,

mich danach gesehnt. Weit weg wollte ich.

Heute darf ich endlich abreisen, sorge mich,

bin unsicher.

Wieso nach Deutschland?

Was soll ich dort? Spielen sie Rugby?

Vater hat mir lapidar geantwortet: unserem Land

dienen.

Du könntest in der Armee einen Beruf lernen, sagt

er ernsthaft.

Beim Militär?

Ausgerechnet dort!

Direkt über mir knarzt ein Lautsprecher, pfeift,

treibt mich unsanft

in meine jetzige Realität zurück.

Ein zittriger, undeutlicher Laut,

erst jetzt zu erkennen, und zu verstehen,

eine tiefe weibliche Stimme verkündet,

entschuldigend,

eine Verspätung von zehn Minuten

für meinen Zug.

3

Zum ersten Mal

steige ich in Marseille Saint Charles aus.

Um Gleis eins zu erreichen,

dort ist der Treffpunkt für die Rekruten,

und wegen meiner Verspätung beeile ich mich,

schlängele mich durch laufende, mit Koffern

bepackte,

einsam rauchende, oder ins Gespräch

verwickelte Menschen.

Schon entdecke ich eine größere Menge junger

Männer,

mit Gepäck zwischen den Füßen.

Vor dieser Zusammenrottung geht

ein Unteroffizier auf und ab,

die Arme auf dem Rücken versteckt,

scheint er die Rekruten schon zu bewachen.

Junge Soldaten stehen zwischen ihm

und Männern mit beschrifteten Holzschildern:

Baden-Baden, Donaueschingen, Konstanz,

Offenburg, Trier, Villingen, lese ich.

Und Freiburg. Meine Gruppe.

Von allen diesen Städten früher noch nie etwas

gehört.

Ich gehe auf den Unteroffizier zu,

zeige ihm meinen Einberufungsbefehl.

Gehen Sie zur Gruppe Freiburg,

er streckt seinen Arm aus,

und bleiben Sie mit den anderen zusammen, sagt er,

es geht bald los.

Ein Zug schnauft langsam am Bahngleis, stoppt.

Unser Sonderzug, mit zehn Waggons, für die

sieben angegebenen Städte.

Zwei Arbeiter hängen die Lokomotive ab:

Saint-Charles ist ein Kopfbahnhof.

Alle mal zuhören, sagt der Unteroffizier,

wir bilden jetzt einen Kreis um ihn,

Sie steigen nur in den Wagen ein,

das ist ganz wichtig,

wo das Schild mit dem Namen Ihrer Zielkaserne

davorsteht, verstanden?

Hektisch und laut ist es hier am Bahnhof,

ziemlich sogar. Er muss seine Ansage wiederholen.

Der Zug wird erst in Lyon halten,

dort holen wir weitere Rekruten ab,

dann fährt er direkt nach Mulhouse durch,

dort warten dann LKWs …

Keine Busse?, fragt einer hinter mir.

Das ist keine Urlaubsfahrt,

antwortet der Unteroffizier trocken,

für jede Stadt stehen ein oder mehrere LKWs bereit.

Noch Fragen?

Schnell renne ich zum Zeitungskiosk, um die Ecke,

mir L’équipe holen.

Mit dem Geld, das Vater mir heute Morgen

gegeben hatte,

besorge ich mir noch eine große Flasche Wasser.

Als ich wiederkomme,

setzt sich die erste Gruppe schon in Bewegung.

Es ist genau vierzehn Uhr

an diesem 2. Oktober 1966.

Ich steige in den Zug ein,

den ganzen Tag und die kommende Nacht wird

diese lange Fahrt andauern.

Proviant,

in unserem Abteil liegen acht Pakete,

ist genug vorhanden,

nur ob es schmeckt, bin ich skeptisch.

Unser Kriegsfutter, schmunzelt mein Nachbar, die

haben an alles gedacht.

Wir müssen uns einfach daran gewöhnen, seufzt der

links neben mir,

der sich eine khakibraune Konservendose

misstrauisch anschaut,

ab heute ist das unser tägliches Brot!, lacht er.

Bist du aus Marseille, fragt er mich, du hast einen

öligen, breiten Akzent.

Überhaupt nicht, antworte ich, aus Toulon bin ich.

Und du?

Bédarrides, sagt er.

Spielst du Rugby?, frage ich.

Ja klar, antwortet er, wir haben schon gegeneinander

gespielt, glaube ich.

Schlagartig ruckt der Zug,

nimmt langsam Fahrt auf,

löscht durch seine Bewegungsrichtung

die verbleibenden winkenden Personen.

In mir spüre ich

eine keimende Unruhe.

Ob

dieser Sonderzug,

der mich aus meiner Umgebung verschleppt,

aus meiner Familie herausreißt,

mich auch für immer entwurzeln will?

4

Alle Sitzplätze

in unserem Abteil sind belegt.

Jeder hockt still vor sich hin,

scheint die Trennung

von seiner Familie, seinen Freunden jetzt wirklich

zu begreifen:

sechzehn Monate

fort,

weit weg,

in diesem fremden Land.

Meine Augen kleben fortwährend

auf dem Fenster,

versuchen in diese kipplige Landschaft

einzudringen,

die ununterbrochen an mir vorbeizieht.

Plötzlich

fragt mich mein Gegenüber,

Maurice heißt er, woher ich komme.

Ach, kenne ich, antwortet er,

dort habe ich oft Fußball gespielt!

In Aix-en-Provence lebt er,

und will nach dem Militärdienst

Profifußballer werden.

Und du?

Nein, Fußballer ist nichts für mich, lächele ich,

keine Ahnung!

Zucke mit den Achseln.

Wir plaudern eifrig durcheinander.

Ich, von meinem Sommer auf der FKK-Insel,

Rose-Marie, der schönen Belgierin,

er, über seine rothaarige englische Freundin,

die in Aix-en-Provence französische Literatur

studiert,

imitiert sie, wie sie mit ihrem britischen Akzent

Französisch spricht.

Wir kichern.

Und immer wieder über das unbekannte Land.

Dieses Deutschland,

von dem

ich

nur Kriegsfilme gesehen habe.

In Lyon

hält unser Zug ganze zwei Stunden.

Zeit genug, um sich die Beine zu vertreten,

Zigaretten zu rauchen, oder Bier zu kaufen.

Es ist bitterkalt. Und kaum ein Mensch zu sehen.

Mir klebt die Zunge am Gaumen, auch müde

vom vielen Reden, schlafe ich langsam ein.

Mutter

rät

mir,

die Sprache Goethes zu erlernen,

perfekt zu beherrschen.

Damit

du später

als

Übersetzer

tätig sein kannst, sagt sie.

Vater

dagegen schlägt vor,

mich beim Militär

in der Autowerkstatt anzubieten,

Feinmechaniker zu lernen,

meinen LKW-Führerschein zu machen,

um später …

Ein ballernder Gegenzug zerreißt

meinen Albtraum.

Die Glasscheibe klappert, Menschenfetzen,

Lichtrisse huschen vor meinen müden Augen.

Danach

kleistert mein starres Gesicht auf der stummen

Fensterscheibe.

5

Der Zug zischt, drosselt seine Geschwindigkeit.

Pfeift noch einmal.

Ich schlage die Augen auf.

Mit pappigem Geschmack im Mund.

Im Abteil erwacht das Leben,

ein raunendes Staunen breitet sich aus:

draußen alles weiß.

Im Morgengrauen, in Mulhouse

vor dem Bahnhof geparkt,

mit offenen Ladeflächen,

warten zehn alte

militärische Pritschenwagen auf uns.

Amerikanische Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg,

sagt Maurice bissig.

Hastig öffne ich meinen Koffer,

hole meinen Pulli raus, ziehe ihn schnell an, knöpfe

meine Jacke zu.

Ein Soldat, mit weißem Helm,

begrüßt uns zackig, schaut auf sein Blatt Papier,

brüllt unsere Nachnamen.

Ich steige, noch verschlafen,

auf die Ladefläche des ersten Lasters.

Ich höre nur den Motor brummen,

die hintere Wagenplane versperrt mir die Aussicht.

Ich

friere.

Plötzlich,

zwei oder drei Mal hintereinander,

schaltet der Fahrer herunter,

bremst,

langsam bleibt der LKW stehen,

Motor ausgeschaltet.

Stille.

Stimmen nehme ich jetzt wahr.

In einer Fremdsprache.

Auf der Ladefläche kein Ton.

Ob wir an der Grenze sind?, tuschelt

mein Nachbar, öffnet einen winzigen Spalt

in der Wagenplane.

Alle strecken ihre Köpfe nach vorne, versuchen

hinauszugucken.

Hey Männer,

wir sind in Deutschland,

flüstert mein Nebenmann.

Und wie sieht es aus?, frage ich.

6

Unser Laster bleibt, mit laufendem Motor,

erneut stehen.

Maurice, der voller Neugier nach vorne gekommen

ist,

drückt mit seinem rechten Arm die Wagenplane

fest nach außen, streckt seinen Kopf heraus.

Männer, eine Stadt, sagt er,

Freiburg?, frage ich.

Keine Ahnung, aber eine größere Stadt.

Die steilen Dächer, die qualmenden Schornsteine

fallen mir sofort auf.

Heizung Anfang Oktober?, seufze ich.

An den Bushaltestellen, in Mäntel eingehüllt,

warten Menschen geduldig auf ihre Straßenbahn.

Wir winken ihnen zu, einige schauen uns nach,

lächeln sogar.

Als wir in der Kaserne ankommen, sind ein paar

Soldaten schon unterwegs.

Sie scheinen über uns zu witzeln.

Wir steigen mit unseren Koffern aus,

folgen unserem Zugbegleiter.

In Dreierreihen laufen wir

durch die Kasernenstraße.

In einem riesigen Speisesaal stehen wir jetzt herum.

Eine Unruhe, eine leichte, verbreitet sich.

Die haben uns vergessen?, murrt Maurice.

Plötzlich

treten zwei uniformierte Männer ein.

Ein langgliedriger mit fünf Ehrenzeichen auf der

Brust hängend,

hat sich bestimmt in Algerien hochgekämpft, flüstert

Maurice,

kann seine Bürstenfrisur unter seiner knappen

Schirmmütze kaum verbergen.

Sehr groß ist er, mit seinem knochigen Gesicht

strahlt er Härte aus.

Er schaut uns so lange an, bis Stille herrscht.

Noch

sagt er

kein Wort.

Der andere an seiner Seite, wesentlich kleiner, mit

einem Bauchansatz

und nur einem Ehrenzeichen

an die Brust geheftet, bleibt stumm.

Dann

stellt sich der Hagere

mit zwei knappen Worten vor, Kapitän Sangenin.

Er erklärt ohne Umwege, laut und deutlich,

was er von uns erwartet, heute auf uns zukommen

wird.

Oberstabsfeldwebel Parant, bellt er,

wird die weiteren Anweisungen durchführen.

Sie salutieren sich zackig.

Kapitän Sangenin dreht sich um,

eilt aus dem Raum, ohne sich umzudrehen.

Schlaff bin ich.

Meine Neugier hält mich wach.

Jetzt

dürfen wir

uns

hinsetzen.

Ein Mann pro Tisch holt Kaffee und Milch.

In zwei großen Blechkannen.

Ein anderer Teller, Tassen und Bestecke.

Brot, Marmelade und Zucker sind schon auf den

Tischen verteilt worden.

Die Tassen sind aus Zinkblech,

wie in der Schulkantine, fällt mir ein.

Der Kaffee ist heiß, tut gut.

Oberstabsfeldwebel Parant, mit Oberlippenbart,

freundlichem Gesicht,

mahnt uns zur Eile.

Ihr seid hier nicht im Hotel, grinst er.

Und befiehlt uns,

nachdem die Tische aufgeräumt, und sauber

gewischt wurden,

den Speisesaal zu verlassen, uns dann entlang der

Kantinenmauer

in Dreierreihen aufzustellen,

und auf ihn zu warten.

Schon wieder warten, meckert Maurice.

7

Ein Schlafsaal ist uns zugeteilt worden.

Im zweiten Stockwerk eines langen Gebäudes.

Duschen, Pissoir und Klos im Gang.

Ein großer Raum, mit hohen Wänden,

acht Betten und acht Spinden,

in seiner Mitte ein langer brauner Tisch und acht

Stühle,

teile ich mit sieben anderen.

Maurice ist dabei.

Herein in die gute Stube, lacht er.

Philippe aus Bédarrides ebenfalls.

Die fünf anderen kenne ich nicht. Trotz der

stundenlangen Fahrt.

Ab sofort sind wir täglich zusammen,

während unserer Grundausbildung,

die zwei Monate andauern wird.

Beim Militär eine Ausbildung?, fragt einer.

Klar, antwortet Maurice, warten, schießen,

und wieder warten bis zur Entlassung.

Gelächter.

Außen

an die Zimmertür

müssen wir unsere Namen und Vornamen in

Großbuchstaben aufschreiben.

Und zwar nicht nur,

ob wir auf der linken oder rechten Seite des

Raums schlafen, sondern auch

in der genauen richtigen Bettreihenfolge.

Ob sie es auch nachts kontrollieren, scherzt Maurice.

Wieder Gelächter im Raum.

Links, neben meinem Bett, steht mein Spind.

Gähnend leer.

Morgen Vormittag bekommen wir

unsere Armeeklamotten.

Dann sehen wir auch wie richtige Soldaten aus!

Ich schlage vor, sagt mein Gegenüber,

der sich von seinem Bett erhebt,

und jetzt davorsteht,

ein großer schlanker Typ, mit schwarzen Haaren,

wir stellen uns jeweils kurz vor. Was meint ihr?

Alle sind einverstanden.

Obwohl ich dazu nichts gesagt habe.

Gut, dann beginne ich.

Jean-Michel, bald Rechtsanwalt aus Marseille.

Marcel, aus Nice, Fotograf,

Philippe, Lehrer aus Bédarrides,

Jean-Paul aus Nîmes, Ingenieur,

Antoine, Winzer aus Brignoles,

Yves, LKW-Fahrer, Kettenraucher, aus Draguignan,

grinst er.

Maurice sagt Fußballprofi, aus Aix-en-Provence.

Alle Augen sind auf ihn gerichtet.

Und du?, fragt mich Jean-Michel, du hast dich

noch nicht vorgestellt.

Ich, sage ich zaghaft,

Pascal aus Toulon, noch ohne Beruf, ergänze ich.

Willst du nach dem Dienst studieren?, fragt Jean-

Michel.

Ja, lüge ich.

8

Schneeflocken streifen meine Wange,

wirbeln umher, um dann,

wie verzaubert, in die Erde zu verschwinden.

Außergewöhnlich,

diese Kälte, dieser Schnee, für mich.

Jean-Michel hat sich erkältet.

Ziemlich schlimm. Bei dem Wetter kein Wunder.

Er befindet sich im Krankenlager, Verdacht auf

Lungenentzündung.

Abwechselnd besuchen wir ihn, nur kurz.

Er soll sich ausruhen.

Heute war ich an der Reihe.

Auf dem Rückweg zu unserem Gebäude besorge

ich uns Baguettes,

die ich unter meinem dicken Mantel beschirme.

Ich

entsinne mich.

Zum ersten Mal habe ich Schnee gesehen,

ich war fünf oder sechs Jahre alt.

Mutter weckte mich,

öffnete das Fenster im Wohnzimmer, dann die

Fensterläden.

Es schneit, Pascal, rief sie,

heute gibt es bestimmt keine Schule und schloss das

Fenster rasch.

Meine Nase klebte ich an die Fensterscheibe,

bewunderte mit offenem Mund diesen weißen

Teppich.

Mutter werkelte am Küchenherd,

passte nicht auf mich auf.

Ich zog mich schnell um, eilte in den Garten.

Diese wirbelnden Schneeflocken wollte ich mit

meinen Händen fangen, berühren.

Mit meinen dünnen Hausschuhen rannte ich,

schaufelte den liegenden Schnee

mit beiden Händen über meinen Kopf,

blickte in den Himmel, schaute diesen langsam

fallenden Flocken zu.

Plötzlich

spürte ich meine Füße brennen,

meine Hände schmerzen,

und lief heulend ins Wohnzimmer …

Ich beeile mich jetzt in unseren Block,

vor dem Hauseingang

klopfe ich mir den Schnee von den Schultern,

den Schuhen,

steige die Treppe hoch,

endlich die Stubentür, die Wärme.

Wir bereiten uns vor,

wieder ein freies Wochenende

hinter Kasernenmauern zu verbringen.

Wir lümmeln auf der Stube,

schlürfen Pulverkaffee, lesen Zeitung, schreiben

Briefe an zu Hause, hören Radio, oder dösen aus

Langeweile.

Eifrig diskutiere ich mit Philippe über Taktik und

Spielzüge.

Wir haben uns vorgenommen, in der Kaserne

eine Rugby-Mannschaft aufzubauen.

Trainingsmöglichkeiten, Bälle, Trikots

sind vorhanden.

Und bei diesem Wetter ganz wichtig: sogar eine

Sporthalle!