Anleger 511 - Klaus Dechant - E-Book

Anleger 511 E-Book

Klaus Dechant

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Beschreibung

Dieses Buch ist anders als alles, was Sie bisher gelesen haben. Nicht, weil drei Autoren drei Helden in drei Thrillern auf drei irrwitzige Trips schicken. Sondern weil die drei Autoren dabei ihre Helden tauschen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Idee: Drei Novellen, wie sie, abgesehen von den Handlungen, unterschiedlicher nicht sein könnten. Mehr noch. Auf teils bizarre Weise werden die neuen Abenteuer der getauschten Heldinnen und Helden nicht nur mit den Geschichten aus ihren ‚Vorleben‘ sondern die Storys auch miteinander und bisweilen mit ihren realen Schöpfern verwoben. Klaus Maria Dechant konfrontiert Kai Blieseners Journalistin Emma Berg bei einer lebensgefährlichen Recherche mit Figuren seiner eigenen Krimis, Jo Schuttwolf schickt im Gegenzug Dechants Kommissarin Michaela Cordes Selbstfindungstrip durch Los Angeles. Und Kai Bliesener? Er lebt seine Liebe zu Quentin Tarantino und David Lynch aus, und führt Andy, Jo Schuttwolfs sexsüchtigen Werbetexter auf eine rasante Tour zwischen Tag und Traum. Und alles endet dort, wo die Idee entstand, am ANLEGER 511.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Impressum

Zitate

Vorwort

SCHLIESSFACH 102

Klaus Maria Dechant

Der Schlüssel

Zürich

Die Akte

Das Telefonat

Marc

Redaktion ‚ContraPunkt‘

Die Nachlassverwalterin

Das Haus

Johanne

Die E-Mail

Ebeleben

Medusa

Richard Gere

Die Panzerknacker

‚Liebe dich!‘

Missetaten

Schlüsselerlebnis

Irgendwas stimmt nicht

Beim Italiener

Franek

Anleger 511

AUSZEIT

Jo Schuttwolf

Anleger 511

Venice

Los Angeles Times

To Make you feel my Love

Los Angeles Times

King Eddy Saloon

Los Angeles Times

Wossoh

Los Angeles Times

Ein rosa Gummiboot

Los Angeles Times

El Sendero

Los Angeles Times

Am Haken

Los Angeles Times

Brothers in Blood

Los Angeles Times

Die Gondel

Los Angeles Times

Der Gondoliere

Los Angeles Times

Der Blaumann

Mboto

Ed

Downtown L.A.

Ratten

Feuer ohne Feuerzeug

Die elysischen Berge

Blauer Himmel

ENDSTATION ELTVILLE

Kai Bliesener

Bevor es los geht

Ein leuchtender Galgen

Flashback

Die fast vergessene Zeit davor

Auf der Suche

Flashback

Flucht aus dem Krankenhaus

Verschwunden

Wenn der Tod ins Leben kommt

Wahr ist, was wahr ist

Flashback

Malu

Der Anwalt

Haller

Flashback

Eine unglaubliche Mischung

Der Treffpunkt

Ist die Realität wirklich real

Bevor es zu Ende geht

Kai Bliesener

Klaus Maria Dechant

Jo Schuttwolf

Anleger 511

Drei Novellen

Impressum

Copyright © 2022 by Kai Bliesener, Klaus Maria Dechant und Jo Schuttwolf.

Copyright © dieser Ausgabe 2022, Early-Bird-Books,

Hauptstraße 156, 68799 Reilingen.

Titelgestaltung: CreativeCommunications, Reilingen

Satz: Kreativbüro Freiraum, Weinstadt www.kreativbuerofreiraum.de

Titelbild: iStock by Getty Images - LordRunar

Lektorat und Korrektorat: Ingeborg Dosch, Leimen

ISBN 978-3-98576-016-9

www.early-bird-books.de

Die Handlung und alle in den drei Novellen in diesem Buch auftretenden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jeder Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie Speicherung in elektronischen Systemen.

Zitate

»Einfach alles beginnt und endet mit Geschichten«

Ragnar Lobrók

»Ich schreibe für junge Leser, ich schreibe für sogenannte Erwachsene, vor allem aber schreibe ich für Menschen, die gern lesen und sich von guten Geschichten mitreißen lassen.

Carlos Ruiz Zafón

»In der Stunde des Lesens

hat der Autor die Seele des Lesers in seiner Gewalt«

Edgar Allan Poe

»Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn«

Alfred Hitchckock

Vorwort

Verehrte Leserinnen und Leser,

das vor Ihnen liegende Buch ‚Anleger 511‘ ist, und da lehnen wir uns gerne weit aus dem Fenster, anders als alles, was Sie bisher gelesen haben. Klar kennen Sie Thriller, und davon finden Sie hier drei. Und natürlich haben Sie schon Anthologien gelesen oder wenigstens gesehen, aber ‚Anleger 511‘ ist eben keine gewöhnliche Zusammenstellung von Kurzgeschichten. Allein der Begriff ‚kurz‘ wäre auch nicht zutreffend. Lassen Sie uns doch das etwas aus der Mode gekommene Wort Novelle verwenden, eine Form, die per Definition eine Erzählung kürzeren oder mittleren Umfangs darstellt, welche von einem einzelnen Ereignis handelt und deren geradliniger Handlungsablauf auf ein Ziel hinführt.

Das ist also schonmal anders, Sie halten ein Buch mit drei Erzählungen in Händen. Jede ein Ziel verfolgend, für sich abgeschlossen, vordergründig hat keine der Geschichten mit der jeweils anderen etwas zu tun, allerdings gibt es eine Gemeinsamkeit: Sie enden alle in Eltville in einer Bar Rhein mit Namen ‚Anleger 511‘. Ein Werbegag des örtlichen Gastronomiebetriebs, werden Sie vielleicht denken. Weit gefehlt, wobei die entsprechende Gastronomie GmbH über das hier vorliegende Projekt natürlich in Kenntnis ist und der Zweckentfremdung des Restaurantnamens sehr wohlwollend gegenübersteht.

Aber, der Titel ist purer Zufall. Zu verdanken dem ersten physischen Treffen von uns drei Autorenkollegen Kai Bliesener, Klaus Maria Dechant und Jo Schuttwolf im Jahr 2019. Eltville liegt schlicht so ungefähr in der Mitte unserer Wohnorte.

Genau dort, am Rhein, auf der Terrasse des Lokals ‚Anleger 511‘ entstand die Idee für dieses Projekt. Und genau das ist es, ein Projekt. Nicht, weil es drei Erzählungen in einem Buch zusammenfasst, sondern weil drei Autoren ihre Helden getauscht haben. Ja, Sie haben richtig gelesen. Wie bei Sing my Song im Fernsehen. Pimp my Prota haben wir die Idee genannt, deren Ziel es war, die Heldin oder den Helden des Kollegen anders zu interpretieren. Prota steht übrigens weder für Prototyp, Prothese oder gar Prostata. Es ist die liebevolle Abkürzung für Protagonist, also den oder die Heldin unserer Geschichten.

Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Idee liegt jetzt vor Ihnen. Drei Novellen, wie sie, abgesehen von den Handlungen, unterschiedlicher nicht sein könnten. Mehr noch. Auf teils bizarre Weise verweben wir die neuen Abenteuer der getauschten Heldinnen und Helden nicht nur mit den Geschichten aus ihren Vorleben sondern die Storys auch miteinander und bisweilen mit uns, ihren realen Schöpfern.

Klaus Maria Dechant konfrontiert Kai Blieseners Journalistin Emma Berg aus Das Brandt-Attentat bei einer lebensgefährlichen Recherche mit Figuren seiner eigenen Krimis.

Jo Schuttwolf schickt im Gegenzug Dechants Kommissarin Michaela Cordes, bekannt aus Mordslust und Mordseier auf einen irrwitzigen Selbstfindungstrip in einem rosa Gummiboot durch die Kanalisation von Los Angeles.

Und Kai Bliesener lebt seine Liebe zu Quentin Tarantino und David Lynch aus. Er führt Andy, Jo Schuttwolfs sexsüchtigen Werbetexter aus U-Turn – Irgendwann kommt jeder an auf eine rasante Tour zwischen Tag und Traum.

Doch genug der Vorrede. Wir hoffen, dass unsere drei Novellen Sie in bestem Sinne unterhalten.

Herzlichst

Kai Bliesener - Klaus Maria Dechant - Jo Schuttwolf

SCHLIESSFACH 102

Eine Novelle von Klaus Maria Dechant

Klaus Maria Dechant

Mein Name ist Klaus Maria Dechant, und ich habe die Ehre und das Vergnügen, Ihnen in meiner Krimiepisode

Schließfach 102

die junge und engagierte Journalistin Emma Berg aus Stuttgart vorstellen zu dürfen. Für die nachfolgenden knapp neunzig Seiten durfte ich mir diese neugierige, teils sture, aber immer loyale Vertreterin der schreibenden Zunft von meinem hochgeschätzten Kollegen und Freund Kai Bliesener ‚ausleihen‘. Ganz und gar körperlos und rein platonisch, versteht sich.

Vorab möchte ich mich für das entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Es ist keinesfalls selbstverständlich, liebgewonnene Protagonisten einfach so in die Obhut eines anderen zu entlassen. Schon gar nicht eine Emma Berg, die, kaum dreißig Jahre alt, in ‚Das Brandt-Attentat‘ die Machenschaften rund um einen geplanten Anschlag im Jahr 1968/69 auf den späteren Bundeskanzler Willy Brandt aufdeckt.

In ‚Schließfach 102‘ bekommt sie es nun mit einem Zürcher Schließfach, verstörenden Unterlagen rund um einen illegalen Waffendeal und einem charmanten Serienmörder aus meiner Figurenwelt zu tun.

Sie dürfen gespannt sein auf meine Emma Berg‘.

Der Schlüssel

Zum x-ten Mal griff sich Emma den weißen gepolsterten Umschlag, den sie unter die Tastatur ihres Computers geklemmt hatte. Zum x-ten Mal ließ sie ein paar Bläschen des Luftpolsters platzen, nur um erneut den Inhalt zu ertasten. Viel war nicht mehr übrig von der Polsterung, sodass sich die Form des eingepackten Gegenstandes immer deutlicher abzeichnete. Emma hatte den ganzen Tag über die Umrisse des Schlüssels mit ihren vermeintlich sauberen Fingern auf das beschichtete Papier des Kuverts gepaust. Der hat echt Nerven! In einer Mischung aus Wut und Begehren musste sie, ebenfalls zum x-ten Mal, heute an Marc denken.

»Jetzt mach endlich diesen verdammten Brief auf! Das Ding geht uns allen mittlerweile auf die Nerven.« Jürgens flache Hand landete mit einem lauten Knall auf der Schreibtischplatte. »Und denk dran, in einer halben Stunde brauche ich das fertige Interview mit diesem Typen aus dem Innenministerium!« Mit dem rechten Zeigefinger deutete der amtierende Chef vom Dienst auf die Uhr am Handgelenk.

Der erste Schreck wich einem knallroten Kopf. Die Kollegen im Redaktionsbüro des ContraPunkt grinsten nur. Verschämt steckte Emma Berg den Umschlag wieder zurück unter die Tastatur, wo die neue Praktikantin, deren Namen sie längst vergessen hatte, ihn am Vormittag mit einem Lächeln hingelegt hatte.

»Der Artikel liegt in zehn Minuten auf dem Server. Ich mach dann auch Feierabend!« Immer lauter werdend rief die Journalistin ihrem sich entfernenden Chef hinterher. Es gelang ihr, sich noch ein paar Minuten zu konzentrieren und endlich den Namen ‚Emma Berg‘ unter das Interview zu setzen, das sie am frühen Morgen mit einem namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Berliner Innensenators geführt hatte. Thema war natürlich das knapp drei Wochen zurückliegende Attentat auf

den Weihnachtsmarkt der Hauptstadt auf dem Breitscheidplatz. Seit dem Tag, an dem der Terrorist Anis Amri zwölf Menschenleben ausgelöscht hatte, gab es fast kein anderes Thema mehr in den Redaktionen des Landes. Auch nicht beim ContraPunkt, jenem links ausgerichteten Magazin, bei dem sich Emma Berg mit der Enthüllung eines vereitelten Anschlags auf Willy Brandt vor knapp einem Jahr endgültig ihre journalistischen Meriten verdient hatte. Seither war die meist schwarz gekleidete Idealistin gefragte Gesprächspartnerin für Whistleblower jeglicher Couleur.

***

Über dem Stuttgarter Trichter wehte ein eisiger Wind. Emma quälte sich und ihr Trekkingbike am Klinikum vorbei Richtung Herdweg. Sie brauchte das heute. Den Kopf freibekommen, indem sie ihrem Körper alles abverlangte. Keine Straße in der Umgebung bot ihr bessere Möglichkeiten, sich und das Fahrrad näher an die jeweilige Belastungsgrenze zu führen, als dieser unscheinbare Weg mitten durch ein Stuttgarter Wohngebiet. Bis zu sechzehn Prozent Steigung hatten selbst der Straßenradweltmeisterschaft vor einigen Jahren auch alles abverlangt.

Die Muskeln der Oberschenkel brannten trotz der Eiseskälte. Emmas Gedanken waren nur bei dem Schlüssel im Briefumschlag. Die Wut auf Marc war längst großem Bedauern gewichen. Der Streit, die Beschimpfungen, die Verletzungen in der zurückliegenden Nacht. Natürlich war sie an allem schuld gewesen. Marc hatte sich nur mehr Perspektive gewünscht. Für sich. Für Emma. Für die Beziehung. Nichts, was sich ein Mann in den Vierzigern mit einer zehnjährigen Tochter nicht wünschen dürfte. Und sie? Sie hatte sich aufgeführt wie ein zorniges Kind, kurz vor der Zwangsheirat mit dem neunzigjährigen zahnlosen Chef eines albanischen Mafiaclans. Und jetzt dieser Schlüssel. Ganz sicher zu seiner Wohnung. Was sollte das? Noch mehr Druck?

Tränen rannen an ihren Wagen herunter, als sie den Scheitel des Anstiegs erreicht hatte. Nur zum Teil ging das auf Kosten des grimmig kalten Windes, der von der Alb scharf in den Talkessel zog. Ohne darüber nachzudenken, drehte Emma ihr Vehikel und ließ sich in halsbrecherischem Tempo von der Schwerkraft in die Dunkelheit der Straße zurücktreiben. Intuitiv bog sie am Ende des Weges erst links, dann nach etwa einhundert Metern wieder rechts ab.

Bei Marc im dritten Stock brannte Licht. Emma glaubte das zumindest. Die von der Kälte und der Scham völlig verwässerten Augen ließen nur eine oberflächliche Analyse zu. Hektisch kramte sie das gepolsterte Kuvert aus dem Rucksack und riss die Lasche auf. Mit steifgefrorenen Fingern fummelte sie nach dem Schlüssel, der sie den ganzen Tag beschäftigt hatte.

Kurz war er. Mit Doppelbart und einer eingestanzten Nummer. 102. Nie und nimmer passend für eine Haus- oder Wohnungstür.

Verwirrt griff Emma nochmal in das Kuvert und bekam eine Karte zu fassen. Handgeschrieben!

Eine Geschichte nach Ihrem Geschmack!

Schließfach 102

Bankhaus von Eberlein

Bahnhofstr. XX

8001 Zürich

Code: 3876 7839 5201 TE2

Zürich

Schneebedeckte Berge, eine kleine Gruppe mit Alphornbläsern, ein Schweizer Kräutertee mit Schuss ... Emma war sich sicher, dass man nirgendwo weiter von alpenländischer Klidylle entfernt sein konnte als in der Zürcher Bahnhofstraße. ‚Klidylle‘ - diese Wortschöpfung hatte sie selbst im zurückliegenden Jahr für einen Artikel über das deutsche Phänomen von Kleingartenanlagen kreiert. Eigentlich um klischeehafte Idyllen abzuwerten.

Jetzt, inmitten der Betriebsamkeit zwischen den vornehmsten Adressen der Welt sehnte sie sich nach ein wenig Klidylle. Nach irgend-etwas Wärmendem. Die durch und durch geschäftige Atmosphäre, geprägt von edlen Boutiquen, Bankhäusern und noch edleren Uhren- und Schmucktempeln, hatte so gar nichts Heimeliges. Emma stellte sich überschminkte, pelzbemantelte Frauen in unbequemen hohen, aber sicher teuren Stiefeln vor, die von Modegeschäft zu Modegeschäft stürzten, während sich streng dreinschauende Männer im feinen Businesszwirn von Bankinstitut zu Bankinstitut schoben. Am Abend würden die Männer dann sicher bei einem der auserlesenen Juweliere etwas Nettes kaufen. Etwas Teures für die Freundin und etwas Gediegenes für die Gattin. Um sich zu entschuldigen. Dafür, dass es wieder später wurde oder auch generell für die Freundin.

So hatte Emma das Treiben um sich herum jedenfalls erwartet. Dabei war alles anders. Normale Menschen. Männer, Frauen und Kinder, die angesichts des nasskalten Januarwetters die Gesichter verzogen. Wäre da nicht die Straßenbahn gewesen, man hätte glatt meinen können, in der Stuttgarter Königsstraße zu stehen. Kein Idyll, nur das Klischee, dass alle Fußgängerzonen irgendwie gleich aussehen.

Derart vergeistigt wäre Emma an dem schmalen Gebäude um ein Haar vorbeigelaufen. Buntsandstein, Art Deco. Die langgestreckten Fenster des Erdgeschosses lagen hoch. Keine Glasfassade, keine Vitrinen mit Kredit- oder Anlageangeboten, nur ein Messingschild. Kaum größer als ein aufgeklapptes Buch. Darauf in schnörkelloser Schrift:

Bankhaus von Eberlein Bitte läuten!

Emma betätigte den zierlichen Messingknopf und wartete. Der hohe Eingang hatte etwas Furchteinflößendes. Die schmale Treppe zwischen zwei Sandsteinstehlen schien im Dunkel zu verschwinden. Die schlanke Journalistin hechtete die fünf Stufen hinauf. Ein leises Summen am Ende des Treppenabsatzes ertönte.

Kaum hatte sich die schwere, verglaste Messingtür hinter Emma geräuschlos geschlossen, schritt unaufgeregt eine Dame mittleren Alters auf sie zu. Das halblange, brünette Haar mit Gel streng nach hinten gelegt, das dunkelblaue Hermès-Kostüm saß perfekt.

»Frau Berg? Herr von Eberlein erwartet Sie bereits. Sie haben den Schlüssel?« Fordernd streckte die namenlose Dame die schmale Hand aus.

Die Überraschung in Emmas Gesicht löste keinerlei Gefühlsregung aus. Klar hatte sie sich von Stuttgart aus telefonisch angekündigt und nach einem Termin gefragt, dass man sie jedoch erwarten würde, verblüffte sie. Umständlich zog sie ihren Rucksack vom Rücken. Der klamme Dufflecoat wollte sich kaum überwinden lassen. Sie öffnete einen der vorderen Reißverschlüsse und fischte zielsicher den lose hineingeworfenen Schlüssel heraus. Unter den missbilligenden Blicken der oberlehrerhaften Gestalt.

»Bekomme ich den wieder?« Emma konterte mit Argwohn. Eine Antwort bekam sie indes nicht. Dafür überraschtes Heben der Augenbraue, als das Augenpaar der Unbekannten auf die Schlüsselnummer fiel.

»Oh, eine Hunderter-Nummer«, entfuhr es ihr.

Kaum hatte die Dame in Hermès den Schlüssel in Händen, machte sie unvermittelt kehrt.

»Folgen Sie mir.« Sie führte Emma in einen fensterlosen, engen Besprechungsraum. »Bedienen Sie sich!« Sie zeigte auf Tee, Kaffee, das Gebäck und verschwand.

Die knapp drei Stunden in der Bahn von Stuttgart an den Zürichsee hatte sich Emma mit einem Buch abgelenkt. Einem dicken Buch. ‚Silo‘ von Hugh Howey. Fünfhundertsechzig Seiten. Und das war nur der erste Teil von dreien. Eine Dystopie, die gerade recht zu ihrer Stimmung passte. Drei Tage war es jetzt her, dass sie mit diesem ominösen Schlüssel vor Marcs Wohnung gestanden hatte, deren Schloss sie ihn anfangs zugeordnet hatte. Drei Tage war es jetzt her, dass sie verschwitzt und abgekämpft in Marcs Wohnung gestürzt war und alles um sie herum ignoriert hatte. Das aufwendige Abendessen, das ihr Freund gezaubert hatte, die romantische Beleuchtung und im Hintergrund Ben Webster, der dem Saxophon seine unwiderstehliche ‚Rosita‘ entlockte. Für sie hatte es nur den Schlüssel gegeben. Die Story, das Geheimnis. Dreimal hatte Marc versucht, eine mögliche gemeinsame Zukunft anzusprechen, dreimal hatte Emma seine Vorstöße ignoriert. Dieser läppische Schlüssel mit dem kryptischen Zettel war ihr gerade recht gekommen. Die perfekte Gelegenheit, dieses unliebsame Thema zu umgehen. Bei Gott, sie war Anfang dreißig, nach dem zeit- und kräftezehrenden Jurastudium eben erst dabei, beruflich halbwegs Fuß zu fassen. Seit der Story über das vermeintliche Brandt-Attentat war sie gefragter denn je. Ihre mittelfristige Lebensplanung berücksichtigte einiges, keinesfalls jedoch die Themen Beziehung, Wohngemeinschaft oder gar die Midlifecrisis eines Mittvierzigers.

Als sie Marc offenbart hatte, den freien Freitag für den Kurztrip nach Zürich zu nutzen, war der sonst beherrschte und eher kühle LKA-Beamte ausgetickt. Schon ewig hatten sie dieses Wochenende geplant. Romantisch nach Starnberg sollte es gehen, ein wenig Rodeln, sich näherkommen. Jetzt waren sie weiter voneinander entfernt denn je. Emma wollte sich ohrfeigen. Zumindest die Hälfte von ihr. Die kleine Hälfte, wenn sie ehrlich war. Die größere hatte die Entscheidung getroffen, den einzigen freien Wochentag für die kommenden beiden Monate dieser Reise in die Schweiz zu opfern. Nicht einmal ihr Redaktionsleiter beim ContraPunkt hatte auch nur im Ansatz in Erwägung gezogen, sie wegen eines Schlüssels und eines Fetzen Papiers freizustellen oder ihr gar die Zugfahrt als Spesen abzurechnen.

»Frau Berg?« Eine kräftige männliche Stimme mit einem deutlichen Schweizer Akzent holte Emma aus ihrem gedanklichen Emotionsmoloch.

Das runde Gesicht, in das sie sah, belustigte sie. Hätte Emma Berg noch gewusst, wer Hans Moser gewesen war, hätte sie hier die Reinkarnation gesehen. Keine ein Meter sechzig groß, die Stirn hoch, die wenigen grauen Haare eitel nach hinten frisiert.

»Ja, ich bin Emma Berg, und Sie sind?« Nach dem unterkühlten Empfang durch die Dame ohne Namen sah Emma zunächst keinen Anlass für besondere Höflichkeiten. »Bringen Sie mir meinen Schlüssel zurück? Und kann ich endlich an das Schließfach?«

»Sicher, Frau Berg«, der kleine Mann mit dem dezenten Schwyzerdütsch auf den Lippen buckelte förmlich vor Emma. Die hatte mittlerweile angesichts der Wärme in dem Raum ihren schweren Mantel ausgezogen und stand, die Hände in die Hüften gestemmt, leicht provozierend vor dem Banker. Schwarze Jeans, schwarzes Kapuzenshirt, schwarze Stiefel.

»Von Eberlein mein Name, Günther von Eberlein, Vorsitzender des Verwaltungsrates unserer kleinen Bank. Ich möchte mich für den unterkühlten Empfang entschuldigen. Aber wir sind sehr radibuz bei neue Leut.« Von Eberlein sah in ein verständnisloses Gesicht. »Sehr gründlich bei der Recherche. So wie Sie.«

Der kleine Mann grinste schelmisch. »A pelzig Vita für Äine-

Dryssg.«

»Sie haben mich durchleuchtet?« Emma empfand mehr Stolz als Entrüstung.

»Aber sicher«, mit ernstem Gesicht und feinstem Hochdeutsch fuhr der Bankchef fort. »Sie besitzen den Schlüssel zu einem unserer Schließfächer mit der höchsten Sicherheitsstufe«, von Eberlein forderte Emma auf, ihm zu folgen, »Sie müssen wissen, wir sind keine klassische Bank mit Schalterhalle und Bausparverträgen. Wir sind mehr Bewahrer von bedeutenden Werten. Und die Hunderter-Nummern sind ausschließlich staatstragenden Werten vorbehalten. Im besten Wortsinn.«

Emma wollte nachhaken, von Eberlein ließ jedoch keinen Zweifel aufkommen, dass er wenig Interesse daran hatte, mehr über das Geschäftsmodell seines Hauses zu erzählen.

»Sie haben Ihren Code? Herr Keller und Herr Gerber werden Sie nach unten zu den Schließfächern begleiten.« Zwei Men in Black verharrten regungslos neben der Fahrstuhltür, auf die das ungleiche Duo zulief.

»Ach ja«, von Eberlein stoppte abrupt und sah Emma von unten tief in die Augen, »wenn Sie den Code dreimal falsch eingeben, wird der Raum automatisch hermetisch abgeriegelt und die Kantonspolizei informiert!«

Emma zuckte erschrocken zusammen. Wenn man sie hier aufs Glatteis führen wollte, wäre das die perfekte Gelegenheit dazu. Neider und Feinde hatte sie trotz ihres jungen Alters schon genug. Sie dachte angestrengt nach. Bemerkte nicht, wie sich das Gesicht ihres Gegenübers belustigt verzog.

»Ischt immer wieder sauglatt«, der Banker musste sich beherrschen, um nicht laut herauszulachen, »war nur ein Spaß. Nach dem dritten Mal wird nur der Zugang gesperrt und der Inhaber des Schließfachs informiert. Und nein, ich darf Ihnen nicht verraten, wer das ist!« Es war nicht schwer, diesen Wunsch von Emmas Augen abzulesen.

Die Fahrt mit dem Aufzug, dessen Ursprünge im frühen 20. Jahrhundert liegen mussten, schien endlos, und er ächzte besorgniserregend. Ihre beiden Aufpasser ließen das Ruckeln der Kabine und das rasselnde Geräusch, das aus dem Schacht hereindrang, völlig kalt. Ein wenig fühlte sich Emma wie bei Harry Potter im Gewölbe von Gringotts auf dem Weg zu Verlies 102.

Mit dem geräuschvollen Quietschen wie dem eines einfahrenden Zuges endete die Fahrt. Emma trat als erste in das Foyer aus weißem Marmor, bemüht, den Rucksack nicht über den edlen Boden schleifen zu lassen. Die Noblesse dieses hell erleuchteten, unterirdischen Atriums imponierte Emma.

»Wenn ich Sie bitten dürfte.« Einer der beiden Bodyguards konnte sprechen. Ob es Herr Keller oder Herr Gerber war, blieb im Dunkel. Sie folgte der Richtung der ausgestreckten Hand und steuerte auf einen schwarzen Samtvorhang zu.

»Die Tür hinter dem Vorhang können Sie von innen verschließen. Geben Sie auf dem Panel den Code ein, die Kiste mit ihrem Schließfach fährt dann vor.« Mit diesen Worten überreichte Keller oder Gerber Emma den Schlüssel. »Wir warten, bis Sie fertig sind.«

Die Akte

Obwohl der Raum hinter dem Vorhang alles andere als klein war, zwanzig Quadratmeter mochten es sein, hatte er etwas Erdrückendes. Mit dunklem Holz vertäfelte Wände, der Boden ausgelegt mit einem auberginefarbenen Veloursteppichboden, gedämpftes Licht. Auf der linken Seite ein schlichter Schreibtisch aus Nussbaum, rechts eine Garderobe und am Kopfende eine Einbuchtung, die an die Ofenöffnung in einem Krematorium erinnerte. Daneben in der Wand eingelassen eine Computertastatur mit Edelstahltasten. Mit zittrigen Fingern tippte Emma den alphanumerischen Code ein:

3876 7839 5201 TE2

Nichts. Eine gefühlte Ewigkeit stand sie vor der dunklen Öffnung. Hatte sie einen Fehler gemacht? War das alles doch nur ein schlechter Scherz? Ihre Hände wurden schwitzig. Sie vergrub sie in den Taschen ihrer Jeans und erfühlte den Schließfachschlüssel. Der war echt. Also konnte das kein Fake sein. Emma haderte mit sich. Trippelte von einem Fuß auf den anderen. Die Stille war ohrenbetäubend. Sie hörte das Blut an ihren Ohren vorbeirauschen.

Das plötzliche leise Surren aus der dunklen Öffnung ließ sie zusammenzucken. In der Nische wurde es hell, als sich lautlos, wie auf einem Kassenband, ein schwarzer Kasten in der Größe eines Einkaufskorbs in ihr Sichtfeld schob. So aufgeregt wie jetzt war Emma lange nicht gewesen. Ihr Kopf schien zu glühen, als sie das Behältnis fast andächtig aus der Nische hob, um es auf den Schreibtisch zu stellen. Sie taxierte das Gewicht, schätzte es auf zweieinhalb, vielleicht drei Kilo. Sie war sogar versucht, den Behälter zu schütteln, wie ein Weihnachtsgeschenk.

Der Schlüssel passte. Ein leises Klicken, und der Deckel der Kiste ließ sich aufklappen. Der Inhalt nüchtern. Emma hatte zwar keinerlei Erwartungen gehabt, war aber dennoch enttäuscht. Ihr Blick fiel auf einen schlichten Aktenhefter. Gelb, kein Aufdruck, nur ein handschriftlicher Vermerk.

Turtle-Trail

Eine Spur belustigt, mit jenen genmutierten Riesenschildkröten aus dem Kino vor dem geistigen Auge, hob Emma die Akte aus dem Behälter. Das Schmunzeln wich binnen Sekunden. Die Augen auf den ersten Zeilen der Papiere vor sich, tastete sie nach dem Stuhl. In Zeitlupe ließ sie sich nieder. Das Dossier, sie schätzte den Umfang grob auf fünfzig bis sechzig Seiten, bestand vor allem aus einer Sammlung von Vereinbarungen, Briefen und E-Mails – vielfach mit dem Briefkopf des Bundesverteidigungsministeriums. Obenauf ein in Teilen geschwärzter Kontrakt der Regierungen Deutschlands und Indonesiens über die Lieferung von gebrauchten Kampf- und Schützenpanzern.

Emma hatte darüber schon gelesen. In ihren Augen ein Skandal. Seit den neunziger Jahren, so war es ihr noch im Gedächtnis, besserte das Verteidigungsministerium seine Kasse immer wieder durch den Verkauf von ausgemustertem Kriegsgerät ins Ausland auf. Am Anfang waren die alten Leopard- und Marder-Modelle noch nach Skandinavien oder Polen gegangen, seit den zweitausendzehner Jahren orderten auch Länder wie Katar, Chile und Singapur die Secondhand-Schnäppchenware. Alles gedeckt durch deutsches und europäisches Recht und daher kein Skandal, der Emma auf den ersten Blick ansprang. Sie blätterte weiter. In den Dokumenten tauchte immer ein Name auf: Dr. Richard Eisleben, Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Neben offiziellen Schreiben, die seinen Namen nebst Unterschrift trugen, fand sich auch der Ausdruck einer offenbar privaten Mail von Eisleben an einen gewissen Didinga Khalid. Auf Englisch verfasst, enthielt die Mail ein Angebot über vierzig historische ‚typewriter‘ und zwanzig ‚sewing machines‘, also Schreib- und Nähmaschinen. Die Empfängeradresse endete auf die Top-Level-Domain .sd. Emma kramte ihr Handy aus dem Rucksack. Welches Land verwendete diese Endung? Unwillkürlich setzte ihr Kopf die ganze journalistische Maschinerie in Gang. Und wurde umgehend gebremst. Emma hatte keine Ahnung, wie viele Stockwerke sie mit dem klapprigen Aufzug in die Tiefe gefahren waren. Aber für das Smartphone waren es auf jeden Fall zu viele.

Sie musste hier raus. Der Wärme wegen. Ihr Kapuzenshirt war längst durchgeschwitzt. Und der Atmosphäre wegen. Sie bekam zunehmend Beklemmungen, und sie benötigte Informationen, die sie hier nicht bekommen würde.

Sie stopfte den Aktenhefter in den Rucksack, verschloss die Kiste und stellte sie wieder auf das Kassenband. Surrend zog eine unsichtbare Kraft den Behälter dahin zurück, woher er gekommen war.

Sie stürzte hinaus in den hellen Marmorflur. Keller und Gerber - in ihrem Kurzzeitgedächtnis hatte Emma sie als Starsky und Hutch abgespeichert – standen immer noch regungslos herum. Die Hände hinter dem Rücken, wartend. Erst jetzt bemerkte die junge Journalistin die Wölbungen in den ansonsten perfekt sitzenden schwarzen Sakkos. Schulterholster. Starsky war offenbar Linkshänder, der Griff seiner Waffe drückte sich deutlich zwischen Brust- und Achselhöhle heraus.

»Sind Sie fertig?« In gemäßigtem Schwyzerdütsch meldete sich Hutch zu Wort.

»Ja, bin ich. Muss ich noch irgendetwas unterschreiben?« Emma Berg sah in ratlose Gesichter.

Dann ein Kopfschütteln. »Sie können einfach gehen«!

Das seltsame Bankhaus hatte sie genauso unterkühlt ausgespuckt wie es sie eingesaugt hatte. Die Namenlose begleitete Emma zur Tür mit dem Hinweis, von Eberlein sei im Kundengespräch und könne sie nicht verabschieden. Krampfhaft lächelnd rang sich die Assistentin noch ein ‚Grüezi woll‘ ab, bevor sie die Tür unsanft ins Schloss warf. So mussten sich Raucher nach einem langen Flug fühlen. Die kalte, frische Luft, die durch die Bahnhofstraße strömte, löste in Emma das dringende Bedürfnis nach einer Droge aus.

Kaffee! Groß und stark und dazu irgendetwas mit viel Zucker. Noch bevor sie am Tisch des kleinen Cafés richtig Platz genommen hatte, hackte Emma schon auf dem Handy herum. Die zwei verpassten Anrufe von Marc überging sie. Nach wenigen Sekunden hatte sie die Information, die sie wollte. Die Endung ‚.sd‘ verwendeten Domains und Mailadressen im Sudan. Dazu passte auch der Name Khalid ausgezeichnet. Aber was bitteschön sollte Didinga Khalid im Sudan mit Schreib- und Nähmaschinen? Zum zweiten Mal an diesem Vormittag huschte Emma Berg ein Lächeln über die Lippen, während sie den in eine Glaskugel gepressten Uetliberg mit einer lässigen Handbewegung immer wieder mit einer Plastikschneedecke überzog. Der verkitschte Andenkenladen hatte sie gegen jede Vernunft magisch angezogen. Von wegen Schreibmaschinen. Genüsslich nahm sie einen Schluck des vortrefflichen Schümlis. Hier geht es um Waffenhandel. Illegalen Waffenhandel!

Das Telefonat

»Was heißt das, du kannst mir nicht helfen?« Wütend lief Emma die schmale Küche auf und ab, das Handy am Ohr, eine Flasche Bier in der Hand. »Gib‘s doch zu! Du willst einfach nicht.« Der ausgetretene Dielenboden ächzte unter ihren festen Tritten. »Was heißt illegal? Als ob alles, was ihr bei der Polizei abzieht, immer hasenrein wäre!« Sie nahm einen tiefen Schluck. Natürlich wollte sie Marc provozieren. Und dass er stoisch ruhig blieb, brachte sie nur noch mehr in Rage.

Es war ihr vollkommen klar, er mauerte, weil sie gemauert hatte. Dabei verlangte sie doch gar nichts Besonderes. Nur Hilfe bei einer Adresssuche. Die Google-Recherche und selbst eine kostenpflichtige Personensuche nach dem aktuellen Wohnort von Dr. Richard Eisleben hatte keinen Erfolg gebracht. Die Spur nach dem heute Siebenundsechzigjährigen verlor sich dort, wo Emma sie aufgenommen hatte - in Berlin. Noch auf der Heimfahrt von Zürich nach Stuttgart hatte sie sich die wichtigsten Informationen online besorgt. Demnach war Eisleben, von Hause aus Jurist, sechs Jahre lang Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium gewesen, bevor er sich zweitausendsechzehn vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet hatte. Angeblich, um seine krebskranke Frau zu pflegen. So war es einem Zeitungsbericht der Mannheimer Rundschau zu entnehmen, der dem bekannten Politiker in seiner Heimatstadt ausgiebig gehuldigt hatte. In dem Bericht wurde Eisleben als geselliger Vereinsmensch, als ehrliche Haut und zuverlässiger Freund beschrieben.

Tatsächlich fand Emma haufenweise Material im Internet, das die Eislebens als lebensfrohe und öffentliche Menschen zeigte. Er - passionierter Jäger und Sänger, sie - engagierte Kunstliebhaberin mit Vorstandsposten beim Kunstverein. Bis zum Sommer zweitausendsechzehn. Genau zu der Zeit endete auch der Mailverkehr in dem Dossier. Zumindest in dem Teil der Unterlagen, den Emma bereits gesichtet hatte. Nach diesem Zeitpunkt schienen die Eislebens nicht mehr zu existieren. Das Privathaus auf dem Mannheimer Almenhof war offenbar verkauft, die Telefonnummer abgemeldet. In Eislebens Berliner Wohnung wohnte laut Onlineadressverzeichnis jetzt ein junges Ärzteehepaar. Alles sah danach aus, als habe der ehemalige Staatssekretär versucht, seine Spuren zu verwischen. Klar, es wäre natürlich denkbar gewesen, dass sich das kinderlose Paar tatsächlich wegen einer schweren Erkrankung zurückgezogen hatte. Da hatte Marc sicher Recht. Aber Emmas Bauch sagte ihr da etwas ganz anderes.

Egal, irgendwie musste sie Kontakt mit Eisleben aufnehmen. Sie musste wissen, was es mit diesen hundert Schreib- und Nähmaschinen auf sich hatte. Waren die Mails überhaupt echt?

Marc hatte als Beamter des Landeskriminalamtes auf jeden Fall Zugang zu Quellen, die ihr verschlossen waren. Finanzamt, Zulassungsstelle, Pensionskasse ... Irgendwo musste die aktuelle Adresse hinterlegt sein. Und er war schon deutlich offener gewesen, wenn es darum ging, seiner Freundin den ein oder anderen nicht ganz legalen Stein in den Garten zu werfen.

Emma erschrak. Hatte Marc aufgehört, sie als seine Freundin zu betrachten? Die augenblicklich peinliche Stille am Telefon könnte ein Hinweis darauf gewesen sein.

»Marc?« Zaghaft, fast ein bisschen ängstlich versuchte Emma sich zu versichern, dass ihr Lebensgefährte noch in der Leitung war.

»Ich sehe zu, was ich tun kann. Dauert aber etwas. Ciao!«

Emma hasste es, wenn Marc ein Telefonat beendete. Sie hatte ihn angerufen, also lag es auch an ihr zu sagen, wann Schluss war. Wenigstens hatte er seinen Abschiedsgruß nicht vergessen. Dieses warme ‚Ciao‘, das ihr immer aufs Neue das Gefühl vermittelte, alles sei wieder gut.

War es das? Es war Freitagabend, und sie war alleine zu Hause. Nicht dort, wo sie sein sollte. Bei ihm oder wenigstens mit ihm. Etwas essen gehen, ins Kino oder einfach bei ihr auf dem Sofa lümmeln und irgendeine Schnulze bei Netflix ansehen.

Wäre sie doch nur nicht so verflucht stur. Dann würde sie jetzt mit Marc in dieser romantischen Pension in Starnberg mit einem Glühwein am Kaminfeuer kuscheln.

---ENDE DER LESEPROBE---