Anna verschwindet: Kriminalroman - Horst Bieber - E-Book

Anna verschwindet: Kriminalroman E-Book

Horst Bieber

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Kriminalroman von Horst Bieber Der Umfang dieses Buchs entspricht 273 Taschenbuchseiten. Die 16jährige Anna Laysen ist verschwunden. Die Mutter ist verzweifelt, sagt aber nichts. Der angebliche Vater kann nichts mehr sagen, denn er ist tot. Die Nachbarn lügen, dass sich die Balken biegen. "Großer Meister, hast du Zeit für einen kleinen Auftrag?", fragte Kramer. "Kommt darauf an." "Ich interessiere mich für einen Eberhard Nachtwächter. Er hat vor rund siebzehn Jahren ein Werlebacher Nachbarskind namens Irene Laysen geschwängert, ist aber noch vor der Geburt der Tochter Anna mit seinem Motorrad tödlich verunglückt." "Und wo fand dieses Todesdrama statt?" "Wahrscheinlich hier in Terborn." "Eilt es sehr?" "Nein, er ist tot und die Tochter wird seit Ende Mai vermisst." "Ach, diese Anna?!" Der Ahnenforscher kicherte. Wo ist Anna Laysen? Seit Mai ist die Sechzehnjährige verschwunden, im September wird ihr Fahrrad in einem Baggersee gefunden. Privatdetektiv Rolf Kramer bekommt den Auftrag, nach Anna beziehungsweise im schlimmsten Fall nach ihrer Leiche zu suchen. Er hört sich in dem Dorf um, in dem das Mädchen gelebt hat, und sticht in ein Wespennest.

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EPUB



Horst Bieber

Anna verschwindet: Kriminalroman

Cassiopeiapress Spannung/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Anna verschwindet

Kriminalroman von Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 273 Taschenbuchseiten.

 

Die 16jährige Anna Laysen ist verschwunden. Die Mutter ist verzweifelt, sagt aber nichts. Der angebliche Vater kann nichts mehr sagen, denn er ist tot. Die Nachbarn lügen, dass sich die Balken biegen.

»Großer Meister, hast du Zeit für einen kleinen Auftrag?«, fragte Kramer.

»Kommt darauf an.«

»Ich interessiere mich für einen Eberhard Nachtwächter. Er hat vor rund siebzehn Jahren ein Werlebacher Nachbarskind namens Irene Laysen geschwängert, ist aber noch vor der Geburt der Tochter Anna mit seinem Motorrad tödlich verunglückt.«

»Und wo fand dieses Todesdrama statt?«

»Wahrscheinlich hier in Terborn.«

»Eilt es sehr?«

»Nein, er ist tot und die Tochter wird seit Ende Mai vermisst.«

»Ach, diese Anna?!« Der Ahnenforscher kicherte.

 

Wo ist Anna Laysen? Seit Mai ist die Sechzehnjährige verschwunden, im September wird ihr Fahrrad in einem Baggersee gefunden. Privatdetektiv Rolf Kramer bekommt den Auftrag, nach Anna beziehungsweise im schlimmsten Fall nach ihrer Leiche zu suchen. Er hört sich in dem Dorf um, in dem das Mädchen gelebt hat, und sticht in ein Wespennest.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Horst Bieber und Edition Bärenklau, 2015

1.

Rolf Kramer verabscheute alle Versicherungspaläste. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn die Versicherungen das Geld.in Prämiensenkungen stecken würden, statt sich solche Denkmäler und Schlösser zu bauen und ihre Vorstände zu großzügig zu besolden. Die Direktion des Allgemeinen Versicherungsvereins (A VV) nahm er von dieser Kritik allerdings in zwei Punkten aus. Der A W Palast mit seinen geschwungenen Seitenflügeln lag für ihn recht günstig, an der lauten sechsspurigen Kronenburger Allee, und hielt den Verkehrslärm von der Rückseite des Hauses in der Haffstraße fern, in dem Kramer eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung im ersten Stock gemietet hatte. Das Fenster seines Schlafzimmers ging auf den kleinen rückwärtigen Parkplatz des A WBaus, der den höheren Tieren Vorbehalten war. Die kamen spät und gingen früh, sodass Kramer, seit Schülerzeiten ein Frischluftfanatiker, mitten in der Stadt bei offenem Fenster schlafen konnte. Rund um den Parkplatz hatte ein schönheitsdurstiger Gärtner sogar reichlich Kirschlorbeer angepflanzt und Kramer konnte sich so bei einem Blick aus dem Fenster der Illusion einer kleinen grünen Insel im innerstädtischen Häusermeer hingeben. Was freilich, wie er fand, teuer bezahlt war. Dieser Gedanke bedrückte und erregte ihn an jedem Zehnten des Monats, wenn die Kontoauszüge mit den Überweisungen für seine diversen Versicherungen eintrafen. Es gab nur eine Tatsache, die Kramer beim Gedanken an die Prämien friedlicher stimmte, und die hieß Victor Seyboldt, Leiter der Abteilung „Ungeklärte Schadensfälle“, was sich auf den Köpfen der Briefbögen besser ausnahm als die ehrliche Bezeichnung Versicherungsbetrug«. Mit Seyboldt verstand sich Kramer recht gut. Beide waren sie Profis und sahen nicht ein, warum jemand ohne Berechtigung und vorausgegangene Leistung kassieren sollte. Seyboldt verbreitete stets den Eindruck, als müsse er solche Summen von seinem privaten Girokonto bezahlen, und Kramer erinnerte sich in solchen Momenten an die Bankabrechnungen vom Zehnten eines jeden Monats.

Seyboldt hatte am gestrigen Montag angerufen, Minuten bevor Kramer nach einem ereignislosen Tag sein Büro verlassen wollte.

»Hallo, Rolf, Victor hier. Ich würde mich freuen, wenn Sie morgen Vormittag einmal bei mir hereinschauen könnten. Aber bitte lesen Sie vorher im Tageblatt über die neueste Entwicklung im Fall Anna Laysen.«

Das hatte Kramer heute beim Frühstück getan. Anna Laysen, sechzehn Jahre jung, war am Samstag, dem 29. Mai, spurlos verschwunden. Die letzten Zeugen hatten sie um 12.30 Uhr herum gesehen, als sie mit ihrem Fahrrad von der Lantener Drahtseilfähre herunterfuhr und in den Krimser Forst einbog, um nach Fleissheim zu radeln. Dort sollte sie eine Schulfreundin abholen; die beiden Mädchen wollten zu einem Thermalbad fahren. Doch bei der Freundin war sie nie eingetroffen. Der Fährmann der Lantener Fähre, der Anna seit Jahren kannte, und zwei über jeden Verdacht erhabene Zeugen zwei Geistliche, mit denen sich Anna während des Übersetzens unterhalten hatte waren die letzten Menschen, die Anna lebend gesehen hatten. Am Mittag des 29. Mai. Und nun hatte am vergangenen Freitag ein Nassbagger aus einem Badeteich bei Schalkenberg, rund achtzig Kilometer Luftlinie entfernt, ein durch den Baggergreifer schwer deformiertes Fahrrad herausgefischt, das die Kriminaltechnik in einer Sonderschicht am Samstag zweifelsfrei als Anna Laysens Rad identifiziert hatte. Von Freitagmittag bis Sonntagabend hatten Taucher den Teich abgesucht, aber keine Leiche gefunden. Am gestrigen Montag hatte die Terborner Kripo auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass die >Sonderkommission Anna< aufgelöst und der Fall dem Dezernat 111 übertragen worden sei. Was wohl im Klartext hieß, dass Kripo und Staatsanwaltschaft jetzt von einem gezielten Tötungsdelikt ausgingen. Nicht von einem Unfall, auch nicht von einem „spontanen“ Sexualverbrechen mit anschließender „Kurzschlusshandlung“ des Täters, weder von einer Entführung noch von einem Verkehrsunfall.

Wie fast alle Terborner hatte Kramer die Geschehnisse in den Zeitungen aufmerksam verfolgt. Manchmal passierte es, dass die Zeitungen, der Rundfunk und das Fernsehen sich an einem Fall geradezu festbissen, sei es, weil er spektakulär war, sei es, weil das Opfer besonders prominent war, sei es, weil es wie im Falle Anna Laysens um ein ungewöhnlich attraktives, harmloses und unschuldiges Mädchen ging. Noch jetzt, Anfang September, war fast jede Woche in einer der drei Terborner Zeitungen eine Meldung oder ein kleiner Artikel erschienen, und das Morgenecho, das sich durch knallige Bilder und riesengroße Überschriften auszeichnete, hatte die Geduld seiner Leser und die Fantasie seiner Redakteure besonders strapaziert.

Victor Seyboldt erwartete Kramer schon. Im“W“ hieß Seyboldt allgemein nur „der Graue“, weil Grau seine Lieblingsfarbe war: stets trug er graue Anzüge, graue Hemden, graue Krawatten die schwarzen Schuhe nahmen sich an ihm richtig farbig aus. Der Teppichboden in Seyboldts Zimmer war so grau wie seine Stahlrohrmöbel, die Sesselbezüge und die Aktendeckel, seine Gesichtsfarbe ähnelte gefährlich dem Grau seiner Anzüge, nebenbei auch dem seiner Augen und Haare. Frisch und gesund sah er nie aus, weil er zu wenig an die Sonne kam. Kramer kannte keinen anderen vergleichbar intelligenten Menschen, der so dumm, so geistig unterbelichtet und so schwachsinnig-blöd in die Gegend schauen konnte wie Victor Seyboldt, und es gab immer wieder Dumme, die sich zu ihrem Nachteil davon täuschen ließen und sich hinterher ob ihres Leichtsinns die Haare rauften. Aber wenn Seyboldt seine Lippen vorstülpte und jeden Moment wegen intellektueller Überforderung zu sabbern drohte, musste man sich schon gewaltig zusammenreißen.

Zum Glück gab es neben den Schuhen noch zwei Farbkleckse in Seyboldts Umgebung. Der eine war der Kaffee, den er anbot, schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle und stark wie die Erbsünde. Der andere atemberaubende und ebenfalls pulsbeschleunigende Klecks hieß Sabrina und belegte Seybolds Vorzimmer. Sabrina liebte enge und schreiend bunte Kleider, die sie sich figürlich leisten konnte, und hatte Kramer einmal verraten, wie sie an die ungewöhnlichen Stoffe kam. Sie nähte gut und gern, in erster Linie weiße Sachen. Außerdem kaufte sie in der Künstlerkolonie Schwarzer Berg die alten Farbpaletten der Maler auf, legte sie auf dem Fußboden nebeneinander und wälzte sich in dem neu gefertigten engen weißen Kleid über die Ölfarbenreste. Sabrina hatte das so ernsthaft vorgetragen, dass Kramer sie lange unschlüssig musterte. Erstens war es ihr zuzutrauen Sabrina war engagiert, zuverlässig und immer gut gelaunt, aber auch eine Spur verrückt, sonst hätte sie es mit Seyboldt nicht aus gehalten und zweitens sahen ihre Kleider auch ganz so aus. Sabrina bot ihm an: Wenn er sie zu einem guten Essen einlud, würde sie ihm die Entstehung eines solchen Kleides in praxi vorführen. Sie müssten hinterher nur etwas warten, damit Farbe und Stoff trocknen könnten. Damit hatte sie überzogen, Kramer nahm das Angebot an, aber jetzt hatte Sabrina nie Zeit oder Schnupfen oder schon eine andere Einladung. Seyboldt hörte bei offener Tür zu und amüsierte sich. Inzwischen wusste Kramer, dass Sabrina glücklich verheiratet war. Seyboldt war Trauzeuge gewesen. Er und der Ehemann gingen gelegentlich gemeinsam auf die Jagd.

Heute dominierten Gelb und Schwarz und Kramer hielt Sabrina einen kleinen Vortrag über Mimikry im Tierreich. Es gebe harmlose Fliegen und Käfer, die sich gegen ihre Feinde als Wespen tarnten.

Sabrina lächelte melancholisch: »Ich habe keine Fressfeinde, Rolf. Und die Formel „Ich hab dich zum Fressen gern“ zielt ja meistens auf das Gegenteil.« Sie schaute an sich herunter. Dass sie ein Kind erwartete, hatte sie Kramer schon vorWochen erzählt. Nun rundete sich ein zartes Bäuchlein.

Der graue Victor sah eine düstere Zukunft vor sich. »Mutterschaftsurlaub, Rolf. Und vorher will sie ihren gesamten Resturlaub nehmen. Was wird nur aus mir? Kaffee?«

»Gerne. Wie auch immer es steht Ihnen gut, Sabrina. Auch der leichte grüne Ton auf Ihren wundervollen kastanienbraunen Haaren.«

»Danke für das Kompliment.«

Seyboldt grinste. »Sie ist heute besonders gut gelaunt keine Chance, Rolf.«

»Guten Tag, lieber Victor. So viel Zeit sollte sein.«

»Herzlich willkommen. Wie sieht es mit Ihren Aufträgen aus?«

»Wenn Sie wissen wollen, ob ich einen annehmen kann respektive möchte, lautet die Antwort: Jederzeit und freudigen Herzens.«

»Sie haben das Neueste über Anna Laysen gelesen?«

»Habe ich.«

»Das heißt ja wohl, sie lebt nicht mehr.«

»Anzunehmen.«

»Damit kommt der AV-Vins ins Spiel.«

»Ach nee.«

»Eine Lebensversicherung von Mutter Irene über zweihunderttausend Euro. Begünstigte: Tochter Anna. Und eine Lebensversicherung von Tochter Anna über fünfzigtausend Euro. Begünstigte: Mutter Irene.«

»Donnerwetter.«

»Stimmt. Und in meinem Hinterkopf schrillen alle Alarmsirenen. Was zum Teufel ist mit Anna Laysen passiert?«

»Das herauszufinden ist jetzt Aufgabe der Hauptkommissarin Caroline Heynen.«

»Na klar. Aber wir beide sind doch keine grünen Anfänger mehr. Das Mädchen ist am 29. Mai verschwunden und jetzt haben wir die zweite Septemberwoche. Da sind doch alle Spuren längst erkaltet, vom Winde verweht und aus dem Gedächtnis getilgt. Und: Caro kann ihren Kollegen Grembowski nicht in die Pfanne hauen.«

Hauptkommissar Kurt Grembowski hatte die anfangs dreißigköpfige Sonderkommission geleitet, die schon am 30. Mai eingerichtet worden war und wochenlang vergeblich nach einer Spur oder einem Hinweis auf Annas Verbleib gesucht hatte. Grembowski, im Präsidium Grem oder auch Grem der Grobe genannt, hatte den Misserfolg nur schwer verkraftet.

Obwohl Kramer den Fall bisher nur in den Zeitungen verfolgt hatte, war er auch über Grems Einseitigkeit gestolpert: Taucher hatten den Fluss abgesucht, Hunde hatten auf allen Parkplätzen in der Nähe des Flusses und im Krimser Forst, an den Wirtschaftswegen von Rollesheim bis Fleissheim nach Spuren geschnüffelt. Sie hatten hunderte von Werkstätten kontrolliert oder sogar überwacht, ob ein Auto nach einem Zusammenstoß mit einem gelben Fahrrad neu lackiert und aus gebessert worden war. Grems Mannschaft hatte alle Männer, die wegen sexueller Straftaten aufgefallen waren, durch die Mangel gedreht. Sie hatten die Bundeswehr um Hilfe gebeten und von Flugzeugen mit Wärmebildkameras die Wiesen und Felder nach einem frischen Grab absuchen lassen. Aber offenbar war nie gründlich recherchiert worden, ob ein Bekannter oder Nachbar ein Motiv hatte, Anna zu töten.

»Sehen Sie!«, grollte Seybold. »Und dann noch dieser schnöselige Georg. Kennen Sie ihn näher?«

Hauptkommissar Georg Zachmann leitete seit einigen Monaten die Pressestelle des Terborner Polizeipräsidiums. Kramer kannte ihn nur flüchtig, aber sein Freund Holger Weissbart, Gerichtsreporter des Tageblatts, bezeichnete Zachmann immer nur als den »Mann mit dem Weichspüler«. Zachmann hatte, wie Seyboldt jetzt wütete, die verschwundene Anna immer nur als Opfer dargestellt, süß, jung, unschuldig, schön, brav, eben engelsgleich. Die Idee, Anna könne auf die eine oder andere Art an ihrem Verschwinden beteiligt oder mitschuldig sein, ob absichtlich oder fahrlässig durch Leichtsinn, lag für Zachmann Lichtjahre entfernt. Und deswegen waren wohl nie entsprechende Hinweise aus der Bevölkerung oder Annas direkter Umgebung eingegangen und würden auch jetzt nicht mehr eingehen. Wer wollte schon gerne am Bild einer populären Ikone kratzen?!

»Ich will wissen, was passiert ist, bevor wir auch nur zehn Euro aus zahlen.«

»Verehrter Victor, erlauben Sie mir eine letzte Frage: Sie beschäftigen eine ganze Abteilung erfahrener Rechercheure, einige sind ausgesprochen clever und entsprechend teuer. Deren Gehalt läuft weiter, während der A VV mir ein Honorar plus Spesen zahlen muss. Wie passt das mit Ihrer sprichwörtlichen Sparsamkeit zusammen? Haben Sie wieder einmal Angst um den guten Ruf des A W?«

Seyboldt biss die Zähne zusammen. Er gab ungern zu, dass man ihn durchschaut hatte.

»Oder haben Sie diesmal nicht nur einen, sondern gleich mehrere Hintergedanken? In Fällen, bei denen sich herausstellt, dass hinter einer vermissten Person ein geplantes Verbrechen steckt, finden sich die Täter meistens in der unmittelbaren Nachbarschaft. Soll ich durch meine Recherchen ein paar Leute beunruhigen, aufscheuchen, zu einer Dummheit veranlassen?«

»Warum fragen Sie noch, wenn Sie die Antwort schon kennen?«

Kramer wollte etwas Bissiges erwidern, aber eine gewaltige Duftwolke kündigte Sabrinas Erscheinen an. »Ihr Vertrag, Rolf.«

»Sabrina, Sie duften nach allen Blumen des Paradieses. Sagen Sie mir doch bitte, wann ich Ihnen endlich beim Umwälzen auf den Paletten helfen darf.«

»Okay, ich erkundige mich noch heute Abend bei meinem Mann.«

Seyboldts Verträge waren ordentlich, und dass der AVV keinen Wert darauf legte, aller Welt mitzuteilen, dass er in einem Versicherungsfall einen fremden Privatdetektiv beschäftigte, lag auf der Hand.

»Mit wem würden Sie anfangen?«

»Am besten weiß dieser Freund der Mutter Bescheid. Sabrina gibt Ihnen eine Liste mit allen Namen, Anschriften und Telefonnummern. Viel Erfolg, Rolf.«

Kramer lud die Kriminalhauptkommissarin Caroline Heynen zum Mittagessen ein. Erstens waren sie befreundet und zweitens wollte Kramer sich auch in Zukunft auf ihr Wohlwollen verlassen dürfen. Es war noch warm genug, im Freien zu sitzen, und das Restaurant Pagode im Herzogenpark war gut besetzt.

Caro schnaufte vergnügt, als sie ihn begrüßte. »Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.«

»Das kann sich ändern, Caro. Ich fürchte, ich werde dir und deinen Leuten in der nächsten Zeit häufiger über den Weg laufen.«

»Du hast einen Auftrag?«

»Ja.«

»Anna Laysen?«

»Richtig.«

»Von Victor Seyboldt?«

»Stimmt.«

»Das war zu erwarten. Victor hat sich bei mir beschwert.«

»Über Grem?«

»Natürlich.«

»Da laufen zwei beachtliche Lebensversicherungen und Victor will wissen, was passiert ist, bevor er die Zahlungen freigibt.«

»Noch haben wir Annas Leiche nicht.«

»Aber du denkst doch auch, dass sie tot ist?«

»Ja. Grem ist fantasielos, aber gründlich. Eine lebende Anna hätte er gefunden.«

»Ganz meine Meinung. Ich fange heute Nachmittag mit Waldemar Denzel in Rollesheim an.«

»Tu das. Grem hat ihn beim ersten Verhör so eingeschüchtert, dass Denzel nicht mehr mit uns kooperieren will.«

»Wenn ich was erfahre, hörst du es als Erste.«

»Alles klar, Rolf. Was bestellen wir?«

»Die Bratpilze sollen vorzüglich sein.«

Rollesheim lag im Osten, etwa dreißig Kilometer flussauf, am Eingang des Tales, das sich ab hier nach Westen verbreiterte. In den vergangenen Jahren hatte Rollesheim sich zu einem großen und gesichtslosen Ort entwickelt, der von der Nachbarschaft zur Landeshauptstadt Terborn lebte. Dabei kannten viele Terborner von Rollesheim nur die Brücke, die über das Stauwehr mit der Schleuse und dem Laufwasserkraftwerk führte. An beiden Ufern hatten sich kleine Unternehmen und Werkstätten angesiedelt, graue und staubbraune Farben dominierten, erträglich nur durch das Grün der verwilderten Böschungen und dank der Sonne, die aus einem seidig blauen Himmel schien.

Auch die Gebäude der Möbelschreinerei Waldemar Denzel schienen eine Renovierung dringend nötig zu haben und Kramer ärgerte sich über den Berg von Holzresten und Sägemehl, der in einer Hofecke aufgetürmt war. Nicht verwahrlost, aber lieblos, Kramer mochte diese Art von Unordnung nicht, wusste aber genau, dass viele Menschen seine Kritik nicht verstehen würden. Das Werkstatttor stand weit offen, es roch nach frischem Holz, und als Kramer ausstieg, kam ein Mann eilig zu ihm auf den Hof.

»Herr Kramer? Guten Tag, mein Name ist Denzel. Die Hauptkommissarin Heynen hat mich schon angerufen und Ihren Besuch angekündigt. Sie meinte, für einen Privatdetektiv seien Sie recht zuverlässig und vertrauenswürdig.«

»Der Frau drehe ich eines Tages noch den Hals um. Guten Tag, Herr Denzel.«

»Sie hat mir auch von dem Fahrrad ... «

»Ja. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«

»Sicher, wir gehen am besten in meine Wohnung.« Denzel war ein mittelgroßer, etwas schlaksiger Mann, der sich gern zu bewegen schien. Ängstlich wirkte er nicht, eher besorgt.

Die Wohnung lag direkt über der Werkstatt, zwei mäßig große und billig eingerichtete Räume mit Blick auf den aufgestauten Fluss. Offenbar hatte Kramers erstaunter Blick etwas verraten, denn Denzel erklärte bitter: »Teil eins meines Problems.«

»Ich verstehe nicht, was ... «

»Der Betrieb gehört zur Hälfte meiner Frau. Sie will sich nur unter der Bedingung scheiden lassen, dass ich sie auszahle. Aber das wirft der Laden nicht ab und verkaufen könnte ich im Moment nur mit großem Verlust.«

»Deshalb wohnen Sie über der Werkstatt?«

»Ja, klar. Marlene und die Kinder haben das Haus, eine andere Wohnung kann ich mir nicht leisten.« Dann grinste Denzel kurz: »Aber einen Kaffee kann ich Ihnen noch anbieten.«

»Den würde ich gerne annehmen, danke.«

Während Denzel in der Küche herumfuhrwerkte, wartete Kramer geduldig. Er konnte sich gut vorstellen, wie Grem aufgetreten war, und wenn er etwas erreichen wollte, musste er zunächst die Trümmer beiseite räumen, die Grem mit seiner groben Direktheit hinterlassen hatte.

»Nehmen Sie Zucker? Milch?«

»Nein, danke, schwarz.«

»Das ist gut.« Denzel seufzte und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Die Sahne ist nämlich sauer geworden, ich komm noch nicht mal mehr zum Einkäufen.«

»So viel zu tun?«

»Nee, so wenig Personal. Aber was ist nun mit dem Fahrrad?«

»Ich weiß auch nicht viel mehr als das, was in den Zeitungen gestanden hat. Am Freitagvormittag hat es ein Nassbagger aus einem Teich geholt, der als Schwimmbad genutzt wird. Bei Schalkenberg.«

»Aber das ist doch ... «

»Ja, etwa achtzig Kilometer Luftlinie entfernt. Dummerweise hat der Greifer das Rad schwer beschädigt, die Kripo kann also wohl nicht mehr feststellen, ob Anna in einen Unfall verwickelt war, alle möglichen Spuren sind zerstört. Das behalten Sie aber bitte vorerst für sich.«

»Und ... Anna?«

»Nein, der Teich ist von Tauchern gründlich abgesucht worden, keine Spuren einer Leiche.«

»Sie sagen das so Sie glauben also, dass Anna nicht mehr lebt?«

»Ich fürchte, sie ist tot.«

»Ja. Tot.« Denzel wiederholte es wie ein Automat, verstellen konnte er sich nicht.

»Die Experten sind sich einig, dass das Rad wenigstens acht Wochen im Wasser gelegen hat. Mindestens.«

»Dann kann der Täter es also schon am 29. Mai in diesen Teich geworfen haben?«

»Oder die Täterin, Herr Denzel. Eine Autofahrerin, die einen Moment nicht aufpasst, eine Radfahrerin überfährt und in Panik Leiche und Rad beseitigt.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Im Moment glaube ich gar nichts.« Dabei lächelte Kramer entschuldigend. »Ich fange bei null an, ganz bewusst, und schließe nichts aus. Weder einen Unfall noch ein Verbrechen.«

»Würden Sie mir verraten, für wen Sie arbeiten?«

Kramer zögerte, aber an einer ehrlichen Antwort führte wohl kein Weg vorbei. »Für eine Versicherung, die bei Annas Tod zahlen müsste.«

Zum Glück kam Denzel nicht auf die Idee, Kramer zu fragen, warum diese Versicherung einen Privatdetektiv beauftragt hatte. Diese Auskunft hätte Kramer Denzel verweigern müssen.

»Es tut mir leid, Herr Denzel, aber wir fangen wirklich noch einmal von vorne an, und ich bitte Sie um Ihre Hilfe.«

»Ja.« Denzel stöhnte und Kramer schwankte, ob das aus Selbstmitleid oder Ungeduld geschah. »Ja. Also von vorn. Mittlerweile kenn ich das ja schon ... Es beginnt mit meiner Ehe.«

Weil Denzel dabei fast herausfordernd das Kinn vorstreckte, lachte Kramer leise. »Ich habe Zeit und Geduld, Herr Denzel.«

»Beides werden Sie auch brauchen. Wir haben zwei Kinder, Martin, der ist jetzt siebzehn, und Heike, die wird fünfzehn. Unsere Ehe funktioniert schon lange nicht mehr und ohne die Kinder und die finanziellen Probleme mit der Werkstatt na, ist ja auch egal. Vor zwei Jahren habe ich eine andere Frau kennen gelernt, Irene Laysen. Sie hat in Werlebach an der Hauptstraße ein Modegeschäft.«

Werlebach lag auf halber Strecke zwischen der Terborner Stadtgrenze und Rollesheim, ein Dorf, in dem viel gebaut worden war, seitdem die Grundstückspreise in der Stadt schwindelerregende Höhen erreicht hatten. Aber auch in Werlebach und in dem Nachbarort Millsen konnten sich jetzt nur noch Millionäre ein Grundstück leisten.

»Wir haben — wir sind wir haben ein Verhältnis. Irene weiß, dass ich verheiratet bin, und sie kennt die Gründe, warum ich mich nicht scheiden lassen kann. Bis zum bis Anna verschwand, schien sie trotzdem ganz zufrieden zu sein.«

»Anna auch?«

»Doch, ja. Ich mag das Kind und Anna mag mich. Sicher, zu Anfang war sie gar nicht begeistert, dass ich auftauchte und immer häufiger in der Wohnung übernachtete, das stimmt, es hat schon einige Monate gedauert, bis sie mich na ja akzeptierte.«

»Diese Wohnung ...«

»Wie bei mir, direkt über Irenes Boutique in Werlebach.« Denzel schnaufte. »Aber doch viel größer und besser eingerichtet als meine Bruchbude hier. Na, das hat ... also, nach drei, vier Monaten war Anna so weit, dass sie mich nicht nur

als Liebhaber und Freund ihrer Mutter leiden mochte. Ihren leiblichen Vater hat sie nie kennen gelernt, der ist wohl noch vor ihrer Geburt gestorben, und ich wurde so etwas wie ein Vaterersatz. Oder Ersatzvater.« Hastig griff Denzel nach der Tasse, starrte auf den Kaffee und setzte sie wieder ab, ohne getrunken zu haben. »Irene war natürlich froh, dass Anna und ich uns so gut verstanden. Eine Sechzehnjährige ist eben schwierig ... Na ja, so hab ich wenigstens gedacht. Oder geglaubt.«

»Das verstehe ich nicht.«

Statt einer Antwort holte Denzel ein kleines Päckchen Fotografien aus einer Schublade und schob es Kramer wortlos hin. Farbbilder von einem jungen Mädchen oder schon einer jungen Frau? Ein wunderschönes, sanftes Gesicht, große Augen, ein weicher, voller Mund, lange dunkelblonde Haare. Ein in seiner absoluten Symmetrie faszinierendes Gesicht und Kramer brauchte eine ganze Weile, den Grund für diese Faszination zu erkennen: Sie war kein Kind mehr, aber noch keine Frau. Wer sie lange kannte, sah in ihr wohl noch oder nur das Mädchen; doch wer ihr zum ersten Mal begegnete, mochte sich leicht täuschen und sie für eine Kindfrau halten, die scheinbar viel versprach, weil sie schon viel zu wissen schien.

»Eine Schönheit«, urteilte Kramer aufrichtig und Denzel nickte: »O ja, eine Schönheit. Und verführerisch, nicht wahr? Eine richtige Lolita.«

Etwas an dem Ton störte ihn, Kramer schaute Denzel scharf an, der dem Blick nicht auswich und bitter lächelte: »Sie haben sich noch nicht alle Bilder angesehen.«

Hinter den Porträtaufnahmen steckten andere Fotos: Anna in Jeans und Sweatshirt. In einem bunten, weiten Sommerkleid. Im Badeanzug, in einem Bikini. Anna lachend und schmollend, auf einem Koppelzaun sitzend. Sie musste sehr groß sein, mit langen Beinen, einer schmalen Taille und einem großen, festen Busen. Mehr als eine Schönheit und die offenkundige Freude, mit der sie ihren Körper zeigte, ließ sie anziehend oder attraktiv oder auch verführerisch erscheinen.

Als Kramer hochschaute, nickte Denzel trübe: »Sie scheinen eine Ahnung von meinem Problem zu bekommen.«

»Vielleicht«, stimmte Kramer gedehnt zu.

»Das würde Sie vorteilhaft von der Kripo unterscheiden! Die war sofort überzeugt, dass ich ... Herr Kramer, ich habe Anna nie angefasst. Ich habe mit ihr geschmust, sie in den Arm genommen, ja, wie meine Tochter Heike, wenn die mich mal besuchte, aber Anna war für mich immer ein Kind, ein Mädchen, das Zuneigung bei einem Ersatzvater suchte. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Das werden Ihnen nicht alle Menschen glauben.«

»Nein. Sie sagen es. Nicht alle. Nun wären mir die anderen scheißegal, aber die Person, auf die es mir ankommt, hat auch begonnen zu zweifeln.«

»Ihre Freundin Irene Laysen.«

»Ja, genau.« Denzel sagte das sehr leise. »Es gibt noch einen zweiten Punkt, den Sie mir jetzt einfach glauben müssen. Dass Anna einem Mann den Kopf verdrehen kann, ist richtig, aber nur einem, der völlig blind und taub ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ganz brutal: Anna hat einen Dachschaden.«

Kramer schwieg unbehaglich. Das klang nicht einfach nur nach Ehrlichkeit, sondern hörte sich fast gehässig an, und ihm war nicht entgangen, dass Denzel in der Gegenwartsform von Anna erzählte.

»Fragen Sie mich nicht nach der genauen medizinischen Definition. Anna ist ein liebenswürdiges Kind, herzlich und hilfsbereit, freundlich und sanftmütig. Aber sie lebt auch in einer Traumwelt, wenigstens zeitweise. Was um sie herum vorgeht, sieht sie zwar, sogar sehr scharf, aber sie nimmt es nur zu Teilen wahr, in Ausschnitten. Tut mir leid, besser kann ich’s nicht aus drücken.«

»Wie äußert sich das?«

»Wer länger als eine Stunde mit ihr zusammen ist, bemerkt,

dass sie häufig Absencen hat. So nennt man das wohl. Vorübergehend ist sie einfach nicht da. Weiß der Kuckuck, wo sie dann gerade mit ihren Gedanken herumgeistert. Zuerst hab ich gedacht, mein Gott, kann sich das Kind nicht mal länger als fünf Minuten auf eine Sache konzentrieren, muss es dann gleich abschalten, aber Anna schaltet nicht ab, sie schaltet um. In eine andere Welt oder wie man das nennen soll.« Denzel schüttete den kalt gewordenen Kaffee hinunter. Im Alltag und als Handwerker stand er wohl seinen Mann, aber bei derartigen Problemen fühlte er sich hilflos, vielleicht auch überfordert, da fehlten ihm die richtigen Worte. Wahrscheinlich auch das Verständnis für solche Eigenarten oder neurologischen Defekte. Das Wort „Dachschaden“ hatte nur seine wütende Rat und Hilflosigkeit zusammengefasst.

»Doch glauben Sie nicht, Anna sei dumm oder beschränkt.

O nein, sie ist intelligent und bemerkt Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben. Aber alle anderen Dinge will sie eben nicht bemerken, die existieren dann für sie einfach nicht.«

Kramer nickte stumm.

»So, und zu den Dingen, die für Anna nicht existieren, gehört alles, was mit Sex zu tun hat. Und jeder Mann, der auch nur eine Spur von Gewissen und Anstand besitzt, wird deshalb die Finger von Anna lassen, wenn er länger als zehn oder zwanzig Minuten mit ihr gesprochen hat. Zum Schluss hatte sie so viel Vertrauen zu mir, dass sie seelenruhig ins Bad kam, wenn ich duschte. Oder auch zu mir ins Bett kroch. Sie hat auch Irene und mich mehr als einmal überrascht, aber dann hat sie uns nur freundlich angeschaut, als ob sie gar nicht mitbekam, was wir da trieben. Sie ist nicht prüde, weil sie nicht weiß, was Schamhaftigkeit ist, und wenn man ihr dann ganz ruhig sagt, Anna, lass uns bitte allein, dann geht sie sofort.«

»Warum haben Sie und Ihre Freundin Irene nicht abgeschlossen?«

»Weil Anna bei verschlossenen Türen ausrastet und fürchterlich zu schreien beginnt.«

»Merkwürdig. Und so, wie Sie Anna schildern, kann sie leicht das Opfer eines Sexualtäters werden.«

»Das habe ich auch befürchtet, zu Anfang, meine ich. Aber heute bin ich nicht mehr sicher. Natürlich, wenn der gewaltsam ... Aber ich bin überzeugt, sie lässt sich nicht verführen. Das wäre so, als würden Sie einer Katze befehlen, nun belle mal schön! Die Katze wird Sie groß ansehen und weglaufen. Und Gewalt Anna hat einen eigenen Willen, Herr Kramer, das merkt man nicht sofort, weil sie normalerweise gefügig und gehorsam ist. Aber wenn sie nicht will, dann will sie nicht, da kann man lange rumbrüllen oder mit Schlägen drohen, Anna versteht Sie nicht oder sie will Sie nicht verstehen, das kommt aufs Gleiche raus: Anna tut nicht das, was Sie von ihr wollen.«

»Sie hätte sich also gewehrt, wenn ... «

»Aus Leibeskräften! Und ich sage Ihnen, sie hat Kräfte!«

Ob Denzel nicht registrierte, dass er gerade die Vorbedingungen eines Sexualmordes beschrieb?

»Sie treibt Sport, Geräteturnen, Sie können sich im Verein erkundigen. Anna ist stärker, als es die Fotos vermuten lassen. Und gerade im Verein wird man Ihnen erzählen, was passiert ist, wenn Männer oder gleichaltrige Jungen versucht haben, Anna im Spaß oder im Ernst anzufassen.«

»Jetzt verstehe ich, warum Ihre Freundin misstrauisch geworden ist. Zu Ihnen hatte Anna Vertrauen gefasst.«

»Ja, eben, und von Menschen, denen sie vertraut, lässt Anna sich viel gefallen. Ohne nachzufragen.«

Keine gemütliche Lage. Eine allein stehende Mutter mit einer so schwierigen wie attraktiven Tochter, die dem Liebhaber der Mutter vertraute.

»Gut, Herr Denzel, reden wir mal über den Tag, an dem Anna verschwunden ist.«

Denzel atmete tief durch. »Das war der 29. Mai, ein Samstag. Anna fuhr morgens um zehn vor acht los, mit ihrem Fahrrad, sie hatte sich von mir ein Fahrrad gewünscht, mit dem sie in der Gegend herumgurken konnte.«

Automatisch war Denzel in die Vergangenheitsform gefallen, doch Kramer ließ sich nichts anmerken. »Das war dieser Putzjob, wenn ich ...«

»Ja, in Millsen, Haus Malle, Kanzelstieg 101 oder 103.«

Kramer erinnerte sich, davon gelesen zu haben. In Millsen, auf halbem Weg zwischen Werlebach und Rollesheim, gab es Häuser, die zum Teil schon ab Mai an Feriengäste vermietet wurden, und weil sich manche Gäste die Schlussreinigung der Häuser sparen wollten, setzte die Vermittlungsagentur Hilfskräfte ein. Für Anna war es der fünfte oder sechste Job dieser Art, mit dem sie ihr Taschengeld aufbesserte. Sie sparte, wie die Mutter den Reportern anvertraut hatte, auf ein Handy.

»Von acht bis zwölf Uhr hat sie in Haus Malle gearbeitet. Und anschließend wollte sie nach Fleissheim fahren.«

»Mit dem Fahrrad? Das ist aber ein ganzes Ende.«

»Ja, sicher, etwa zwanzig Kilometer, aber sie fährt fuhr oft so lange Strecken, Herr Kramer.«

»Und in Fleissheim wollte sie eine Freundin besuchen, nicht wahr?« Der Ort lag flussauf noch ein ganzes Stück hinter Rollesheim.

»Eine Schulfreundin abholen, ja. Gunda Simrock. Anna hatte mit Gunda verabredet, zwischen eins und zwei in Fleissheim einzutreffen. Die Mädchen wollten dann schwimmen gehen, in das Thermalbad in Dreschbach.«

Kramer nickte, das Bad kannte er gut; wenn es das Wetter erlaubte, verbrachte er dort viele Sonntage, um nach den Wochentagen mit zu wenig Bewegung mindestens zweimal tausend Meter zu schwimmen.

Grembowskis Sonderkommission hatte später Annas wahrscheinlichen Weg teilweise rekonstruiert. Gegen 12.10 Uhr war sie vom Haus Malle losgefahren, über den Kanzelstieg bis nach Werlebach und dort die Hauptstraße hinunter zum Fluss. Fünf bis zehn Minuten später traf sie bei der Lantener Seilfähre ein und musste auf dem Nordufer warten. Auf der Fähre kam sie mit dem katholischen Geistlichen von Rollesheim und dem evangelischen Pfarrer von Werlebach ins Gespräch. Gegen 12.30 Uhr setzte die Fähre vom Nord auf das Südufer über, Anna hatte zum Schluss noch fröhlich mit dem Fährmann geschwatzt, der sie seit Jahren kannte. Am Anlieger des Südufers verlor sich ihre Spur. Vermutlich war sie nach links in den Krimser Forst abgebogen, durch den Wald bis zum Rolletal gefahren und hatte dort die Talstraße beim Gasthof Drenckmann überquert, danach einen asphaltierten Wirtschaftsweg Richtung Fleissheim benutzt. Doch dafür hatten Grems Leute keine Zeugen auftreiben können; die beiden Geistlichen und der Fährmann waren die letzten gewesen, die sich an Anna erinnern konnten. Die drei Männer hatten übereinstimmend beteuert, dass sich Anna ganz normal benommen habe, ihnen war nichts auf gefallen. Anna hatte ihnen unaufgefordert erzählt, dass sie mit einer Freundin nach Dreschbach zum Schwimmen wollte. Das hatten alle, die Anna kannten, als typisch für sie bezeichnet: Sie setzte bei jedem, der sich auf ein Gespräch mit ihr einließ, ein unbegrenztes Interesse an ihrer Person und ihren Plänen voraus.

»Wenn ich die Karte richtig im Kopf habe, ist das nicht der kürzeste Weg«, wandte Kramer ein.

»Nein, aber Anna hatte gehörigen Respekt vor Autos, sie fuhr nicht gern auf Straßen mit viel Verkehr.«

Lantener Fähre, Krimser Forst, Wirtschaftswege vom Rolletal nach Fleissheim sie hätte tatsächlich gegen 13.30 Uhr bei ihrer Freundin Gunda Simrock eintreffen können. Kramer notierte eifrig.

Denzel nickte. »Gunda hat bis halb drei gewartet und ist dann allein in das Thermalbad geradelt.«

»Hat sie sich nicht gewundert, dass Anna sie versetzt hat?«

»Ja und nein. Wissen Sie, zu Annas Eigenarten zählte auch, dass sie alles vergessen konnte, wenn ihr etwas anderes, vermeintlich Wichtiges durch den Kopf schoss. Die Zuverlässigkeit hatte sie nicht erfunden, die Pünktlichkeit auch nicht, das wussten aber alle, die sie kannten.«

»Dann war die Freundin sozusagen sauer, aber nicht beunruhigt?«

»So ist es.«

»Und wann genau ist entdeckt worden, dass Anna verschwunden war?«

Einen Moment blinzelte Denzel erstaunt, diese Geschichte hatte er wieder und wieder der Sonderkommission erzählt, aber Kramer behauptete: »Davon habe ich nichts in den Zeitungen gelesen, Herr Denzel.«

»Pech für Sie. Denn dann würden Sie verstehen, warum die Kripo, speziell dieser Hauptkommissar Grembowski, mich verdächtigt hat. Oder immer noch verdächtigt, das weiß ich nicht so genau.«

»Gut. Ich werde mich erkundigen.«

»Das hat begonnen also, am Freitag, am 28. Mai. Nach Geschäftsschluss bin ich zu Irene gefahren, wir haben zusammen gegessen, Irene, Anna und ich, und dabei hat Anna erzählt, dass sie am nächsten Morgen früh rausmüsse, wegen der Reinigung in diesem Haus Malle. Und danach wolle sie zu Gunda Simrock fahren, um mit ihr ins Thermalbad zu radeln. So wie’s das Unglück nun will, habe ich am Samstag in Fleissheim gearbeitet, bei einem Kunden Bücherregale und Schränke eingebaut.«

»Am heiligen Samstag?« Kramer schmunzelte.

»Ja, und zwar aus genau dem Grund, den Sie jetzt vermuten: keine Rechnung, Geld bar auf die Kralle, das Finanzamt muss nicht alles erfahren. Im Betrieb hab ich einen pfiffigen Azubi, der ebenfalls nichts dagegen hat, ein paar Scheine nebenbei einzustreichen. Wir haben um acht Uhr angefangen, von zwölf bis zwei Mittagspause gemacht und von zwei bis fünf den Rest aufgestellt.«

»Von zwölf bis zwei ...«

»Eben! Und schlimmer noch: Conny das ist der Azubi ist über Mittag zu seinen Eltern gefahren, ich hab mich in den Lieferwagen gesetzt, meine Brote gegessen und dann ein Nickerchen gemacht.«

»Das heißt ...«

»Genau das heißt es: Für die Zeit von zwölf bis vierzehn Uhr am 29. Mai habe ich kein Alibi. Weil ich aus verständlichen Gründen den Lieferwagen auch nicht auf der Straße geparkt hatte, sondern auf einer Wiese hinter dem Haus, gibt es keinen Zeugen, der mich in dem Wagen gesehen hat. Dieser Hauptkommissar hat mir das immer wieder unter die Nase gerieben.«

»Wieso wollte er von Ihnen ein Alibi?«

»Weil ich doch laut eigener Aussage wusste, wo sich Anna aufhielt. Am Freitagabend hatte ich ihr nämlich angeboten, sie nach dem Thermalbad nach Hause mitzunehmen, also zu Irene nach Werlebach, wir hatten uns für sechs Uhr vor dem Haus des Kunden verabredet.«

Kramer wollte etwas einwerfen, aber Denzel hob rasch die Hand.

»Es kommt noch dicker. Irene schwebt immer in Todesängsten, wenn Anna mit dem Rad unterwegs ist, und als sie am Freitag hörte, dass Anna von Haus Malle bis nach Fleissheim fahren wollte, wurde sie richtig hysterisch. Anna dürfe auf keinen Fall über die Uferstraße fahren, das wäre viel zu gefährlich, da rolle um diese Tageszeit der ganze Ausflugsverkehr, Anna musste ihr versprechen, die Fähre zu nehmen und durch den Krimser Forst zu strampeln.«

»Und das wurde in Ihrer Gegenwart besprochen?«

»Natürlich, ich bin für die Polizei der einzige Mann, der im Voraus wusste, wo Anna am 29. Mai zwischen etwa zwölf und vierzehn Uhr anzutreffen war.«

Und außerdem besaß er kein Alibi; Kramer musste unwillkürlich grinsen, als er sich vorstellte, wie Grembowski freudig seine gelbschwarzen Zähne gefletscht hatte. Gute Kunden mit einem längeren Vorstrafenregister ließen sich davon weniger beeindrucken, die hatten alle schon einmal bei Verhören die Einschüchterungsmasche erlebt, aber für einen gesetzesfürchtigen und, von den Steuern mal abgesehen, auch ehrlichen Mann wie Denzel war wohl eine Welt

zusammengebrochen. Später hatte Grem bestimmt widerwillig zugegeben, dass er da einen dicken Bock geschossen hatte; aber auf so eine Einschüchterungstour hatte er nun einmal nicht verzichten können.

»Ich muss Ihnen noch etwas beichten, Herr Kramer, was ich diesem Grembowski nie erzählt habe. An dem Freitagabend sitzen Irene und ich ganz friedlich vor dem Fernseher, als Anna hereinkommt. Sie wolle uns ihren neuen Bikini vorführen, auf den sie lange gespart hatte. Und ob sie am Wochenende auf die Kirmes nach Sickenheim dürfe, Peter hätte sie eingeladen. Irene fragte: Welcher Peter? Dabei blieb sie ganz ruhig; wenn man sich bei Anna aufregt oder zu schimpfen anfängt, schaltet sie sofort um, das kennen wir, dann hört und begreift sie gar nichts mehr. Na, der Peter vom Buchladen gegenüber, war die Antwort. Der Schmalspurcasanova von Werlebach, so lästert Irene gelegentlich. Ich denke, an seinem schlechten Ruf ist etwas dran. Warum der ausgerechnet Anna eingeladen habe? Der hat doch eine Freundin oder?, fragte Irene weiter. Nein, sagt Anna ganz fröhlich, mit Corinna Babel ist’s aus, und Peter sagt, er habe jetzt Zeit für mich, jetzt könne ich seine Freundin werden ... Herr Kramer, wenn es nicht so verflucht ernst gewesen wäre, hätte ich mich vor Lachen krümeln mögen, es war kabarettreif. Na schön, Irene überzeugt Anna mit viel Mühe, dass erstens der Peter zu alt und schon deswegen nicht der richtige Freund für sie sei und dass zweitens dieser todschicke, teure, neue Bikini etwas zu knapp ausgefallen sei, der würde doch beim Schwimmen sofort rutschen. Vielleicht könnte sie das gute Stück noch Umtauschen? Anna, schwer enttäuscht, vergießt ein paar Tränchen, beruhigt sich aber schnell wieder, schiebt schließlich friedlich ab und Irene bekommt einen Heulkrampf. Wie soll das bloß weitergehen, eines Tages würde etwas Schreckliches mit dem Kind passieren, dann würde Anna dem Falschen in die Finger fallen. Und ich Obertrottel leiste mir einen Superfehler und sage ziemlich vergrätzt, es sei höchste Zeit, dass Anna in Behandlung komme.«

»Ach du meine Güte!«, japste Kramer.