Beschreibung

Annie ist zehn und das jüngste von neun Geschwistern. Da gerät sie manchmal ziemlich zwischen die Fronten, vor allem, weil sie so winzig und ganz schön dünn ist. Doch das macht Annie nichts, für sie ist es normal. Und wenn's doch mal schwierig wird, dann zählt sie. Das hilft immer. Bis Annie merkt, dass zu Hause nichts normal ist: Gewalt und Armut bestimmen den Alltag. Werden sie und ihre Geschwister die Hilfe bekommen, die sie so dringend brauchen?

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Seitenzahl: 231


Über dieses Buch

Ich heiße Antoinette Elizabeth Bianchi, aber meine Schwestern nennen mich Annie oder Zwerg, weil mein Name sonst länger ist als ich, sagen sie. Eigentlich bin ich gar nicht so klein, meine Schwestern sind einfach nur größer. Und mehr sind sie auch, ich habe nämlich sieben davon, und einen Bruder. Und Jordan, das ist mein allerbester Freund. Der ist immer da, wenn es mal brenzlig wird, so wie meine Zahlen, denn Rechnen hilft gegen alles! Gegen gemeine ältere Schwestern, Buchstaben, die beim Vorlesen nicht aufhören wollen, herumzutanzen, und beim Geheimnisse bewahren. Das ist wichtig, denn unser Geheimnis müssen wir für uns behalten. Da gibt es keine Ausnahme!

 

Bestsellerautorin Josephine Angelinis erstes Kinderbuch – authentisch, berührend und voller Leichtigkeit

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Tochter Pia

Kapitel eins

Ich heiße Antoinette Elizabeth Bianchi.

Mein Name ist länger als ich, oder zumindest sagen das meine Schwestern. Meistens nennen sie mich Annie oder auch Zwerg, weil ich die Jüngste und Kleinste bin, jedenfalls verglichen mit den anderen, aber die sind auch alle riesig, mit massenweise Haaren und jeder Menge weißer Zähne, und sie fuchteln beim Reden andauernd mit den Händen.

Eigentlich bin ich gar nicht so klein für mein Alter, meine Schwestern sind einfach nur größer als gewöhnliche Menschen. Miriam, die Älteste, ist erst neunzehn, geht aber schon seit drei Jahren aufs College, weil sie eine Schulklasse übersprungen hat. Sie ist superintelligent. Miri studiert Mathe – hauptsächlich die Art, bei der man lauter Formen und lustige Schnörkellinien zeichnet. Manche Leute sind wohl einfach so schlau, dass sie sich nicht mit herkömmlichen Zahlen abgeben müssen wie wir Normalsterblichen.

Ich mag meinen Namen, auch wenn der eigentlich nur eine Notlösung war. Meine Mom war überzeugt, dass ich ein Junge werden würde, und wollte mich Antony nennen, aber dann wurde ich ein Mädchen, also musste sie improvisieren. Meine Mom wirft nämlich nie was weg.

Ich wohne in der Snow Lane Nummer siebzehn in Ashcroft, Massachusetts, bin zehn Jahre alt und die Jüngste von neun Geschwistern. Ich habe sieben große Schwestern und einen großen Bruder, was heutzutage, also 1985, ziemlich selten ist, aber mein Dad hat erzählt, vor hundert Jahren wäre das gar nichts Besonderes gewesen. Die Leute sagen oft, es muss toll sein, so eine riesige Familie zu haben, da hätte ich ja bestimmt immer jemanden zum Spielen.

Ich frage mich, wie zum Teufel (fünf Ave-Marias) die auf solche Ideen kommen. Jemanden zum Spielen? Wenn man das jüngste von neun Kindern ist, dann spielt man nicht mit. Dann ist man der Ball.

Mein heutiger Tag beginnt um sechs Uhr morgens in der Luft. Nicht etwa, weil ich vom Fliegen träume oder so. Sondern weil meine Schwester Eleanor darauf besteht, dass ich im obersten Stockbett schlafe, obwohl ich so dünn bin, dass ich ständig durch den Spalt zwischen Matratze und Geländer rutsche.

Das Stockbett steht mit einer Seite an der Wand. Unsere Mom sagt immer, dahin soll ich mich mit dem Gesicht drehen, bevor ich einschlafe, dann würde ich auch nicht rausfallen, aber das hilft kein bisschen. So rutsche ich am Ende nur hinters Bett und klemme dann da fest. Eleanor (sie ist die Zweitjüngste von uns, aber trotzdem zwei Jahre älter als ich; wir nennen sie Nora) muss dann mit aller Kraft an meinem Arm und meinem Bein reißen, um mich loszukriegen, und dabei schürfe ich mir jedes Mal die Wange an der Tapete auf. Das ist sogar noch beschissener (fünfzehn Ave-Marias), als gleich runterzufallen, darum schlafe ich lieber wieder mit dem Gesicht nach außen.

Von solchen unbrauchbaren Ratschlägen hat meine Mom reichlich auf Lager. Zum Beispiel sagt sie, man soll kein kaltes Bratöl in heißes Wasser gießen. Das gehört doch andersrum, oder? Kaltes Wasser in heißes Bratöl? Ganz sicher bin ich mir nicht, weil ich selbst ständig alles Mögliche durcheinanderbringe. Meine Mom sagt, ich habe Legasthenie, aber meine Schwester Fay meint, das ist nur ein netter Ausdruck dafür, dass ich zurückgeblieben bin.

Also, am besten fragt man meine Mom gar nicht um Rat, aber sie hört einem ja sowieso fast nie zu. Mit neun lärmenden Kindern um sich herum ist es ein Wunder, wenn sie überhaupt was mitkriegt, da kann man nicht erwarten, dass sie auf jeden Einzelnen eingeht, schon klar. Nur macht es das auch nicht besser. Manchmal wäre es nämlich wirklich wichtig, dass sie mir zuhört.

Wie zum Beispiel letztes Jahr, als ich ihr tagelang vorgejammert habe, mein Kopf würde so jucken und ich bräuchte wahrscheinlich so ein Antischuppenshampoo wie in der Fernsehwerbung. Sie meinte bloß, ich hätte keine Schuppen, ohne auch nur nachzugucken, und als wir dann alle von der Schulkrankenschwester untersucht wurden, stellte sich raus, dass ich Läuse hatte, und zwar richtig schlimm. Alle meine Schwestern und mein Bruder wurden aus dem Unterricht geholt, und Aurora hat auf dem Nachhauseweg sogar angefangen zu heulen und meinte, sie hätte sich noch nie in ihrem Leben so geschämt, weil jetzt jeder denken würde, wir wären dreckig.

Meine Mom hat nie Zeit für uns. Miri hat erzählt, dass das früher anders war. Muss schön gewesen sein.

Rumms, lande ich auf dem Boden.

»Aaau«, stöhne ich, und es klingt heiser und zittrig, als wäre ich tausend Jahre alt. Nora blinzelt aus ihrem Bett zu mir runter.

»Hey, du bist auf dem Rücken gelandet«, murmelt sie verschlafen. »Wenigstens kriegst du so kein blaues Auge wie letzte Woche.«

»Hhhhhh«, keuche ich. Irgendwas ist mit meiner Lunge. Ich bekomme einfach nicht genug Luft, um mehr von mir zu geben als diese komischen Geräusche. Gar nicht gut.

»Mom!«, brüllt Nora, die wohl langsam auch anfängt, sich Sorgen zu machen. Normalerweise hätte ich mich inzwischen längst wieder aufgerappelt, aber diesmal kann ich mich aus irgendeinem Grund nicht bewegen.

Zwischen den grauen Flecken, die mein Blickfeld verschleiern, taucht jetzt das Gesicht meiner Schwester Virginia auf. Virginia, die wir Gina nennen, teilt sich mit uns das Zimmer, obwohl sie schon fünfzehn ist und in die Zehnte kommt, wenn in ein paar Wochen die Schule wieder anfängt. Gina sagt, sie wohnt tausendmal lieber mit uns zusammen als mit Fay und Bridget, die altersmäßig zwischen uns liegen. Das wundert mich kein bisschen. Fay und Bridget sind die totalen Biester. Ich bin froh, dass ich nicht bei denen gelandet bin.

»Atmet sie noch?«, fragt Gina.

»Nicht so richtig«, sagt Nora nervös. »Mom!«, schreit sie erneut, obwohl wir alle wissen, dass das keinen Zweck hat.

Unsere Mutter kommt sowieso nicht.

Stattdessen gesellt sich meine Schwester Evangeline zu dem Kreis aus über mir schwebenden Gesichtern. Lauter Haarsträhnen in verschiedenen Brauntönen hängen zu mir runter, manche gewellt, manche glatt. Gina hat irre viel Spliss. Seit ein paar Monaten gibt sie sich überhaupt keine Mühe mehr mit ihrer Frisur und rennt nur noch in klobigen schwarzen Stiefeln und schwarzen T-Shirts rum. Außerdem benutzt sie jetzt Eyeliner. Fast alle meine Schwestern benutzen Eyeliner, nur Nora und ich nicht. Wir dürfen uns noch nicht schminken und uns auch keine Ohrlöcher stechen lassen. Nora ist mit ihren zwölf Jahren aber fast alt genug dafür. Die hat’s gut.

»Gina, komm, wir ziehen sie hoch«, kommandiert Evangeline und will mir aufhelfen, aber Gina gibt ihr eins auf die Finger.

»Nein, nicht anfassen!«, blafft sie.

Evangeline schüttelt ihre kostbaren Hände aus und wirft Gina einen vernichtenden Blick zu. Evangeline ist Pianistin. Sie ist zwar erst sechzehn, aber sie hat schon mal in Tanglewood gespielt. (Das ist so eine Festivalstätte im hinterletzten Winkel von Massachusetts, für Leute, die im Sommer unter freiem Himmel Musik hören wollen.) Tanglewood ist toll, weil man da über die Wiese rennen kann, während im Hintergrund Klassik läuft (eine sehr seltene Kombination), auch wenn ich beim letzten Mal von einer Biene in die Lippe gestochen wurde. Fay hat mich total fies deswegen ausgelacht, aber das war mir egal, weil mein Dad mir zum Trost ein Wassereis gekauft und die ganze Zeit neben mir gesessen hat, was echt was Besonderes ist, weil er nämlich drei Jobs hat und normalerweise keine Zeit, sich einfach mal hinzusetzen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich, mein Kirscheis an die geschwollene Lippe gedrückt, neben meinem Dad im Gras gehockt und Evangeline auf der Bühne gelauscht habe.

»Wir heben sie jetzt auf«, sagt Evangeline mit ihrer »Ich mein’s ernst«-Stimme. Sie ist ein Jahr älter als Gina, also hat sie im Moment das Sagen.

In unserer Familie hat immer der Älteste das Sagen. Was bedeutet, dass ich nicht mal unserem Kater Geronimo Vorschriften machen kann. Der muss sogar älter sein als mein Dad, darum würde es niemand wagen, ihm was vorzuschreiben. Allein bei der Vorstellung fange ich an zu kichern. Oder versuche es zumindest. Ohne Luft ist Kichern nämlich gar nicht so einfach.

»Warum macht sie solche Geräusche?«, fragt Nora.

Oh Mann, auf einmal stürzen alle möglichen Gedanken auf mich ein und fangen an zu kreisen, immer schneller, und mir wird schwarz vor Augen. Vielleicht sollte ich einfach versuchen, noch ein bisschen zu schlafen.

»Nicht anfassen!«, wiederholt Gina entnervt. »Was ist, wenn sie sich das Genick gebrochen hat?«

Mit einem Mal bin ich hellwach. Landen Leute mit gebrochenem Genick nicht im Rollstuhl? Ich habe mal so einen alten Film gesehen über einen Typen, der in einen Swimmingpool springt, nur dass nicht genug Wasser drin ist, sodass er mit dem Kopf auf den Boden knallt und fast ertrinkt, und als der Typ wieder aufwacht, liegt er im Krankenhaus und kann sich nicht bewegen, und der Arzt sagt, das wäre, weil er sich das Genick gebrochen hat. Seitdem springe ich nicht mehr in Swimmingpools. Nicht dass wir zu Hause einen hätten. So was haben schließlich nur reiche Leute.

Toll wär’s trotzdem.

Ich versuche, irgendwas zu bewegen, aber ich habe keine Ahnung, ob es funktioniert.

»Nnnngg«, mache ich. Langsam kriege ich wirklich Angst. Um mich ist nichts, was ich zählen könnte, außer Schwestern, aber ich weiß auch so, wie viele ich davon habe. Zählen beruhigt mich, wenn ich nervös bin, egal, ob die anderen mich deswegen für nicht ganz normal halten.

»Oh nein, oh nein, oh nein«, murmelt Nora, während sie um mich herumhüpft und mit den Armen flattert. »Mom!«, schreit sie zum dritten Mal. Sie sieht aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu heulen.

Ich weiß nicht, warum, aber wenn ich Nora weinen sehe, muss ich immer mitweinen, auch wenn ich gar nicht traurig bin. Einmal wollte sie sich die Beine rasieren, aber das ist irgendwie schiefgegangen, und sie hat sich ziemlich schlimm geschnitten, sodass das ganze Waschbecken voller Blut war (ich glaube ja, der größte Fehler war, zu versuchen, sich die Beine im Waschbecken zu rasieren). Als Nora das Blut gesehen hat, hat sie angefangen zu weinen, und ich hab auch angefangen zu weinen, bis Mom uns gehört hat und wir Riesenärger gekriegt haben, weil wir natürlich noch nicht alt genug sind zum Beinerasieren, obwohl alle anderen Mädchen in Noras Alter das auch machen. Andere Zwölfjährige dürfen fast alles. Aber wir sind katholisch, darum dürfen wir so gut wie gar nichts. Ich gucke weg, damit Nora mich nicht mit ihrer Heulerei ansteckt.

Jetzt kommt meine Schwester Aurora ins Zimmer geschwebt. Aurora schwebt immer, anstatt zu gehen. Das liegt daran, dass sie eine Ballerina ist, und zwar eine echte, nicht bloß irgendein Ballettmädchen, das von der großen Karriere träumt. Sie ist bei der Bostoner Ballettkompanie und tanzt jeden Winter beim Nussknacker mit. Was toll ist, weil sie mich manchmal mit hinter die Bühne nimmt, und wenn gerade keiner guckt, kann ich heimlich auf den Schnürboden klettern. Da oben ist es immer so schön warm und ruhig. Ich liebe den Geruch der Seile und der dicken Samtvorhänge und das Summen der Scheinwerfer. Es gibt nichts Besseres, als sich bäuchlings auf einen der Laufstege zu legen und durch das Metallgitter zuzugucken, wie unter einem getanzt wird. Das ist fast wie Fliegen.

»Was ist los?«, fragt Aurora jetzt. Sie ist siebzehn, gerade mal dreizehn Monate jünger als Miri und damit die Zweitälteste, also hat sie jetzt das Sagen.

»Die Kleine ist aus dem Bett gefallen«, erklärt Gina.

»Und warum lasst ihr sie dann auf dem Boden liegen?«, schimpft Aurora. Gina zieht einen Flunsch und geht aus dem Weg. Sie murmelt irgendwas über ein gebrochenes Genick vor sich hin, aber Aurora winkt ab, als wäre das ja wohl kompletter Quatsch. Aurora ist ziemlich gut im Abwinken und Andere-blöd-dastehen-Lassen.

Ich sehe immer noch nicht viel mehr als grau verschwommene Umrisse, aber dafür rieche ich Auroras lange schwarze Haare. Vanillig und warm. Sie ist so hübsch.

»Der Aufprall hat ihr bloß ein bisschen die Puste verschlagen. Sie hat sich sicher gleich wieder erholt«, erklärt Aurora. »Na komm, Winzchen. Ganz langsam atmen.«

Ich mag es, wenn sie mich Winzchen nennt. Das ist viel besser als Zwerg. Und tausendmal besser als mein anderer Spitzname, Kotzkröte.

Kotzkröte hat Fay sich ausgedacht, als ich, wie Mom es ausgedrückt hat, mit acht in einer »heiklen Phase« war und andauernd alles vollgekotzt habe. Und ich meine wirklich andauernd. Damals musste ich kotzen, wenn ich zu schnell gerannt bin oder wenn meine Milch ein ganz kleines bisschen zu warm war, aber hauptsächlich dann, wenn irgendwer rumgeschrien hat, was bei uns so ziemlich der Normalzustand ist. Meine Mom meinte, das läge daran, dass ich eine sensible Natur bin, dabei würde Naturgewalt es wahrscheinlich besser treffen.

»Ganz langsam und gleichmäßig«, wiederholt Aurora und atmet mit mir zusammen.

Es hilft tatsächlich. Nach und nach bekomme ich wieder ein bisschen Luft in die Lungen, und es ist, als hätte jemand um mich herum das Licht angeknipst.

»Nora, hör auf mit dem Gezappel. Annie ist nichts passiert«, zischt Aurora. Noras Hibbeligkeit hat Aurora schon immer genervt, was Nora dann erst recht hibbelig macht.

Nora versteckt sich hinter Gina, die die Größte im Zimmer ist – zwar ist sie nicht die Älteste, aber auch gewichtsmäßig zählt Gina gut und gern für drei Auroras.

Gina ist nicht dick oder so. Na ja, zumindest nicht schlimm dick. Sie ist nur ein bisschen besser gepolstert als der Rest von uns, aber wir anderen würden auch alle zusammen in eine Streichholzschachtel passen. Außer natürlich mein Bruder JP, aber bei dem ist das was anderes, weil er ein Junge ist. Und Gina hat dafür tolle Haut und strahlend blaue Augen. Solche Augen hätte ich auch gern. Meine haben die Farbe von Erbsensuppe, und ich habe noch nie jemanden sagen hören, wie schön Erbsensuppe strahlt.

Aurora hebt mich hoch und lächelt mich an. Ihr Gesicht ist wie eine aufblühende Blume, wenn sie lächelt. Ich schmiege den Kopf an ihre Schulter und schlinge ihr die Beine um die Taille wie ein Klammeräffchen. Sie trägt mich in den Flur und dann die Treppe runter in die Küche. Im Keller höre ich den Wäschetrockner laufen. Wahrscheinlich ist Mom da unten. Ich weiß genau, dass sie Nora rufen gehört hat.

»Na komm, jetzt haben wir uns erst mal was Leckeres verdient«, sagt Aurora.

Eigentlich ist mir gerade gar nicht nach Essen zumute. Stattdessen denke ich an meine Mom und stelle mir vor, wie sie unten im Keller auf die Wäscheberge starrt, die sie noch zusammenlegen muss, anstatt nach oben zu kommen und zu gucken, was los ist.

Aurora setzt mich auf einen Stuhl an unserem riesigen Küchentisch, der früher mal bei meinem Dad im Labor gestanden hat. Mein Dad arbeitet tagsüber als Chemiker und unterrichtet an der Abendschule erwachsene Leute in Mathe. Am Wochenende wird er dann zum Landwirt, aber hauptsächlich ist er Chemiker. Irgendwann hat er den Labortisch mit nach Hause gebracht, weil der als Einziger groß genug ist, damit wir beim Abendessen alle zehn (Miri mitgezählt, wenn sie mal zu Hause ist) gemeinsam dranpassen. Eigentlich sollte ich wohl alle elf sagen, weil mein Dad schließlich auch dazugehört, aber der muss sowieso immer arbeiten. Meistens sitze ich auf der alten Kirchenbank auf der Kriechseite. Die nennen wir so, weil man manchmal unter dem Tisch her kriechen muss, um zu seinem Platz zu kommen, es sei denn, man sitzt ganz am Rand, so wie ich meistens.

Ich muss neben meiner Mom am Kopfende sitzen, weil sie mir das Fleisch klein schneiden muss. Ich darf nämlich kein Steakmesser mehr benutzen, seit ich einmal damit abgerutscht bin und es mir in die Handfläche gerammt habe. Komplett durch. Mann, hat das geblutet! Bei jedem Herzschlag ist ein richtiger Schwall aus dem Schnitt gequollen, aber wir sind nicht ins Krankenhaus gefahren oder so, weil meine Schwester Fay es geschafft hat, die Wunde so fest zuzudrücken, dass es aufgehört hat zu bluten. Das hat zwar höllisch wehgetan, aber es hat geholfen. Ich habe heute noch eine Narbe an der Stelle. Die sieht ein bisschen aus wie eins von den Löchern, die Jesus in den Händen hat, aber das darf ich nicht laut sagen, weil das Gotteslästerung wäre. Darum denke ich es nur noch, jeden Tag. Mein Jesusloch.

Die Kirchenbank hat meine Mom mal mitgebracht, als die Gemeinde alte Sachen verschenkt hat. Damals hat sie einen ganzen Haufen Kirchenkrempel angeschleppt, der jetzt überall im Haus und im Garten verteilt ist. Meine Mom spielt beim Gottesdienst die Orgel, und meine Eltern sind beide superkatholisch, darum ist es wahrscheinlich kein Wunder, dass wir eine Statue des heiligen Franziskus von Assisi im Vorgarten und eine Kirchenbank in der Küche stehen haben.

Wir kleineren Kinder sitzen alle auf der Kriechseite, eingeklemmt zwischen Tisch und Bank, weil wir nicht so viel Platz brauchen wie die Großen. Die sitzen auf richtigen Stühlen auf der Außenseite, so wie ich jetzt. Seltsames Gefühl. Ich kann mich nicht erinnern, jemals außen gesessen zu haben.

Aurora geht an den Kühlschrank und öffnet ihre Spezialschublade. Sie hat als Einzige von uns ihr eigenes Fach, weil sie als Ballerina besonders auf ihre Figur achten muss. Sie sagt, wenn sich auch nur eine millimeterdicke Fettschicht über ihren ganzen Muskeln bildet, würde sie keine guten Rollen mehr bekommen, aber ich finde eigentlich, sie ist zu dünn. Jedenfalls werden ihre Sachen getrennt von unseren aufbewahrt, damit sie immer weiß, wie viel sie gegessen hat, und wir Jüngeren dürfen die Schublade nicht mal aufmachen. Jetzt nimmt sie einen Granatapfel heraus. Ich weiß, dass der so heißt, weil ich sie das letzte Mal, als sie einen gegessen hat, danach gefragt habe, aber abgegeben hat sie mir nichts.

»Willst du mal probieren?«, fragt sie.

Ich nicke und sage keinen Pieps, um nicht im letzten Moment meine Chance auf ein bisschen Granatapfel zu verspielen. Uns anderen kauft Mom so was nie, weil das angeblich zu teuer wäre und sowieso nicht satt macht. Aurora schneidet den Apfel auf und kratzt ein Häufchen glitschig roter Kerne aus dem hellen Fruchtfleisch. Ich stecke ein paar davon in den Mund und kaue.

Sie schmecken so, wie ich mir vorstelle, dass Rubine schmecken müssten. Aber noch besser als der Geschmack ist, dass ich so was Besonderes essen darf.

»Gut?«, fragt Aurora. Ich nicke wieder. »Okay, dann geh jetzt nach oben und zieh dich an.«

Ich gehorche ohne Widerrede. Wenn Aurora will, kann sie der netteste Mensch der Welt sein. Besonders mir gegenüber. Aber wenn ihr nicht nach Nettsein ist, kommt man ihr besser nicht in die Quere. Da ist sie wie Mom.

Vor allem Nora kann ein Lied davon singen, wie sehr einem Aurora Angst machen kann, denn Aurora hasst Nora. Was eigentlich echt merkwürdig ist, weil Aurora sich, als Nora noch ein Baby war, um sie gekümmert hat, genau wie Miri sich um mich. Von Bridget an abwärts haben sich alle älteren Kinder um uns jüngere gekümmert. Miri hat mir mal erzählt, dass Mom das nach dem fünften Kind einfach nicht mehr geschafft hat. Da hab ich Miri gefragt, warum Mom denn nicht einfach aufgehört hat mit dem Kinderkriegen, wenn sie sich nicht um so viele gleichzeitig kümmern konnte, und Miri hat gesagt, weil wir katholisch sind. Katholiken müssen so lange Babys kriegen, bis Gott ihnen erlaubt, aufzuhören, sonst kommen sie in die Hölle.

Wenn man katholisch ist, landet man schneller in der Hölle, als man gucken kann, darum male ich mir oft aus, wie es da wohl ist. Ich stelle es mir so vor, wie wenn man morgens aufs Klo muss und das Badezimmer besetzt ist.

In unserem Haus gibt es drei Badezimmer. Mom und Dad haben eins für sich, das wir Kinder nicht benutzen dürfen, nie. Das im Erdgeschoss ist morgens für Aurora und Evangeline reserviert. Es besteht zwar nur aus einem Waschbecken und einer Toilette, aber das reicht den beiden, um sich zu schminken und die Haare zu machen. Das obere Badezimmer ist das größte. Da gibt es zwei Waschbecken und einen riesigen Spiegel, eine Dusche, eine Badewanne und natürlich ein Klo. Dieses Badezimmer teilt sich der Rest von uns. Als Erstes darf morgens mein Bruder John Paul (kurz: JP) rein, weil er der Schnellste ist und außerdem der einzige Junge. Er hat auch als Einziger sein eigenes Zimmer, aber dagegen kann man wohl kaum was einwenden.

Jetzt kommt mir JP auf der Treppe entgegen. »Hey, Annie«, sagt er und grinst mich an. JP macht mir immer gute Laune. Ich lächele zurück und will mich an ihm vorbeiquetschen, stolpere dabei aber über den ganzen Kram, der sich seitlich auf den Stufen stapelt. JP packt meinen Arm, bevor ich auf einer Lawine aus ungeöffneter Post, kleinen Engelsfiguren und Strickmustern zurück nach unten rutsche.

»Achtung, Moms Sachen!«, sagt er. Dann wuschelt er mir durch meine krausen Haare und dreht sich ein bisschen zur Seite, damit ich vorbeikomme. JP braucht eine Menge Platz, weil er so viele Muskeln hat. Er macht irre viel Sport und hat inzwischen Trikots aus bestimmt fünf verschiedenen Schulmannschaften, obwohl er nach den Ferien erst in die Zehnte kommt, genau wie Gina.

Manche Leute bezeichnen die beiden als irische Zwillinge, was ich aber nicht ganz kapiere, denn die meisten Iren, die ich kenne, sind gar keine Zwillinge. JP ist jedenfalls das komplette Gegenteil von Gina, vielleicht ist also das gemeint? Sind irische Zwillinge so was wie Antizwillinge?

JP ist total beliebt in der Schule und gut in fast allem. Man kann kaum sein Zimmer betreten, ohne über irgendeinen Pokal für seine sportlichen und schulischen Erfolge zu stolpern. Nicht dass ich sein Zimmer überhaupt betreten dürfte. Aber ich mag ihn trotzdem, weil er immer so nett zu mir ist und mir zuhört, wenn mich irgendwas bedrückt. Vielleicht mögen ihn andere Leute deswegen auch so gern. JP muss ein ziemlicher Superzuhörer sein, wenn man nach den ganzen Mädchen geht, die ihn ständig umschwirren.

Und Gina – na ja, Gina ist eher nicht so beliebt. Für sie ruft nie jemand an und die meiste Zeit über hört sie Musik von so einer Band namens The Cure. Was sie aus irgendeinem Grund zu einer Außenseiterin macht.

Nachdem JP das Bad freigegeben hat, stürmen Gina, Fay und Bridget alle gleichzeitig rein. Verdammt (zehn Ave-Marias). Zu spät. Bridget knallt Nora und mir die Tür vor der Nase zu.

»Aber ich muss total dringend«, jammert Nora und trippelt auf der Stelle.

Drinnen hören wir das Klicken eines Kassettenrekorders und dann plärrt Musik los. Led Zeppelin. »Whole Lotta Love.«

»Bitte«, fleht Nora.

»Nur wenn du die nächste Zeile singen kannst«, ruft Fay. Die Kassette wird angehalten. Ich höre Bridget schadenfroh kichern.

»Genau«, ruft Bridget dann, weil sie Fay immer alles nachplappern muss. »Sing die nächste Zeile von dem Lied, das wir gerade hören, dann darfst du pinkeln.«

»Ihr seid so was von kindisch«, ertönt jetzt Ginas Stimme. »Lasst sie einfach rein.«

»Nein!«, faucht Fay zurück. »Erst muss sie singen.« Wenn Fay sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, würde sie eher sterben, als nachzugeben.

Nora muss so dringend aufs Klo, dass ihre braunen Augen sich langsam pipigelb verfärben, aber ich halte den Mund, weil ich weiß, dass Fay und Bridget nur noch schlimmer werden, wenn ich mich jetzt einmische.

Nora bleibt nichts anderes übrig. Sie räuspert sich und fängt an zu singen. »Way, way down inside –« Dann bricht sie ab.

Fay hört mit einem Mal auf zu lachen, und ihr Tonfall ist todernst, als sie sagt: »Und weiter?«

»Dann kommt nur lauter Krach und Geschrei«, wimmert Nora. Sie weint jetzt, und ich merke, wie sich mir ebenfalls die Kehle zuschnürt. Das ist einfach ein Reflex, wie wenn einem der Arzt mit seinem kleinen Hämmerchen aufs Knie klopft und der Fuß wie von selbst nach vorn schießt. Wenn Nora weint, weine ich auch. »Bitte, Fay, ich kann nicht mehr!«

»Lasst sie rein«, blafft Gina.

»Nein«, sagt Fay. Ich kann ihr fieses Echsengrinsen praktisch durch die geschlossene Tür sehen. »Oder willst du mich vielleicht zwingen, Va … Gina?«

Oh-oh.

Nora und ich springen zurück, als auf der anderen Seite der Tür jemand gegen die Wand geschubst wird. Dann hört man eine Weile nur Ächzen und Klatschen und hohes, schrilles Gekreisch. Das Ganze endet mit einem Rumsen, als drinnen jemand zu Boden geht.

Wenn man mich fragt, sind die Chancen ziemlich ausgeglichen. Gina ist zwar die Größte, aber Fay ist längst nicht so zierlich wie Nora und ich. Fay hat breite Schultern und einen richtigen Stiernacken. Außerdem spielt sie Hockey. Sie ist sogar Mannschaftskapitänin oder irgendwie so was, weil sie einfach immer einen Weg findet, zu gewinnen.

Tja, ich weiß ganz genau, wie sie das anstellt. Sie mogelt. Fay mogelt bei allem, ganz besonders beim Kartenspielen. Da zwingt sie immer Nora, ihr ihre besten Karten abzugeben, und wenn Nora nicht will, haut sie sie. Und zwar richtig.

Bridget hat im Badezimmer gerade einen Lachanfall. Dann kracht noch mal irgendwas von innen gegen die Tür, und Nora und ich springen erschrocken zurück, als wir ein Splittern hören. Danach wird alles gruselig still.

»Kinder?«, ruft Mom.

Hinter der Tür wird geflucht.

»Was ist denn da oben los?«, ruft meine Mom. Sie kommt ein Stück die Treppe hoch und sieht Nora und mich vor der Badezimmertür. »Was habt ihr angestellt?«, fragt sie. Ist ja mal wieder typisch, dass sie sich nur dafür interessiert, ob was kaputtgegangen ist.

»Nichts«, sage ich. »Das waren die da drin.«

Meine Mom wirft einen Blick auf Nora und seufzt. »Geh dir eine andere Hose anziehen. Aber wirf die da ja nicht in den Wäschekorb, sonst stinken alle Klamotten danach. Weich sie im Waschbecken in unserem Badezimmer ein.«

Erst jetzt sehe ich, dass Nora sich in die Hose gemacht hat. Sie ist kalkweiß im Gesicht und wirkt wie weggetreten – das hat sie manchmal –, und sie rührt sich nicht vom Fleck, sosehr ich auch an ihrem Arm ziehe.

»Komm mit«, zische ich ihr zu und packe sie fester. Ich versuche, sie zu Moms und Dads Badezimmer zu bugsieren. »Schnell, bevor Fay –« Aber wir sind nicht schnell genug.

»Bevor Fay was?«, fragt Fay und öffnet die Badezimmertür.

»Nichts«, murmele ich und schiebe Nora vor mir her, damit Fay den nassen Fleck hinten auf ihrer Hose nicht sieht.

In dem Moment marschiert Gina an uns vorbei, geht schnurstracks die Treppe runter zur Haustür und verschwindet, ohne auch nur zu frühstücken. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass die Holzverkleidung unten auf der Innenseite der Badezimmertür eingedrückt ist.

Ich sollte vielleicht dazusagen, dass unsere Türen nicht wie die anderer Leute sind. Unsere sind innen hohl und dadurch nicht sonderlich stabil. Wahrscheinlich könnte man sogar ein Loch reinniesen, wenn man zu nah davorsteht.

»Ihr zwei dürft echt nicht immer so wild sein«, tadelt Fay hinter mir. »Ist ja wohl klar, dass ich Mom erzählen muss, was ihr mit der Tür gemacht habt.«

»Was?« Ich bleibe stehen. »Wir waren das doch gar nicht.« Ach nee. Als ob Fay das nicht selbst wüsste. Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Es war halt das Erste, was mir durch den Kopf ging.

»Natürlich wart ihr das.« Fay verschränkt die Arme. »Oder, Bridget?«

»Ich hab’s genau gesehen«, pflichtet Bridget ihr nickend bei und kichert.

Ich mache den Mund auf, um zu protestieren, aber da streckt Fay blitzschnell die Hand aus und schnippt mir gegen den Kehlkopf. Danach fällt mir nicht mehr ein, was ich sagen wollte. Sie und Bridget gehen an uns vorbei.