Beschreibung

Das Gelobte Land: eine finstere Zukunft aus gigantischen Städten und gewaltigen Kathedralen, beherrscht von dem unsterblichen Papst Innozenz XIV. und dessen übersinnlich begabter Priesterschaft. Straßenpriester Desmond Sorofraugh hat im Untergrund seiner Heimatstadt New Bethlehem neue Freunde und einen ebenso gerissenen wie zwielichtigen Mentor gefunden, der ihn in den verbotenen Praktiken des Heiligen Geistes ausbildet. Unversehens offenbart sich ihm jedoch ein Geheimnis, welches so monströs erscheint, dass es ihn voller Zorn als maskierten Vigilanten gegen die eigenen Mitbrüder ziehen lässt. Doch dieser persönliche Kreuzzug zwischen Rache und Gerechtigkeit ruft schnell die Heilige Inquisition auf den Plan. Plötzlich riskiert Desmond nicht mehr nur das eigene Leben, sondern praktisch alles, was für ihn Bedeutung gewonnen hat: seine Freunde, die erste Liebe, die Wahrheit über seine Eltern ... ... und er scheint alles zu verlieren. Der postapokalyptische Epos von Tom Daut geht weiter. Nicht nur für Fans einer wortgewaltigen Dystopie, sondern auch für Leser, die sich gerne kritisch mit Themen wie Religion und Gesellschaft auseinandersetzen.

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Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Lektorat: Papierverzierer Verlag

Cover, Coverlayout: Timo Kümmel

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-305-6

www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis
ANNO SALVATIO 423 – Das Licht der Ketzer
Impressum
Vorwort
Prolog
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Epilog
Tom Daut
Danksagung

Vor den Augen des Herrn sind alle gleich!

Dies geschieht von nun an mit all jenen, die sich an den Rechtschaffenen und Unschuldigen versündigen.

Das Licht der Ketzer.

Wortlaut einer handschriftlichen Botschaft, hinterlassen an dem in gotteslästerlicher Form zur Schau gestellten Leichnam des Oberprimas Jerzy Etherio. Beweismittel 584735/zt/73458. Aufgefunden am Morgen des 5. Tages im Monat des Herrn Mai, Anno Salvatio 424, von Bruder Bricticus, Straßenpriester Kupferflügel-Klasse, im Kaphtor Sektor, Dekanat St. Charity, New Bethlehem, Bistum Rauracense.

Betrifft den Vorfall am Morgen des 5. Tages im Monat des Herrn Mai im Kaphtor-Sektor, Dekanat St. Charity, New Bethlehem, Bistum Rauracense. Erzsünde der Kategorie 1, Verstoß gegen das 6. und 8. Gebot.

Jeder Gläubige,

– der Zeugnis um den Tod des Oberprimas Jerzy Etherio ablegen kann

oder

– der sich in der Nacht vom 4. auf den 5. Tag im Monat des Herrn Mai in der Nähe des Spitals des Heiligen Massa aufgehalten hat,

ist der Heiligen Inquisition umgehend zu melden und/oder zu überführen. Jedwede Beichtabnahme oder Zeugenbefragung ist untersagt!

Gebot S01-424/05/08-4578

durch:

Erzinquisitor Grim, Kardinal der ewigen Passion und Metropolit von Malleopolis

mit dem Segen von:

Innozenz XIV., Heiliger Vater des Gelobten Landes

Prolog

Anno Salvatio 423. Die Turmmeister des Gelobten Landes verzeichneten den Monat Januar, doch ihre Zeitrechnung war in dieser Sphäre nicht von Bedeutung. Es zählte bloß Schmerz. Man konnte hier Jahre der Agonie erdulden, während auf der Daseinsebene der Menschen ein paar Tage vergingen. Genauso gut konnte ein scharfer, schneller Schnitt quer durch die Seele dort ein ganzes Jahrhundert bedeuten.

Der Strom von Zeit und Qual verlief an diesem Ort exakt so, wie sein Herrscher es für den jeweiligen »Besucher« vorgesehen hatte …

Wie sollte man den Verstand behalten, wenn er einem fortwährend in tausend Stücke gerissen wurde? Die Antwort darauf war so offensichtlich wie grausam: gar nicht!

Am liebsten hätte sie sich in einer Ecke zusammengerollt, um der alles erfüllenden Pein irgendwie zu trotzen, aber ihr Körper war ihr vor Jahrhunderten genommen worden und Ecken existierten in dieser Welt nicht. So lag ihr Innerstes aufgebrochen, blank und wehrlos unter jenen zahllosen unsichtbaren Krallen, die alles aus ihr herauszerrten und zerfetzten, was sie ihre Persönlichkeit, ihr Wesen nannte. Nur um es wenig später – oder Jahre später? – wieder in sie hineinzustopfen. Dann wurde ihr eine kurze, schmerzhafte Gesundung zuteil, aber nur, damit die Qualen von vorn beginnen konnten. Immer und immer wieder. Und weder Schreie noch Tränen konnten Zeugnis davon ablegen.

Doch mit einem Mal, nach gefühlten Äonen, setzte die Folter aus. Der Schmerz … klang ab.

Sie wollte es zunächst kaum glauben, doch da, wo gerade noch ein Flammenmeer aus brutaler Pein gebrannt hatte, herrschte nun kühle, lindernde Finsternis. Allein die Tatsache, dass das Leiden endlich ein Ende zu finden schien, kam ihr wie das Paradies vor. Wenn sie wenigstens hätte auflachen können …

Sogleich begann sie das blutige Bündel ihrer Seele Fetzen für Fetzen wieder aneinanderzufügen, aber …

Sie konnte nicht sagen, wie lange sie einfach ausharrte, sich heilte und versuchte, genug Konzentration aufzubringen, um den Eindruck in der neuen Stille einzuordnen. War das der Klang ihres Namens? Es war definitiv so etwas wie ein Geräusch. Einem Hauch gleich schwebte es ungreifbar um sie herum, bis es schließlich ausreichend an Deutlichkeit gewann, dass kein Zweifel mehr bestand: Jemand rief sie. Jemand, der sich direkt vor ihr aus der Finsternis manifestierte.

Schwarze Augen fixierten ihre flüchtige Gestaltlosigkeit. Gerahmt von ebenso schwarzen Haaren straften sie das Lächeln des hageren Gesichts darunter Lügen. »Die Zeit deiner Buße ist abgeleistet. Du erhältst eine letzte Chance, dich zu bewähren.« Regungslos hielt die Gestalt ihre Arme vor der bleichen Brust verschränkt.

Sie selbst war ein flackerndes Licht, eine geflüsterte Idee, die sie irgendwann einmal von sich gehabt hatte. Sie vermochte dem Blick kaum standzuhalten, wollte sich verbeugen, sich zusammenkrümmen, sich verstecken … Es ging nicht.

Das Lächeln der Gestalt wurde nun genauso gefühllos wie der Rest ihrer Miene.

»Noch ist deine Furcht grundlos. Wie ich dir schon versicherte: Es folgt keine weitere Bestrafung. Eine neue Aufgabe erwartet dich und sie wird dir sehr entgegenkommen. Doch missversteh dies nicht als ein Zeichen von Gnade. Diesmal wirst du meinen Anweisungen Wort für Wort Folge leisten …«

XXXII

Anno Salvatio 423. Dezember. Bistum Rauracense, New Bethlehem, Dekanat St. George.

»Wie Ihnen schon der Obere Heiler im Trakt der Konditionierung mitteilte, Priester Sorofraugh, ist das Asyl vom Heiligen Hiob nicht ermächtigt, Informationen über den Büßer Thomas Bate an Dritte weiterzuleiten.«

In der Mitte der gekachelten Gangkreuzung plätscherte einer jener zahlreichen Marmorbrunnen, in dessen Heilwasser geschickte Lazarusjünger eine beruhigende Wirkung hineinzubeten verstanden. Der Generalobere Veranus tauchte seine Hände in das Becken, schloss die Augen und tat genau dies. Von weither schallte Geschrei durch den kaltgrauen Gang.

Desmond stieß ungeduldig, aber kaum hörbar die Luft aus. In seinem schwarzen Talar kam er sich zwischen den weiß gewandeten Heilern mit ihrem blutroten Lazarussymbol auf der Brust völlig fehl am Platze vor. So wartete er, bis der Leiter des Hiobsasyls die Hände wieder aus dem Wasser nahm, sie dem Prävalentheiler neben sich entgegenstreckte und der ihm ein Handtuch reichte. Dann sagte er: »Hören Sie, Vater, ich weiß, dass Sie und mein Onkel ein gemeinsames Interesse an …«

»Oh, nur weil Dekan Sorofraugh uns den intriganten und äußerst unangenehmen Bruder Michaelis vom Hals geschafft hat«, unterbrach ihn der ältere Mann mit der halbrunden Brille, »und nun so ziemlich jeder Jünger des Lazarus von New Bethlehem in einer leitenden Position große Stücke auf ihn hält, heißt das nicht, dass ich mich für seinen Neffen gegen ein Gebot aus New Jericho versündige.«

Die Angelegenheit Bate reichte also bis in die Kurie? Der Generalobere schien Desmonds überraschten Blick zu bemerken, denn er verzog den Mund.

»Schon jetzt ist mir viel zu viel über die Lippen gekommen.« Er gab das Handtuch zurück, zog die Kapuze über den Kopf und setzte sich mit seinem Assistenten im Schlepptau gemächlich in Bewegung.

Desmond folgte ihm durch einen Gang voller Türen mit römischen Ziffern über verschlossenen Sehschlitzen.

»Ihr Standpunkt ist ein durchaus nachvollziehbarer, Vater Veranus«, setzte er erneut an, doch der Generalobere fiel ihm ins Wort.

»Dann kann ich nicht verstehen, was Sie noch von mir wollen, Priester Sorofraugh.«

»Ich war es, der Büßer Bate hier eingeliefert hat und es ist mir ein persönliches Anliegen, dass ich weiß …« Gerade als sie an eine Stelle mit Bogenfenstern gelangten, durch die Strahlen aus dunstigem Tageslicht fielen, wurde Desmond vom Lautsprecherfeld in seinem Priesterkragen unterbrochen.

»Desmond? Was muss ich da hören? Du malträtierst den Generaloberen Veranus mit unangemessenen Fragen?« Desmonds Onkel, der Dekan der St. George. Er klang verärgert.

»Ich …«, probierte Desmond zum dritten Mal einen Satz zu Ende zu bringen.

»Wir reden später darüber. Ich brauche dich im Salome-Distrikt. Und das auf der Stelle. In der Nähe des Handelstempels hat ein Geschmeidehändler einen Diebstahl gemeldet und noch können wir den Sünder mit den Kameras verfolgen, aber es ist aufgrund der Vorweihnachtseinkäufe recht voll. Die Einsatzdaten bekommst du, sobald du im Wing sitzt. Also spätestens in drei Minuten. Amen.«

»Verstanden, Amen.«

Desmond verabschiedete sich von einem nachsichtig nickenden Veranus, bat die himmlischen Mächte für sein innerliches Fluchen sofort um Vergebung und lief zum nächsten Rapidlift. Obwohl er nichts Konkretes herausbekommen hatte, wusste er nun dennoch mehr, als ihm lieb war.

New Bethlehem, Salome-Distrikt, Dekanat St. George.

Konnte es in diesem verfluchten Korridor denn nicht einen Wartungsraum oder wenigstens ein Fenster geben? Vor ihm glitzerten Staubteilchen im gelblich flackernden Licht der Deckenlampen. Hinter ihm lag eine Biegung, von der Schritte hallten. Dazu gesellte sich ein Wummern, als würde jemand gegen Türen schlagen, um zu überprüfen, ob diese aufgebrochen waren. Er brauchte ganz dringend ein Versteck.

Doch der Gejagte hetzte bloß an einer Wohneinheit nach der anderen vorbei und fand sie allesamt verschlossen. Das war die Strafe dafür, dass er sich beim Anblick des landenden Angel’s Wings kopflos in ein Gebäude geflüchtet hatte, anstatt sich unter die Menge der Gläubigen auf den Wallways zu mischen.

Auch wenn es auf der Flucht vor einem Priester nichts als eine leere Geste sein konnte, bekreuzigte er sich und versuchte sein Glück an der nächsten Tür. Über dem verkratzten Namensschild verriet ein grünes Lämpchen, dass die Bewohnerin anwesend war. Er drückte den Türsummer.

»Wer ist da?«, plärrte eine Stimme, offenbar einer alten Dame gehörend, aus der Gegensprechanlage. »Ich erwarte keinen Besuch.«

»Kyrie eleison. Es ist dringend, Madam. Der Blockkontrolle wurde auf dieser Etage ein Gasleck gemeldet. Bitte betätigen Sie keine elektrischen Schalter und lassen Sie mich Ihre Leitungen überprüfen.«

Der Priester musste jetzt jeden Moment um die Korridorecke kommen, aber aus dem verbogenen Lautsprechergitter neben der Tür der Alten drang nichts als leises Rauschen. Der Schweiß lief ihm unter Maske und Mantel in Bächen zusammen. Als er schon fürchtete, dass sein Opfer nicht auf die Nummer reinfallen würde, quietschte der manuelle Riegelmechanismus. Blitzschnell stieß er die Tür auf.

»Sie haben’s aber eilig, junger Mann«, krächzte eine kleine alte Frau. Zu ihrer geblümten Robe trug sie eine lächerlich hohe Mütze, die entfernt an einen Laubhaufen erinnerte. »Und wie einer von der Blockkontrolle sehen Sie auch nicht aus.«

Statt zu antworten, zog er seine Waffe, trat über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich.

Als Desmond in den endlosen Flur der zweiundvierzigsten Etage gestürmt war und ihn leer vorgefunden hatte, war er der Annahme verfallen, der Sünder hätte sich bereits Zugang zu einer der Wohneinheiten verschafft. Doch nun …

Um die nächste Ecke rennend konnte er durch das Monokeldisplay, das als kleiner Ziel- und Informationsmonitor vor seinem rechten Auge klemmte, gerade noch eine zufallende Tür erkennen. Dahinter hörte er gedämpfte Stimmen. Mit wem auch immer die alte Frau da diskutierte, sein Verstand versprühte ein so hohes Maß an Furcht, dass Desmond sie bis hierher spürte.

Er flüsterte in das Empfangsteil seines weißen Priesterkragens: »Bruder Sorofraugh an Kommandoebene St. George: Ich stehe hier vor der Wohneinheit einer gewissen Agatha Theognis in Wohnturm 15 West. Vermutliches Geiselszenario.«

»Kommandoebene St. George an Bruder Sorofraugh«, tönte es in seinem Empfänger im Ohr. »Theognis, Agatha, 82, verwitwet. Allein lebend. Momentan sind offiziell keine Gäste vermerkt, aber sie wissen ja, wie vergesslich die älteren Herrschaften so gegenüber dem Meldedienst sind, Bruder, obwohl er eigentlich ihrem Schutz dient.«

»Gut. Ich gehe entsprechend vorsichtig vor.«

»Hier Zentrale Rauracense an Bruder 037.« Die Bistumsbeamten aus den Turmspitzen mischten sich ein. Welch freudige Überraschung. »Die Gläubige ist schon weit jenseits ihrer Fruchtbarkeitsgrenze. Greifen Sie den Sünder. Egal, zu welchen Bedingungen.«

Desmond schluckte eine Weigerung gegen die herzlose Order hinunter, stellte seine Priesterpistole, den Erlöser, im Holster auf Lazarus und antwortete vorgetäuscht pflichtbewusst: »Verstanden, Zentrale.«

Schließlich hielt er das Kreuz vor den Riegelmechanismus der Stahltür.

Das Schloss gab quäkend den Weg frei.

»Im Namen Gottes und des Heiligen Vaters: Ergib dich!«, rief Desmond, bevor er, Erlöser voran, in die Wohneinheit stürmte.

Der feuchtwarme Vorraum roch nach Mittagessen. Aus der Küche ächzte eine weibliche Stimme: »Hier drin, Vater! Er ist hier …« Ihr Satz endete in einem komprimierten Fauchen und einem roten Flackern: ein Gaslaserschuss.

Desmond warf sich neben den Durchgang zur Küche. Im letzten Moment riss er seinen Erlöser hoch, denn ihm stolperte eine kleine Gestalt mit wirrem Haar entgegen. Während die Frau vor die Flurwand prallte, schrie sie auf und rutschte in einer blutroten Spur an der Tapete hinunter. Der Sünder hielt sie wohl ebenfalls für keine wertvolle Geisel.

Desmond feuerte blind in die Küche, um danach sofort an der Seite der Verletzten in die Hocke zu gehen. Ihre Lider waren geschlossen. Glücklicherweise stellte das Monokeldisplay ihren Herzschlag als schwache Wellenlinie dar, als er mit den Handschuhen über die Schlagader fuhr.

»Kommandoebene St. George. Ich erbitte schnellstens einen Heiler. Der Sünder hat der Gläubigen Theognis in den Rücken geschossen.«

Während er eine Wundklammer aus seinem Heilerpack klaubte und sie auf das verbrannte Einschussloch drückte, hörte er, wie in der Küche ein Fenster geöffnet wurde.

Das anschließende »Fürbitte angenommen« im Ohr wurde von seinen eigenen Betäubungsschüssen übertönt, doch es war bereits zu spät.

Desmond schnellte hoch. Mit ein paar Sätzen war er durch die abgenutzte Küche beim leeren Fenster. Als Erstes flog ihm ein Schwall dicker Schneeflocken entgegen. Beim Hinauslehnen fiel sein Blick nach unten auf ein riesiges, marodes Stahlnetz. Es war von den Anwohnern über einer hinterhofartigen Schlucht an den Gebäuderückseiten verankert worden und diente als Grundfläche für eine Art hängenden Park. Obwohl die illegale Konstruktion und vor allem die rostigen Wandanker alles andere als vertrauenerweckend ausschauten, hatte man Bodenplatten mit Bänken und dämmrig beleuchteten Biosphärenkübeln auf den schwankenden Maschen verteilt. Überall klebte Taubenkot, unter dem zum großen Teil schon Flechten wucherten. Zwischen den Platten und den Maschen taten sich immer wieder große Lücken auf. Desmond wurde allein vom Hinsehen mulmig.

Der Sünder teilte diese Probleme nicht. Über ein System aus verschnörkelten Feuerleitern hetzte er die Fassade hinab Richtung Stahlgeflecht. Offenbar wollte er zu einer Lücke zwischen den Bauwerken am östlichen Ende des Netzes.

Desmond eröffnete das Feuer. Allerdings zischten seine grünen Lasergeschosse nur gegen die Leiter, auf der der Mann im Mantel abwärts stolperte. Seine nächsten Salven wurden zwischen eisernen Handläufen und Stufen hin- und hergeworfen, bis einige von ihnen Funken schlagend in die Geländerholme, die Seile oder die erodierten Wandanker fuhren.

Der Sünder duckte sich und geriet ins Straucheln. Seinen eigenen Sturz konnte er zwar noch mit einem beherzten Griff ans Geländer verhindern, doch gaben nun die getroffenen Holme nach. Laut scheppernd krachte ein Teil des Leitersystems mit dem Sünder darauf ins Gitternetz. Als er sich mühsam zwischen den verbogenen Streben wieder hochrappelte, hörte man die Seile unter der Extrabelastung knarzen und ächzen.

Desmond legte erneut an.

Genau in dem Moment rissen die ersten Verankerungen aus den Wänden. Erst eine, dann zwei, dann pfiffen immer mehr Metallseile durch die Luft. Indem der Sünder die Arme hochwarf, fiel er wieder hin. Die schneebedeckten Biosphärenkübel knackten, gerieten ins Rutschen und schrammten über die Bodenplatten, auf denen sie gestanden hatten. Tische und Stühle folgten ihnen.

Panisch krabbelte und hangelte sich der Verfolgte jetzt von einer Masche zur nächsten. Er musste sein rechtes Bein mehrmals aus dem sich auflösenden Geflecht winden, doch schließlich erreichte er die rettende Kluft zwischen den Wohntürmen. Kaum torkelte er in die Sicherheit des nächsten Wallways, polterte hinter ihm die gesamte rechte Hälfte des Parks in die Tiefe. Auf welchem Dach die Trümmer auch immer einschlagen würden, Desmond wollte sich ihnen nicht anschließen, also musste er zum Vordereingang des Wohnturms zurück.

Er stieß er sich vom Fenster ab und rannte wieder in den Korridor, da tönte aus seinem Empfänger: »Hab ich dich, du Abschaum!«

Im Monokeldisplay tauchten Kennnummer und Konterfei von Bruder Salomo auf.

»Hier Bruder Sorofraugh an Kommandoebene St. George. Ich befinde mich jetzt auf dem Wallway vor Wohnturm 5-901-6. Meine Peilung ist unklar und Bruder Salomo reagiert nicht auf Ansprache. Ich erbitte seine genaue Position.«

»Kommandoebene an Bruder Sorofraugh. Salomo hat sich zuletzt von der Nordostecke des Wallways gemeldet. Bevor er den Sünder stellen oder fixieren konnte, hat dieser eine Geisel genommen und von Salomo verlangt, den Funkverkehr einzustellen.«

Bruder Frischling hatte den Kerl also weder überrumpeln noch entwaffnen können. Er ließ sich sogar Vorschriften von ihm machen. Seit Sem Jonas, ein St.-George-Priester der Goldflügelklasse und ständiger Stachel in Desmonds Fleisch, von seinem Onkel wegen der verunglückten Verfolgungsjagd suspendiert worden war, fehlte Adam Salomo eindeutig die führende Hand.

»Sorofraugh hier. Habe verstanden. Fünfte Ebene, Nordostecke des Tempels der Händler. Melde mich nach Vollzug. Amen.«

»Sobald sie verfügbar ist, schicken wir weitere Verstärkung ins Einsatzgebiet. Amen.«

Desmond checkte im Monokeldisplay kurz die Daten, die durch die ID-Erkennung der Drachentürme von St. George gelaufen waren: Mit sechsundfünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit handelte es sich bei dem Delinquenten um einen notorischen Gewohnheitsfrevler aus dem Hain-Mamre-Sektor. Allerdings verdeckte die Kapuze des Kerls auf jeder Aufnahme einen entscheidenden Teil des Gesichts. Desmond lachte innerlich. Raten hätte er selber gekonnt.

Eisiger Wind trieb Schnee um seine Stiefel und riss an seinem Umhang. Auch wenn er sie nicht besonders mochte, zog er die Umhangkapuze über die weißen Haare, um sich danach mit dem linken, monokelfreien Auge vor dem Gebäudeturm umzublicken. Schneegestöber und jede Menge Menschen. Zum Glück wollte keiner der dick bepackten Gläubigen einem Straßenpriester im Einsatz in die Quere kommen. Alle machten einen großen Bogen um ihn. So konnte er ungestört durch den kalten Matsch nach Nordosten laufen.

Er war gerade an der mit Kreuzen verzierten Fassade des Handelstempels angelangt, da meldete sich sein Empfänger wieder.

»Zentrale Rauracense an Bruder 037.« Mussten sich die Bistumsbeamten unbedingt wieder einmischen? Ärgerlich. »Verbales Update zum Einsatz von Bruder 579: Bei der Geisel handelt es sich um ein Kind, dessen Ableben um jeden Preis zu verhindern ist. Vielleicht können Sie den Sünder davon überzeugen, es gegen einen Erwachsenen auszutauschen. Bei dem müssen Sie lediglich sicherstellen, dass er im Glauben stirbt, um den Einsatz erfolgreich abzuschließen. Amen.«

»Verstanden, Zentrale Rauracense. Ich werde sehen, was ich tun kann. Amen.«

Vom Sünder zum Büßer, zur Reue, zur geretteten Seele. Das Mantra der Straßenpriester schien bei den Schnüfflern in den Spitzen der Drachentürme keinen Wert zu haben. Dennoch würde hier heute niemand sterben. Bei dem Gedanken betete Desmond still ein Genesungsgebet für Agatha Theognis und marschierte weiter.

Nachdem er am letzten riesigen erodierten Metallkruzifix vorbei war, konnte er durch die Passage des nordöstlichen Eckturms Bruder Salomo ausmachen. Noch gute hundert Meter Entfernung. Desmond trat aus dem schaufensterbeleuchteten Tunnel ins Freie und zückte den Erlöser.

Die Vergrößerung des Monokeldisplays zeigte, wie sich die Gläubigen eiligen Schrittes in Sicherheit brachten, bevor sie an Salomo heran waren. Wovor, das ließ das grünstichige Bild nur erahnen. Für eine Sekunde blitzte ein Arm auf, der eine wesentlich kleinere Person umklammerte. Das sah übel aus.

Salomo bewegte sich äußerst behutsam vorwärts, deswegen war Desmond, bedacht darauf, dessen Rücken als Sichtschutz zwischen sich und den Angreifer zu bringen, rasch auf Hörweite heran.

»Wie weit ich damit komme, werden wir dann sehen«, sagte eine heisere Stimme. Dann fauchte ein Schuss auf und Desmonds Mitbruder knickten die Knie ein. Er stieß gegen die steinerne Balustrade des Wallways und fiel in den Schnee. Seine Vitalwerte im Monokeldisplay sanken auf Nulllinie.

Desmonds Erlöser ruckte hoch.

Kaltblütig ins Gesicht geschossen, dachte er.

Salomos Mörder zeigte sich ähnlich geschockt. »Also wirklich, kaum ist man einen von euch Hostienfressern los, da taucht der nächste auf.« Er presste einen blonden Jungen im selben Alter wie Kieran, Nodrims Sohn aus dem Kavernendorf, an sich. Jetzt sah Desmond den Sünder das erste Mal aus der Nähe: Sein Mantel machte den Eindruck, als würde er in einem geschlossenen Raum ziemlich stinken und die Farbe dieses aufgeschwemmten Gesichts sah alles andere als gesund aus. Wahrscheinlich ein Unterprivilegierter der Bodenebene. Während er dem Kind den Lauf einer ausgemusterten Militärwaffe an den Kopf hielt, schritt der Kerl langsam weiter rückwärts.

»Im Namen des Herrn!«, rief Desmond. »Wo immer du die Pistole auch herhast: Lass sie fallen und gib den Jungen frei, sonst wirst du es büßen!« Er wollte sich in den Verstand des Mannes stehlen, aber wie auf den Bildern der St. George verschwanden seine Augen ständig unter dem dreckverkrusteten Rand seiner Kapuze.

»Ihr Vorgänger hatte den gleichen Wunsch, Vater. Man sieht ja, was es ihm gebracht hat.«

»Ein Schicksal, das dir ebenso gewiss ist wie die Verdammnis, Sünder, wenn du dich nicht stellst.«

»Pah. Solange ihr Schwarzröcke nicht ein unschuldiges Kind auf dem Gewissen haben wollt, habt ihr hier gar nichts zu sagen.«

Den Geiselnehmer über den Lauf des Erlösers beobachtend, folgte Desmond ihm Schritt für Schritt. Das Visierfeld im Monokeldisplay lud mit beständigem Blinken zu einem erfolgreichen Treffer ein, doch Desmonds Abzugsfinger blieb aufgrund der Gefahr für das Kind starr. Vielleicht konnte er wenigstens die Angst des Jungen beschwichtigen. Wäre ihm so etwas vor einem halben Jahr noch völlig egal gewesen, war es ihm das jetzt, nachdem er das Leid der Ketzerseelen geteilt hatte, nicht mehr. Also streckte er seine Fühler im Heiligen Geist aus.

Die Anspannung der kleinen Geisel wich. Dafür verstärkte sich der Griff ihres Peinigers. Als der Junge aufstöhnte, war der Kontakt zu seinen Augen, und somit zu seinem Bewusstsein, dahin.

Salomos Mörder stapfte rückwärts durch den Schneematsch, das Kind nicht mehr als eine willenlose Puppe in seinem Arm. Mittlerweile präsentierte sich der Wallway menschenleer.

»Keiner will dem Jungen Schaden zufügen, mein Sohn.«

»Das glaub ich Ihnen glatt, Vater. Aber was wird aus mir?«

»Vergebung ist immer möglich«, trachtete Desmond sein Gegenüber aufs Neue zu beruhigen, doch immer noch vermochte er dessen Blick nicht zu bannen.

»Für einen Priestermörder? Ich warne Sie! Wenn Sie mich verarschen wollen, bereuen wir das alle.« Jetzt drückte er dem Jungen die Mündung seiner Waffe direkt gegen die Schläfe und presste die Lippen zusammen.

Im Rücken der beiden tauchte das Eingangsschott zum Händlertempel auf. Durch die gläsernen Türflügel konnte Desmond beleuchtete Ladennischen und eine kunstvoll konstruierte Rapidlift-Phalanx erkennen. Gläubige, die die Vorhalle des Tempels verlassen wollten, drehten um, sobald sie mitbekamen, was sich vor dem Gebäude abspielte.

Die Türen fuhren automatisch zur Seite und der Geiselnehmer vergewisserte sich mit einer winzigen Kopfdrehung, dass er die Säulen vor den rundgeschwungenen Türen passierte, ohne anzuecken. Dann zog er den Jungen zu den Fahrstühlen in der Mitte der Halle. Desmond zielte auf die blasse, aufgeschwemmte Verbrechervisage.

»Dort drin wird es genauso wenig Errettung oder Entkommen geben wie im Wohnturm vorhin. Ergib dich in Gottes Gnade! Auf der Stelle!«

Der Sünder atmete schwer. Hinter ihm floh die Kundschaft des Tempels in die beiden breiten Gänge jenseits der Rapidlifte und die Händler gingen in ihren Ladenlokalen in Deckung. Im Nu war auch die Vorhalle wie ausgestorben. Einzig die Schritte des Gebotsbrechers auf dem Marmor und das Schnaufen seines Opfers waren zu hören. Die beiden bewegten sich immer weiter auf die Rapidlifte zu. Über die dreckigen Wangen des Jungen zogen sich Tränenspuren.

Desmond blinzelte den schmelzenden Schnee, der aus seinen Brauen lief, fort.

»Passen Sie gut auf, Vater«, nahm der Sünder das Wort wieder auf. »Der Kleine und ich machen jetzt eine Reise.« Ein Blick auf das Lanzenkreuz an Desmonds Brust ließ ihn zögern. »Blockieren Sie den Lift an einer, sagen wir mal … ungünstigen Stelle, finden Sie nach dem Öffnen der Türen nur noch zwei Leichen. Keine Absolution, keine Reue, kein Paradies. Für mich nicht und für den Kleinen auch nicht.«

»Das ist eine Lüge!«, rief Desmond dem Jungen zu. »Dieser Mann will nur Zweifel in dir säen.« Abermals scheiterte er daran, den Blick des Sünders zu fixieren. Jedes Mal, wenn er unter dem Rand seiner Kapuze hervorlugte, starrte er ausschließlich auf die Erlösermündung. Desmonds Mundwinkel zuckten angespannt. Die kleine Geisel strahlte nun pure Verzweiflung aus. Wenn das so weiterging, würde er die beiden tatsächlich verlieren. Sogar für Gott.

Er sammelte seine Gedanken. Für einen Unterprivilegierten hatte der Mann einen auffällig guten Umgangston und er schien keineswegs dumm zu sein. Vielleicht ließ er sich doch noch mit klaren Worten zur Vernunft bringen.

»Begreife doch, mein Sohn. Du kannst nirgends hin. Selbst wenn ihr unbemerkt aus diesem Fahrstuhl herauskommt – meinst du etwa, meine Brüder und ich würden dich aus dem Gebäude lassen? Gottes Augen sind überall.« Er nickte in Richtung einer der zahlreichen Überwachungskameras.

Aus dem gemeinen Lächeln des Sünders blitzten schneeweiße Zähne. »Lassen Sie das mal ganz meine Sorge sein, Vater. Und im Notfall«, er zerrte den Kopf des Jungen herum, »habe ich ja noch eine kleine Versicherung.«

Wo blieb nur die Verstärkung? Der Typ hatte gerade einen Priester getötet. Er stand buchstäblich mit dem Rücken zur Wand und Verzweiflung war nie eine gute Motivation.

Im Monokeldisplay zeigten sich neun Kennnummern von Brüdern, die sich auf den oberen Etagen verteilten. Alle ausnahmslos Freunde von Sem Jonas. Keiner von ihnen hatte sich über Funk bei Desmond gemeldet. Hielt das Bistum sie zurück, damit die Situation nicht eskalierte? Ein Unschuldslamm, wer das dachte! Vermutlich lasteten sie ihm Salomos Tod an und begaben sich deswegen nicht unter sein Kommando.

Nun waren die beiden bei den Liften angelangt und die Pfeilanzeige des mittleren signalisierte, dass sich die Kabine jede Sekunde öffnen würde. Desmond gingen Zeit und Möglichkeiten aus. Wenn der Sünder es hinein schaffte, würde der Junge sterben. Desmond musste ihn irgendwie aus der Gleichung entfernen … Die Fesslungskinese! Riskant, aber das Einzige, was ihm noch einfallen wollte.

Er betete den Heiligen Geist in seinen linken Zeigefinger und streckte ihn.

Der Lift ließ ein deutliches »Ping« erklingen. Die Türen fuhren auseinander und für den Bruchteil einer Sekunde schaute der Sünder wieder nach hinten.

Augenblicklich ruckte Desmond den Jungen mit der Kraft Gottes aus seinem Finger von der Mündung weg.

Während der Kopf des Sünders herumfuhr, schoss er. Genau wie Desmond. Der erste Schuss grub sich in Marmor, doch Desmonds Projektil nagelte sich in die Stirn des Sünders.

Fassungslos sah er, wie das komprimiert grellgrüne Gas ebenso grüne Flammen unter der Kapuze hervorlecken ließ und sie in Brand steckte. Der Getroffene griff sich mit einem Aufschrei ins Gesicht. Die Militärpistole schlitterte über den nassen Boden. Der Junge flitzte Richtung Ausgang, rutschte aus und blieb liegen.

Es war doch nur ein verdammter Betäubungsschuss, dachte Desmond und warf sich auf den schreienden Mann, um die Flammen mit dem Umhang zu ersticken. Es gelang ihm. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, blickte er auf die zitternde Gestalt am Boden. Die Fesslungskinese konnte er sich sparen. Das Wimmern des Kerls klang erbärmlicher als das des liegengebliebenen Kindes. Ohne einen Heiler würde der nirgends mehr hingehen.

»Hier Bruder 037 am Tempel der Händler, nördliche Eingangshalle, sechsundvierzigste Etage«, sprach Desmond ins Empfangsteil des Priesterkragens und klemmte sein Monokeldisplay daneben. »Ich melde Vollzug. Leider hat der Gebotsbrecher Bruder Salomo kurz vor meinem Eintreffen getötet. Möge Gott seiner Seele gnädig sein. Ach ja: Senden Sie uns bitte einen Lazarusgleiter! Der Ergriffene hat schwere Verbrennungen erlitten.« Betroffen starrte er auf die aufgeworfene schwärzliche Haut unter der Kapuze und setzte nach: »Im Gesicht.«

»Hier Zentrale Rauracense. Gott segne Sie, Bruder Sorofraugh. Wir schicken sofort einen Lazarusgleiter an Ihre Position. Das mit Salomo ist bedauernswert. Sein Überleben hätte Bonusprivilegien für den Einsatz gebracht. Möge der Herr ihn in seiner Gnade aufnehmen. Die Angehörigen werden umgehend verständigt. Amen.«

Resigniert klaubte Desmond seinen Erlöser vom Boden. Erste Ladenbesitzer gafften wieder durch ihre Schaufenster und das Wimmern des Verletzten hatte sich in ein pfeifendes Röcheln verwandelt.

Desmond ging neben dem Jungen in die Hocke. Der verwaschenen Jacke und der beuteligen Hose nach stammte er wohl von der gleichen Ebene wie der Täter.

»Dir wird nichts mehr geschehen. Du bist zurück im Schoß des Herrn.«

Statt die tröstende Hand auf seiner Schulter zuzulassen, fuhr der Junge hoch. Desmond hatte ihn mit dem Heiligen Geist beruhigen wollen, doch das kindliche Bewusstsein peitschte kaltes Entsetzen gegen sein eigenes. Erst umfing Desmond Schwärze. Dann sah er durch die Augen seines Gegenübers einen großen dunklen Schatten, der sich über ihn beugte, sah, wie das Heilige Kreuz von dessen Brust baumelte, aber … Der schwarze Schatten legte sich über ihn. Sein gesamter Körper war vor Furcht gelähmt. Nicht einen Finger konnte er …

… bewegen. Alles, was Desmond noch mitbekam, war, wie das Kind durch die Glasflügeltüren nach draußen schoss. Entkräftet sackte er zusammen, stützte sich auf dem nassen Marmorboden ab und schüttelte den Kopf, als könne er die Fesseln seiner Angst so abstreifen.

Die ersten Gläubigen wagten sich nun scheu aus den Geschäften, doch wusste offenbar keiner so recht, was man von einem Priester halten sollte, der nach einer Sünderhatz zusammenklappte und seinen Zeugen entkommen ließ. Getuschel setzte ein.

Da sprang ein zweiter Rapidlift auf und drei von Desmonds Brüdern betraten die Halle mit klirrenden Kreuzketten und ihren Erlösern in den Händen.

»Bruder Steven hier. Wir haben den Schweinepriester sicher.« Beim Blick durch die Halle blinkte das Monokeldisplay des Sprechers. »Wo ist die Geisel?«, wollte er von Desmond wissen.

Der antwortete abweisend: »Abgehauen.«

Wie große Krähen stürmten nun weitere Mitglieder der Priesterkaste mit wehenden Talaren und Umhängen durch den Eingang. Sie sperrten in gewohnter Routine den Tatort ab, aber keiner von ihnen würdigte Desmond auch nur eines Wortes. Adam Salomos Tod war Öl in das Feuer gewesen, das seit Jonas’ Bestrafung in ihnen schwelte. Nun hatte es Sorofraughs Neffe in ihren Augen auch noch versiebt. Und das maximal.

Desmond brachte weder die Lust noch die Energie auf, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Er wollte so schnell wie möglich weg von hier, musste in sich gehen, um herauszubekommen, was mit diesem Kind nicht gestimmt hatte.

Leider konnte er seinem Impuls nicht sofort folgen. Vor dem Eingang wirbelte ein landender Lazarusschweber Schnee gegen die Glasfront. Desmond musste bleiben, bis die Heiler den Geiselnehmer auf eine Trage verfrachtet hatten und er ihnen berichten konnte, was vorgefallen war. Im Anschluss setzte die St. George ihn über das Ableben von Agatha Theognis in Kenntnis.

Traurig trottete Desmond über den verlassenen Wallway zurück zu der Stelle, an der Salomo lag und wie das Protokoll der Vierzehn Bistümer es ihm zugestand, erteilte er seinem Bruder die Letzte Ölung, damit er in die Arme des Herrn fand.

XXXIII

Desmond gesellte sich zu Nodrim und Calla, die den Wiederaufbau am Kavernendorf überwachten. Die Architektin und der Versammlungsführer standen, die eine in ihrem Overall und der andere in seinem gewohnt lumpigen Gewand, vor einem Berg aus Baumaterial und Schutt. Es herrschte das übliche halb geordnete Ketzerchaos aus quietschenden Ladekränen, Werkzeughämmern und Gaslaternen, die gegen aufgewirbelten Staub ankämpften. Desmond stellte verwirrt fest, wie sehr ihm Callas kurze Haare mittlerweile gefielen. Obwohl überaus ungewohnt, passte die Frisur doch gut zu ihren definierten Wangenknochen und den vollen Lippen. Sie schaute ihm fragend in die Augen.

»Wie geht es voran?«, fragte Desmond irritiert. Er war nicht sicher, wie lange er Calla schon gemustert hatte.

Nodrim brummte: »Dafür, dass du und Fate hier vor drei Wochen alles kurz und klein geschlagen habt? Hervorragend.«

Desmond erinnerte sich nur zu lebhaft daran, wie sie zusammen einem fliegenden Monster durch die engen Gassen zwischen den Häuschen hinterhergejagt waren, während alle Ketzer um sie herum die Flucht ergriffen hatten. Wie sie es dann hatten stellen können und er ihm den Kopf abgetrennt hatte, stand Desmond noch deutlicher vor Augen.

»Wenn weiter alles so flott geht wie bisher«, ergänzte Calla Nodrims Worte, »werden die Bewohner der zweiten Ebene ihre Hütten bald wieder beziehen können.« Sie strich sich durchs schwarze raspelkurze Haar. »Na ja, jedenfalls die, die eure Schlacht mit Iskariot überlebt haben.«

Warum überkam Desmond reflexartig das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen? »Das war nicht unsere Schlacht, sondern der Aufstand eines Dämons, der sich bei euch schon eingeschlichen hatte, bevor ich diesen Ort hier überhaupt kannte. Und Fate und ich haben hier nicht alles kurz und klein geschlagen, sondern wir haben die Kaverne vor dem Untergang bewahrt. Soweit ich mich erinnere, hattet ihr daran einen nicht gerade kleinen Anteil. Also: Wer von euch ohne Sünde ist, der … ihr wisst, was ich meine.«

Nodrim kratzte sich am nachsprießenden Bart. »Ja, ja, ja, schon klar. Ich bin schließlich mittendrin gewesen. Allerdings drängt sich mir der Verdacht auf, dass sich eine dezentere Lösung gefunden hätte, wenn ihr uns etwas früher in Iskariots wahres Wesen eingeweiht hättet.«

»Glaub mir, Fate und ich haben uns die Gehirne verbogen, aber die Zeit war dafür einfach noch nicht reif. Mit diesem Ausbruch hat Iskariot uns schlichtweg überrumpelt.«

»Tz, Schwarzröcke! Wenn sie keine Bibelstelle zitieren können, flüchten sie sich in Ausreden.«

»Jetzt hört schon auf zu streiten«, schaltete Calla sich wieder ein. »Außer dir, Nodrim, macht niemand hier Desmond oder dem Stern der Ungläubigen einen Vorwurf. Also gib Ruhe.«

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, senkte ein muskelbepackter Arbeiter, der gerade zwei Stahlträger an ihnen vorbeischleppte, ehrerbietend das Haupt vor Desmond.

Über Nodrims Nase bildete sich eine steile Falte. »Die meisten ahnen auch nicht, dass er und Fate über Iskariot Bescheid wussten. Aber sei’s drum. Desmonds allgemeine Beliebtheit kommt mir sogar ziemlich gelegen. Ich …«

»Hey!«, rief Calla einem Kranführer zu, der offensichtlich vor den Neuzugängen aus Nicopolis damit angeben wollte, dass die Eigenkonstruktionen der Ketzer den Maschinen an der Oberfläche in nichts nachstanden. »Du dämlicher Stumpforfel! Das ist viel zu viel Last!« Heftig gestikulierend lief sie dem schwankenden Metallarm entgegen.

Nodrim ergriff die Gelegenheit sowie Desmonds Ärmel und zog ihn in eine der noch leeren schwarzen Steinhütten der unteren Etage.

»Was ich dir jetzt sage, muss unter uns bleiben«, begann er mit gesenkter Stimme.

»Fängt das schon wieder an? Eigentlich war ich hier aufgetaucht, um dich und Calla zu einer kleinen Feier am ersten Weihnachtstag einzuladen, und jetzt kommst du mir mit neuen Geheimnissen. Ich dachte, genau deswegen wärst du gerade sauer auf mich.«

»Das war nicht so ernst gemeint, wie’s klang. Kann ich mich nun auf deine Verschwiegenheit verlassen, oder wie sieht’s aus?«

»So Gott will, hast du mein Wort und meine Aufmerksamkeit dazu.«

»Gut. Pass auf: Durch euren Sieg über Iskariot hat sich das Kräftegleichgewicht der Ketzergemeinde erneut verschoben.«

Es ging also mal wieder um Politik. Desmond schwante nichts Gutes. »Und?«

»Jetzt laufen Fate nicht nur die Ketzer aus Nicopolis hinterher, er legt auch ein besorgniserregendes Augenmerk auf Iskariots ehemalige Anhänger.«

Ja, auch das war eins der vielen Talente von Desmonds Mentor. Er verstand es, ehe man es sich versah, aus ehemaligen Feinden Verbündete zu machen. »Und weiter? Fürchtest du wieder um den Einfluss der anderen Versammlungsführer oder wie darf ich das verstehen?«

»Richtig. Ist ja wohl auch nichts Verwerfliches dran.«

Desmond seufzte. »Und welche Rolle soll ich bei der Lösung dieses Problems spielen?«

Nodrims Stimme hatte jetzt fast einen Flüsterton angenommen. »Wir bieten dir Nelson Tofflers Sitz bei den Dreizehn an. Abgesprochen ist schon alles und er, Cartago und ein paar der anderen Versammlungsführer sehen das genauso wie ich: Außer mir bist du der Einzige, der ein ausreichendes Gegengewicht zum gefallenen Propheten bilden kann.«

Desmond glaubte, sich verhört zu haben. Erst hatte sein Onkel es geschafft, ihn in seinen Geheimbund zu werben, und nun sollte er auch noch den Wortführer bei den Dreizehn mimen? Er war ein Straßenpriester, jemand, der mit dem Erlöser und dem Heiligen Geist Sünder in die Kathedrale schleifte, kein Politiker oder Ränkeschmied. Obwohl …

»Unter gewissen Umständen würde ich mich darauf einlassen.«

»Unter welchen Umständen?« Nodrims Tonfall wurde noch vorsichtiger.

Desmond schloss die Augen und erkundete mit dem Heiligen Geist die nähere Umgebung: niemand, der sie bewusst belauschte. Gut. Zwar konnte er weder Fate noch den Professor ganz ausschließen, da der eine sich wohl auf der übersinnlichen Ebene tarnte, während der andere aufgrund seiner psychischen Einschränkungen nicht zu erspüren war, dennoch wusste Desmond, dass beide im Moment weit von hier entfernt zu tun hatten.

»Mein Onkel hat eine Stille Bruderschaft gegründet«, eröffnete er Nodrim und berichtete von Dekan Sorofraughs Vorhaben, die Ketzer an seinen Plänen teilhaben zu lassen.

»Wir sollen was tun?« Jetzt war es Nodrim, der seine Verblüffung nicht verbergen konnte.

»Wir stellen verlässliche Teams zusammen, die in den Dekanaten St. Habakuk und St. Mafalda neue Untergrundzellen gründen. Dekan Henoch und Dekan Aram sind eingeweiht. Sie warten schon auf uns. Mit ihrer Hilfe können wir in den umliegenden Dekanaten operieren und werden immer wissen, wo es etwas zu holen gibt und wie wir rankommen.«

»Moment mal …!«

»Überleg doch: Endlich hört das Verstecken in der Dunkelheit auf. Die Ketzer können an die Oberfläche und sich nehmen, was sie brauchen. Daran ist doch so vielen hier unten immer noch gelegen. Gerade Fates Anhängern.«

Nodrim sah aus, als wolle er sich etwas greifen und durch den Raum werfen. »Dein Onkel, der Dekan? Und wir sollen uns von anderen Dekanen für ihre Zwecke einspannen lassen? Nur zu deiner Information: Wir leben hier unten, um nicht mehr vor den Schwarzröcken zu buckeln. Du sollst die Macht der Dreizehn erhalten, nicht an jemand anderen übergeben.«

»Der Einfluss der Dreizehn würde sogar über die Kaverne hinausgehen. Und wir lassen uns nicht von den Dekanen gängeln, wir arbeiten Seite an Seite mit ihnen. Da sie ein fester Teil der Verschwörung sind, haben wir sie in der Hand und nicht umgekehrt. Die Ketzer stehen schließlich schon auf der anderen Seite der Zwölf Gebote. Die Dekane nicht. Somit haben sie wesentlich mehr zu verlieren als wir.«

»Für meinen Geschmack hört sich das alles viel zu sehr nach Fate an. Du treibst uns von der Dunkelheit in die Finsternis. Keiner der anderen Versammlungsführer wird dabei mitziehen. Kratzt es dich jetzt schon an der gleichen Stelle wie Bogdan? Oder ist es viel mehr dein Onkel, den wir fürchten müssen, und nicht Fate? Was habt ihr wirklich vor, Vater Sorofraugh?«

»Die Zukunft dieses Landes ändern, das ist es, was ich will. Für dich. Für mich. Für Kieran. Denk an deinen Sohn. Wäre es nicht schön, wenn er wieder im Tageslicht aufwachsen könnte?«

»Idealistisches Gewäsch.« Nodrim ballte die Fäuste. »Was soll diesen Phrasen folgen? Wenn zum Tageslicht noch ein Leben in Gerechtigkeit käme, dann wäre das für mich eine Idee, für die ich bereit bin, zu kämpfen. Die Frage ist nur, wie weit die Dekane für solche Ideale gehen. In der Regel führen die ihre Schafe nur zur Schlachtbank, anstatt sich die Finger selber schmutzig zu machen.«

»Das würde mein Onkel niemals zulassen. Seiner Ansicht nach gibt es im Leben mehr Dinge, für die es sich lohnt zu sterben, als welche, für die es sich lohnt zu töten.«

»Dein Onkel, dein Onkel! Wie kannst du dir sicher sein, dass er kein falsches Spiel treibt? Der Kerl ist schließlich Kathedralsherr, eine Dornenkrone. Die Kerle lügen sogar beim Segnen.«

»Immerhin steht die Kaverne jetzt schon über ein halbes Jahr unter seinem Schutz. Er hat uns bei Tabeas Befreiung geholfen und die Ketzergemeinde in Ruhe gelassen, obwohl er wusste, dass ein Dämon hier unten haust.«

»Ihn hast du ins Vertrauen gezogen, mich nicht«, gab Nodrim ärgerlich zurück.

»Weil er uns als Einziger das Sanktuariumssilber besorgen konnte, mit dem wir Iskariot besiegt haben. Mein Gott!«

Jetzt stemmte Desmonds Gegenüber eine Hand in die Hüfte und fuchtelte mit der anderen vor seinem Gesicht herum. »Egal, was dein Onkel tut: Die Ketzer werden nie glauben, dass Hostienfresser gemeinsam mit ihnen gegen andere Hostienfresser kämpfen. Dich halten sie für eine glorreiche Ausnahme, nichts anderes. Schlag dir die Geschichte aus dem Kopf, Sorofraugh.«

»Ist das dein letztes Wort?«

»Mein allerletztes. Richte deinem Onkel schöne Grüße aus, ich weiß seine Unterstützung zu schätzen, aber mit einem Zusammenschluss mit ihm oder irgendeinem anderen Dekan braucht er uns nicht zu kommen.«

»Warten wir es ab. Vielleicht denkst du in ein paar Wochen anders darüber.«

»Du weißt, dass man sagt, ich wäre sturer als die Felsen hier unten?«

»Auch der dickste Stein weist irgendwo eine kleine Ritze auf. Aber lass uns die Sache für heute einfach vergessen. Mein Tag war ohnehin nicht gerade der erfolgreichste.«

»Wenn Ihr eine Schulter zum Ausheulen braucht, Vater: Mein Beichtstuhl ist offen.« Nodrim zwinkerte verschwörerisch und lächelte wieder.

Desmond überlegte eine Sekunde, dann berichtete er von seinem letzten Sündengriff und dem eigenartigen Verhalten des blonden Jungen.

»Und dieser Kerl, den du hochgenommen hast, hat eine Maske getragen?«, wollte Nodrim am Schluss wissen.

»Nicht nur das. Unter seiner schäbigen Aufmachung trug er einen ganz schicken Zwirn. Nach der Liftfahrt hätte er das Kind in irgendeiner Abstellkammer getötet, seine Kleidung samt Gesicht gewechselt und dann wäre er einfach so rausspaziert.«

»Aus welchem Material war denn diese Maske?«

»Keinen blassen Schimmer. Die Trankmischer der St.-Patroclus-Basilika befassen sich mit den Überresten. Hoch entzündlich, das ist alles, was sie wissen. Wahrscheinlich beißen sie sich die Zähne aus und müssen den Fall später an den Industrieadel abgeben.«

»Meinst du, Jackdaw könnte das Material nachbauen?«

»Ehrlich gesagt glaube ich, dass das selbst Daniels Fähigkeiten übersteigt.«

»Schade. Wäre bestimmt ganz hilfreich.« Er ging kurz in sich und sagte dann: »Und du willst also eine Weihnachtsfeier veranstalten?«

Desmond, den der plötzliche Themenwechsel überraschte, nickte.

»Sagen wir es mal so: Gib der Veranstaltung einen anderen Namen und lade noch Toffler und Barc Anastic ein, dann werden ich und Kieran kommen. Außerdem bereite ich etwas vor, das dir zeigen wird, wie unmöglich ein Zusammenschluss der Ketzer mit Brüdern von Gottes Schild ist. Solltest du danach immer noch Argumente wissen, verhandeln wir erneut. Andernfalls nimmst du deinen Platz bei den Dreizehn ein und ich muss mir den Unsinn nie wieder anhören.«

»Aber was war mit dem Kleinen im Tempel der Händler los?«

»Kläre ich auch. Doch alles zu seiner Zeit, Sorofraugh. Alles zu seiner Zeit.« Nodrim spuckte in seine Rechte und streckte sie Desmond entgegen. »Haben wir eine Abmachung?«

Desmond schlug ein. »Haben wir.«

In rasanter Abfolge klatschten Fates Tritte und Schläge auf Desmonds nackte Rumpfmuskeln. Der hielt mit den Abwehrblöcken, die sie in den letzten Tagen bis zum Erbrechen geübt hatten, dagegen.

Fate machte einen schnellen Schritt rückwärts und begab sich in Verteidigungsstellung. »Gut. Das ist das erste Mal, dass ich dir keinen blauen Fleck verpasst habe. Es geht langsam, aber du lernst dazu.«

Desmond ließ den Spott von sich abprallen, da ihm bewusst war, dass sein Mentor mit mehr kämpfte als nur bloßen Füßen und Fäusten.

»Die Kampfmönche an der Katholischen Akademie waren immer zufrieden. Allerdings stünde mir der Sinn viel mehr nach einem anderen Training.«

Er krallte sich mit dem Heiligen Geist an die unebene Felsdecke, dann sprang er in einem riesigen Satz über den Kopf seines Meisters. Drei Meter hinter ihm federte er sich auf einer der alten Dämmplatten ab, die überall herumlagen.

Fate verzog anerkennend den Mund. »Ein Sprung mit dem Heiligen Geist, eine Landung im Stand und alles, ohne sich zu übergeben. Beeindruckend. Aber deine kinetischen Kräfte trainieren wir erst wieder, sobald hier die nötige Ruhe eingekehrt ist.«

Desmond spannte die Muskeln unter seiner dunklen Tuchhose an. »Calla meinte, dass bald alle Hütten wieder stehen werden. Allerdings macht Nodrim sich große Sorgen, weil du dich so sehr für die ehemaligen Anhänger von Iskariot einsetzt. Ich kann das, ehrlich gesagt, auch nicht ganz begreifen. Warum steht Sissanda Moultrew am Eingang dieser kleinen Höhle und zieht dir mit ihren Blicken das letzte Kleidungsstück vom Leib?«

Die Worte waren natürlich ebenfalls als Provokation gedacht. Leider näherte sich Fate, ohne die Konzentration zu verlieren, täuschte einen Schlag gegen Desmonds Leber an und empfing die nachfolgende Körperwendung mit einem Hieb an dessen Halsseite.

Blitzschnell schlug Desmond Fates Unterarm weg und grinste noch breiter als sein Meister. Aber anstelle eines Lobes erklärte der: »Sissanda ist meine neue Leibwächterin und hat, neben ihren mit den Händen äußerst geschickten Schwestern, mannigfaltige andere Vorzüge.« Dabei zwinkerte er doppeldeutig.

»Dieses schiefmäulige, verschlagene Weib?«

»Solltest du je so viel Erfahrung mit Frauen hinter dich bringen wie ich, wirst du merken, dass profane, oberflächliche Schönheit ihren Reiz schnell verliert. Irgendwann bevorzugt man Gesichter mit Charakter.« Bei seinen Worten tänzelte Fate mal vor, mal zurück und Desmond belauerte jede Bewegung.

»Ich finde es verstörend, dass jemand, der Iskariot so nahestand, nicht nur ungeschoren davonkommt, sondern sich auch noch in so hohem Maße deiner Aufmerksamkeit erfreut.« Er wollte Fate einen Kinnhaken verpassen, doch der wich elegant nach hinten aus.

»Äußerst ungeschickt …«, kommentierte er, … wäre es, die drei weniger intensiv im Auge zu behalten.« In einem blitzschnellen Vorwärtsschritt wollte Fate Desmond das Knie in den Bauch rammen, doch jetzt drehte der sich weg und traf in der Bewegung Fates Sprunggelenk.

Triumphierend blies Desmond sich ein Tröpfchen Schweiß von der Oberlippe.

Fate hingegen hatte nicht einmal gezuckt. Auch glänzte seine Haut nicht ein bisschen.

»Du und die Dreizehn, ihr solltet mir eigentlich dankbar sein, dass jemand die Loyalität Iskariots schwarzer Schäfchen bindet.«

Trotz der kühlen Temperatur in der Höhle schwitzte Desmond wie ein Containerschwein. Seine Muskeln in den Oberschenkeln begannen zu brennen. Er musste der Sache ein Ende setzen.

»Und dafür musstest du dir gleich einige von ihnen ins Bett holen?«

»Besser, als sie auf den Straßen zu wissen oder sie alle hinzurichten wie den armen Eckardt.«

Noch während der Entgegnung suchte Desmond einen günstigen Angelpunkt für einen weiteren, diesmal knapperen Satz in Fates Rücken. Der kam ihm jedoch zuvor, schnellte in die Luft und zirkelte seine Fußspitze gegen seinen Kopf.

Desmond packte mit dem Heiligen Geist zu und schleuderte ihn bis kurz vor die gegenüberliegende Höhlenwand. In einer gelben Wolke aus Dämmfasern kam Fate zu liegen. Erst keuchte er, dann lachte er schallend.

»Wundervoll. Sehr gut.« Unter weiteren Lobesbekundungen setzte er sich auf und zupfte Gewebesträhnen von seiner engen Hose.

Besorgt darüber, ob ihrem Bettgenossen etwas fehlte, sah Sissanda vom Eingang herüber. Fennek, Fates erster und vertrautester Leibwächter, grinste ungestalt und der Blick von Desmonds Kater Fandango drückte lediglich Neugier aus. Wie der junge Mann in dem weißen Wickelgewand wusste auch das Tier, dass der Kampf der beiden Menschen ein bloßes Kräftemessen war. Deswegen blieb es auf den Hinterläufen sitzen und leckte sein auffällig schwarzbraunes Fell, ließ Desmonds Mentor dabei jedoch nicht aus den Augen.

Desmond half Fate hoch. »Gar nicht wütend, weil ich den Geist eingesetzt habe?«

»Nicht die Spur. Ich hatte keine Regeln vorgegeben.« Nun bewegten sich beide zu der Ecke, in der sie ihre Hemden abgelegt hatten. »Jenseits dieser Mauern geht es alles andere als fair zu. Kämpfe mit allem, was du hast. Wenn Waffen oder Heiliger Geist dabei nicht reichen, sei kreativ: Verschleiere deine Absichten, indem du die Kraft der Ablenkung nutzt. Nur auf das schwache Leuchten in deinen Augen solltest du achtgeben. Es scheint immer aufzutauchen, wenn du den Heiligen Geist in dir sammelst. Ist das Absicht?«

»Nein. Das war mir nicht bewusst.«

»Dann müssen wir das genau beobachten.« Er klopfte seinem Schüler auf die Schulter. Dann wies er zum Kater am Eingang. »Ich dachte, der kleine Tänzer hätte was gegen mich.«

»Das hat sich auch nicht geändert.« Verlegen rieb sich Desmond mit seinem Hemd über den Oberkörper. »Genau aus dem Grund hat er mich begleitet. Er meint wohl, er müsse mich vor dir beschützen.«

»Konnte er dir das über den Heiligen Geist mitteilen?«

Obwohl Desmond wusste, dass dies alles andere als selbstverständlich war, nickte er bloß.

»Noch eine Sache, der wir auf den Grund gehen müssen.« Fate betrachtete Fandango eindringlich und erntete angelegte Ohren und ein leises Fauchen.

»Ich halte in ein paar Tagen eine kleine Feier ab«, informierte Desmond ihn und streifte sein Hemd über. »Wie wär’s? Zu der Gelegenheit kannst du dich bei ein, zwei Gläsern Wein mit Fandango verbrüdern.«

»Sackgeschändeter St. Nikolaus: Weihnachten!« Es klang so, als hätte Fate das letzte Wort in den Höhlendreck gespuckt. »Nein danke. Das ist für mich wahrlich kein Grund zu feiern. Nimm es nicht persönlich, vielleicht wirst du mich irgendwann verstehen.« Erst nickte er Fennek zu, dann hielt er Sissanda Moultrew den Arm hin, die sich willig an ihn schmiegte.

Fennek und Sissanda grienten um die Wette und Desmond musste sich innerlich schütteln.

XXXIV

Mit über 20.000 Gläubigen zur Mitternachtsmesse am Heiligen Abend war der Messraum der St. George so überfüllt, dass viele in den doppelstöckigen Säulengängen der West- und Ostgalerien stehen mussten. Desmond nicht. Er saß vorn im Mittelschiff, in einer der schräg zum Altarraum verlaufenden Kirchbänke, zwischen den anderen Straßenpriestern und fühlte sich seltsam entzweit. Einerseits mochte er die weihnachtliche Atmosphäre sehr, aber andererseits führten ihm seine neuen Wahrnehmungen im Heiligen Geist drastisch vor Augen, wie sehr ihm die Verbundenheit zu seiner Gemeinde fehlte. Jedes Mal, wenn er einen seiner Mitbrüder anschaute, prallte er gegen eine Wand aus Ablehnung, teilweise sogar Feindseligkeit. Also wich er den Blicken lieber aus.

Auch wenn ihm die gemütlich geschmückte Zelle seines Onkels besser gefiel als der gewaltige Messraum der St.- George-Kathedrale, fühlte er sich Gott hier näher als irgendwann oder irgendwo sonst. Die Büßer hoch oben an der Deckenkonstruktion waren traditionsgemäß zur Weihnacht begnadigt worden, ihre Käfige leer, und der Feuchtigkeit hatten die Küster mit ein paar energiefressenden Fusionsöfen Paroli geboten. Bodenstrahler ließen die eisernen Trägersäulen noch riesiger erscheinen als ohnehin schon und den Bleiglasbildern in den Fensterbögen der Seitenschiffe verliehen Scheinwerfer in Lichtschächten eine Art göttliches Glühen.

Bekleidet mit einem violetten Talar und weißer Stola schloss Dekan Sorofraugh im Lichtermeer des erhöhten Altarraums gerade das Evangelium ab. Über ihm erhob sich ein Bogen aus genieteten Stahlträgern, an dem das schwere gusseiserne Jesuskreuz hing. Auch dieses erstrahlte, genau wie der Dekan und die Messdiener hinter ihm, in einem nahezu überirdischen Licht. All das ließ keinen Zweifel an der Gegenwart des Herrn in dieser hohen Stunde. In Momenten wie diesen kam sich Desmond als Bruder von Gottes Schild gleichzeitig erhaben in seinem Glauben und doch auch unheimlich winzig vor Gott vor.

Dekan Sorofraugh räusperte sich. Flankiert von seinem Stellvertreter Vikar Jacobus begann er die Weihnachtspredigt in ein rundes Gerät zu schmettern, das in dem Ring eines Metallständers schwebte: ein sogenannter Amplusator. Sätze wie »Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen« oder »Verdammnis für jene, die die Wege des Herrn verlassen« drangen durch die Halle. Auch die Vokabel »Gottes Gerechtigkeit« wurde auffallend oft benutzt und Desmond hörte aufmerksam zu. Sein Onkel wollte die Saat für die Jahre ausstreuen, in denen er plante, das System der Katholischen Kirche zu unterwandern, um vom Papst eine menschlichere Herrschaft zu fordern. Seine Mitverschwörer der Stillen Bruderschaft verlasen in ihren eigenen Kathedralen gerade ganz ähnliche Texte.

Bei den Formulierungen hatten sie höchst vorsichtig sein müssen. Jede Ansprache wurde vom Amplusator nicht nur an die Ohren der Gemeinde gebracht, sondern auch direkt in den zentralen Bistumsspeicher gespeist. Erkannten die Analysecomputer Äußerungskonstrukte, die nicht mit der Linie des Heiligen Vaters in New Jericho konform gingen, schlug der Sündenfilter Alarm und rief die Inquisition auf den Plan. Der seit vierhundert Jahren amtierende Innozenz XIV. kannte keine Gnade, wenn jemand an seinen Herrschaftsansprüchen kratzte.

Und diesem Mann sollte Desmond sich irgendwann in den Weg stellen? Ihm wurde ganz anders. Dem Heiligen Victorin sei Dank war Desmonds Onkel ein versierter Rhetoriker. Wenn jemand die wahre Intention einer Predigt durch den ausgeklügelten Sündenfilter schmuggeln konnte, dann er. Und so spürte Desmond gegen Schluss echte Ergriffenheit in sich und bei allen anderen um sich herum.

Die Heilige Kommunion ging an diesem hohen Feiertag ausschließlich aus den Händen des Vikars oder eines der sechs Vikarsanwärter an die Priester von Gottes Schild. Die restlichen Gläubigen öffneten die Lade Christi an ihrem Platz und legten sich die vorab gesegnete Hostie darin selbst in den Mund.

Desmond ging zurück in seine Bank und betete um Kraft für eine gemeinsame Zukunft mit seinem Onkel. Anno Salvatio 423 hatte sich als ein stürmisches Jahr entpuppt und sie waren oft uneins gewesen. Doch nun, kurz vor seinem Ende, standen sie wieder Schulter an Schulter.

Auch bat Desmond die Gebenedeite Mutter Maria um Schutz für seine Freunde, die den Weg der Zwölf Gebote verlassen hatten. Dafür versprach er ihr im Gegenzug, dass er alle verlorenen Schafe in Gottes Arme zurückführen würde. Sogar diejenigen, die das Kreuz trugen und gar nicht bemerkt hatten, dass sie nicht mehr im Licht wandelten.

Nachdem Onkel Ephraim die Glaubensgemeinschaft gesegnet und entlassen hatte, bewegte sich Desmond mit dem Rest des Menschenstroms durch den Mittelgang. Die riesengroße Orgel im Gerichtsraum des westlichen Seitenschiffs begleitete sie mit einer uralten Melodie zur Christmette, bis sie in den Tunnel des Hauptportals gelangten. Heute schien sogar das Abbild des Heiligen Georg über ihnen nicht ganz so grimmig dreinzuschauen, während er dem Drachen zu seinen Füßen die Lanze zu schmecken gab.

Plötzlich rempelte jemand Desmond von hinten an und drückte sich dann flugs an ihm vorbei. Bruder Ismail. Desmond hatte ihn sofort erkannt, ließ ihn aber ziehen. Was sollte er auch tun? Er konnte ja schlecht einen Streit im Haus Gottes anfangen. Schon gar nicht am Heiligen Abend.

Auf der breiten Freitreppe zum Vorplatz brachte das Geläut der großen Drachenglocken die Musik der Orgel zum Verstummen. Eine eisklare Nacht verwandelte den Atem der Gemeinde in Wolken und trotz der ständigen Räumarbeiten hatte sich der Schnee schon wieder einen großen Teil der Schwarzbetonplatten zurückerobert. Dieses Jahr versprach der Winter ein strenger zu werden.

Die verschnörkelten Zeiger der Portaluhr zeigten bereits halb eins an, aber die meisten Gebäudetürme, die den Vorplatz begrenzten, waren noch beleuchtet. Ringsum sah man die übergroßen Weihnachtsbanner mit dem Schutzpatron der St. George, wie er die Krippe des Herrn Jesu bewachte. Die Gläubigen mochten zurück in den Schutz ihrer warmen Wohneinheiten eilen, für Desmond war die Heilige Nacht längst nicht vorüber. Er musste noch einer Einladung folgen.

Onkel Ephraim und sein Zeremonienmeister brauchten noch mindestens eine halbe Stunde, bevor die letzten Vorbereitungen im Kleinen Festsaal der St. George abgeschlossen waren. Bis dahin wollte Desmond sich auf keinen Fall mit seinen Brüdern auseinandersetzen. So entfloh er dem Vorplatz und stapfte in Richtung des verschneiten Kathedralenparks. Dort setzte er sich nach zehn Minuten auf die Kante eines abgeschalteten Brunnens und genoss den Ausblick auf die bestrahlte Kathedrale und die vielen warmen Fenster der Wohntürme dahinter.

Wie würden seine neuen Verbündeten diese Zeit der Besinnlichkeit wohl begehen? Würde Nodrim seinem Sohn etwas schenken, obwohl er seinen Glauben verloren hatte? Mit wem verbrachte Veneno Fate die Feiertage? Was tat Calla an einem Abend wie diesem? Würdigte die Sekte der Skientia die Geburt von Gottes Sohn, da ihre Lehren auf den sogenannten Jesusdoktrinen fußten? Oder lehnten sie das Fest als Ketzer grundsätzlich ab? Irgendwie wünschte er, sie wäre jetzt hier und er könnte mit ihr reden.

Desmond hing seinen Gedanken nach, bis ihm das alte Chronometer in seiner Tasche verriet, dass er sich auf den Rückweg machen musste. Er stopfte das Erbstück seines Urgroßvaters mit dem antiken Zahnradsystem zurück in den Talar und ging in gerader Linie durch den tiefen Schnee zum Südportal der Kathedrale. Inzwischen löste die Vorstellung des feierlich geschmückten Kleinen Festsaals ein vorfreudiges Magenknurren aus.

Erfreut stellte Desmond fest, dass er als einer der Ersten eintraf und richtete seinen Ausgehtalar im Spiegel des Vorraums dem Anlass entsprechend penibel. Zeremonienmeister Passionarus wies die Ordonnanzkräfte an, noch letzte Kleinigkeiten zu erledigen. An einem der Sechsmanntische galt es noch, die Falten aus den goldbestickten Tischseiden zu entfernen, anderswo waren die roten Serviettentücher noch nicht kunstvoll genug gefaltet oder die Bestecke nicht so exakt ausgerichtet, wie Passionarus es als angemessen erachtete. Sein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Dekanstafel, die den Mittelpunkt des mit weinroten Tapeten ausgeschlagenen Saales bildete. Doch irgendwann glänzte alles perfekt im Schein der Deckenleuchter und dem Dekan wurde Bescheid gegeben. Passionarus zog sich hinter den Vorhang der Bühne zur Rechten zurück. Wahrscheinlich, um den Festakt, der nach dem Mahl vorgesehen war, zu betreuen.

Nachdem Dekan Sorofraugh, nun mit einem roten Bauchwickel anstelle der weißen Stola, den Ort des Geschehens betreten hatte, ging er sofort zu Desmond und überreichte seinem Neffen ein flaches Päckchen. Feierlich wünschte er: »Frohe Weihnachten, mein Sohn.«

Sah Desmond etwa Tränen in seinen Augenwinkeln glänzen?

»Danke, Onkel. Auch ich wünsche dir eine segensreiche Weihnacht. Dein Geschenk liegt leider noch in meiner Wohneinheit.« Traditionell übergaben er und sein Onkel sich die Weihnachtsgeschenke eigentlich erst am Morgen des nächsten Tages.

»Das macht nichts. Du hast mir dieses Jahr auch so schon genug gegeben.« Desmond war sich nicht ganz klar, wie er das meinte, traute sich aber in der Öffentlichkeit auch nicht nachzufragen.

Sie setzten sich an die Tafel in der Mitte und Desmond tastete behutsam mit den Fingern über das Päckchen. Echtes Steinpapier! Er nahm sich vor, es ganz vorsichtig auszupacken und die Umhüllung auf jeden Fall aufzubewahren.

»Was ist da drin?«, wollte er wissen.

Ephraim Sorofraugh wischte mit einem Tuch aus seiner Tasche über seine silberne Brille. »Wenn ich dich nicht überraschen wollte, hätte ich es nicht eingepackt. Morgen früh nach dem Aufwachen darfst du es öffnen.«

Desmond legte das Päckchen vor sich auf den Tisch. »Irgendwelche Neuigkeiten wegen der Sache am Tempel der Händler?«

»Mach dir keine Sorgen. Die Auswertung des Einsatzprotokolls hat deinen Bericht bestätigt. Du trägst keine Schuld an Salomos Tod. Deine Brüder jedoch … Sie haben sich für ihre Untätigkeit eine schwere Buße eingefangen. Der Name des geflohenen Jungen ist übrigens Orell Krellbound. Er wohnt bei seiner Mutter im Salome-Distrikt. Möchtest du ihn im Nachhinein befragen?«

»Das wird nicht notwendig sein. Das arme Kind hat weiß Gott genug durchgemacht.« Desmond wollte sich zunächst auf Nodrims Quellen verlassen, was Orells seltsames Verhalten betraf.

Onkel Ephraim schien zufrieden.

Eigentlich hatte Desmond sich Neuigkeiten über die aufwendige Maskierung des Sünders erhofft, doch da sein Onkel dazu offenbar nichts zu sagen hatte, wechselte er das Thema. »Wann rechnest du mit den restlichen Gästen?«

»Im Grunde sollte es jeden Moment so weit sein. Stell dir vor: Alle Mitglieder der Stillen Bruderschaft, die sich an einem Feiertag wie diesem losmachen konnten, werden sich hier heute zum ersten Mal versammeln.«

»Ein wenig unangenehm ist mir das schon. Da ich für die Stille Bruderschaft maskiert agiere, kennt mich keiner von denen. Worüber soll ich als einziger Straßenpriester zwischen all den Kathedralsherrschern reden?«

»Mach dir darüber keine Gedanken, mein Sohn. Beim Essen sitzt du bei mir und auch später, wenn ich mit den anderen Dekanen spreche, sollst du nicht von meiner Seite weichen. Beobachte sie aufmerksam! Vielleicht sind dem einen oder anderen Bedenken gekommen. Außerdem habe ich Dekan Melchior und seinen Vikar Asur eingeladen. Ich würde sie gern für die Bruderschaft gewinnen, möchte vorher jedoch wissen, ob sich der Versuch sie zu werben überhaupt lohnt. Ah, da sind Henoch und Aram ja schon …«

Das Eintreffen der ersten hohen Gäste holte Zeremonienmeister Passionarus hinter dem Vorhang hervor. Sofort machte er seinen Untergebenen in den weißen Uniformen wieder Beine. Während sich Onkel Ephraim zum Eingang bewegte und die Dekane von St. Mafalda und St. Habakuk sowie deren Stellvertreter begrüßte, reichten die jungen Männer Pokale mit aromatisch dampfendem Wein.

Im Anschluss wurden die Gäste an die Tafel geleitet, an der auch Desmond saß. Dafür, dass sie das Symbol der Dornenkrone über ihren Kreuzen trugen, an den Seiten seines eigenen jedoch lediglich silberne Flügel aufgestickt waren, begrüßten sie ihn überraschend familiär. Auch schien die Aussicht darauf, dass er womöglich bald Seite an Seite mit dem gefallenen Propheten Veneno Fate stehen sollte, der eigentlich als tot galt, dem hakennasigen Henoch nicht im Mindesten die Laune zu verderben. Desmond würde wohl nie verstehen, wie ein Dekan tickte.

Onkel Ephraim kam zunächst nicht vom Eingang weg. Kirchenmänner in einer nicht abreißen wollenden Reihe betraten den Festsaal, tauschten Bruderküsse, Freundschaftsbekundungen und Geschenke aus. Und dies alles, dem feierlichen Anlass zum Trotz, in einem lockeren Plauderton. Je mehr schwarze Talare den Festsaal bevölkerten, desto angeregter wurde geschwatzt. Selbst Dekan Arams schmale Augen wirkten lange nicht so verkniffen wie bei ihrem ersten Treffen. Ob auch er mittlerweile über den Verbleib des gefallenen Propheten informiert worden war?

Erneut rätselte Desmond darüber, wie außerordentlich schnell es seinem Onkel doch gelungen war, die sonst so missgünstigen und zänkischen Dekane zu einer Gemeinschaft zusammenzufügen. So etwas war seiner Einschätzung nach im gesamten Bistum Rauracense ohne Beispiel.

Nachdem alle an den für sie vorgesehenen Platz gefunden hatten, gesellten sich zum Gerede noch Besteckgeklapper und Gläserklirren: Vier Gänge lang wurde schwer gegessen und genauso schwer getrunken.

Während Desmond ein Stück Gänsebraten mit der Gabel in die schmackhafteste Soße tunkte, die er seit Jahren gegessen hatte, nagte das schlechte Gewissen an ihm. Seine Freunde unter dem Häuserfriedhof würden mussten heute ohne silberne Teller und mit weitaus dürftigeren Speisen auskommen.

Die Stille Bruderschaft philosophierte in der Zwischenzeit eifrig über die Zukunft des Gelobten Landes. Nun bekam Desmond Gelegenheit, sich an den Unterhaltungen zu beteiligen. Als jedoch die Entführung der Nonne aus dem Spital St. Luca und die daraus resultierende Absetzung des Generaloberen Michaelis zum Thema wurden, beschied er sich wieder mit Schweigen. Eigentlich hatte er schon damals um die Bedeutung seiner Taten gewusst, doch wurde ihm erst in diesem Moment so richtig klar, welche Entwicklung er da losgetreten hatte.